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9._nep_und_stalins_industrialisierung_1922_-_1933

9. Kapitel: Von der NEP zu Stalins Industrialisierung

Die Neue Ökonomische Politik (NEP) brachte ab 1921 einen Wiederaufbau des Landes. Die Industrie war zum großen Teil in den Händen des Staates und konnte von den Bolschewiki dominiert werden, während die Landwirtschaft und Teil des Handels von Kapitalisten beherrscht wurden. Lenin hatte das Bündnis von Arbeitern und Bauern, die Symschka, als die Form der politischen und wirtschaftlichen Herrschaft für die Zeit der NEP konzipiert, ohne etwas über die zeitliche Dauer auszusagen. Die Bedingungen für die Entfaltung des Kapitalismus auf dem Lande entwickelten sich prächtig, die Kulaken und NEP-Bourgeoisie erstarkten. Der zunehmenden Nachfrage konnte die staatliche Industrie nicht nachkommen. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre traten diese Widersprüche deutlich zu Tage: Da sie die nötigen Produktionsmittel nicht bekamen, schränkten die Kulaken die Produktion ein, spekulierten mit dem Getreide. Wie während des Kriegskommunismus waren sie nicht bereit, ohne Gegenleistungen die Ernährung der Städte sicher zu stellen.

Die NEP bedeutete eine Festigung der Herrschaft der Kommunisten. Die innerparteiliche Demokratie war abgeschafft, nach 1923 war keine Ausweitung der internationalen Revolution mehr zu erwarten, die Bürokratie mit der Tendenz nach einem 'ruhigen' Aufbau setzte sich besonders nach der Ernennung Stalins zum Generalsekretär in Staat und Partei durch.

Die Linke der Partei drängte auf eine Industrialisierung des Landes, die Fraktionskämpfe dominierten 1923 bis 1928 die Aufmerksamkeit, die Partei schloss nach heftigem Kampf die Linke aus. Nach ihrem Ausschluss erst nahm die Parteiführung die Politik der Industrialisierung auf, übernahm die Ziele der Linken, schloss die Befürworter des bauernfreundlichen Kurses aus. Stalins Führung forcierte die Industrialisierung, zur Sicherstellung der Ernährung ergriff sie Zwangsmassnahmen zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Ihre panische Politik setzte sie mit Gewalt durch, unterstützt nur von einer Minderheit der Arbeiter, armen Bauern und der wachsenden Bürokratie. Mit der physischen Liquidierung der Führer der Oktoberrevolution veränderte sich die Sowjetmacht in einen Albtraum.

Die Anfänge der NEP

Der Zehnte Parteitag 1921 hatte die Weichen für den Übergang zur NEP gestellt. Das Jahr 1921 war aber auch durch die große Hungersnot im Südosten Russlands gekennzeichnet. Krieg und Bürgerkrieg hatten das Land an den Rand seiner Leidensfähigkeit gebracht. Die Ernte 1920 war schon schlecht gewesen, die von 1921 betrug nur 43 Prozent des Vorkriegsstandes. 1) Eine fürchterliche Dürre führte zur Hungerkatastrophe, die über 30 Millionen Menschen erfasste, fünf Millionen starben. 2)

Die Kommunisten mobilisierten internationale Hilfe. Unter dem rührigen Vorsitz von Willi Münzenberg wurde die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) organisiert, die unter den Arbeitern Europas Geld, Lebensmittel und Kleidung sammelte und sie nach Sowjetrussland schickte. Die Bolschewiki sprangen auch über ihren Schatten und akzeptierten die Unterstützung der American Relief Administration (ARA), die ebenfalls Güter und Helfer schickte. Die IAH-brachte fünf Millionen zusammen, die ARA lieferte 63 Millionen Dollar. 3)

Den Kommunisten war klar, dass die NEP ein Schritt zurück war. Bucharin beschrieb die veränderte Konzeption:

„Was unsere frühen Konzeptionen betrifft, meinten wir, es sei möglich, die Planwirtschaft so gut wie sofort einführen zu können. Heute haben wir andere Konzeptionen. Wir übernehmen die Kommandohöhen, wir bauen feste Schlüsselpositionen auf; unsere Staatswirtschaft wird über verschiedene Wege, manchmal sogar über den Wettbewerb mit den letzten Vertretern des Privatkapitals, an Stärke zunehmen und allmählich die rückständigen Wirtschaftseinheiten aufnehmen. Dieser Prozess wird hauptsächlich über den Markt verlaufen.“ 4)

Der freie Handel werde das politische System nicht gefährden können, solange die Staatsmacht, das Transportwesen und die Großindustrie fest in den Händen des Proletariats bzw. der KPR sei. 5) Die Naturalsteuer war als Übergang geplant, mit dem man die Verpflegung wieder in Gang setzen könne. Die Genossenschaften sollten zum Apparat des Austausches werden, sie wurden deshalb aus der Kontrolle des Versorgungskommissariats entlassen, das schien immer noch besser als ein völlig freier Privathandel. Kleinproduzenten in Industrie und Landwirtschaft sollten sich zu Genossenschaften zusammenschließen können. Betriebe, welche der Staat nicht betreiben konnte, sollten an Privatiers oder Genossenschaften verpachtet.

Das neue politische System wurde als Smyschka, als Bündnis zwischen Arbeitern und Mittelbauern bezeichnet. Die Entwicklung einer Schwerindustrie und das staatliche Außenhandelsmonopol sollten durch Verkauf der Rohstoffe auf dem Weltmarkt die Mittel für die Industrialisierung beschaffen. Die Bauern mussten also das Mehrprodukt für den Außenhandel erwirtschaften. Außerdem mussten ihnen Anreize geboten werden, um mehr zu produzieren. Taten sie es nicht, fiel die Grundlage der Industrialisierung.

Der Eisenbahntransports musste angekurbelt werden, er war der 'Flaschenhals' der Wirtschaft. Ausländischen Kapitalisten wollte man Konzessionen erteilen, damit sie in Russland produzierten. Man erwartete beispielhafte Arbeitsmethoden und die Staatsbeteiligung an deren Gewinnen. Dieses Programm scheiterte allerdings völlig, nur wenige Kapitalisten waren bereit, die sicher hohen Gewinne in einer feindlichen Umgebung und unter unsicheren Zukunftsaussichten zu riskieren. Lenin sah eine Hoffnung in Konzessionen an Ausländer wie den US-Amerikaner Vanderlip, aber das erwies sich als Luftblase, 1928 machten sie nur 0,6 Prozent der Industrieproduktion des Landes aus. 6)

Tabelle 37: Wirtschaftsdaten 1920 - 1926 7)

Produkt, Einheit 1913 1920 1921 1922 1923 1924 1925 1926
Industrieproduktion in Mio. Rubel von 1926/27 10,251 1,410 2,004 2,619 4,005 4.660 7,739 11,083
Kohle in Mio. t 29,0 8,7 8,9 9,5 13,7 16,1 18,1 27,6
Elektrizität in Mio. KWH 1.945 . 520 775 1.146 1.562 2.925 3.508
Roheisen in 1.000 t 4.216 . 116 188 309 755 1.535 2.441
Stahl in 1.000 t 4.231 . 183 392 709 1.140 2.135 3.141
Baumwolle in Mio. m 2.582 . 105 349 691 963 1.688 2.286
Saatfläche in Mio. ha 105,0 . 90,3 77,7 91,7 98,1 104,3 110,3
Getreideernte in Mio. t 80,1 46,1 37,6 50,3 56,6 51,4 72,5 76,8
Eisenbahntransport in Mio. t 132,4 . 39,4 39,9 58,0 67,5 83,4 .


1922 wurde ein neues Landrecht verabschiedet. Im ersten Teil wurde bekräftigt, dass das Privateigentum an Grund und Boden auf immer aufgehoben sei und Verkauf, Verpfändung und Schenkung abgeschafft bleibe. Im weiteren Paragrafen wurde aber festgelegt, dass die werktätige Landnutzung unbefristet sei und die periodische Umverteilung beendet werde. Für die Industrie wurde festgelegt, dass Betriebe, die nicht in Staatsbesitz seien, an die Eigentümer zurück gegeben werden mussten. Staatsbetriebe sollten gewinnorientiert arbeiten. Das war schwierig, denn den Staatsbetrieben fehlte meist die Verbindung zum Markt. Die Trust waren ziemlich schematisch im Kriegskommunismus aus den Einzelbetrieben zusammengebacken worden, sie hatten ohne Rücksicht auf die Kosten produziert, jetzt sollten sie sich auf Angebot und Nachfrage umstellen, was sie hoffnungslos überforderte. Viele Staatsbetriebe mussten schließen, andere wurden an Privatkapitalisten verpachtet, 1922 waren 10.000 Betriebe vermietet, meist Kleinbetriebe wie Windmühlen. Im Oktober 1923 waren das 5.698 Betriebe mit durchschnittlich 16 Arbeitern. 8) Ein Teil der Betriebe ging an die früheren Eigentümer zurück. 18 Privatbetriebe beschäftigten 1924/25 zwischen 200 und 1.000 Arbeiter, aber die größeren Betriebe waren die Ausnahme. 9)

In der erste Phase 1921 bis 1923 herrschte Anarchie, man ließ den Markt einfach laufen. Die Beschränkungen des freien Handels mussten schon 1921 aufgegeben werden, der Kleinhandel ging in die Hände der Privaten über. 1922 und 1923 gab es gute Ernten, aber die Industriewaren wurden unerschwinglich.

Die Genossenschaften, in denen jeder städtische Konsument Mitglied war, fiel hinter dem Privathandel schnell zurück. Im Juni 1921 wurde der Geldverkehr freigegeben, der Lohn wurde wieder in Geld ausgezahlt. Ende 1922 wurde der Tscherwonez (Zehn-Rubelschein) als neue Währung ausgegeben. Bis 1923 stieg die Geldentwertung unaufhörlich, 1924 wurde eine neue Goldrubel-Währung eingeführt. Trotzdem gelang es bis 1923, die Produktion in Landwirtschaft und Industrie wieder in Gang zu bringen, man war aber noch weit vom Vorkriegsstand entfernt. Grigori Sokolnikow als Volkskommissar für Finanzen versuchte eine orthodoxe Finanzpolitik. Im Oktober 1921 wurde die Staatsbank gegründet, später folgten Banken für Kredite an Industriezweige. 1923/24 war das Budget ausgeglichen, ein Jahr später wurde ein Überschuss erwirtschaftet. 10) 1924 wurde die Lebensmittelsteuer in Geld umgewandelt. Die Überschüsse durften die Bauern auf dem Markt verkaufen. Die Landwirtschaft hatte drei Viertel ihres Vorkriegsstandes erreicht, die Heimindustrie 60 Prozent. Auch die Industrieproduktion stieg. 11) Reserven konnten wieder angelegt werden. Langsam begann der Außenhandel wieder. Mit Großbritannien wurde 1922 ein Handelsabkommen geschlossen, andere Staaten folgten. Lokomotiven konnten importiert werden, 1924/25 betrug der Außenhandel etwas mehr als ein Drittel von 1913.

Polarisierung der Bauernschaft

Mit der Stabilisierung der Währung war es den Bauern möglich, ihre Überschüsse frei auf dem Markt zu verkaufen. Die Getreideernten in den folgenden Jahren waren gut, in den Jahren 1925 und 1926 sogar prächtig, eine für Russland außergewöhnliche Situation. Die 'schwarze Umteilung' 1917/18 hatte die Großgrundbesitzer enteignet, ein großer Teil der Bauern war zu Mittelbauern aufgestiegen. Die großen Bauern hatten von der Agrarrevolution stärker profitiert als die kleinen, sie konnten einen großen Teil der vorhandenen Agrarmaschinen gewinnen - arme Bauern hatten überhaupt keinen Platz dafür in ihren Ställen. Die Getreideproduktion stieg, 1922/23 konnte sogar erstmals wieder Korn exportiert werden. Sowohl die Getreidevermarktung als auch der Export erreichten jedoch nie das Vorkriegsniveau.

Tabelle 38: Bäuerliche Besitzverteilung 1924 in Prozent 12)

Arme Bauern
Bednjaken
Mittelbauern
Serednjaken
Großbauern
Kulaken
Personen 63 23 14
Haushalte 74 18 8
Anbaufläche 40 25 34
Nutztiere 50 25 25


Tabelle 39: Erstarken der Kulaken 13) Anteile in Prozent

Bauernhaushalte mit 1922 1923 1924 1925
Landpächtern 2,8 3,3 4,2 6,1
beschäftigten Landarbeitern 1,0 1,0 1,7 1,9


Das Ungleichgewicht von Stadt und Land führte zu einer Erhöhung der Preise der Industrieprodukte beim Absinken der Landwirtschaftspreise, der 'Scherenkrise'. 1922 und 1923 waren die Ernten gut, während sich die Industrie nur langsam erholte. Im Oktober 1923 standen die Industriepreise 276 Prozent von 1913, die Agrarpreise bei 89 Prozent. 14) Der Staat ergriff Massnahmen, die Industriepreise zu senken, was 1924 gelang. Die Industriepreise wurden reduziert, die geringeren Gewinne konnten durch den vergrößerten Umsatz aufgefangen werden.

Die stabilisierte Währung und der freie Handel verstärkte die Differenzierung unter den Bauern. Wie in jeder Marktwirtschaft wurden die wohlhabenden Bauern reicher, das Einkommen der armen Bauern stagnierte oder sie gaben die Landwirtschaft ganz auf. Arme Bauern mussten Produktionsmittel von den wohlhabenderen leihen. In der Landwirtschaft gab es eine verdeckte Arbeitslosigkeit, etwa 9 Millionen Arbeitskräfte, 15 Prozent der im Dorf Anwesenden, waren überschüssig. 15)

Die wachsenden Unterschiede unter den Landwirten wurden von den Kommunisten scharf beobachtet und kontrovers diskutiert. 1923 wurde die Besteuerung auf eine 'einheitliche Agrarsteuer' umgestellt, etwa ein Fünftel der ärmsten Haushalte wurden davon ausgenommen, 1924 wurde sie in Rubel statt Naturalien eingezogen. 1925/26 wurde sie verringert, die Zahl der davon ausgenommenen stieg auf 28 Prozent, der Steueranteil der Kulaken stieg auf 21 Prozent. 16) Die Mehrheit der Partei wollte die Smyschka stärken und den Bauern weiter entgegenkommen.

Bei der Preisfestsetzung verhielt sich der Staat wie ein kapitalistischer Monopolist: Er drückte die Erzeugerpreise bis unter die Selbstkosten, während die Bauern für Industriewaren überhöhte Preise zahlen mussten und so zur Kapitalakkumulation der Industrie beitrugen. Die Bedingungen waren für die Bauern gegenüber der Vorkriegszeit schlechter. 1927 versuchten sie, Agrarprodukte verstärkt zu vermarkten, über die der Staat kein Ankaufsmonopol verfügte. Für die waren günstigere Preise zu erzielen. Das trug zur Schwierigkeit bei der Getreidebeschaffung 1927 bei. 17)

Die Regierung senkte die Preise der Industriewaren um 35 Prozent und kaufte viel Getreide für den Export auf, das stabilisierte den Preis und beruhigte die Bauern. Der Staat wich im Namen der Smyschka weiter vor den Bauern zurück, die Verpachtung und die Beschäftigung von Lohnarbeitern wurde 1926 gestattet. Man konnte den Eindruck gewinnen, der Sowjetstaat setze die Stolypinschen Reformen fort. Die Zahl der wohlhabenden Bauern nahm rasch zu, gleichzeitig wuchs die Dorfarmut, die ihr Land verpachten und sich als Lohnarbeiter verdingen musste. Im Schneckentempo kam dagegen die Industrialisierung voran, 1927 gab es 27.000 Traktoren für 24 Millionen Bauernwirtschaften. 18) Kollektivfarmen blieben eine Randexistenz. Der Außenhandel musste reduziert werden, da die Bauern weiter die minderwertigen Industriewaren ablehnten und nicht die erwarteten Getreidemengen ablieferten. 1927 erreichte die landwirtschaftliche Produktion wieder das Vorkriegsniveau, der Export betrug kaum ein Viertel des alten Umfangs. 19)

Die NEP-Leute

Da die Bauern ihre Überschüsse frei verkaufen durften, stieg auch die Zahl der privaten Händler wieder sprunghaft an. Einzelhandel, Transport, Kleinbetriebe und Handwerk wurden wieder privat betrieben, viele Kleinbetriebe wurden ihren alten Besitzern zurück gegeben, vom Staat konnten Betriebe gepachtet werden, die Staatsbetriebe durften mit Privatiers Handel betreiben.

Am 1. Januar 1923 trat das Zivilgesetz der RSFSR in Kraft, es legte eine Grenze von 20 Arbeitern oder Angehörigen als maximale Größe von Privatbetrieben fest, aber immer scheint diese Grenze überschritten worden zu sein. 20) Im Juni 1921 wurde eine Geschäftssteuer eingeführt, die Geschäftsleute wurden mit zwischen 0,8 und 14,6 Prozent besteuert, der Satz stieg bis 1924 bis auf 35 Prozent an, wobei die ärmsten Händler und Produzenten ganz von der Steuer ausgenommen wurden. 21) Lokale Behörden versuchten, die Privatiers zusätzlich zu besteuern, dass wurde missbilligt, aber nicht unterbunden.

Aus den 'Sackleuten' wurden legale Geschäftsleute, die statt der Eisenbahnen jetzt Fuhrwerke benutzten. Versteckte Reserven tauchten auf, Pseudo-Genossenschaften wandelten sich in Privatbetriebe. Vorkriegshändler, Staats- und Handelsangestellte kehrten zu ihrer alten Beschäftigung zurück. Um die Jahrhundertwende hatte es vielleicht 1,5 Millionen Handelsleute gegeben. Ihr Wiedererstarken war beeindruckend, aber geringer als in der Zarenzeit, Schätzungen gingen von 40 Prozent des Vorkriegsumfangs aus. 22) In Moskau konnte man auf dem Sucharewka- oder dem Zentralnaja-Markt an einem arbeitsfreien Tag 50.000 Menschen zählen. 23)

Ein Teil der Privatbesitzer registrierte den Betrieb als Genossenschaft, um Steuern zu sparen und mit Krediten und Vorprodukten besser versorgt zu werden. Das Volkskommissariat für Finanzen schätzte 1927 zwei Drittel der Genossenschaften als getarnte Privatbetriebe ein. Da die Arbeiter durch Gesetz geschützt waren, machten viele Kleinunternehmer ihre Fabrik zu und schlossen mit ihren Arbeitern Verträge als Subunternehmer oder tarnten ihren Betrieb anderweitig.

Privatkapitalisten beherrschten den Kleinhandel zu 85 Prozent, auch im Großhandel war ihr Anteil höher als die offiziellen 14 Prozent. 24) In Tambow handelten Privathändler 1922/23 vier Mal soviel Getreide wie der Staat. In den Dörfern entstanden Märkte, die oft wöchentlich am Samstag oder Sonntag abgehalten wurden. Jüdische Händler, besonders im 'Rajon', nahmen die ihnen einst aufgezwungene Beschäftigung wieder auf, mit dem jüdischen Händler wuchs der Antisemitismus wieder, manchmal wurden NEP und Juden gleichgesetzt.

Der staatliche Handel war chronisch unterentwickelt, 1924/25 gab es für 10.000 Dorfbewohner im Schnitt sechs Genossenschaftsläden, ein staatliches Geschäft und 31 lizenzierte Händler, dazu kamen die Händler ohne Lizenz. 25) Staatsbetriebe handelten gern mit Privathändlern, weil die pünktlich zahlten und einen besseren Vertrieb organisierten. Durch 'informelle Quellen' flossen staatliche Güter an Private. Staatliche und genossenschaftliche Handelsangestellte machten nebenbei private Geschäfte, durch Diebstahl und Unterschlagung gingen große Summen verloren.

Die staatlichen und Genossenschaftsläden waren schlecht ausgestattet, das Personal galt als unfreundlich und mehr am seinen eigenen Vorteil interessiert. Die Privathändler hatten ein wesentlich besseres Warensortiment, ihre Läden waren einladender, die Händler freundlich, dafür nahmen sie höhere Preise.

Es gab neben Händlern und Unternehmern Cafés, Restaurants, Kneipen, Hotels, Badehäuser, Bordelle, Fuhrunternehmen, sogar eine private Fluggesellschaft. Man konnte eine Lizenz für ein Theater erwerben, eine Billard-, Eislauf- und Tennishalle. Es gab private Theater und Kinos, 'freie' Ärzte und Zahnärzte, Architekten, Buchhändler, Aktiengesellschaften und Kreditorganisationen.

1923 gab es in Moskau über 75.000 NEP-Leute, ihre Zahl stieg 1926 auf über 100.000 an. 26) 1926 zählte man dort 145 'klassische' Fabrikbesitzer den mit offiziell maximal 20 Beschäftigten. 27) Die Mehrheit der NEP-Leute arbeitete allein, hatten gute Beziehungen zu ihrem Dorf und handelte mit dem, was sich gerade anbot und stellte nur gelegentlich Arbeitskräfte ein, die sie auch schlecht bezahlten. Das gleiche galt für die Hausangestellten, deren Zahl geringer als vor dem Krieg war. Familien, die die meist weiblichen Hausangestellten hatten, besassen wie 1913 ein höheres Sozialprestige.

Wie in Westeuropa waren die Jahre der NEP die 'goldenen zwanziger Jahre'. wenn auch auf Moskau und Leningrad beschränkt. Das kulturelle Leben blühte, es herrschte ein politisch liberales Klima. 28) Der ausgestellte Luxus ragte um so stärker aus der Ärmlichkeit des Alltages heraus.

Kommunisten waren irritiert von der offenen Zurschaustellung des Reichtums und der 'Laster'. In der Nähe der Vergnügungsstraße Arbat konnte sich ein Eingeweihter problemlos Heroin und Kokain beschaffen.

„Das größte Spielkasino nannte sich Praga an der Ecke des Arbat-Platzes. In den größeren äußeren Räumen gab es zwei Roulette-Tische…, zwei Baccarat-Tische und ein Dutzend weiterer Spieltische. Beim Baccarat ging der Einsatz in der Regel bis 5.000 Pfund, ein Dutzend verschiedener Währungen wurde gesetzt, von Bündeln sowjetischer Millionen-Noten über Hundert-Dollar-Noten, englische Fünf- und Zehnpfund-Scheinen und am überraschendsten: nicht geringe Mengen Gold; zaristische Zehn-Rubel-Stücke, englische Sovereigns, französische 20-Franken-Stücke. Wie in Frankreich gab es einen 'inneren Zirkel', wo nur Baccarat erlaubt war und die Einsätze mit 20- oder 30,000 Pfund höher waren.“ 29)

Die NEP-Leute stellten ihren Reichtum demonstrativ zur Schau. Einem NEP-Mann gelang es die Aufmerksamkeit der Besucher des Bolschoi-Theaters auf sich zu ziehen, als er in seiner Loge coram publico eine Orange schälte, Orangen waren zu jener Zeit in Moskau so häufig wie am Nordpol.

1922 wurde der Menschewik Dan aus dem Gefängnis freigelassen und ging durch die Straßen Moskaus.

„Der [neue private A.d.V.] Händler befasste sich vor allem mit dem Luxus der 'neuen Reichen', der schamlos vor dem Hintergrund der allgemeinen Armut und dem schrecklichen Hunger hervorstach, vom Echo des weitverbreiteten Hungers, des Kannibalismus und so weiter. Alle diese Berichte schienen von einem anderen Planet zu kommen. Moskau kümmerte sich um Pasten, feine Kuchen, Früchte und Delikatessen. Theater und Konzerte waren voll, Frauen trugen wieder wieder luxuriöse Kleider, Pelze und Diamanten. Ein 'Spekulant', der noch gestern von der Erschießung bedroht war und an der Seite stand um keine Aufmerksamkeit zu erregen, zeigte jetzt seinen Wohlstand und Luxus… Wie vor einigen Jahren kann man kann man von Kutschern, Kellnern und Trägern wieder die servile Anrede hören, die völlig außer Gebrauch gekommen war: 'Euer Ehren.'“ 30)

Unter Kommunisten war die Reaktion auf die Wiederkehr der Reichen oft ein moralischer Rigorismus, eine Ablehnung des 'dekadenten' Luxus.

„Es fühlte sich an als hätte man die Revolution verraten, es schien Zeit, die Partei zu verlassen. Der Kapitalismus schien zurück gekommen. Das Geld und die alte Ungleichheit, die wir bekämpft hatten, sind zurück… Und wenn das Geld wieder auftauchte, warum sollten die Reichen nicht zurück kehren? Waren wir auf der schiefen Ebene, die zum Kapitalismus zurück führte? Mit Besorgnis stellten wir uns diese Fragen.“ 31)

'Die Republik der Arbeiter'

Die Jahre der NEP waren durch ein Anwachsen des Lebensstandards der Arbeiter einerseits und durch eine starke Arbeitslosigkeit geprägt. Ihre Zahl war von 11 Millionen im Jahr 1913 auf 6,5 Millionen an Ende des Kriegskommunismus 1921/22 gefallen. 32) Das Lebensniveau der Arbeiter der Großstädte sank weniger drastisch als das der übrigen Stadtbewohner, sie bekamen bessere Rationen und größere Mengen an Textilien durch ihre Fabriken. Mit dem Beginn der NEP fiel dieser Vorsprung weg. Die Fabriken waren jetzt der Konkurrenz ausgesetzt, entließen Arbeiter und konnten schließen, die Kaufkraft der Löhne sank. Die Arbeitslosigkeit wuchs bis auf 1,7 Millionen, bei 6,7 bis 1929 10,4 Millionen Arbeiter ein enormer Anteil.

Tabelle 40: Arbeitslose 1922 - 1924 33)

Jahr Arbeitslose in Tausend
09/1922 503
06/1923 1.050
06/1924 1.341



Tabelle 41: Registrierte Arbeitslose 1926 - 1931 34)

Datum registrierte Arbeitslose in Tausend
1.10.1926 1.071
1.04.1929 1.741
1.04.1930 1.081
1.01.1931 236
1.04.1931 18


Mit dem Beginn der NEP begann wieder der Zustrom der Landbevölkerung in die Großstädte, eine Million Menschen suchten jährlich nach Arbeit und Unterkunft, 200.000 davon in Moskau. Die Industrie wuchs wieder, die Leichtindustrie stärker als die Schwerindustrie. Gerade die Schwerindustrie, 1917 die Hochburg der bolschewistischen Arbeiter, kam nur langsam voran. Lenin charakterisierte diese Arbeiter als ausgelaugt und erschöpft, die Klasse hatte ihren revolutionären Elan verloren. Die Bolschewiki hatten die Macht, ihre Basis war schwach.

