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6._die_novemberrevolution

6. Kapitel: Die Oktoberrevolution (August bis November 1917)

In den Wochen nach den Julidemonstrationen dominierte die Gegenrevolution. Führende Bolschewiki wurden verhaftet, rebellische Soldaten entwaffnet und an die Front geschickt. Die Boulevardpresse überschlug sich ob des deutschen Geldes für Lenin und die Bolschewiki. Die im Sowjet dominierenden Rechtssozialisten bremsten Kerenski, denn eine Zerschlagung der Bolschewiki bedrohte die Sowjets selbst und auch die Doppelherrschaft zu vernichten. Die Provisorische Regierung war viel zu schwach, der revolutionären Bewegung mehr als ein paar Nadelstriche zu versetzen, sie stand selbst unter dem Druck der sich neu formierenden Rechten, die sich schon nach einem neuen starken Man umschaute. Ein reaktionärer Staatsstreich drohte.

Die Gegenrevolution erstarkt

Mit dem Rückzug der Massendemonstrationen ging die Offensive der Rechten einher. Die Meldung von Justizminister Perewersew, Lenin habe deutsches Geld bekommen, fiel auf einen fruchtbaren Boden. Am 5. Juni titelte ein Revolverblättchen in einer Balkenüberschrift: 'Lenin, Ganetzki und Koslowski sind deutsche Spione'. 1) Die bürgerlichen Blätter und Jedinstwo fielen in der Chor der Ankläger ein, nur Novaja Schisn verteidigte Lenin. Mit der Schließung der Prawda, der Räumung der Kschessinskaja-Villa, den Festnahmen führender Bolschewiki und der Entwaffnung des Maschinengewehr-Regiments ging die Regierung gegen ihre Gegner vor. Allen Zivilisten - also auch den Arbeitern - wurde unter Strafe befohlen, die Gewehre abzugeben. Auch die Zeitung der linken Sozialrevolutionäre Semlja i Wolja (Land und Freiheit) wurde unterdrückt.

In Kronstadt weigerten sich das Exekutivkomitee des dortigen Sowjets, die 'konterrevolutionären Anstifter' auszuliefern. da man in Kronstadt solche nicht kenne. Als die Regierung Kronstadt mit Blockade und Bombardierung drohte, einigte man sich, dass sich Raskolnikow, Roschal und Afanasi Remnew freiwillig stellen sollten. 2) Trotzki verteidigte die Bolschewiki und machte sich öffentlich darüber lustig, dass Lenin ein deutscher Spion sein solle, daraufhin wurde er selbst interniert. Kollontai, Martow, Lunatscharski und andere fanden sich ebenfalls im Kresty-Gefängnis wieder.

In der bolschewistischen Führung wurde darüber diskutiert, ob es besser sei, wenn Lenin zeitweise untertauche oder ob er vor Gericht die absurden Beschuldigungen widerlegen solle. Manuilski wollte einen 'Fall Dreyfus' aus Lenins Prozess machen. 3) Da Lenin kaum einen fairen Prozess zu erwarten hatte und man seine Ermordung fürchtete, entschied man sich für seine Flucht.

Am 9. Juli verließ Lenin sein Versteck in Petrograd und floh mit Sinowjew in einem Vorort. Am 9. August gingen sie über die finnische Zollgrenze, wo sie in einer Scheune unterkamen, bis das Herbstwetter dieses Versteck ungemütlich werden ließ. Lenin verschlang die Zeitungen aus Petrograd und arbeitete an 'Staat und Revolution'.

Das politische Klima hatte sich deutlich nach rechts verschoben. Das ZEK des Sowjets fürchtete den Rechtsruck, der drohte, die Doppelherrschaft umzustürzen. Rechtsextreme Gruppierungen wurden aktiv, welche alle Nichtrussen, Juden und Sozialisten für die Missstände verantwortlich machten. Pogromstimmung lag in der Luft. Offiziersschüler griffen die bolschewistischen Parteizentralen in den Bezirken Liteiny und Petrograd an, auch das Hauptquartier der Metallarbeiter-Gewerkschaft wurde überfallen. Die Rechtssozialisten wurden von den Angreifern nicht verschont, als das bolschewistische Büro in Petrograd angegriffen wurde, zertrümmerten die Offiziersschüler auch das nahe gelegene menschewistische Büro. Das menschewistische ZEK-Mitglied Steklow wurde mehrmals überfallen und erst das Eingreifen Kerenskis befreite ihn. 4) Bei der aufgeheizten Stimmung war es sehr verwunderlich, dass nur der 23jährige bolschewistische Arbeiter Iwan Woinow beim Verteilen von Zeitungen getötet wurde. 5)

Die wichtigsten Gefangenen saßen im Kresty-Gefängnis, die Gefängniswärter verhielten sich ihnen gegenüber korrekt, man konnte ja nie wissen… Als die Repression nachließ, wurde das Gefängnisregime lockerer, man konnte politische Diskussionen führen und schreiben. Die Bolschewiki in Freiheit nutzten das Proletarische Rotes Kreuz, um Geld für die Gefangenen und ihre Familien zu sammeln. 6) Bald beschwerten sich die Festgenommenen, dass sie nicht angeklagt wurden, dafür reichten die Beweise nicht aus.

Die Bürgerlichen hielten die Bolschewiki für erledigt. Sie interpretierten die Haltung die Provisorischen Regierung als zielstrebig und effektiv. Die Dekrete Kerenskis aber wurden kaum in die Realität umgesetzt. Genauso wenig erfolgte die Entwaffnung der an den Juli-Ereignissen beteiligen Militäreineinheiten: Nur das Erste Maschinengewehr-Regiment, das 180. Infanterie- und das Grenadier-Regiment wurden entwaffnet, die Verlegung der Soldaten an die Front und die Auflösung der Einheiten wurde nicht weiter verfolgt. Man verhaftete zwar viele führende Bolschewiki, aber der größte Teil der 32.000 Parteimitglieder in Petrograd konnte seine politische Tätigkeit unbehelligt fortsetzen. 7)

Trotz der martialischen Ankündigungen war die Provisorische Regierung schwach. Die Entwaffnung erfolgte mit Zustimmung des Sowjets, aber die Arbeiter erkannten die konterrevolutionäre Absicht und verweigerten die Abgabe. Die Regierung ließ Fabriken und Zentralen der Linken durchsuchen, Waffen wurden aber kaum gefunden, Ende Juli wurde die Suche dann eingestellt. Viele bolschewistisch beeinflusste Militäreinheiten entgingen der Entwaffnung, indem sie der Kerenski-Regierung Treue schworen. Die Frontkommandeure hüteten sich, solch Unruhestifter für der Front anzufordern. Man konnte sich auch nicht entscheiden, welche Einheiten bestraft werden sollten, denn selbst in den aktivsten Regimentern hatte immer nur eine Minderheit gemeutert.

