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8._buergerkrieg_und_kriegskommunismus

8. Kapitel: Bürgerkrieg und Kriegskommunismus

Es gelang dem Volkskommissar Trotzki, innerhalb von Monaten um klassenbewusste Arbeiter und Soldaten eine disziplinierte Armee aufzubauen. Das war aufgrund der Vielzahl der Gegner eine dringende Notwendigkeit. Im Bürgerkrieg kämpfte die Rote Armee gegen die Tschechoslowakische Legion, gegen die Kosaken am Don und Kuban, gegen die sozialrevolutionäre Regierung in Samara, gegen die weißen Truppen von Koltschak und Denikin, gegen die ukrainischen Nationalisten Petljuras, gegen die Truppen Estlands und Lettlands, gegen die polnische Invasion und gegen die Armee Machnos. Unterstützt wurden die Bürgerkriegs-Gegner von den Alliierten, die im Weißen Meer, in Wladiwostok, im Schwarzen Meer, im Baltikum und Kaukasus mit eigenen Truppen eingriffen. Nur mit äußerster Kraftanstrengung konnten die Gegner besiegt werden.

Die Gegner der Bolschewiki hatten neben dem militärischen Nachteil, vom Rand des Riesenreiches angreifen zu müssen, völlig unterschiedliche Ziele. Die Weißen in Koltschaks, Denikins und Judenitschs Armeen waren für die Restaurierung der Zarenmonarchie, die Regierung in Samara und die Kosaken hatten eine bürgerliche Republik zum Ziel, ukrainischen und kaukasischen Nationalisten strebten nach der Unabhängigkeit, die Nachbarstaaten nach einer Schwächung Russlands, die Alliierten konnten die verschiedenen Interessen nicht unter einen Hut bringen. Die weniger schwache Sowjetmacht konnte so den Sieg erreichen.

Es war ein hoher Preis. Die Grausamkeit und Zerstörung des Krieges gingen einher mit einer katastrophalen Wirtschaftslage. Die Bolschewiki versuchten dem mit einer Verstaatlichung des Elends zu begegnen, sie förderten damit den Schwarzmarkt. Den Bauern konnte die Sowjetmacht für ihre Lebensmittel keine Industriegüter bieten, sie weigerten sich, ihr Getreide für wertloses Geld herzugeben, reduzierten die Anbaufläche, produzierten nur noch für den Eigenbedarf und versteckten das vorhandene Getreide. Die Beschlagnahmung-Komitees mussten sich das Getreide mit Gewalt holen, was zu Aufständen der Bauern führte.

In ihrem Bemühen um den Sieg der Sowjetmacht zentralisierte die KPR alle Entscheidungen, unterwarf die Politik militärischer Disziplin. So kämpfte sie auch gegen die Bauernarmee von Nestor Machno, der in der Ukraine anarchistische Vorstellungen zu verwirklichen suchte. Die Arbeiterkontrolle wurde schnell wieder als unpraktikabel aufgegeben, die Wirtschaftsführung zentralisiert. Die Gewerkschaften wurden die Kontrolle der Partei unterstellt. Trotzki propagierte die Militarisierung der Arbeit. Die Tscheka setzte die Gewalt der Sowjetmacht rigoros durch. Die Zentralisierung führte zu einer gewaltigen Aufblähung des Staatsapparates, dessen Mitglieder dem Sowjetsystem mehr oder weniger feindlich gegenüber standen. Auf dem Zehnten Parteitag 1921 wurde auch die Fraktionsbildung der KPR verboten.

Der Aufstand von Kronstadt brachte die Bolschewiki zur Erkenntnis, dass die Politik des Kriegskommunismus gescheitert war. Ein Rückschritt in Richtung Kapitalismus schien notwendig, um das politische Überleben des Sowjetsystems zu sichern.

Die Gründung der Roten Armee

Sowjetrussland brauchte eine neue Armee. Im Februar 1918 war der Kosakenaufstand am Don niedergeschlagen worden, im April der Angriff auf Jekatinodar im Kuban abgewehrt worden. Aber kaum einen Monat später flammten die Kämpfe wieder auf. Die Sowjetregierung diskutierte Pläne für den Aufbau der Roten Armee, ihr Aufbau wurde nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk vorangetrieben. Trotzki wurde Volkskommissar für den Krieg, er hatte als Berichterstatter in den Balkankriegen journalistische Erfahrung gesammelt, eine militärische Ausbildung hatte er nicht. Dem ersten Oberkommandierenden wurden zwei politische Kommissare zur Seite gestellt.

1912 hatte der internationale Sozialistenkongress die Abschaffung des stehenden Heeres, also der Berufsarmee, die allgemeine Wehrpflicht sowie die Abschaffung der Kaste der Berufsoffizier gefordert, eine Milizarmee sollte eng mit dem Volk verbunden sein. 1) Auch Lenin hatte in 'Staat und Revolution' die Gefahr der Repression durch das stehende Heer betont. Als die Bolschewiki die Rote Armee schufen, hatten sie kein Vorbild, an das sie sich halten konnten. Die Zarenarmee war völlig unbrauchbar geworden. Die ersten Soldaten bestanden aus Rotgardisten der Hauptstädte und den treuen Anhängern der Revolution unter den Petrograder Matrosen und einigen bolschewistischen Einheiten wie die Lettischen Schützen, das waren während der Oktoberrevolution vielleicht 10.000 bis 12.000 Bewaffnete. 2) Glücklicherweise waren ihre Gegner noch schlechter aufgestellt.

Bild 59: Leo Trotzki 1917
Als Trotzki das Volkskommissariat für den Krieg übernahm, war ihm klar, dass mit Milizformationen an einen Sieg über gut ausgebildete und bewaffnete Armeen nicht zu denken war. Den Kern bildeten mit den Rotgardisten die proletarischen Kämpfer, um sie herum baute er nach und nach wehrpflichtige Arbeiter ein, die später durch die Wehrpflicht auch für die Bauern ergänzt wurde. Innerhalb eines Jahres stellte Trotzki die Organisation der Roten Armee auf, ohne Fachmann zu sein, was ihm die Wertschätzung aller Militärspezialisten einbrachte.

Er schaffte die Wählbarkeit der Offiziere wieder ab und führte die verhasste Todesstrafe wieder ein. Es war geplant, eine Armee von eineinhalb Millionen Soldaten aufzubauen, aber dazu fehlte es an Freiwilligen aus der Arbeiterklasse. Am 1. April 1918 waren es 156.000 Soldaten, mit Mühe konnten sie bis 20. April auf 200.000 verstärkt werden. Am 29. Mai 1918 wurde die Militärdienstpflicht verkündet, aber zuerst zog man nur Arbeiter ein. 3) Im April legte Trotzki den Plan vor, ehemalige zaristische Offiziere in die Rote Armee aufzunehmen. Das stieß besonders bei den Linken Kommunisten auf heftigen Widerstand und widersprach dem Ideal einer Milizarmee. Smilga unterstützte Trotzkis Konzeption:

„Für die neue Armee hat sich das Prinzip der Wählbarkeit [der Kommandeure, A.d.V.] als gänzlich unbrauchbar erweisen. Ein gewählter Kommandeur ist kein Vorgesetzter. Er wird sofort beseitigt, wenn seine Verfügung den Soldaten nicht gefällt. Alle Versuche, den einmal gewählten Kommandeur festzuhalten, misslangen. Fast überall wurde auf Kommandostellen feige und anpassungsfähige Männer gewählt. Nie haben Unehrlichkeit und Verschwendung eine solche Blüte erreicht, wie zur Zeit der Wählbarkeit der Vorgesetzten. Ein aus nur 300 bis 400 Mann bestehendes Regiment forderte Gehalt und Lebensmittel, als wäre es vollständig besetzt. Niemand konnte verantwortlich gemacht werden. Der Kommandeur berief sich auf das Komitee, das Komitee auf den Willen der Massen als den obersten Richter. Über militärische Befehle wurde mehrere Tage hindurch beraten, schließlich wurden sie ausgeführt oder auch nicht, je nach der gefassten Resolution…“ 4)

Die Anfänge waren ausgesprochen mühselig, am 1. Mai 1918 sollte eine große Parade der neuen Armee abgehalten werden. Einige Abteilungen erschienen trotz Befehls nicht, andere verließen den Platz vor Ende der Parade. 5) Im Juni und Juli zog man Arbeiter aus Petrograd, Moskau und dem Ural ein und konnte so den Stand der Armee auf 450.000 Mann erhöhen. 6) Die Atempause des Vertrages von Brest-Litowsk dauerte nicht lange, im März traf die Nachricht von der Landung britischer Truppen in Murmansk ein.

Trotzki ließ im Juni 1918 die demobilisierten Armeeoffiziere registrieren. Die Offiziere wurden unter strenger Bewachung in die Armee gezwungen, ihre Familien als Geiseln unter Aufsicht gestellt, in zwei Jahren kamen so 50.000 ehemalige Zarenoffiziere in die Rote Armee. 7) 8.000 von ihnen hatten sich meist aus patriotischen Gründen freiwillig gemeldet.

Die Kommandos bestanden aus einem Militärspezialisten und zwei Kriegskommissaren. Sie kontrollierten den Militärkommandanten und waren für die politische Erziehung der Soldaten zuständig. Gab es Meinungsverschiedenheiten, so konnten sich die Kommissare durchsetzen.

Trotzki erklärte im Juni 1918 die Aufgaben der Kommissare:

„Der Kommissar ist der direkte Vertreter der Sowjetregierung in der Armee, der Verfechter der Interessen der Arbeiterklasse. Wenn er sich in die militärischen Operationen nicht einmischt, so deshalb, weil er hinter jedem militärischen Leiter steht, seine Handlungen verfolgt und jeden seiner Schritte kontrolliert. Der Kriegskommissar ist ein Politiker. Der militärische Leiter bürgt mit seinem Kopfe für seine ganze Tätigkeit, für den Ausgang der militärischen Operationen. Hat der Kommissar festgestellt, dass der Revolution von Seiten der militärischen Leiter Gefahr droht, so hat der Kommissar das Recht, den Konterrevolutionär erbarmungslos abzuurteilen, ja ihn zu erschießen! Es obliegt den Kriegskommissaren die Pflicht, unermüdlich tätig zu sein, um das Klassenbewusstsein in der Armee zu heben und schonungslos die unerwünschten Elemente auszurotten.“ 8)

So standen die Kommandanten unter ständiger Drohung. Als es im Herbst 1918 unter den Militärspezialisten einige Fälle von Untreue gab, ließ Trotzki einige Familienangehörige erschießen. 9) Die Kommissare waren Mitglieder der Kommunistischen Partei, die KPR hatte im Oktober 1919 180.000 und im August 1920 278.000. Mitglieder in der Roten Armee. 10) Sie kämpften treu ergeben und zogen die Bauernrekruten oft mit. Fielen sie den Weißen in die Hände, war ihnen die Erschießung sicher. Sie wurden bewusst in den Einheiten verteilt und waren der Hefeteig in der Roten Armee. Wurde die Rote Armee zurückgeschlagen, so blieb immer eine Gruppe von Kommunisten zur Untergrundarbeit und Propaganda hinter den feindlichen Linien zurück, diese Möglichkeit hatten die weißen Generäle nicht.

Die Moral der Truppe wurde durch Propaganda hoch gehalten. Überall gab es Soldatenklubs, in denen man Theater spielte und Vorträge hielt, eine künstlerisch hochwertige Plakatkunst motivierte Soldaten und Bauern. Alle Kräfte des am Boden liegenden Landes wurden für den militärischen Sieg mobilisiert. Leonid Krassin wurde mit der außerordentlichen Kommission für die Rüstungsgüter der Roten Armee betraut. Rykow organisierte die Lebensmittelversorgung der Truppen.

Im September 1918 wurde gegen die Gegner eine Ost- , Südwest- und Nordfront gebildet. An den drei Fronten operierten zwölf Armeen. Den Hauptbestandteil machte die Infanterie aus, die mit Gewehren und Maschinengewehren bewaffnet war, es herrschte ständig ein Mangel an Waffen und Munition.

Das Problem waren die Führungskader, 60 Prozent der Kommandostellen blieben unbesetzt. Eine Kommandeursschule wurde eröffnet, die der Ausstattung des geplanten Drei-Millionen-Heeres nur sehr langsam nachkam. 11) Die ehemaligen Zarenoffiziere waren nicht sehr willige Führer, auf diese Klassenfeinde konnte man auch Niederlagen abwälzen. In drei- bis sechsmonatigen Kursen wurden 40.000 rote Offiziere aus einfachen Soldaten herangebildet, die den Mangel an Erfahrung durch Hingabe und Opferwillen ausglichen. 12)

Die Rote Armee hatte Ende 1918 800.000, Anfang 1920 drei Millionen, im Laufe des Jahres 1920 fünfeinhalb Millionen Kämpfer. Davon war nur ein Teil an den Fronten, eine große Anzahl wurde zur Bekämpfung innerer Aufstände eingesetzt. Die Desertionen waren bedeutend, aber geringer als bei den Weißen. Nach offiziellen Angaben waren es 1919 und 1920 über 2,8 Millionen Deserteure, von denen allerdings 1,5 Millionen zu ihrer Einheit zurückkehrten. 13) Deserteure konnte man nicht massenhaft erschießen, sonst wären sie zum Feind übergelaufen, man richtete 'nur' 612 Rädelsführer hin, 53.000 Deserteure kamen in Strafeinheiten. 14)

Die Rote Armee war eine internationalistische Streitmacht. In der KPR hatte sich Kriegsgefangene in einer internationalen kommunistischen Partei mit 6.000 Mitgliedern zusammen gefunden. 15) m Mai erschien ein Aufruf in der Prawda, sich der Roten Internationalen Legion anzuschließen. Einige hundert Kriegsgefangene traten der Armee bei, unter ihnen viele Ungarn, auch unter den deutschen Kriegsgefangenen gab es Freiwillige. Viel beachtet wurden die chinesischen Soldaten: Während des Krieges waren für den Bau der Eisenbahn nach Murmansk chinesische Arbeiter rekrutiert worden, von denen sich ein Teil für die internationale Legion gewinnen ließen. Unter den tschechischen Kriegsgefangenen schlossen sich eine Minderheit der 200 bis 350 der Roten Armee an, der Rest verhielt sich gegenüber ihrer Führung loyal. 16) Bradley berichtet von 182.000 ausländischen Soldaten aus zwölf Nationen, die den internationalen kommunistischen Einheiten beitraten, Marie von 30.000. 17)

1918 spielten sich die Kämpfe aufgrund der großen Entfernungen Russlands meist in den Städten und wie beim Vormarsch der deutschen Armee entlang der Eisenbahnlinien mit geringen Zahlen von Soldaten ab. Dabei wurden zunehmend Panzerzüge eingesetzt, auf die Waggons setzte man Kanonen. Sie beeindruckten vor allem durch den Krach der Kanonenschüsse, den man abseits der Front noch nicht gewohnt war. Die Taktik war denkbar einfach: Man näherte sich einem Bahnhof, der Panzerzug an der Spitze, gefolgt von Zügen mit Soldaten. Man beschoss den gegnerischen Panzerzug oder die Bahnstation, die Soldaten griffen den Gegner an. Sie hatten keine Reservetruppen, Umgehungsmanöver und Flankenangriffe wurden nicht gemacht. Nach kurzer Zeit zog sich eine Partei zum nächsten Bahnhof oder zur nächsten Stadt zurück. Die Verluste waren in der Regel gering. 18) Ihr Effekt war vor allem psychologisch. Die Rote Armee hatte 23 Panzerzüge mit je einer gepanzerten Lokomotive, zwei gepanzerten Geschützständen und zwei bis drei Plattformwagen.

Die Tschechoslowakische Legion

Zur ernsten Bedrohung für den jungen Staat wurde im Mai 1918 die Tschechoslowakische Legion. Während des Krieges hatte Russland wie fast alle Armeen Freiwilligenverbände der Feindesländer aufgestellt. Für tschechische Nationalisten war der Gedanke ein Gräuel, in der Armee von Österreich-Ungarn gegen ihre slawischen Brüder der Russen und Serben kämpfen zu müssen. Viele Tschechen gingen im Krieg ohne Widerstand in russische Kriegsgefangenschaft oder liefen über. Trotzdem meldeten sich 1916 nur 5.750 Mann als Freiwillige zur Zarenarmee. 19) Nach der Februarrevolution nahm die tschechoslowakische Bewegung in Russland einen Aufschwung, ein Tschechoslowakischer Nationalrat unter Tomáš Masaryk bildete sich, die Alliierten unterstützten die Unabhängigkeitsbewegung. Man vereinbarte, eine Armee von 30.000 aufzustellen und an die französische Front zu schicken, unklar blieb der Weg dorthin. Ende 1917 zählte die Tschechoslowakische Legion in Russland 35.000 Soldaten. 20)

Die Zarenarmee löste sich auf, die Oktoberrevolution brachte die Bolschewiki an die Macht. Mangels Alternative sollte der Transport der Tschechoslowaken zurück über Wladiwostok erfolgen. Als die Deutschen vorrückten, verließen die Tschechoslowaken die Ukraine, räumte dabei das Arsenal von Kiew aus und machte sich gut bewaffnet auf den Weg. Ihre Auslieferung an Österreich-Ungarn hätte ihre Bestrafung als Fahnenflüchtige nach sich gezogen. Die Stimmung unter den Freiwilligen war anfangs national und demokratisch, unter ihnen waren viele Sozialdemokraten. 1919 wurden gewählte Führer verhaftet. 21)

Die Transportverhältnisse waren heftig gestört, der Abtransport über die 9.000 Kilometer ging im Schneckentempo vor sich, Ende April erreichten die ersten zwölf Züge Wladiwostok und mussten feststellen, dass die Alliierten keine Schiffe bereitgestellt hatten. Immer wieder versuchten örtliche bolschewistische Kräfte vergeblich, die Tschechen mit Propaganda zu bearbeiten und zu entwaffnen.

Die Alliierten informierten Trotzki im Mai über ihre Entscheidung, einen Teil der Legion jetzt doch über Archangelsk und Murmansk zu evakuieren, zur Tschechoslowakischen Legion drang diese Entscheidung nicht durch. Vielmehr glaubten ihre Führer an eine Kriegslist Trotzkis.

In dieser gespannten Situation kam es in Tschelabinsk am 14. Mai 1918 zu einem Zwischenfall: Von einem auf dem Nebengleis befindlichen Zug mit ungarischen Kriegsgefangenen wurde ein tschechischer Soldat verletzt, von dessen Kameraden wurde der Angreifer erschlagen. Als der örtliche Sowjet Legionäre verhaftete, besetzten die Tschechen die Stadt und befreiten ihre Kameraden. Von nun an bereitete man sich auf bewaffnete Konflikte vor.

Trotzki befahl am 25. Mai, die Legion zu bekämpfen, hatte dafür aber nicht genügend Truppen. In den nächsten Tagen fielen mehrere Städte an der Transsib in die Hände der Tschechen, die Städte wurden besetzt, die Ortssowjets wurden abgesetzt, eine Stadtverwaltung und eine Bürgerwehr eingerichtet. Sie schafften es jedoch nicht, die Städte an der Bahn durchgehend einzunehmen, in anderen Städten siegten die Rotarmisten. Am 28. Mai nahm die Legion Pensa am westlichen Ende ihres Gebiets. Der Sowjet wurde abgesetzt und Neuwahlen zum Stadtparlament ausgeschrieben. Als man am 8. Juni in Samara einzog, erklärte am gleichen Tag ein Komitee der Verfassungsgebenden Versammlung, eine Regierung einzurichten. Im Juni stellte die Legion die Verbindung von der Wolga bis Irkutsk her, im September konnten sie die gesamte Strecke bis Wladiwostok von den roten Truppen erobern.

Karte 23: Die Tschechoslowakische Legion 1918

Mit dem Erfolg der Legion war die Sowjetrepublik von den Bergwerken des Ural, den Lebensmittel-Vorräten Sibiriens sowie den Verkehrswegen zum Kaukasus und nach Turkestan abgeschnitten. Eine Hungersnot zeichnete sich in Russland ab, die Rote Armee musste sich gegen die Weißen aufbauen, die sich im Schutz der Legion sammelten.

Die Kämpfe konzentrierten sich auf Kasan, im August wurde die Stadt von den Tschechen erobert. Dabei fiel ihnen der ausgelagerte russische Goldschatz von 1,7 Millionen Franken in Gold, 500.000 in Platin und 900 Millionen in Silber in die Hände. 22) Wenige Tage später war die Gegenoffensive der Roten Armee erfolgreich, im Oktober konnte das Ostufer der Wolga zurück erobert werden.

Mit der Offensive auf Kasan hatte sich die Kampfbereitschaft der Tschechen erschöpft. Ihnen fehlte die Motivation, sich in die russischen Angelegenheiten einzumischen, zumal im November in der Heimat die Tschechoslowakische Republik gegründet wurde. Sie unterstützten die Regierung der Weißen Koltschaks und der Sozialrevolutionäre in Omsk, als Koltschak gegen die russischen Bündnispartner im November putschte, verhielten sie sich neutral. Die Tschechoslowaken sicherten nur noch ihren Rückzug, Als Koltschak sich im Winter 1920 zurückziehen musste und sich unter den Schutz der Legion stellte, übergaben die Tschechoslowaken ihn lokalen Bolschewiki, die ihn hinrichteten. Der Goldschatz wurde der Sowjetmacht zurück gegeben, aber fast die Hälfte des Geldes war verschwunden. Insgesamt 36 Schiffstransporte mit 72.600 Personen verließen ab Februar bis September 1920 Wladiwostok in Richtung Europa, reich mit Beute beladen. 23) In Prag wurden sie als Helden enthusiastisch begrüsst. Ein Teil der in Russland erbeuteten Gelder wurde in einer Legionsbank angelegt, die in der ČSR erfolgreich war.

Die Intervention der Alliierten

Die Alliierten hatten von Russland die Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland und seine Verbündeten gefordert. Die bolschewistische Regierung wurde als Feind erkannt, der mit den Deutschen kooperiere, die Veröffentlichung der Geheimverträge mit Russland wurde als feindlicher Akt behandelt, der Sowjetregierung wurde die diplomatische Anerkennung verweigert, die Friedensangebote der neuen Regierung wurden ignoriert. Eine inter-alliierte Konferenz im November 1917 brachte erst einmal wenig Ergebnisse, man beschloss die Kosaken am Don zu unterstützen, das Geld hat Kaledin wohl nie erreicht. Die britische Regierung macht Bruce Lockhard zum inoffiziellen Verbindungsmann zur Sowjetregierung, es gab eine größere Anzahl alliierter Agenten in Russland, welche die Gegner der Bolschewiki unterstützten.

Im Dezember 1917 schlossen Großbritannien und Frankreich ein Abkommen über den Kampf gegen die Bolschewiki und steckten die Interessengebiete ab: Frankreich sollte in der Ukraine die alliierten Interessen vertreten, um den Don 'kümmerten' sich die Briten, im Kaukasus wollte man gemeinsam vorgehen. Die Wirtschaftsblockade gegen die Mittelmächte wurde auf Sowjetrussland ausgedehnt.

Eine erste Landung japanischer Truppen gab es im April 1918 in Wladiwostok, die sich aber innerhalb eines Monats wieder zurückzogen. Im Sommer hatte sich die Lage in Sibirien durch die Tschechoslowakische Legion und ihre Alliierten verändert, US-Präsident Wilson konnte von der Notwendigkeit der japanischen Intervention überzeugt werden. Am 3. August landeten 70.000 japanische Soldaten im Pazifik-Hafen, die japanischen Imperialisten träumten von einer Herrschaft im Fernen Osten und Sibirien bis hin zum Baikal- See. Ihre Beziehungen zu Koltschak waren gespannt. Mit ihnen kam ein kleines Kontingent von US- Soldaten. Unter dem Schutz der Japaner und Alliierten bewaffnete der Kosakenkommandant Grigori Semenew entlang der Transsibirischen Eisenbahn und der Grenze zur Mandschurei 2.500 Kosaken und Mongolen und terrorisierte die Bevölkerung.

Im Juni 1918 landeten alliierte Soldaten unter britischem Kommando in Murmansk, offiziell um die dort lagernden Waffenvorräte vor dem Zugriff der deutschen Armee zu schützen. Im August landeten 3.000 neue Truppen in Archangelsk. 650 Kilometer südlich an der Eisenbahn nach Moskau liegt Jaroslawl. Dort machte am 6. Juli der von Boris Sawinkow sozialrevolutionär geführte Schutzbund für die Verteidigung der Heimat und Freiheit einen Aufstand, töteten die bolschewistischen Führer, und erwartete Unterstützung aus dem Norden. In Archangelsk hoffte man, zu den Aufständischen in Jaroslawl durchzustoßen, der Plan erledigte sich durch den Zusammenbruch von Sawinkows Aufstand schnell. Auch der Durchbruch zur Tschechoslowakischen Legion an der Wolga war ein utopisches Unternehmen angesichts der geringen Zahl an Soldaten, dem Widerstand der Roten Armee, des ausbleibenden Nachschubs weißer Freiwilliger, fehlender Nahrungsmittelreserven und der klimatischen Bedingungen. An der unendlich langen Front verloren sich die maximal 50.000 Angreifer. 24) Die Alliierten drangen 300 Kilometer nach Süden bis zum Onegasee vor, aber im Winter 1918/19 fror die Intervention im Norden buchstäblich ein, war erst im Mai 1919 wieder kampffähig und wurde im August 1919 evakuiert. Unter ihrem Schutz bildeten die Sozialrevolutionäre unter dem Veteranen Nikolai Tschaikowski eine schwache Regierung, wie die Komutsch- Regierung wurde sie von weißen Offizieren gestürzt, von den Alliierten aber wieder eingesetzt.