Die Industriearbeiterschaft machte 1926/27 kaum fünf Prozent der erwerbstätigen Landbevölkerung und nur etwa ein Viertel aller Lohnabhängigen der Sowjetunion aus. Nach Angaben des Volkskommissariats für Arbeit gab es 2,7 Millionen Industriearbeiter, 1,3 Millionen Arbeiter in Transport, Institutionen und Handel, 2 Millionen Landarbeiter , 1,1 Millionen Saisonarbeiterin der Bauwirtschaft, knapp 3 Millionen Angestellte, davon 300.000 in der Industrie. 35)

Große Unterschiede gab es zwischen den 'alten' und vom Dorf neu hinzugekommenen Arbeitern. Die Industriearbeiter galten als der Kern, auf den es bei der Industrialisierung ankam und von denen politische Unterstützung kommen musste. Die Umfrage zeigte, dass die Hälfte der Arbeiter erst nach der Oktoberrevolution in die Fabriken gekommen war. Es gab die Gruppe der Arbeiter, welche den kapitalistischen Betrieb und die Revolution bewusst erlebt hatte, die während des Kriegskommunismus auf ihr Dorf zurück gekehrt waren und die jetzt zurückkehrten. Für ein geschlossenes Vorgehen der Arbeiter waren diese Erfahrungen ungünstig. Die Kader der erfahrenen Arbeiter waren schwach, dem anderen Teil fehlte es an Produktionsdisziplin und fachliche Qualifikation. Die unqualifizierten Neuen hatten Probleme, eine Arbeit zu finden, sich dem industriellen Arbeitsrhythmus anzupassen und eine Unterkunft zu finden.

1922/23 wurden die 2,5 Millionen Rotarmisten entlassen, ein großer Teil der Soldaten bäuerlicher Herkunft suchten Arbeit in der Stadt. Viele fanden Arbeit in der Leichtindustrie, wurden entlassen oder suchten eine besser bezahlte Stelle. In der Leichtindustrie arbeiteten viele Frauen, durch ihre geringere Qualifikation lagen ihre Löhne um 35 bis 40 Prozent unter denen ihrer männlichen Kollegen. 36) Die Lohnstatistik ist ausgesprochen unübersichtlich. Ein Gewerkschaftsvertreter berichtet im November 1924, das Lohnniveau liege bei 109 Prozent des Vorkriegsniveaus in Moskau, bei 90 Prozent in Leningrad und bei 75 Prozent bezogen auf Gesamtrussland. 37) Die gleichen Löhne der Zeit des Kriegskommunismus wurde abgeschafft, besonders zwischen Fach- und ungelernten Arbeitern stiegen die Unterschiede stark an. In der Metallindustrie gab es eine differenzierte Lohnskala, 1925 verdiente die höchste Lohngruppe acht Mal soviel wie die geringst bezahlten Arbeiter. 38) Der Unterschied vergrößerte sich weiter. Zwischen den einzelnen Branchen war die Bezahlung einzelner Berufe sehr unterschiedlich. Es gelang nicht, die neuen Arbeiter genügend zu qualifizieren. Neben der großen Menge der Unqualifizierten gab es einen Mangel an Facharbeitern, schliesslich war zwischen 1914 und 1921 kaum ausgebildet worden.

Allgemein war die Produktivität vergleichsweise gering. 1924 erklärte ein Mitglied des Volkskommissariats für Arbeit, ein sowjetischer Arbeiter produziere eine Drittel eines US-amerikanischen und die Hälfte eines britischen Arbeiters. 39) Anstrengungen für die Steigerung der Arbeitsproduktivität wurden unternommen. In der Großindustrie wurde mehr als die Hälfte der Arbeiter nach Stücklohn bezahlt.40)

Tabelle 42: Beschäftigte Moskaus 1912 und 1926 41)

Jahr 1912 1912 1926 1926
Beschäftigte Zahl Prozent Zahl Prozent
Arbeiter 406.293 40,2 % 293.205 27,8 %
Angestellte 235.670 23,3 % 354.615 33,6 %
Hausangestellte 99.000 9,8 % 42.355 4,0 %
freie Berufe 10.501 1,1 % 6.752 0,6 %
Lohnabhängige beschäftigende Besitzer 38.138 3,8 % 6.288 0,6 %
Familienmitglieder oder Arbeiter beschäftigende Besitzer von Kleinbetrieben 65.905 6,5 % 20.479 1,9 %
selbstständige Kleinbesitzer . . 73.455 7,0 %
sonstige Arbeitende 124.425 12,3 % 114.939 10,9 %
Arbeitslose 30.095 3,0 % 130.298 12,3 %
total 1.010.048 1.055.927


Ein großer Teil der Arbeiter war auf ständiger Suche nach einem besseren Arbeitsplatz. Der Maschinenpark war meist vernutzt und es gab viele Arbeitsunfälle. Ungesunde Standards konnten nur allmählich verbessert werden. Die Arbeitsbedingungen in den privaten Textilbetrieben waren die schlechtesten, die NEP-Besitzer missachteten die Standards, besonders wenn es um Frauenarbeit ging. Gewerkschaften, Fabrikkomitees und Arbeitsinspektionen bemühten sich die Verbesserung der Bedingungen.

Die Arbeitsdisziplin war nicht sehr strikt, man machte öfter mal eine Pause, um eine Zigarette zu rauchen oder ein Schwätzchen zu halten, man kam später zur Arbeit und ging früher und es gab das ewige Problem mit dem Alkohol, am 'Blauen Montag' war die Abwesenheit im Betrieb groß. Der Alkohol blieb ein Problem, mit dem viele ihre Sorgen zu mildern hofften. Bis 1922 verbot der Sowjetstaat den Verkauf von Alkohol, trotz dieser Prohibition war der Samagon ohne Probleme zu finden. 1922 wurde der Verkauf von Bier und Wein legalisiert, zwei Jahre später der für Branntwein.

Die staatlichen Großbetriebe wurden formal von Ein-Mann-Leitungen geführt, die sozialen Beziehungen regierte eine 'Troika' aus Regierungsvertretern, Fabrikmanagern und Gewerkschaftsleitern. Um das auszugleichen, wurde das Arbeitsrecht und der Einfluss der Gewerkschaften ausgeweitet. Die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften war freiwillig, mit der Umstellung auf die NEP fiel die Mitgliedschaft, im Laufe der zwanziger Jahre stieg die Anzahl der Mitglieder dann deutlich an. Die Gewerkschaften standen im Spannungsfeld zwischen der Parteiführung, welche die Gewerkschaften als 'Transmissionsriemen' der Partei sah, und den Ansprüchen der Arbeiter nach Lohnerhöhungen und Arbeitsschutz.

Das Leninaufgebot hatte die Zahl der Parteimitgliedern unter den Arbeitern erhöht, ohne dass sich ihr Einfluss in den Betrieben sichtbar erhöhte. Erst 1929 beschwerten sich Funktionäre, die Betriebszellen hätten sich zu Protagonisten unmittelbarer Arbeiterinteressen aufgeschwungen und verteidigten sie gegen die Betriebsleitungen. 42) Die Parteizellen der KPR befanden sich gelegentlich im Konkurrenzkampf mit den Gewerkschaftszellen im Kampf um die Gunst der Arbeiter. Die Macht der Betriebsleitungen wurde durch die Vertretung der Arbeiterinteressen zumindest eingeschränkt, wenn sich die Basis gegen Entscheidungen 'von oben' wehrte. 43)

Die Gewerkschaften beteiligten sich an den Kampagnen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, der Gewerkschaftschef Mihail Tomski stand Streiks eher ablehnend gegenüber. Die Mehrheit der Streiks fand ohne Unterstützung oder gegen die Gewerkschaften und Fabrikkomitees statt.

Das Misstrauen der Arbeiter gegenüber der ambivalenten Haltung der Gewerkschaft blieb. In normalen Zeiten war die Beteiligung an den Versammlungen der Fabrikkomitees mit 15 bis 20 Prozent gering. 44) Die Veranstaltungen wurden meist als langweilig beurteilt, die Gewerkschaft, Parteizelle oder das Fabrikkomitee schlug die gleiche Anzahl von Kandidaten, die zu wählen waren vor und die Kandidaten wurden einstimmig gewählt. Das änderte sich auch mit der besseren Organisierung der Arbeiter nicht. Die Oppositionsgruppen verlangten eine stärkere Demokratisierung der Gewerkschaften. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder stieg 1925 auf 6,9 Millionen und ein Jahr später auf 8,75 Millionen Mitglieder. 45)

Im Sommer 1923 gab es eine Welle von wilden Streiks, als die Regierung die Preise der Industriewaren anhob; es gab Gerüchte über einen bevorstehenden Generalstreik. Ein Beispiel: In der Moskauer AMO- Fabrik kündigte die Geschäftsleitung an, sie sei nicht in der Lage, die Löhne zu zahlen. Das führte zu spontanen Versammlungen ohne Wissen des Fabrikkomitees und der Gewerkschaft. Eine Streikversammlung stellte der Verwaltung ein Ultimatum, bis zum nächsten Tag die Löhne auszuzahlen, was die auch machte und der wilde Streik beendet wurde. 46) Langsam fiel die Zahl der Streiks wieder.

Das Arbeitsrecht und der Arbeiterschutz wurde deutlich ausgeweitet. Die Sozialversicherung wurde etabliert, die Zahl der Versicherten stieg von 6,5 auf über 9,6 Millionen zwischen 1924 und 1928. 47) Sie umfasste Invalidenrenten, Arbeitslosenversicherung, Mutterschaftszahlungen, Beihilfen für Beerdigungen sowie Krankengeld. Die medizinische Versorgung für Arbeitende war frei, dazu kamen Kuren und Erholungsaufenthalte. Die Beiträge waren eher gering. 1926 bekamen ungelernte Arbeiter 10 Rubel monatliches Arbeitslosengeld, qualifizierte 15 Rubel, dazu Zuschüsse für Kinder. 48) 1929 wurden Altersrenten für die wichtigsten Industrien eingeführt, Männer ab 60 mit 25 Jahren Beschäftigung und Frauen ab 55 Jahren, die 20 Jahre gearbeitet hatten, sollten die Hälfte ihres letzten Lohnes als Rente bekommen. 49) Das bezog sich aber nur auf die Arbeitenden in den Städten. Dafür mussten die Betriebe zehn Prozent ihrer Gewinne zurücklegen.

Die Arbeitsgesetzgebung von 1922 sah den Acht-Stundentag vor und einen freien Tag nach maximal 42 Stunden Arbeit, begrenzte die Zahl der Überstunden und regelte ihre Bezahlung, verbot Kinderarbeit unter 14 Jahren und legte sie für Jugendliche bis 18 Jahre auf sechs Stunden fest, sie regelte Sicherheitsstandards. Gewerkschaften, Fabrikkomitees und Arbeitsinspektoren hatte die Aufgabe, diese Schutzbestimmungen zu überwachen. 50) Das war die progressivste Arbeitsgesetzgebung, zumindest auf dem Papier. Der Sowjetstaat führte sie ein, Fabrikdirektoren versuchten sie regelmäßig zu umgehen. Frauen- und Männerlöhne waren gleich, durch die geringere Qualifikation lagen die Frauenlöhne ein Drittel unter dem Niveau der Männer.

Die Löhne wurden in Kollektivarbeitsverträgen zwischen Industriebranchen und Gewerkschaften ausgehandelt. Die Löhne stiegen stärker als die Produktivität. In Moskaus Metallindustrie stand 1922/23 die Produktion bei 41 Prozent des Standes von 1913, während der Durchschnittslohn um 56 bis 82 Prozent höher war, in der Textilindustrie gab es den gleichen Trend. 51) Nach dem Ziel sollten sich die Löhne zwischen dem niedrigsten und höchsten im Verhältnis von 1 zu 2,7 verhalten, das technische und Verwaltungspersonal sollte zwischen 2,7 und 5 des Basislohns erhalten. 52)

Ab 1924 stieg der Reallohn konstant, die Währung und die Preise waren stabil. Zwischen 1925 und 1928 stieg der Durchschnittslohn in Moskau um etwa ein Drittel, wobei es von Branche zu Branche große Unterschiede gab.1461 1927 konnten ungelernte Arbeiter um 70 Prozent des Durchschnittslohns bekommen, während Facharbeiter mit Erfahrung auf das Doppelte verdienen konnten. 53) 1927/28 lag der Reallohn 20 Prozent höher als 1913, dazu muss die Sozialversicherung, die geringeren Miet- und Transportkosten, der verbesserte Zugang zu sozialen und kulturellen Einrichtungen und die Bildung gerechnet werden. 54) Die Länge des Normalarbeitstages fiel um 20 Prozent von 9,9 Stunden 1913 auf 7,8 Stunden 1928. 55)

Die Statistiken können das nur grob wiedergeben. Der Brotkonsum stieg, ebenso der Verbrauch von Zucker und Fleisch. Brot war das Hauptnahrungsmittel, in Moskau, das zwei Fünftel der Bevölkerung von Berlin hatte, wurde mehr Brot als in der deutschen Hauptstadt verbraucht. 56) Weizenbrot ersetzte zunehmend Roggen. Nach 1927 wurden keine Konsumstatistiken mehr veröffentlicht.

Die Jahre 1925 bis 1928 waren die 'goldenen Jahre' der NEP .Die Arbeiter hatten keine politisch politische Macht, trotzdem konnte man während der Zeit der NEP die Sowjetunion als 'Republik der Arbeiter' bezeichnen. Die Arbeiter Westeuropas und der USA hatten keinen Acht-Stundentag und weniger sozialen Schutz. Durch die Mitgliedschaft in der KPR gab für Arbeiter eine relativ einfache Form des sozialen Aufstiegs.

Das sozialdemokratisch beeinflusste Internationale Arbeitsamt in Genf errechnete, dass der durchschnittliche Reallohn eines Moskauer Arbeiters 1928 etwas über dem eines Prager oder Wiener Arbeiters und um etwa 30 Prozent niedriger als der eines Berliner Arbeiters lag. 57) Dieser Vergleich ist nur bedingt zu ziehen, da die innere Differenzierung verlorengeht und die kulturellen Unterschiede aus dem Blickfeld geraten.

Bild 67: Männerschlafsaal einer Moskauer Fabrik 1927
Vor dem Krieg hatten viele Moskauer Arbeiter in schlechten Häusern, Kellern und Notunterkünften gelebt. In den zwanziger Jahren sollte die Miete nicht zehn Prozent des Lohnes übersteigen, Arbeiter wurden in die bürgerlichen Wohnungen der Stadtzentren einquartiert. Die Wohnsituation verbesserte sich nicht. Zwischen 1921 und 1926 sieg die Zahl der Wohnungen um 38 Prozent, aber die Bevölkerung verdoppelte sich. 58) 1922 wurde ein Wohnungsbauprogramm beschlossen. Es gab immer noch Privilegierte, die ihre Fünfzimmerwohnung für zwei Personen mit Zähnen und Klauen verteidigen konnten. Die Wohnfläche pro Person sank ständig. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte in der 'Kommunalka', mehrere Familien teilten sich eine Wohnung, oft auch ein Zimmer; Küche und einfachste sanitäre Einrichtungen mussten gemeinsam genutzt werden, das Familienleben spielte sich in der Öffentlichkeit ab, mit allen Problemen des Zusammenlebens.

1924 sank die Wohnfläche pro Bewohner von 1920 9,3 auf 5,5 Quadratmeter ab, die Zahl der Bewohner stieg von fünf auf neun in 1926. 59) Der staatliche und genossenschaftliche Wohnungsbau stieg, aber noch immer war die Hälfte der Wohnungen in Privatbesitz, private Neubauten wurden in Billigistbauweise aus Holz errichtet. 60) Einzige Alternative war es, außerhalb der Stadt zu wohnen und täglich mehr als 15 Kilometer zur Arbeit zurückzulegen. Ein populäres Lied beschrieb das Wohnen:

„In Moskau leben wir so frei
wie eine Leiche im Sarg.
Ich schlafe mit meiner Frau im Küchenschrank,
meine Schwiegermutter schläft im Ausguss.“ 61)

Stärker als die Arbeiterlöhne stiegen die Einkünfte ihrer Chefs und der NEP-Leute. 1928 lag der Durchschnittslohn des Arbeiters bei 95 Rubel, der eines Angestellten bei 150 Rubel. Fabrikdirektoren, Ingenieure und Spezialisten kamen auf 220 Rubel. Fabrikleiter konnten 600 Rubel verdienen, wenn sie als Kommunisten nicht den Parteimaximum unterlagen. Kapitalistische Unternehmer oder Händler lagen 1925/26 bei 420 Rubel. 62) Trotzdem gab es seit den zwanziger Jahren mehr Angestellte als Arbeiter in Moskau. Die Hauptstadt wurde stärker als zuvor zum Verwaltungszentrum des Sowjetstaates.

Tabelle 43: Moskauer Wohnfläche 1912 und 1923 in Prozent 63)

Wohnfläche 1912 1923
ein Zimmer oder mehr 7,1 % 8,6 %
1/2 bis ein Raum 31,2 % 54,7 %
1/4 bis 1/2 Raum 57,3 % 31,8 %
weniger als 1/4 Raum 4,5 % 4,9 %

Die Entwicklung des Staatsapparats

Nach der Oktoberrevolution war der Versuch, die Staatsbürokratie loszuwerden, gescheitert. Während der gesamten Zeit des Kriegskommunismus vermehrte sich der Beamtenapparat und machte seine Arbeit mit zumindest passivem Widerstand. 1922 war der Sowjetstaat soweit gefestigt, dass die Hoffnung vieler Bürokraten auf den Sturz der Bolschewiki sich in Luft auflöste. Bald bemerkten sie, mit Verlaub gesagt, dass der Arsch der Bürokratie auch auf sozialistischen Stühlen bequem sitzen konnte.

1922 wurde eine Befragung von 270 Ingenieuren veranstaltet, die in Moskau in Staatsbetrieben oder der Staatsverwaltung arbeiteten. Bei den Befragten wurde die Gruppe, welche vor der Revolution bereits leitende Stellungen hatte, von denen unterschieden, die 1913 einfache Ingenieure gewesen waren. Bei beiden Gruppen sympathisierte nur eine Minderheit (neun bzw. 13 Prozent) mit der Sowjetmacht. 30 Prozent der Vorkriegsführer hielten ihre Arbeit für nützlich, aber 75 Prozent der neuen Leitungsmitglieder. Beide Gruppen erklärten, dass sie Schmiergelder für sinnvoll hielten. beide Gruppen betrachteten ihre Arbeit als 'Verproletarisierung im feindlichen Lager'. 64)

Trotz der geringen Zahl der befragten scheinen die Antworten typisch für die bürgerlichen Spezialisten gewesen zu sein. Diese gleichgültige, überwollende Bürokratie sollte Aufgaben lösen, die auch bei gutem Willen oft unlösbar waren. Der Verteilungsapparat versagte, weil oft einfach nicht genug zum Verteilen da war. 

Der schlechte bürokratische Apparat war einer überaus zersplitterte Wirtschaft aufgepfropft worden, die auch von der bestausgebildeten Beamtenschaft nicht unter Ausschaltung des Marktes hätte beherrscht werden können. Die geringe Entwicklung der Wirtschaft hätte ein Heer von Beamten erfordert, um die Vorgaben der Zentrale durchzuführen. Je mehr Beamte man einstellte, umso stärker musste ihr technisches, moralisches und kulturelles Niveau den Durchschnitt nach unten drücken. In Russland gab es noch keine solide Basis für eine sozialistische Wirtschaft, die Bürokratie des Kriegskommunismus übertraf noch die schlimmsten Erwartungen. 65)

Die Zahl der Industriearbeiter sank bis 1920 um ein Drittel, während die Zahl der Staatsangestellten von 1,5 Millionen auf über 2,4 Millionen anwuchs und die Zahl der Arbeiter überstieg. 66) Es wurden unzählige Kommissionen gebildet, Sitzungen angehalten und Berichte verfasst, bis in der Flut der Tinte die Wirtschaft unterging. Die Ursachen wurden im geringen Kulturniveau, im Unvermögen, die alten Fachleute in genügendem Maße heranzuziehen, sowie in der Abberufung der fortgeschrittensten Schicht der Arbeiter zum Kriegsdienst gesehen. Die zentralen Stellen misstrauten der Kompetenz unterer Stellen und unterstellten den alten Beamten bösen Willen.

Auf dem Elften Parteitag 1922 stellte Lenin fest:

„Die ökonomische Macht.. genügt vollauf, um den Übergang zum Kommunismus zu sichern. Woran also mangelt es? …Es mangelt der Schicht vom Kommunisten, die leitende Funktionen in der Verwaltung ausüben, an Kultur. Man nehme doch Moskau - die 4.700 verantwortlichen Kommunisten - und dazu diese bürokratische Ungetüm, diesen Haufen, wer leitet da und wer wird geleitet? Ich bezweifle sehr, ob man sagen könnte, dass die Kommunisten diesen Haufen leiten. Um die Wahrheit zu sagen, nicht sie leiten, sondern sie werden geleitet…

Ihre Kultur [
die der Bürokraten, A.d.V.] ist armselig, ist sehr niedrig, aber dennoch steht sie höher als die unsrige. So jämmerlich, so armselig sie sein mag, sie steht dennoch höher die unserer verantwortlichen kommunistischen Funktionäre, weil sie die Kunst der Verwaltung nicht genügend beherrschen. Die Kommunisten, die an die Spitze von Institutionen treten… erweisen sich häufig als die Übertölpelten…

Bei uns wirft man nach rechts und links mit Befehlen und Dekreten herum, und dabei kommt ganz und gar nicht das heraus, was man will.“ 67)

Die Kommandoposten wurden von Kommunisten besetzt, und 1922 stammten 65 Prozent der Manager aus der Arbeiterklasse und 35 Prozent waren 'Nichtarbeiter'. Ein Jahr später hatte sich das Verhältnis genau umgekehrt, jetzt gingen die Fabrikleitungen in die Hände der ehemaligen Angestellten, Bourgeois und Kleinbürger über, die 'bürgerlichen Spezialisten'. Fast die Hälfte von ihnen wurden Parteimitglieder. 68) Deren Gehälter wurden 1923 neu festgelegt, der Höchstlohn wurde für Manager der Staatsindustrie auf 1.500 Rubel festgelegt und stieg weiter. Bald erfuhr man von der Extravaganz der Forderungen der 'Spezi', der bürgerlichen Spezialisten, die den NEP-Leuten im Lebensstandard nicht nachstehen wollten. 69) Auch 1929 waren weniger als 12 Prozent aller Staatsangestellten KP-Mitglieder, nur die Führung bestand aus Kommunisten. 70) Ausgenommen von den hohen Managergehältern waren Mitglieder der KP, die alles oberhalb des Parteimaximums abliefern mussten, ihre Privilegien wuchsen trotzdem. Eine Schicht von 'Roten Managern' entstand. Sie spielten bei der Formulierung der Industriepolitik während der NEP eine große Rolle.

Selbst wenn kommunistische Funktionäre weniger Geld verdienten, waren sie privilegiert. Sie wurden besser versorgt, der 'Auto-Harem-Effekt' setzte sich durch, ihr beruflicher und privater Kontakt mit den nichtkommunistischen Managern und den NEP-Leuten veränderte ihr Verhalten, ihr Denken und ihre Ziele.

In der Kommunistischen Partei hatten die Arbeiteropposition den Kampf gegen die Bürokratie zu ihrem Thema gemacht, ihr Vorschlag, alle Funktionsträger sollten drei Monate im Jahr in der Produktion arbeiten, wurde nicht in Erwägung gezogen. Auch Lenin sah in den letzten Monaten seiner politischen Aktivität den Kampf gegen die Bürokratie als ein vorrangiges Ziel, ohne eine Lösung zu finden. Der Zehnte Parteitag hatte sich mit dem Fraktionsverbot eines wichtigen Instruments beraubt.

1920 wurde die Arbeiter- und Bauerninspektion (Rabkrin) zur Kontrolle der Verwaltung eingesetzt. Gruppen von Arbeitern und Bauern erhielten Zugang zu allen Zweigen der Verwaltung und sollten Korruption und Misswirtschaft ausrotten. Das Rabkrin bekam den Status eines Volkskommissariats, an seine Spitze wurde Stalin gesetzt. Sehr schnell entwickelte sie sich zu einer inoffiziellen Polizei zur Überwachung der Verwaltung und wurde zu einem Organ der bürokratischen Kontrolle, die das organisatorische Chaos noch verstärkte. Stalin persönlich bekam zusammen mit dem Generalsekretariat der WKP ein Organ in die Hand, das seine Macht stärkte.

Im Oktober 1926 verdammte die Parteikonferenz den Bürokratismus als großes Übel in der gesamten Existenz der Sowjetregierung, die in der Gegenwart noch gefährlicher geworden sei. 71) Die Auswüchse des Apparats wurden bekämpft, aber er wuchs noch stärker. Man glaubte, ihn durch Verkleinerung auf das äußerst Notwenige zu bekämpften, reduzierte 1926 das Budget um zehn Prozent. Das Rabkrin wurde unter Ordschonikidse ausgebaut, um das Übel auszureißen. Angestellte wurden entlassen, die Entscheidungsstrukturen wurden vermehr, Disziplinargerichte wurden geschaffen. Rabkrin besuchte mit Arbeitergruppen unangemeldet Büros und berichtete öffentlich darüber, der Verwaltungsapparat solle sich ständig unter der Kontrolle der Massen fühlen, Funktionäre mussten Selbstkritik leisten. Was der Sowjetgesellschaft fehlte, was die Verankerung ihrer Macht in den Massen. Molotow proklamierte, der gesamte Staatsapparat solle von den arbeitenden Klassen übernommen werden. 72)

Eigentlich hatte man gehofft, mit dem Ende des Bürgerkrieges könne die politische Unterdrückung der Gegner reduziert werden. Auf dem Zehnten Parteitag empfahl Sinowjew die Abschaffung der Tscheka. Der Kronstadter Aufstand und die Bauernrebellionen 1921 ließen die KP-Führer zur Auffassung kommen, die Reste der Oppositionsparteien endgültig zu liquidieren. 1921 wurden die Führer der Sozialrevolutionäre, Menschewiki und der anderen Oppositionsparteien ins Exil gedrängt, die Parteien konnten nur noch im Untergrund existieren, die Staatspolizei unterdrückte sie.

Die Macht der Tscheka war in beunruhigendem Ausmass gewachsen. Das Sownarkom setzte Ende 1921 eine Kommission ein, die einen neuen Status der Tscheka finden sollte. Sie sollte auf die Bekämpfung politischer Kriminalität, Spionage, Banditentum und die Sicherheit der Eisenbahnen und Depots begrenzt werden, die Untersuchungen sollten mit dem Volkskommissariat für Justiz vereint werden und den Revolutionstribunalen unterstellt werden. 73) Lenin wollte ihre Kompetenzen einschränken und setzte sich durch. Im Januar 1922 beschloss das Politbüro, die Tscheka in eine Politische Staatsverwaltung (GPU) umzuformen und dem Volkskommissariat für Inneres (NKWD) zu unterstellen. Damit war ihre Stellung als Sonderkommission aufgehoben. Sie hatte sich nur noch mit der Staatssicherheit zu beschäftigen, alle anderen kriminellen Delikte wurden ihr entzogen. Die zaristische Ochrana hatte etwa 15.000 Agenten gehabt. 74) Von den 143.000 Mitgliedern der Tscheka im Dezember 1921 gingen 105.000 im Mai 1922 in die GPU über. 75) Dserschinski übernahm das Volkskommissariat für Inneres, die GPU unterstand damit direkt dem Politbüro der Kommunistischen Partei.