Die Arbeit der Bolschewiki wurde durch die Verhaftungen gestört. Die Partei arbeitete unter der Führung von Swerdlow in einem Vorort weiter. Er telegrafierte an die Parteikomitees der Provinz:

„Die Stimmung in Piter ist munter und zuversichtlich. Wir bewahren Ruhe. Die Organisation ist nicht zerstört.“ 8)

Erst Anfang August konnte die Partei endlich mit Rabotschi i soldat (Arbeiter und Soldat) ein Ersatzorgan der Prawda herausgeben. Durch den Verlust der Kschessinskaja-Villa war die Arbeit des Petersburger Komitees gestört, der Kontakt zu den Bezirksorganisationen wurde aber nicht unterbrochen. Die Stadtleitung bestand aus 50 gewählten Vertretern aus den Bezirken, die sich wöchentlich trafen, und einer sechsköpfigen Exekutivkommission. 9) Im Bezirk Wiborg wurden neue Räume gefunden und die Parteiarbeit ging ungestört weiter. Die Berichte über die Lage zeigten, dass die Beschäftigten der privilegierteren Betriebe der Regierungspropaganda glaubten, so im Bezirk Newski. In den Metallwerken hatte es im Juli ein starkes Kollektiv von 300 Bolschewiki gegeben. Latsis berichtete, dass sich Vertreter der Arbeiterparteien zu einer Diskussion getroffen hatten, Menschewiki und Sozialrevolutionäre beschuldigten die Bolschewiki, den Aufschwung der Reaktion provoziert zu haben. Unter diesem Druck versprachen die anwesenden Bolschewiki wohl, sich in Zukunft zurück zu halten. In der Resolution unterstützten die Parteienvertreter den Sowjet, ihre Organisationen sollten sich dessen Kontrolle unterstellen. Das ZK und Petersburger Komitee der Bolschewiki sollten zurücktreten, sich den Gerichten zur Verfügung stellen und demonstrieren, dass 'hunderttausend bolschewistische Arbeiter keine deutschen Agenten' seien. 10)

Am 10. August wurde nach einem provozierenden Leitartikel auch die neue Zeitung von der Regierung verboten. Am 13. August erschien Proletari (Proletarier) als neues Ersatzorgan.

Im August wendete sich die Stimmung der Garnison wieder zugunsten der Bolschewiki. Die Ablehnung von Kerenskis Wiedereinführung der Todesstrafe trieb die Soldaten wieder in die Arme der Revolutionäre. Die Soldaten hielten Treffen ab, in denen sie die Todesstrafe und die reaktionäre Gefahr verurteilten. 11)

Im Juli und August war der Kredit der Provisorischen Regierung bei den Arbeitern völlig verschwunden. Die Menschewiki-Vaterlandsverteidiger verloren die Unterstützung der Arbeiter, auch die ungelernten Arbeitern ging jetzt zu den Bolschewiki über. Das zeigte sich besonders bei den Gemeinderatswahlen - der Wahl der Stadtduma - im August.

Obwohl die Wahlbeteiligung um 30 Prozent gegenüber dem Mai 1917 fiel, konnten sie als einzige Partei Stimmen zulegen. In Wiborg und Peterhof gewannen sie die absolute Mehrheit, in den sozial mehr heterogenen, halbproletarischen Bezirken Wasilewski-Insel, Petrograd, Lesnoi und Nowaja Derewnja erhielt sie die einfache Mehrheit. In der Innenstadt kam die starke Unterstützung wahrscheinlich von den Garnisonen. 12) Die Kadetten verloren stark, da sich die wohlhabenden Schichten enthielten und nicht wegen einer Wahl von ihren Landsitzen und Datschas in die Stadt zurück kehrten. Neben den wohlhabenden Hochburgen Liteinia und Admiralität konnten sie ihren Stimmenanteil in den Bezirken steigern, in denen drei bis vier Prozent der Kleinbürger im Mai die gemäßigten Sozialisten gewählt hatten. 13)

Den Führern der Menschewiki und Sozialrevolutionäre war die Niederschlagung der Bolschewiki natürlich nicht unrecht, aber es wurde ihnen schnell klar, dass die Offensive der Regierung auch ihre Position schwächen und die Doppelherrschaft unterminieren würde. Sie bemühten sich, die Unterdrückung auf ein Minimum zu begrenzen, Sanktionen sollten nur gegen einzelne der Verbrechen überführten Personen ergriffen werden, nicht gegen Parteien. Sie fürchteten, die reaktionäre Welle werde zu einer Gefahr für die Revolution und scharten sich noch enger um die Provisorische Regierung in einer Koalition mit den Liberalen. 14)

Tabelle 23: Ergebnis der Wahlen zu den Stadtteil-Dumas (Mai/Juni) und der Stadtduma (20.August) in Petrograd
Stimmen in Tausend 15)

Wahl gültige Stimmen Bolschewiki PSR und Menschewiki Kadetten
Mai 785 160 20,4 % 431 55,0 % 172 21,9 %
Wahl gültige Stimmen Bolschewiki PSR Menschewiki-
Internationalisten
Kadetten
August 549 184 33,4 % 206 37,4 % 24 4,3 % 114 20,8 %


Am 2. Juni waren die Kadetten-Minister aus dem Kabinett ausgetreten, am 7. Juli folgte ihnen Ministerpräsident Lwow. Kerenski sollte eine neue Koalitionsregierung bilden. Die sozialistischen Minister legten eine Grundsatzerklärung vor, die neue Regierung solle ein Gesamtkonzept für die nationale Wirtschaft erarbeiten, eine Arbeitsgesetzgebung verabschieden sowie eine grundlegende Landreform vorbereiten, die das Land in die Hand der Bauern geben und der Konstituante vorgelegt werden solle. Aus Rücksicht auf die Liberalen verzichtete man auf die Forderung der Auflösung der 1912 gewählten Duma und die Proklamation der Republik. 16) Die Kadetten verlangten den Verzicht auf diese Grundsatzerklärung. Die sozialistischen Minister hätten völlig unabhängig von den Sowjets zu sein. Die Verhandlungen waren erbittert und quälend.

Gleichzeitig erfuhr man vom Fiasko der Armeeoffensive, die Deutschen gingen in breiter Front zur Gegenoffensive über und trieben die russischen Truppen durch Galizien zurück, die massenhaft desertierten, 56.000 Soldaten wurden hingeschlachtet.

Nach langen Verhandlungen erblickte schließlich am 6. August die zweite Koalitionsregierung unter von Kerenski aus Rechtssozialisten und Liberalen das Licht der Welt. Kerenski behielt neben dem Posten des Ministerpräsidenten zusätzlich das Ministerium für Krieg und Marine, der Kadett Nekrassow - Vizepräsident und Finanzen - und der Parteilose Tereschtschenko als Außenminister behielten ihre Ämter. Gegen den Druck der Kadetten konnte auch Tschernow seinen Posten als Landwirtschaftsminister halten.

Kerenski schien auf dem Höhepunkt der Macht. Am 15. Juli wurde die Beisetzung von acht bei den Julikämpfen gefallenen Kosaken mit großem Pomp von der Regierung zelebriert. Das ganze bürgerliche Russland war vertreten, Arbeiter sah man bei dieser Machtdemonstration kaum. 17) Das politische Klima hatte sich deutlich nach rechts verschoben. Die rechtssozialistischen Führer argumentierten, um eine Militärdiktatur zu verhindern, müsse man die Regierung stärken und ihr uneingeschränkte Vollmachten gewähren.

Kerenski nutzte diese Stimmung aus. Er setzte durch, dass an der Front die Todesstrafe wieder eingeführt wurde. Es sah sich schon als Retter der Nation auf dem weißen Pferd. Trotzki charakterisierte ihn sehr unvorteilhaft:

„Anwalt in politischen Prozessen, Sozialrevolutionär, der an der Spitze der Trudowiki stand, Radikaler ohne jegliche sozialistische Schule - war Kerenski die vollkommenste Widerspiegelung der ersten Epoche der Revolution, ihrer 'nationalen' Formlosigkeit, des zündendsten Idealismus ihrer Hoffnungen und Erwartung… Kerenski sprach von Land und Freiheit, von Ordnung, Völkerfrieden, Vaterlandsverteidigung, von Liebknechts Heroismus, davon, dass die russische Revolution durch ihre Großmut die Welt in Erstaunen setzen müsse, und fächelte mit einem roten Seidentüchelchen. Der aus dem Schlaf erwachte Spießbürger lauschte verzückt seinen Reden, es war ihm, als spräche er selbst von der Tribüne herab. Die Armee empfing Kerenski als Befreier von Gutschkow. Die Bauern hatten von ihm als von einem Trudowiken, einem Muschik-Deputierten gehört. Die Liberalen bestach die äußerste Mäßigung der Ideen unter formlosen Phrasenradikalismus…“ 18)

Kerenski war das Bindeglied der Koalition zwischen den Sozialisten-Versöhnlern und der Bourgeoisie. Die Massen forderten von ihm kühne Taten, er forderte von ihnen, seine Schönrederei nicht zu stören.