Das französische Kapital kämpfte für die enteigneten russischen Anleihen. Nach der Niederlage Deutschlands warf Frankreich einen Teil seiner auf dem Balkan frei gewordenen Truppen nach Südrussland. Am 18. Dezember 1918 landeten 1.800 französische Soldaten sowie griechische Hilfstruppen, die russischen Reaktionäre erhofften von ihnen die Lösung aller Probleme. 25) Jetzt waren insgesamt 10.000 bis 15.000 alliierte Soldaten in Russland. 26) In der Südukraine konnten sie mit den Hilfstruppen fast 50.000 Soldaten zusammenziehen, um die Ukraine vor den abziehenden Deutschen und der nachdrängenden Roten Armee zu schützen. 27)

Die Franzosen glaubten, alle antikommunistischen Kräfte vereinen zu können: Rumänen, Polen, die baltischen Armeen, die Tschechoslowakische Legion und die antibolschewistischen Russen. Es war ein rein militärischer Plan ohne die politischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Eine Konferenz auf der Prinkipo- Insel bei Konstantinopel im Februar 1919 sollte die Interessen der Beteiligten ausgleichen. Koltschak und Denikin bereiteten gerade ihre Offensive vor, sie waren nicht zu Kompromissen bereit. Die Weißen bekämpften den Einfluss der ukrainischen Separatisten. Nach militärischen Niederlagen und aus Furcht vor der Ausweitung der Meuterei ihrer Schwarzmeer-Flotte zog Frankreich seine Truppen im April 1919 zurück.

Die Besatzung wurde von allen Besitzenden begrüsst, sie waren mit der Erwartung erschienen, bei der Bevölkerung willkommen zu sein, tatsächlich wurde der bolschewistische Einfluss immer größer. Die französischen Truppen waren nach dem beendeten Krieg gegen die Mittelmächte kriegsmüde, steckten sich rote Bänder an die Uniform und verweigerten wiederholt Befehle, es gab auch Überläufer zur Roten Armee. Die Wirtschaft lag am Boden. Die Franzosen stießen im Februar 1919 auf Tiraspol, Cherson und Nikolajew vor. Ukrainische Partisanen auf der Seite der Roten brachten sie zum Rückzug, was weiter zu ihrer Demoralisierung beitrug. In Odessa gelang es der KPR, unter französischen Matrosen Mitglieder zu gewinnen, ein Parteikomitee wurde aufgebaut, die Zeitung Le Communiste konnte zeitweise erscheinen. Man plante eine Meuterei, ein Provokateur verriet sie, elf Verschwörer wurden erschossen. Nach diesem Alarmsignal beschloss die Regierung in Paris die hastige Evakuierung der französischen Truppen, am 6. April 1919 verließ das letzte französische Schiff den Hafen. 28)

Vor der baltischen Küste erschienen im Dezember 1918 britische Kriegsschiffe vor Libau/Lipäja, Tallinn und Riga. Die Nationalisten verbündeten sich mit den Briten. Estland konnte die Rote Armee bis Narwa zurückdrängen. Eine Seeblockade wurde über Petrograd verhängt.

Die weißen Generäle erhielten von den Alliierten große Waffenlieferungen und finanzielle Unterstützung. Sie scheiterten politisch, Ende 1919 war den Verbündeten klar, dass die Weißen den Bürgerkrieg nicht gewinnen konnten, sie unterstützten jetzt die feindlichen Anrainerstaaten Polen, Finnland, Rumänien und die baltischen Länder. Im Januar 1920 hoben die Alliierten die Wirtschaftsblockade über Russland auf.

Die Bolschewiki überschätzten die militärische Bedeutung der alliierten Intervention stark, sie sahen vor allem die politische Gefährlichkeit ihrer Aktionen. Militärisch waren die Kampagnen der Alliierten nicht kriegsentscheidend, verlängerten aber durch ihre logistische und finanzielle Unterstützung der Weißen den Krieg und den Ruin der Wirtschaft.

Die Kosaken-Vendée

Die Kosaken hatten sich bis zum Sommer 1917 als letzte Verteidigungslinie des russischen Staates erwiesen, bevor auch ihre Einheit zerbrach. Die Zarenmacht war verfallen, jetzt traten ihre Partikular- Interessen in den Vordergrund. Ihre privilegierte Rolle als grundbesitzende Kriegerkaste ist im Kapitel 'Russland 1904' kurz geschildert wurden. Bei der Wahl zur Konstituierenden Versammlung wählten sie im Don-Gebiet eine eigene Kosakenliste, die den Kadetten nahestand. 29)

Wie ein Magnet zog das Don-Gebiet nach der Oktoberrevolution alle reaktionären Gegner an, hier lebten inmitten der armen Bauern die privilegierten Kosaken, bereit ihren Landbesitz mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Die armen Bauern wandten sich im Kampf um das Land um so mehr an die Bolschewiki. Der wichtige Eisenbahnknotenpunkt Rostow am Don hatte eine nicht unbedeutende bolschewistische Partei, die im November die relative Mehrheit der Stimmen gewonnen hatte.

Die Don-Kosaken organisierten sich um ihren Ataman Kaledin, der am Tag der Oktoberrevolution die Macht in Nowotscherkassk, der ländlichen Hauptstadt der Region, übernahm. Im Februar 1918 nahmen die Rotgardisten unter Antonow-Owsejenko den Don ein, Kaledin erschoss sich, bis zum Mai gab es dort eine lokale Sowjetrepublik. Südlich davon im Kuban-Gebiet konnten die Kosaken ebenfalls vertrieben werden, Lenin hielt das bereits hoffnungsvoll für das Ende des Bürgerkrieges.

Doch bereits einen Monat später erhoben sich die Kosaken erneut. Die Kosaken wählten sich Pjotr Krasnow, der Kerenskis Angriff auf Petrograd geleitet hatte, zum Ataman. Erleichtert wurde ihre Rebellion durch die Eroberung Rostows durch die deutsche Armee. Die Sowjetrepublik Don war recht schwach, die roten Truppen waren recht undiszipliniert und provozierten mit ihren Lebensmittelkomitees den Aufstand der Kosaken. Bis zum Sommer 1918 gelang es Krasnow, eine Kosakenarmee von 40.000 Soldaten aufzubauen und sie gut zu bewaffnen. 30) Die Rote Armee war an der Wolga in die Kämpfe mit der Tschechoslowakischen Legion und der Komutsch-Regierung engagiert. Von Mai bis August 1918 eroberten die Kosaken die gesamte Don-Region. 31) Im Sommer versuchten sie ihr Gebiet nach Woronesch im Norden und nach Osten bis Zarizyn auszudehnen.

Im August begann ein Angriff auf Zarizyn, der zurückgeschlagen wurde. Im September 1918 folgte ein stärkerer Angriff, im Oktober hatten Krasnows Truppen die Stadt fast eingeschlossen, die Artillerie der Roten Armee rettete die Stadt. Die Propaganda der Bolschewiki sprach von der Verteidigung Zarizyns als dem 'Roten Verdun'. Josef Stalin war unter den Verteidigern der Stadt, zu seinen Ehren wurde die Stadt 1925 in Stalingrad umbenannt.

Die direkte Eisenbahnverbindung über Rostow zum Kaukasus war unter deutscher Kontrolle, die alternative Linie ging über Zarizyn, die Wolga als Wasserweg war ebenfalls von strategischer Bedeutung. Der Sieg in Zarizyn verhinderte auch einen Zusammenschluss der Weißen am Don und der Wolga.

Im Schutz der deutschen Besatzung und der Kosakenarmee konnte General Denikin im Kuban-Gebiet seine Freiwilligenarmee sammeln. Es waren hauptsächlich Offiziere, die bis zum September 1918 durch Aushebungen die Truppen auf 35.000 bis 40.000 Soldaten verstärken konnten. 32)

Denikin war ein befähigter militärischer Kommandeur, auf seine politische und soziale Basis legte er weniger Augenmerk. Ihn leitete der russische Nationalismus, die Flagge Russlands schätzte er wichtiger als die Parteifahnen ein, die Konstituante und die darauf basierende Regierung in Samara nannte er 'ungesund'. Er versprach lokale Autonomie, aber über allem stand das 'einige und unteilbare Russland'. 33) Das führte später zu seinem Sturz, aber die Kampagne im Nordkaukasus war erfolgreich. Die Kosaken kämpften vor allem auf ihrem eigenen Territorium, Denikins nationalistisches Programm stimmte mit ihren Zielen nur teilweise überein. Die Kosaken waren willig, ihren Besitz gegen die 'Roten' zu verteidigen, nicht unbedingt den monarchistischen und reaktionären Offizieren zu folgen.

Mit dem Abzug der Deutschen waren die Truppen der Roten Armee im Nordkaukasus eingeschlossen und konnte sich mit Mühe durch die 500 Kilometer unwegsamen Geländes nach Astrachan an der Wolgamündung zurückziehen. Der Typhus raffte viele Rotarmisten dahin, Denikins Freiwilligenarmee machte 50.000 Gefangene, die Rote Armee im Nordkaukasus von 150.000 Mann hörte auf zu existieren, der größte personelle Verlust der Roten Armee im Bürgerkrieg. 34) Sowjetrussland war eine wichtiges Landwirtschaftsgebiet entzogen.

Während Denikin gewann, verloren die Kosaken; Krasnow wurde abgelöst und durch einen Anhänger Denikins ersetzt. Die Kosaken blieben für die Weißen ein unzuverlässiger Verbündeter, die Kosakenführer verstanden sich als ein Volk. Die Freiwilligenarmeen war für sie nur eine Ansammlung von Offizieren. Der Bürgerkrieg zerstörte ihre soziale Einheit, mittellose Siedler strömten in die Kosakendörfer.

Die sozialrevolutionäre Regierung in Samara

Die Sozialrevolutionäre konnten die Führer der Tschechoslowakischen Legion überzeugen, in Samara eine PSR-Regierung zu dulden. Das Wolgagebiet war ihr traditionelles Einflussgebiet, ihr Parteitag vom Mai 1918 hatte beschlossen, sich außerhalb des Einflussgebiets der deutschen Armee dorthin zurück zu ziehen. Am 8. Juni erklärte sich ein sozialrevolutionäres Komitee der Mitglieder der Konstitutionellen Versammlung mit der russischen Akronym Komutsch zur Regierungsgewalt, eine von 19 Regierungen östlich der Wolga. 35) Das Komutsch verstand sich als Fortsetzung der Provisorischen Regierung 'bis zur Wiederherstellung der gesetzmäßigen Macht'. 36)

Im Juli, als der Linken Sozialrevolutionäre ihren Staatsstreich gegen die Sowjetregierung versuchten, schloss sich der Kommandant der roten Truppen an der Wolga Mikhail Murawjow dem Putsch an, revoltierte und befahl den Angriff auf die Tschechoslowaken einzustellen. Die konnten daraufhin Simbirsk einnehmen. Der Putsch konnte niedergeschlagen werden, aber die Stadt war verloren.

Karte 24: Der Bürgerkrieg 1918

Auf seinem Höhepunkt kontrollierte das Komutsch die Provinzen Samara, Ufa, große Teile von Saratow, Simbirsk, Kasan und Wiatka. Die Mehrheitspartei bei den Wahlen zur Konstituante erwies sich als ausgesprochen schwach.

Das Programm des Komutsch umfasste die Wiederherstellung der demokratischen Macht. Anhänger der Bolschewiki blieben davon ausgeschlossen, und wurden in die Gefängnisse gesteckt. Die bürgerliche Eigentumsordnung sollte wiederhergestellt werden. Die Besitzenden zeigten sich wenig interessiert, sie störte auch die Zulassung der Sowjets - wenn auch ohne Bolschewiki, sie hassten die radikale Rhetorik der PSR und deren rote Fahne. Die Arbeiter verweigerten dem Komutsch die Unterstützung, sie forderten seine Ersetzung durch die Rätemacht, der Versuch des Ausgleichs mit den Unternehmerinteressen wurde als Kampfansage gesehen. Das Versprechen des Acht-Stundentages und Verbot der Aussperrung seitens der Regierung waren wenig glaubwürdig. Sie hob dagegen die Arbeiterkontrolle der Fabrikkomitees auf, die von den Bolschewiki enteigneten Fabriken wurden den Unternehmern zurück erstattet. 37) Die Massnahmen des Komutsch zur Restauration des Kapitalismus waren deutlich, die Regierung erklärte sich für neutral und lehnte 'sozialistische Experimente' ab, da das kapitalistische System 'derzeit nicht zerstörbar' sei.

Die Bodenreform erkannte das Komutsch an, es war ja schließlich das Programm der PSR gewesen. Damit verloren sie aber die Unterstützung der Kadetten. Die Menschewiki zögerten, ihr Zentralkomitee hatte den bewaffneten Kampf gegen die Bolschewiki untersagt, als einziges bekanntes Mitglied folgte Iwan Maiski dem Komutsch.

Die Bauern verhielten sich eher reserviert, zwar war die Anerkennung der Landreform in ihrem Sinne, die Streitmacht des Komutsch aber wurde von weißen Offizieren geführt, die das heftige Misstrauen der Bauern erregten. Die Grundbesitzer reklamierten die Rückgabe ihrer Ländereien.

So war die soziale Basis der Sozialrevolutionäre in Samara bei der schmalen Schicht der Provinzintellektuellen und den besser gestellten antibolschewistischen Arbeitern ausgesprochen gering. 38) Die im Mai rekrutierten 10.000 Mann der 'Volksarmee' waren ihr Rückgrat, eine im Juni durchgeführte Rekrutierung brachte nur 30.000 widerspenstige Soldaten zusammen. 39) Für die neugegründete Armee gab es weder Waffen, noch Uniformen und Versorgung. Im Oktober musste sich die sozialrevolutionäre Regierung mit dem Vormarsch der Roten Armee nach Osten zurückziehen.

Unter dem Druck der Tschechen wurde am 8. September in Ufa eine 'Staatskonferenz' einberufen, immerhin 14 regionale Regierungen waren vertreten. Die Akteure waren die gleichen wie auf der Moskauer Staatskonferenz im Sommer 1917. Während die Sozialrevolutionäre eine der Konstituante verantwortliche Regierung anstrebten, wollten sich die Konservativen nicht mit ihr belasten. Als Kompromiss einigte man sich auf fünfköpfiges Direktorium, dass der Konstituante nicht verantwortlich sein sollte, es sei denn es gelänge, 150 ihrer Mitglieder bis zum Jahresbeginn 1919 zusammen zu bringen. Das Direktorium bestand aus zwei Sozialrevolutionären, einem Kadetten, einem weiteren Liberalen und einem Regionalisten.40) Es betrachtete sich als Nachfolger der Provisorischen Regierung und nannte sich Provisorische Allrussische Regierung, konnte sich aber nur acht Wochen halten. Am 17. November 1918 wurde die Regierung ohne Widerstand gestürzt, Admiral Koltschak wurde zum 'Obersten Herrscher' für die nächsten 14 Monate. Mit Mühe konnten die Sozialrevolutionäre entkommen, ein Teil kehrte nach Sowjetrussland zurück.

Die 'oberste Herrschaft' Koltschaks

1919 war das schlimmste Jahr des Bürgerkrieges, man kämpfte an sechs Fronten mit insgesamt 8.000 Kilometern Länge. 41) Da nach dem Abzug der Mittelmächte der Westen politisch wichtiger war, wurde die Ostfront gegen Koltschak erst einmal vernachlässigt. Von Omsk begann dieser seine Offensive im Frühjahr 1919, im März eroberte seine Freiwilligenarmee Perm, im April Ufa und drang bis vor Wjatka, Kasan, Simbirsk und Samara vor. Das Eindringen nach Zentralrussland und der Zusammenschluss mit Denikins Truppen im Süden drohte, die Rote Armee verlor ein Gebiet vom 300.000 Quadratkilometern mit fünf Millionen Menschen. Der Zusammenschluss mit Denikin hätte die Existenz des Sowjetstaates bedroht.

Koltschak hatte 130.000 gut gerüstete Mann in vier Armeen, die im März 1919 eine Offensive begannen, ihnen standen 101.000 schlecht bewaffnete Soldaten der Ostarmee unter Sergei Kamenew entgegen. 42) Hektisch wurden Verstärkungen herangeführt, Trotzki feuerte von seinem Panzerzug die Rotarmisten an. 15.000 Kommunisten und Komsomolzen gingen an die Ostfront. Es fehlte an Lebensmitteln, Stiefeln, Uniformen und Waffen.

Die Wende konnte recht schnell Ende April 1919 erreicht werden. Ein Regiment der Weißen lief geschlossen zur Roten Armee über. Am 28. April war Ufa verloren gegangen, am 9. Juni konnte die Stadt zurück erobert werden, Koltschak konnte auf seine Ausgangsposition zurückgeworfen werden.

Die Alliierten intervenierten mit Beratern und lieferten ihm Waffen, die Rüstungsfabriken des Urals waren nicht produktionsfähig. Zwischen Oktober 1918 und Oktober 1919 lieferten sie Koltschak 97.000 Tonnen Waffen und Munition. Eine sowjetische Quelle sprach von 600.000 Gewehren, Kanonen und Maschinengewehren von den Briten, Franzosen, Japanern und den USA. 43) Aber alle Waffen mussten durch den sehr langen Flaschenhals des Hafens Wladiwostok und der Transsib. Eine Fahrt von Wladiwostok dauerte sechs Wochen, die Trasse war teilweise noch einspurig.

Karte 25: Der Bürgerkrieg 1919

Die Stärke von Koltschaks Armee war ihr 17.000 Mann großes diszipliniertes Offizierskorps, von ihnen war die Mehrheit erst im Weltkrieg aufgestiegen. Aus Furcht vor ihrer Radikalisierung wurden wenige Soldaten des Krieges mobilisiert, dafür wurden die Jüngsten zu den Waffen gezwungen, die erst ausgebildet werden mussten und bei der ersten Möglichkeit wieder davonliefen. Trotzdem stieg im Juni 1919 die Gesamtstärke seiner Truppen einschliesslich der Nichtkämpfer auf 450.000 an. 44) In seinem Herrschaftsgebiet lebten 20 Millionen Menschen, im Sowjetgebiet dagegen 60 Millionen. Die Gesamtstärke der Roten Armee betrug im Januar 1919 788.000 Soldaten, die Armee im Osten hatte 84.000 Soldaten und 18.000 im Hinterland, 361.000 Soldaten im Mai. 45) Die Offensive der Roten Armee von Mai bis Oktober 1919 war das Ergebnis der wachsenden Effektivität der Roten Armee.

Ging ein Gebiet militärisch verloren, so ließen die Kommunisten beim feindlichen Vormarsch immer Kader zurück, welche die Städte infiltrierten und Partisaneneinheiten bildeten. Während der Koltschak-Herrschaft hatten die in Sibirien mehrere Tausend Mitglieder, im März 1919 fand eine Gebietskonferenz statt. Wie unter dem Zarismus versuchten die Weißen sie zu zerschlagen, hunderte Kommunisten wurden Opfer der Konterrevolution. Die Kommunisten bildeten unter Einschluss der Bauern Partisanenabteilungen mit bis zu 150.000 Kämpfern. 46) Sie unterbrachen Eisenbahnverbindungen, die Weißen konnten sie nicht besiegen. Die schreckten die Bauern durch Plünderungen und Terror ab, die Partisanen zahlten es mit neuen Anschlägen zurück.

Koltschak war ein bei den Offizieren beliebter Kommandant der Schwarzmeerflotte gewesen, weil er sich den Forderungen der Sowjets widersetzt hatte. Aus der Fähigkeit ein Schiff zu lenken leitete er seine Fähigkeit ab, damit auch einen Staat führen zu können. 47) Der fähige Militär war sicher kein Politiker, eher Kadett als Monarchist. Koltschak sah die Welt als Militärführer, der sich gezwungenermaßen auch um Politik kümmern musste.

In Sibirien gab es weniger landhungrige Bauern, so äußerte er sich nur vage über die Landfrage. Als seine Truppen die Provinz Ufa eroberten, verlangten seine Kommandeure die Rückgabe des enteigneten Landes der Grundbesitzer. Er versprach den Bauern das Recht auf die bevorstehende Ernte, warnte sie aber vor der Inbesitznahme des Boden vor der Entscheidung der Konstituierenden Versammlung. Zur Anerkennung der Agrarrevolution konnten sich die Weißen nicht entschließen.

Koltschaks Herrschaft war eine schwankende Diktatur, die es nicht schaffte, in Omsk eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. Zwar hatte er ab April 1919 die gesamte Transsibirische Eisenbahn in Sibirien unter Kontrolle, aber der unter japanischem Schutz agierende Ataman Semenow war nicht beherrschbar. Die Inflation galoppierte, die sibirischen Kapitalisten halfen ihm wenig, den eroberten russischen Goldschatz wollte er nur als Treuhänder verwalten, die Hilfe der Alliierten war zu gering, Sibirien und der Ural waren von ihren Absatzmärkten abgeschnitten. Die Stadt wurde von zaristischen Offizieren beherrscht, es kam zu Morden und Entführungen.

In Omsk kam es im Dezember 1919 zu einem von Bolschewiki geplanten Arbeiteraufstand, der blutig niedergeschlagen wurde, wobei man auch die Anhänger der Sozialrevolutionäre liquidierte. 300 fielen, 166 wurden nach der Verurteilung durch das Kriegsgericht erschossen.

Im Winter 1919 drang die Rote Armee Sibiriens nach Osten vor, am 11. November 1919 eroberte sie Koltschaks Hauptstadt Omsk und marschierte auf den Baikalsee zu. Dessen Armee verflüchtigte sich auf der Flucht nach Osten, die Bauern gingen nach Hause. Die sibirischen Flüsse waren zugefroren und bildeten kein Hindernis für den Vormarsch. In Krasnodar machten die Arbeiter im Januar 1920 einen Aufstand und behinderten den Rückzug, 60.000 weiße Soldaten wurden gefangen genommen. 48) 200 Züge voller Flüchtlinge blieben stecken, Tausende kamen durch Hunger, Kälte, Epidemien und Kampfhandlungen um.

Die tausend Kilometer Landweg von Krasnodar zum Baikalsee mussten die Reste der Weißen auf Schlitten im 'Eismarsch' zurücklegen, die Eisenbahn war blockiert. Dafür brauchten sie fünf Wochen durch den sibirischen Winter, Tausende starben. Die 36 schwer beladenen Schlitten mit dem russischen Goldschatz bremsten die Flucht zusätzlich.

Koltschaks Zivilverwaltung brach völlig zusammen. Bevor er in Irkutsk ankam, hatte schon eine menschewistisch-sozialrevolutionäre Lokalmacht im Januar die Macht übernommen. Die Trasse der Transsib östlich des Baikalsees wurde von den Resten der Tschechoslowakischen Legion beherrscht, die keine Sympathie für Koltschak hatten. Sie nahmen Koltschak gefangen und lieferten ihn der Lokalregierung in Irkutsk aus. Wenige Tage später nahm ein kommunistisches Revolutionäres Militärkomitee die Macht. Koltschak wurde verhört und sollte der Roten Armee überstellt werden, aber die stand noch weit vor Irkutsk. Um ihn nicht in die Hand der Weißen fallen zu lassen, wurde er in der Nacht vom 6. zum 7. Februar 1920 erschossen, seine Leiche in einen Fluss geworfen. 49) Die Tschechoslowakische Legion schloss einen Waffenstillstand mit der Roten Armee, gegen die Auslieferung des Goldschatzes erkauften sie den ungehinderten Abzug nach Wladiwostok. Am 5. März erreichte die Rote Armee Irkutsk.

Karte 26: Der Bürgerkrieg 1920/21

Die Diskussion um die nationale Frage

An dieser Stelle scheint es angebracht, kurz auf die Diskussion um Lenins Theorie der Rechte nationaler Minderheiten einzugehen. Wie Russland war Österreich-Ungarn bis 1918 ein Vielvölkerstaat aus 15 verschiedenen Nationalitäten, viele von ihnen wie die Tschechen und Polen entwickelten separatistische Tendenzen, auf die sich die auf die Arbeiterklasse berufende Sozialdemokratie eine Antwort finden musste, das geschah 1899 im Brünner Nationalitätenprogramm. Österreich-Ungarn sollte in einen Bundesstaat umgebildet werden, in dem nach dem Personalprinzip alle Mitglieder eines Volkes, egal auf welchem Gebiet sie lebten, eine autonome Gruppe bilden konnten, die ihre nationalen Angelegenheiten selbst regeln sollte. 50)

Das Programm beinhaltete nicht die Position der national-kulturellen Autonomie, sondern eine föderative Lösung eines kapitalistischen Staates. Die Kompetenz der nationalen Einheiten sollte die Ebenen der Sprache, Schule und Kultur umfassen, die der Zentralregierung die Wirtschaft, Soziales, Außenpolitik usw. Das Recht auf Lostrennung wurde nicht verankert. Es griff zu kurz, da die nationale Frage auch eine ökonomische, soziale und politische ist. Das Programm hatte die Tendenz, die Arbeiter mit der Reichsidee zu versöhnen und lief auf die Unterstützung der Privilegien der Herrschenden hinaus. Die Sozialdemokratie wurde neben dem Kaiserhaus der einzig übernationale Machtfaktor im Vielvölkerstaat, so der Scherz von der 'kaiserlich-königlichen Sozialdemokratie'. 51) Das Programm war ohne das Recht auf Lostrennung eine Empfehlung zur Stabilisierung des Vielvölkerstaates, kein Kampfprogramm einer proletarischen Klassenpartei, jede Verbindung zwischen der nationalen Frage und dem Kampf für den Sozialismus fehlte.