Die Funktionen der GPU wurden schnell wieder ausgeweitet auf die Unterdrückung der Feinde der Sowjetunion, sie errichtete eigene Gefangenenlager und erhielt das Recht auf Erschiessungen. Hausmeister wurden wieder als Informanten abgeschöpft, die gesamte Gesellschaft mit einem Spitzelnetz überzogen. Der Name der Tscheka wurde mit der NEP geändert, die Substanz als Staatspolizei blieb erhalten und wurde noch verfeinert.

Ihre Aufgaben wurden auch auf die Verfolgung der innerparteilichen Oppositionen ausgedehnt, Parteimitglieder wurden verpflichtet, fraktionelle Aktivitäten der GPU zu melden, die begann, Mitglieder der Arbeiteropposition festzunehmen.

Bis 1929 wurde die GPU jedoch nicht stärker ausgebaut als andere Volkskommissariate. Sie verfolgte Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Anarchisten und Weißgardisten, spürte die parteiinternen Oppositionellen auf, bekämpfte die Gewaltkriminalität, spielte aber vor der Industrialisierung eine untergeordnete politische Rolle. 76) Ihre elf Abteilungen jagte Spione und organisierte den Schutz der Staatsgeheimnisse, überwachte die Medien und die Post, beschattete und verhaftete Personen. Sie wurde hymnisch als 'Schrecken der Bourgeoisie' und 'blankes Schwert des Proletariats' gepriesen.

1925 gab es offiziell 144.000 Strafgefangene in den Gulags, wie diese Arbeitslager hießen, 1927 stieg die Zahl der Gefangenen auf 185.000, 1926 gab es 591 dieser Lager. 77) Die Klöster von Susdal und Solowki waren anfangs die wichtigsten Internierungslager. Susdal galt als relativ mild, Solowki auf einer Weißmeerinsel bei Archangelsk hatte mit seinem extremen Klima und der totalen Isolierung im langen Winter schon äusserlich schwerere Bedingungen. Die Gulags wurden zunehmend in die unwirtlichen Gegenden Sibiriens und des Fernen Ostens verlagert, ihre Insassen wurden zu Zwangsarbeiten verwendet.

Die Haftbedingungen wurden in den GPU-Gefängnissen verschärft durch überheizte, überbelegte Zellen, versalzenes Essen und Wasserentzug. Nach der Schachty-Affäre begann die GPU, die Abweichler erfundener Verbrechen zu beschuldigen und abzuurteilen. Im Kampf gegen die Linke Opposition konnte die GPU 1927 einen ehemaligen Wrangel-Offizier als Agent provocateur in die Opposition einschleusen. Mit Verhaftungen, Haussuchungen, administrative Verschickungen, Untersuchungshaft und Verhören wurde die Opposition bekämpft. Ein Korrespondent der Menschewiki bemerkte 1931:

„Die, die lange aus Russland weg sind und die Tscheka der alten Zeit kennen, die handwerkelte, können sich die heutige 'rationalisierte' und raffinierte Arbeit der GPU nicht vorstellen.“ 78)

Sicher ahnte er nicht, dass die Repression noch ausbaubar war.

Doppelherrschaft auf dem Dorf

Die Bauern waren auf dem Land die Gewinner der Revolution, während der NEP gewannen die Kulaken zunehmend an Einfluss. In der russischen Teilrepublik gab es 1928 etwa 319.000 Dörfer. Die Landbesitzer eines Dorfes waren seit jeher in der Dorfgemeinschaft organisiert, deren Bedeutung nach 1917 zunahm. Die Dorfgemeinschaft hatte im sowjetischen Verwaltungssystem keinen offiziellen Status, trotzdem regelte sie die wichtigen ökonomischen und kulturellen Angelegenheiten: Sie kümmerte sich um den Straßen- und Brückenbau, die Feuerwehr, die Hilfe für Brandopfer, von den Grenzfestsetzungen über die Bestimmung der Aufsichtspersonen für Waisen und den Verleih des Dorfbullen. 79) Dafür erhoben sie lokale Steuern. Die Dorfversammlung unterstützte auch mehr oder weniger offen die Kirche und ihren Popen. Im Winter tagten die Dorfgemeinschaften oft wöchentlich.

Die Dorfversammlung versammelte die Hofvorstände. Nach der Revolution durfte theoretisch die gesamte Dorfbevölkerung teilnehmen, auch alle über 18jährigen, wenn sie nicht schon einen Hof führten. Solche Vorschriften wurden weitgehend ignoriert, es nahmen weiterhin aber nur die Landbesitzer teil, kaum Frauen, man tagte je nach Bedarf und ohne Protokoll. Die besser gestellten Bauern gaben den Ton an, kaum eine Entscheidung fiel gegen ihren Willen. Es gab Konflikte, aber das Dorf hielt nach außen eng zusammen. Die Dorfversammlung wählte weiter einen Dorfältesten, dessen Status unklar war. Der Einfluss der Kirche blieb groß, Kaganowitsch beschwerte sich 1929, es gebe 13.000 Lesehallen in der RSFSR, aber fünfmal so viele Kirchen. 60.000 Popen praktizierten in den Dörfern. 80)

Die Zahl der Polizisten war ausgesprochen gering, in der Provinz Twer gab es um 1925 650 Polizisten, auf 20 Landgemeinden kam ein Milizionär. Die Polizei machte ihren Dienst zu Fuß, die Milizionäre verdienten weniger als ein Fabrikarbeiter, viele waren bestechlich, die Fluktuation sehr groß. 81)

Die Staatsgewalt auf dem Dorf setzte sich nur langsam durch. Für die Bauern waren die Kommunisten eine Macht von außen, gegen die man sich zu wehren und die man zu fürchten hatte. Die Bauern waren nur an dörflichen Belangen interessiert, ‘demokratische Rechte‘ waren für sie Phrasen, mit denen sie nichts anzufangen wussten. Sie schlugen illegal Holz im Staatswald, verschleppten Steuerzahlungen, verheimlichten vor den Steuerbehörden Einkünfte und Saatflächen, Genossenschaften waren oft Korruptionsgemeinschaften. Die Bauern äußerten den Wunsch nach einem Traktor und wandten sich an die Kommunisten, die konnten aber ebenso wenig diesen Wunsch erfüllen wie bei der Austreibung eines Teufels helfen.

Die Kommunisten stießen überall auf Missverständnis, Desinteresse, Skepsis und Ablehnung. Es gab diese schwer verdauliche Mischung aus Unvernunft, mangelnder Bildung und allgemeiner Rückständigkeit. Die Bauern unterschieden zwischen ‘Wir‘ und der ‘kommunistischen Obrigkeit‘. Sie nahm Steuern und gab Versprechungen, so war es schon immer gewesen. Die Kommunisten behaupteten, die Kollektivwirtschaften würden höhere Erträge produzieren, die Realität sah anders aus. Bauern wollten nicht größtmögliche Erträge, sondern Subsistenzsicherung ohne Risiko.

Die kommunistische Staatsgewalt drang über die Dorfsowjets aufs Land vor, 1922 und 1924 wurde deren Status verabschiedet. Sie sollte für ein Jahr gewählt werden, Bauern mit Lohnarbeitern, die von Handel, Kapital oder Zinsen lebten, ehemalige Polizisten und Geistlichen war das aktive und passive Wahlrecht entzogen. Der Dorfrat sollte mindestens zweiwöchentlich tagen, wählte einen Vorsitzenden und einen Schreiber. Er bekam Rechte über Wirtschaft, Handel, Kultur und das Gesundheitswesen etc.

Die Dorfsowjets entwickelten sich langsam von der Kreis- und Amtsebene nach unten. Jedes Dorf hatte seine Dorfversammlung, aber es gab nur 800 Dorfsowjets, die meist mehrere Dörfer umfassten, die Gewählten mussten aus den Nachbarorten anreisen. Die Beteiligung an den Wahlen zum Dorfsowjet war am Anfang sehr gering, bei den Wahlen beteiligten sich 1922 22 Prozent der Bauern und 1925/26 47,5 Prozent , das konnte bis 1927 bis auf 60 Prozent gesteigert werden. 82)

Trotzdem stand der Dorfsowjet nicht im Mittelpunkt des dörflichen Interesses. Die Schaffung der dörflichen ‘Kader‘ erwies sich als schwer zu lösendes Problem, obwohl durchschnittlich 25 Personen in den Dorfrat gewählt wurden, bestand er faktisch nur aus zwei Personen: dem Dorfratsvorsitzenden und dem Sekretär. Er tagte selten oder gar nicht, viele Mitglieder gingen ihrer Arbeit nach und ließen sich von Frühjahr bis Herbst nicht sehen. Die Dorfratsvorsitzenden waren völlig überfordert, ihr Gehalt waren ärmlich, sie bekamen etwa 20 Rubel, der Vorsitzende einer Genossenschaft bekam 35 bis 40 Rubel, ein Landarbeiter der Sowchose 40 Rubel, ein Arbeiter in Moskau 75. Ein materieller Anreiz bestand so nicht, viele Vorsitzende und Sekretäre gaben ihr Amt schnell wieder auf. So schlecht wie ihr Gehalt war oft auch ihre Amtsführung.

Zudem wurden sie mit Verordnungen und Dekreten überflutet, 1929 6.500 Stück Literatur in sechs Monaten. Das tötete ihren Eifer und überforderte sie. Telefone waren auf dem Land noch unbekannt. In der Provinz Twer wurden 1927/28 71 Prozent der Dorfratsvorsitzenden vorzeitig ausgetauscht. 83) Somit war der Dorfsowjet erst einmal keine Konkurrenz für die Dorfversammlung, die näher am Pulsschlag der Bauern war. Den Dorfsowjets blieben Behördenaufgaben: Registrierung der Zivilstände, Finanz- und Steuerfragen. Sie hatte selten eigene finanzielle Ressourcen, erst ab 1926 wurden sie langsam mit eigenen Finanzquellen ausgestattet. Ihre gesamten Einkünfte betrugen 1927 16 Millionen Rubel, die der Landgemeinden 70 bis 100 Millionen. 84)

An den Wahlen zu den Dorfsowjets und ihrer Arbeit beteiligten sich arme Bauern und Landarbeiter, in der zweiten Hälfte der Dekade auch ein Teil der Mittelbauern. Dazu kamen die auf dem Dorf wohnenden Arbeiter, die Angestellten der Genossenschaften, vielleicht die Lehrer, Agronomen., Ärzte und Feldscher. Eine wichtige Stütze waren die entlassenen Rotgardisten, zunehmend auch die Komsomolzen. Sie gewannen erst in die Mitte der zwanziger Jahre Einfluss und unterschieden sich von der anderen Dorfjugend eher durch ihr schlechtes Betragen als durch kommunistische Gesinnung. Immerhin wurde es Mode, dem Komsomol anzugehören. Seine politische Bildung war sehr schwach, sein Aktionismus ziellos, es schien mehr im einen diffusen Generationskonflikt als um Inhalte zu gehen.

Gemeinsam mit den Mitarbeitern der Genossenschaften arbeiteten vier Millionen Personen auf Amts- und Gemeindeebene. 85) Von ihnen war nur eine Minderheit Kommunisten. Die Bolschewiki waren eine städtische Organisation, vor der Revolution hatte sie 494 bäuerliche Mitglieder und vier ländliche Zellen. Im Oktober 1928 waren immerhin 198.000 der 1,36 Millionen Mitglieder, also 14,5 Prozent, Bauern und Landarbeiter. Ein Mitglied kam auf 420 Landbewohner. 86)

Tabelle 44: Mitglieder der WKP auf dem Land 1927 87)

Soziale Herkunft Aktuelle Beschäftigung
Gruppe Zahl Prozent Gruppe Zahl Prozent
Arbeiter 65.691 24,9 % Arbeiter * 23.964 9,1 %
Bauern 149.734 56,7 % Bauern 111.618 42,3 %
Angestellte 41.346 15,6 % Angestellte 105.229 39,7 %
Sonstige 7.284 2,8 % Sonstige 22.244 8,8 %
zusammen 264.055 zusammen 264.055

* einschließlich der Landarbeiter

Die den Bauern fremden Sowjetfunktionäre und Kommunisten zeigten trotzdem eine starke Tendenz, sich dem sozialen Milieu anzupassen. Die ländlichen Kommunisten ließen schon mal ihr Haus vom Popen segnen und ihre Kinder taufen. Sinowjew führte 1924 die Kooperation zwischen 'einem betrunkenen Priester und dem betrunkenen ländlichen Gebietskomitee' als typisches Beispiel des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern an. 88) Um etwas beim Dorfsowjet zu erreichen, brauchte man oft erst einmal eine Flasche Samagon oder mehr. Oft waren die dörflichen Verwaltungen angesichts ihrer jämmerlichen Bezahlung nur mit Bestechungen zu Ausübung ihres Amtes zu bewegen, Sowjetfunktionäre benahmen sich manchmal wie ein lokaler Derschimorda. 1928 wurde eine ganz Anzahl von Betrugsaffären aufgedeckt. In den Provinzen kooperierten Verwaltung und Geschäftsleute. In der Provinz Poltawa wurde ein Fall bekannt, in dem mit Hilfe des Dorfsowjets 200 Desjatinen Land von Kulaken privat angeeignet worden waren. 89) Oft brachten die Kulaken die Mitglieder und Angestellten des Dorfsowjets in ökonomische und politische Abhängigkeit. Die Prawda berichtete im Dezember 1928, viele Kommunisten auf dem Land

„…sehen keine Klassen, keinen Klassenkampf und wollen in Frieden mit der gesamten Landbevölkerung leben und niemanden verletzen.“ 90)

1925, als die Partei 'das Gesicht dem Dorfe zuwandte', wurde neben dem Recht auf Pacht und Landarbeiter vielen Kulaken das Wahlrecht zu den Sowjets gegeben. Die Kinder der Mittelbauern traten vermehrt der WKP und dem Komsomol bei. Ab 1927 versuchte die Sowjetmacht, die Dorfsowjets gegenüber den Dorfversammlungen zu stärken. Die gesetzliche Unterordnung der Dorfgemeinschaft unter den Dorfsowjet von 1927 war ein erfolgloser Versuch. Die Zeit der NEP kann durchaus als Doppelherrschaft auf dem Dorf bezeichnet werden. Angesichts der Probleme der Versorgung der Bevölkerung musste so oder so die Machtfrage entschieden werden, die Voraussetzungen für einen Sieg über die Kulaken waren eher schlecht.

Die Volkszählung 1926

Im Dezember 1922 wurde die neue Verfassung verabschiedet und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (USSR oder UdSSR) gegründet. Sie bildete die neue Organisation des Staates mit den vier Teilrepubliken der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) sowie der Ukrainischen, Weißrussischen und Transkaukasischen Sowjetrepublik. Im folgenden Jahr kamen die Usbekische und Turkmenische Sowjetrepublik hinzu. Die RSFSR umfasste im Dezember 1926 95 Prozent der Fläche, 101 der 147 Millionen Einwohner.

Innerhalb der Einzelrepubliken wurden für die nationalen Minderheiten autonome Gebiete eingerichtet, in denen sie ihre Sprache als Amtssprache nutzen und ihre Kultur entwickeln konnten. Für Völker, die keine Schriftsprache entwickelt hatten, wurde ein Alphabet entworfen, die Kultur entfaltete sich stürmisch.

Im Dezember 1926 wurde die erste vollständige Volkszählung seit 1897 durchgeführt. Von den 147 Millionen Einwohnern lebten 26 Millionen in Städten. 51 Prozent der Männer und 29 Prozent der Frauen konnten Lesen und Schreiben, in den Industrieregionen war der Anteil am höchsten. 91)

Tabelle 45: Einwohner der Sowjetrepubliken im Dezember 1926 92)

Teilrepublik Einwohner in Millionen
Russische SFSR 100,9
Ukrainische SSR 29,0
Weißrussische SSR 5,0
Transkaukasische SSR 5,9
Usbekische SSR 5,3
Turkmenische SSR 1,0
Sowjetunion 147,0

Vor dem Krieg hatten Grundherren und Kulaken 71 Prozent des Getreides auf dem Markt geliefert. Die Grundherrn waren enteignet, die Kulaken waren nicht in der Lage, deren Lücke zu füllen. Doch sie waren die Herren über die Getreidevorräte, sechs bis zehn Prozent von ihnen produzierten mehr als die Hälfte der verkäuflichen Getreideüberschüsse. 93) Wenn sie sich weigerten, ihre Überschüsse zu verkaufen, verursachten sie in den Städten Lebensmittelknappheit. Wenn sie sich weigerten, die überteuerten Industriewaren zu kaufen, türmten sich Berge unverkaufter Waren.

Mit dem Export von Getreide wollte der Sowjetstaat Devisen für die Industrialisierung erwirtschaften. Das gelang in den zwanziger Jahren nur in drei Jahren. Die Rückständigkeit und Struktur der Landwirtschaft behinderte die Industrialisierung und damit den Übergang zu einer sozialistischen Wirtschaft. Man hätte den Bauern also noch mehr Anreize bieten müssen, um mehr Getreideexporte tätigen zu können. Das hätte ihre Macht gesteigert. In Kreisen der Partei überlegt man, ob man das Außenhandelsmonopol des Staates nicht aufheben könne. Was würde passieren, wenn ausländisches Kapital mit NEP-Leuten und Kulaken zusammentreffen würden?

Tabelle 46: Sowjetischer Außenhandel 1925 - 1929 in Millionen Rubel und Marktpreisen 94)

Jahr 1913 1925/26 1926/27 1928 1929
EXPORTE
Landwirtschaft 1.119,6 421,3 47,2 369,6 398,0
Industrie 400,5 255,3 300,2 430,0 525,7
total 1.520,1 676,6 770,5 799,5 923,7
IMPORTE
Rohmaterialien und
Ausrüstungsgüter
884,4 590,5 607,8 835,8 749,7
Konsumgüter 392,0 153,2 82,9 79,3 89,3
total 1.374,0 756,3 712,7 953,1 889,6
BILANZ +146,1 -79,7 +57,8 -153,6 +43,1

1921 war die oberste Planungsbehörde Gosplan eingesetzt. worden. Sie konkurrierte mit dem Obersten Wirtschaftsrat. Außer in wenigen Kernsektoren wie der Elektrizitätswirtschaft gab es keine Planung. Nach unsäglichen Schwierigkeiten konnte Gosplan für 1925/26 einen Wirtschaftsplan ausarbeiten. Ein schmales Bändchen von Kontrollziffern wurde herausgegeben, das aber auf realistischen Zahlen beruhte. 1926 wurde die Entwicklung eines Fünfjahresplans für die Zeit bis 1930/31 in Angriff genommen. Die Kulaken erzwangen die Reduzierung der Getreideausfuhren, was die Planung wieder durcheinander brachte. Der Wunsch des Aufbaus der Industrie stieß mit dem Kurs der Entwicklung der kapitalistischen Einzelbauernwirtschaft zusammen. Die Fraktionskämpfe der zwanziger Jahre gaben das deutlich wieder.

Tabelle 47: Klassenstruktur der Sowjetunion 1924 – 1927
in Millionen einschließlich Familienangehöriger 95)

Kategorie/Jahr 1924/25 1926/27 Prozent 1926/27
städtische Arbeiter 20,4 26,7 18,1%
Landarbeiter 4,9 5,8 3,9 %
Proletarier zusammen 25,3 32,5 22,0 %
Arme Bauern 26,5 22,4 15,2 %
Mittelbauern 74,7 76,7 52,0 %
Kulaken 4,5 4,9 3,3 %
Bauern zusammen 105,7 104,0 70,6 %
andere Arbeitende 6,2 6,8 4,6 %
nichtagrarische Bourgeoisie 3,1 3,5 2,4 %
nichtagrarische Deklassierte 0,5 0,6 0,4 %
total 140,8 147,4 100 %

Lenins Tod

Lenins Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Im Mai 1922 erlitt der 52-jährige einen Schlaganfall, er musste bis zum Herbst pausieren. Im Dezember folgte eine zweite Attacke, im März 1923 eine dritte, die seine aktive politische Tätigkeit endgültig beendete. Im Januar 1924 starb er. Dieses persönliche Schicksal hatte weitreichende politische Folgen. Die Macht der KPR war im Politbüro konzentriert und der unbestrittene Kopf der Partei war Lenin. Die Oppositionellen achteten trotz aller Gegensätze Lenin als Führer, es gab eine zwar eingeschränkte, aber noch funktionierende Parteidemokratie, Lenin respektierte getroffene Entscheidungen des ZK, er überredete und überzeugte lieber. Mit seinen Gegnern war er zur Aussöhnung bereit, sofern sie ihre Meinungsverschiedenheiten aufgaben und sich seiner Führung wieder unterordneten. Seine Tatkraft, ohne viel Zaudern zu entscheiden und Andersdenkende zu überzeugen, besass keiner seiner potentiellen Nachfolger. Die Partei war auf Lenin als Zentrum eingestellt, die Lücke konnte niemand schließen.

Der Elfte und der Zwölfte Parteitag hatte neben Lenin Kamenew, Rykow, Sinowjew, Stalin, Tomski und Trotzki ins Politbüro gewählt. Als sich Lenins Ausscheiden abzeichnete, war niemand bereit und in der Lage, seine Rolle als Partei-und Staatsführer einzunehmen.

Sinowjew war der Vorsitzende der KPR in Petrograd und Chef der Kommunistischen Internationale. Er war ein guter Redner, ein treuer Gefolgsmann Lenins, galt als Intrigant, skrupellos und feige. Swerdlow soll ihn einmal die 'personifizierte Panik' genannt haben, Lenin soll über ihn gestöhnt haben, er kopiere seine Fehler. Gegner nannten ihn 'Lenins größten Fehler'. 1917 war er im entscheidenden Moment gegen die Machtergreifung gewesen, weil er die Nerven verloren hatte, er schien stets bereit, seine Ansichten zu ändern und zu widerrufen.

Kamenew war Sinowjew sehr ähnlich, beider Karrieren verliefen etwa gleich. Er war der Parteichef der Moskauer Organisation und bekleidete viele Ämter, 1917 war er wie Sinowjew im entscheidenden Moment vor dem Oktoberaufstand zurückgewichen.

Stalin hatte im Parteiapparat Karriere gemacht, seit 1922 war er Generalsekretär, als Kommissar für die Arbeiter- und Bauerninspektion und für Nationalitätenfragen dominierte er den Parteiapparat. Bei allen Auseinandersetzungen hatte er sich im Hintergrund gehalten und war Lenin gefolgt; seine einzige Differenz zu Lenin gab es, als er im März und April 1917 aus dem Exil zurückkommend eine sehr zweideutige Haltung gegenüber der Provisorischen Regierung gezeigt hatte. Stalin passte sich schnell dem neuen Kurs Lenins an. Eigentlich kannte die Parteimitgliedschaft wenig von Stalin außer seiner Arbeit über die nationale Frage von 1913. Trotzki bezeichnete ihn als die Verkörperung der Mittelmässigkeit.

Rykow und Tomski waren 1907 bis 1912 'Versöhnler' gewesen, beide schienen sehr vorsichtig und anpassungsfähig. Rykow war als einziges Politbüro-Mitglied bäuerlicher Herkunft und vertrat Lenin während seiner Krankheit als Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare. Tomski führte den Gewerkschaftsverband.

Trotzki war das einzige Mitglied des Politbüros, das Prestige besass. Er war mit Lenin der Organisator der Oktoberrevolution und siegreicher Führer der Roten Armee im Bürgerkrieg, im Bewusstsein der Massen war sein Name eng mit dem Lenins verbunden. Trotzki war ausgesprochen ehrgeizig, seine Rolle in der Diskussion um die Militarisierung der Arbeit war in der Partei in bester Erinnerung. Der Parteiführung war die Geschichte der französischen Revolution und ihrer Degenerierung bekannt, er hatte als einziger die Statur, einen Bonaparte abzugeben. Im ZK war er eher unbeliebt, es fehlte ein Lenin, der ihn bremsen konnte. Als Chef der Roten Armee hatte er eine bedeutende Machtposition.

Sinowjew war ein notorischer Gegner Trotzkis, in allen wichtigen Parteifragen standen die beiden auf entgegengesetzten Seiten. Kamenew stand hinter Sinowjew, ihnen schloss sich Stalin als vermeintlich schwächster Gegner an. Ihr stärkstes Argument war die Tatsache, dass Trotzki kein 'alter Bolschewik' war. Bald bildeten sie ein Bündnis im Bestreben, Trotzki von der Übernahme der Partei- und Staatsführung auszuschalten, das Dreierbündnis wurde 'Troika' genannt.

Lenin war krank und man hoffte bis 1924, er werde sich wieder erholen und die Partei und den Staat wieder führen. Lenin stand wie ein Schatten hinter den politischen Auseinandersetzungen, mit ihm im Hintergrund wagte keiner der Gegner einen entscheidenden Schritt.

Der kranke Lenin wurde nach Gorki im Süden der Hauptstadt gebracht, wo er sich erholen sollte. Nadeschda Krupskaja und seine Sekretäre und Sekretärinnen unterrichteten ihn über die Vorgänge im Kreml. Das Jahr 1922 war durch die Diskussion über die Gründung der Sowjetunion geprägt. Bei der Struktur des neuen Staates schlug Stalin vor, Aserbaidschan, Armenien und Georgien sollten sich wie 1917 als Transkaukasische Föderation der USSR anschliessen. Gegenüber den drei Einzelrepubliken sollte Stalins Anhänger Ordschonikidse das durchsetzen. Die georgischen Kommunisten, die ja erst 1921 durch die Hilfe der Roten Armee an die Macht gekommen waren, betonten ihre nationale Unabhängigkeit und widersetzten sich. Die KP Georgiens wandte sich gegen die kaukasische Föderation, ihr Führer wandten sich direkt an Lenin und beschwerte sich. Im Politbüro setzte Stalin die Transkaukasische Republik durch.

Lenin kritisierte den 'grossrussischen Chauvinismus', wandte sich aber nicht gegen den Plan der Kaukasusföderation. Die Georgische KP verlangte weiter, ihr Land direkt in die Sowjetunion aufzunehmen. Daraufhin begann das Generalsekretariat eine Säuberung der Partei, eine neue Führung der Georgischen Partei wurde eingesetzt.

Lenin störte die Missachtung der nationalen Selbstständigkeit der Völker. Am 16. Dezember erlitt er seinen zweiten Schlaganfall, Krupskaja beschwerte sich über die Grobheiten Stalins. Von seinem Krankenbett verfasste Lenin eine Stellungnahme, die als sein 'Testament' bekannt wurde, er stellte Überlegungen über seine potentiellen Nachfolger an.

Die Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki enthalte die Gefahr der Spaltung.

„Genosse Stalin hat dadurch, dass er Generalsekretär geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen Händen vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, dass er es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen. Auf der anderen Seite besitzt Trotzki … nicht nur ausgezeichnete Fähigkeiten…, sondern gleichzeitig ein Übermass an Selbstbewusstsein und einen übergrossen Hang zur rein administrativen Regelung der Probleme.
Diese beiden Charakterzüge der beiden begabtesten Führer des gegenwärtigen ZK können ganz gegen den Willen zu einer Spaltung führen, und wenn unsere Partei keine Massnahmen dagegen ergreift, kann diese Spaltung ganz unerwartet eintreten.“ 96)

Lenins Notiz drückte seinen Willen zu einer kollektiven Führung der KPR aus.