„Die Dialektik des Versöhnlerregimes… bestand darin, dass die Massen durch ihren Druck Kerenski auf den höchsten Punkt emporheben mussten, bevor sie ihn stürzten.“ 19)

Die gescheiterte Offensive untergrub seine Popularität bei den Massen, sein Stern sank so schnell, wie er erstanden war. Kerenski setzte durch, dass für Mitte August eine Staatskonferenz von Vertretern aller Klassen und öffentlichen Institutionen einberufen werden sollte, bei der die Besitzenden genauso viel Gewicht wie das Volk haben würden. Kerenski wagte nicht, sie mit exekutiven Funktion auszustatten, und verschleierte den Zweck dieser Staatskonferenz. Die Einberufung der Konstituante wurde auf Druck der Kadetten vertagt.

Bild 44: Regierungstruppen besetzen
die Redaktion der Prawda

Nach den Juniereignissen organisierte sich die Rechte neu. Am 22. Juli wurde dem General Lawr Kornilow das Oberkommando über die Armee übertragen. Der verlangte volle Aktionsfreiheit und die Ausweitung der Todesstrafe auf das Hinterland.

Kerenski sah Kornilow als Garant der Revolution, aber hier erwuchs ihm ein Gegner, der von seinen rechten Feinden als neuer starker Mann Russlands aufgebaut wurde. Als er Kerenski im Winterpalais besuchte, inszenierte Kornilow seinen Rapport als farbenprächtiges Spektakel, seine Eskorte pflanzte demonstrativ ein Maschinengewehr im Innenhof des Winterpalastes auf.

Die alte Staatsduma hatte in der Februarrevolution ein provisorisches Komitee mit Rodsianko an der Spitze gebildet, das bei der Entstehung der ersten Provisorischen Regierung eine wichtige Rolle gespielt hatte. Dann hatte man kaum noch was von dem Dumakomitee gehört. Im Juli tagte es wieder, jetzt forderte es die Einberufung der gesamten Duma als 'Schützengraben der Ehre und Würde Russlands'. Es wurden hetzerische Reden gegen die Linke geführt, ihre Resolution forderte eine Regierung ohne die Sowjets. 20)

Ein Rechter machte seinem Unmut laut:

“Unsere Revolution hat ein Land voller Schande und Verrat gemacht, kein großes und freies Russland. Wir werden von einer Handvoll Verrückter regiert, Fanatiker, Winkeladvokaten, die sich selbst Exekutivkomitee des Sowjets nennen; da diese schmutzigen Verräter, Profiteure und deutsche Spione verantwortlich sind, können sie alle Schweinereien die sie wollen machen. Wir müssen nicht nur die Deserteure an der Front.bestrafen, sondern alle, welche die Frontarmee korrumpieren. Hinrichtungen und Strafen werden an der Front vollzogen, aber hier zu Hause sollten wir sie hängen, denn sie sind der Grund aller Unruhen. 21)

Die Besitzenden begannen, über eine Militärdiktatur nachzudenken. Der Industrielle Putilow organisierte eine Art geheimes Komitee aus Vertretern der Banken und Versicherungen, ex-Kriegsminister Gutschkow war vertreten. Eine Gesellschaft für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Russlands sammelte Geld, finanzierte die bürgerliche Wahlkampagne zur Konstituante, kaufte Zeitungen und bekämpfte den Bolschewismus. 22) Großkapitalisten traten der Gesellschaft bei und spendeten großzügig. Bald wurde ihnen klar, dass die Art der Kampagne ineffektiv war, sie brauchten einen militärischen Führer. Eine andere Gruppe von Moskauer Textilindustriellen um Rjabuschinski und Tretjakow wollte nicht bis zur Diktatur gehen, sie gründeten mit dem Dumapräsidenten Rjabuschinski ein Republikanisches Zentrum mit dem Programm 'Ordnung, Disziplin, Sieg', auch ein rechter Sozialist gehörte zu ihren Mitgliedern. Dazu entstand eine Vielzahl von monarchistischen und antisemitischen Gruppen. Die große bürgerliche Partei, die Kadetten hatten etwa 20 Tageszeitungen und eine Vielzahl anderer Journale. Sie bauten ihre Organisation aus, sie wuchs von 183 Ortsgruppen im Mai auf 370 im Oktober und hatte 70.000 bis 80.000 Mitglieder. 23) Rechte traten den Kadetten bei als einziger effektiver Opposition gegen die Bolschewiki, unter ihnen Monarchisten und Schwarzhundert-Führer. Besonders auf dem Land veränderte sich der Charakter der Kadetten deutlich in eine konterrevolutionäre Sammelorganisation, auch der Bund der Landbesitzer trat bei.

Militärs schufen sich eine Organisationsstruktur. General Denikin unterstützte schon im April eine Union der Armee- und Marineoffiziere, die eine Militärdiktatur anstrebte. Die Union organisierte materiell privilegierte Einheiten wie das 'Todesbataillon' aus reaktionären Offizieren und ihnen loyalen Soldaten. Bald verlangten die Soldatenkomitees die Auflösung dieser Sondereinheiten. Unter den Generälen galt Kornilow wegen seiner Herkunft als 'plebejischer' General, der gegen die Restauration der Romanow-Herrschaft auftrat und seinen Republikanismus herausstellte. Kerenski sah ihn als Garant der Revolution, die Generalität scharten sich mangels eines anderen Führers um ihn, die Wirtschaftsführer unterstützten ihn.

Bild 45: Lawr Kornilow
Auf dem Allrussischen Handels- und Industriekongress hielt der Bankier und Industriemagnat Rjabuschinski eine Brandrede gegen Räte und Linksorganisationen, die Regierung sei nur eine Fassade, 'eine Bande politischer Scharlatane'. Die Pseudoführer der Räte hätten das Volk auf den Weg des Ruins geführt, Russland stehe am Rand des Abgrundes. Er lehnte die Staatseinmischung in die Wirtschaft ab, die Revolution sei eine bürgerliche und die Staatslenker hätten ihn auf bürgerliche Art zu regieren.

„Deshalb stehen wir vor einer äußerst schwierigen Aufgabe. Wir müssen warten. Wir wissen, dass der natürliche Lauf des Lebens sich seinen Weg bahnen wird und unglücklicherweise wird er diejenigen strafen, die sich seinen Gesetzen entgegen stellen. … Leider ist es notwendig, dass die lange knochige Hand des Hungers und der Verelendung jene falschen Freunde des Volkes – die Mitglieder verschiedenster Komitees und Räte – am Hals packt, damit sie wieder zur Vernunft kommen… In diesem schwierigen Augenblick, in dem sich neue Unruhen zusammenballen, müssen alle vitalen kulturellen Kräfte des Landes eine einzige harmonische Familie bilden. Lasst die standfeste Natur der Handelsleute sehen! Geschäftsleute! Wir müssen Russland retten. 24)

Donnernder, stehender Applaus antwortete dem Redner. Rjabuschinskis 'knochige Hand des Hungers‘ wurde breit in den Arbeiterkreisen kolportiert, die bolschewistische Proletari kommentierte:

„Danke für die Wahrheit. Die klassenbewussten Arbeiter und Bauern können Rjabuschinski nur dankbar sein. Die einzige Frage ist: Wessen Hand wird wen am Hals packen?“ 25)