Als Konsequenz aus diesem Programm wurde die Organisation der Sozialdemokratie föderalisiert, die sozialdemokratischen Parteien der einzelnen Nationen organisierten sich getrennt, die tschechischen Sozialdemokraten arbeiteten eher mit den bürgerlichen tschechischen Parteien als mit ihren Schwesterparteien zusammen.

Die Bolschewiki wollten sich mit diesen reformistischen Positionen nicht abfinden. Der Zarismus unterdrückte die Entwicklung der kleineren Nationen, Lenin erkannte das revolutionäre Potential nationaler Bewegungen, das musste man für den Sieg des Proletariats nutzen. 1913 schickte er Josef Stalin nach Wien, der dort eine Broschüre 'Marxismus und nationale Frage' verfasste. Die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki ließ sich in vier Punkten zusammenfassen:

„a. Anerkennung des Rechts der Völker auf Selbstbestimmung;
b. Gebietsautonomie für Völker, die bei Russland verbleiben wollen;
c. Besondere Gesetze zur freien Entwicklung der Minderheiten und
d. Zusammenschluss der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten in einheitlichen Organisationen.“ 52)

Von diesen Punkten ausgehend, entwickelte Lenin die folgenden Positionen: die nationale Unterdrückung könne nur auf der Grundlage demokratischer Prinzipien überwunden werden. Es dürfe kein Privileg für eine Nation oder eine Sprache geben, jede Nation müsse das Recht auf Lostrennung auf demokratischem Wege haben. Ohne das Recht auf staatliche Lostrennung gebe es weder nationale Selbstbestimmung noch Internationalismus. Das Recht auf Abtrennung und die Freiheit des Zusammenschlusses seien kein Widerspruch. Marxisten seien verpflichtet, Aufstände unterdrückter Nationen zu unterstützen. Lehnten sie diese ab, so würden sie zu Annexionisten. Staatsgrenzen müssten in Übereinstimmung mit den Prinzipien der nationalen Selbstbestimmung und Demokratie geregelt werden. Andererseits müssten Revolutionäre für die vollständige organisatorische Einheit der Arbeiter der unterdrückenden Nation und der unterdrückten Nation eintreten. Die ökonomische Abhängigkeit der kleinen Staaten bildet keinen Widerspruch zum Recht auf nationale Selbstbestimmung. Die Respektierung des Rechts auf nationale Selbstbestimmung sei bedeutend für die internationale Einheit der Arbeiterbewegung. Der Sturz des Kapitalismus schaffe die Voraussetzung für die Beseitigung der nationalen Unterdrückung.

In der Zweiten Internationale blieben auch Lenins Positionen nicht unwidersprochen. In Abgrenzung zur PPS entwickelte die SDKPiL ihre Position, Rosa Luxemburg lehnte das Selbstbestimmungsrecht der Nationen ab als eine Utopie,

„… die in direktem Widerspruch zur Tendenz der kapitalistischen Entwicklung steht, auf der die Sozialdemokratie ihre Existenz gründete, denn die allgemeine Rückkehr zu dem Ziel, alle bestehenden Staaten in nationale Einheiten zu zerschlagen und sie nach dem Muster von nationalen Staaten und Kleinstaaten gegeneinander abzugrenzen, ist ein vollkommen hoffnungsloses und historisch betrachtet reaktionäres Unterfangen.“ 53)

Für die internationale Sozialdemokratie sei die Nationalitätenfrage eine Frage der Klasseninteressen. Es gelte stattdessen das Recht der Selbstbestimmung der arbeitenden Klasse zu verwirklichen. In der Zeit des Imperialismus könne es keine Kämpfe unterdrückter Völker gegen imperialistische Mächte geben. Rosa sah nur den reaktionären Aspekt des nationalen Befreiungskampfes, Lenin und Luxemburg polemisierten heftig gegeneinander. Auf dem Zweiten Sowjetkongress 1917 wurde den nationalen Minderheiten das 'wirkliche Recht auf Selbstbestimmung' zugesichert. Stalin wurde Leiter des neu geschaffenen Volkskommissariats für die Angelegenheiten der Nationalitäten. In der zweiten Jahreshälfte 1918 kam es zur Gründung mehrerer autonomen Einheiten. Sie hatten weitgehende Rechte und verfügten teilweise nur über lose Beziehungen zum Sowjetstaat. 1919/20 wurden mit dem Erstarken der Zentralmacht viele Kompetenzen abgetreten.

Auf dem Fünften Sowjetkongress im Juli 1918 stand die Frage der Verfassung der Sowjetrepublik auf der Tagesordnung. Die Sozialrevolutionäre-Maximalisten legten einen Minderheitsentwurf vor, der die ökonomischen Einheiten der 'Arbeitsrepubliken' mit einer breiten Autonomie der einzelnen Gebiete und Völker verband. 54)

Die von Stalin vorgestellte Mehrheitsresolution sollte alle Nationen zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) vereinen. Die Sowjets in Provinzen mit nationalen Minderheiten konnten sich zu autonomen Provinzen vereinen und traten auf föderativer Grundlage Sowjetrussland bei. Da während des Bürgerkrieges der größte Teil der infrage kommenden Gebiete vom Gegner besetzt oder umkämpft war, wurde das Problem nur sehr allgemein behandelt. In der Diskussion um die Sowjetordnung der Ukraine spitzte sich die Diskussion der nationalen Frage zu.

Die zweite Ukrainische Sowjetrepublik 1919

Die erste Phase der Sowjetmacht in der Ukraine hatte nur wenige Wochen gedauert, dann waren die Armeen Deutschland und Österreich-Ungarns einmarschiert. Bald wurden deren Kampftruppen durch meist ältere Landsturmmänner ersetzt, die sich daran machten, möglichst viele Landwirtschaftsprodukte nach Mitteleuropa zu schaffen. Die Beschlagnahmungen trafen auf einen immer stärkerem Widerstand der Bauern. Um die zurückkehrenden Weltkriegs-Soldaten bildeten sich Kerne von bewaffneten Widerstandsgruppen, sie kämpften gegen die Grundbesitzer ums Land und gegen die Requirierungskomitees, Waffen gab es in der Ukraine im Überfluss. Die Zahl der bäuerlichen Partisanen soll 1918 bis zu 20.000 betragen haben. 55) Als Skoropadski die Rada-Regierung stürzte, unterstützten die ukrainischen Nationalisten den Partisanenkampf. Die Besatzer zogen sich auf die Städte und die Eisenbahnlinien zurück und waren den ortskundigen Guerillas meist unterlegen.

Als die Mittelmächte kapitulierten, stellten die Alliierten die Bedingung im Waffenstillstands-Abkommen, die Besatzungstruppen sollten bis auf weiteres im Osten bleiben und den Siegern als Hilfstruppen dienen. Die hatten ein großes Interesse daran, schnell wieder in die Heimat zurück zu kehren. In der auseinanderfallenden Armee Österreichs-Ungarn meuterten ganze Einheiten, verkauften ihre Waffen an Partisanen und marschierten gen Heimat. So erhielten die Partisanen Maschinengewehre und Artillerie.

In das politische Vakuum drängten die verschiedenen Mächte nach: Sowjetrussland war sicher die politisch gewichtigste Macht, stand aber im Krieg gegen Koltschak; am Don und Terek stand Denikin mit 10.000 bis 15.000 Soldaten, die Alliierten im Norden. Im Dezember 1918 sollten sie in Odessa und auf der Krim landen, der neuentstehende polnische Staat bereitete seine Ausdehnung nach Osten vor, in Finnland und auf dem Baltikum bildeten sich neue Staaten, die Briten kehrten nach dem türkischen Abzug nach Baku zurück. In der Ukraine mobilisierten die ukrainischen Nationalisten der Rada. Wer würde den Kampf um die Ukraine gewinnen?

Die Rada war am schnellsten, die Ukrainische Volksrepublik wurde wieder ausgerufen, ein Direktorium als Regierung unter Winnitschenko eingesetzt, den Truppen ihres Militärführers Petljura strömten Partisanen und Deserteure zu. Die Zahl seiner Soldaten wuchs in kurzer Zeit von 8.000 auf 70.000 an. 56) Aus diesen Kriegern eine reguläre Armee zu formen, überschritt die Fähigkeiten Petljuras. Am 14. Dezember konnten die Truppen des Direktoriums Skoropadskis Armee aus Kiew vertreiben. Wie 1918 war die Regierung der Rada ausgesprochen instabil, Winnitschenko drängte auf eine Landreform, die Enteignung der Besitzenden und eine Verbindung von Räten und Parlament. Um Petljura sammelten sich die bürgerlichen Gegner in der Ukrainischen Volksrepublik. 57) Seine Bauern- und Kosakentruppen eroberten die Städte, plünderten sie, veranstalteten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, exekutierten Gegner und bekriegten sich untereinander. Autorität über seine Truppen hatte auch dieser Militärchef nicht.

Im November 1918 beauftragte der Oberste Militärrat der RSFSR Antonow-Owsejenko, die Ukraine für die Sowjetmacht zurück zu gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er kaum 3.500 Soldaten zur Verfügung und keine Artillerie. 58) Unter Pjatakow wurde eine neue Sowjetregierung der Ukraine am 20. November 1918 eingesetzt. Langsam rückte die Rote Armee der Ukraine vor, auch sie bekam von den Bauern-Partisanen Zulauf. Am 3. Januar 1919 konnte Charkow, unterstützt von aufständischen Arbeitern, erobert werden, eine gleichzeitige Invasion unter der schwarzen Fahne des Anarchismus wurde niedergeschlagen. 59)

In den Dörfern war ein neue Kraft entstanden. Unter der schwarzen Fahne des Anarchismus wollten die Bauern endlich ihr Land, lokale Atamane sammelten Bewaffnete, die Grenzen dieser sogenannten 'grünen Bewegung' zum Banditentum war fließend, die politische Aussage unklar. Viele Gruppen strömten erst Petljura zu, waren schnell enttäuscht von den dessen reaktionären Generälen, desertierten wieder und wandten sich den Bolschewiki und den Grünen zu, vielleicht konnten die ihr Land sichern. Die Politik der Getreide-Beschlagnahmungen in Russland war den Ukrainern zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Militärische Disziplin war kein zentrales Anliegen der Partisanen, im Vergleich zu den Grünen schienen die Sowjetsoldaten sehr diszipliniert zu sein.

Am 18. Dezember 1918 griff ein alliiertes Expeditionskorps ein. Es wurde aus der siegreichen Balkanarmee gebildet, die französischen Truppen wurden von griechischen, rumänischen und senegalesischen Einheiten unterstützt, sie landeten in Odessa, bei Cherson und auf der Krim, auf dem Höhepunkt waren das 50.000 Invasoren. 60) Das Ziel der Führer war die Ausrottung des Bolschewismus, die Wiedergewinnung der enteigneten Aktienwerte und Anleihen. Über die politischen und sozialen Verhältnisse der Ukraine war man kaum informiert.

Dem Elan der Führer stand die Kriegsmüdigkeit der 'Poilus' entgegnen, die nach dem so schwer gewonnen Sieg gegen die Deutschen durchaus nicht gewillt waren, in einem ihnen unbekannten Land jetzt noch für die Interessen ihrer Herren ihre Haut zu Markte zu tragen. 61) Die gesamte Kampagne war militärisch und politisch unzureichend vorbereitet und musste binnen fünf Monaten nach Meutereien der Matrosen und militärischen Niederlagen überstürzt wieder abgebrochen werden.

In Verhandlungen forderten die Franzosen vom Direktorium die Aufstellung einer Armee von 300.000 Mann, geführt durch weiße Offiziere, ebenso die Verwaltung der Eisenbahnen unter dem Kommando der Entente. Über den Status der Ukraine wollte man erst auf der Pariser Friedenskonferenz entscheiden. Die Bedingungen waren kaum geeignet, zu einem Abkommen mit dem Direktorium zu kommen. Die Sowjetarmee musste Petljura so schnell wie möglich schlagen, um sich dann gegen Denikin und die Invasoren wenden zu können.

Die Rote Armee rückte gegen Kiew vor, gerade zu Petljura übergelaufenen Bauerntruppen desertierten in Massen zur Roten Armee. Im Januar schmolzen die Truppen der Ukrainischen Volksrepublik auf 21.000 Soldaten zusammen. 62) Am 5. Februar 1919 marschierte Antonow-Owsejenko kampflos in Kiew ein, das Direktorium floh nach Westen. Östlich des Dnejpr herrschte jetzt die Sowjetmacht, im Westen kämpfte man gegen Petljura und Polen, in Süden dominierten die Franzosen. Südlich des Don drohte Denikin, weite Teile des Landes wurden von Machno und lokalen Partisanen beherrscht.

Die Rote Armee der Ukraine wuchs im Februar 1919 auf 46.000 Soldaten an, darunter etwa 14.000 ehemalige Partisanen, die kaum zu kontrollieren waren. 63) Der wichtigste Partisanenführer war Nikifor Grigoriew, dessen Truppe sich nach der deutschen Niederlage erst Petljura unterstellen und der beim Vormarsch der Roten Armee ein Waffenbündnis anbot. Antonow-Owsejeno litt immer am Mangel an fähigen Soldaten, zögernd wurde das Angebot Grigoriews angenommen.

Die Rote Armee war um den Kern der klassenbewussten Arbeiter aufgebaut worden, die Militär-Kommandeure wurden durch politische Kommissare unter Kontrolle gehalten. Bei Grigoriews Truppe griff dieser Kontrollmechanismus nicht. Er konnte seine Truppe in seiner Provinz ohne Einmischung der Kommunisten unbeschränkt zusammenhalten. Ein ausgesprochener gefährliches Unternehmen, denn Grigoriews Truppen waren durch ihre Disziplinlosigkeit und Brutalität berüchtigt. Immer wieder ließen sich einzelne Einheiten dazu hinreißen, Städte zu plündern, Juden und Tschekisten zu töten und Landstriche zu verwüsten. 64) Da half auch die Todesstrafe nicht. Die Entsendung von Kommissaren und kommunistischen Agitatoren verbat sich Grigoriew.

Im März griff Grigoriew die Hafenstädte Cherson und Nikolajew an, die von französischen Truppen und ihren Verbündeten besetzt waren. Die Kämpfe dauerten acht Tage, Grigoriew konnte beide Städte erobern und die Franzosen vertreiben, er erhielt Zulauf von weiteren Partisanengruppen. Der Angriff war ohne den Befehl von Antonow-Owsejenko erfolgt, man konnte meinen, Grigoriews Armee habe die roten Truppen absorbiert statt umgekehrt. Es war aber der erste Sieg über die alliierten Invasoren.

Nach der Eroberung von Cherson gab Antonow-Owsejenko den Befehl Odessa einzunehmen. An dieser Front waren jetzt 35.000 Soldaten unter Grigoriews Befehl. 65) Die französischen Truppen waren besser gerüstet, aber deren Soldaten waren unzufrieden, der Nachschub klappte nicht, unter Arbeiter und Soldaten agitierten die Kommunisten, die von Flüchtlingen überlaufene Stadt hungerte und fror, die Fabriken standen still, die Zivilverwaltung funktionierte nicht. So kam Anfang April der Befehl aus Paris, Odessa binnen 72 Stunden zu evakuieren.

Die Stadt wurde am 7. April besetzt, aber es war mehr ein Sieg Grigoriews als der Kommunisten. Grigoriew interpretierte seinen Sieg sehr weit. Er gehorchte Befehlen nur, wenn sie ihm genehm waren. Der Sieg im Südwesten hatte die Sowjetmacht eher geschwächt.

Als im März die ungarische Räterepublik ausgerufen wurde, hielten die Kommunisten es für eine Selbstverständlichkeit, ihre Klassenbrüder politisch und militärisch zu unterstützen. Rumänien hatte 1918 die russische Provinz Bessarabien besetzt, die rumänische Armee griff jetzt die ungarische Räterepublik an. Antonow-Owsejenko forderte seinen Generalstab auf, einen Angriff auf Rumänien vorzubereiten, aber im Frühjahr verschlimmerte sich die militärische Lage Sowjetrusslands. Koltschak machte eine Offensive in Sibirien, alle Reserven der Armee wurden an die Ostfront geworfen. Die Offensive gegen Rumänien musste abgebrochen werden, die ungarische Räterepublik verblutete.

Grigoriews Truppen plünderten Odessa, er war nicht zu kontrollieren. Es gab Gerüchte, er plane einen Aufstand und wolle zu den Weißen überzulaufen. Statt befehlsgemäss gegen Denikin zu ziehen, zog er seine gut bewaffnete Truppe in seine Heimatregion in den Dnjepr-Bogen bei Jekaterinoslaw zurück. Antonow-Owsejenko begab sich in die Höhle des Löwen, konnte aber Grigoriew nicht bewegen, zusammen mit der Armee Machnos das Donezbecken gegen Denikin zu schützen. Auch in Machnos Armee wurden die kommunistischen Politkommissare festgenommen, man befürchtete ein Bündnis zwischen ihm und Grigoriew.

Der Vulkan Ukraine grollte, das Bandenunwesen erreichte im Frühjahr 1919 einen Höhepunkt. Lokale Sowjets wurden attackiert, Kommunisten, Juden und Tscheka-Agenten erschossen, Vorräte geraubt. Mehrere Banden erreichten bis zu 2.500 Mann Stärke und lieferten sich Schlachten mit den Roten. Rakowski berichtete von 93 Aufständen im April 1919. 66)

Am 10. Mai 1919 erklärte Grigoriew den Bruch mit den Kommunisten, die Umstände waren ziemlich unklar. Er forderte die Kommunisten auf, die Beschlagnahmungen der Lebensmittel einzustellen und die Ukraine zu verlassen. Die Kommunisten wurden zu den Waffen gerufen. Kurzzeitig eroberte Grigoriew Lugansk, dafür waren die Roten in Grigoriews Heimatprovinz Jekaterinoslaw erfolgreich. Sein Appell an Machno, sich der Rebellion anzuschließen, scheiterte. Machno sprach sich trotz der Gegnerschaft zu den Kommunisten für die soziale Revolution aus und lehnte ein Zusammengehen mit den Weißen ab. Im Juli kam es zu einem Treffen der Anhänger Machnos und Grigoriews mit etwa 20.000 Teilnehmern. Grigoriew rief zum Kampf gegen die Bolschewiki auf, dabei sei auch ein Bündnis mit Denikin möglich. Damit war er zu weit gegangen, Machno betonte, der Kampf gegen die Bolschewiki könne nur ein revolutionärer sein. Als Grigoriew zur Waffe griff, wurde er von einem Anhänger Machnos erschossen. 67) Seine Anhänger schlossen sich Machno an oder zerstreuten sich, gingen nach Hause und warteten auf die nächste Gelegenheit, es den 'Judo- Kommunisten' heimzuzahlen.

Als sich die Sowjetmacht im Winter 1918/19 an die Wiedereroberung der Ukraine machte, war ihr Hauptinteresse das Getreide und die Rohstoffe für das hungernde und frierende Russland. Auf der Ebene der Provinzen, Kreise und Ämter wurden aus Mitgliedern der KPU Revolutionskomitees errichtet. Junge Männer wurden zur Roten Armee einberufen, die lokalen Verwaltungen einschließlich der Tscheka wurden eingerichtet. Auf lokaler Ebene erhielten so weit wie möglich Komitees der Dorfarmut aus landlosen und armen Bauern die Macht, in den Städten wurden Sowjets errichtet, in der Mehrzahl der Dörfer konnten dagegen keine revolutionären Verwaltungen durchgesetzt werden. Die wohlhabenden Bauern wehrten sich. Das Land der Grundbesitzer wurde zugunsten der armen und landlosen Bauern enteignet, gleichzeitig die kollektive Bearbeitung des Bodens dekretiert. Staat und arme Bauern sollten je die Hälfte des Landes bekommen. Statt mehr Land zu bekommen, sahen sich die Mittelbauern in ihrer Existenz bedroht.

Der Sowjetstaat schickte Spezialisten für die Getreideablieferungen in die Ukraine, sie bekamen Sondervollmachten und waren direkt der russischen Sowjetregierung unterstellt. 68) Es kamen 3.000 Arbeiter aus Moskau und Russland, die mit den regionalen Verhältnissen nicht vertraut waren.

Die ukrainischen Bauern hatten sich schon mit der Waffe in der Hand gegen Skoropadski und die Requisitionen der Deutschen gewehrt. Obwohl viele Spezialisten sehr vorsichtig vorgingen und den Bauern größere Anteil am Getreide ließen, mussten sie Truppen einsetzen. Die Loyalität der Dorfarmen war unklar. Die Tscheka suchte nach Konterrevolutionären und der Widerstand gegen die Sowjetherrschaft verhärtete sich. Ein Sowjetfunktionär beklagte, in den Provinzen herrsche vollständige Desorganisation. Die Haltung gegenüber der Sowjetmacht sei vollkommen negativ. Die Ordnung fehle völlig, im Gebietssowjet säßen die Anhänger Petljuras. 69)

Die ukrainischen Bauern lehnten die bolschewistische Landverteilung ab. Mit diesem Wissen betonte der Parteitag der KPU, ein Eintritt in die Kollektivfarmen dürfe nur freiwillig erfolgen, aber übereifrige lokale Kommunisten fuhren fort, die Bauern zur Aufgabe ihres Individualismus zu drängen. Das verfestigte die Meinung der Bauern, die Kommunisten wollten ihnen ihr Land stehlen. Da die materiellen Voraussetzungen für die Lieferung großer Mengen von landwirtschaftlichen Industrieprodukten fehlten, blieb nur die Propaganda. Aber Facts are a stubborn thing, die Ergebnisse waren so desaströs wie in Russland. 70)

Im März hatte Lenin 50 Millionen Pud Getreide aus der Ukraine erwartet. Die Requirierungs-Komitees sammelten 10,5 Millionen Pud, aber nur 768.000 Pud kamen in Russland an, der Rest wurde in der Ukraine konsumiert. 71)

Die Bolschewiki der Ukraine außerhalb des Donez-Beckens waren 1917 deutlich schwächer als in Zentral- Russland gewesen. Viele Organisationen hatten sich erst im Laufe des Sommers von den Menschewiki getrennt. Ihre Mitgliedschaft war eher bescheiden, 1917 gab es in der Ukraine 18.000 Mitglieder, 1919 16.000. 72) Bei der Wahl zur Konstituante im November 1917 hatten die Bolschewisten in der Ukraine zehn Prozent gegenüber 23 Prozent der Stimmen im gesamten Staat erhalten. Waren ihre Ergebnisse im Industriegebiet einigermaßen zufriedenstellend, so waren es in der Provinz Kiew und in der Westukraine nur drei bis vier Prozent.

Bild 60: Plakat in ukrainischer Sprache 'Hinein in die rote Kavallerie'
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Eine ukrainische Sonderstruktur für die Ukraine besaßen sie nicht, die Rada und das Direktorium sahen sie als konterrevolutionäre Organisationen an. Die russischsprachigen Kommunisten des Donez-Beckens sahen das nationale Problem der Ukrainer nicht. Während der ersten Periode der Sowjetrepublik 1918 wurde die Notwendigkeit einer separaten Organisation nicht diskutiert.

In der schwachen Kiewer Organisation wurde die nationale Frage thematisiert, aber Pjatakow war in dieser Frage Anhänger von Rosa Luxemburg und lehnte Lenins Thesen ab. Im April 1918 fand in Taganrog eine Tagung statt, die 70 Delegierten beschlossen, eine eigenständige Kommunistische Kartei der Ukraine (KPU) zu schaffen. Als eigenständige Partei sollte sie über die zu gründende Kommunistische Internationale mit der KPR verbunden sein. Diese Resolution wurde nur mit knapper Mehrheit angenommen. Ein Organisationsbüro wurde gewählt, in denen die Linken Kommunisten mit Nikolai Skrypnik, Giorgi Pjatakow und Andrei Bubnow dominierten. Ein Teil der Delegierten zog aus, allgemein wurde der Beschluss der Tagung als Versuch der Linken gesehen, sich eine organisatorische Basis gegen das Parteizentrum zu verschaffen. 73) Skrypnik vertrat eine selbstständige Sowjetukraine. Bucharin wollte auf dem Achten Parteitag das Selbstbestimmungsrecht der Nationen fallen lassen zugunsten der Werktätigen dieser Nationen. Der Wille einer Nation sei fiktiv und schließe den Willen der herrschenden Klasse ein. Die aber bekämpften die Kommunisten, das Selbstbestimmungsrecht müsse sich also auf die werktätigen Klassen jeder Nationalität beschränken. 74)

Im Juli 1918 fand in Moskau der erste Parteitag statt, die Beschlüsse von Taganrog wurden umgestossen und die KPU als Regionalorganisation der russischen Partei untergeordnet. Die Linken Kommunisten waren im ZK in der Mehrheit und Pjatakow wurde Parteisekretär, inhaltlich siegten die Zentralisten. 75) Auf dem Zweiten Parteitag im Oktober wurde dann die Mehrheit der Linken abgelöst.