Kurz nach der Niederschrift kamen aus Tiflis Nachrichten über persönlichen Amtsmissbrauch Ordschonikidses, die Lenins Zustimmung zur Kaukasischen Föderation kippte. Er wandte sich wieder gegen den grossrussischen Chauvinismus von Stalin und seinem georgischen Vertreter. In einer Nachschrift zu seinem 'Testament' schrieb Lenin am 4. Januar:

„Stalin ist zu grob, und wenn dieser Fehler auch in unseren Kreisen und in den Beziehungen unter uns Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs. Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen… Diese Dinge mögen wie unwichtige Kleinigkeiten erscheinen. Ich glaube jedoch, dass sie unter dem Blickwinkel … meiner Bemerkungen über die Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki keine Kleinigkeiten sind…“ 97)

Als sich Lenins Zustand zeitweise besserte, versicherte er sich der Unterstützung Trotzkis in der georgischen Frage. Über den Inhalts des 'Testaments' wurde nur die Parteiführung informiert, Lenins Empfehlungen wurden ignoriert, Kamenew sprach sich für die Belassung Stalins im Amt des Generalsekretärs aus. Sinowjew hielt den politischen Bericht, der zuvor Lenin vorbehalten gewesen war. Alle Sprecher führten Leninzitate an und reklamierten ihn für sich. Sinowjew setzte einen neuen Ton:

„Jede Kritik an der Parteilinie, auch die sogenannte 'linke' Kritik, ist von nun an menschewistische Kritik.“ 98)

Der Platz Lenins müsse durch den kollektiven Willen der Partei ersetzt werden. Stalin betonte, in die Partei müssten neue und fähige Arbeiter aufgenommen werden. Der Parteitag war durch die unklare Frage von Lenins Gesundheit beherrscht.

Am 21. Januar 1924 starb Lenin nach einem erneuten Schlaganfall. Am folgenden Tag berichteten die Zeitungen von seinem Tod. Seine Leiche wurde im Moskauer Gewerkschaftshaus aufgebahrt und der Partei und Bevölkerung wurde Gelegenheit zu Trauer gegeben. Abwesend bei den Trauerfeiern war Trotzki, zur Kur im Kaukasus, dem Stalin nach Trotzkis Angaben einen so frühen Termin der Beisetzungsfeiern genannt hatte, dass er sie nicht mehr erreichen konnte.

In seiner Traueransprache benutzte Stalin eine für Kommunisten ungewöhnliche biblische Sprache. Die Kommunisten würden schwören, das Erbe Lenins, die Diktatur des Proletariats und das Bündnis von Arbeitern und Bauern zu bewahren. 99) Das war mehr altrussische Heldenehrung als kommunistische Trauerkundgebung. Das ZEK beschloss, Petrograd in Leningrad umzubenennen, überall Lenin-Denkmäler aufzustellen und seine Leiche so lange wie möglich für die Öffentlichkeit zur Totenehre auszustellen.

Die Totenfeier muss für die Sowjetführer überwältigend gewesen sein: Zehntausende von Arbeitern und Bauern pilgerten in eisiger Kälte ins Gewerkschaftshaus, und später an die Kremlmauer, um in langen Reihen am Sarg Lenins in einem provisorischen Mausoleum vorbei zu defilieren. Zum ersten Mal nach 1917 zeigten das Volk seine Unterstützung für das Werk Lenins. Die Parteiführung versuchte, die Verehrung für den toten Sowjetführer für sich zu nutzen. Die Prawda schrieb:

„Lenin ist tot, der Leninismus lebt. Er lebt in unserer großen Partei, in der Komintern, in der revolutionären Bewegung der ganzen Welt. Wenn die proletarische Revolution in der ganzen Welt siegt, ist es in erster Linie und vor allem der Sieg des Leninismus.“ 100)

Die Parteiführer stellten sich als Anhänger Lenins dar, die es zu ihrer Aufgabe gemacht hatten, sein Vermächtnis fortzuführen. Rykow ersetzte Lenin an der Spitze des Rates der Volkskommissare, Bucharin rückte für ihn als Vollmitglied ins Politbüro nach.

Um nicht nur der Bevölkerung Moskaus, sondern Delegationen aus dem ganzen Land die Möglichkeit zu geben, von Lenin Abschied zu nehmen, wollte man seinen Leichnam so lange wie möglich ausstellen. Das bereitete spätestens im Frühjahr Schwierigkeiten. In Russland waren Krematorien 1924 unbekannt, so verfiel man auf die Idee, den Leichnam zu konservieren und in einem Mausoleum an der Kremlmauer dauerhaft zur Schau zu stellen.

Angesichts der großen Anteilnahme der Arbeiter beschloss das Zentralkomitee, unter den Arbeitern 'von der Werkbank' eine Kampagne zur Aufnahme in die KPSU durchzuführen, das 'Lenin-Aufgebot'. Die Mitgliedschaft der Kommunistischen Partei hatte vor der letzten Parteisäuberung 1921 über 700.000 betragen und war dann auf 386.000 zurück gegangen. Jetzt setze man sich das Ziel, mit dem 'Leninaufgebot' 500.000 neue Arbeiter zu rekrutieren. Seit Lenins Tod wuchs die KPSU unaufhaltsam.

Im März und April 1924 begann die Kampagne. Den neuen Mitgliedern wurde das Stimmrecht für die Wahl der Delegierten zum XIII. Parteitag im Mai gegeben. Zum Parteitag waren 128.000 neue Mitglieder aufgenommen, man erwartete noch mehr. 101) Der Anteil der Arbeitermitglieder stieg.

Das Anwachsen der Parteibürokratie

Seit dem Zehnten Parteitag war die Tendenz zum bürokratischen Parteiaufbau unübersehbar. Das wurde von der gesamten Partei im Laufe der zwanziger Jahre ständig beklagt, in Abwesenheit von Parteidemokratie fand kein Kritiker, Lenin eingeschlossen, ein wirksames Instrument. dagegen. Nach dem Tode Swerdlows war der Posten des Chefs der Parteiorganisation längere Zeit mit Notlösungen besetzt, der Elfte Parteitag 1922 verabschiedete ein neues Parteistatut und bestimmte Stalin zum Generalsekretär der KPR.

Das vom Parteitag gewählte Zentralkomitee bestimmte die politische Richtung, es wurde zunehmend größer, tagte seltener und trat seine Aufgaben immer stärker ans Politbüro ab. Die Durchführung der beschlossenen Politik wurde von der Zentralen Kontrollkommission ZKK überwacht.

„Das Zentralkomitee legt die Parteilinie fest, während die Zentrale Kontrollkommission darauf achtet, dass niemand von ihr abweicht, und Massnahmen trifft, um Abweichungen zu korrigieren und die Abweichler zurück auf die Linie zu bringen… Autorität erlangt man nicht nur durch Arbeit, sondern durch Furcht. Und der Zentralen Kontrollkommission und der Arbeiter- und Bauerninspektion ist es jetzt schon gelungen, diese Furcht zu erzeugen.“
102)

Die Kontrolle der örtlichen Organisationen und der Funktionäre übernahm des neue Generalsekretariat. Stalin war in dieser Position die Idealbesetzung. Als Mitglied des Politbüros, des ZK und der ZKK, zusätzlich als Vorsitzender der Arbeiter- und Bauerninspektion gewann er, der sich aus allen bisherigen Fraktionskämpfen herausgehalten hatte und als politisch blass galt, eine große persönliche Macht.

Zwei Abteilungen des Generalsekretariats befassten sich mit Registrierung und Verteilung sowie Organisation und Instruktion. Eine Abteilung beschäftigte sich ausschliesslich damit, Personalakten über die Parteimitglieder anzulegen. In ihnen war die Biografie des Mitgliedes, seine Fähigkeiten, aber auch Abweichungen von der Mehrheitslinie vermerkt. Parteifunktionäre sollten so effektiver eingesetzt werden, aber 'schwarze Flecken' - die Zugehörigkeit zu oppositionellen Gruppen - wurden ebenfalls genau dokumentiert. Verantwortliche Instrukteure wurden in die Provinz- und Ortskomitees geschickt, um diese zu kontrollieren und die Wünsche des Zentrums übermittelten. Das wurde zu einem imposanten Kontrollapparat.

De facto wurden die örtlichen Parteisekretäre ernannt. Das geschah anfangs durch 'Empfehlungen', so dass formal ihre Einsetzung durch Wahlen noch gewahrt blieb. Dagegen wehrte sich die Opposition und unterstellte dem Generalsekretariat, die Mitglieder auszuschalten, die irgendwann einmal eine abweichende Meinung vertreten zu haben oder der Opposition angehört zu haben. 103)

Durch einen Ausleseprozess wurden die Schlüsselstellungen mit Leuten besetzt, die sich gut in die hierarchisch disziplinierte Organisation einfügten. Sie wurden 'Apparatschki', Apparatmänner, genannt, die Befehle ausführten und entschlossen gegen die Opposition kämpften. Ihre Auswahl brachte eine Gruppe von Männern und einigen wenigen Frauen an die Machtpolitionen, die nach der 'Unruhe' von 1917 bis 1921 nach einem konfliktfreien Aufbau strebten und denen die Idee einer Weltrevolution nach und nach zu einem Gräuel wurde, die störte. Sie konnten sich dabei auf die Aussagen Lenins in 'Was tun' und 'Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück' stützen, die in der vorrevolutionären Periode der strikten Illegalität geschrieben worden waren. Stalin zitierte die Schriften häufig, Lenin widersprach ihm nicht.

Lenin soll geäussert haben, dieser Koch werde der Partei nur scharfe Suppen kochen, trotzdem unterstützte er Stalins Ernennung auf dem Elften Parteitag. 104) Neben Stalin wurden Molotow und Kuibyschew Mitglieder des Sekretariats.

Der Parteiapparat wuchs sprunghaft an. 1922 hatte die Partei über 500.000 Mitglieder und 15.000 Funktionäre. 105) Mit dem Wachstum der Partei wuchs die Zahl der Funktionäre bis 1928 steil auf 133.000 bis 194.000 an. 106)

Tabelle 48: Klassenstruktur der Sowjetunion 1924 – 1926 in Prozent 107)

Jahr Arbeiter Bauern Sonstige
1924 44,0 % 28,8 % 27,2 %
1925 56,7 % 26,5 % 16,8 %
1926 56,8 % 25,9 % 17,3 %

Die Zahl der Arbeiter unter der Parteimitgliedschaft wurde zugunsten der Angestellten gestärkt. Die 25.000 neuen Mitglieder 'von der Werkbank' ließen die Mitgliedschaft in Moskau von 53.000 auf 88.000 steigen, 60 Prozent der neuen Rekruten waren Metall-, Textil- oder Eisenbahnarbeiter, in einigen Fabriken verdoppelten sich die Betriebszellen.

Die Mitgliedschaft überstieg 1925 die Marke von einer Million. 108) Die Mehrheit waren Arbeiter, zumindest ihrer sozialen Herkunft nach. Durch das Überwechseln in den Partei- und Verwaltungsapparat war ihre Zahl um ein Fünftel geringer.

Die Arbeitermitglieder des Lenin-Aufgebots wurden als wenig gebildet eingeschätzt. Eine Parteihochschule, die 'Swerdlow-Universität' und Parteischulen auf unterer Parteiebene wurden eingerichtet, in denen die Funktionäre über das Parteiprogramm und für zukünftige Arbeit geschult wurden. Selbstverständlich wurden sie im Sinne der Mehrheit instruiert, das bedeutete nach Lenis Tod, dass seine Erfahrungen sehr einseitig interpretiert wurden.

Tabelle 49: Mitglieder der WKP 1926 und 1928 nach sozialer Herkunft und aktueller Beschäftigung in Prozent 109)


Gruppe
Soziale
Herkunft
Aktuelle
Beschäftigung
Jahr 1926 1928 1926 1928
Arbeiter 58,1 % 61,2 % 40,8 % 39,9 %
Landarbeiter 1,2 % 2,0 %
Bauern 24,6 % 21,1 % 14,8 % 12,5 %
Angestellte 15,5 % 16,3 % 32,9 % 32,6 %
Sonstige 1,8 % 1,4 % 10,3 % 13,0 %

Weder Marx, Engels noch Lenin konnten bei der anstehenden Frage helfen. Die Führer der Troika beriefen sich auf Lenin, den sie in scholastischer Form interpretierten. Man zitierte Lenin, der seine Gegner polemisch angegangen war, diese Zitate machte man zu päpstlichen Bannfluchen. Sinowjew begann diese Praxis, man beschuldigte die Gegner der Fälschungen Lenins, während die Partei per Definition sich auf der Leninschen Linie bewegte. Der 'Leninismus' sei der Marxismus in der Periode der proletarischen Revolution.

Andererseits konnte sich auch die Opposition nur als Nachfolgerin Lenins bezeichnen. Alle standen im Banne der von ihnen selbst geschaffenen Orthodoxie. Die Diskussion drehte sich manchmal um Haarspaltereien, welche die Anhänger verwirrte und tödlich langweilte. 110) Diese Monotonie war Taktik: Die Langeweile töte das Interesse und vermittelte den Eindruck, das Ganze sei ein Problem von Spezialisten. Das beraubte die Opposition des Publikums und ermöglichte es den Stalin-Anhängern, die Macht des Katechismus durchzusetzen. Der XIII. Parteitag im Mai 1924 stand im Zeichen des Andenken Lenins. Wieder hielt Sinowjew den Bericht des Zentralkomitees. Der Sieg über die Opposition wurde gefeiert, erstmals verlangte er von Unterlegenen, sich nicht nur der Mehrheit zu unterwerfen, sondern die Positionen zu widerrufen.

Grafik2: Organisationsschema der RKP 1923

Nach dem Scheitern der Revolution in Westeuropa 1923 verstärkten sich Tendenzen, die ideologische Wagenburg auszubauen. Die 'Theorie' vom 'Sozialismus in einem Lande' war das vereinende Vehikel, um Trotzki samt seiner Anhänger auszuschalten, wobei es weniger auf die Stichhaltigkeit der Argumente als um die psychologische Grundstimmung ging. Im April 1924 stellte Stalin in den 'Grundlagen des Leninismus' noch fest, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande allein nicht möglich sei, dazu brauche es die Anstrengungen der Proletarier verschiedener fortgeschrittener Länder. 111) Ab Dezember 1924 stellte Stalin Trotzkis Theorie der permanenten Revolution die Theorie vom Sozialismus in einem Lande gegenüber. Jetzt behauptete er, wenn eine proletarische Regierung in Russland die Industrie und den Kredit kontrolliere und die natürlichen Ressourcen des Landes entwickele, dann müsse sie auch den sozialistischen Aufbau verwirklichen können.

„Wir können auf unseren eigenen Füßen stehen, wir werden den Aufbau des Sozialismus in Angriff nehmen und auch vollenden.“ 112)

Stalin behauptete, er führe Lenins Linie fort, dafür fehlte es allerdings an Argumenten. Bei Lenin konnten sich nur verstreute und in besten Fall zweideutige Stalins Theorie stützende Sätze finden. Aber es war eine Theorie, die der Sowjetunion einen konstruktiven Ausweg aus der Isolierung wies, während die Gegner nur passiv auf eine Revolution außerhalb des Landes hoffen konnten. Es war sehr schwer, die Diskussion um den 'Sozialismus in einem Land' sachlich zu führen. Es war die Debatte zweier Schulen, bei der die eine von der nationalen Selbstbeschränkung und Autarkie ausging und die andere ein Gefüge weitester internationaler Arbeitsteilungen anstrebte. Selbst an den meisten Parteimitgliedern ging die Diskussion vorbei.

Der 'Sozialismus in einem Land' war eine Glanzleistung der Mythenschöpfung. Die theoretisch versierten Mitglieder sahen mit Verachtung auf dieses Konstrukt, Rjasanow soll Stalin voller Spott zugerufen haben, Koba solle aufhören, er solle sich nicht übernehmen, jeder wisse, dass dass Theorie nicht sein Feld sei. 113) Stalin kam dem Interesse der Sowjetmenschen nach Ruhe und Konsolidierung entgegen. Er versprach dem rückständigen Land,das Wunder aus eigenen Kräften vollbringen zu können. Er erwies sich als eine kostspielige und brutale Sackgasse, die dem Volk statt Ruhe jahrzehntelange Leiden kosten sollte. Doch die Anhänger Stalins konnten auf den sozialistischen Aufbau verweisen, das war ein großer psychologischer Vorteil.

Die Ausschaltung der Linken Opposition

1923 bildeten sich mit der Rechten, der Linken und dem Zentrum drei Gruppierungen in der Partei heraus, die unterschiedliche Konzeptionen über die Zukunft der Sowjetgesellschaft hatten und die Klassentendenzen im Staat reflektierten. Die alten Fraktionen von 1921 hatten sich aufgelöst, ihre Mitglieder fanden sich in den neuen Gruppierungen wieder.

Im November 1923 richtete Trotzki einen offenen Brief an das Zentralkomitee. Parallel dazu veröffentlichten Trotzki-Anhänger um Preobraschenski, Iwan Smirnow, Pjatakow eine 'Erklärung der 46'. Obwohl die inhaltliche Übereinstimmung war, wollte Trotzki sich nicht dem Vorwurf der Fraktionsbildung aussetzen und wahrte Distanz zu seinen Anhängern.

Die linken Oppositionellen verlangten das Recht, ihre Positionen in der Partei verbreiten zu dürfen. Sie forderten die Priorität für die Industrie, kritisierten die unzulängliche Planung und beschworen das Herannahen einer Krise des Systems. Sie forderten die Wiederherstellung der Parteidemokratie. In seiner Artikelserie 'Der Neue Kurs' vertrat Trotzki die gleichen Positionen. In der WKP wurde er vor allem in Moskau unterstützt, mehrere Parteizellen stimmten für seine Konzeption, vor allem ein Drittel der Parteizellen in der Roten Armee, im Komsomol und unter den Studenten. Die Reaktion in den Betriebszellen war eher zurückhaltend. 114) Die ZK-Tagung verurteilte mit 102 gegen zwei Stimmen die Plattform der Opposition sowie das Vorgehen Trotzkis als Fraktionsmacherei und Spaltertätigkeit. 115)

„Es wurde die Notwendigkeit der systematischen Durchführung der innerparteilichen Demokratie unterstrichen. Zugleich wies die Konferenz darauf hin, dass die Entwicklung der Demokratie nicht zur Schwächung der Parteidisziplin führen dürfe. In der Partei 'können Gruppierungen nicht geduldet werden, deren ideologisches Wesen gegen die Partei in ihrer Gesamtheit und die Diktatur des Proletariats gerichtet ist'…
In Gestalt der heutigen Opposition haben wir es nicht nur mit dem Versuch einer Revision des Bolschewismus zu tun, nicht nur mit einer direkten Abkehr vom Leninismus, sondern auch mit einer offenkundigen kleinbürgerlichen Abweichung. Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese Opposition objektiv den Ansturm des Kleinbürgertums auf die Stellungen der proletarischen Partei und ihrer Politik widerspiegelt. Schon beginnt man außerhalb der Partei die Prinzipien der innerparteilichen Demokratie erweitert auszulegen: im Sinne einer Abschwächung der Diktatur des Proletariats und Ausdehnung der politischen Rechte der neuen Bourgeoisie.“ 116)

Trotzki wurde als Volkskommissar für den Krieg abgelöst, Auf dem Zwölften Parteitag 1924 waren Trotzki und die 46 geschlagen, die trotzkistische Opposition löste sich formal auf. Oppositionelle wurden von ihren Posten entfernt und an unwichtigere Stellen gesetzt, Rakowski wurde vom Regierungschef der Ukraine an die sowjetische Botschaft in London versetzt.

Die Triumvirn beschuldigten Trotzki, Lenins Nachfolge anzustreben, im Fraktionskampf hielt sich Stalin gegenüber Sinowjew und Kamenew zurück. In der Kommunistischen Internationale nutzte Sinowjew seine Position, um die tatsächlichen oder vermeintlichen Anhänger Trotzkis von den Parteiführungen zu entfernen. In Deutschland wurde die Rechte um Brandler für die Niederlage im Oktober 1923 verantwortlich gemacht, da sie als Anhänger Trotzkis galten, schwächte man auch Trotzki. Die neuen Mitglieder des 'Lenin-Aufgebots' zeigten keine Unterstützung für die Opposition. Mit dem Streit um den 'Sozialismus in einem Land' war die Kontroverse um den Wirtschaftskurs eng verbunden.

Bucharin, der 1919 die Linken geführt hatte, schloss sich den Auffassungen Lenins an und wandelte sich zum entschiedenen Befürworter der Smyschka. Er hatte als Herausgeber der Prawda und als Chef der Moskauer Schule von Ökonomen starken Rückhalt und galt als Theoretiker der Partei. In den zwanziger Jahren entwickelte er ich zum stärksten Befürworter der Fortsetzung des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern, auf jeden Fall müsse das Bündnis mit den Bauern bewahrt bleiben.

„Was unsere frühen Konzeptionen betrifft, meinten wir, es sei möglich, die Planwirtschaft so gut wie sofort einführen zu können. Heute haben wir andere Konzeptionen. Wir übernehmen die Kommandohöhen, wir bauen feste Schlüsselpositionen auf; unsere Staatswirtschaft wird über verschiedene Wege, manchmal sogar über den Wettbewerb mit den letzten Vertretern des Privatkapitals, an Stärke zunehmen und allmählich die rückständigen Wirtschaftseinheiten aufnehmen. Dieser Prozess wird hauptsächlich über den Markt verlaufen.“ 117)

In der Parteiführung unterstützte er 1925 die Aufhebung des Verbots der Beschäftigung von Landarbeitern und der Pacht für die reichen Bauern. Mit der Bereitstellung von Krediten und landwirtschaftlichen Industriewaren wie Traktoren sollte den Bauern der Eintritt in die Genossenschaften schmackhaft gemacht werden. Mit der Entwicklung der Landwirtschaft wollte Bucharin auch das Wachstum der Industrie beschleunigen. Er nahm Guizots Parole aus der französischen Restauration auf:

„Wir müssen der gesamten Bauernschaft, all ihren Schichten, sagen: Bereichert euch, akkumuliert, entwickelt eure Wirtschaft! 118)

Das Wachstum der Genossenschaften sollte die wirtschaftliche Lage der Bauern verbessern und die Machtgrundlage der Kulaken schwächen, eine Progressivsteuer sollte dazu beitragen. Ihre Gewinnen könnten über das staatliche Kreditsystem in die Wirtschaft einbezogen werden. Das Ergebnis des allmählichen Ausgleichs in der wachsenden Abhängigkeit von den staatlichen 'Kommandohöhen' werde zum Aussterben der Kulaken führen.

Bucharin wurde zum Hauptvertreter der Rechten in der Parteiführung. Sie hatten großen Einfluss in den Volkskommissariaten, besonders im Landwirtschafts-, Finanz-, Arbeits- und Handelskommissariat und anderen Staatsorganen wie dem Obersten Wirtschaftsrat, der Staatsbank und im Gosplan. Diese Institutionen waren voll mit ehemaligen antibolschewistischen Intellektuellen, den bürgerlichen Spezialisten. Sie sahen den Sieg über die Parteilinke mit Sympathie, standen Bucharin positiv gegenüber, sie vereinten sich um Rykow, der als 'Patron' der unparteilichen Spezialisten galt. 119) Der Volkskommissar für Finanzen Sokolnikow empfahl, erst in der Landwirtschaft zu investieren und - wenn die Landwirtschaft einen höheren Stand erreicht hätte - diese Überschüsse in die Industrie zu lenken. 120)

Ihnen widersprach auf der Linken der Wirtschaftstheoretiker Jewgeni Preobraschenski, der 1926 seine 'Neue Ökonomie' veröffentlichte. Durch die NEP müsse der Wiederaufbau auf dem Vorkriegsstand stehen bleiben, da die Neuinvestitionen gering seien. Die Lasten der Bauern seien gesunken, sie konnten aber nur wenige Produkte aus der Stadt beziehen. Die Bauern verwandten einen größeren Teil zum Eigenkonsum. Das könne zur Einschränkung der landwirtschaftlichen Produktion führen. Dem müsse man mit einer schnellen Industrialisierung entgegensteuern.

„Das ist notwendig, weil die erweiterte Reproduktion der Industrie in ausreichender Geschwindigkeit… auch für die bäuerliche Wirtschaft außerordentlich notwendig ist. Ohne die Unterstützung einer sich schnell entwickelnden Industrie kann diese Wirtschaft ihre Produktivkräfte nicht einmal innerhalb der Grenzen der Kleinproduktion entwickeln und noch weniger kann sie zum höheren Stadium der Produzentenkooperation aufsteigen.“ 121)

Marx hatte beim Aufstieg des Kapitalismus die 'ursprünglichen kapitalistischen Akkumulation' beschrieben, in der Sowjetunion solle die 'ursprüngliche sozialistische Akkumulation' an ihre Stelle treten. Es müsse ein Tausch kleiner Mengen von Arbeit eines Wirtschaftssystems gegen eine größere Menge eines anderen Wirtschaftssystems stattfinden.

Der sozialistische Staat müsse in seiner Hand die Ressourcen für die Industrialisierung ansammeln. Das gehe entweder auf Kosten der Arbeiter oder auf Kosten der Bauern, den beiden bedeutenden Klassen. Da eine Räuberei von Kolonien nicht in Frage komme und die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter nicht erwünscht sei, komme nur die bürgerliche Klasse der Bauern infrage und unter ihnen die reichen Bauern. Diese müssten durch seine stärkere und progressive Besteuerung Ressourcen zur Finanzierung der Industrialisierung seitens des Arbeiterstaats entzogen werden.

Preobraschenski argumentierte streng wissenschaftlich, in der Fraktionsauseinandersetzung wurden seine Thesen vulgarisiert, als sollten die Arbeiter die Bauern verarmen. Trotzki distanzierte sich von den extremen Schlussfolgerungen, die man aus Preobraschenskis Theorie ziehen konnte und die man auch als Unterstützung für den 'Sozialismus in einem Land' interpretieren mochte. In der Schlussfolgerung der Steigerung der Industrialisierung stimmte Trotzki Preobraschenski zu.

Bucharin griff Preobraschenskis Theorie als monströs an, er wolle die Smyschka zerstören. Beide Theorien standen konträr gegeneinander. Entweder bestimmten die Bauern das Tempo der industriellen Entwicklung oder die Arbeiter:

„Wir werden mit winzig kleinen Schritten vorwärtsgehen und hinter uns unseren großen Bauernwagen herziehen.“ 122)

Die Diskussion um den Kurs der Sowjetunion führte zum Bruch der Troika. Die Führer der Rechten Bucharin, Rykow und Tomski verbündeten sich mit dem Repräsentanten des Parteizentrums Stalin, der sich in diesem Streit eher zurück hielt.