Das kam die 'Burschuij', wie die Bourgeois mit wachsendem Hass genannt wurden, teuer zu stehen. Die Herrschenden sahen den Machtverfall Kerenskis, die Führer der Kadettenpartei mit Miljukow an der Spitze sandten Kornilow ein Telegramm: „Das gesamte denkende Russland blickt auf sie mit Hoffnung und Vertrauen.“ 26)

Die Moskauer Staatskonferenz vom 12. bis 14. August war eine Propaganda-Veranstaltung und sollte alle 'lebendigen Kräfte' des bürgerlichen Lagers zeigen. Unter den 2.414 Delegierten waren 488 Duma- Abgeordnete, 313 Mitglieder der Genossenschaften, 176 Gewerkschaftler, 150 Vertreter von Unternehmer- Organisationen, 147 der Stadtverwaltungen, 129 der Sowjets, 117 der Armee und Flotte, hatte also ein völlig verzerrtes bürgerliches Übergewicht.27)

„Die Vertreter der bürgerlichen Welt scheinen die demokratischen Elemente zu erdrücken; Fräcke, Gehröcke und gestärkte Hemden überwiegen gegenüber russischen Bauernkitteln.“ 28)

Selbstverständlich waren die Bolschewiki nicht eingeladen worden, ihre Vertreter waren aber in den Sowjets und Massenorganisationen vertreten. Sie planten, eine Erklärung zu verlesen und dann diese Versammlung zu verlassen; das ZEK stellte sie vor die Alternative, entweder nur nach vorheriger Absprache reden zu dürfen oder ausgeschlossen zu werden, unter diesen Bedingungen boykottierten sie die Show.

Aus dem überhitzten Petrograd hatte die Regierung die Staatskonferenz ins 'ruhigere' Moskau verlegt. Trotzdem spürten die Teilnehmer die Faust der arbeitenden Klasse. In der Moskauer Gewerkschaftszentrale hatten die Bolschewiki bereits die Mehrheit, die Zentrale rief zu Demonstrationen und einem Generalstreik auf. Der Moskauer Sowjet lehnte aber den Streik mit 364 gegen 304 Stimmen ab. 29) Das bolschewistische Stadtkomitee forderte die Arbeiter trotzdem zum Ausstand auf, 41 Gewerkschaften mit 400.000 Arbeiter in Moskau und Umgebung folgten ihm.

Als die Vertreter der Staatskonferenz ankamen, waren die Häuserwände mit Werbeplakaten für Kornilow gepflastert, ein Gerücht ging um, Kornilow plane einen Putsch gegen die Regierung. In der Moskauer Sommerhitze mussten die Konferenzbesucher ihre Koffer selber schleppen, in den Hotels selber einchecken, ihre Betten machen und auf das Frühstück verzichten. Straßenbahnen und Taxis bzw. Kutschen fuhren nicht, am Abend blieben die Gaslaternen dunkel. Selbst das Büffet des Bolschoi-Theaters, in dem der Staatsakt stattfand, wurde bestreikt. Die Konferenz sprach im Namen der Nation, das Volk blieb von dieser Nation ausgeschlossen. Als die Teilnehmer der Staatskonferenz zum Bolschoi-Theater zogen, mussten sie durch eine große Menge demonstrierender Arbeiter, die sie ausbuhten.

Auf der Staatskonferenz traten die Widersprüche zwischen den Lagern deutlich zutage. Die Mehrheit machte aus ihrer Bewunderung für Kornilow kein Hehl, seit seiner Flucht aus der Kriegsgefangenschaft war er der Liebling der rechten Öffentlichkeit. Als Miljukow in seiner Rede ausdrückte, die Regierung vernachlässige die Wiederherstellung der Ordnung und die Sicherung des Eigentums, stimmte ihm die Konferenz stürmisch zu. Großen Beifall erhielt die Erklärung des General Kaledins, das Überleben des Staates hänge von der siegreichen Beendigung des Krieges ab. Als Tschcheïdse die Plattform der Sowjetexekutive verlas, antwortete die Mehrzahl der Delegierten mit eisigem Schweigen, obwohl sie die Zusammenarbeit von Rechtssozialisten und Liberalen befürwortete und nur bescheidene Zugeständnisse an die Massen enthielt. 30) Kerenski hielt eine zweistündige inhaltslose Rede voller Theaterdonner. Miljukow schrieb später:

„Mit dem Ausdruck seiner Augen, die sich auf den imaginären Feind richteten, den gespannten Gesten seiner Arme, dem Klang seiner Stimme, die sich über längere Abschnitte hinweg zum Kreischen steigerte und dann zu einem tragischen Flüstern herabsank, mit seinen wohlerwogenen Sätzen und gezielten Pausen versuchte er offenbar, irgend jemandem Angst einzujagen und den Eindruck von Kraft und Macht zu erzeugen… In Wirklichkeit erregte er nur Mitleid.“ 31)

Kerenski stand in der Mitte, das Gleichgewicht zwischen den Flügeln konnte er nur noch mühsam wahren. Die Konterrevolution drohte ihn wegzuschwemmen. Das Gespenst des Militärputsches stand drohend über dem Winterpalais.

Der sechste Parteitag

Auf dem sechsten Parteitag bilanzierten die Bolschewiki die ersten Monate der Revolution. Sie gaben die Parole der Rätemacht auf, eine friedliche Revolution sei nicht mehr möglich, man müsse Kurs auf den Aufstand nehmen. Er brachte den Beitritt der Meschrajonzi. In Finnland arbeitete Lenin in 'Staat und Revolution' das Konzept der sozialistischen Herrschaft während der Diktatur des Proletariats aus.

Da die bolschewistische Führung beschlossen hatte, Lenin nicht der Justiz von Kerenski auszuliefern und stattdessen nach Finnland in den Untergrund zu schicken, musste der sechste Parteitag ohne den unumstrittenen Führer stattfinden. Von Finnland aus verfolgte Lenin die Ereignisse mit Ungeduld und musste wie im Exil mit täglichen Artikeln und Briefen versuchen, die Politik zu beeinflussen. Es war der erste Parteitag seit 1907 und er fand nach dem unglücklichen Gründungsparteitag 1898 erstmals wieder in Russland statt. In dieser Situation der politischen Unsicherheit entwickelte sich eine intensive Diskussion, welchen Kurs die Bolschewiki einschlagen sollten.

Lenin gab die Parole 'Alle Macht den Räten' auf und propagierte die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstandes. Die Doppelherrschaft sei zu Ende, die Konterrevolution habe sich organisiert und habe die Macht in die Hände genommen. Ihre ausschlaggebende Kraft sei die Militärclique, sie beginne den Kampf für die Errichtung einer Militärdiktatur. Man beginne den Anfang des Bonapartismus. An ihrer Spitze stehe Kerenski, seine Regierung verwirkliche ein reaktionäres Programm, dass von den russischen Bourgeoisie und von ihren imperialistischen Verbündeten diktiert werde. Die Rechtssozialisten seien zum Verrat an den Interessen der Werktätigen übergegangen, sie hätten ihre Parteien und die Sowjets zum Feigenblatt der Konterrevolution gemacht. Sie billigten die Repressionspolitik, die Entwaffnung der Arbeiter und der revolutionären Regimenter und entzögen den Sowjets die reale Macht, würden die unbeschränkten Vollmachten der Kerenski-Regierung anerkennen. Sie verbreiteten Verfassungsillusionen und riefen die Massen auf, die Konstituierende Versammlung abzuwarten, welche die 'revolutionäre Ordnung' endgültig festlegen werde. 32)

Eine friedliche Entwicklung sei nicht mehr möglich. Es gebe zwei Auswege: Entweder siege die Konterrevolution oder der bewaffnete Aufstand der Arbeiter.