Als die zweite Räterepublik 1919 siegte, wurde der Linkskommunist Pjatakow durch Christian Rakowski, der ebenfalls keine Beziehungen zur ukrainischen Frage hatte, als Chef der Sowjetrepublik abgelöst. 76) Die Mehrheit seiner Sowjetregierung bestand aus Großrussen. Ein Sowjetkongress bestätigte im März 1919 die Regierung und eine Verfassung, die KPU war dem ZK der KPR untergeordnet. Die Freiheit der Presse, der Rede, der Versammlung und die Koalitionsfreiheit für die arbeitenden Massen wurde beschlossen, die Bourgeoisie und ihren nahestehende Schichten blieben wie in Russland von diesen Rechten ausgeschlossen. Die ukrainische Sprache wurde nicht als Landessprache eingeführt. Ein Zentrales Exekutivkomitee ZEK tagte zwischen den Sowjetkongressen. Ins ZEK wurden 90 Kommunisten und 10 Borotbisten gewählt. 77) Die unabhängige Ukraine hatte eine eigene unabhängige Regierung und eine eigene Armee, die aber völlig von der russischen Partei abhängig waren.

1918 hatte sich der linke Flügel der ukrainischen Sozialrevolutionäre abgespalten, wie in Russland wollten sie in der Ukraine eine Sowjetrepublik neben einer Konstituante installieren. Sie kritisierten die Nationalisten und auch die Bolschewiki wegen ihrer Ignoranz gegenüber der nationalen Frage. Im Gegensatz zur KPU verlangten sie eine unabhängige Sowjet-Ukraine. Die ukrainischen Linken Sozialrevolutionäre waren nicht am Putschversuch der russischen LSR beteiligt. Nach ihrer Zeitschrift Borotba (Kampf) wurden sie Borotbisten genannt. Sie bezogen sich wie die Sozialrevolutionäre aufs arbeitende Volk von Bauern und Arbeitern. 78) Im Februar 1919 kam es zu einer militärischen Zusammenarbeit mit den Kommunisten. Ein Eintritt in die ukrainische Sowjetregierung und eine Fusion mit 'kleinbürgerlichen Parteien' wurde von der KPU im März 1919 abgelehnt. 79) Von der zweiten Sowjetrepublik wurden die Borotbisten desillusioniert, es kam zum Bruch. Während des Aufstandes von Grigoriew wurden Borotbisten und Vertreter des Bundes doch in die Regierung Rakowski aufgenommen, sie bekamen aber nur untergeordnete Positionen.

Nach der Niederlage gegen Denikin setzten große Teile der Borotbisten den Partisanenkampf hinter dessen Fronten fort. Sie behaupteten, im Widerstand habe die bolschewistische KPU keine soziale Basis. 80)

Unter dem Ansturm der von den Alliierten unterstützen Freiwilligenarmee und dem Widerstand der Bauern brach die ukrainische Front zusammen. Die ganze Politik der zweiten ukrainischen Kampagne erwies sich als Desaster, die ukrainische Sowjetregierung wurde aufgelöst. Ohne ihre Politik wären Denikin und Petljura nicht so erfolgreich gewesen.

Die Herrschaft Denikins war im Dezember 1919 und Januar 1920 schnell beendet, auch die Truppen des Direktoriums von Petljura wurden an die Westgrenze abgedrängt.

In der ukrainischen Frage führte die schmerzhafte Niederlage von Sommer 1919 zum Umdenken. Der Niedergang der Weißen befreite die Sowjetmacht von der Unterordnung der Politik unter die militärischen Notwendigkeiten. Man war jetzt bereit, den Bauern und dem ukrainischen Nationalismus größere Zugeständnisse zu machen. In den Reihen der KP gab es weiterhin die Anhänger der ukrainischen Sowjetrepublik mit einer eigenständigen Innen- und Außenpolitik sowie eine von der KPR unabhängigen kommunistischen Partei, mit der KPR über die Kommunistische Internationale verbunden, die sogenannten 'Föderalisten'. Die 'Zentralisten' waren für die Anerkennung der russischen Dominanz und ihrer Unterordnung unter die Direktiven der KPR.

Anfang 1920 beantragten die Borotbisten die Aufnahme in die Kommunistische Internationale, die aber antwortete mit dem Gegenvorschlag, sich in die KPU einzugliedern und lehnte ihre Aufnahme ab. Mit der Ablehnung standen die Borotbisten vor dem Dilemma, ihre Partei aufzulösen oder sich auf der Seite der Nationalisten gegen die KPU zu wenden, sie entschieden sich für die erste Möglichkeit; 4.000 der 15.000 Borotbisten traten im März 1920 der KPU bei. 81) Damit kam die KPU erstmals näher mit ukrainischen Bauern in Kontakt. Ihr Beitritt stärkte die föderalistischen Tendenzen in der KPU, aber zu einer Revision in den Beziehungen zur KPR kam es nicht. Die Politik der 'Ukrainisierung' war auch auf den wachsenden Einfluss der Borotbisten in der KPU zurück zu führen.

Lenins Resolution verpflichtete alle Parteimitglieder,

„… mit allen Mitteln an der Beseitigung jeglicher Hindernisse für eine freie Entwicklung der ukrainischen Sprache und Kultur mitzuwirken… Die Mitglieder der KPR müssen … allen Russifizierungsversuchen… entgegenwirken. Unverzüglich müssen Maßnahmen getroffen werden, damit es in allen Sowjetinstitutionen genügend Angestellte gibt, die die ukrainische Sprache beherrschen, und damit sich in Zukunft alle Angestellten in ukrainischer Sprache verständigen können.“ 82)

Der Krieg im Baltikum

Nach Nach der Niederlage der Mittelmächte etablierten sich in den drei baltischen Staaten nationalistische Regierungen. Die Sowjetmacht, 1917 von den Arbeitern Estlands und Lettlands unterstützt, rechnete mit dem Sieg. Die Alliierten unterstützten die bürgerlichen Regierungen nur durch Schiffe mit Waffen und Lebensmitteln, auf ein Eingreifen konnten sie sich nicht einigen, die diplomatische Anerkennung der drei Staaten verschoben sie auf einen Friedensvertrag, um sich die Handlungsmöglichkeiten gegenüber den Weißen in Russland freizuhalten. Über Sowjetrussland verhängten sie eine Wirtschaftsblockade. Ein Teil der deutschen Besatzungstruppen musste im Baltikum verbleiben, im Gegensatz zur Ukraine spielten sie hier eine aktive Rolle. Mit der Gründung des polnischen Staates entstand ein neuer Machtfaktor, der auf Kosten Litauens sein Territorium ausdehnen wollte.

Die Sowjetregierung erkannte sofort nach ihrer Bildung aufgrund ihren Prinzipien der nationalen Selbstbestimmung die Unabhängigkeit der drei Republiken an. Andererseits richtete sie einen Appell an die arbeitenden Massen, sich 'in brüderlicher Verbundenheit mit den russischen Arbeitern und Bauern' zu erheben. 83) Eine estnische und eine lettische Rote Armee wurden gebildet. Die Lettischen Schützen unter Watzelis bekamen den Marschbefehl und wurden von der lettischen Bevölkerung freudig begrüsst. Die Rote Armee in Estland bestand nur zu einem geringen Teil aus Esten und wurde von der Bevölkerung bald als Eindringling aufgefasst.

Am 2. Januar 1919 marschierte die Rote Armee in Riga ein. Die deutschen Truppen hatten ihre Stellungen freiwillig aufgegeben. Die lettische Regierung unter Karlis Ulmanis musste sich auf einen schmalen Landstreifen um die Hafenstadt Libau zurückziehen, ihre Truppen waren schwach. Die deutschen Barone finanzierten die Aufstellung einer Truppe, das Alliierte Oberkommando unterstützte das. Von der neuen deutschen Reichsregierung wurde der Sozialdemokrat August Winnig nach Lettland geschickt, er schloss mit der lettischen Regierung einen Vertrag zur Aufstellung von Truppen. In Deutschland wurden Freiwillige zum Kampf gegen den Bolschewismus angeworben, die allgemein 'Freikorps' genannt wurden, viele ließen sich von einem vagen Versprechen auf Landbesitz in Lettland ködern. An die Spitze der Freikorps wurde der im finnischen Bürgerkrieg siegreiche Rüdiger von der Goltz gestellt, der mit seinen 6.000 Soldaten 1919 zu einem Machtfaktor im Baltikum wurde. 84)

In Dezember 1918 wurde in Riga eine Provisorische Sowjetregierung unter Pjotr Stuchka gebildet. Ein Kongress der Arbeiter, Landlosen und Schützen Lettlands enteignete Rittergüter und Kirchen, eine Aufteilung an Bauern war nicht vorgesehen, man wollte die Güter gemeinschaftlich bewirtschaften, das hatten die Landarbeiter bereits 1905 gefordert. Die Bourgeoisie wurde aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen, die allgemeine Arbeitspflicht eingeführt. Es gab viele Verhaftungen, es sollen bis zu 5.000 Menschen erschossen worden sein. 85) Die Ernährungslage verschlechterte sich.

Im Mai 1919 waren die Freikorps so stark, dass sie Riga zurück erobern konnten, durch das harte Regime der Kommunisten war deren Unterstützung in der Bevölkerung gesunken. Der Vormarsch der Freikorps erfolgte ohne Zustimmung der Allliierten, die sich langsam die Frage stellten, ob der Bolschewismus oder die Freikorps in diesem Land der gefährlichere Gegner war, zumal es Goltz gelang, zeitweise eine deutschfreundliche Regierung an die Macht zu bringen. Ab Juli verlangten die Alliierten von Deutschland den Rückzug der Freikorps. Die deutsche Regierung verlor durch die Unterzeichnung des Versailler Vertrages die Gewalt über die Freikorps im Baltikum, mit der Unterzeichnung des 'Schandvertrages' brach auch Goltz mit der deutschen Regierung. Dieser 'Condottiere des 20. Jahrhunderts' sah seine Zukunft jetzt im Zusammengehen mit den russischen Weißen. 86) Nach dem Scheitern dieses Planes zogen sich die Freikorps Ende 1919 nach Ostpreußen zurück, wenige Monate später beteiligten sie sich am Kapp-Putsch.

Die Rote Armee räumte Lettland. Fünf Monate Sowjetherrschaft hatte die Stimmung der Bevölkerung gründlich geändert. Die Lebensmittellieferungen der American Relief Administration für die das Baltikum hatte ihren Teil für den Stimmungsumschwung beigetragen. Als im April 1920 Parlamentswahlen stattfanden, boykottierten die Kommunisten die Teilnahme. Trotzdem gaben 84 Prozent der Letten ihre Stimme ab. 1920 bis 1924 fand eine Landreform statt, bei der die Grundbesitzer ohne Entschädigung enteignet wurden, das Land ging an Landlose und Kleinbauern. Der Achtstundentag wurde eingeführt und Sozialgesetze verabschiedet. 87)

In Estland gelang es der nationalistischen Regierung, verstärkt durch Freiwillige aus Finnland, Schweden und Deutschland sowie durch Waffen- und Lebensmittellieferungen der Alliierten, bis Februar 1919 die Rote Armee über die Grenze zurück zu treiben. Ein Problem für Estland wurde jetzt die Nordwestarmee unter Judenitsch, der sich auf einem schmalen Landstreifen zwischen Narwa und Pskow hielt. Judenitsch erkannte die Unabhängigkeit Estlands nie an, beide Lager waren aber in ihrer Gegnerschaft gegen die Bolschewiki aufeinander angewiesen. Im Sommer begannen die Briten mit der Aufrüstung von Judenitsch und blockierten mit ihren Schiffen Petrograd. 88)

Beim Vormarsch der Roten Armee besetzte die am 5. Januar 1919 auch Wilna. In Litauen war die Unterstützung für die Bolschewiki weniger groß als im benachbarten Lettland. Im Februar 1919 wurde eine Litauisch-Weißrussische Sowjetrepublik gegründet, sie umfasste das Gebiet um Wilna und im Norden Lettlands. In Kaunas richtete sich eine nationale Regierung ein, in den Westen des Landes rückten für die abziehende deutsche Armee die Freikorps ein. Im Süden des Landes hatte sich inzwischen der wieder gegründete polnische Staat etabliert, im April eroberten polnische Verbände Wilna und drängten die Rote Armee nach Osten bis hinter Minsk zurück. Gleichzeitig drängte die litauische Armee die Rote Armee vom Territorium des Landes zurück. Hauptgegner Litauens war jetzt Polen, gegen dessen Aggression sich das Land erwehren musste. Von August bis November 1920 - parallel zum polnisch-russischen Krieg - führte es einen Krieg gegen Polen um Wilna. Im Juli 1920 schlossen die RSFSR und Litauen einen Friedensvertrag. 89)

Denikin: Russland wird groß, einig und unteilbar sein

Kaum war Koltschak entscheidend geschlagen, drohte die nächste tödliche Gefahr aus dem Süden. Denikin hatte die Rote Armee im Nordkaukasus aufgerieben, über Noworossisk wurde er von der Entente aufgerüstet. Von Februar bis zum Sommer 1919 hatte er seine Armee von 152.000 auf 359.000 aufgestockt, er bekam Panzer und Flugzeuge geliefert. Die Kampfkraft der Kavallerie war enorm, deutlich stärker als die 80.000 Mann der vorwiegend aus Infanteristen bestehenden Roten Armee. 90)

Bild 61: Weißes Plakat: Für das einige Russland
Seine Armee stieß schnell ins Donez-Becken vor, eroberte Ende Juni Charkow, wandte sich nach Westen, überschritt den Dnjepr, nahm Jekaterinoslaw und Odessa, am 23. August eroberte er Kiew. Die roten Truppen gegen Petljura und Rumänen mussten in Eilmärschen nach Norden marschieren, um nicht abgeschnitten zu werden. An der Ostflanke marschierte sein General Wrangel bis 80 Kilometer vor Saratow. Die Chance zum Zusammenschluss mit Koltschak war vertan, der sich im Osten in vollem Rückzug befand.

Im September begann Denikins Vormarsch nach Norden, seine Truppen erreichten Woronesch, Kursk und am 14. Oktober Orel. Sie bedrohten Tula, eine Waffenschmiede Sowjetrusslands; Tula liegt nur 200 Kilometer südlich von Moskau.

Lenin mobilisierte zum Kampf gegen Denikin. Truppen wurden aus Sibirien abgezogen und an die Südfront geworfen. Wazetis wurde im Juli als Oberkommandierender durch Sergei Kamenew ersetzt, ein schwerer Schlag für Trotzki, als dessen Gefolgsmann Wazetis galt.

Zeitgleich mit Denikins Vormarsch versuchte Judenitsch von der estnischen Grenze seinen Marsch auf Petrograd. Der Südarmee gelang es, Denikins Vormarsch auf Moskau zu stoppen. Denikin konnte Orel nur eine Woche halten, kurz darauf konnte Woronesch zurück gewonnen werden. Militärisch hatte er sich übernommen. Die langen Nachschublinien wurden immer wieder von Partisanen gestört, die Soldaten Denikins mussten immer öfter zu Plünderungen der Bauern übergehen.

Genau wie Koltschak sah sich Denikin als Militärführer. Als großrussischer Nationalist lehnte er die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer und anderen nationalen Minderheiten ab. Denikin war für eine Landreform, aber die politischen Strukturen waren nicht sein Hauptinteresse. Seine Truppen brachten durch die 'Selbstversorgung' nicht nur die Bauern gegen sich auf, sondern die Weißen brachten auch die alten Grundherrn mit sich, die ihr Land zurück wollten. Die Weißen verübten Pogrome, darin konkurrierten sie mit Petljuras ukrainischen Nationalisten. Die Pogrome gegen Juden wurden fast immer von Weißen ausgeübt, die Opfer werden zwischen 50.000 und 200.000 geschätzt. 91) Unter der Rechten war die Idee der 'jüdischen Weltverschwörung' weit verbreitet, die von den Bolschewiki über Sozialisten, Demokraten und Republikaner bis zum 'jüdischen Weltkapital' reichte. Die Mehrheit der Juden sympathisierte mit den Bolschewiki, der einzigen Partei, die ihnen Schutz bot. Die Weißen setzten Bolschewiki und Juden oft einfach gleich.

Terror wurden von beiden Seiten in großem Maße eingesetzt. Er war selbstverständlich und grausam, seine Beschreibung wäre relativierend. In der russischen Geschichte haben Terror und Gewalt immer eine große Rolle gespielt, der Bürgerkrieg war ein exzessiver Höhepunkt. Der soziale Terror der Bolschewiki wurde vor allem von der Tscheka ausgeübt. Der 'rote Terror' diente als Rechtfertigung des weißen Terrors. Bereits 1918 hatte Kornilow seine Offiziere aufgerufen, keine Gefangenen zu machen. 92) Offiziere der Roten Armee und Kommissare liquidierte man sofort. Die Soldaten plünderten und verkauften Beute auf den Märkten, eine Kontrolle war den weißen Kommandeuren nicht möglich und wurde geduldet. Die 'anarchistische' Gewalt weißer Garden entzog sich jeder 'staatlichen' Kontrolle. Der bolschewistische Terror war dem Anspruch nach zentralistisch und systematisch, den Opfern half das nicht. Ein Flugblatt der Roten Armee rief die Soldaten der Weißen auf:

„Soldaten - zu uns. Freiwillige - nach Hause. Offiziere - ins Grab.“ 93)

Die Zivilverwaltung der Weißen war völlig unterentwickelt. Nur die inzwischen verschwindende Minderheit der Kadetten und Konservativen unterstützten Denikin. In den eroberten Städten tobte sich die Soldateska aus, Trunkenheit und Korruption waren an der Tagesordnung. Der Warenhunger und die Inflation ließen die alliierten Lieferungen in den Kanälen der Schieber verschwinden. Ein britischer Journalist berichtete:

„Etwa um die Mitte des Jahres 1919 sandten die Briten eine vollständige 200-Betten-Ausrüstung für ein Krankenhaus in Jekatinodar. Kein einziges Bett gelangte je an seinen Bestimmungsort. Betten, Decken, Leinentücher, Matratzen und Kissen verschwanden wie durch Zauberei. Sie fanden ihren Weg in die Häuser von Stabsoffizieren und Mitglieder der Kubanregierung… 1919 schickten wir Denikin 1.500 komplette Krankenschwester-Garnituren. Ich sah niemals während meiner Dienstzeit bei der Armee in Russland eine Schwester in britischer Uniform, aber ich sah Mädchen, die ganz bestimmt keine Krankenschwestern waren, … die in den für britische Schwestern vorgeschriebenen Röcken und Strümpfen herumgingen.“ 94)

Bis zum Januar 1920 kollabierten Denikins Truppen völlig und zogen sich ohne Ordnung bis zum Don zurück, im April war die 'russische Vendée' für immer verloren. Die Weißen mussten sich durch Gebiete zurückziehen, die sie zuvor geplündert hatten und wo sie gehasst wurden. Von den 100.000 Soldaten waren 43.000 Verletzte. Die rote Kavallerie attackierte ständig, die Rote Armee rekrutierte jetzt eine große Zahl von Kavalleristen, oft Kosaken mit Kriegserfahrung. 'Proletarier auf die Pferde' war eine Losung Trotzkis 1919. 95) Der berühmteste Kavallerie-Kommandant war Semjon Budjonny. Am 16. Dezember 1919 konnte Kiew erobert werden, Zarizyn am 3. Januar, dann Rostow. Im Februar fiel Odessa. Mit britischen Schiffen wurden von Noworossisk und den Krimhäfen die Weißen evakuiert, im April 1920 kapitulierten die letzten 60.000 Weißen bei Sotschi. 96) Denikin wurde als Oberbefehlshaber des Südens von General Wrangel abgelöst und floh nach Konstantinopel.

An der Spitze einer kleinen weißen Armee im Nordwesten stand General Judenitsch. Unter deutschen Schutz hatten sich deren Streitkräfte bei Pskow gehalten, hatten sich nach ihrem Abzug nach Estland zurück gezogen und waren später wieder auf russisches Territorium vorgedrungen, jetzt hielt Judenitsch ein kleines Gebiet bei Narwa und Pskow. Mit Estland hatte Judenitsch ein widersprüchliches Verhältnis. Einerseits erkannte es die Selbstständigkeit der Ostseerepublik nicht an, andererseits gab es Abkommen mit der Regierung. Unterstützung hatte Judenitsch von der weißen Regierung Mannerheims in Finnland und den deutschen Freikorps in Lettland. Als Mannerheim im Juli 1919 die finnischen Wahlen verlor, ging die aktive Unterstützung zurück. Trotzdem bestand immer die Gefahr eines finnischen Angriffs auf Petrograd.

Britische Kriegsschiffe liefen in den Finnischen Meerbusen ein, blockierten Petrograd und unterstützen den weißen General. Die Lebensmittellieferungen der US-amerikanischen American Relief Administration (ARA) bestanden aus 18.000 Tonnen Lebensmittel in die Städte Wiborg, Tallinn und Riga sowie für die antikommunistische Nordwest-Armee. 97)

Die britische Unterstützung ermutigte Judenitsch, mit kaum mehr als 10.000 Soldaten im Oktober 1919 auf Petrograd zu marschieren, Denikins Angriff auf Orel war am Tag zuvor zurückgeschlagen worden. Trotzki traf mit einem Panzerzug in der Newastadt ein und feuerte die Arbeiter der geschundenen Stadt zum Widerstand an. In Petrograd lebten noch 600.000 ausgehungerte Menschen, die von schlecht ausgerüsteten 25.000 Soldaten der Roten Armee verteidigt wurden.

Es gelang Judenischs Armee nicht, die Eisenbahnverbindung nach Moskau zu unterbrechen, so dass aus dem Süden frische Truppen herangeführt werden konnten. Wieder mobilisierte Trotzki den Widerstand, verbarrikadierte die Zugänge, rüstete die Arbeiter und die Rote Armee zum bevorstehenden Häuserkampf. Es war allerdings kaum wahrscheinlich, dass eine Feldarmee von 10.000 Mann die Stadt besetzen konnte.

Judenitsch konnte seine Soldaten bis an die Tore Petrograds vordringen lassen, mit ihren Fernrohren konnten sie die Kuppeln der Isaaks-Kathedrale sehen. Auf den Höhen von Pilkowo fand - wie 1917 - die entscheidende Schlacht statt, die weiße Armee wurde zurückgeworfen.

Am 21, Oktober begann die Gegenoffensive, innerhalb von drei Wochen wurde Judenitsch über die estnische Grenze zurück geworfen und dort entwaffnet. Beim Vormarsch überschritt kein Sowjetsoldat die estnische Grenze. Im Dezember wurde mit der Republik Estland ein Waffenstillstand und im Februar 1920 ein Frieden geschlossen. Zu Ehren Trotzkis wurde die Stadt Gatschina in Trotzk umbenannt - bis er 1929 in Ungnade fiel.

Der polnisch-russische Krieg

Nach der Kapitulation der Mittelmächte war der Weg für die Wiedergründung eines polnischen Staates auf dem Gebiet Russlands, Deutschlands und Österreich-Ungarns frei. Der neue Staat setzte sich 1918/19 militärisch mit seinen Nachbarländern Deutschland. der Tschechoslowakei und Litauern um die Festlegung der Grenzen auseinander, zwischen Polen und Sowjetrussland standen die abzugswilligen deutschen Soldaten. Die Stellung des neuen Staatspräsidenten Pilsudski im Innern war wenig gefestigt, die wirtschaftliche Situation war nicht viel besser als in Russland.

Die polnischen Streitkräfte drangen nach Osten vor, im Februar 1919 kam es zu einem ersten Gefecht mit Einheiten der Roten Armee in Weißrussland. Sowjetischer und polnischer Einflussbereich waren völlig ungeklärt, es gab keine klare Sprachgrenze, die polnischen Politiker wollten möglichst zu den Grenzen von 1795 zurück. Im Konflikt zwischen beiden Staaten ging es um den Kampf der Systeme: Sowjetrussland war ein autoritäres System, aus der Arbeiterrevolution hervorgegangen, hatte die Grundbesitzer und Kapitalisten enteignet, war atheistisch und internationalistisch. Polen entwickelte sich zum kapitalistischer Staat mit bürgerlicher Demokratie und konkurrierte mit Spanien um die katholischste Nation Europas. Beide Staaten waren traditionell Feinde, ohne eine einvernehmliche Grenzziehung war ein Konflikt nicht zu vermeiden.

Bild 62: Antisemitisches Plakat:
Friede und Freiheit in Sowjetrussland
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Im September 1919 waren Petljuras ukrainisch-nationalistische Truppen eingekesselt, er schloss ein Abkommen mit dem polnischen Feind und stellte fortan polnischer Hilfstruppen. 98) Die polnische Armee hatte 540.000 Mann unter Waffen, im Winter wurden neue Rekruten gezogen. Sie wurde mit französischer Hilfe aufgerüstet, ebenso mit Eisenbahnmaterial. 99) Als Denikin seinen Vormarsch machte, rührte Pilsudski keinen Finger, die russischen Reaktionäre sah er ebenso als Feinde wie die Kommunisten. Die Alliierten zögerten, das Vereinigte Königreich setzte inzwischen mehr auf Handelsbeziehungen, Frankreich schickte Kredite und Waffen. Pilsudski schätzte Sowjetrussland als sehr schwach ein, seine Stellung als polnischer Bonaparte gestattete es ihm, diesen Krieg als seinen Krieg anzusehen.

Russland erwartete einen Konflikt mit Polen, aber der Angriff am 24. April 1920 überraschte doch, das Land war schon mehr mit der Diskussion der Nachkriegsordnung beschäftigt. Die polnische Armee kam schnell voran und erreichte am 7. Mai Kiew, hier kam der polnische Vormarsch zum Stehen. Das Regieren der Ukraine wollte man Petljura überlassen, die Offensivkraft der polnischen Armee war erschöpft.