Gegen Bucharins Theorie regt sich in Leningrad der stärkste Widerstand. Es war trotz aller Rückschläge immer noch eine Arbeiterhochburg, Sinowjew führte die lokale Partei. Man war durchaus nicht gewillt, sich vom Bauernkarren das Tempo diktieren zu lassen. Bei der Vorbereitung des XIV. Parteitages 1925 wurde der Widerstand der Kamenew-Anhänger in Moskau ohne Probleme gebrochen. In Leningrad war Sinowjews Stellung stärker, bei der Vorbereitung des Parteitages konnte die Parteibürokratie im ganzen Land ihre Anhänger durchsetzen, nur in Leningrad arbeitete der lokale Apparat der Sinowjew-Anhänger erfolgreicher. Beide Gruppen manipulierten in ihren Hochburgen die Delegiertenwahlen. Damit war ein Zusammenstoss auf dem Parteitag nicht mehr vermeidbar.

Bild 68: Sinowjew und Kamenew 1936
Auf dem Parteitag kam es zur offenen Konfrontation. Alle Positionen, die Trotzki angesprochen hatte, wurden diskutiert. Trotzki war anwesend, äußerte sich aber nicht. Als Sinowjew das Testament Lenins erwähnte, schwieg er. Als er die Kulakengefahr ansprach, schwieg Trotzki. Als er die Bürokratie angriff, schwieg Trotzki. Sinowjew wurde vom Parteitag mit den sorgsam ausgewählten Anhängern Stalins ausgebuht, Stalin erstmals bejubelt. Als Krupskaja den Leninkult verdammte, schwieg Trotzki. Als Bucharin vom Aufbau des Sozialismus 'im Schneckentempo' sprach, schwieg er. Die Leningrader Opposition wurde mit 559 gegen 65 Stimmen geschlagen. Die Stalin-Anhänger Molotow und Woroschilow wurden neben Bucharin, Kalinin, Rykow, Sinowjew, Stalin, Tomski und Trotzki neu ins Politbüro aufgenommen, Kamenew zum Kandidaten zurück gestuft. Die KPR wurde in All-Unions Kommunistische Partei (Bolschewiki) WKP umbenannt.

Vertreter der Mehrheit wurden nach Leningrad geschickt, um den Einfluss der Sinowjew-Anhänger zu brechen. Den Anhängern Sinowjews wurde im Namen der 'bolschewistischen Einheit' das Auftreten gegen die Mehrheit verboten. Innerhalb weniger Wochen gelang es, ihre Mehrheit zu kippen. Molotow und Kirow sprachen im Januar 1926 auf zahlreichen Parteiversammlungen, 63.000 Parteiarbeiter nahmen daran teil. In nur wenigen Zellen gab es Gegenstimmen, die meisten wechselte mit fliegenden Fahnen in die Reihen der Parteimehrheit über, als erste die Vertreter des 'roten' Wiborg. 123) Widerstand gab es nur in den Reihen der Parteifunktionäre. Im Februar 1926 wurde auf der Konferenz der Leningrader Organisation auch diese Bastion erobert, Sergei Kirow wurde an Stelle Sinowjews zum neuen Sekretär der Leningrader Organisation gewählt, auch die Spitze des Komsomol Leningrads wurde ausgetauscht.

Trotzki, Pjatakow und Rakowski äusserten sich auf dem Parteitag nicht. In den folgenden Wochen kam es zu einer zögernden Annäherung von Trotzki- und Sinowjew-Anhängern. Beide Führer hatten sich in der vergangenen Periode zu erbittert bekämpft, für die Trotzki-Anhänger war innerhalb der Troika Sinowjew der Hauptgegner gewesen, viele Trotzkisten hielten ein Bündnis für eine Mesalliance. Stalin bot weniger Angriffsfläche, auch jetzt schien Bucharin als Vertreter der Bauerninteressen der gefährlichere Gegner.

In Juli 1926 trat die Vereinigte Opposition erstmals offen auf, ihnen schlossen sich auch Mitglieder der ehemaligen Arbeiteropposition wie Medwedew an. Das Zentralkomitee hielt eine stürmische zehntägige Sitzung ab, bei der Feliks Dserschinski nach einer heftigen verbalen Attacke gegen die Opposition starb. Genüsslich veröffentlichte die Mehrheit Attacken von Sinowjew und Anhänger gegen Trotzki und Parteigänger aus den vorangegangenen Jahren. Sinowjew erklärte, die Trotzki-Opposition habe 1923 mit der Warnung vor der Parteientwicklung Recht gehabt, Trotzki zog seine Vorwürfe gegen Sinowjew und Kamenew aus den 'Lehren des Oktober' zurück. Zur ZK-Tagung gaben Sinowjew, Kamenew, Krupskaja und Trotzki eine Erklärung heraus, welche die Bürokratisierung anprangerte, den Aufstieg der Kulaken und den Verlust des Einflusses der Arbeiterklasse feststellte. Sie beklagten die Verfolgung der Opposition. 124)

Sinowjew wurde aus dem Politbüro ausgeschlossen, Trotzki blieb im Politbüro und war dort völlig isoliert. Der Sieg der Stalin-Bucharin-Fraktion war vollständig, in der Prawda und anderen Resolutionen wurden lange Artikel zur Verdammung der Opposition geschrieben, viele Oppositionelle wurden aus ihren Funktionen entfernt.

Die Vereinigte Opposition musste große Widersprüche in ihren Reihen überbrücken, Vertreter der Ex-Arbeiteropposition vertraten die Gründung einer neuen Partei, Sinowjew und Kamenew suchten unverkennbar einen Kompromiss mit der Mehrheit des Politbüros. Die Oppositionellen gingen in Parteizellen und vertraten ihre Positionen. Im Oktober 1926 fand eine Parteiversammlung in den Putilow-Werken statt, Sinowjew wurden 15 Minuten Sprechzeit eingeräumt, seine Rede wurde von Rufen und Pfiffen gestört. 125) Andere Diskussionen mit der Opposition liefen ebenso stürmisch ab. Sinowjew wurde als Vorsitzender der Kommunistischen Internationale abgesetzt.

Die Vereinigte Opposition beschuldigte den Block Bucharin-Stalin, zur Planung der Industrialisierung unfähig zu sein, sie entwickle das Land im Schneckentempo. Die Opposition forderte einen wirklichen Fünfjahresplan. Auch auf dem Land forderte sie Steuererleichterungen für die armen Bauern und eine progressive Besteuerung der Kulaken. Sie drängte auf die Kollektivierung der Landwirtschaft, unter den Bauern sollte dafür geworben werden, sie sollten dafür Kredite erhalten und Traktoren. Keiner der Vorschläge ging über eine 50-prozentige Steuererhöhung und eine Kornanleihe der Kulaken zur Erhöhung der Getreideausfuhr hinaus, mit der dann Industriemaschinen gekauft werden sollten.

Es gäbe keinen Grund zur Annahme, dass die Sowjetunion langfristig isoliert bleiben werde. Die Parteiführung bezichtigte sie, auf die internationale Revolution zu verzichten, Verzicht heiße Weigerung. Die Politik der Komintern sei zu einer opportunistischen Einheitsfront geworden, bei der die Kommunisten der Sozialdemokratie folgten und selbst opportunistisch würden. Ein Beispiel sei das Bündnis mit dem Generalrat der britischen Gewerkschaften, einem Pakt der Gewerkschaftsführungen der beiden Länder, der nicht den Klassenkampf in Britannien fördere, sondern dem englischen Generalstreik brach und Verwirrung unter die britischen Arbeiter brachten. Die Opposition attackierte das anglo-russische Gewerkschaftskomitee als stillschweigende Aufgabe des revolutionären Zieles.

Auch auf der EKKI-Tagung vom November 1926 erlitt die Opposition eine Niederlage. Im Winter 1926/27 ging der Fraktionskampf weiter. Die Vereinigte Opposition wurde beschuldigte, ihre fraktionellen Aktivitäten fortzusetzen, immer wieder wurden ihre Mitglieder auf weniger exponierte Posten versetzt. Der Opposition war es nur noch selten möglich, ihre Positionen vor den Parteimitgliedern zu vertreten, ihre Veranstaltungen wurden systematisch gestört, bei Abstimmungen stimmten große Mehrheiten für die Parteiführung, in Leningrad mit 3.500 gegen sechs Stimmen. 126) Die Plattform der Opposition wurde von maximal 5.000 bis 6.000 Mitgliedern unterstützt. Ihnen standen 725.000 KP-Mitglieder gegenüber, welche gegen die Opposition stimmten. 127)

Die Vereinigte Opposition wollte zum bevorstehenden zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution einen Appell an die Parteimitglieder richten. Ihre Plattform wurde verboten, sie versuchte die Broschüre im Untergrund zu verbreiten. Im September 1927 hob daraufhin die GPU eine illegale Druckerei aus, man fand auch einen Wrangel-Offizier, der an der Druckerei beteiligt war. Bei den Feierlichkeiten zogen Arbeiter an der Tribüne mit den Parteiführern vorbei, etwas entfernt erklommen Trotzki und Sinowjew ein Podium. Aus Sympathie oder Neugier versammelten sich Schaulustige und Sympathisanten um sie. Der Versuch von Mitgliedern der Opposition, sich mit eigenen Transparenten an der Revolutions-Demonstration zu beteiligen, wurde gewaltsam von Ordnern, der Polizei und der GPU verhindert.

Dieser offene Disziplinbruch war der Anlass, jetzt einen Schritt weiter zu gehen und den Parteiausschluss zu fordern, wieder wurde diese Forderung von einer breiten Pressekampagne und Massenversammlungen unterstützt. Die Entscheidungen auf dem XV. Parteitag im Dezember 1927 standen von vornherein fest. Christian Rakowski und andere Oppositionelle, die ihre Positionen vertreten wollten, wurden unterbrochen oder am Reden gehindert. Stalins Resolution erklärte, die Opposition sei 'objektiv ein Faktor im anti-sowjetischen Kampf ' geworden, ihre Meinungen seien 'unvereinbar mit dem Verbleiben in den Reihen der Kommunistischen Partei'. 128)

Sinowjew und Kamenew hatten während der Ausschluss-Orgie geschwiegen. Am folgenden Tag veröffentlichten sie eine Erklärung, distanzierten sich von den Fehlern der Opposition, ihren 'antileninistischen Abweichungen' und baten um Wiederaufnahme in die Partei. Der Parteitag beschloss, das nach sechs Monaten zu prüfen. Die Vereinigte Opposition war zerbrochen.

Ins neue Politbüro wurden Bucharin, Kalinin, Kuibyschew, Molotow, Rykow, Rudzutak, Stalin, Tomski und Woroschilow gewählt. Die Stalin-Anhänger Kuibyschew, Molotow, Rudzutak und Woroschilow hatten eine knappe Mehrheit. Der erste vorsichtige Fünfjahresplan wurde beschlossen, später wurde behauptet, er habe auch eine Entscheidung über die Kollektivierung der Landwirtschaft getroffen.

Da die Ausgeschlossenen keine Parteimitglieder mehr waren, entfiel auch die Möglichkeit, sie auf entfernte untergeordnete Parteiposten zu versetzten. Die GPU informierte Trotzki, er werde nach Paragraf 59 des Strafgesetzbuches wegen konterrevolutionärer Aktivitäten deportiert. Im Januar 1928 verhinderte eine große Menschenansammlung die Ausweisung. Heimlich wurde er am Folgetag nach Alma-Ata in Kasachstan gebracht. Andere Oppositionelle wurden aus Moskau ausgewiesen.

Internationale Isolierung

In den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution stand für die Bolschewiki die Ausweitung der Revolution klar im Vordergrund. Als nach dem Bürgerkrieg deutlich wurde, dass dieses Ziel nicht schnell erreichbar sei, fuhr man zweigleisig: Die Revolutionäre in den kapitalistischen Staaten wurden unterstützt, andererseits sollte die Bedrohung und Intervention seitens dieser Länder abgewehrt und die Widersprüche zwischen ihnen ausgenutzt werden. Diese Politik trat vor allem nach der deutschen Niederlage in den Vordergrund.

Im Frühjahr 1922 fand unter Beteiligung aller Teilnehmerstaaten des ersten Weltkrieges mit Ausnahme der USA in Genua eine internationale Konferenz statt, auf der die Wiederherstellung des zerrütteten kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftssystems verhandelt werden sollte. Erstmals war die junge Sowjetunion eingeladen, man forderte von ihr die Anerkennung der russischen Kriegsschulden und Entschädigungen für die Verstaatlichungen der in der Hand der Ausländer gewesenen Betriebe sowie und die Aufhebung des Außenhandelsmonopols. 129)

Karte 28: Europa 1923

Außenminister Tschitscherin wies diese Forderungen zurück. An den Genua-Verhandlungen war auch das Deutsche Reich beteiligt, dessen Vertreter eine Lockerung der Reparationsbedingungen von Versailles verlangten, was abgelehnt wurde. Am Rande der Konferenz trafen sich in Rapallo die beiden 'Parias' der Weltgemeinschaft, vereinbarten die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen und eine militärische Zusammenarbeit. Mit dem Vertrag von Versailles musste die deutsche Armee auf 100.000 Soldaten reduziert werden, schweres Kriegsmaterial, eine Luftwaffe sowie Rüstungsimporte und -exporte wurden ihm verboten, eine Interalliierte Kontrollkommission überwachte die Abrüstung.

Die Rote Armee wurde nach dem Bürgerkrieg reduziert und galt als nicht mehr kampffähig. Die Rote Armee musste neu strukturiert und mit neuen Waffensystemen aufgerüstet werden. Besonders bei der Luftwaffe herrschte eine fast völlige Abhängigkeit vom Ausland, 1925 gab es 700 importierte Flugzeuge, auch Panzer existierten nur in der Form der Panzerzügen. 130)

Trotz gegenseitiger Abneigung waren die Bedingungen für eine politische und militärische Kooperation gegeben. Das Deutsche Reich wollte in der Sowjetunion die verbotenen Waffensysteme testen und im Gegenzug Sowjetrussland beim Aufbau der Rüstung unterstützen. Die Aktionen der KPD wurden nicht berührt, aber den deutschen Kommunisten wurde zugemutet, die geheime Remilitarisierung Deutschlands anzuprangern und den Kopf in den Sand zu stecken, wenn die Sowjetunion einen Gewinn von der Zusammenarbeit hatte.

Drei Hauptprojekte wurden entwickelt: Die Junkers-Flugzeugfabrik in Fili bei Moskau sah eine Produktion von 300 Militärflugzeugen und Motoren vor, die Kosten trug die Reichswehr. Diese Ziel wurde mit nur 170 Kampfflugzeugen nicht erreicht, 1925 trat Junkers vom Vertrag zurück, die Rote Luftflotte gewann Erkenntnisse für den Aufbau der eigenen Luftflotte. 131)

Im Gebiet der Wolgadeutschen Republik wurde 1923 der Aufbau einer Gaskampfstoff-Fabrik mit der Firma Hugo Stoltzenberg vereinbart. Das Werk sah die Produktion von jährlich 1.230 Tonnen Phosgen- und Lostkampfstoffe vor, eine Überschwemmung unterbrach die Produktion und 1926 zog sich Stoltzenberg vom Projekt zurück. 132)

Die Produktion von schwerer Artilleriemunition lief erfolgreicher, bei Tula, in Schlüsselburg im Ladogasee und den Putilow-Werken in Leningrad wurden von Krupp organisiert Artilleriegranaten produziert. Über Stettin wurden sie nach Deutschland verschifft. 133)

Die Reichswehr ließ bei Woronesch deutsche Militärpiloten ausbilden, 1925 bis 1933 wurden hier etwa 120 Jagdflieger geschult.134) Die Rote Armee profitierte von der technischen Zusammenarbeit.

1926 enthüllte der Manchester Guardian die militärische Zusammenarbeit. Im Reichstag griff der Sozialdemokrat Scheidemann die Militärkooperation auf, Die SPD eröffnete eine Kampagne 'Sowjetgranaten gegen deutsche Arbeiter' gegen die Reichswehr und die Sowjetunion als 'Helfershelferin des deutschen Militarismus'. Die KPD musste sich sehr klein machen.

Als 1928 die sozialdemokratische Regierung Müller installiert wurde, gab es eine Wiederbelebung der Zusammenarbeit. Neben der Fliegerausbildung wurde bei Kasan eine Panzerschule eingerichtet. Der Machtantritt Hitlers veränderte die Zusammenarbeit zuerst nicht, wurde aber mit der aggressiven Außenpolitik des Deutschen Reiches und der Annäherung der Sowjetunion an Frankreich harmonisch aufgelöst.

Die Zusammenarbeit war insgesamt marginal, in Lipezk wurden gut 200 Kampfpiloten und in Kasan 30 deutsche Panzerspezialisten ausgebildet. 135) Sie wurden zu führenden Kämpfern im zweiten Weltkrieg. Auch die sowjetische Seite zog durch die technische Zusammenarbeit Vorteile, die Säuberungen 1937 zerstörten sie zum großen Teil wieder. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt erreichte die Zusammenarbeit eine sehr viel größere Dimension aus in den zwanziger Jahren. Der Imageschaden in der internationalen Arbeiterbewegung war sicher größer.

In den ersten Hälfte der zwanziger Jahre erfuhr die Kommunistische Internationale einen stürmischen Aufschwung, es entstanden kommunistische Massenparteien in Deutschland, Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei. Während des polnisch-sowjetischen Krieges gelang es den kommunistischen Parteien, unter der Parole 'Hände weg von Sowjetrussland' Waffenlieferungen an Polen zu sabotieren.

Tausende von Arbeiter, die neu politisiert wurden oder zuvor sozialdemokratischen, syndikalistischen, anarchistischen und anderen Strömungen abgehört hatten, radikalisierten sich und strebten die proletarische Revolution an. Besonders die Unterstützung der Sozialdemokratie für den Krieg und ihre Unterstützung für den bürgerlichen Staat trieb den Kommunisten Massen zu.

So radikal wie die Massen waren, so uneinig waren ihre Parteien über den Weg zur Revolution. Im Gegensatz zu Russland konnten sich vor und während des Krieges in den anderen Ländern nur Ansätze kommunistischer Gruppen wie der Spartakusbund in Deutschland und die 'Engherzigen' in Bulgarien herausbilden. Die Kommunistische Internationale versuchte eine revolutionäre Strategie und Taktik auszuarbeiten und eine Politik gegenüber der weiterhin majoritären Sozialdemokratie zu finden.

Auf dem Dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale konnte die Politik der Einheitsfront mit großem Widerstand durchgesetzt werden, große Fraktionen der Parteien wie die Kommunistische Arbeiterpartei in Deutschland und die Mehrheit der Italienischen Partei opponierten.

Mit der deutschen Niederlage 1923 wurde den Kommunisten langsam klar, dass die Weltrevolution nicht mehr an der nächsten Ecke wartete, das kapitalistische System stabilisierte sich unter Schwankungen. Für die Kommunisten gewann die Unterstützung der Sowjetunion gegenüber der Revolution im eigenen Land einen größeren Stellenwert. Die russischen Kommunisten hatten als einzige die Revolution gemacht, von ihnen wollte man lernen, wie man siegen konnte. Ab 1924 sank der Einfluss der kommunistischen Parteien deutlich.

Von Grigori Sinowjew geleitet, gelang es ihm nach und nach, den Apparat der Komintern unter Kontrolle zu bringen. Sein Interesse in der KPR war es, Trotzki zugunsten der Troika von der Macht fernzuhalten, seine Anhänger in den Mitgliedsparteien wurden von der Führung verdrängt. Ein Mittel war die 'Bolschewisierung' der kommunistischen Parteien, die seine Fraktion an die Führung brachte. Das wurde als die Durchsetzung der Politik Lenins begründet.

„Wenn wir keine leere Lippenbekenntnisse zu den Lehren Lenins wollen, wenn wir eine echte kommunistische, leninistische Internationale schaffen wollen, wenn die Resolution über die Bolschewisierung der Parteien keine leere Phrase bleiben soll, dann brauchen wir eine eiserne Disziplin und müssen alle Überbleibsel und Reste des Sozialdemokratismus, Föderalismus, der Autonomie etc. ausrotten.“ 136)

Die Dominanz der russischen KP wurde gesichert, seitdem die Mitglieder der WKP verpflichtet wurden, auch innerhalb der Komintern als Fraktion abzustimmen. Der Einfluss der Komintern sank, Sinowjews Führung bedeutete eine Linkswende hin zur Einheitsfront 'von unten', der Mobilisierung der Sozialdemokraten gegen die Politik ihrer Führer; dazu waren sie nicht zu bewegen.

1926 wurde Sinowjew durch Bucharin an der Spitze der Komintern abgelöst, sie machte eine politische Wende nach rechts. Die klassische Form der Einheitsfront wurde wiederbelebt, allerdings in die Richtung einer opportunistischen Anpassung an die Führer der Sozialdemokratie. Sinowjews Anhänger wurden aus den Führungen entfernt, in Großbritannien deckte man die Abkehr der Labour-Führung vom Generalstreik, in China kritisierte die Linke Opposition die Unterordnung der KP unter die Kuomintang, die zum Massaker in Kanton 1927 führte, als der russischen Fraktionskampf auf dem Höhepunkt war. 137)

Die Ausschaltung der rechten Opposition

Der Kampf gegen die Linke in der WKP hatte die Partei so in Anspruch genommen, dass die Parteiführer sich erst auf dem XV. Parteitag der Krise der NEP bewusst wurden. In hektischer Folge musste die WKP gleichzeitig die Machtfrage in der Partei, die Industrialisierung und Versorgungskrise zu einer Entscheidung bringen. Die Krise veranlasste die Stalinfraktion, verstärkt gegen Kulaken und NEP-Leute vorzugehen, dazu musste sie die Vertreter der Rechten ausschalten. War der Kampf gegen die Linken ein Kraftakt, den alle atemlos verfolgten, so ging angesichts der Mobilisation des Parteiapparats dieser Kampf fast still vonstatten.

Im Politbüro gelang es den Stalinisten, den schwankenden Kalinin auf ihre Seite zu ziehen und ihre Mehrheit zu stabilisieren. Eine bizarre Situation entstand: Die Parteiführung wetterte in den öffentlichen Erklärungen ständig gegen die 'rechte Gefahr', sagte aber nicht, wer diese Gefahr repräsentiere. Diese Zensur verlangte eine 'äsopische Sprache', die mystisch und legendenhaft wie in den Fabeln des griechischen Dichters war. 138) Diese zwiespältige Situation dauerte während des gesamten Jahres 1928 an.

In Moskau wurde am Ende 1928 der rechte Parteisekretär Uglanow entfernt, in der Provinz wurden nach und nach weitere Rechte abgelöst. Im Dezember gelang es, den langjährigen Gewerkschaftsvorsitzenden, Tomski zum Rücktritt zu bewegen. Der Parteiapparat setzte sich langsam aber hartnäckig durch. Gleichzeitig schreckte Bucharin davor zurück, offen Positionen zur Unterstützung der Kulaken einzunehmen, seine Artikel in der Prawda waren ebenso unklar wie die seiner Rivalen.

Erst als ihr Sieg sicher war, führte die Stalinfraktion den entscheidenden Schlag. Auf der ZK-Sitzung im April 1929 vertraten Bucharin, Rykow und Tomski die Positionen ihrer Fraktion zur Agrarfrage, jetzt fuhr Stalin schwere Geschütze gegen Bucharin auf. Er zitierte Lenins Bemerkungen im 'Testament' über Bucharin und hielt ihm die Kontakte zu Kamenew und Sinowjew vor. Die Positionen der Rechten wurden verurteilt, Bucharin und Tomski wurden ihrer Positionen in der Prawda, der Komintern und den Gewerkschaften enthoben. 'Die Entfernung der Bucharin-Gruppe von der Parteilinie in Richtung einer rechten Abweichung' wurde festgestellt. 139) Die Resolution wurde nicht veröffentlicht, nur die Parteiführer waren informiert. Ihre Ausschaltung folgte still und sie gingen nicht wie die linke Opposition in die Fabriken und suchten die Arbeiter zu mobilisieren.

Obwohl Bucharin, Rykow und Tomski im Politbüro verblieben, war die Rechte ausgeschaltet. In der Komintern erwähnten bei der EKKI-Tagung im Juli 1929 niemand Bucharins Namen. Die Delegierten billigten dessen Entfernung, das wurde aber auch nicht veröffentlicht. Schließlich brachte die Prawda im August die Nachricht der Ablösung Bucharin vom Posten des Chefredakteure mit der rituellen Kritik an seinen rechten Abweichungen. Im November 1929 wurde auch der formale Beschluss gefasst, ihn aus dem Politbüro auszuschließen, Rykow und Tomski wurden verwarnt. 140) Stalin denunzierte sie:

„Bucharins Gruppe ist eine Gruppe rechter abweichlerischer Kapitulanten, ihr Ziel ist die kapitalistischen Elemente in Stadt und auf dem Land nicht zu liquidieren, sondern sie sich frei entwickeln zu lassen.“ 141)

Während des Winters 1929/30 wurde die öffentliche Kampagne gegen die Rechte fortgesetzt.

Die Linkswende der Stalinfraktion löste unter der ausgeschlossenen linken Opposition in den Verbannungsorten und unter den nicht Festgenommenen heftige Diskussionen aus. Die Parteiführung schien nach ihrem Ausschluss auf die Position der Linken umgeschwenkt, war es angesichts der Gefahr für den Bestand des Sowjetstaates nicht angebracht, die Wunden der Vergangenheit zu vergessen und die ganze Kraft in den Aufbau des Sozialismus zu werfen?

Die linke Opposition bildete einen kompromissbereiten und einen intransigenten Flügel aus. Diese 'Harten' warfen Trotzki Unentschlossenheit vor, es sei hoffnungslos, auf demokratische Reformen der Partei zu hoffen. Sapronow und Wladimir Smirnow lehnten den Kurs auf die Reform der Partei ab, sie sei ein 'stinkender Leichnam', eine 'Bauerndemokratie', die nur durch eine neue proletarische Revolution gestürzt werden könne. Trotzki stand zwischen den Flügeln der Opposition und versuchte sie zusammen zu halten, dabei unterstützte ihn vor allem Rakowski.

Im Spätsommer 1928 verdichteten sich die Gerüchte über den neuen Linksschwenk der Stalinfraktion und ihrem Bruch mit den Rechten. Stalin sei zu einer endgültigen Offensive gegen die private Landwirtschaft bereit. Bucharin streckte seine Fühler zu Kamenew und Sinowjew aus. Trotzki erwartete, dass Stalin die linke Opposition zu Hilfe rufen werde.

Die Stalinfraktion tastete unsicher die neue Politik der Industrialisierung und Kollektivierung ab. Wie würden die Klassen des Landes die Enteignung der zwanzig Millionen Bauernhaushalte aufnehmen? Die forcierte Industrialisierung musste den Arbeitern das Letzte abpressen und ihren Lebensstandard drastisch senken. In der WKP stieg die Zahl der Linken, Ende 1928 wurden 6.000 bis 8.000 von der GPU eingesperrt und deportiert, was auf einen deutlich steigenden Einfluss der Linken in der Partei hinwies. 142) Für viele Exilierte war es ein bitterer Gedanke, bei der 'zweiten Revolution' der Industrialisierung und Kollektivierung abseits zu stehen.