„Das Ziel des bewaffneten Aufstandes kann nur der Übergang der Macht an das von der armen Bauernschaft unterstützte Proletariat sein, um das Programm unserer Partei zu verwirklichen.“ 33)

Die Parole der Rätemacht müsse aufgegeben werden, das bedeute jedoch nicht, die Arbeit in den Räten aufzugeben. Der Aufstand müsse vorbereitet werden, die Kräfte der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten müssten gesammelt werden.

Der Parteitag wurde von mehr als 20 kommunalen und Gebietsversammlungen vorbereitet, auf denen die Delegierten des Parteitages gewählt wurden. Der sechste Parteitag fand vom 26. Juli bis zum 3. August in Petrograd statt. 157 Delegierte mit Stimmrecht und 110 beratende Teilnehmer waren anwesend. 171 Delegierten beantworteten einen Fragebogen. 21 Delegierte waren 16 bis 23 Jahre in der RSDRP, 72 Delegierte 11 bis 15 Jahre, 26 Teilnehmer sechs bis zehn Jahre, 52 ein bis fünf Jahre in der Partei. Die Parteitagsdelegierten hatten eine beträchtliche Zeit ihres Lebens im Gefängnis, im Zuchthaus, der Verbannung oder im Exil verbracht, 88 Prozent waren ein- bis 15 Mal verhaftet worden. 34)

Der Parteitag wurde öffentlich einberufen, der Tagungsort aber wurde nur den Teilnehmern und den geladenen Gästen mitgeteilt. Er begann mit acht Sitzungen in Wiborg, an dem auch Wiborger Arbeiter teilnahmen. Die Regierung hatte sich das Recht genommen, aus Gründen der Staatssicherheit Versammlungen aufzulösen, setzte dieses Recht aber nicht um. Als Gerüchte aufkamen, Kerenski werde den Parteitag verbieten, zog die Versammlung in einen Arbeiterklub im Bezirk Narwa um. Zur Sicherheit wurden Vertreter eines 'kleinen Parteitages' und eilig ein Zentralkomitee gewählt, falls die Regierung zur Tat schreiten sollte.

Begrüsst wurde die Rede des Menschewiki-Internationalisten Michail Larin, der sich für die Einheit der Revolutionäre gegen die Repression und für die Eroberung der Räte für revolutionäre Positionen aussprach. Da die wichtigsten Führer im Gefängnis oder im Exil waren, verschob man die Diskussion über das neue Parteiprogramm weiter. Stalin vertrat Lenin beim politischen Hauptreferat und referierte dessen Positionen.

Swerdlow berichtete über den Stand der Organisation, Smilga über die Finanzen. Die Prawda hatte eine Auflage von 85.000 bis 90.000 Exemplaren täglich mit wachsender Abonnentenzahl. 35) Die Delegierten berichteten über die Arbeit der örtlichen Parteiorganisationen, in den Betrieben sei die Zahl der Zahl der Sowjetdelegierten bei den Neuwahlen zu den Sowjets ebenso wie die Mitgliederzahl angestiegen, die Julikrise sei überwunden worden. Insgesamt gab es 51 lokale Zeitungen und Zeitschriften, 13 seien im Juli verboten worden, dafür seien zehn neue erschienen oder unter neuem Namen weiter erschienen; 38 der Publikationen erschienen in russischer Sprache, vier in lettischer, je zwei in litauischer, armenischer und estnischer Sprache, je eine auf Polnisch, Georgisch und Aserbaidschanisch. Insgesamt betrage die Auflage über eineinhalb Millionen. 36)

In der Diskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob die Forderung nach der Rätemacht fallen gelassen werden solle. Der Ex-Meschrajonzi Jurenew stellte diese Haltung in Frage, Wolodarski sprach für eine Modifizierung der Forderung, für alle Macht dem Proletariat, unterstützt von der armen Bauernschaft, organisiert in den Räten. Acht der 15 Redner äußerten sich im gleichen Sinne. 37) Man einigte sich schließlich auf die Bildung einer Kommission, die beide Positionen integrieren sollte. Die überarbeitete Resolution wurde schließlich vom Parteitag bei drei Enthaltungen einstimmig angenommen. Die Losung 'Alle Macht den Sowjets' wurde durch die Parole 'Vollständige Abschaffung der Diktatur der konterrevolutionären Bourgeoisie' ersetzt. Die Moskauer Bolschewiki setzten einen Abschnitt durch, dass die Sowjets der Hauptschwerpunkt der bolschewistischen Aktivitäten bleiben sollten, die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit den Mehrheitssozialisten im Sowjet wurde offen gelassen. 38) Dieser Widerspruch wurde nicht geklärt. In der Kornilow-Krise wurde die Forderung der sozialistischen Arbeiterregierung von den Petrograder Arbeitern und Soldaten vertreten, die Bolschewiki nahmen ihre Parole 'Alle Macht den Sowjets!' wieder auf.

Im Bericht über die Gewerkschaften wurde die Notwendigkeit der Gewinnung der zwei Millionen Gewerkschaftsmitglieder gefordert, sie müssten für den Kampf um den Sozialismus einbezogen werden. Die Schaffung einer selbstständigen Jugendorganisation solle angestrebt werden. Ein neues Statut wurde angenommen, das den demokratischen Zentralismus als Organisationsprinzip festsetzte.

Der Parteitag beschloss, die Zwischenbezirksgruppe (Meschrajonzi) in die Partei aufzunehmen. Zu den Meschrajonzi gehörten unter anderen Lunatscharski, Rjasanow, Manuilski, Pokrowski, Joffe, Urizki, Wolodarski, Karachan, Jurenew. Seit dem 10. Mai hatten Meschrajonzi und Bolschewiki über ihre Fusion verhandelt. Mit seinen Aprilthesen hatten Lenin und Trotzki die gleiche Konzeption der Revolution. Lenin war der unumstrittene Führer einer aufsteigenden revolutionären Partei, Trotzki stand an der Spitze einer Gruppe von 'Generälen ohne Armee'. Beide ergänzten einander. Lenin bot den Meschrajonzi den Beitritt zur bolschewistischen Partei an, Plätze im ZK und in der Prawda-Redaktion an. Lenin liebäugelte auch mit einem Beitritt Martows, der seinerseits die Provisorische Regierung kritisierte. Trotzki war für die Fusion statt des Eintritts, er wollte nicht an der alten Firmierung festhalten. 39) Als man Lenin fragte, was ihn und Trotzki angesichts des völligen Einvernehmens noch trenne, soll er nach Suchanow geantwortet haben: „Das wissen sie doch? Ehrgeiz, Ehrgeiz, Ehrgeiz!“ 40) Trotzki scheute angesichts der vergangenen Differenzen die Unterwerfung, die unvermeidlich war. Trotzki traf auch Gorki, der Nowaja Schisn herausgab, der aber keinen organisatorischen Rahmen außer literarischer Zusammenarbeit hatte, der Kontakt verlief unbefriedigend. In 'Mein Leben' behauptete Trotzki:

„Am 1. November 1917… sagte Lenin: Nachdem Trotzki sich von der Unmöglichkeit der Vereinigung mit den Menschewiki überzeugt hatte, 'gab es keinen besseren Bolschewiken'“ 41)

Der Parteitag vergrößerte das Zentralkomitee auf 21 Mitglider und zehn Kandidaten. Lenin, Berzins, Bubnow, Bucharin, Dserschinski, Kamenew, Kollontai, Krestinski, Miljukin, Muranow, Nogin, Rykow, Schahumyan, Sergejew (Artjom), Sinowjew, Smilga, Sokolnikow, Stalin, Swerdlow, Trotzki, Urizki wurden Vollmitglieder, ihre Namen wurden der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. 42)

Neben den Meschrajonzi traten im Sommer 1917 auch eine größere Zahl von Menschewiki und Sozialrevolutionären der bolschewistischen Partei bei, die politischen Lage trennte die Parteien jetzt eindeutig.