In Russland löste der rasche Vormarsch Überraschung aus. Historisch war Polen der 'Erzfeind', gegen 'die Polen' fand eine bisher nicht gekannte nationale Mobilisierung statt, ein Teil des Kleinbürgertums begeisterte sich für das neue Russland. Ausgediente zaristischen Generäle boten der Sowjetmacht ihre Dienste an, so der Oberbefehlshaber der Armee Alexej Brussilow vom Frühjahr 1917. In einem Aufruf des ZK trug die KPR dieser Stimmung Rechnung, sie wandte sich nicht wie bisher an die Arbeiter und Bauern, sondern auch ans Kleinbürgertum.

„Ehrenwerte Bürger! Ihr könnt es den Bajonetten der polnischen Herren nicht gestatten, ihren Willen der großen russischen Nation aufzuzwingen. Die polnischen Herren haben schamlos und wiederholt gezeigt, das es sie nicht interessiert, wer Russland regiert, sondern dass es schwach und hilflos sein soll.“ 100)

Lenin, Trotzki und Radek erklärten, die Artikel gegen Polen sollten nicht in Chauvinismus verfallen, sondern zwischen polnischen Grundherrn und Kapitalisten einerseits und Arbeitern und Bauern unterscheiden. Die krude Mischung aus russischen Patriotismus und Internationalismus wurde im zweiten Weltkrieg unter Stalin propagiert und tauchte hier zum ersten Mal auf. 101) Die kommunistischen Parteien Europas machten eine Kampagne gegen die polnische Aggression.

Die Rote Armee führte Verstärkung heran, besonders Budjonnys Kavalleriearmee. Sie war im November 1919 gebildet worden und hatte sich im Kampf gegen Denikin mit ihren massenhaften Reiterattacken erfolgreich erwiesen. Die Mehrheit der Soldaten der Reiterarmee waren Kosaken, Partisanen und Banditen, vom Ideal des klassenbewussten Soldaten der Roten Armee weit entfernt, der Bürgerkrieg ließ sie auf die richtige Seite treten. Budjonnys Leute hassten die Intellektuellen, Bürokraten, Ausländer und Juden, also diejenigen, welche einen großen Teil der bolschewistischen Partei ausmachten. Aber Budjonny hatte seine Reiter unter Kontrolle. Vom Don führte er seine Truppe bis an den Dnjepr, in drei Wochen legten sie 1.200 Kilometer zurück. Die Reiterarmee hatte fast 16.000 Bewaffnete, eine für den Bürgerkrieg gewaltige Kraft.

Die Reiterarmee näherte sich der polnischen Front wie ein Sandsturm. Am 26. Mai begann der Gegenangriff. Am 5. Juni gelang der Durchbruch, am 10. evakuierte die polnische Armee Kiew und konnte sich mit geringen Verlusten wieder zurückziehen. Kiew wechselte zum sechzehnten Mal im Bürgerkrieg den Besitzer. Im Westen und Südwesten drang die Rote Armee jetzt in zwei Blöcken vor. Schnell wurde die polnische Armee bis zur Weichsel zurück gedrängt. Der junge, erst 27 Jahre alte Kommandeur Tuschatschewski errang einen glänzenden militärischen Sieg. Minsk, Wilna, Grodno und Brest-Litowsk wurden bis zum 1. August erobert.

Als der Fluss Bug erreicht war, stellte sich für die Kommunisten die Frage, wie sie sich gegen Polen verhalten sollten. Über die Form der Verbindung mit dem proletarischen Polen gab es keine festgefügte Meinung, Trotzki schwebte ein föderativer Zusammenschluss vor. Radek warnte davor, ein Eindringen nach Polen werde den polnischen Nationalismus stärken und von den Arbeitern und Bauern Polens nicht begrüsst werden. Andererseits konnte durch Polen der Durchmarsch zur Revolution in Deutschland erzwungen werden. Lenin war für eine schnelle Offensive in Polen und überging Trotzkis Vorschlag, den Vormarsch an der Grenze zu stoppen. Im ZK fand Lenin am 17. Juni eine Mehrheit für eine Offensive nach Polen, man wollte „den Widerstand der polnischen Bourgeoisie mit den Bajonetten der Roten Armee brechen.“ 102) In Moskau tagte gerade der Zweite Weltkongress der Kommunistischen Internationale, trunken vor Freude erhofften die Delegierten die europäische Revolution.

In Moskau wurde ein Provisorisches Polnisches Revolutionskomitee unter Julian Marchlewski und Feliks Dserschinski eingerichtet. In den besetzten Städten wurden revolutionäre Komitees gegründet, das wollte man auf Dörfer übertragen, aber die Bauern widersetzten sich. Die Kommunisten bemühten sich, das Beutemachen der Roten Armee durch die wilden Steppensöhne zu verhindern. Sie gewannen unter den polnischen Bauern keine Anhänger, sie waren im Schnitt weniger arm als ihre russischen und ukrainischen Klassengenossen und verteidigten ihr Privateigentum. Der polnische Nationalismus zog sie stärker an. Die Soldaten kämpften um ihr Land, die 'Russen' wurden als Eindringlinge angesehen. Zum Einzug des polnischen Revolutionskomitees in Warschau kam es nicht.

Unter der Parole 'Hände weg von Russland' mobilisierten die Arbeiter Europas machtvolle Demonstrationen, Hafenarbeiter Londons, Hamburgs und Danzigs verweigerten die Verladung von Waffenlieferungen an Polen, britische Gewerkschaften drohten mit einem Generalstreik, die tschechoslowakischen Eisenbahner streikten. 103)

Die Rote Armee drang entlang der deutschen Grenze bis zur Weichsel vor. Die südliche Armee stand noch vor Lemberg/Lwow, die Südflanke Tuchatschewskis war damit entblösst. Die Schlacht um Warschau dauerte vom 13. bis 25. August, die polnischen Truppen konnten die Südflanke der Roten Armee umgehen. Um nicht eingeschlossen zu werden, musste sich Tuchatschewskis Armee nach Osten zurückziehen. Später gab es einen Disput um die Südarmee vor Lwow. Die Führung der Südarmee hatte den Befehl, ohne Eroberung der Stadt Richtung Warschau weiter zu marschieren, ignoriert, ihr Politkommissar war Stalin. Trotzki und Stalin beschuldigten sich, für die Niederlage verantwortlich zu sein.

Die polnische Armee rückte wieder gen Osten vor, jetzt verhandelte man über die Grenzziehung. Wilna und Minsk gingen wieder verloren. Im Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart, Im März 1921 wurde der Friede von Riga geschlossen. Im Krieg starben 633.000 Soldaten und ungezählte Zivilisten. Pilsudski konnte sich als Sieger fühlen, 1926 riss er in einem Staatsstreich die Macht an sich.

Bild 63: Politische Schulung von Soldaten der Roten Armee

Im Schatten des polnisch-russischen Krieges versuchten die Weißen im Juni 1920 unter ihrem neuen Oberbefehlshaber General Wrangel noch einmal, aus der Inselfestung Krim auszubrechen. Vielleicht hoffte er, bis zur polnischen Front durchzubrechen, er kam nur bis zum unteren Dnjepr. Als der Waffenstillstand mit Polen geschlossen war, konnte die Rote Armee gegen Wrangel marschieren. Sie durchbrachen die Landenge zur Krim unter schweren Verlusten. Als Wrangel ein ehrenvoller Abzug angeboten wurde, nahm er ihn sofort an, mit ihm flohen 146.000 Menschen nach Konstantinopel. 104) Außer im Kaukasus und im Fernen Osten waren damit der Aderlass und die gewaltige Zerstörung des Bürgerkrieges beendet.

Der 'Kriegskommunismus'

'Kriegskommunismus' ist für Marxisten eine unsinnige Bezeichnung. Kommunismus kann nur im Überfluss entstehen, der Bürgerkrieg war Elend, Tod und Zerstörung, das Gegenteil des Kommunismus. 105) Mit Gert Meyer könnte man das Wirtschaftssystem eher als 'proletarische Naturalwirtschaft' bezeichnen. 106)

Die Wirtschaftspolitik in den Jahren des Bürgerkrieges war durch die Abschaffung der privaten Produktion, die Unterordnung aller Ressourcen unter die Interessen des Staates und des Sieges im Bürgerkrieg gekennzeichnet. Der Privathandel war verboten, das Verbot konnte nicht durchgesetzt werden. Der Staat versuchte, sich alle Lebensmittelüberschüsse anzueignen. Die Geldzirkulation wurde teilweise abgeschafft, Rationen wurden verteilt, wenn es etwas zu verteilen gab. Alle diese Massnahmen beruhten auf Gewalt, Enteignungen, Beschlagnahmungen und dem Versuch, die Individuen der Disziplin unterzuordnen, eine Belagerungsmentalität mit egalitärer Rechtfertigung, der vergebliche Versuch der Organisation eines Chaos. Schlaflose Kommissare arbeiteten rund um die Uhr, um den freien Markt zu ersetzen. 107) Fjodor Gladkow und Boris Pasternak mit ihren Romanen 'Zement' und 'Doktor Schiwago' haben literarische Zeugnisse dieser aufgewühlten Zeit hinterlassen. 108)

Im September 1919 unterstanden 3.300 Fabriken mit 1,3 Millionen Arbeitern dem Obersten Wirtschaftsrat. Von diesen 3.300 Fabriken arbeiteten 1.375. 109) 80 bis 90 Prozent der großen Fabriken waren verstaatlicht, der Trend ging auf eine vollständige Nationalisierung. Obwohl es dem Konzept der Bolschewiki widersprach und wirtschaftlich sinnlos war, wurden 1919 alle motorbetriebenen Betriebe über fünf Personen verstaatlicht. 1920 waren es an die 4.500, ein Zensus berichtet von 37.000, bis hinunter zu den Windmühlen. Sie wurden nicht im eigentlichen Sinne nationalisiert - dafür fehlte das Personal - sondern wurden verpflichtet, staatliche Aufträge auszuführen und die Produkte abzuliefern. Die Wirtschaftsbehörden versuchten den Mangel und das Chaos zu verwalten. Viele Kleinbetriebe machten dicht.

Die Leitungen hatten keine genaue Übersicht über die unterstellten Fabriken, Lager und Vorräte. Zur Erfassung der nationalisierten Industrie verschickte der Oberste Volkswirtschaftsrat 1920 fünf Serien von Fragebögen mit 101 Formularen. 110) Die verstaatlichten Kleinbetriebe entzogen sich der Aufsicht und Planung völlig, immer wieder entdeckten Kommissionen neue Betriebe und Lager, die bisher nicht registriert und damit auch nicht nationalisiert waren. Betriebe machten falsche Angaben und hielten Vorräte versteckt, um in kritischen Momenten Reserven zur Verfügung zu haben, das wurde von den Kontrollkommissionen stillschweigend gebilligt.

Für die einzelnen Industriezweige wurden Leitungskommissionen (Glawki) eingesetzt. 1920 gab es im Obersten Wirtschaftsrat 18 Glawki und 34 Zentrale Verwaltungen. 111) Die einzelnen Fabriken waren in der Rohstoffversorgung und der Finanzierung abhängig. Einzelne Leitungen kannten die Zahl ihrer Betriebe nicht, Betriebe bemühten sich um ihre Weiterexistenz unter der Leitung regionaler und lokaler Wirtschaftsleitungen. Sie fanden Wege, am Glawk vorbei ihre Rohstoffversorgung zu sichern oder kauften auf dem Schwarzmarkt. Die einzelnen Leitungskommissionen waren voneinander unabhängig und konkurrierten oft miteinander. Die Vorräte konnten nicht vollständig erfasst werden, in einem Betrieb gab es Überschüsse, im nächsten Mangel, die Glawki waren nicht in der Lage, Proportionen herzustellen. Eine Buchhaltung gab es nicht mehr. Die Finanzierung der Betriebe erfolgte durch die Zentralbank.

1919 konnte man schon berechnen, dass im folgenden Jahr der Transport endgültig zusammenbrechen werde. Das Holz für die Befeuerung der Lokomotiven fehlte - an Kohle war kaum zu denken - zeitweise musste der Personenverkehr eingestellt werden, die Lokomotiven fielen immer häufiger aus, im Dezember 1919 waren noch 48 Prozent funktionsfähig. 112) Das Schienennetz war vom Bürgerkrieg großflächig zerstört. 1920 konnte man daran gehen, einen Teil der Maschinen zu reparieren.

Die Produktion sank ständig, viele klassenbewusste Arbeiter gingen in die Rote Armee. Die Löhne blieben hinter der Teuerung zurück, seit Ende 1918 das Handelskapital verstaatlicht worden war. Man forderte die Naturalisierung des Arbeitslohns. Das Kartensystem teilte die Bevölkerung in Fabrikarbeiter, deren Angehörige und die früher herrschende Klasse ein. Die höchste Ration erhielten Schwerarbeiter der Sowjetbetriebe, die zweite Kategorie umfasste die intellektuellen Arbeiter der Staatsbetriebe, die dritte die Arbeiter der Privatindustrie im Verhältnis vier zu drei zu eins. Kinder erhielten Sonderrationen. Die Zahlung des Lohnes in Geldform ging zurück, Geld machte nur noch sieben Prozent der Löhne aus.

Tabelle 33: Wirtschaftsdaten 1913 und 1921 113)

Produkt, Einheit 1913 1921
Industrieproduktion (Index) 100 31
Großindustrie (Index) 100 21
Kohle (Millionen t) 29 9
Erdöl (Millionen t) 9,2 3,8
Elektrizität (Millionen KWSt) 2.039 520
Roheisen (Millionen t) 4,2 0,1
Stahl (Millionen t) 4,3 0,2
Ziegensteine (Millionen) 2,1 0,01
Zucker (Millionen t) 1,3 0,05
Eisenbahntonnage (Millionen) 132,4 39,4
Landwirtschaftsproduktion (Index) 100 60
Importe (Millionen Rubel von 1913) 1.374 208
Exporte (Millionen Rubel von 1913) 1.520 20

Das Kartensystem war unzureichend und sicherte kaum ein Hungerdasein. In größeren Städten wurden Speiseanstalten eingerichtet, in den Kleinstädten und auf dem Dorf spielte das Kartensystem eine geringe Rolle, die Genossenschaften fungierten als Verteilungsorgane. Im Mai 1920 wurde angeordnet, die Löhne ganz in Naturalien auszuzahlen. Im November wurde beschlossen, dass Telefon, Wasser, Abwasser, Strom, Transportmittel, Brennstoffe, die Mieten der Arbeiter der Staatsbetriebe, der Invaliden und Soldaten nebst ihrer Familienangehörigen unentgeltlich seien. Das Volkskommissariat für Versorgung übernahm die Belieferung. In Moskau speisten mehr als eine Million Menschen in den 1.734 städtischen Kantinen, dass muss der größte Teil der Bevölkerung gewesen sein. 114) In Petrograd nutzte die gesamte Bevölkerung Petrograds die öffentlichen Kantinen. 115) Somit hatte das Volkskommissariat am Ende des Kriegskommunismus 38 Millionen Menschen zu versorgen. 116) Damit war es völlig überfordert.

Tabelle 34: Industriearbeiter Russlands 117)

Jahr Zahl in Tausend Prozent
1917 3.024 100
1918 2.486 82
1919 2.035 67
1920/21 1.480 49
1922 1.243 41


Tabelle 35: Beschäftigte in Großindustrie und Verwaltung 1913 und 1920 118)

Arbeiter in Tausend in Tausend Prozent Prozent
1913 1920 1913 1920
Großindustrie 2.777 1.820 55 33
Eisenbahnwesen 815 1.229 16 22
Behörden 1.500 2.333 29 45


Seit Kriegsbeginn war der Wohnungsbau praktisch eingestellt worden. Die neue revolutionäre Stadtverwaltung Moskaus enteignete im August 1918 alle Wohnungen und Häuser und machte sie zu kommunalem Eigentum. Die alten Besitzer mussten ihre Häuser und Wohnungen mit den aus Baracken, Kellern und Behelfswohnungen zugezogenen teilen, Mieterkomitees verwalteten sie. 119) Bis 1921 zog die Hälfte der Bevölkerung in die Wohnungen der Bourgeoisie und der Mittelschicht, mehrere Familien quartierten sich jetzt in den Zimmern ein. Das war eine entscheidende demoralisierende Erfahrung für die ehemaligen Privilegierten. Die Stadtveraltung dekretierte die maximale Heiztemperatur während des Winters auf 10 Grad Celsius. Schuppen, Möbel, und unbenutzte 2.500 Holzhäuser wurden als Brennholz demoliert, Straßenbäume und Parks abgeholzt. 120)

Die Bevölkerung hungerte und der Schwarzmarkt war so groß wie nie. Die Städte leerten sich, Petrograd verlor zwei Drittel seiner Einwohner und Moskau die Hälfte von 1917. Die Wirtschaft zerfiel in den legalen und illegalen Teil, im ersteren wurden Markt und Geld verdrängt, unter der Oberfläche wuchst der private Handel in Form des Schwarzmarktes. So war die Regierung gezwungen, einen Teil des Lohnes in Geld auszuzahlen, während sie erfolglos versuchte, den Schwarzhandel zu bekämpfen. Ein Autor berechnete, dass zwei Drittel bis vier Fünftel aller Konsumgüter 1919 für die Stadtbevölkerung durch Schleichhandel geliefert wurden, 75 bis 80 Prozent der Städter kauften auf dem Markt. Die Hamsterer brachten im September 1918 doppelt so viel Brot in die Hauptstädte wie das Volkskommissariat, bei der Holzbeschaffung war die Lage gleich. Die Ausgaben eines Arbeiterhaushaltes für die durch den Staat gelieferten Nahrungsmittel, Kleidung und Miete machten im Frühjahr 1920 weniger als fünf Prozent aus, die übrigen 95 Prozent wurden für den Ankauf im freien Handel verwendet. 121) Grigori Sokolnikow schrieb über den 'kapitalistischen Untergrund' in der Prawda:

„In der Wirklichkeit existiert unter dem Mantel der kommunistischen Wirtschaft überall ein lebensfroher Kapitalismus weiter… Früher waren die bürgerlichen Händler juristische Eigentümer der Manufakturwaren, des Metalls, Holzes, Leders usw., mit denen sie Kaufverträge abschlossen. Jetzt haben sie ihre früheren Eigentumsrechte verloren, haben sich aber sehr häufig das Recht über die faktische Verfügung erhalten. Auf diese Weise gibt es in vielen Bereichen eine doppelte wirtschaftliche Organisation - eine äußere kommunistische und eine innere kapitalistische.“ 122)

Der allgemeinen Unsicherheit entging auch Lenin nicht. Am 19. Januar 1919 war er in Moskau mit seinem Chauffeur, seiner Schwester Maria und einem Leibwächter in Moskau unterwegs, als sein Auto von Räubern gestoppt wurde. Drei Banditen forderten die Insassen zum Aussteigen auf und durchsuchten sie. Lenins Protest 'Mein Name ist Lenin' verstanden sie unglücklicherweise nicht und verschwanden mit dem Auto. 123) Wenige Tage später wurden sie von der Tscheka aufgespürt und erschossen.

Der berühmteste Schwarzmarkt Moskaus war der riesige Sucharewski-Markt, er konnte erst im Dezember 1920 geschlossen werden. Lenin widmete ihm auf dem Achten Sowjetkongress einen Teil seiner Rede:

„Die Sucharewka ist geschlossen… Die zu beseitigen, war nicht schwer. Gefährlich ist die Sucharewka, die in der Seele eines jeden kleinen Besitzers, in seinen Handlungen lebendig ist. Diese Sucharewka gilt es zu schließen. Die Sucharewka bildet die Grundlage des Kapitalismus. Solange sie besteht, können die Kapitalisten nach Russland zurückkehren und können stärker werden als wir… Solange wir in einem kleinbürgerlichen Land leben, bildet Russland für den Kapitalismus eine solidere Wirtschaftsbasis als für den Kommunismus.“ 124)

Alle staatlichen Maßnahmen dienten zur möglichst raschen Überwindung der aktuellen Schwierigkeiten. Sie hätten nur bei einer die gesamte Gesellschaft umfassenden Plan erfolgreich sein könne, den zu entwickeln war man aber noch nicht in der Lage.

Bild 64: Der Sucharewka-Markt in Moskau

Die Zahl der Industriearbeiter sank ständig, während die Zahl der Angestellten in den Verwaltungs- und Wirtschaftsbetrieben sprunghaft stieg. Ende 1921 waren 5.880.000 Menschen in den staatlichen Verwaltungsapparaten beschäftigt. 125) Die Staatsbürokratie, von Lenin mehrmals totgesagt, breitete sich krakenhaft aus. 126) Die Verteilung der Güter zog eine langwierige bürokratische Prozedur nach sich, die führte zu Eingaben, Beschwerden, Appellationen, Bittgängen und Bestechungen. Neue Kommissionen wurden eingerichtet und verschärften die Lage statt sie klären zu können.

Nachdem die Beschlagnahme der Lebensmittel auf dem Dorf mit Hilfe der Komitees der Dorfarmut als Misserfolg aufgegeben wurde, blieb die Pflicht zur Ablieferung der Lebensmittel erhalten. Ab dem Januar 1919 wurden zentral Ablieferungsnormen festgesetzt und bis zum einzelnen Dorf umgerechnet. Die Bauern bekamen Quittungen für das abgelieferte Getreide und damit ein Anrecht auf Warenlieferungen, ihr Wert wurde vom Sowjetstaat festgelegt. Für die Verteilung wurden auch Zuteilungen für die armen Bauern festgelegt, die keine Getreideüberschüsse hatten. Die Zuteilungen konnten nur zu einem geringen Prozentsatz erfüllt werden, nur 18 Prozent der Pflüge, 32 Prozent der Sicheln und drei Prozent der Dreschmaschinen konnten geliefert werden. 127) Neben dem Getreide umfasste die Ablieferungspflicht 30 verschiedene landwirtschaftliche Produkte.

Aber Industrieprodukte für die Bauern gab es kaum, die Bauern bekamen 'buntes Papier' für ihre Lebensmittel. Die Bauern weigerten sich, mehr als für den Eigenbedarf zu produzieren und abzuliefern. Die Erträge an Brotgetreide pro Desjatine gingen von 48 Pud vor dem Krieg auf 36 Pud zurück, die Saatfläche reduzierte sich von 93,6 auf 86,1 Millionen Desjatinen 1920. Die Ernteerträge verminderten sich auf 70 Prozent bei identischer Fläche. 128) Auch der Viehbestand reduzierte sich deutlich. Die als Ausweg in Angriff genommenen Sowchosen - die Staatsbetriebe - und die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften waren viel zu wenige. 1919 waren 2.500 dieser Betriebe geschaffen worden, die aber aufgrund der fehlenden Produktivität den grössten Teil ihrer Produkte selbst verzehrten. 129) Dem Vorschlag, die Requisitionen durch eine Naturalsteuer zu ersetzen, hätte das Wiederaufleben des freien Handels und das Erstarken der Kulaken bedeutet, darauf wollte man sich 1919/20 nicht einlassen.

Die Requisitionen wurden jetzt von bewaffneten Arbeitern mit mindestens 75 Mann mit zwei bis drei Maschinengewehren durchgeführt, was den Widerstand der Bauern nicht verringerte. 130)

„In diesem Kampf um die Erfassung des Getreides muss der Bauer dem hungernden Arbeiter eine Anleihe geben, das ist das einzige Mittel, um den Aufbau richtig zu beginnen… Tut der Bauer das nicht, so bedeutet das Rückkehr zum Kapitalismus. Fühlt der Bauer sich mit den Arbeitern verbunden, so ist er bereit, die Getreideüberschüsse zu festen Preisen, d. h. für ein einfaches buntes Stück Papier abzugeben… Diese Aufgabe ist ungeheuer schwer. Man kann sie nicht allein durch Gewalt lösen.“ 131)

So sehr Lenin auch die Überzeugung und Gewaltlosigkeit beschwor, den fundamentalen Unterschied zwischen dem als Unternehmer - war er noch so klein - wirtschaftenden Bauern und der sozialistischen Industrieproduktion konnte er bei dem Produktionsniveau nicht lösen. Bis 1920 verhinderte der Krieg einen Kurswechsel.

„Falls wir morgen 100.000 erstklassiger Traktoren stellen könnten, Benzin liefern und mit Mechanikern ausstatten könnten…, würde der Mittelbauer sagen: 'Ich bin für die Kommune' (also den Kommunismus).“ 132)

Die städtischen Kommunisten stießen überall auf Missverständnis, Desinteresse, Skepsis und Ablehnung. Ihnen gegenüber schlossen sich die Bauern enger zusammen, die Versuche der Klassendifferenzierung scheiterten meist. Die Bauern unterschieden zwischen ‘Wir‘ und der ‘kommunistischen Obrigkeit‘. Sie nahm Steuern und gab Versprechungen, so war es schon immer gewesen. Die Kommunisten behaupteten, die Kollektivwirtschaften würden höhere Erträge produzieren, die Realität sah anders aus. Ein Kommunist zeichnete sich in den Augen der Bauern durch drei Dinge aus: Er hatte immer ein Amt, bekam dafür bezahlt und war daran interessiert, nicht hinter dem Pflug herzugehen. Die Kommunisten waren mächtige Leute, die das Land und die Häuser der Gutsbesitzer beschlagnahmt hatten. Man wusste, dass Kommunisten gottlos und viele von ihnen Juden waren. Das Kommunismus auch eine ökonomische Doktrin war, war den Bauern völlig unbekannt. Wer eine kleine Obrigkeitsfunktion hatte, ‘diente bei den Kommunisten‘. 133)

Die Dorfversammlung mit der Dominanz der wirtschaftlich Stärksten entschied wie seit Ewigkeiten über zentrale Probleme wie Bodenverteilung, Fruchtfolge, Flurbereinigungen, den Zustand der Wege und Brücken, um die Schule, Dorfmühle und die Feuerwehr. Dem Dorfsowjet blieben Behördenaufgaben: Registrierung der Zivilstände, Finanz- und Steuerfragen; er gewann erst nach dem Bürgerkrieg an Einfluss. 134)

Die Dorfsowjets entstanden erst im Laufe des Bürgerkriegs, entwickelten sich von den Kreisen zu den Ämtern bis zu den Zusammenschluss von mehreren Dörfern zu einem Gebiets-Dorfsowjet. An den Wahlen zu den Dorfsowjets nahmen 1918/19 nur 15 Prozent der Wähler in 15 Provinzen teil, das war keine beeindruckende Zahl, aber an der vorrevolutionären Semstwo-Wahlen hatten sich auch nur fünf bis sieben Prozent der Bauern beteiligt. 135) Bei den Sowjetwahlen wurden Sozialrevolutionäre, Menschewiki und Bürgerliche ausgeschlossen, da sie die Konterrevolution unterstützten. Lohnabhängige beschäftigende Bauern, Händler, ehemalige Adlige und Polizisten war das Wahlrecht entzogen.