Auf dem XV. Parteitag hatten Sinowjew und Kamenew ihre Kapitulation schon mit der bevorstehenden Linkswende Stalins begründet. Bald darauf folgten Pjatakow und Antonow-Owsejenko und erklärten ihren Bruch mit der Opposition. Für Preobraschenski stand das Land am Rande einer neuen großen Umwälzung, die Kulaken würden sich weigern, die Stadt zu versorgen, die Mittelbauern könnten nicht genügend Korn produzieren, der Kurs gegen die Kulaken würde sie ins deren Lager treiben, das müsse zu einem Zusammenstoss der Regierung mit der Mehrheit der Bauern führen. Der Stalinfraktion falle die Aufgabe zu, diese historische Notwendigkeit durchzuführen, auch wenn sie sich lange dagegen gewehrt habe. 143) Karl Radek und andere folgten dem Weg der Kapitulation. Sie konnten aus der Verbannung nach Moskau zurückkehren, unterzeichneten ihre Distanzierung von der Opposition und baten um Wiederaufnahme in die Partei, in die sie wie Sinowjew und Kamenew zugelassen und mit untergeordneten Posten betraut wurden.

Trotzki argumentierte, man könne keinesfalls gemeinsame Sache mit der Rechten Bucharins und Rykow machen, die Opposition müsse auf die Wiederherstellung der Parteidemokratie hinarbeiten. Wenn die Bürokratie die NEP-Leute und Kulaken nicht mehr stützten, müsste sie sich auf die Arbeiterklasse stützen. Man müsse also darauf hinarbeiten, dass die Parteiführung nicht wieder zur rechten Politik zurückkehre.

Trotzki führte von Alma-Ata eine intensive Korrespondenz mit seinen Anhängern. 500 intransigente Trotzki- Anhänger mit Rakowski und Kossior gaben im August 1929 eine Erklärung heraus, die generelle Linie des Fünf-Jahresplans sei richtig, protestierten gegen den Druck auf die Arbeiter, der sie von der Partei entferne, forderten Parteidemokratie und bezweifelten, der Sozialismus könne auf nationaler Ebene aufgebaut werden. Trotzki unterstützte ihre Erklärung. 144)

Um Trotzki von seinen Anhängern zu isolieren, beschloss die Parteiführung, Trotzki im Januar 1929 nach Konstantinopel auszuweisen. Die Repression gegen seine verbliebenen Anhänger wurde verschärft, so wurden hundert von ihnen in den Isolator nach Tobolsk in Sibirien gebracht.

Eine neue Parteisäuberung wurde durchgeführt, sie war die erste nach 1921 und richtete sich gegen die Anhänger der Rechten und Linken. 1929/30 wurden 170.000 Parteimitglieder, 11 Prozent, ausgeschlossen, 36.000 davon später rehabilitiert. Die Gründe des Ausschlusses reichten von Verfehlungen im persönlichen Verhalten wie Antisemitismus, Befolgung religiöser Riten, politischer Passivität, Kontakten mit klassenfremden Elementen, kriminellen Delikten bis zu Fraktionstätigkeit und anderen Vergehen gegen die Parteidisziplin, diese linke Opposition machte zehn Prozent der Ausgeschlossenen aus. 145) Stattdessen wurden neue Arbeiter 'von der Werkbank' aufgenommen. Die Zahl der Mitglieder stieg von 1,3 Millionen 1928 auf 2,2 Millionen 1931.

Die Industrialisierung

Gosplan und der Oberste Wirtschaftsrat waren für die Industrieplanung zuständig. Das Prinzip, Industrie und Landwirtschaft müssten sich im Gleichgewicht entwickeln, blieb während der gesamten NEP unangetastet, die Planziele waren ausgesprochen vorsichtig. Im Gosplan saßen viel Anhänger der Rechten und Bürgerliche, sie sperrten sich gegen die Forderung nach einer verstärkte Industrialisierung.

Im November 1926 beschloss Gosplan die Planung des Dnjepr-Staudamms. 1927 bis 1932 wurde das grösste Wasserkraftwerk der Welt gebaut. In der Diskussion um die Planung hatte Stalin 1926 argumentiert, der Staudamm nütze dem Bauern genauso viel wie ein Grammofon. 146)

Bild 69: Bau des Dnjepr-Staudamms
x_bild_69_bau_des_dnjepr-staudamm_1930.jpg Die Elektroindustrie wurde gefördert, 1926 wurde die Produktion von Tupolew-Flugzeugen aufgenommen, 90 Prozent der Lokomotiven wurden im Inland gebaut. In Nischni Nowgorod entstand eine Autofabrik, bei den Putilow-Werken wurde von Kanonen auf Traktoren umgestellt, ihre Zahl wuchs von 457 1924/25 auf 2.800. 147) Auch in Stalingrad wurde eine neue Traktorenfabrik gebaut, 1928 begann die Produktion, die auf 50.000 Traktoren pro Jahr ausgeweitet werden sollte. 148)

Die Industrieproduktion war im Verhältnis zu den führenden kapitalistischen Ländern zurückgefallen, noch immer war die Zahl der Handwerker größer als die der Fabrikarbeiter. Nach der Ausschaltung der Linken forcierte Stalin den Kurs auf die Industrialisierung energisch. Die Opposition hatte eine verstärkte Besteuerung und eine Zwangsanleihe für Kulaken sowie verstärkte Industrieinvestitionen verlangt. Nach ihrer Ausschaltung übernahm die Stalinfraktion hektisch die Ziele und steigerte sie ins Extreme.

Nach dem Parteitag kam es zu einem Stimmungswechsel. Angesichts der internationalen Lage sollte die Industrieproduktion, die Landwirtschaft sowie der Lebensstandards der Arbeiter und Bauern gesteigert werden. Die Getreide-Beschaffungskrise 1927/28 und der Wandel im Verhältnis von Parteiführung und Wirtschaftsleitung schufen den Rahmen für das Anziehen des Tempos. Der Druck auf die einzelnen Regionen wurde verstärkt, die Arbeiter- und Bauerninspektion, die GPU, die Justiz und Teile der Parteiorganisation trieben die Planer voran.

Als der erste Fünfjahrplan im April/Mai 1929 verabschiedet wurde, war er noch nicht vollständig ausgearbeitet. Die Ziele waren ehrgeizig, die gesamten Investitionen sollten nach der minimalen Version um 250 Prozent und in der optimistischen Version um 320 Prozent steigen. In der Industrie waren Zuwächse von 340 bzw. 420 Prozent vorgesehen. In der Landwirtschaft sah er vor, 20 Prozent der Bauernhöfe für Kolchosen zu gewinnen, die am Ende des Plans 1932/33 43 Prozent des Getreides produzieren sollten.149) In der Industrie plante man jährliche Steigerungsraten zwischen 17,5 und 21,5 Prozent bzw. 21,5 und 25,5 Prozent. 150)

Gosplan wehrte sich gegen die neuen Ziele: Die optimistische Variante ging von fünf guten Ernten in Folge aus, von der Erntesteigerung um 35 Prozent, von einer Ausweitung des internationalen Handels und der Getreideexporte zu günstigen Bedingungen, von der Hoffnung, dass die Verteidigungsausgaben gering bleiben konnten. 151) Eine fünf Jahre anhaltende gute Ernte hatte es bisher noch nie gegeben. Die Ziele der Steigerung der Arbeitsproduktivität, des Ölverbrauchs, der Baukosten und der Reallöhne waren bei nüchterner Kalkulation nicht erfüllbar. Die gute Qualität der erzeugten Güter, eine effektive Organisation der Betriebe waren fromme Wünsche. Für die Industrialisierung war man auf den Stamm von Ingenieuren, Betriebsleitern und Wirtschaftsplanern angewiesen, deren wirtschaftliches und technisches Verständnis unzureichend war und die vom Sinn der Forcierung nicht überzeugt waren. Die schnelle Industrialisierung musste gegen sie fortgesetzt werden, ein Stamm von Kadern musste erst geschaffen werden.

Der Schachty-Prozess kam für viele Spezialisten wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im März 1928 wurde bekannt, man habe eine konterrevolutionäre Organisation in der ukrainischen Industriestadt entdeckt und 55 Personen, unter ihnen drei deutsche Ingenieure, festgenommen. Deutsche Firmen und der polnische Geheimdienst hätten eine Sabotage-Organisation aufgebaut.

Der Prozess begann im Mai 1928 und dauerte sechs Wochen, die Presse berichtete ausführlich über ihn. Den Angeklagten, unter ihnen der Chef der technischen Abteilung des Kohletrusts in Charkow und ein stellvertretender Direktor des regionalen Obersten Wirtschaftsrates, warf man den Versuch der Zerstörungen in den Bergwerken vor, die Vernachlässigung der Sicherheitsvorkehrungen in den Schächten, die Anschaffung nutzloser Maschinen, Fälschung von Rechnungen sowie die unpünktliche Zahlung der Löhne. Der Staatsanwalt verlangte Todesstrafen, der Gerichtshof sprach vier frei, verurteilte elf zum Tode und verhängte gegen die anderen Haftstrafen. Von den zum Tode verurteilten wurden fünf exekutiert. 152) Der Schachty-Prozess, sicher weit davon entfernt, ein erster Schauprozess zu sein, setzte die Maßstäbe der späteren Schauprozesse, er war auch ein Angriff gegen die Bucharin-Fraktion, aber eine direkte Verbindung zum Fraktionskampf wurde von niemandem direkt gezogen.

Der Schachty-Prozess war der Auftakt der Kampagne gegen alle bürgerlichen Zerstörer. Sie sollen Sabotage verübt, falsche Planzahlen ausgearbeitet, antisowjetische Geheimorganisationen geschaffen haben, Geologen sollen reiche Gold- und Platinlager verheimlicht haben etc., der menschlichen Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Der Gedanke, dass die Ursachen der Schwierigkeiten die falsche Politik sein könne, ließ das Feuer der Anklagen nicht zu. Die Arbeiter hatten die Spezialisten ob ihrer Befehlsgewalt in den Fabriken und ihren Privilegien schon immer als Gegner betrachtet, sie wurden jetzt mobilisiert, um 'Saboteure' aufzuspüren, Arbeiterversammlungen verlangten öffentlich die Todesstrafe. 153)

Nach sowjetischen Angaben wurden bis 1931 2.000 bis 3.000 der 30.000 der 'alten' Ingenieure verhaftet, in Lager deportiert oder unter Hausarrest gestellt. Etwa zehn Prozent der technischen Kader wurden dem Produktionsprozess entzogen. 154) Die Verhaftungen waren von einer Säuberung unter den Angestellten durch die Arbeiter- und Bauerninspektion und die GPU begleitet. Von den zwei Millionen Angestellten wurden 1931 454.000 überprüft, 51.000 wurden sanktioniert. 155) Im Sommer und Herbst 1930 wurde entdeckt, das es kaum eine Branche der Wirtschaft gäbe, wo keine Sabotage vorkomme. Zentrum dieser Aktivitäten seien der Oberste Wirtschaftsrat und Gosplan, beide wurden vollständig umorganisiert.

Jetzt deutete sich die Möglichkeit an, die bürgerlichen durch junge sowjetische Spezialisten abzulösen zu können. Erst 1927 begann eine verstärkte universitäre Ausbildung von Ingenieuren und Technikern. 1926 bis1928 waren vielleicht 6.000 qualifizierte Ingenieure aus den technischen Hochschulen hervorgegangen, was nicht sehr beeindruckend war, diese Zahl wurde ab 1927 deutlich erhöht. Der erste Fünfjahresplan sah eine eine Steigerung von 20.000 auf 35.000 ausgebildete Ingenieure vor, davon sollten zwei Drittel Arbeiterkinder sein. 156) Sie wurden in Arbeiterfakultäten auf das Studium vorbereitet, beim Studium wurden die Ausbildungsfristen herabgesetzt. Bis zu 50 Prozent der Studenten waren in der WKP beziehungsweise im Komsomol organisiert. Zwischen den alten Spezialisten und den jungen Ingenieuren gab es Konflikte, die Qualifikationen der Jungen reichten nicht an die Erfahrungen der Alten heran, die umso energischer deren Ablösung betrieben.

1929 wurden die Betriebe endgültig auf Einzelleitungen umgestellt. Für die Betriebsleiter wurde es schwer zu arbeiten. Sie musste die unrealistischen Planvorgaben und die chaotischen Verwaltungsanordnungen erfüllen. Wehrten sie sich gegen die Erhöhung der Planziele, weckte ihr Widerstand das Misstrauen der Kontrolleure. So wurden die Planziele für den Bau von Traktoren in der Putilow-Fabrik von 3.050 für 1928/29 auf 12.000 1929/30 auf 25.000 für 1930/31 erhöht. 157) Mit feurigen Reden versuchten die Parteiführer, die Arbeiter zur Erhöhung der Normen zu bringen. Der technische Direktor erklärte die Ziele für nicht erreichbar er wurde als Saboteur festgenommen und ausgewechselt. In erneuten Produktionsversammlungen wurden die hohen Ziele mit verschärftem Arbeitstempo durchgesetzt. Viele Manager sahen die Undurchführbarkeit der Pläne, stimmten ihnen aber trotzdem öffentlich zu.

Schon bevor eine Fabrik für die neuen Produktionsziele eingerichtet worden war, begann die Produktion. Die Fabrik stand unter ständiger Kontrolle der GPU. Oft funktionierten die neuen Maschinen nicht. Entscheidungen wurden meist in endlosen Konferenzen gefällt, bei denen keiner die Verantwortung übernahm, alle versuchten, sie auf andere zu schieben. GPU, Rabkrin und die Staatsanwaltschaft 'halfen', die Pläne zu erfüllen. Bucharins Vorwurf schien sich zu erfüllen, man wolle die Fabriken von von heute mit den Ziegelsteinen von von morgen aufbauen. 158)

Massenhaft wurden Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft für die Industrie rekrutiert. Die Arbeitslosigkeit wurde überwunden, die Zahl der Industriearbeiter verdoppelte sich von 1928 bis 1932. Elf Millionen Menschen wurden in die Industrieproduktion, Distribution und Verwaltung einbezogen. Drei Millionen davon gingen in die Produktion, eine Million ins Transportwesen. Der Anteil der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung stieg von 25 auf 30,8 Prozent. 159)

Die Zusammensetzung der Arbeiterklasse wälzte sich völlig um. Die neuen Arbeiter konnten nicht genügend qualifiziert werden. Sie waren nicht an Industriearbeit gewöhnt, verstanden die Arbeitsabläufe nicht, fühlten sich in der industriellen Umgebung fremd, behandelten Maschinen wie störrische Pferde, Facharbeiter fehlten. Folge war eine massiven Senkung der Arbeitsproduktivität.

Die Politik der Entkulakisierung, der Ausschaltung der NEP-Leute führte zu einer Wirtschaftskrise, die den Lebensstandard der Arbeiter senkte. Die Versorgungslage verschlechterte sich, die Preise eilten den Löhnen davon. Der Pro-Kopf-Konsum von Getreide und Kartoffeln stieg, Fleisch und Butter wurden deutlich weniger konsumiert. 1932 kam es zu Unzufriedenheit und wilden Streiks. 1928 musste das Brot rationiert werden, die Schlangen vor den Geschäften wuchsen wieder. Die hochwertigeren tierischen Eiweisse wurden durch Kohlenhydrate ersetzt. 1928 bis 1930 sank der Konsum an Lebensmitteln um 22 Prozent gegenüber 1928. 160) Ein ZEK-Mitglied aus Jaroslawl berichtete:

„Die Lebensmittelversorgung in unserer Region ist sehr, sehr schlecht. Die Situation ist als ob wir sechs oder sieben Jahre zurück gegangen wären. Es sieht wie 1920-21 aus. Es gibt kein Brot….“ 161)

Der Rückgang des Lebensstandards ist schwer zu quantifizieren, die Löhne stiegen von 1928 bis 1932 um 26 Prozent, die Preise um 55 von Hundert, was einen Rückgang auf 88,6 Prozent ausmachte. Nicht eingerechnet werden können die deutlich erhöhten Schwarzmarktpreise, die Zahl der Läden ging durch die Liquidierung der NEP-Leute von 124.000 Geschäfte 1928/29 auf 1931 9.500 zurück. 162)

1929 wurden 60 Prozent der Industriearbeiter auf der Basis des Stücklohns bezahlt. 163) Die Normen wurden erhöht, der Unterschied zwischen Schockarbeitern und normalen Werktätigen vergrößerte sich. Wie während des Kriegskommunismus wurde die Bevölkerung in Lebensmittelkategorien eingeteilt, Arbeiter erhielten höhere Rationen, Schockarbeiter die höchsten. Moskau, Leningrad und die Industrieregionen bekamen bessere Lieferungen. Die Rationen wurden in Genossenschaftsläden der Fabriken ausgegeben, die anderen waren auf den schrumpfenden Markt angewiesen Zusätzlich zu den Rationen gab es 1930 Kantinenessen für 2,75 Millionen Arbeiter in den wichtigsten Fabriken. 164) Für die Industriearbeiter reduzierte sich das Durchschnittseinkommen durch den enormen Bedarf an Arbeitskräften relativ wenig, für die anderen städtischen Schichten fiel es stark ab. 165)

Offiziell wurde behauptet, das Lebensniveau verbessere sich ständig, die Menschen seien glücklich. Es drohte kein neues Kronstadt, die Arbeiterklasse war desorientiert und hatte keine Möglichkeit mehr, sich politisch organisiert zu wehren, ein Teil der Arbeiter profitierte von der Industrialisierungspolitik.

Die innerbetriebliche Kräftebalance zwischen Betriebsführung, Partei, Gewerkschaften und der Arbeiterschaft wurde aufgekündigt, die Reste der Vertretung der Arbeiterinteressen wurden zugunsten des Ziels der Steigerung der Produktion und Produktivität abgeschafft. 166) Die ZK-Resolution drückte die Beziehungen etwas vage aus, eine begleitende Schrift machte es unmissverständlich:

„Jedes wirtschaftliche Unternehmen… ähnelt einer Maschine. Wie in einer guten Maschine jedes Schräubchen genau und störungsfrei arbeiten muss, so muss auch in einem wirtschaftlichen Unternehmen jedes dieser Schräubchen - der Arbeiter, der Meister, der Ingenieur oder der Direktor - genau seinen Platz kennen und exakt seine Verpflichtungen erfüllen. und wie dem Maschinisten alle Hebel und Teile der Maschine gehorchen müssen, so müssen auch dem Administrator alle Schräubchen des wirtschaftlichen Mechanismus widerspruchslos aufs Wort gehorchen.“ 167)

Der ideologische Charakter der Behauptung, die Einführung dieses Systems sei allein 'wissenschaftlich' oder 'technisch' begründet, ist unübersehbar. Unter dem technischen Vorwand wurden die Prinzipien des Taylorismus angewandt.

Besonders die jugendlichen Arbeiter wurden für den 'sozialistischen Wettbewerb' mobilisiert, die 1935 in die 'Stachanow-' oder Stoßarbeiterbewegung mündete. Eine neue Generation von Arbeitern sollte geformt werden, es galt die Einstellung der Arbeiter so zu verändern, dass

“… Leute, die die Arbeitsdisziplin brechen, sich selbst als moralisch verurteilt und mitten unter ihren Genossen isoliert fühlen.„ 168)

Statt Klassensolidarität an der Basis gegen die Rationalisierungs- und Akkumulationsoffensive von Staat und Partei zu zeigen, sollte der neue Arbeiter aktiv an dem Prozess teilnehmen. Die 'monolithische' Partei Stalins wurde das getreue ideologische Gegenbild des Fliessbandarbeiters, parallel dazu ging die Vernichtung der letzten Spuren oppositioneller Konzept in der kommunistischen Partei.

In der NEP hatten die Gewerkschaften als Vermittler zwischen Produzenten und Staats- und Wirtschaftsleitung gedient. Sie bildeten ein Hemmnis für die Politik der beschleunigten Akkumulation auf Kosten der Arbeiter. Ab 1928 wurden die Gewerkschaftsleitungen abgelöst und neu organisiert. Gegen Tomski eröffnete Stalin eine Kampagne, welche die Entfernung der 'bürokratischen Elemente' forderte. Ein neuer Führer fasste die Kritik an der alten Leitung zusammen:

„Die Partei forderte die Mobilisierung aller Kräfte der Arbeiterklasse für die Entfaltung des Tempos des sozialistischen Aufbaus, zur Erfüllung des Fünfjahrplans, zur Überwindung der Schwierigkeiten, aber die frühere Gewerkschaftsführung hat die Gewerkschaften eifrig von der Arbeit zur Hebung der Arbeitsproduktivität abgehalten und hat demgegenüber die Schutzfunktion in den Vordergrund gestellt.“

Mit der Neuausrichtung der Gewerkschaften musste deren gesamter Apparat reorganisiert und auf die neuen Denk- und Verhaltensweisen umstrukturiert werden. Zwischen 1928 und 1930 wurden von 257 Präsidiumsmitgliedern der verschiedenen Gewerkschaften 174 abgesetzt, ebenso 72 Prozent der Abteilungsleitungen und 65 bis 80 der gewerkschaftlichen Betriebskomitees, in Leningrad war das die gesamte Gewerkschaftsführung.

Mit der Einschränkung der Arbeiterrechte wurde Die Arbeitslosenversicherung wurde abgeschafft, Belegschaften wurden 'Selbstverpflichtungen' auferlegt, das 'Blaumachen' wurde angeprangert wie der häufige Arbeitsplatzwechsel, Prämien wurden ausgelobt. Der 'sozialistische Wettbewerb' sollte die Arbeiter zu höheren Leistungen anstacheln. 1930 waren bereits 2 Millionen der 3,5 Millionen Industriearbeiter einbezogen. 169) Ein großer Teil der Selbstverpflichtungen stand nur auf dem Papier, es wurde über passiven Widerstand geklagt, Arbeitergruppen setzten sich gegen die Einführung des Wettbewerbs zur Wehr, man wolle ihnen bloss 'die Haut abziehen'. Ein Brief kursierte in einem Textilbetrieb:

“…Wir bitten euch, das nicht zu tun und auf die Brigade zu verzichten, aber wenn ihr nicht hört und das nicht lasst, dann versuchen wir selbst, euch zu bremsen und eure Brigade irgendwie zu zerschlagen… Wenn ihr damit nicht aufhört, wirds euch schlecht gehen. Entweder schlagen wir euch die Fresse ein oder wird dreschen euch ganz zum Teufel, aber arbeiten lassen wir euch sowieso nicht.„ 170)

Bild 70: Der erste Traktor in der Stalingrader Traktorenfabrik
x_bild_70_der_erste_in_der_stalingrader_traktorenfabrik_gebaute_traktor_kuromiya_p.183.jpg Trotzdem wird ein großer Teil der Belegschaften sich beteiligt haben und in einigen Gruppen gab es wirklichen Enthusiasmus. Für die erfolgreichen Abteilungen wurden eiweißreiche Lebensmittel, Schuhe und Wintermäntel ausgegeben. In vielen Betrieben wurden getrennte Kantinen mit unterschiedlichem Essen eingerichtet. 171)

1930 wechselten mehr als 50 Prozent der Arbeiter den Arbeitsplatz, im Schnitt wechselte ihn jeder Industriearbeiter während der ersten vier Jahre des Fünfjahrplans fünf Mal. 172) 1932 wurde das Passsystem aus der Zarenzeit wieder eingeführt, Der Inlandspass enthielt eine Eintrag über den Arbeitsplatz und musste bei einem Stellungswechsel vorgelegt werden. Den Betriebsleitungen wurde größere Rechte der Entlassung und Disziplinierung eingeräumt.

Der Enthusiasmus für den Aufbau des Sozialismus brachte Arbeiter dazu, sich in Eigeninitiative am sozialistischen Aufbau zu beteiligen. 1929/30 wurden in den Betrieben Produktionskommunen aus meist jüngeren Arbeitern für den sozialistischen Wettbewerb organisiert. Diese spontanen Produktionskommunen unterschieden sich von den Stoßbrigaden, da sie Arbeitsaufträge als Team annahmen und den Lohn gemeinschaftlich empfingen, eine im Prinzip wünschenswerte Entwicklung. Manche Kommunen dehnten sich auch gemeinsames Wohnen aus, In einer Kommune des Werkes AMO in Moskau erhielt jedes Mitglied nur ein Taschengeld von 8 bis 12 Rubel, vom übrigen Geld wurde die Wohnung, Lebensmittel und Kleidung etc. bestritten. 173) Die Kommune-Mitglieder waren gesellschaftlich aktiver, sie umfassten eher die unteren und mittleren Tarifgruppen. Ihre Produktivität war höher als die der Stoßbrigaden und Einzelarbeiter. 174)

Die Bewegung nahm einen starken Aufschwung, im März 1930 gab es mindestens 922 Kommunen, besonders in den Industriegebieten um Moskau und Leningrad sowie im Ural. Mitte 1931 beteiligten sich vielleicht 100.000 Arbeiter an den Kommunen. 175) Trotzdem wurde die Initiative von unten als Bedrohung empfunden. Stalin wandte sich im Juli 1931 in einer Rede gegen die 'Gleichmacherei'. Die Arbeitskommunen gliederten sich dann den üblichen Organen des Wettbewerbs an.

Die Einführung der Schockarbeiter-Bewegung und der sozialistische Wettbewerb zielten auf eine Spaltung der Arbeiter. Die Industrialisierungswelle mit dem starken Zustrom der Menschen in die Städte hatte die schon desolate Wohnungssituation noch einmal verschärft, die Wohnfläche pro Kopf der Bevölkerung sank zwischen 1927 und 1933 von 8,7 auf 5,6 Quadratmeter. 176) Der Wohnungsbau hielt damit nicht Schritt, nur die Schockarbeiter wurden mit Neubauwohnungen belohnt. Akkordlöhner verdienten jetzt das Drei- bis Vierfache der Hilfsarbeiter. 177) Die Arbeiterklasse zerfiel in einen Teil, der sein Einkommen durch Akkord halten konnte und einen anderen Teil, dessen Lebensniveau sich deutlich verschlechterte. Den 'alten' Arbeitern blieb nur übrig, sich den neuen Bedingungen anzupassen, wollten sie ihren Lebensstandard halten.

Die neuen Führungsschichten der Arbeiter, die Parteimitglieder des 'Lenin-Aufgebots', verdrängten zunehmend die Generation der skeptischen oder feindlichen bürgerlichen Spezialisten. 1928 bis 1933 wurden 770.000 Arbeiter auf Führungsposten der WKP befördert oder zum Studium abgeordnet. 178) Mindestens eine halbe Million Personen rückten 1930 bis 1933 in Führungspositionen auf, eine weitere Million studierte zusätzlich 1933. Eine neue gesellschaftliche Schicht bildete sich heraus, die zum großem Teil aus dem proletarischen Milieu stammte.

1929/30 wurde mit den neuen in die WKP strömenden Arbeitern auch die Zahl der Betriebszellen verstärkt, jede Betriebszelle bekam einen hauptamtlichen Sekretär. Die Mitgliederzahl wuchs zwischen 1927 und 1932 um das Dreifache, von 1,2 Millionen 1927 über 1,5 Millionen 1929, 1,7 Millionen 1931, 2,9 Millionen 1932 auf über 3,5 Millionen 1933. 179) Zwischen 1933 und 1933 traten 1,9 Millionen Mitglieder der WKP bei, die 'alten Bolschewiki' der Vorrevolutionszeit stellten keine relevante Größe mehr dar. Die Zahl der Arbeiter erhöhte sich auf zwei Drittel der Mitglieder, die der Bauern auf über ein Viertel. 180) Mit der zunehmenden Konzentration der Sekretäre auf die Führungs- und Verwaltungsarbeit lösten sie sich vom Arbeitermilieu.