Tabelle 24: Regionale Verteilung der Mitglieder der Bolschewiki Sommer 1917 43)

Petrograd 40.000
Moskau, zentrales Industriegebiet 50.000
Ural 25.000
Donezbecken 16.000
Baltikum 14.000

In Finnland widmete sich Lenin neben dem Versuch, die Revolution vorwärts zu treiben, vor allem der Abfassung seiner Broschüre 'Staat und Revolution'. Die Vorarbeiten hatte er in den vorangegangenen Jahren geleistet, jetzt stellte er die Konzeption eines Periode der Diktatur des Proletariats zusammen.

Lenin ging aus von der Analyse von Marx und Engels, dass der Staat stets ein Organ der herrschenden Klasse zur Beherrschung der unterdrückten Klasse sei. Nach er Machtergreifung der Arbeiterklasse werden sie die Produktionsmittel in Staatseigentum verwandeln. Mit dieser Umwandlung verliere der Staat seine Funktion als Repressionsorgan, aus der Regierung über Personen werde nach einer Übergangszeit die Verwaltung von Sachen, der Staat 'sterbe ab'. In dieser Periode werde die Herrschaft der Bourgeoisie durch die Repressionsgewalt des Proletariats gegen die Bourgeoisie abgelöst, die 'Diktatur des Proletariats'. 44) Die Ablösung der Bourgeoisie von der Herrschaft gehe nach alle historischen Erfahrungen nur gewaltsam durch eine proletarische Revolution vonstatten. Marx hatte bereits analysiert, der bürgerliche Staatsapparat mit der Beamtenbürokratie und dem stehenden Heer müsse von der Arbeiterklasse zerbrochen werden:

“… der Kannibalismus der Konterrevolution selbst wird die Völker überzeugen, dass es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel - den revolutionären Terrorismus.“ 45)

Marx antwortete recht abstrakt, dass die bürgerliche Staatsmaschinerie durch die Erkämpfung der Demokratie ersetzt werden müsse. In der Pariser Kommune wurden die Polizei und das stehende Heer aufgelöst, der öffentliche Dienst wurde von gewählten und jederzeit absetzbaren Vertretern für Arbeiterlohn ausgeübt. Die Kommune hatte gesetzgebende und vollziehende Gewalt. Die Beamtenschaft müsse dem Proletariat untergeordnet werden und allmählich überflüssig werden.

Die zentrale Staatsmacht solle aus einer Föderation der Kommunen gebildet werden, die sich freiwillig zum Zentralstaat zusammenschließen würden.

Beim Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus sei noch Unterdrückung notwendig, aber es werde die Unterdrückung der der Minderheit der Ausbeuter durch die Mehrheit der Ausgebeuteten. Ein Staat sei noch nötig, aber es sei bereits ein Übergangsstaat, denn die Niederhaltung der Minderheit der Ausbeuter sei eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, die weniger Blut kosten werde wie die alte bürgerliche Herrschaft. Gleichzeitig werde sich die Demokratie ausdehnen auf die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Die einfache Organisation der bewaffneten Massen reiche dazu aus. Mit dem Absterben der Unterdrückung werde auch der Staat absterben. Wenn die Gesellschaft nach dem Prinzip 'Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen' verwirklicht sei, werde der Staat völlig absterben können, die höhere Phase des Kommunismus beginne. In der vorhergehenden Phase könne es keinen vollkommenden Kommunismus geben, sie sei noch nicht frei von den Traditionen des Kapitalismus.

„Die Demokratie ist im Befreiungskampf der Arbeiterklasse von gewaltiger Bedeutung. Die Demokratie ist aber durchaus keine unüberschreitbare Grenze, sondern lediglich eine der Etappen auf dem Weg vom Feudalismus zum Kapitalismus und vom Kapitalismus zum Kommunismus. 46)

Demokratie bedeutet Gleichheit… Das wiederum hat zur Folge, dass die Demokratie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe erstens… das Proletariat zusammenschliesst und ihr
(der Arbeiterklasse, A.d.V.) die Möglichkeit gibt, die bürgerliche - Staatsmaschine - stehendes Heer, Polizei, Beamtentum - zu zerbrechen, in Scherben zu schlagen, aus der Welt zu schaffen, sie durch eine d e m o k r a t i s c h e Staatsmaschine, aber immerhin noch durch eine Staatsmaschine zu ersetzen, bestehend aus bewaffneten Arbeitermassen, die dazu übergehen, das gesamte Volk zur Beteiligung an der Miliz heranzuziehen.“ 47)

„Wenn tatsächlich alle an der Verwaltung des Staates teilnehmen, dann kann sich der Kapitalismus nicht länger halten. Die Entwicklung des Kapitalismus schafft ihrerseits die V o r a u s s e t z u n g e n dafür, dass wirklich 'alle' an der Leitung des Staates teilnehmen k ö n n e n. Zu diesen Voraussetzungen gehört die allgemeine Schulbildung, … ferner die 'Schulung und Disziplinierung' von Millionen Arbeitern durch den umfassenden, komplizierten, vergesellschafteten Apparat der Post, der Eisenbahnen, der Großbetriebe, des Großhandels, des Bankwesens usw. usf.“ 48)

„Alle Bürger verwandeln sich hier in entlohnte Angestellte des Staates, den die bewaffneten Arbeiter bilden. A l l e Bürger werden Angestellte und Arbeiter e i n e s das gesamte Volk umfassenden Staats'syndikats'. Es handelt sich nur darum, dass sIe alle gleichermassen arbeiten, dass Maß der Arbeit richtig einhalten und gleichermassen Lohn bekommen. Die Rechnungsführung und Kontrolle darüber ist durch den Kapitalismus bis zum äußersten v e r e i n f a c h t, …die zu verrichten jedes des Lesens und Schreibens Kundige imstande ist, er braucht nur zu beaufsichtigen und zu notieren, es genügt, dass er die vier Grundrechnungsarbeiten beherrscht und entsprechende Quittungen ausstellen kann.“… Die gesamte Gesellschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn. 49)

„Je demokratischer der 'Staat', der aus bewaffneten Arbeitern besteht, und 'schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr' ist, um so rascher beginnt jeder Staat abzusterben.“ 50)

Tabelle 25: Resultat der drei Dumawahlen 1917 in Moskau (Stimmen in Tausend) 51)

Partei Juni September November
Stimmen Prozent Stimmen Prozent Stimmen Prozent
Bolschewiki 75 12 % 199 51 % 353 47%
Menschewiki 76 12 % 16 4 % 20 3 %
Sozialrevolutionäre 355 58 % 54 14 % 61 8 %
Sozialdemokratischer Block - 0,4 0 % 33 4
Kadetten 109 18 % 102 26 % 260 35 %
total 615 387 747


Im August hielt auch die Partei der Menschewiki ihren Parteitag ab. 193.200 Mitglieder hatte die Partei, die georgische Organisation blieb der Tagung fern. Die Partei war tief in 'revolutionäre Vaterlandsverteidiger' und Internationalisten gespalten, 55 Prozent der Delegierten waren Vaterlandsverteidiger, 30 Prozent Menschewiki-Internationalisten, dazu kamen fünf Prozent der den rechten nahestehenden Potressow-Anhänger. 52) Außerhalb der Partei stand Plechanow mit der Jedinstwo-Gruppe. Nach dem Parteitag brachen die Vereinigten Sozialdemokraten (Internationalisten) um die Tageszeitung Novaja Schisn mit den Menschewiki, ihre Resolution hatte 20 der 220 Delegierten bekommen. 53) Der Parteitag wählte ein Zentralkomitee aus 16 Vaterlandsverteidigern und acht Internationalisten. 54) Während die Vaterlandsverteidiger die Forderung nach der Rätemacht grundsätzlich ablehnten und am Bündnis mit den Bürgerlichen, vorzüglich den Kadetten festhielten, forderte die Internationalisten eine Koalitionsregierung der sozialistischen Parteien einschließlich der Bolschewiki.