An der Arbeit der Dorfsowjets nahmen vor allem ärmere Bauern und auf dem Land wohnende Fabrikarbeiter teil. Je höher man von Dorfsowjet über das Amt, den Kreis und die Provinz schaute, nahm ihr Anteil von 95 bis auf 37 Prozent ab. 136) Der Anteil der Kommunisten war in den Dorfsowjets umgekehrt sehr gering und stieg in den oberen Sowjets dagegen an.

Mit dem Hunger in den Städten strömte viele Menschen ins Dorf, die ein kleines Stück Land erhielten. Die 'schwarze Umteilung' ging während des gesamten Bürgerkrieges weiter. Der Sowjetstaat versuchte, größere Güter, vor allem mit Spezialkulturen, von der Aufteilung auszunehmen und als Sowchosen, also Staatsbetriebe, weiterzuführen. Eine Minderheit der Bauern schloss sich zu Kollektivfarmen mit unterschiedlichen Besitzregelungen zusammen. Ein Teil von ihnen bildete Kommunen mit Gemeinbesitz. Nach der Revolution kamen etwa eine habe Million Menschen neu nach Russland oder kehrten wieder zurück, um in diesen Agrarkommunen zu arbeiten, 70 Prozent kamen aus den USA. In einer Kommune lebten im Durchschnitt 40 Menschen, es gab 1921 3.300 Gemeinschaften, die das Experiment der Anhänger von Robert Owen wiederholten, insgesamt weniger als ein Prozent der Bauern. 137)

Der Neunte Parteitag verabschiedete das Prinzip der Ein-Mann-Leitung in der Industrie, sie wurde 1920 durchgesetzt. Bereits 1919 war eine allgemeine Arbeitspflicht eingerichtet worden. Die aus der Armee kommenden qualifizierten Arbeiter sollten mit ihrem Arbeitsbuch dort eingesetzt werden, wo ihre Anwesenheit notwendig sei.

Die Gründung der Kommunistischen Internationale

1915 hatten sich 38 sozialistische Kriegsgegner in Zimmerwald zusammen gefunden. Mit der Oktoberrevolution wurde eine internationale Bewegung ausgelöst, welche die herrschenden Klassen Europas wegzufegen drohte. In den folgenden Jahren schieden sich die Parteien der Befürworter der Oktoberrevolution von denen ihrer Gegner, die Arbeiter Europas wurden in einem immer stärker werdenden Strom mitgerissen, dem Beispiel der russischen Arbeiter zu folgen. Zu Beginn der zwanziger Jahre wurden aus einem Dutzend Hunderttausende Kommunisten. Die galt es international zu organisieren.

Am 10. November 1918 feierten die Bolschewiki den Jahrestag der Oktoberrevolution im Bolschoi-Theater.

„Gerade sollte eine Aufführung beginnen, da kam ein Mann in Jacke und hohen Stiefeln auf die Bühne und sagte: 'Genossen! Wir haben gerade Neuigkeiten aus Deutschland erfahren. Die Revolution ist ausgebrochen… Wilhelm ist gestürzt. Arbeiterräte sind in Berlin gegründet worden haben uns eine Botschaft geschickt.' Was dann folgte, ist schwer zu beschreiben… Diese Bekanntmachung wurde mit lauten Rufen begrüsst, und frenetischer Applaus dröhnte minutenlang durch das Theater… Endlich war es soweit, sie war da, die Unterstützung des westeuropäischen Proletariats… Es hatte den Anschein, als würde die Entwicklung von nun an eine andere Richtung nehmen… Die Darsteller agierten noch, …doch unsere Gedanken waren weit weg, in Berlin, auf dessen Straßen rote Fahnen wehten, wo Arbeiterräte tagten, wo die Kette der proletarischen Weltrevolution um ein Glied erweitert worden war.“ 138)

Die KPR stellte eine Delegation zusammen, die zur Unterstützung der Revolution nach Deutschland reisen sollte. An der Grenze wurden sie nicht durchgelassen, die deutschen Soldaten bedrohten sie mit Maschinengewehren. Trotz des Hungers in Russland organisierte die Sowjetregierung zwei Züge mit Getreide an die hungernden Berliner Arbeiter - auch der Zug wurde an der Grenze abgewiesen. 139) Die neue deutsche Regierung nahm lieber US-amerikanische Hilfslieferungen an. Die Sozialdemokraten standen auf der anderen Seite der Barrikade.

Bereits in den Aprilthesen hatte Lenin die Gründung einer kommunistischen Internationale als Mittel für die Weltrevolution und gegen die Vaterlandsverteidiger der Sozialdemokratie angekündigt. Nur die kleine Minderheit des Spartakusbundes erklärte sich für die proletarische Revolution, im Januar 1919 gründete sie die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), wenige Tage später wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet.

Im März 1919 versammelten sich gut 50 internationale Vertreter in Moskau. Wegen der Blockade Russlands hatten nur wenige Abgesandte Russland erreicht, von den deutschen Vertreten hatte es nur Hugo Eberlein geschafft. Sonst waren nur kleine Parteien vertreten, das Gros der Delegierten bestand aus Kriegsgefangenen und Exilanten. Trotz des Widerstandes des deutschen Vertreters beschlossen die Delegierten, die Kommunistische Internationale zu gründen, ein Manifest an die Arbeiter der Welt zu verabschieden und eine Exekutivkomitee (EKKI) mit Grigori Sinowjew als Vorsitzenden zu wählen.

In den nächsten Monaten begann eine revolutionäre Welle in Europa. In Ungarn und Bayern wurden Räterepubliken gegründet, es gab Massenstreiks in Wien und Deutschland, Frankreich und Norditalien, die französische Schwarzmeerflotte meuterte. 1919 und 1920 entstanden sozialistische Massenparteien in Deutschland, Frankreich, Italien, andere Parteien erklärten ihren Beitritt zur Komintern. Als im Juli und August 1920 der zweite Kongress der Komintern zusammentrat, waren 152 Organisationen der Arbeiter vertreten, die neue Internationale wuchs zu einer machtvollen internationalen Strömung heran. Die Diskussion ging jetzt um die Frage, wie man sich gegenüber den Führern der alten Internationale verhalten sollte, die sich für den Kommunismus erklärten, aber die alte Politik der Klassenversöhnung fortsetzten wollten.

Die Machno-Bewegung

Noch einmal zurück in die Ukraine 1918. Die Mittelmächte, unterstützt vom Skoropadski-Regime, plünderten die Lebensmittel und terrorisierten die Bauern. Überall entstanden Partisanengruppen, die den Besatzern hart zusetzten. In der östlichen Ukraine, in den Provinzen Jekaterinoslaw und Taurien, entstand unter der schwarzen Fahne des Anarchismus um Nestor Machno eine Bauernbewegung, die Weißen, Roten und ukrainischen Nationalisten ihre Macht streitig machte. Machno war in den zaristischen Gefängnissen zum Anarchisten geworden, um das große Dorf Gulai Polje organisierte er die Bauern militärisch und unterstützte ihre soziale und politische Selbstorganisation.

Ende 1918 gelang es ihm Jekaterinoslaw zu erobern, er schickte den hungernden Arbeitern Petrograds einige Wagen voll Getreide, seine zu einer kleinen Armee angewachsenen Anhänger kämpften im Südosten der Ukraine gegen die Weißen auf der Seite der Roten Armee. 140) Seine Armee hatte bald 20.000 Kämpfer, seine Soldaten bestanden meist aus Kavalleristen, auf ihren leichten Bauernwagen waren sie äußerst mobil. 141) Machnos Guerilla war von ihren Gegnern nicht zu berechnen, sie griff an einem Ort an, verschwand und überraschte am nächsten Tag an einem anderen Ort. Die Machno-Soldaten wählten ihre Kommandeure und diskutierten deren Befehle, bevor sie sie ausführten. Sie plünderten nicht oder weniger und veranstalteten keine Pogrome.

Als er Jekaterinoslaw nahm, verkündete er die anarchistische Herrschaft. Er öffnete die Gefängnisse und ließ sie niederreissen, den Eisenbahnern empfahl er die Übernahme in Selbstverwaltung. Ein Manifest verkündete:

„Die Aufständischen-Armee Machnos, die allen politischen Parteien und Organisationen völlige Freiheit der Meinungsäußerung gibt, warnt gleichzeitig alle Parteien, dass ihnen die revolutionären Aufständischen keinesfalls gestatten werden, die arbeitenden Massen unter ihre politische Macht zu bringen oder dazu die organisatorischen Vorbereitungen zu treffen.“ 142)
„Um den Fortbestand des neu organisierten wirtschaftlichen und sozialen Lebens zu sichern, errichten freie Bauern und Arbeiter überall ihre sozialökonomischen Organisationen: Dorfkomitees oder Sowjets, alle Arten von Gewerkschaften, Kooperativen, Fabrik- und Bergwerkskomitees, Eisenbahn-, Post- Telegrafenorganisationen etc. In der Absicht, sich immer weiter auszudehnen und doch den wechselseitigen Kontakt zu erhalten, bauen diese Organisationen in ganz natürlicher Weise von unten nach oben Institutionen auf, die in der Form wirtschaftlicher Sowjets die Verbindungsglieder darstellen und das technische Problem der Regulierung des sozial- ökonomischen Lebens auf erweiterter Stufenleiter lösen. Diese Sowjets können kleine und große Städte, Kreise und Bezirke etc. repräsentieren. Sie werden je nach Bedarf auf der Grundlage der Freiheit organisiert. Sie dürfen unter keinen Umständen politische Institutionen sein, die, von Politikern oder Parteien gelenkt, ihren Willen durchsetzen und unter dem Deckmantel einer 'Sowjetmacht' die Herrschaft an sich reißen wollen. Sie sind lediglich beratende Exekutivorgane, die an Ort und Stelle den Wirtschaftsprozess regulieren… Ein solches Sowjetsystem wird tatsächlich eine Organisation freier Arbeiter und Bauern sein.“ 143)

Viele seiner Bekanntmachungen wurden in der anarchistischen Zeitschrift Nabat (Sturmglocke) veröffentlicht.

In den befreiten Gebieten wurden Bauernkomitees und Bezirksversammlungen gegründet, die Bauern verpflichteten sich, Freiwillige in die Armee der Aufständischen Armee zu schicken.

Bild 65: Nestor Machno
x_bild_63_machno_nestor_in_guliai-pole_kopie.jpg Von Norden rückte die Rote Armee vor, sie schien der natürliche Verbündete, im März 1919 fand ein erstes Treffen statt, ein Übereinkommen wurde geschlossen. Die Macho-Truppen verlangten Selbstverwaltung, eine eigene Armeestruktur und Waffen von den Bolschewiki. 144) Sie wollten weiter unter der schwarzen Fahne der Anarchie kämpfen und ihre Kommandeure wählen, formal unterstellten sich Machnos Truppen dem Oberkommando der Roten Armee. Das Übereinkommen war militärischer Art, politische Fragen wurden nicht berührt. Jekaterinoslaw und die anderen Städte wurden den Bolschewiki überlassen, auf dem Dorf entfaltete sich die Machnowiade. In der Zeit zwischen dem Winter 1918/19 und dem Vormarsch Denikins im Sommer 1919 konnten die Bauern der Ostukraine ihre Angelegenheiten weitgehend unbedrängt von außen regeln.

Im April 1919 fand in Gulai Polje ein Bezirkskongress statt, der etwa zwei Millionen Menschen vertrat. Dorfarme schlossen sich zu Kommunen zusammen, über wirtschaftliche Massnahmen liegen keine Berichte vor. Bald kam es zu Auseinandersetzungen mit dem Bolschewiki, als diese ihre Requirierungs-Komitees in die Dörfer schickten. Die Bauern vertrieben sie und kämpften gegen die Tscheka-Truppen.

Kommunisten kritisierten, die 'freie Herrschaft' liefe auf die Macht der Kulaken hinaus. Trotzki betonte, die Macho-Truppen beruhten auf der Kavallerie, das seien keine Dorfarmen, sondern Kulaken. 145) Kratze man an einem Machno-Soldaten, komme ein Grigoriew- Anhänger zum Vorschein. 146) Der Hang der Bolschewiki zum Zentralismus stand in krassem Gegensatz zu den Vorstellungen der Anarchisten.

Die Angriffe Denikins wurden mehrmals zurückgeworfen, aber im Juni 1919 konnte der die Front durchbrechen und schlug die Rote und die Schwarze Armee zurück. Die Rote Armee wich nach Norden zurück, die Aufstandsarmee nach Westen. Im Raum Kiews standen Petljuras Truppen, die Armee Machnos drohte zwischen beiden zerrieben zu werden. Überraschend griff Machnos Armee Denikin an, schlug ihn wieder nach Osten zurück, erbeuteten große Lebensmittelvorräte und stoppten den Nachschub für die Nordarmee.

„Wie ein riesiger Besen fegte die Aufständische Armee durch die Städte, Marktflecken, Weiler und Dörfer und tilgte überall die Spuren der Ausbeutung und Knechtschaft. Die zurückgekehrten Grundbesitzer…, die Großbauern ('Kulaken'), die Großindustriellen , die denikinschen Polizisten, Pfarrer und Bürgermeister, die Offiziere…, all das wurde durch den siegreichen Vormarsch der Machnowistschina hinweggefegt…Alle diejenigen, von denen man wusste, dass sie aktive Feinde der Bauern und Arbeiter waren, wurden getötet. Großgrundbesitzer und vor allem Kulaken wurden in großer Zahl hingerichtet.“ 147)

Wieder konzentrierte sich die Macht auf die Gegend um Gulai Polje, wieder wurde im Oktober 1920 ein Bündnis zwischen der Sowjetregierung der Ukraine und der revolutionären Aufstandsarmee geschlossen. Beide Seiten sicherten sich Agitationsfreiheit zu und die Teilnahme an Sowjetwahlen, die Aufstandsarmee ordnete sich wieder als selbstständiger Teil dem Oberkommando der Roten Armee unter. 148) Ein weiterer Punkt sicherte den Machno-Anhängern wirtschaftliche und kommunale Selbstverwaltung zu, die Zusammenarbeit war vom gegenseitig Misstrauen beherrscht.

Als sich Wrangel bei seinem Versuch des Ausbruchs aus der Krim an Machno zwecks eines Bündnisses wandte, wurde sein Abgesandter hingerichtet. Als der Sieg gegen Wrangel im November 1920 feststand, brach das Bündnis. Dem Befehl des Oberkommandos, an die polnische Front zu gehen, widersetzte sich die Aufstandsarmee, er wurde von den Anarchisten als Versuch gesehen, den Lebensnerv mit den Bauern der Region zu durchschneiden und abgelehnt. 149) Frunse löste die Aufstandsarmee auf, Machno und seine Truppen wurden für vogelfrei erklärt, die Typhusepidemie reduzierte beide Armeen. Der Partisanenkampf wurde fortgeführt, aber die Überlegenheit der Roten Armee und der Tscheka war zu groß. Bis zum Sommer 1921 zogen die Truppen Machnos durchs Land, bevor sich ihr Führer ins Ausland rettete. Der Widerhall der Machnowiade in der Ukraine dauerte bis 1923 an, die Aufstände wurden geringer, 1921 gab es noch 19 'Banden' mit 1.450 'Banditen', ihre Zahl ging 1922 auf 400 zurück. 150) Im August 1921 wurde die Machno- Arrnee liquidiert. 1921 wurden 10.000 Aufständische amnestiert. Arschinoff spricht von 200.000 getöteten oder verletzten Bauern. 151) Die militärischen und politischen Verhältnisse der Ukraine waren 1919 bis 1921 zu instabil, als dass die Anarchisten ihre Vorstellungen der Gesellschaftsordnung umsetzen konnten.

Die Rückeroberung Kaukasiens

Im Winter 1920 war mit dem Rückzug von Wrangels Truppen nach Konstantinopel der Bürgerkrieg beendet, nur in den Fernen Osten und den Kaukasus war die Sowjetmacht noch nicht vorgedrungen.

Im Fernen Osten standen die japanischen Truppen noch in Wladiwostok; um Konfrontationen mit der Sowjetmacht zu vermeiden, vereinbarten Japan und Sowjetrussland 1920 die Gründung eines Pufferstaates Fernöstliche Republik, der im November 1922 nach dem Abzug der japanischen Armee seinen Anschluss an Russland vollzog.

Sehr viel komplizierter war die Lage im Kaukasus mit seiner Vielzahl einander oft bekämpfenden Ethnien und der strategisch wichtigen Vielvölkerstadt Baku mit ihren Erdölquellen.

Nach der Oktoberrevolution war das Gebiet mehr oder weniger sich selbst überlassen, die georgischen Menschewisten, die armenischen Nationalisten der Daschnaken und die aserbaidschanische Nationalpartei der Mussawat hatten in einem Transkaukasischen Komitee die Mehrheit, im April 1919 wurde die Transkaukasische Republik ausgerufen. In Baku kam es zu Unruhen zwischen den Aseris, Armeniern und Russen. Die Niederlage Russlands provozierte das Vorrücken der türkischen Armee in den Kaukasus. Während Mussawat dem türkischen Einfluss ihrer Glaubensgenossen recht positiv gegenüberstand, fürchteten die Armenier nach dem Genozid der Türkei an den Armeniern in Anatolien 1915 und 1916 deren Vormarsch. Die Transkaukasische Föderation löste sich unter diesen Gegensätzen bereits nach sechs Wochen wieder auf, Georgien, Armenien und Aserbaidschan wurden selbstständig.

Das menschewistische Georgien suchte den Schutz des Deutschen Reiches. Die türkische Armee besiegte den armenischen Widerstand und zog im September 1918 in Baku ein. Vor dem Einmarsch hatte der aus allen Parteien zusammengesetzte Sowjet von Baku gegen die relative Mehrheit der Bolschewiki im Juli beschlossen, britische Truppen zu Hilfe zu rufen. Eine kleine britische Interventionstruppe unter Lionel Dunsterville war in Nordpersien stationiert und kam dem Ersuchen bereitwillig nach. Die Bolschewiki wurden bei ihrer Flucht aus Baku gefangen genommen und 26 Kommissare wurden am 20. September exekutiert. 152) Bevor die türkische Armee anrückte, evakuierte Dunsterville seine Soldaten aus Baku. Der türkische Einmarsch war von einem Pogrom von Aseris an Armeniern begleitet.

Mit der Kapitulation der Mittelmächte musste die Türkei den Kaukasus wieder räumen. Georgien wechselte die Fronten und unterstellte sich jetzt den Alliierten, die Briten übernahmen die Transkaukasische Eisenbahn von Batum nach Baku, die britischen Truppen kehrten mit Einwilligung der Mussawat-Regierung nach Baku zurück. Die Alliierten erkannten die drei Kaukasusrepubliken nicht diplomatisch an, dem stand die Unterstützung der Weißen Russlands entgegen, für die der Kaukasus zu Großrussland gehörte.

In den Getreideprovinzen am Kuban und in Stawropol herrschte seit dem Herbst 1918 Denikin. Vor Baku hielt sich die XI. Rote Armee mit 90.000 Mann. 153) Sie wurde im Januar und Februar 1919 von Denikin besiegt, 35.000 Mann starben an Typhus und anderen Krankheiten, 35.000 überlebten den Rückzug nach Astrachan, damit war die Hoffnung der Sowjetregierung, das Öl Bakus schnell wieder zu gewinnen, zerstoben. 154) Bis zum Herbst 1919 zogen sich die britischen Truppen aus Baku zurück, die Politik Churchills zur Unterstützung Denikins setzte sich durch. Erst mit der Niederlage der Weißen 1920 wurden die Kaukasus-Republiken von den Alliierten anerkannt.

Die Beziehungen der drei Kaukasus-Republiken untereinander waren gespannt, mit Denikin hatte Georgien einen bewaffneten Konflikt ebenso wie mit Armenien. Um Berg-Karabach bekriegten sich Armenien und Aserbaidschan, dazu kam der Dauerkonflikt Armeniens mit der wieder erstarkenden Türkei. Einen Sieg der Sowjetmacht im Bürgerkrieg konnten die drei Republiken auch nicht wünschen, auch wenn die Sowjetregierung betonte, sie habe nicht vor, die Länder zu erobern, sie kämpfe für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. 155) Nur ein Bündnis mit einem starken Großbritannien hätte ihre Unabhängigkeit dauerhaft schützen können, das realisierte sich nicht.

Alle drei Staaten waren äußerst fragile Gebilde. Die Mussawat in Aserbaidschan hatten nur eine geringe Verankerung in der Bevölkerung, Industrie gab es außerhalb Bakus kaum, die Wirtschaft war ruiniert, die Landbevölkerung ächzte unter dem Joch der Landbesitzer, die Regierung schürte den Gegensatz zu Armenien und suchte im Krieg ein Mittel, ihre Herrschaft zu sichern.

Armenien war paralysiert von der Furcht vor einem neuen türkischen Vorstoss, das Staatsgebiet machte nur einen Bruchteil des historischen Siedlungsgebiet im Osmanischen Reich aus, Hunderttausende waren geflohen, der Krieg mit den Nachbarländern ruinierte die Wirtschaft und befeuerte die Inflation. Die Herrschaft der Daschnaken war kaum stabiler als die der Mussawat. Sie verkündeten den Acht-Stundentag und versuchten eine Landreform, das beste Land und das Wasser blieben in der Hand der Grundbesitzer, der reichen Bauern und der Kirche. Auf der Pariser Friedenskonferenz waren weite Teile Anatoliens Armenien zugesprochen worden, aber der Vertrag von Sèvres wurde nie umgesetzt.

Von den drei Republiken war Georgien das relativ stabilste Land. Es war das Land der Menschewiki, deren Führer sich nach der Oktoberrevolution hierhin zurückzogen und versuchten, mit sozialen Reformen den Einfluss der Bolschewiki einzudämmen. Sie machten 1920 eine Landreform durch Verteilung des Großgrundbesitzes, verstaatlichten Bergwerke, Eisenbahnen, Wasserwerke und Wälder, monopolisierten den Außenhandel, gründeten die Universität Tiflis und begannen eine Sozialgesetzgebung. 156) Sie wiesen den Klassenkampf zugunsten der nationalen Einheit zurück, der Sozialismus wurde auf eine spätere Periode verschoben. Von wirtschaftlicher Stabilität war das Land aber weit entfernt, nationale Aufstände in Abchasien und Südossetien wurden militärisch niedergeworfen. 1919 gewannen die Menschewiki die Wahlen mit 80 Prozent der Stimmen. Im Mai 1920 erkannte Sowjetrussland die Unabhängigkeit Georgiens an, ließ sich aber in einer Zusatzklausel die ungehinderte Betätigung der Bolschewiki zusichern.

Bild 66: Die Parteizelle des Dorfes Popowa, Provinz Orel
x_bild_62_die_parteizelle_des_dorfes_popowka_prov.orel._geschichte_der_kpdsu_iii_2_p.68_kopie.jpg Präsident Tschcheïdse schaffte es, die Schutzmacht Deutschland durch die der Briten zu ersetzen, im Januar 1921 wurde Georgien in den Völkerbund aufgenommen. Die Menschewiki versicherten sich der Unterstützung der europäischen Sozialdemokratie, im September 1920 reiste eine hochrangige Delegation mit Vandervelde, MacDonald und Kautsky nach Georgien.

Als im Frühjahr 1920 Denikin geschlagen war, stellte sich die Frage der Herrschaft über den Kaukasus auch für die Kommunisten. Baku war für die Versorgung Sowjetrusslands unverzichtbar, da waren sich alle Kommunisten einig, unter den Arbeitern der Stadt war die Unterstützung groß, es gab 3.000 KPR-Mitglieder. 157)

Die Bolschewiki des Kaukasus gründeten selbstständige Kommunistischen Parteien, die aber wie im Fall der KP der Ukraine der Disziplin des ZK der KPR unterstanden. Die KPs der Kaukasus-Republiken drängten auf die Übernahme der Macht. In der Führung der Bolschewiki war der Volkskommissar für Nationalitäten Stalin für die Rückeroberung des Südens, der Politkommissar Grigori Ordschonikidse verfolgte die gleiche Politik.