Bezogen auf die erwachsene Bevölkerung kamen 1929 auf 100 Einwohner 1,92 Parteiangehörige, 10,5 Prozent der Industrie-Beschäftigten waren 1927 Parteimitglieder und 21 Prozent der Angestellten. In den Industriegebieten war ihr Anteil höher. 181) In manchen Branchen war jeder sechste Arbeiter Parteimitglied, einschliesslich der Komsomolzen sogar jeder dritte. 182)

Tabelle 50: Wachstum der ingenieur-technischen Kader der Staatsindustrie 1927 - 1937 * 183)

Jahr Anzahl Wachstum in Prozent
1927 50.798 100
1929 100.291 197
1930 125.000 246
1933 361.963 713
1937 722.300 1.421

* Personen mit Hochschulbildung, Meister und Aufseher

In den ersten Monaten lief die Industrialisierung durchaus recht vielversprechend an. Im Frühjahr 1930 war die Turk-Sibirische Eisenbahn acht Monate vor dem Plantermin fertig, im Juni wurde die größte Fabrik für Landmaschinen in Rostow am Don eröffnet, bei voller Kapazität sollte sie 10.000 Arbeiter beschäftigen. 184) m Juni 1930 wurde der erste Traktor der Stalingrader Traktorenfabrik fertiggestellt. Stalin verlangte in seinem Glückwunschtelegramm die Produktion von 50.000 Traktoren, die Realität hinkte nach. 185)

1929 wurde das Tempo der Industrialisierung erneut angezogen, man wollte den Fünfjahresplan in vier Jahren erfüllen. Im Sommer 1930 bezeichnete Stalin auf dem XVI. Parteitag Leute, die das Tempo des Wachstums reduzieren wollten, als 'Agenten des Klassenfeindes'. 186) Die Kollektivierung ab Sommer 1929 verlangte eine größere Traktorenproduktion. Es entwickelte sich ein unkontrollierbarer Wettbewerb der Fabriken, der nach höheren Zielen drängte,es wurden fantastische Ideen von einer Steigerung der Produktion um das Sechsfache bis 1942/43 entwickelt. 187)

Die Produktionsziele wurden ständig nach oben korrigiert, es mussten auch mehr Metalle und Treibstoffe produziert werden, das schuf ökonomische Ungleichgewichte. Die Planziele für viele Produkte wurden verdoppelt, für Roheisen, Chemiedünger, Zement etc. Ein neuer Plan wurde nicht aufgestellt. Stalin trieb an:

„Es wird manchmal gefragt, ob es nicht möglich sei, das Tempo zu drosseln, die Bewegung zu verlangsamen. Nein, Genossen, das ist nicht möglich! Das Tempo darf nicht verlangsamt werden! Im Gegenteil, wir müssen es mit allen unserer Macht und unseren Möglichkeiten noch steigern… Wenn wir es reduzieren, fallen wir zurück. Und jene, die zurückfallen, werden geschlagen. Nein, wir wehren uns dagegen zurück zu fallen!“ 188)

Die Desorganisation der Wirtschaft, der Mangel an Rohstoffen und qualifizierten Arbeitern stürzten die Sowjetwirtschaft in eine tiefe Krise. Im ersten Quartal 1930 fiel die Produktion, die Preise stiegen, die Planziele wurden verfehlt. Der Fall der Kohleförderung wirkte sich auf die Produktion von Eisen und Stahl aus. Fabriken mussten aus Rohstoffmangel die Arbeit einstellen. Auf der anderen Seite reduzierte sich trotz Stalins Hoffnung der Geldumlauf nicht, er vervierfachte sich 1929/30 stattdessen auf 1,6 Milliarden Rubel. 189)

Die Zahl der sowjetischen Traktoren hatte sich vervierfacht. Aber selbst dieser große Zuwachs konnte das massive Abschlachten der Pferde im Winter 1929/30 nicht kompensieren. Auch die Baumwollproduktion fiel, ebenso der Eisenbahntransport, der die Grenzen der Belastbarkeit erreichte. Die Parteiführung hatte nur eine illusorische Kontrolle über die Arbeit der Industrie. Der Markt wurde 1930 fast völlig unterdrückt. Gewalt wurde zum Motor der neuen Gesellschaft.

Die Macht der Fabrikdirektoren wurde wieder gestärkt, sie erhielten ein eigenes Budget und Verfügung über Einstellungen und Entlassungen. Die Erfolge der Industrialisierung waren unbestreitbar, besonders gegenüber dem kapitalistischen Ausland. Während in der Sowjetunion Millionen Menschen in die Produktion geworfen wurden, geriet die Weltwirtschaft in die größte Krise ihrer Geschichte und machte Millionen Lohnabhängige arbeitslos.

Die Kollektivierung der Landwirtschaft

Nach ihrer Rückkehr vom Parteitag sahen sich die Parteimitglieder den sinkenden Getreideablieferungen gegenüber. Die Kulaken gingen dazu über, mit ihrem gestiegenen Eikommen Getreide zu kaufen und damit zu spekulieren, es mangelte weiter an Industriegütern.

Tabelle 51: Schätzungen der Getreideernte 1927/28 – 1934 190)

Jahr
offizielle Angaben
revidierte Angaben
Mio.t Prozent Mio.t Prozent
1913 81,6 100
1927/28 73,23 90
1928/29 71,74 88
1929/30 83,5 102
1931 69,5 85
1932 69,9 86
1933 89,8 110 68,4 89
1934 89,4 110 67,7 88

Bis 1928 erklärte Stalin, es sei ein Narrenstreich, die Kulaken zu expropriieren. Die Partei habe kein Interesse daran, den Klassenkampf zu entfachen. 191) Im Januar 1928 fuhr Stalin nach Sibirien und Molotow in den Ural, um die Krise zu beheben. Sie besuchten örtliche Parteiversammlungen und verlangten ein erbarmungsloses Vorgehen gegen die Bauern, die sich weigerten, den Staatsbehörden Getreide zu verkaufen. 1926 war der Artikel 107 ins Strafgesetzbuch aufgenommen worden, er bedrohte Personen mit Gefängnisstrafen von drei bis fünf Jahren und Beschlagnahme des Eigentums, die Vorräte zurückhielten. 192) Das ging vor allem gegen Spekulanten und nicht gegen Bauern. Stalin betonte ausdrücklich, dass sich die Maßnahmen auch gegen Mittelbauern richteten. Sonderkommissionen wurden gebildet, denen alle staatlichen Stellen unterstellt wurden. Das Sibirische Parteikomitee fasst nach Stalins Ankunft den Beschluss, Beschlagnahmungen vorzunehmen und die Besitzer zu verurteilen. In den verkürzten Verfahren waren Verteidiger ausgeschlossen, den Volksrichtern wurde untersagt, die Beschuldigten frei zu sprechen oder Bewährungsstrafen auszusprechen. 193)

Stalin beschuldigte Staatsanwälte und Richter, den Spekulanten Vorschub zu leisten. Vollzogen Parteikader die angeordneten Massnahmen zu lasch, galten sie als 'Verbündete der Kulaken'. Damit war man wieder bei den Methoden des Kriegskommunismus. Die Sonderkommissionen konkurrierten untereinander um die 'besten' Ergebnisse. In vielen Dörfern gingen die Kommissionen mit Vertretern des Dorfsowjet und armen Bauern von Hof zu Hof und suchten Getreide, den beteiligten armen Bauern wurde versprochen, sie dürften ein Viertel des Getreides behalten.

Bild 71: Plakat: Weg mit dem Kulanken aus den Kolchosen!
x_bild_71weg_mit_den_kulaken_aus_den_kolchosen_.jpg In Sibirien wurden Verantwortliche wegen 'Milde' und 'Versöhnlertum' abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen, von Januar bis März 1.157 Partei-, Staats- und Genossenschaftsfunktionäre. 194) Getreidemärkte wurden geschlossen, Getreide wurde beschlagnahmt, auch Vorräte für den Eigenbedarf und die Neusaat. Der Getreidemarkt kam zum Erliegen, alles überschüssige Getreide sollte den Staatsagenturen abgeliefert werden. Die Getreideeinbringung wurde erreicht, aber die Reserven waren erschöpft. Im April 1928 wurde die Steuer für die reichen Bauern erhöht. Die Dorfbewohner sollten die zu besteuernden Höfe festlegen, die Steuer sollte das Doppelte des allgemeinen Satzes betragen. Im Frühjahr säten die Bauern später aus, die schlechte Witterung ließ keine gute Ernte erwarten, die Saatfläche reduzierte sich.

Nach Moskau zurückgekehrt, schob Stalin alle Exzesse lokalen Behörden zu, die Staatsführung habe das nie angeordnet, diese Verletzung der Politik könne nicht toleriert werden. 195) Gleichzeitig betonte er, die NEP werde fortgeführt. 196) Die Zeichen waren ausgesprochen widersprüchlich. Im Frühjahr bewegte die Schachty- Affäre die Gemüter.

Seit dem Herbst 1928 machte sich in den Städten die Versorgungslage deutlich bemerkbar, Milch, Butter und Brot wurden knapp, dazu kamen die Gerüchte über die Entkulakisierung und die Furcht vor Hunger. Es gab in den Zeitungen keine Berichte über die schwierige Situation, stattdessen über die Erfolge der Getreideablieferungen. Die NEP war tot, obwohl ihre Fortführung propagiert wurde. In den meisten Städten wurde das Brot rationiert, vor den Läden bildeten sich Schlangen und es kam zu Hamsterkäufen. In einigen Gegenden gab es Plünderungen und Brandstiftungen, Demonstrationen und Unruhen. Die Parteiführung musste die schwierige Situation eingestehen.

Im Juli musste die USSR ihre Getreideexporte einstellen und Korn importieren, ein vor allem psychologisch negativer Effekt. Die Ural-Sibirische Kampagne brachte mehr negative Ergebnisse, die Smyschka war schwer beschädigt. Für die Industrialisierung benötigte man die Einkünfte der Getreideexporte. Im Frühjahr muss sich die Stalinführung für die Kollektivierung der Landwirtschaft entschieden haben, mit Hilfe des massiven Einsatzes des Partei- uns Staatsapparats sollte jeder Widerstand ausgeschaltet werden.

Stalin vertrat jetzt die Auffassung, je mehr man sich dem Sozialismus nähere, desto heftiger werde der Klassenkampf. Natürlich würden der Kulak und der NEP-Mann sich wehren:

„Wenn wir vorwärts marschieren, wird der Widerstand dieser kapitalistischen Elemente ständig wachsen und der Klassenkampf wird immer erbitterter werden, während das Sowjetsystem mit ständig wachsender Kraft versucht, dass die Politik der Einschließung der feindlichen Kräfte fortgesetzt wird.“ 197)

Zehntausende von Parteimitgliedern und Komsomolzen wurden zusätzlich aus den Städten aufs Land mobilisiert, um die Bauern zum Eintritt in die Kolchosen zu motivieren. Vielleicht war es eine Viertel Millionen, in der Ukraine wurden bis zum Februar 1930 23.500 Parteimitglieder und 23.000 Industriearbeiter in 5.088 Brigaden entsandt, dazu Einheiten der Roten Armee und GPU-Truppen. 198) Die Brigaden gingen auf den Kreuzzug mit dem Bewusstsein, dass mindestens eine der 25 Millionen Bauernhaushalte aus Klassenfeinden bestand.

Tabelle 52: Kollektivierte Bauernaushalte 1928 - 1931 in Prozent 199)

Region, Republik / Monat, Jahr 7/1928 7/1929 10/1929 01/1930 03/1930 07/1930 10/1930 01/1931
USSR 1,7 3,9 7,5 18,1 57,2 22,5 21,8 25,9
Zentrale Schwarzerde-Region 1,3 3,2 5,9 40,5 83,3 15,4 15,8 .
Ukraine 2,5 5,6 10,4 15,9 60,8 29,6 28,8 33,1
Region Iwanowo 0,4 1,0 1,4 4,9 30,7 5,4 5,6 6,8

In jedem Amt wurde ein Hauptquartier eingerichtet, von wo aus der Einsatz in den Dörfern gesteuert wurde. Sie wurden mit Flugblättern und Statuten für die Kolchosen ausgestattet. Zuerst sollten sie kleine Gruppen von Batraken und Mittelbauern einberufen, um dann eine Dorfversammlung ohne Kulaken entscheiden zu lassen. Sollte eine Minderheit nicht beitreten wollen, sollte ihnen Land am Rand der Kolchose angeboten werden. 200) Man versprach den Bauern eine Welle von Spezialisten und Traktoristen.

Sie trafen auf skeptische Bauern und eine interessierte Dorfjugend, auch viele arme Bauern blieben misstrauisch. Der Zustrom von Traktoren und Landmaschinen blieb dünn. Viele Kollektivierungs-Brigaden wollten die Bauern überzeugen, auch ihren privaten Garten aufzugeben. Sie informierten die Bauern, dass sie jetzt Mitglieder einer Kolchose sein sollten, die oft das Gebiet des gesamten Amtes umfasste. Für die armen Bauern brachte der Kolchos gewisse Vorteile. Bauern ohne Pferde konnten hoffen, nicht mehr vom besser gestellten Nachbarn abhängig zu sein und sich besser zu ernähren. Da man die Batraken oft in führende Positionen im Dorf einsetzte, konnten sie von der Enteignung der Kulaken nur profitieren.

Aber es schien, dass 1929/30 die Mehrheit der Bauern sehr energisch von der Kollektivierung überzeugt werden musste. Unter den Brigaden entwickelte sich ein Wettbewerb, welche mehr und größere Kolchosen aufbauen könne. Nur die Erfolgreichsten schienen unangreifbar. Man forderte ein schnelleres Tempo der Kollektivierung. Kolchosen meldeten, der gesamte Besitz ihrer Mittelbauern sei in den Fonds der Gemeinschaft eingebracht, Kirchen seien geschlossen und die Glocken zum Einschmelzen abgehängt worden, aus den Kirchen seien Ikonen verbannt worden. Die Stimmung war optimistisch und enthusiastisch, das Politbüro bremste nicht. Die Kollektivierungs-Brigaden hielten sich oft nicht lange in jedem einzelnen Dorf auf, sie organisierten die armen Bauern, Frauen und Jugendlichen, erreichten die Zustimmung der Dorfversammlungen, setzten eine Exekutive der Kolchose ein und zogen ins nächste Dorf, alles innerhalb von drei Tagen. 201) Aus einem Bezirk in der Provinz Moskau berichte eine Zeitschrift:

„Sie versprachen goldene Berge. Sie sagten, [das Dorf, A.d.V.] Kaschira werde 40 Millionen Rubel bekommen, jede Art von Maschinen, Traktoren, Erntemaschinen etc. Sie sagten, dass die Frauen nicht mehr waschen bräuchten, nicht mehr melken und das Vieh säubern, den Garten harken usw. Die Elektrizität werde das alles übernehmen, sagten sie. Und als sich alle diese Versprechen nicht erfüllten, waren die Frauen natürlich desillusioniert und kamen leicht unter den Einfluss der Kulaken. 202)

Tabelle 53: Zahl der kollektivierten Haushalte 1928 - 19431 in Tausend 203)

1. Juni 1928 417
1. Juni 1929 1.008
1. Januar 1930 4.627
1. Februar 1930 8.077
1. März 1930 14.597
1. April 1930 9.837
1. Juni 1930 6.332
1. Oktober 1930 5.563
1. Januar 1931 6.609

Gerüchte gingen durchs Dorf, die Frauen wolle man kollektivieren, eine Maschine würde die Alten als unnütze Esser töten, die Kinder und tausende junger Frauen würden zur Bezahlung der Ostchinesischen Eisenbahn nach China geschickt. Die Weißen kämen bald zurück, die Erde würde in zwei bis drei Jahren untergehen. In breiten Kreisen der Bauern herrschte Endzeitstimmung. 204)

Oft aber waren die Kollektivierung-Bridaden mit lautstarkem Widerstand konfrontiert. Dem traten die Kollektivierer mit Drohungen entgegen. In der Unteren Wolga wurde in einer Dorfversammlung gefragt, wer gegen die Sowjetmacht sei. Als sich niemand als Gegner der Sowjetmacht erklären wollte, wurde eine Resolution verfasst, das Dorf habe sich einstimmig für die Kollektivierung ausgesprochen. 205)

Die Versprechungen des Technologietransfers waren überhaupt nicht einzuhalten, die Fabriken begannen gerade einmal mit der Produktion der Traktoren, es gab kaum Traktorfahrer. Die Maschinen-Traktorstationen (MTS) konnte den Bestand an Traktoren von 326 im Jahr 1929 auf 8.593 im Mai 1930 erhöhen. 206) Vor 1928 hatte es sehr wenige Kollektivfarmen gegeben, entweder waren sie ein Zusammenschluss von armen Bauern oder von ortsfremden Idealisten, die Erträge waren nicht höher als die der Einzelbauern.

1929 und 1930 setzte sich die Massenkampagne zur Kollektivierung fort. Die Bauern reduzierten den Anbau, eine Möglichkeit der Kollektivierung zu entgehen, war es, in der Stadt Arbeit zu suchen. Die Bauern widersprachen der Zusammenlegung mehrerer Dörfer zu großen Kolchosen, die Einbringung der Kühe, Schweine und Hühner in das Kolchos erboste vor allem die Frauen, ebenso die antireligiöse Propaganda. Den individualistischen Bauern kam es wir eine Enteignung vor. Vier Jahre lang herrschte wieder Bürgerkrieg auf dem Land. Da arme Bauern die Kollektivierung aktiv oder passiv unterstützten, konnte der Widerstand gering gehalten werden. Die Mehrheit beugte sich und wurde Kollektivbauer, reagierte höchstens in anarchistischem Widerstand, schlachtete das Vieh, noch zwanzig Jahre später war der Bestand geringer als 1928. 25 Millionen private Bauernhöfe wurden durch 250.000 Kollektivbetriebe ersetzt. 207) Für die Industrialisierung der Landwirtschaft hätte man eineinhalb Millionen Brigadeleiter, eine Million Traktorfahrer und eine halbe Million Agronomen mit Hochschulbildung gebraucht. In der Praxis konnten die Kolchosen nur mit dem Bestand der Bauern wirtschaften, jetzt fehlten auch noch Zugpferde. Auch ein großer Teil der Dorfhandwerker wurde den Kolchosen zugeschlagen.

Bild 72: Komsomolzen suchen auf einem Friedhof nach verstecktem Getreide
x_bild_72_komsomolzen_such_nach_verstecktem_kulakengetreide_auf_friedhof.jpg

Der Kulak war zuvor eine soziale Kategorie gewesen, jetzt waren alle, die sich der Kollektivierung widersetzten, Kulaken. Der Verlust an Menschenleben und Produktionsmitteln, der Repressionsaufwand waren kolossal, Die Bauernschaft als bürgerliche Klasse wurde liquidiert. Der wirtschaftliche Erfolg blieb gering, den Bauern mussten immer wieder Zugeständnisse bei privat genutztem Hofland gemacht werden. Die Dorfgemeinschaft wurde aufgehoben.

Jetzt wollte man die Kollektivierung in drei Jahren schaffen, was man zuvor in zehn bis fünfzehn Jahren zu erreichen gehofft hatte. Aber was sollte man mit den widerspenstigen Kulaken machen? Nahm man sie in die Kolchosen auf, so hatte man den Feind im eigenen Lager. Wenn man sie woanders ansiedelte, so brauchte man Ackerland. Stalin betonte im Dezember 1929:

„Kann der Kulak in die Kollektivfarm aufgenommen werden?… Natürlich kann er nicht im Kollektiv zugelassen werden. Das ist unmöglich, denn er ist der geschworene Feind der Bewegung für die Genossenschaften.“ 208)

Er forderte die Liquidierung der Kulaken als Klasse. Eine ZK-Resolution vom Januar 1930 beschloss, die Kulaken in drei Gruppen einzuteilen. Die aktiven Konterrevolutionäre, von der GPU auf maximal 63.000 geschätzt, seien zu enteignen, die Familienvorstände in Konzentrationslager zu internieren, ihre Führer seien zum Tode zu verurteilen. Die restlichen Familienmitglieder sowie jene reichen Kulaken, die keinen aktiven Widerstand leisteten, aber ein natürlicher Verbündeter der 'Terroristen' seien, wollte man enteignen und weit von ihrer Heimatprovinz im Norden, in Sibirien, dem Ural oder Kasachstan umzusiedeln. Diese Gruppe umfasste vielleicht 150.000 Haushalte. Die loyalen Kulaken schätzte man auf 396.000 bis 852.000 Haushalte. Ihr Land sollte enteignet werden und sie sollten außerhalb der Kolchose, aber innerhalb der Heimatregion Land bekommen. 209) Die Resolution wurde nicht veröffentlicht, ging aber an alle Parteiorganisationen.

Nach sowjetischen Angaben waren es 1931 bis zu 100.000 Personen, die in Konzentrationslager eingewiesen wurden. 78.000 bis 115.000 Kulakenfamilien der Kategorie II wurden außerhalb ihrer Heimat deportiert und umgesiedelt. 210) Die Zahl der Kategorie III ist nicht schätzbar, sie wurden teilweise auch auf Neuland im Gebiet angesiedelt. Im Februar 1930 stieg die Zahl der kollektivierten Haushalte von 8,1 auf 14,6 Millionen. 211)

Ein beschämendes Drama epischen Ausmasses lief im Namen der sozialen Gleichheit ab. Es gab zahlreiche Selbstmorde der Verfolgten. Eine Armee von Bettlern und vagabundierenden Kindern wälzte sich durch die Dörfer und Städte. Natürlich waren die Eisenbahnen nicht auf die Deportationen vorbereitet und die von der Elendswelle betroffenen Orte suchten diese Ausgestossenen so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Die Deportationen zogen sich bis in den Herbst 1930 hin. Die 'Todeszüge' schockierten die Augenzeugen, die Lebensmittel waren auch für nichtbetroffene Bevölkerung im Winter 1930 knapp. Molotow gab an, dass 1,3 bis 1,5 Millionen Haushalte enteignet wurden, also sechs bis sieben Millionen Menschen, vielleicht wurden fünf Millionen Menschen deportiert.212)

Es sei erinnert, dass parallel die rechte Opposition ausgeschaltet wurde, die Kampagne gegen die bürgerlichen Spezialisten in der Industrie lief und die Industrie fieberhaft aufgebaut wurde. Der private Handel mit Getreide wurde abgeschafft, die Wohnungen und Lager der NEP-Leute wurden durchsucht, die Privatgeschäfte geschlossen. Auch die wieder auftauchenden 'Sackleute' wurden verfolgt. Die Genossenschaftsläden gaben Lebensmittel nur noch auf Karten ab, die privaten Märkte wurden geschlossen. 1922/23 hatte der private Einzelhandel über 80 Prozent des Umsatzes ausgemacht, 1929/30 ging er auf sieben Prozent zurück. 213) Die Zahl der staatlichen Läden war gering, das Angebot dürftig, die Konsumenten beschwerten sich über den Schmutz und die Geringschätzung durch die Verkäufer, dafür wurden die Schlangen vor den Geschäften immer länger.

Ein US-amerikanischer Journalist beobachtete:

„Der erste Winter [1928/29 A.d.V.] war extrem kalt, auch für die Moskauer Wetterstandards. Das Warten in den Schlangen nach Brot und anderen Notwendigkeiten wurde dadurch noch quälender. Überall gab es diese zerlumpten Linien, meist Frauen, die sich vor den Eingängen der Geschäfte drängten, Atemwolken ausstießen, ruhig, schwerfällig, kaum murrend. Private Handelskanäle wurden schnell verstopft, bevor die Regierung in der Lage war, sie durch offizielle Kanäle zu ersetzen.“ 214)

Die Liquidierung der NEP-Leute ging still vonstatten, über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt. Die privaten Läden verschwanden, der illegale Privathandel konnte nicht abgeschafft werden. Auf den Dorfmärkten durften während der dreißiger Jahre Waren angeboten werden.

'Schwindelig vor Erfolg'

Im Februar 1930 gab das ZK Rundschreiben heraus, die Kolchosen weniger überhastet zu bilden und dort, wo die durchgängige Kollektivierung noch nicht begonnen hatte, die Entkulakisierung einzustellen. Am 2. März veröffentlichte Stalin in der Prawda den Artikel 'Vor Erfolgen von Schwindel befallen', der einen neuen Kurswechsel erkennen ließ. 'Verzerrungen' bei der Durchführung der Kollektivierung wurden kritisiert, die Schuld wurde den örtlichen Funktionären angelastet. Er verurteilte die gewaltsame Kollektivierung, sie müsse auf dem Prinzip der absoluten Freiheit beruhen, niemand solle in die Genossenschaften gezwungen werden. 215) Der erzielte Anteil von 50 Prozent sei ein Erfolg, der Artikel gab den örtlichen Funktionären die Anweisung, für die 'Verankerung der erzielten Erfolge und ihre planmäßige Auswertung für den weiteren Vormarsch' Sorge zu tragen. Das ließ die Frage offen, ob man die Politik ändern oder verankern solle. 216)

Die Bauern nahmen den Artikel als Ermutigung, wieder als dem Kolchosen auszutreten. die Bewegung wuchs sich im März zu einer Massenbewegung aus. Innerhalb von wenigen Wochen reduzierte sich die Zahl der Kolchosen von 59 auf 23 Prozent, neun Millionen Haushalte verließen die Produktionsgenossenschaften wieder, der Trend setzte sich bis in den Herbst fort. 217) Ein Teil der zu Unrecht als Kulaken Umgesiedelten durften in ihre Dörfer zurückkehren, ein anderer Teil wurde Land in der neuen Gegend gegeben. Schieden nur wenige Bauern aus dem Kollektiv auf, bekamen sie in der Regel das schlechtere Land zugeteilt. Es waren vor allem Mittelbauern, welche die Kolchosen wieder verließen, die armen blieben.

Die neue Saatsaison begann sehr schlecht vorbereitet, obwohl die Saatfläche ausgeweitet wurde; das Wetter war allgemein schlecht. Es war Frühjahr, als die Kollektive sich wieder auflösten, die Aussaat konnte vielerorts nicht rechtzeitig ausgebracht werden, es war unklar, wer welches Land bebauen durfte. Es folgten Strafmaßnahmen gegen die lokalen Organisatoren der Kolchosbewegung und der Entkulakisierung. Tausende Kommunisten wurden aus der Partei ausgeschlossen und vor Gericht gestellt, weil sie den Parteibefehl dahin gedeutet hatten, in kürzester Zeit möglichst viele Bauernwirtschaften zu vergesellschaften. In der Prawda war ein regelrechter Wettlauf der erzielten Kollektivierungen angefacht worden, die jeder untere Funktionär las. Der 'Schwindel des Erfolges' hatte die Partei ergriffen, bis hin ins Zentralkomitee. Es war vor allem Stalin, der auf ein hohes Tempo der Kollektivierung gedrängt hatte. Der Artikel hätte besser mit 'Schwindelig vor Panik' überschrieben werden müssen. Die ehrgeizigen Pläne für eine vollständige Kollektivierung wurden zurück genommen.