Der Kornilow-Putsch

Nach der Moskauer Staatskonferenz wurde über einen Staatsstreich spekuliert. Vertreter der Bourgeoisie trauten Kerenski immer weniger zu, mit dem rebellischen Volk fertig zu werden. Kornilow war Militär, nicht Politiker, er schätzte die Lage im Petrograd völlig falsch ein, mit ein paar Brigaden glaubte er der Revolution Herr werden zu können. Die Arbeiter und Soldaten erhoben sich ohne Zögern, verteidigten die Stadt und zersetzten die Invasoren. Kerenski und die Zentrale des Sowjets, das ZEK hatten formal das Oberkommando der Verteidigung, praktisch übernahmen Revolutionäre Militärkomitees die Verteidigung, in denen die Bolschewiki dominierten. Der Sieg gegen Kornilow bot den Bolschewiki die Chance, die Macht zu erringen.

Der Misserfolg der Staatskonferenz ermutigte die Anhänger des Oberbefehlshabers Kornilow. Am 7. August ließ er die sogenannte 'Wilde Division', eine Einheit kaukasischer Bergstämme, die kaum russisch sprach, in die Nähe von Petrograd verlegen. Die Truppenkonzentration zum Schutz der Provisorischen Regierung sollte Demonstrationen der Bolschewiki auslösen und den Anlass für den Vormarsch von Fronttruppen liefern. Außerdem hoffte man auf die Unterstützung von 2.000 vaterländischen Bewaffneten in der Hauptstadt.

Kerenski und Kornilow belauerten sich beide als Anwärter um die Macht, über die Mittel gegen die Räte waren sie sich nicht einig, Kerenski verhielt sich taktisch flexibler. Er war nicht in der Lage, ein Programm gegen den Niedergang der Wirtschaft und die ständig um sich greifende Gewalt und Anarchie zu finden, die Besitzenden rückten deutlich nach rechts, allen voran Miljukow und die Partei der Kadetten, auch wenn Miljukow einen Putsch für aussichtslos hielt. 55) Für den waren Armeeoffiziere eher zu gewinnen; das Hauptquartier der Armee in Mogilew wurde bald Zentrum der Putschpläne, der Verband der Armee- und Marineoffiziere und andere Vereinigungen bereiteten kaum verhüllt eine Umsturz vor. Sie wurden unterstützt von der Gesellschaft für die ökonomische Wiedergeburt Russlands. 56)

Am 21. August fiel Riga in die Hände der deutschen Armee. Der Fall von Riga bedrohte Petrograd militärisch, zwischen beiden Städten gab es keine militärischen Befestigungen. Die russische Militärführung machte kaum Anstrengungen, die Besetzung Rigas durch die Deutschen zu verhindern. Kurz vor dem Fall Rigas soll Kornilow erklärt haben:

„Vielleicht ist Riga der Preis, den wir zahlen müssen, um das Land zum Bewusstsein seiner Pflicht zu bringen.“ 57)

Im August hatte eine Konferenz von Vertretern der USA, Großbritannien und Frankreich stattgefunden, die Regierung Kerenski war nicht eingeladen worden und einigte sich auf die Unterstützung von Kornilow. US- Staatssekretär Lansing erklärte unverhüllt, die Ordnung in Russland sei nur wiederherstellbar mit Hilfe einer despotischen Militärherrschaft. 58) Die bürgerlichen Kreise sprachen hinter vorgehaltener Hand aus, ihnen sei ein Sieg der Deutschen lieber als ein Erfolg der Bolschewiki. Die Lettischen Schützen, eine Eliteeinheit zur Verteidigung, waren bolschewistisch, entweder besiegte man sie durch die Todesstrafe an der Front oder durch die Auslieferung an den Kriegsgegner. 59)

Am 24. August befahl Kornilow dem General Krymow, auf die bevorstehende Meldung von einem Aufstand der Bolschewiki auf Petrograd vorzurücken. Krymow sollte in Petrograd das Kriegsrecht verhängen, die Zivilisten entwaffnen und die Zeitungen unter Zensur stellen. Das Kriegsrecht drohte mit Erschiessungen. In der folgenden Nacht rückte die Truppe ab, von der Front sollten weitere Einheiten auf die Hauptstadt marschieren. In Petrograd beriet währenddessen das Kabinett über die Umsetzung der Verordnungen zur Abschaffung der Demokratie an der Front.

Kornilow verlangte von Kerenski ein Dekret über die Ausweitung der Kriegsgerichte und die Todesstrafe an der Front zu unterzeichnen, was dieser ablehnte. Kerenski stellte am 26. August fest, dass der Generalstab seine Absetzung betrieb. Nach seinem Rechtsschwenk musste er jetzt wieder um die Unterstützung der Sowjets nachsuchen. Das Kabinett unterstützte in der Mehrheit Kerenski, die Kadettenminister traten zurück. Am frühen Morgen des 27. August setzte er Kornilow als Oberbefehlshaber ab und forderte ihn auf, nach Petrograd zu kommen. 'General Kornilow hat das Land und die Revolution verraten'.

Kornilow weigerte sich, seine Truppen rückten auf die Hauptstadt vor. Kerenski unterstellte die Stadt dem Kriegsrecht und ordnete die Verteidigung Petrograds an. Kornilow veröffentlichte einen Aufruf an das russische Volk, dem 'sterbenden Vaterland zu Hilfe zu eilen'. 60) Ein großer Teil der Generäle und des Generalstabs stellte sich hinter den Putsch. Am 28. schossen die Kurse der Petrograder Börse in Erwartung des Sieges Kornilows nach oben. 61) Miljukow und Buchanan boten ihre Vermittlung an, eine unverhüllte Stellungnahme für die Putschisten.

Der 27. August war ein angenehmer Sonntag, es war das Halbjahresjubiläum der Februarrevolution. Am Tag herrschten diffuse Gerüchte über den Putsch des Oberbefehlshabers, erst gegen 22.30 Uhr trat im Smolny das ZEK zusammen. Die Bolschewiki Sokolnikow und Lunatscharski erklärten, die Arbeiter und Soldaten hätten kein Vertrauen mehr in die Regierung, sie müsse zugunsten einer Regierung der Räte gestürzt werden. Ein Rechtssozialist sprach sich für eine Unterstützung Kerenskis aus.

Das Gespenst der Konterrevolution hing über der Stadt, man berichtete von heran eilenden Truppen. Das ZEK unterstützte eine Resolution Zeretelis zur Unterstützung Kornilows, die Bolschewiki verkündeten, sie wären bereit, ein militärisches Bündnis mit Kerenski einzugehen, falls er sich ernsthaft zum Kampf gegen die Konterrevolution bekenne. 62) Ein 'Komitee zum Kampf gegen die Konterrevolution' wurde gebildet aus je drei Vertretern der Menschewiki, der Sozialrevolutionäre und der Bolschewiki, fünf des ZEK und je zwei der Gewerkschaften und des Petrograder Sowjets.

Ein Teil der bolschewistischen Führer wie Trotzki war noch im Gefängnis, Lenin und Sinowjew hielten sich verborgen, Kamenew war bereits freigelassen worden. Auf dem sechsten Parteitag hatten sie festgestellt, dass die Menschewiki 'endgültig ins Lager der Feinde des Proletariats' übergegangen seien. Konnte man sich jetzt mit ihnen zur Verteidigung Kerenskis zusammentun? Lenin hatte sich kurz zuvor deutlich gegen eine solche Zusammenarbeit ausgesprochen. Die Bolschewiki würden kämpfen, aber ohne eine Spur von Vertrauen zu den Menschewiki. 63) Besonders das Petersburger Komitee drängte auf eine unabhängige Mobilisierung der Massenorganisationen gegen Kornilow. Aufrufe und militärische Einsatzpläne wurden entworfen.