Im April 1920 rückte die Rote Armee in Aserbaidschan ein. Kommunistische Stoßtrupps besetzten das Telegrafenamt, die Ministerien, Waffenarsenale und Radiostationen in Baku und forderten die Regierung der Mussawiten zum Rücktritt zugunsten eines Revolutionskomitees auf. Einige Truppenteile liefen zur russischen Armee über. Eisenbahner rissen die Schienen auf, um die Heranführung aserischer Truppen zu verhindern. Bereits einen Tag nach dem Einmarsch kapitulierte die Regierung. Am 28. April 1920 wurde die Sowjetregierung ausgerufen. Der Umsturz war unblutig, die Bevölkerung stand der Sowjetmacht meist wohlwollend gegenüber, die sie den Türken und aserbaidschanischen Adligen vorzog. Das aserbaidschanische Nationalgefühl war sehr schwach ausgeprägt. 158) Im Süden des Landes kam es zu Widerstand, der 1921 gebrochen werden konnte.

In Armenien ging die Regierung gegen die Kommunisten vor, im Mai gab es einen Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Die Regierung konnte bewegt werden, ihre Truppen aus Berg-Karabach zurück zu ziehen. Im Herbst 1920 führte Armenien einen neuen Krieg gegen die Türkei. Die Türkei war bestrebt, die drei nach dem Vertrag von Sèvres abzutretenden Provinzen wieder zu erobern, Armenien wollte sich diese Provinzen sichern. Im September rückten ihre Truppen vor. Das ZK der RKP beschloss, die Kemalisten mit Waffen und Geld zu unterstützen. 159) Armenische Versuche, die Briten zur Unterstützung zu bewegen, wurden zurückgewiesen, Georgien verweigerte Unterstützung. Kars wurde von der türkischen Armee erobert, im November kapitulierte Armenien. Die Truppen der Türkei hatten das halbe Land überrannt und neue Flüchtlingsströme in Bewegung gesetzt. Man entschloss sich zum Frieden, um den russischen Einmarsch zu verhindern.

Als im Oktober 1920 die Kommunisten Armeniens einen Aufstand ausriefen, kam ihnen die Rote Armee zu Hilfe. Das Daschnaken-Regime brach schnell zusammen, am 2. Dezember 1920 ergriff ein Revolutionskomitee die Macht und rief die Armenische Sowjetrepublik aus. Die Hilfslieferungen der Roten Armee wurden von der Bevölkerung dankbar angenommen. Im Februar 1921 versuchten die Daschnaken einen Aufstand, der erst nach Monaten unterdrückt werden konnte.

Die Sowjetführung war vor allem mit dem Krieg gegen Polen beschäftigt. Anfang 1921 sollen Dserschinski und Stalin für die sofortige Besetzung Georgiens gewesen sein, während Lenin Gewaltanwendung von außen ablehnte, die Revolution Georgiens müsse von innen kommen. 160) Andererseits fühlte sich die Sowjetführung von einem bürgerlichen Georgien bedroht, von dort könne immer noch Gefahr ausgehen. Das Politbüro beschloss, Ordschonikidse von einem Feldzug gegen Georgien abzuhalten und die Truppen zurück zu ziehen. 161)

Ende 1920 häuften sich die Angriffe der sowjetischen Presse gegen Georgien. Der georgische Staat ging gegen die Kommunisten vor, so dass in der Parteizentrale in Tiflis nur noch die Sekretärinnen anzutreffen waren. 162) Nationale Minderheiten rebellierten, in den Gewerkschaften der Drucker, Eisenbahner und Metaller gewannen die Kommunisten 1920 die Mehrheit, bei den Menschewiki spalteten sich einzelne Gruppen ab. Trotzdem standen den 60.000 Mitgliedern der Menschewiki 1920 8.600 Kommunisten gegenüber, die bis zum Frühjahr 1921 auf 20.000 anwuchsen.

Die Diskussion in der Führung der KPR wurde von den Fakten überholt, als am 16. Februar 1921 die Rote Armee mit 200.000 Soldaten einen Vorstoss gegen Tiflis begann. Anders als in Aserbaidschan und Armenien war der Widerstand größer, die Sowjettruppen brauchten drei Wochen, bis sie am 4. März Tiflis erobern und die Georgische Sowjetrepublik installieren konnte.

Stalin und Ordschonikidse waren die treibenden Kräfte der Eroberung Georgiens. Trotzki als Oberbefehlshaber der Roten Armee war nicht an der Entscheidung zum Einmarsch beteiligt, der Rat der Volkskommissare wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Das Politbüro hatte die Sache in Abwesenheit Trotzkis entschieden, Stalin und Ordschonikidse hatten berichtet, dass in Georgien eine Erhebung ausgebrochen sei, die Rote Armee könne die Revolution abkürzen. Da beide die Spezialisten für Georgien waren, nahm das Politbüro ihren Rat an. 163) 1922 wurden die drei transkaukasischen Republiken zur Transkaukasischen Föderativen Sowjetrepublik und in die Sowjetunion eingegliedert.

Der Aufstand von Kronstadt

Der Bürgerkrieg war beendet, der Krieg der Bauern gegen die Politik des Kriegskommunismus ging weiter. Lokale Rebellionen hatten nicht das Ausmass der Machno-Bewegung, aber im Februar 1921 meldete die Tscheka 118 lokale Aufstände. 164) Tambow war schon immer eine Provinz der bäuerlichen Unruhe gewesen, hier erhoben sich 1920 die Bauern gegen die Getreide-Requisitionen. An ihre Spitze stellte sich der Sozialrevolutionär Alexandr Antonow, ihm folgten bis zu 40.000 bewaffnete Bauern. Seine Armee hielt sich von den Städten fern, war ausgesprochen mobil, überfiel Requisition-Komitees und tötete die Kommissare. Die Sowjetarmee antwortete mit Geiselnahmen, Erschiessungen, dem Niederbrennen von rebellischen Dörfern und Deportierungen.

Das politische Programm Antonows war unklar, er bezeichnete sich als Sozialrevolutionär, die PSR hielt ihn für einen undisziplinierten Abenteuer. Die Idee der Konstituierenden Versammlung verband sich mit der des freien Handels für die Bauern.

Zum Kampf gegen die Bauerntruppen standen nur 3.500 Mann zur Verfügung, der Krieg gegen Polen stand im Vordergrund. Erst im März 1921 wurden 32.000 Infanteristen und 8.000 Kavalleristen eingesetzt, im Juli wurde die Rebellenarmee auf ein paar Partisanengruppen reduziert. Antonow wurde gefangen, mit 150 Bauern erschossen, 5.000 Bauernrebellen wurden deportiert. 165) Die Ankündigung der Neuen Ökonomischen Politik ließ den Widerstand der Bauern erlahmen.

Mit dem Ende des Bürgerkrieges verbesserte sich die wirtschaftliche Situation nicht. Im Januar 1921 musste die Brotration in den Großstädten um ein Drittel gekürzt werden. Die Brennstoffreserven gingen gegen Null. Im Februar 1921 mussten 64 Großfabriken Petrograds, darunter die Putilow-Werke, wegen Brennstoffmangels schließen. Die Arbeiter Petrograds äußerten laut ihren Unmut über das politische System.

Ende Februar kam es in Petrograder Fabriken zu einer Streikwelle, Menschewiki und Sozialrevolutionäre forderten Fabrikkomitees, Sowjets, die Sozialrevolutionäre auch die Konstituante. Über Petrograd wurde ein nächtliches Ausgehverbot verhängt, die Arbeiter konnten sich nicht für die Formulierung ihrer Ziele zusammenfinden. Gegen Straßendemonstrationen wurden Offiziersschüler der Roten Armee eingesetzt, die Arbeiterviertel besetzt und Lebensmittel nach Petrograd transportiert.

Neben Petrograd war Kronstadt die 'Zierde der Revolution' gewesen, die Kronstadter Matrosen hatten sich sehr schnell hinter die Bolschewiki gestellt, wesentlich zum Sieg in der Hauptstadt beigetragen und waren nach der Revolution in alle Teile des Landes geeilt, um die Revolution zu verteidigen. Sie hatten einen großen Blutzoll entrichtet. Die Revolutionäre waren durch neue Matrosen, meist aus der Ukraine, ersetzt worden. Die Insel wurde besser versorgt als Petrograd. 1921 taten 27.000 Matrosen und Soldaten ihren Dienst auf der Insel, 13.000 Arbeiter werkten in den Docks, Werften und Fabriken. Kronstadt schien eine Hochburg der KPR, sie hatte dort 2.900 Mitglieder und 600 Kandidaten. 166)

Ende 1920 machte ein kommunistischer Schriftsteller einen Besuch in Kronstadt und befragte die Matrosen. Er stellte fest, dass drei Viertel der Matrosen vor 1918 im Dienst gewesen seien. 167) Die Matrosen klagten über die ungerechte Beschlagnahme der Lebensmittel auf dem Dorf, Mitglieder der KPR würden sich sich als Herren aufspielen und Vorräte nicht von den Spekulanten, sondern von ihren Gegnern beschlagnahmen. Die Kommissare machten sich ein gutes Leben. Solche Einstellungen waren verbreitet. Im Januar 1921 wurde Kalaschnikow, der als Gefolgsmann Trotzkis galt, als Parteichef Kronstadts abgesetzt, Sinowjew als Parteichef von Petrograd ließ seinen Einfluss spüren.

Nachrichten von Streiks, Aussperrungen, Massenverhaftungen und das Kriegsrecht in Petrograd erreichten Kronstadt. Die Matrosen der Schiffe 'Sewastopol' und 'Petropawlowsk' hielten am 15. Februar eine gemeinsame Versammlung unter dem Protest ihrer Kommissare ab und schickten eine Untersuchungskommission nach Petrograd. Die Menschewiki gaben Flugblätter mit den gleichen Beschwerden heraus, sie forderten freie Sowjetwahlen. Am 28. Februar kam die Delegation zurück und berichtete den Schiffsversammlungen auf der 'Petropawlowsk'. Nach einer langen Diskussion mit kommunistischen Funktionären verabschiedeten die Matrosen eine Resolution, die Neuwahlen zu den Sowjets in geheimer Wahl bei freier Wahlpropaganda für Arbeiter und Bauern, Anarchisten und linkssozialistische Parteien forderte. Eine Versammlung der Arbeiter, Soldaten und Matrosen für Petrograd und die Provinz müsse einberufen werden. Freilassung der politischen Gefangenen der sozialistischen Parteien, der Arbeiter und Bauern. Zur Wahlpropaganda sollten alle politischen Abteilungen abgeschafft und die Rationen für alle gleich verteilt werden, statt der kommunistischen Kampfabteilungen in allen Einheiten und Fabriken sollten gewählte Garden gebildet werden. Für die Bauern wurde mehr Aktionsfreiheit über das Land gefordert, ohne dass sie Landarbeiter nutzten sollten. Die freie Verbreitung der Resolution im ganzen Land wurde verlangt. 168)

Durch diese Versammlung alarmiert, riefen Sowjet und KPR in Kronstadt zu einer Versammlung für den 1. März auf, Michail Kalinin, der Vorsitzende der Allrussischen Sowjetexekutive, sollte reden. 15 bis 16.000 Matrosen, Soldaten und Arbeiter versammelten sich auf dem Ankerplatz; die Stimmung war gespannt. Kalinin agierte ungeschickt, seine Rede wurde immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen. 'Wir haben genug von diesem Leben - Gefängnis und Erschiessungen ohne Prozess.' Kalinin musste seine Rede abbrechen. Kuzmin, Politkommissar der Baltischen Flotte, bedrohte die Versammelten; auf die Vorwürfe, er habe an der Nordfront jeden Zehnten erschießen lassen, drohte er, hier jeden Fünften erschießen zu lassen.

Die Resolution der 'Petropawlowsk' wurde abgestimmt, obwohl viele Kommunisten vertreten waren, stimmten alle außer einer Handvoll KPR-Mitglieder dafür. Die Versammlung beschloss, eine neue Delegation nach Kronstadt zu schicken und die Resolution Armee-Einheiten und Fabrikversammlungen vorzutragen. Stepan Petrischenko, Matrose der 'Petropawlowsk', schlug vor, am nächsten Tag eine Versammlung von je zwei Vertretern der Schiffe, Armeeeinheiten, Werften, Betrieben, Gewerkschaften und Sowjet-Institutionen zu besuchen, um die Bedingungen für die Neuwahl eines Kronstadter Sowjets vorzubereiten. 169) In der Nacht fanden heiße Diskussionen statt, als sei 1917 wieder zurück gekehrt. Am nächsten Morgen wurden die Delegierten in den Betrieben und Einheiten gewählt. Am Nachmittag trafen sich 303 Delegierte und wählten ein fünfköpfiges Präsidium, keiner von ihnen war Kommunist. Petrischenko wurde Vorsitzender, das Provisorische Revolutionskomitee wurde durch weitere zehn gewählte Mitglieder erweitert. 170)

Das Komitee nahm die Insel am 2. März unter Kontrolle, besetzte die Telefonzentrale, die Tscheka und alle militärischen Einrichtungen ohne Widerstand. Die Kommunisten beteiligten sich oder verhielten sich passiv. Führende Funktionäre wurden verhaftet, andere flohen. 497 Mitglieder traten aus der RKP aus, 327 wurden verhaftet, die KPR hörte auf, in Kronstadt zu existieren. 171) Eine Tageszeitung Iswestija (Nachrichten) wurde herausgegeben, man versuchte, durch Funkbotschaften die Forderungen im ganzen Land zu verbreiten.

„1. Neuwahl des Sowjets unter allgemeiner Agitationsfreiheit,
2. Rede- und Pressefreiheit für Arbeiter und Bauern, Anarchisten und linksstehende sozialistische Parteien, …
4. Einberufung einer parteilosen Konferenz der Arbeiter, Soldaten der Roten Armee und Matrosen von Petrograd, Kronstadt und der Provinz Petrograd,
5. Befreiung aller politischen Gefangenen der sozialistischen Parteien und aller in Verbindung mit Arbeiter- und Bauernbewegungen eingesperrten, …
7. Abschaffung aller Propagandaabteilungen, weil keine Partei spezielle Privilegien zur Propaganda ihrer Ideen besitzen und Regierungshilfe erhalten soll.
8. Abschaffung aller Sperrposten, welche Lebensmittel beschlagnahmen.
9. Gleichheit aller Rationen.
10. Abschaffung der kommunistischen Kampfabteilungen in den Fabriken.
11. Volle Aktionsfreiheit der Bauern für ihr Land, das Recht Vieh zu halten, die Bauern sollen auf ihrem Land ohne Lohnarbeiter arbeiten können…
13. Unsere Beschlüsse müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
15. Die Handwerkerproduktion ohne Lohnarbeiter erlauben.“ 172)

Als Kalinin seinen Bericht ablieferte, suchte die KP-Führung, Kronstadt zu isolieren. Eile war geboten, noch war der Finnische Meerbusen vereist, aber in wenigen Wochen würde das Eis schmelzen. Britische Kriegsschiffe hatten die Bucht gesperrt, im offenen Wasser wäre Kronstadt uneinnehmbar gewesen, es war kaum zu hoffen, dass die Alliierten und die Weißen diese Schwäche des Sowjetsystems nicht nutzen würden.

Am 5. März kam Kriegskommissar Trotzki nach Petrograd, ein Aufruf zur Niederlegung der Waffen wurde veröffentlicht. Trotzki entschied, den Aufstand 'mit eiserner Hand 'zu unterdrücken, Tuchatschewski wurde mit der Niederschlagung beauftragt. Am 8. März begann ein Angriff über das Eis von Oranienbaum und Setoretsk aus. Ein Teil lief zu den Rebellen über, der Angriff wurde zurück geworfen.

Die Iswestija veröffentlichte am 8. März einen Aufruf 'Wofür wie kämpfen':

„Als die Arbeiterklasse die Oktoberrevolution machte, hoffte sie ihre Befreiung zu erlangen. Das Resultat war eine noch größere Versklavung der menschlichen Persönlichkeit…

Die Macht der Polizeimonarchie ging in die Hände der Usurpatoren über, der Kommunisten, die, statt dem Volk die Freiheit zu lassen, ihm die Angst der Tscheka-Kerker brachten, deren Gräuel die Methoden der zaristischen Gendarmerie vielfach übertreffen.

Nach langen Jahren des Kampfes und der Leiden erhielten die Arbeiter Sowjetrusslands nur freche Befehle, Bajonettstiche und Kugeln der Tscheka-Kosaken. Die kommunistische Macht hat das glorreiche Abzeichen der Werktätigen, Hammer und Sichel, durch Bajonett und Kerkergitter ersetzt, wodurch die neue Bürokratie, die kommunistischen Kommissare und Beamten, sich ein ruhiges und sorgloses Leben sichern.

Die geistige Versklavung, die von den Kommunisten errichtet wurde, … legte Hand auch an den Gedanken, das moralische Leben der Werktätigen, und zwangen jeden, ausschliesslich nach ihrer Vorschrift zu denken. Mit Hilfe der verstaatlichten Gewerkschaften fesselten sie die Arbeiter an die Maschinen und verwandelten die Arbeit … in eine neue Sklaverei.

Auf die Proteste der Bauern, die bis zu spontanen Revolten gingen, auf die Forderungen der Arbeiter, die durch die Lebensbedingungen zu Streiks gezwungen waren, antworteten sie mit Massenerschiessungen…

Das Arbeiterrussland … wird im Blut der Märtyrer, zum höheren Ruhm der kommunistischen Gesellschaft verleugnet. Die Kommunisten ersäufen in diesem Meer von Blut alle großen und schönen Versprechen und Möglichkeiten der proletarischen Revolution….

Diese neue Revolution wird die arbeitenden Massen in Ost und West aufrütteln. Sie wird das Beispiel eines neuen sozialistischen Aufbaus … geben. Die arbeitenden Massen werden durch die Tatsachen überzeugt werden, dass alles, was bei uns bis jetzt im Namen der Arbeiter und Bauern geschaffen wurde, kein Sozialismus war….

Die nunmehr vollzogene Änderung gibt den arbeitenden Massen endlich die Möglichkeit, frei gewählte Räte zu verwirklichen, die ohne gewaltsamen Druck einer Partei funktionieren…

Die Polizeimaschine der kommunistischen Autokratie ist endlich zerbrochen.“ 173)

Die Bolschewiki beschuldigten die Matrosen, konterrevolutionäre Meuterer zu sein, die sich von einem weißgardistischen General führen ließen. Diesen General Koslowski gab es tatsächlich, aber er hatte als Militärspezialist der Sowjetmacht loyal gedient, so dass er 1920 von Raskolnikow öffentlich gelobt worden war, beim Aufstand spielte er keinerlei Rolle. 174) Trotzki behauptete, die Matrosen Kronstadts bestünden aus ukrainischen Bauernsöhnen ohne politische Bildung, welche 'die Feindseligkeit der rückständigen Bauernschaft dem Arbeiter gegenüber' widerspiegele. 175)

Karte 27: Kronstadt und Petrograd


Die Forderungen der Rebellen von Kronstadt waren ein Versuch, das politische System der Sowjets zu reformieren und die Bolschewiki so von der Macht zu verdrängen. Einen gewissen politischen Einfluss auf die Aufständischen hatten die Gruppe der Sozialrevolutionäre-Maximalisten. Der Herausgeber der Iswestija Anatoli Lamanow wurde als Theoretiker der Maximalisten angesehen, die Parole 'Alle Macht den Sowjets und nicht den Parteien' ging auf ihn zurück, man könnte die Gruppe als Rätekommunisten einschätzen. Lamanow war 1920 Kandidat der KPR geworden und trat während des Aufstandes wieder aus. Die KP habe die Macht ergriffen, statt des 'Königreichs der Werktätigen' habe sie einen bürokratischen Sozialismus errichtet, die Bauern müssten auf Staatshöfen arbeiten, die Arbeiter im Betrieb hätten keine Rechte mehr. Diese 'Kommissarokratie plus Erschießungskommandos' habe innerhalb von drei Jahren den Terror der zaristischen Autokratie in den Schatten gestellt. Das rote Kronstadt habe die dritte Revolution begonnen für einen andere Art des Sozialismus, für 'eine Sowjetrepublik der Werktätigen, in der die Produzenten selbst der Souverän ist und über das Produkt seiner Arbeit herrsche. 176) Die Wiedererrichtung der Konstituante lehnten die Maximalisten ab.

Dem 'Schlächter von Kronstadt' Trotzki gelang es, die Inselfestung zurück zu erobern. In der Nacht des 16. März gelang es, mit weißen Umhängen getarnt, übers Eis in die Stadt einzudringen, am nächsten Tag war die Insel eingenommen. Zeitgleich fand der Zehnte Parteitag der KPR statt, 320 Delegierte eilten nach Petrograd, um die Rotarmisten zu unterstützen. Unter ihnen waren auch Mitglieder der Arbeiteropposition und der Demokratischen Zentralisten, welche die ähnliche Zielen wie die Aufständischen verfolgten, aber die Loyalität zur Partei höher stellten.

Etwa 8.000 Matrosen einschliesslich von Petrischenko konnten über das Eis nach Finnland entkommen. 177) Einige Hundert Aufständische wurden erschossen, die Rest der Matrosen wurde auf andere Teile der Flotte verteilt. Am 18. März, dem Jahrestag der Pariser Kommune, war Kronstadt besiegt.

Der Aufstand der Matrosen von Kronstadt löste innerhalb der internationalen kommunistischen Bewegung eine heftige Diskussion aus. Linke Kommunisten, Anarchisten und Syndikalisten, die bisher der Kommunistischen Internationale beigetreten waren oder mit ihr sympathisierten, wandten sich jetzt gegen die autoritäre Herrschaft und brachen mit der Sowjetmacht. Die Schockwellen erfassten auch die Parteimitgliedschaft, Bucharin erinnerte sich auf dem dritten Komintern-Kongress mit Schmerz an die 'verirrten Klassenbrüder, unser Fleisch und Blut'. 178) Victor Serge, der in Moskau lebte, war vor allem über den Widerspruch zwischen dem Reden und Handeln der kommunistischen Führer entsetzt:

„Das Schlimmste war, dass uns die offizielle Lüge lähmte. Dass uns die eigene Partei derart belog, das war noch nie vorgekommen.“ 179)

„Die Konterrevolution des Volkes übersetzte die Forderung freigewählter Sowjets durch die der 'Sowjets ohne Kommunisten'. Wenn die Diktatur fiel, so bedeutete das in Kürze das Chaos, und durch das Chaos hindurch das Vordringen der Bauern, das Massaker der Kommunisten, die Rückkehr der Emigranten und am Ende durch die Macht der Umstände eine andere antiproletarische Diktatur. Die Nachrichten aus Stockholm und Tallinn bestätigten, dass die Emigranten dieselben Ansichten in Betracht zogen. Nebenbei gesagt, diese Nachrichten bestärkten die Führer in ihrem Willen, Kronstadt schnell zu erledigen, koste es was es wolle.“ 180)

Er zog die Bilanz:

„Das aufständische Kronstadt war nicht konterrevolutionär, doch sein Sieg hätte unausbleiblich die Konterrevolution herbei geführt.“ 181)

Der Zehnte Parteitag der KPR

Im Rahmen des Kriegskommunismus war die Wirtschaftsmisere nicht zu beheben. Das Problem des Kriegskommunismus war, dass zur Behebung einer Krise Pläne gemacht wurden, die nicht erfüllt werden konnten. Kommissionen wurden geschaffen, die einander behinderten und oft gegeneinander arbeiteten. Das alles in einem schon ohnehin aufgeblähten Staatsapparat, dessen Bürokraten den Sowjets feindlich oder bestenfalls gleichgültig-passiv gegenüberstanden. Eine Zeitung schrieb:

„Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Bürokratismus uns wirklich auffrisst und alle Initiativen unterbindet. Wer mit dem Amtsgang unserer Behörden vertraut ist, wer weiss, wie die endlosen Abteilungsstreitereien und Meinungsverschiedenheiten alle Arbeit erschweren, wird nicht leugnen, dass das dringendste Problem des Tages der Kampf gegen den Bürokratismus ist… Die Kleinindustrie und das Kleingewerbe können nicht zentral verwaltet werden, ohne die Schaffung eines bürokratischen Apparates, der nicht nur ihre ganzen Erträge verschluckt, sondern sie auch direkt lähmt.“182)

1919 wurde ein Volkskommissariat für Staatskontrolle geschaffen, im Februar 1920 wurde es ins Volkskommissariat der Arbeiter- und Bauerninspektion (Rabkrin) umgewandelt, es hatte keine exekutiven Funktionen und konnte Missstände nur öffentlich machen, Rabkrin vermehrte nur die Misswirtschaft.

In den Betrieben wurde die Ein-Personen-Leitung eingeführt, die Arbeiter zur Produktivität verpflichtet, der Stücklohn wieder eingeführt, die Unterschiede wischen den Löhnen der Spezialisten und der einfachen Arbeiter überschritten bald das festgesetzte Maximum von Eins zu 1,75.

„Die Regulierung der Arbeit erfolgt nicht nach dem spontanen Prinzip des Kaufens und Verkaufens, sondern es beruht auf einem Wirtschaftsplan, der das ganze Land und die gesamte Arbeiterklasse umfasst. Das ist das Programm der Arbeitspflicht, das immer Teil des sozialistischen Programms war… Und wenn wir das einmal anerkannt haben,… so können wir jeden Arbeiter und jede Arbeiterin an den Arbeitsplatz stellen, an dem er zur Erfüllung einer wirtschaftlichen Aufgabe gebraucht wird. Auf gleiche Weise anerkennen wir das Recht des Staates, einen Arbeiter oder eine Arbeiterin zu bestrafen, der die Erfüllung de Befehls des Staates verweigert.“ 183)

Das traf auf den Widerstand der Gewerkschaften. Der Zehnte Parteitag beschloss, die Gewerkschaften zu 'Schulen des Kommunismus' zu machen, sie sollten den Betriebsleitungen bei der Steigerung der Produktion helfen und der Kontrolle der KPR unterstellt werden.