Boris Pasternak ließ seinen Romanhelden Doktor Schiwago sagen:

„Die Kollektivierung war eine missglückte Maßnahme, aber den Fehler konnte man nicht eingestehen. Um den Misserfolg zu verheimlichen, musste man den Menschen mit allen Mitteln der Einschüchterung das Denken und Urteilen angewöhnen und sie dazu nötigen, Dinge zu sehen, die es gar nicht gab und die dem Augenschein widersprachen.“ 218)

Bild 73: Plakat: In vier Jahren werden wir die UdSSR
aus einem Agrarland in ein Industrieland verwandeln

Folge der überstürzten Kollektivierung war eine schreckliche Hungersnot. 1921/22 hatte es die letzte Hungersnot gegeben, bei der die Sowjetmacht die Weltöffentlichkeit mobilisierte. 1932/33 kam es in der Ukraine, im Nordkaukasus, an der unteren Wolga und in Kasachstan zu einer erneuen Katastrophe, die aber diesen Mal völlig verschwiegen wurde. Sie wurde dementiert und Hilfe aus dem Ausland abgelehnt.

Die Getreideernte war mit 69,5 Millionen Tonnen 1932 kaum geringer als im Vorjahr. Durch die verstärkte Industrialisierung war eine größere Menge zur Versorgung der Städte notwendig. Gegenüber 1930/31 erhöhte sich die Zahl der Bezieher von Brotkarten von 33,2 auf 40,3 Millionen Menschen, während die Getreidemenge nur wenig stieg. 219) In den Städten mussten die Brotrationen reduziert werden. Durch die Weltwirtschaftskrise fielen die Preise für Getreide auf dem Weltmarkt. Die Sowjetregierung senkte die Ausfuhren von Getreide nicht. Keine einzige Wodkafabrik musste den Betrieb einstellen.

Es war eine der furchtbarsten Katastrophen in der russischen Geschichte. Erst im Frühjahr 1933 wurde die Terrorwelle beendet. Es war bereits bewährte Taktik, die örtlichen Funktionäre für schuldig zu erklären. Für die geschätzt drei bis vier Millionen Hungertote war allein die Politik der Stalinführung verantwortlich. 220)

„Noch nie war das Territorium der Oktoberrevolution so unmittelbar vom Untergang bedroht wie in den Jahren der totalen Kollektivierung… Unzufriedenheit, Ungewissheit und Erbitterung zerfraßen das Land. Die Zerrüttung des Geldsystems, die Überlagerung von festen, 'konventionellen' und Freihandelspreisen, der Übergang vom scheinbaren Handel zwischen Staat und Bauernschaft zu Steuern auf Getreide, Fleisch und Milch, der Kampf auf Leben und Tod gegen den massenhaften Diebstahl am Kolchoseigentum und gegen die massenhafte Verheimlichung dieses Raubs, die rein militärische Mobilisierung der Partei zum Kampf gegen die Kulakensabotage nach der 'Liquidierung' des Kulakentums als Klasse, und zugleich damit die Rückkehr zum Lebensmittelkartensystem und zur Hungerration, schließlich die Wiedereinführung der Inlandspässe - all diese Maßnahmen erzeugten, so schien es, im Lande wieder die Atmosphäre des längst beendigten Bürgerkriegs.“ 221)

1933 lebten 1,3 Millionen Menschen in den Spezialsiedlungen der GPU. 222)

Im Bulletin der Opposition schrieb Trotzki:

„Selbst wenn man glaubt, dass dieses Ausmaß der Kollektivierung ein voller Triumph des Sozialismus ist, so muss man doch gleichzeitig den totalen Bankrott der Führung konstatieren, denn die Planwirtschaft setzt voraus, dass die Führung zumindest in irgendeiner Weise die grundlegenden Wirtschaftsprozesse voraussieht. Davon ist jedoch nicht das Geringste zu spüren… Der Fehler bei der Planung des Tempos beträgt ja insgesamt nur 900 bis 1.000 Prozent. Und in welchem Bereich? Nicht etwa in der Produktion von Fingerhüten, sondern bei der sozialistischen Umgestaltung der ganzen Landwirtschaft. Es ist klar, dass Stalin und Jaroslawski die einige oder andere 'konkrete Erscheinung' tatsächlich nicht vorhergesehen haben!“ 223)

Im März 1932 reagierte das ZK der KPSU und gestattete den Kolchosbauern eine eigene Kuh, Kleinvieh und Geflügel auf einem Stück Gartenland. War der Plan erfüllt, so durfte der Überschuss auf einem freien Markt verkauft werden. Die Kolchosbauern konzentrierten sich jetzt auf den Hausgarten: Auf den drei bis fünf Prozent der privaten Fläche wurde bis zu einem Drittel der Bruttoproduktion erzeugt. Das Resultat war eine drastische Preissteigerung für die Stadtbevölkerung. Die Kollektivierung wurde jetzt mit steuerlichen Mitteln betrieben, die Abgaben für private Landwirte wurden drastisch erhöht, die Dörfer konnten durch 'Arrondierungen' die Widerspenstigen in die Kolchosen zwingen. Folge war eine große Gleichgültigkeit der Kolchosbauern gegenüber ihrem Betrieb, die Produktivität der Mehrheit der Kolchosen lag unter Durchschnitt der Einzelbauern. Bis zum Krieg wurden die Einzelbauernschaften liquidiert. 224)

Die Zeitungen empfahlen den Arbeitern, sich Gärten anzuschaffen und selbst Lebensmittel zu erzeugen. In Betrieben wurden eigene Abteilungen zur Erzeugung der verteuerten Güter eingerichtet. Statt den Plan zu erfüllen, sollte man nebenbei noch Hühner und Kaninchen züchten.

1931 wurden Verkaufsstellen für nichtrationierte Waren eingerichtet. 1932 kostete ein Brot auf dem privaten Markt das 20- bis 30-fache des Preises auf der Bezugskarte. 225) Das senkte den Lebensstandard weiter, besonders für jene, deren die Lebensmittelkarten entzogen wurden. Andererseits wurden Spezialläden eröffnet, in denen mit Edelmetallen und Devisen bezahlt werden konnte. Die Inflation, das unterschiedliche Preisniveau, die verschiedenen Versorgungssysteme brachten Doppelmoral, Falschheit, Schmuggel und Demoralisierung hervor. 226)

Tabelle 54: Sozialstruktur der sowjetischen Bevölkerung 1928 - 1937 in Prozent 227)

soziale Gruppe 1928 1937
Arbeiter, Angestellte 17,3 34,7
Kolchosbauern und -handwerker 2,9 55,5
Einzelbauern ohne Kulaken 72,9 5,6
Bürgertum (Groß-, Kleinbourgeoisie, Händler, Kulaken 4,5 -
Sonstige (Studenten, Armee-Angehörige 2,4 4,2

1933 war das Passsystem wieder eingeführt worden, aber auf dem Land wurden die Inlandspässe nicht ausgegeben, so konnten die Bauern in den Kolchosen gehalten werden. Das 1920 eingeführte 'Parteimaximum' der Begrenzung der Löhne der Kommunisten auf Facharbeiterniveau wurde 1929 abgeschafft. Über die Lohnhöhen und Einkommensunterschiede wurde in den Statistiken fortan geschwiegen. Innerhalb der Partei gab es jetzt ein fein verästeltes und abgestuftes Lohnsystem, das mit der Lieferung von verschiedenen Kategorien und Qualitäten von Lebensmitteln verbunden war. Der Antrieb zum Heraufklettern der hierarchischen Leiter wurde geschaffen. Wohnungen und Sanatoriumsplätze wurden sorgfältig gestreut. Die Regel, alle Lasten und Leistungen auf die gesamte Gesellschaft zu verteilen, wurde als 'kleinbürgerliche Gleichmacherei' denunziert.

Die Bürokratie kommandierte, dachte für alle - und sie dachte schlecht - ernannte, und ernannte meist einen von 'sich', die Vetternwirtschaft trieb ihre Blüten. 228) Während dieser Zeit des Hungers nahmen die Privilegien der Bürokraten deutlich zu. Die Vertreter dieser Schicht begann anders zu leben als die Bevölkerung, die die Last des wirtschaftlichen Wachstums zu tagen hatte. Schichten von Spitzenfunktionären gerieten außerhalb des Gesichtsfelds breiter Massen, wurden die Unterschiede sichtbar, reagierten sie mit Entrüstung.

Eine Kaste entstand, die glaubte, etwas 'Besonderes' zu sein. In den dreißiger Jahren rückte eine Generation in die Führung, die sich der bolschewistischen Tradition nicht mehr verpflichtet fühlte und im Geiste des Hierarchiedenkens und der Ergebenheit zu ihrem 'Führer' erzogen wurde. Streben nach sozialer Gleichheit wurde zum 'Sozialneid', das hatte der Stalinismus mit einer anderen Gesellschaft gemeinsam. Man war stolz auf die großen Rationen.

Die Privilegien erstreckten sich auf die Führer der Partei, der Gewerkschaften, der Staats- und Wirtschaftsbürokratie, auf die Spitzen der Armee und der GPU, die wichtigen Vertreter der wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Intelligenz. Wie alle Parvenüs überboten sie sich in Banketten und Festen. Mit der Drohung der Entziehung des Chauffeurs oder gar des Autos, in schlimmeren Fällen mit dem Entzug des Rechts der Nutzung der Kreml-Kantine und der Spezialläden konnten fast alle Privilegierten bei der Stange gehalten werden.

Trotzdem hinkte die Wirklichkeit hinter der Planung her, besonders die Konsumgüterindustrie blieb weit zurück, die Wachstumsraten lagen teilweise hinter den Zuwächsen von 1922 bis 1928. Die Landwirtschaft konnte die gesteckten Ziele nicht erreichen. Besonders der Viehbestand ging zurück. Die Verlust an Arbeitsvieh wurden nur teilweise durch Traktoren und Landmaschinen ersetzt. 1932 hatte die Sowjetunion 1,1 Millionen PS Traktoren, die Zahl der Pferde sank um 13,6 Millionen. 229) Die Arbeitsproduktivität sank. Dies wurde durch einen massiven Einsatz von Arbeitskräften kompensiert, 1932 gab es 23 Millionen Arbeiter, der Plan hatte nur 16 Millionen vorgesehen. Der Nominallohn verdoppelte sich, der Reallohn fiel jedoch stark ab. 230)

Während der zwanziger Jahre war das Geldsystem stabilisiert worden, jetzt wurde es wieder zerrüttet. 1928 bis 1932 verfünffachte sich der Geldumlauf, die Kaufkraft des Rubels stieg um 60 Prozent. 231) Die Qualität der Erzeugnisse verschlechterte sich im erschreckendem Umfang. Stalin propagierte, die Sowjetunion werde im zweiten Fünfjahresplan die fortgeschrittensten kapitalistischen Staaten in den wichtigsten Bereichen einholen. Die Sowjetunion wandelte sich zu einem Industriestaat mit großen Verwerfungen.

'Der Parteitag der Sieger'

1933/34 war das Land gegenüber der vorangegangenen und nachfolgenden Periode in einer 'liberalen' Phase. Jener Teil der Linken und Rechten, die vor Stalin kapituliert hatten, konnte nach Moskau zurückkehren. 1932 waren Sinowjew und Kamenew wieder aus der Partei ausgeschlossen und erneut nach Sibirien verbannt worden, um 1933 nach einem erneuten Widerruf wieder zurückkehren zu dürfen. Mit dieser Taktik wurden die Oppositionellen eingeschüchtert und verwirrt. 1932 und 1933 wurden Hunderttausende Mitglieder und Komsomolzen ausgeschlossen. Selbst die Aufrechtesten und Unbeugsamsten wie Christian Rakowski verloren die Hoffnung und gaben auf.

Bild 74: Das Politbüro des XVII. Parteitages 1937
v.l.n.r.: Ordschonikidse, Stalin, Molotow, Kirow, oben: Woroschilow, Kaganowitsch,Kuibyschew

Nach Lenins Tod wurden alle Parteitage mit Verspätung einberufen, der XVII. Parteitag mit zweieinhalb Jahren Verzögerung. Das war nicht wichtig, denn entschieden wurde nur noch im Politbüro und durch den Generalsekretär. Die Veranstaltung wurde als 'Parteitag der Sieger' bezeichnet, seine Reden waren Triumphe. Mit keinem Wort wurde auf den faktischen Bürgerkrieg und die Hungersnot eingegangen, alle Schwierigkeiten und Versäumnisse wurden auf den Widerstand des Klassenfeindes oder auf Fehler der lokalen Parteiorganisationen zurück geführt.

In seinem Rechenschaftsbericht sprach Stalin von einer Getreideernte von 89,8 Millionen Tonnen, tatsächlich wurden nur 68,4 Millionen Tonnen geerntet, so wenig wie im Bürgerkrieg. 232) Es gab zwei Arten von Statistiken, eine positive für die Presse und eine der Realität nähere für den Dienstgebrauch. Stalin betonte, alle Gegner des sozialistischen Aufbaus seien geschlagen, die Gefahr der Spaltung bestehe nicht mehr. Stalin rühmte:

„Der Sieg des Sozialismus auf allen Gebieten der Volkswirtschaft hat die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft.“

Die Rückständigkeit der Sowjetunion sei abgeschafft, aus einem Agrarland sei ein Industrieland geworden mit kollektivierten mechanisierten landwirtschaftlichen Großbetrieben, ein gebildetes, kulturell hochstehendes Land. 233)

Der Personenkult um Stalin wurde verschärft, die Redner bezeichneten Stalin als 'groß', 'genial' oder gar 'genialst', was wohl die höchste Steigerungsform sein sollte. Die Erwähnung seines Namens löste Beifall aus. Besonders unterwürfig waren die Reden der besiegten und in die Arme der Partei zurückgekehrten Oppositionellen. Bucharin bezichtigte sich theoretischer Fehler, die Stalin, dieser ruhmreiche Feldmarschall der proletarischen Kräfte, unter der brillanten Anwendung der Dialektik von Marx und Lenin… widerlegt habe. 234) Auch Tomski, Radek, Preobraschenski, Sinowjew und Kamenew anerkannten ihre Fehler. Den reuigen Renegaten sollte die kriecherische Haltung nichts nutzen.

Die geheime Abstimmung über die Mitglieder des Zentralkomitees zeigte, dass die einstimmige Unterstützung Stalins durch die Partei nur eine Fassade war: Von den 1.125 Delegierten stimmten etwa 270 gegen ihn, Kirow bekam nur drei Gegenstimmen. 235) Davon erfuhren weder die Delegierten noch die Öffentlichkeit. Mit den 'alten Bolschewiki' konnte Stalin keine neue Partei aufbauen, seine Biografie war ihnen bekannt, trotz ihrer Servilität kamen sie aus der Schule Lenins.

Die 'liberale' Phase wurde am 1. Dezember 1934 durch die Ermordung von Sergei Kirow beendet. Die Schüsse auf Kirow waren Ausdruck einer diffusen Unzufriedenheit unter der Jugend, die keinen politischen Ausweg fand. Die herrschende Schicht fühlte sich mit dem Mord angegriffen und schlug brutal zurück.

Bild 75: Die Mitglieder des ZK der Bolschewiki von 1917 und ihr Lebensende

Die verbannten und teilweise zurückgekehrten Oppositionellen waren eine potentielle Gefahr, auch wenn sie sich völlig anpassten. Im Fall von Unruhen konnten sie Kristallisationspunkt einer Gegenmacht werden. Sinowjew, Kamenew und tausender andere Oppositionelle wurden wieder gefangen genommen, vom NKWD, der Nachfolgerin der GPU, physischer und psychischer Folter unterworfen, um von ihnen ein Schuldbekenntnis zu erpressen. Sinowjew gestand, dass die frühere Opposition 'die Degenration dieser Verbrecher gefördert habe'. 236)

Im Frühjahr 1935 wurden etwa 40 Männer aus der engen Umgebung Stalins unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt, zwei wurden hingerichtet. Überall setzte eine fieberhafte Jagd nach Terroristen ein. Aus Leningrad wurden Zehntausende von verdächtigen Kommunisten und Komsomolzen nach Sibirien deportiert, auch in anderen Städten füllten 'Kirow-Mörder' Gefängnisse und Lager.

In den zwanziger Jahren waren politische Gefangene recht mild behandelt worden. Im Gefängnis hatten sie die Möglichkeit gehabt, zu studieren und sich mit anderen politischen Gefangenen auszutauschen, zwischen den Gefängnissen und Verbannungsorten hatte es eine rege Diskussion in Briefen gegeben. Wie im Zarenreich waren es die Hochschulen der Revolution. Das änderte sich jetzt völlig. Die Schauprozesse fanden 1936 bis 1938 statt. Alle Angeklagten wurden beschuldigt, seit dem ersten Tag der Revolution für den britischen, französischen, deutschen und japanischen Geheimdienst gearbeitet zu haben, sie hätten geheime Abmachungen mit den Faschisten über die Zerstückelung der Sowjetunion getroffen. Nicht ein einziges Beweismittel wurde vorgelegt. Die Indizienkette war dürftig und teilweise falsch. Die Angeklagten wurden physisch und psychisch gefoltert, sie gestanden und demütigten sich.

Zwischen dem XVII. Parteitag 1934 und dem XVIII. Parteitag 1939 wurden 1,2 Millionen Parteimitglieder bei Säuberungen ausgeschlossen. Von den 71 gewählten Mitgliedern des ZK überlebten 16, vier verstarben. 59 wurden erschossen oder verurteilt. So erneuerte Stalin die Partei. In der Roten Armee verloren 90 Prozent der Divisionsgenerale ihren Posten. 237)

In der Außenpolitik schlug die Sowjetunion ab 1934 die Politik der Volksfront gegen den Faschismus ein und verkehrte Lenins Politik des internationalen Klassenkampfes in ihr Gegenteil. Im August 1939 wechselte er die Politik und verbündete sich mit dem Todfeind der Arbeiterbewegung, dem deutschen Faschismus. Es war Mitternacht des Jahrhunderts.


1) Nove, An Economic History of the U.S.S.R., p.76
2) IML, Geschichte der KPdSU, Band IV,1.Teil, p.158; Pollock, Planwirtschaft, p.136
4) , 117) Erlich: Die Industrialisierungsdebatte in der Sowjetunion, p.24/25
5) Pollock, p.122
6) Nove, p.79
7) ebenda, p.84
8) ebenda, p.75
9) ebenda, p.76
10) ebenda, p.82
11) Pollock, p.146
12) Carr, The Interregnum, p.6/7
13) Nove, p.98
14) ebenda, p.85
15) Merl, Die Anfänge der Kollektivierung in der Sowjetunion, p.25
16) Atkinson, The End of the Russian Land Commune, p.327
17) Merl, p.26
18) Pollock, p.161
19) ebenda, p.171/172
20) Ball, Russia's Last Capitalists, p.23
21) ebenda, p.30
22) ebenda, p.93/94
23) ebenda, p.94
24) Pollock, p.154
25) Ball, p.111
26) Chase, Workers, Society, and the Soviet State, p.124
27) ebenda, p.125
28) siehe Kapitel 10: Sowjetkultur
29) Ball, p.41
30) , 31) ebenda, p.16
32) Nove, p.103
33) Carr, The Interregnum, p.48
34) Schröder, Industrialisierung und Parteibürokratie, p.98
35) Süß, Die Arbeiterklasse als Maschine, p.39
36) Carr, Socialism in one Country, Band I, p.369
37) ebenda, p.375
38) ebenda, p.376
39) Carr, Socialism in one Country, Band I, p.385
40) ebenda, p.392
41) Chase, p.311
42) Süß, p.35
43) ebenda, p.37
44) Chase, p.259
45) Carr, Socialism in one Country, Band I, p.410
46) Chase, p.175
47) Carr, Davies, Foundations of a Planned Economy, Vol.I/2, p.605
48) ebenda, Vol.I/2, p.606
49) ebenda Vol.I-2, p.608
50) Chase, p.215
51) ebenda, p.218
52) , 201) ebenda, p.219
53) , 54) ebenda, p.176
55) Davies, The Soviet Economy in Turmoil, p.11
56) Carr, Davies, p.698
57) Süß, p.62
58) Chase, p.184
59) ebenda, p.185
60) Carr, Davies, p.615/616
61) Chase, p.187
62) ebenda, p.177
63) Chase, p.186
64) Pollock, p.108/109
65) ebenda, p.110; siehe auch Tabelle 35
66) Pollock, p.105, Alle Zahlen beruhen auf Schätzungen
67) Lenin: XI. Parteitag der KPR(B). Politischer Bericht des Zentralkomitees, 27.März 1922, in: Lenin-Werke Band 33, p.275/276
68) Carr, The Interregnum, p.40/41
69) ebenda, p.41
70) Cohen, Bukharin, p.271
71) Carr, Foundations of a Planned Economy 1926-1929, Vol.2, p.292
72) ebenda, p.296
73) Legett, p.342
74) , 75) ebenda, p.359
76) Schröder, p.188
77) Carr, Socialism in one country, Vol.2, p.445
78) Schröder, p.195
79) Atkinson, p.301
80) Davies, Socialist offensive, p.54
81) Altrichter, p.172
82) Lewin, Russian Peasants and Soviet Power, p.81
83) Altrichter, p.141
84) Atkinson, p.307
85) Merl, p.91
86) Davies, Socialist offensive, p.51/52
87) Merl, p.108
88) ebenda, p.306
89) ebenda, p.313
90) ebenda, p.186
91) Carr, Foundations of a Planned Economy 1926-1929, Vol.2, p.420
92) Carr, Socialism in one country, Vol.2, p.231
93) Deutscher, Trotzki. Der unbewaffnete Prophet, p.227
94) Carr, Davies, Foundations of a Planned Economy, Vol.I-2, p.971
95) nach Carr, Foundations of a Planned Economy 1926-1929, Vol.2, p.491
96) Daniels, p.214/215
97) ebenda, p.216
98) Carr, The Interregnum, p.276
99) ebenda, p.347/348
100) ebenda, p.350
101) ebenda, p.354
102) Daniels, p.201
103) ebenda, p.204/205; zum Organisationsschema siehe Grafik 2
104) ebenda, p.204
105) Fainsod, How Russia Is Ruled, p.181
106) Cohen, Bukharin, p.326
107) Carr, Socialism in one country, Vol.2, p.180
108) Siehe Tabelle 36: Mitglieder der Kommunistischen Partei 1918 - 1933
109) Carr, Foundations of a Planned Economy 1926-1929, Vol.2, p.474
110) Eine persönliche Bemerkung sei gestattet: Der neue Stil der Auseinandersetzungen macht es auch heute noch extrem schwer, bei der Lektüre der Werke der Troika wach zu bleiben.
111) Deutscher, Stalin, p.304
112) ebenda, p.307
113) Pirker, die Moskauer Schauprozesse, p.53; Koba war der Kampfnahme Stalins vor der Revolution.
114) Chase, p.234
115) IML, Geschichte der KPdSU, Band IV/1, p.332
116) ebenda, p.343
118) Cohen, Bukharin, p.177
119) ebenda, p.233
120) Erlich, p.37/38
121) , 128) ebenda, p.48
122) Deutscher, Trotzki. Der unbewaffnete Prophet, p.236
123) Carr, Socialism in one country, Vol.2, p.155
124) Carr, Foundations of a Planned Economy, Vol.2, p.7
125) ebenda, p.14
126) Carr, Foundations of a Planned Economy, Vol.2, p.33
127) ebenda, p.41/42
129) IML, Geschichte der KPdSU, Band IV/1, p.287
130) Zeidler, Reichswehr und Rote Armee, p.43
131) Groehler, Selbstmörderische Allianz, p.39/40
132) ebenda, p.40
133) ebenda, p.40/41
134) ebenda, p.45
135) Zeidler, Reichswehr und Rote Armee, p.302
136) Carr, Socialism in one Country, Vol.3/I, p.301
137) Die Entwicklung der Kommunistischen Internationale wird in einer späteren Arbeit behandelt.
138) Cohen, Bukharin, p.277
139) Carr, Foundations of a Planned Economy, Vol.2, p.92
140) ebenda, p.96
141) Lewin, p.324
142) Deutscher, Trotzki. Der unbewaffnete Prophet, p.436
143) ebenda, p.399/400
144) Carr, Foundations of a Planned Economy, Vol.2, p.98
145) Kuromiya, Stalin's Industrial Revolution, p.38
146) Deutscher, Trotzki. Der unbewaffnete Prophet, p.209
147) Carr, Davies: Foundations of a Planned Economy, Vol.1/I, p.448
148) ebenda, p.450
149) IML, Geschichte der KPdSU, Band IV/1, p.619
150) Lewin, p.344/345
151) ebenda, p.347
152) Carr, Davies, Foundations of a Planned Economy, Vol.I/2, p.585
153) Kuromiya, p.172
155) Davies, The Soviet Economy in Turmoil, p.118
156) Carr, Davies, Foundations of a Planned Economy, Vol.I/2, p.596
157) Kuromiya, p.175
158) ebenda, p.21
159) Schröder, p.91/92
160) Davies, The Soviet Economy in Turmoil, p.377
161) Kuromiya, p.82
162) ebenda, p.231
163) Davies, The Soviet Economy in Turmoil, p.267
164) ebenda, p.299
165) ebenda, p.305/306
166) Süß, p.228
167) ebenda, p.229
168) , 226) ebenda, p.236
169) Schröder, p.112
170) ebenda, p.114
171) ebenda, p.115
172) ebenda, p.294
173) ebenda, p.285/286
174) ebenda, p.267
175) ebenda, p.286
176) , 214) ebenda, p.105
177) ebenda, p.308
178) ebenda, p.315
179) ebenda, p.122
180) ebenda, p.123
181) ebenda, p.129
182) ebenda, p.135
183) Süß, p.240
184) Davies, The Soviet Economy in Turmoil, p.249
185) ebenda, p.250/251
186) Kuromiya, p.141
187) ebenda, p.142
188) ebenda, p.263/264
189) ebenda,p.160
190) ebenda, p.263
191) Deutscher, Stalin, p.342
192) Lewin, p.218
193) Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.27
194) ebenda, p.31
195) Lewin, p.226
196) Stalin Werke Band 11, p.14,16; Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.32
197) Lewin, p.263
198) Davies, p.204
199) ebenda, p.442/443
200) ebenda, p.206
202) ebenda, p.220
203) ebenda, p.441
204) ebenda, p.213
205) ebenda, p.221/222
206) Merl, p.349
207) Cohen, p.339
208) Atkinson, p.358
209) Davies, p.235/236
210) ebenda, p.248
211) ebenda, p.252
212) Lewin, p.507
213) Ball, p.104
215) Davies, Socialist offensive, p.252
216) Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.161
217) Lewin, p.515
218) Rogowin, 1937 - Jahr des Terrors, p.13
219) Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.369
220) ebenda, p.383
221) ebenda, p.383; Trotzki, Die Verratene Revolution, p.43
222) Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.230
223) ebenda, p.155
225) Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.235
227) Schröder, p.267
228) Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, p.245
229) , 230) ebenda, p.366
231) ebenda, p.367
232) Rogowin, Vor dem großen Terror; p.50
233) Pirker, die Moskauer Schauprozesse, p.64
234) Rogowin, Vor dem großen Terror; p.55
236) 1653 Deutscher, Stalin, p.380
237) Pirker, p.84/85
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