Im Januar 1920 versuchte Trotzki, die im Ural stationierte Dritte Armee in eine Arbeitsarmee zu verwandeln. Die Arbeitsarmee beteiligte sich an der Kohleförderung, an Holzfällarbeiten und an der Lebensmittelproduktion. Die Förderung von Kohle und das Fällen von Bäumen waren - besonders für Ungelernte - gefährliche Arbeiten. Die fehlende Produktivität konnte nur durch den massenhaften Einsatz von Arbeitskräften ausgeglichen werden. Durch diese Maßnahmen wurden die Löhne abgesenkt, der Acht- Stundentag überschritten und Schutzbestimmungen ignoriert. 'Subotniks', die freiwillige Arbeit an Samstagen wurde proklamiert, bewusste Kommunisten gingen als Beispiel voran. Der Achtstundentag wurde zur Fiktion.

„Die Produktivität der Arbeitsarmeen war von allem Anfang an unbeträchtlich, ihre Erhaltungskosten waren jedoch über Gebühr groß. Bauern, die von weither in die Arbeitsarmeen des Urals gesteckt wurden, verstanden nicht, warum sie, da doch der Krieg mit Koltschak beendet war, unter militärischem Kommando Holz fällen und Gras mähen mussten, was sie genauso gut zu Hause tun konnten. Sie liefen daher in Massen davon, und die ortsansässigen Bauern ihrerseits, wütend auf die Fremden, die in ihrem Heimatdistrikt zu befehlen hatten, verbrannten die Holzstöße und Heuhaufen, die die Soldaten der Arbeitsarmee aufgetürmt hatten. Der ganze Plan der Arbeitsarmeen erwies sich als eine leere bürokratische Phantasie.“ 184)

Die Arbeitsarmeen war ein Misserfolg, neben dem Widerstand der Bevölkerung waren sie auch schlecht geplant, Voluntarismus konnte die ökonomischen Interessen nicht aushebeln. Die Arbeiter reagierten mit Streiks und passivem Widerstand auf die Herausforderung. Die Umwandlung der kämpfenden Armeen in Arbeitsbrigaden wurde im Frühjahr durch den Krieg mit Polen abgebrochen.

Die Tscheka verhaftete lieber hundert Unschuldige als einen Schuldigen entwischen zu lassen, die Gefängnisse waren immer überfüllt. Die politischen Gegner und die Besitzenden wurden verhaftet, Folter war üblich, dafür hatten die Gefangenen regelmäßiges, wenn auch schlechtes Essen. Während des Kriegskommunismus entwickelte sich eine Schicht primitiver Kapitalisten, die Hamsterer, den späteren NEP- Leuten.

Die Leitungen der Industrie hatten kaum eine Vorstellung, über wen und was sie verfügten. Als die Hauptverwaltung der Holzwirtschaft Anfang 1920 eine Aufstellung der Betriebe und Arbeiter der Fabriken und Sägewerke machte und die rechtzeitige Beantwortung mit der damals fürstlichen Prämie von zwei Pfund Zucker und einem Viertelpfund Tee belohnen wollte, konnten nur fünf der 2.000 Betriebe die gewünschte Antwort geben. 185)

Im politischen System hatten die Sowjets rasch ihre Kontrollfunktion verloren, die KPR übte nach der Ausschaltung der Linken Sozialrevolutionäre fast unumschränkt die Macht aus, Oppositionsgruppen wie die Menschewiki wurden in dieser Zeit auf den Status der Halblegalität reduziert, die man je nach politischer Konjunktur agieren ließ oder von der Tscheka unterdrückte.

Zur Steigerung der Effektivität des Zentralkomitees wurden ein Politisches Büro (Politbüro) und ein Organisationsbüro (Orgbüro) eingerichtet, die das immer größer werdende ZK langsam ersetzten. Nach dem Tode Swerdlows wurde das Parteisekretariat kollektiv besetzt. Die Zahl seiner Mitarbeiter stieg von 30 im Jahr 1919 auf 602 zur Zeit des Zehnten Parteitages. 186)

Zur Zeit des Bürgerkrieges hatte sich in der Partei eine quasi militärische Struktur durchgesetzt:

„Die Erfahrung der siegreichen Diktatur des Proletariats in Russland hat … gezeigt, dass bedingungslose Zentralisation und strengste Disziplin in den Reihen des Proletariats eine der Hauptbedingungen für den Sieg über die Bourgeoisie sind…„
„Wer auch nur im geringsten die eiserne Disziplin des Proletariats schwächt, … der hilft in Wirklichkeit der Bourgeoisie gegen das Proletariat.“ 187)

Die Beschlüsse der höheren Organe waren bindend für die unteren, jeder Beschluss musste ausgeführt werden, eine Berufung war erst zum nächsten Parteitag möglich. Das ZK setzte die Parteiarbeiter nach seinen Beschlüssen ein. 1919 hatte die Partei beschlossen, in allen Sowjets und Massenorganisationen Fraktionen zu bilden, die der Parteidisziplin unterlagen. Die Opposition beschwerte sich, dass das Parteisekretariat zunehmend unliebsame Mitglieder auf andere Positionen versetzte, das Prinzip der Wahl der Funktionen wurde langsam durch Ernennungen ersetzt.

Die Funktionäre der KPR hatten politische, aber kaum materielle Privilegien. Immer wieder kam es während des Kriegskommunismus vor, dass ein Parteiarbeiter während einer Sitzung umfiel, weil er schlecht ernährt war. Die Hauptamtlichen wurden nach dem 'Parteimaximum' bezahlt, das richtete sich nach den Arbeiterlöhnen und war mit 185 oder 250 Rubel nicht gerade üppig.

Trotzdem zog der Sieg im Bürgerkrieg neben den Klassenkämpfern eine Vielzahl von Karrieristen an. Die Mitgliedszahlen waren von 115.000 im Januar 1918 auf 732.000 zum Parteitag 1921 gestiegen. 1919 hatte sich Nogin über Trunksucht, Ausschweifungen, Korruption, Diebstahl und verantwortungsloses Verhalten von Parteimitgliedern beschwert, zu viele karrieristische Elemente seien in die Partei der Macht geströmt. Im Laufe des Jahres 1921 wurden 24 Prozent der Mitglieder ausgeschlossen, der Anteil der Arbeiter und Soldaten stieg in den industriellen Provinzen von 47 auf 53 Prozent und in den Agrarprovinzen von 31 auf 48 Prozent. 188) Diese Zahlen bezogen sich auf die soziale Herkunft, nicht die aktuelle Beschäftigung. 1919 arbeiteten noch 22 Prozent der Mitglieder in Fabriken. 189) Ausschlüsse hatten keine weiteren Folgen, wenn sie nicht strafrechtlich verfolgt wurden. 190) Schwieriger waren Mitglieder, die sich von den Massen entfernten, ohne kriminell zu werden.

Die Linken Kommunisten hatten sich außerhalb der Ukraine nach ihrem Widerstand gegen den Vertrag von Brest-Litowsk während des Kriegskommunismus aufgelöst, die Gewerkschaftsdebatte, die Militarisierung der Arbeit und das Parteiregime führten vor dem Zehnten Parteitag zum Aufleben neuer parteiinterner Oppositionsgruppen, die allerdings nie den Umfang der Linken von 1918 annahmen.

Tabelle 36: Mitglieder der Kommunistischen Partei 1918 - 1933 191)

Jahr Mitglieder
Jan. 1918 115.000 192)
Frühj. 1918 300.000 193)
März 1919 313.766 194)
Aug. 1919 150.000 195)
März 1920 611.521 196)
1921 732.521 197)
1922 532.000 198)
1923 386.000 199)
1924 735.881 200)
1925 1.088.000 201)
1926 1.078.185 202)
1927 1.236.190 203)
1929 1.530.080 204)
1931 1.677.910 205)
1932 2.883.161 206)
1933 3.555.338 207)


Die Arbeiteropposition wandte sich gegen die vor allem von Trotzki angewandten autoritären Methoden bei der Unterordnung der Gewerkschaften unter den Staat. Lenin warf ihnen Syndikalismus vor. Es waren vor allem Mitglieder der Gewerkschaften, ihre prominentesten Führer war der Führer der Metallarbeiter- Gewerkschaft Alexandr Schljapnikow, Alexandra Kollontai, der Metaller Sergei Medwedew, die Führer der Textilarbeiter- und der Bergarbeiter-Gewerkschaft. Ihre Schwerpunkte hatte die Arbeiteropposition im Donez- Becken, um Don- und Kubangebiet und in Samara; in der Provinz Moskau hatte sie ein Viertel der Parteimitglieder hinter sich. Die Metallarbeiter-Gewerkschaft war ihr organisatorischer Rückhalt. 208)

Schljapnikow brachte eine dreifache Gewaltenteilung zwischen Partei, Sowjets und Gewerkschaften ins Spiel. Er forderte die Leitung der Wirtschaft durch die Gewerkschaften und die Leitung des Staates durch die Sowjets, die KPR sollte die politische und die ideologische Führung über beide übernehmen. Seine Vorschläge wollten die lokale und Selbstinitiative der Arbeiter mit dem Zentralismus der Industrie vereinen. Von den Fabriken könne eine lohnende Initiative ausgehen, welche die Entfremdung der Arbeiter von der Arbeit aufhebe. 209) Durch die Initiative der Arbeiter könne die leblose industrielle Maschine in eine bewusste Schöpfung des Kommunismus verwandelt werden. Jedes Parteimitglied müsse drei Monate im Jahr in der Produktion arbeiten. 210)

Kollontai fasste die Forderungen zusammen und verband sie mit der Kritik der Bürokratisierung.

„Aufgabe der Partei … ist es, … ihr Ohr dem gesunden Klassenruf der breiten arbeitenden Massen zu leihen. Durch die Schöpfermacht der aufsteigenden Klasse in der Gestalt der Industriegewerkschaften werden wir zur Wiederherstellung und Entwicklung der Schöpferkräfte des Landes kommen; zur Reinigung der Partei selbst von den ihr fremden Elementen, zur Berichtigung der Tätigkeit der Partei vermittels der Rückkehr zur innerparteilichen Demokratie, Meinungsfreiheit und Kritik.“ 211)

Die fraktionelle Tätigkeit der Opposition wurde behindert. Man verzögerte und boykottierte die Verbreitung der Plattform, die Mehrheit setzte eine proportionale Vertretung durch, wenn es für sie günstig war, Kader wurden versetzt. Es war eine bürokratische Behinderung der Parteigegner, nicht vergleichbar mit ihrer späteren Ausschaltung. Die Arbeiteropposition war eine loyale Parteiopposition, sie wandte sich nie an die Klasse gegen die KPR. Das wäre angesichts der erodierenden Arbeiterklasse auch wenig erfolgversprechend gewesen. Nach dem Beschluss des Elften Parteitages löste sie sich auf.

Eine weitere Fraktion der Demokratischen Zentralisten um Timofei Sapronow kritisierte die Einschränkung der innerparteilichen Demokratie. Für den Zehnten Parteitag warben die Fraktionen für ihre Plattformen, Lenin gründete eine 'Plattform der Zehn', Bucharin und Trotzki schlossen sich ihm an. Der Parteitag stand ganz unter dem Zeichen der Revolte von Kronstadt. Angesichts der Bedrohung konnte Lenin eine große Mehrheit für seine Politik gewinnen. Er stellte die Parteiopposition in eine Linie mit den Kronstadter Aufständischen.

„Es ist offensichtlich, dass die syndikalistische Abweichung auch eine anarchistische Abweichung ist und dass die 'Arbeiteropposition', die sich hinter dem Rücken des Proletariats versteckt, ein kleinbürgerliches anarchistisches Element ist.“ 212)

„Es ist notwendig, dass alle bewussten Arbeiter klar die Schädlichkeit und Untragbarkeit jeder Art Fraktionsbildung erkennen, die in der Praxis unvermeidlich zur Schwächung der einmütigen Arbeit und zur verstärkten Wiederholung der Anschläge der Feinde der herrschenden Partei führt, die sich an sie heranmachen, um die Spaltung zu vertiefen und sie für die Ziele der Konterrevolution auszunutzen.“ 213)

„Der Parteitag verfügt die sofortige Auflösung ausnahmslos aller Gruppen, die sich auf der einen oder anderen Plattform gebildet haben, und weist alle Organisationen an, streng gegen jederlei fraktionelle Erscheinungen einzuschreiten und sie zu unterbinden… Nichtausführung dieses Beschlusses hat sofortigen und bedingungslosen Ausschluss aus der Partei zur Folge.

Um strikte Disziplin innerhalb der Partei zu verwirklichen…, ermächtigt der Parteitag das Zentralkomitee, in Fällen von Disziplinverletzung .. alle Parteistrafen bis zum Parteiausschluss auszusprechen; bei Mitgliedern des Zentralkomitees Versetzung in den Kandidatenstand und als äusserste Massnahme sogar Ausschluss aus der Partei.“ 214)

Das war ein Wendepunkt in der Geschichte der Partei. Bisher hatten sich Plattformen, die auf der Politik des Programms der KPR standen, frei ausdrücken und die Mitglieder zusammenschließen können. Das ZK durfte jetzt mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit Mitglieder ausschließen, der Beschluss darüber wurde nicht veröffentlicht. Die Opposition wurde aufgefordert, weiterhin an der Parteiführung teilzunehmen, Schljapnikow und ein weiteres Mitglied der Arbeiteropposition wurden ins ZK gewählt, ebenso drei neue Parteisekretäre bestellt.

Unter den Hammerschlägen Kronstadts folgte der Parteitag Lenins Vorschlag, den Kriegskommunismus abzuschaffen und den Bauern einen Teil ihres Getreides auf dem Markt verkaufen zu lassen.

„Wir machen der Bauernschaft Zugeständnisse, um eine Restaurierung des Kapitalismus zu vermeiden,… die Wege zum Kommunismus zu gewährleisten.“ 215)

Mit der Einführung der Naturalsteuer im März 1921 machte die Sowjetmacht einen Schritt rückwärts zum Kapitalismus und führte die Neue Ökonomische Politik (NEP) ein. Auf politischer Ebene wollte man sich umso fester zusammenschließen.

1921 zeigte die Sowjetgesellschaft gefährliche Anzeichen von Deformationen. Die Arbeiterdemokratie war durch eine politische Herrschaft der Bolschewiki für die Klasse ersetzt, eine Art 'aufgeklärter sozialistischer Absolutismus'. Die Tscheka hatte sich zu einer kaum zu kontrollierenden Macht entwickelt, das Krebsgeschwür der Bürokratie begann zu wuchern. Wie sich die neue Wirtschaftsordnung entwickeln würde, wusste man nicht.

Aber der Bürgerkrieg war siegreich beendet, die imperialistischen Mächte schienen weniger gefährlich. Die sozialistische Überzeugung der Partei war unbestritten, jetzt konnte man auch darangehen, mit der wirtschaftlichen Erholung auch die Sowjetdemokratie wieder zu beleben. Victor Serge drückte diese Hoffnung aus:

„Trotz ihrer Fehler und Missbräuche ist die bolschewistische Partei in diesem Augenblick die große organisierte, intelligente und sichere Macht, zu der wir trotz allem Vertrauen haben müssen. Die Revolution hat kein anderes Gerüst und ist nicht mehr fähig, sich von Grund auf zu erneuern.“ 216)

1) Benvenuto, The Bolscheviks and the Red Army, p.1
2) Carr, The Bolshevik Revolution, Vol. III, p. 72
3) Gosztony, Die Rote Armee, p.42
4) , 5) ebenda, p.43
6) ebenda, p.44/47
7) ebenda, p.48
8) , 9) ebenda, p.49
10) Chamberlin, Die russische Revolution, Band 2, p.31
11) Gosztony, p.58
12) Chamberlin, Band 2, p.29/30
13) ebenda, p.27
14) ebenda, p.28
15) Bradley, Allied Intervention in Russia, p.55
16) Thunig-Nittner, Tschechoslowakische Legion in Russland, p.87
17) Bradley, p.66; Marie, La guerre civile russe, p.39
18) Marie, La guerre civile russe, p.25
19) Thunig-Nittner, p.16
20) ebenda, p.30
21) Wheaton, Radical Socialism in Czechoslovakia, p.5
22) Bradley, Allied Intervention in Russia, p.101
23) Thunig-Nittner, p.115
24) Mawdsley, The Russian Civil War, p.158
25) Bradley, p.142
26) Marie, La guerre civile russe, p.81
27) Chamberlin, Band 2, p.153
28) ebenda, p.155
29) Radkey, Russia goes to the polls, p.148-160
30) Mawdsley, p.87
31) Michail Scholochow hat dem Kampf mit seinem Roman 'Der stille Don' ein literarisches Denkmal gesetzt.
32) Mawdsley, p.95
33) ebenda, p.96
34) ebenda, p.162
35) Foglesong, America's secret war against bolshevism, p.173
36) Katzer, die weiße Bewegung in Russland, p.159
37) ebenda, p.159/160
38) Chamberlin, Band 2, p.17
39) Mawdsley, p.64
40) Chamberlin, Band 2, p.19
41) IML, Geschichte der KPdU, Band III, 2.Buch, p.309
42) Gosztony, p.60
43) Mawdsley, p.144
44) , 45) ebenda, p.146
46) IML, Geschichte der KPdU, Band III, 2.Buch, p.374
47) Katzer, p.215
48) Mawdsley, p.231
49) ebenda, p.232
50) Wegner: Nationale Frage…, p.114
51) , 100) , 101) ebenda, p.115
52) Stalin, Referat über die nationale Frage; in: Stalin-Werke Band 3, p.50
53) Wegner: Nationale Frage…, p.153
54) Scharinger, Nationale Frage, Band 2; p.65
55) Adams, Bolsheviks in the Ukraine, p.11
56) ebenda, p.78
57) ebenda, p.80
58) Borys, The Russian Communist Party and the Sovietization of Ukraine, p.205
59) Adams, p.89
61) Poilu war die umgangssprachliche Bezeichnung des französischen Soldaten.
62) Adams, p.112
63) ebenda, p.138/139
64) ebenda, p.142
65) ebenda, p.191/192
66) Adams, p.232/233
67) ebenda, p.403/404; Arschinoff, Geschichte der Machno-Bewegung, p.167/168
68) Adams, p.132
69) Borys, p.225
70) Adams, p.231
71) ebenda, p.340
72) Borys, p.154/155
73) ebenda, p.139; die Partei nannte sich KPU (Bolschewiki), der Zusatz wird im Weiteren weggelassen.
74) Scharinger, Nationale Frage, Band 2; p.141
75) Borys, p.142
76) ebenda, p.207
77) ebenda, p.210
78) ebenda p.252/253
79) ebenda p.255
80) ebenda, p.257
82) Lenin, Entwurf einer Resolution des ZK der KPR(B) über die Sowjetmacht in der Ukraine; in: Lenin-Werke Band 30, p.148/149
83) von Rauch, Die bolschewistischen Staatsgründungen …; in: Hehn, Von den baltischen Provinzen zu den baltischen Staaten, p.53
84) Hehn, Von den baltischen Provinzen…, p.22
85) von Rauch, Die bolschewistischen Staatsgründungen …; p.61
86) Ein Condottiere war ein Söldnerführer Italiens im Spätmittelalter.
87) Kalninš, Die Konsolidierung des unabhängigen Lettland unter besonderer Berücksichtigung der Stellung und staatlichen Funktion der lettischen Sozialdemokratie; in: Hehn, Von den baltischen Provinzen…, p.425-431
88) Mawdsley, p.197
90) Mawdsley, p.164
91) Katzer, p.287
92) ebenda, p.303
93) Mawdsley, p.219
94) Chamberlin, Band 2, p.247
95) Mawdsley, p.220
96) ebenda, p.224
97) Foglesong, p.231
98) Davies, White Eagle, Red Star, p.75
99) ebenda, p.83
102) Chamberlin, Band 2, p.286
103) Davies, p.184
104) Mawdsley, p.270
105) Trotzdem wird im Weiteren auf die Anführungszeichen verzichtet.
106) Meyer, Studien zur sozialökonomischen Entwicklung Sowjetrusslands, p.27
107) Nove: An Economic History of the U.S.S.R.; p.64/65
108) Fjodor Gladkow: Zement; Boris L. Pasternak: Doktor Schiwago
109) Nove, p.59
110) Meyer, p.63
111) Malle, The economic organisation of War Communism, p.232
112) Pollock, Planwirtschaft, p.64
113) Nove, p.58
114) Chase, Workers, society, and the Soviet state, p.25
115) Meyer, p.35
116) Pollock, p.69/70
117) Liebmann, Leninism under Lenin, p.347
118) Schröder, Arbeiterschaft, Wirtschaftsführung und Parteibürokratie, p.28
119) Das wird in Pasternaks 'Doktor Schiwago' geschildert.
120) Chase, p.29
121) Pollock, p.71
122) Meyer, p.71
123) Marie, Lénine. Biographie, p. 298
124) Pollock, p.72
125) Pietsch, Revolution und Staat, p.136. Die Zahlen widersprechen einander, die Tendenz ist klar, siehe Tabelle 35
126) Bericht über das Parteiprogramm, VIII. Parteitag der KPR(B) (19. März 1919); in: Lenin-Werke Bd. 29, p.167-169
127) Malle, p.405
128) Pollock, p.59
129) ebenda, p.60
130) ebenda, p.47
131) Lenin: VIII.Gesamtrussische Konferenz der KPR(B), 2. Dezember 1919; in: Lenin-Werke Band 30, p.170
132) Carr, Vol. II, p.169
133) Altrichter, Die Bauern von Tver, p.45
134) ebenda, p.46
135) Atkinson, The End of the Russian Land Commune, p.198
136) ebenda, p.201/202
137) ebenda, p.217, 220
138) Rabinovitch, Das erste Jahr, p.540/541
139) Carr, Vol.III, p.104
140) Chamberlin, Band 2, p.217
141) Volin, Die unbekannte Revolution, p.508
142) Chamberlin, Band 2, p.219
143) ebenda, p.220
144) Arschinoff, Geschichte der Machno-Bewegung, p.119/120
145) , 175) Trotzki: Brief an Wendelin Thomas, 6. Juni 1937; in: Kronstadt, p.75
146) Chamberlin, Band 2, p.218
147) Volin, p.549
148) Arschinoff, p.215
149) ebenda, p.197/198
150) Borys, p.280
151) Arschinoff, p.201
152) Chamberlin, Band 2, p.387
153) Zürrer, Kaukasien 1918-1921, p.180
154) ebenda, p.221
155) ebenda, p.309/310
156) Scharinger, Nationale Frage, Band 2; p.266
157) IML, Geschichte der KPdSU, Band III, 2. Buch, p.566
158) Zürrer, p.392/393
159) ebenda, p.428
160) Scharinger, Nationale Frage, Band 2, p.269
161) Zürrer, p.450
162) Carr, The Bolshevik Revolution, Vol.1, p.349
163) Scharinger, Nationale Frage, Band 2; p.271
164) Legett, The Tscheka, p.325
165) ebenda, p.333
166) Getzler, Kronstadt, p.205
167) ebenda, p.206
168) ebenda, p.214
169) ebenda, p.216
170) ebenda, p.217
171) ebenda, p.219
172) Hillmann, Selbstkritik des Kommunismus, p.70/71
173) ebenda, p.71-73
174) Getzler, p.220
176) Getzler, p.233/234
177) Kronstadt, p.14/15
178) Getzler, p.257
179) Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs, p.144
180) ebenda, p.148
181) Serge, in: Kronstadt, p.105
182) Chamberlin, Band 2, p.105
183) Kaplan, Bolshevik Ideology and the Ethics of Soviet Labor, p.350/351
184) Chamberlin, Band 2, p.277
185) ebenda, p.325/326
186) Carr, The Bolshevik Revolution, Band II, p.211
187) Lenin: Der Radikalismus…, Band 25, p. 178/180 und 190
188) Carr, The Bolshevik Revolution, II, p.213
189) Bettelheim, Die Klassenkämpfe in der UdSSR, p.169
190) Serge, Leo Trotzki, p. 140
191) ab 1918: RKP(B), ab 1925: WKP(B
192) Rigby, Communist Party Membership, p.62
193) IML, Geschichte der KPdSU, Band III, Zweites Buch, Band III/1, p.608
194) IML, ebenda, Band III/2, p.255
195) Zahlen nach der Parteisäuberung, Rigby, Communist Party Membership, p.77
196) IML, ebenda, Band III/2, p.408
197) IML, ebenda, Band IV/1, p.65
198) ebenda, Band IV/1, p.174
199) ebenda, Band IV/1, p.306
200) ebenda, Band IV/1, p.359
201) ebenda, Band IV/1, p.457
202) ebenda, Band IV/1, p.528
203) ebenda, Band IV/1, p.567
204) ebenda, Band IV/1, p.624
205) Schröder, Industrialisierung und Parteibürokratie, p.122
206) ebenda p.122
207) ebenda, p.122
208) Daniels, p.158
209) Holmes, For the Revolution Redeemed. The Workers Opposition in the Bolshevik Party, p.7/8
210) Daniels, p.155
211) ebenda, p.159
212) ebenda, p.179
213) , 214) ebenda, p.181
215) Lenin-Werke Band 32, p.440
216) Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs, p.148
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