In der Nacht des 28. Augusts trafen sich die Führer der Militärorganisationen unter Swerdlow mit den Vertretern der Garnison und organisierten die Bewaffnung der Betriebe. Auch in der Provinz schossen mehr als 240 revolutionäre Komitees aus dem Boden. 64) Angesichts der Isolierung der Regierung übernahmen diese Komitees die Leitung des Kampfes gegen Kornilow. Buchstäblich alle Organisationen links der Kadetten, alle Arbeiterorganisationen schlossen sich spontan dem Kampf an. Die Namen der Komitees variierten, oft wurden sie Revolutionäre Militärkomitees (RMK) genannt. Besonders die Inter- Bezirkskonferenz der Sowjets war bei der Verteidigung aktiv. Sie tagte in Permanenz im Smolny und berief Betriebsversammlungen ein, koordinierte die Arbeitermilizen der Betriebe, liess Konterrevolutionäre verhaften, organisierte die Verteidigung der südlichen Stadtteile mit Schützengräben und Stacheldraht und organisierte die Lebensmittelversorgung.

Die Petrograder Metallarbeiter-Gewerkschaft stellte 50.000 Rubel und ihre Mitarbeiter zur Verfügung. Die menschewistisch dominierten Drucker wiesen alle Mitglieder an, Kornilow-freundliche Zeitungen zu boykottieren. Das Gesamtrussische Exekutivkomitee der Eisenbahner-Gewerkschaft (Wikschel) organisierte die Beobachtung der Truppenbewegungen und forderte seine Mitglieder auf, die Bewegung der Konterrevolutionäre mit allen Mitteln zu behindern, einschliesslich der Demontage von Schienen.

Hätte es sich nur um die Verteidigung Kerenskis gehandelt, hätten ihn die Arbeiter und Soldaten kaum verteidigt, zu groß war die Erbitterung über seine Haltung nach dem Juli. Aber Kornilows Vorgehen wurde als Angriff auf das revolutionäre Petrograd verstanden und so wurde mit aller Kraft zum Widerstand gerüstet. Die Nachricht vom Putsch war war wie ein elektrischer Schlag für Petrograd.

In den Fabriken heulten die Alarmsirenen. Ohne Anweisung organisierten die Arbeiter die Verteidigung, verstärkten die Sicherheitsvorkehrungen und bildeten Kampfeinheiten. Am 28. und 29. August gab es in den Arbeiterbezirken lange Schlangen von Arbeitern, die sich für die Roten Garden einschreiben wollten. Die Arbeiter der Putilow-Werke beschleunigten die Produktion von Kanonen, das Betriebskomitee der Waffenfabrik von Sestrorezk etwa 35 Kilometer nördlich schmuggelte ein paar tausend Gewehre nach Petrograd. Weitere Waffen wurden aus dem Arsenal der Peter-und-Pauls-Festung und den Beständen der Garnison besorgt. Die bolschewistische Militärorganisation organisierte die Waffenausbildung durch Soldaten.

Auf den Pulkowo-Höhen an der Südgrenze der Stadt sowie in den Bezirken Narwa und Moskau wurden Befestigungen errichtet und die Schienen aus den Gleisbetten gerissen. 65) In den Kasernen wurden Versammlungen abgehalten und die Soldaten mobilisiert, sie rückten in die von den Arbeitern ausgehobenen Stellungen ein. Lediglich die Kosaken erklärten sich für neutral, die Offiziersschüler nahmen für die Putschisten Stellung. 66) Die Baltische Flotte stellte sich gegen den Putsch. Das Exekutivkomitee des Sowjets übernahm nach der Nachricht vom Putsch die Kontrolle über Kronstadt, am Morgen des 29. machten sich 3.000 Matrosen zur Verteidigung der Hauptstadt auf. 67)

In Petrograd wurde es für die Anhänger Kornilows jetzt gefährlich, offen aufzutreten. Ihre Verbindungen waren durch die Verteidigungsmassnahmen unterbrochen, Offiziere wurden verhaftet, es kam zu spontaner Lynchjustiz. Im Hotel Astoria wurden 14 Offiziere verhaftet. An die Organisation von Unruhen war für Kornilows Sympathisanten überhaupt nicht zu denken.

Die aus Süden anrückenden Truppen waren am 28. auf den Eisenbahnen nach Petrograd zersplittert. Die größte Gefahr ging von den 1.350 Soldaten der 'Wilden Division' aus. Sie kamen bis 25 Kilometer vor Petrograd in die Nähe von Bologoje, wo die Eisenbahner die Strecke mit holzbeladenen Waggons blockierten und die Schienen kilometerweit aus dem Bett gerissen hatte. Die Truppe konnte weder weiterfahren noch mit General Krymow Kontakt aufnehmen. Während die Offiziere vor Wut schäumten, strömten Agitatoren aus Petrograd zu den Soldaten, unter ihnen eine Gruppe islamischer Propagandisten. Die 'wilden' Soldaten erlaubten ihren Offizieren nicht, die Revolutionäre zu verhaften, das Gastrecht sei ihnen heilig. Es bereitete den Revolutionären keine Schwierigkeit, die Soldaten von Kornilows Verrat zu überzeugen. Die Soldaten hielten Meetings ab: 'Wir sind betrogen worden!' 68) Überall fanden Verbrüderungen statt.

General Krymow hatte hatte mit seinem Stab Luga erreicht, wo sie ebenfalls blockiert wurden. Die 20.000 Mann starke Garnison umzingelten die Züge. Auch hier schwärmten die Arbeiter und Soldaten aus Petrograd um die Waggons und hielten durch die Zugfenster Ansprachen an die Passagiere. Krylow erwog, die 140 Kilometer nach Petrograd zu marschieren, angesichts der Garnison von Luga gab er die Idee auf. 69)

Die Soldaten marschierten also rückwärts. Es kam kaum zu Kämpfen, überall konnten die Agitatoren die Soldaten zur Befehlsverweigerung gewinnen. An der Südwestfront war Denikin von seinen eigenen Truppen verhaftet worden. Die Kommandanten der Fronttruppen spürten jetzt den Gegenwind und sandten Loyalitätserklärungen an Kerenski, Kornilow blieb in Mogilew. Angesichts der Gegenwehr der Arbeiter und Soldaten Petrograds brach der Putsch kampflos in sich zusammen, General Krymow erschoss sich.

Die Führung des Widerstandes lag formell in den Händen der Regierung, assistiert von der Sowjetexekutive. Tatsächlich führte aber das Revolutionäre Militärkomitee RMK den Widerstand an. Es koordinierte die Verteidigung, die Soldaten und Eisenbahn-, Telefon- und Telegrafenangestellten. In Petrograd wurden Haussuchungen und Verhaftungen in Militärschulen und Offiziersorganisationen durchgeführt. Die Hauptarbeit wurde in den Bezirken geleistet. Ihre Komitees tagten in Permanenz, das Zögern von oben ersetzten sie durch den Schwung von unten. Die Bolschewiki dominierten die Koordination der Bezirkssowjets. Mit der Verteidigung und den RMKs organisierten sie die Macht der Arbeiter und Soldaten.

Die von Kronstadt eintreffenden Matrosen waren im Juli nicht besonders geneigt gewesen, auf die Bolschewiki zu hören, sie hatten aus der Niederlage gelernt. Eine Delegation besucht Trotzki, Raskolnikow und andere im Gefängnis und fragt an, ob es nicht Zeit sei, die Regierung zu verhaften.

„Nein, es ist noch nicht Zeit“, antwortet man ihnen, „legt das Gewehr auf Kernskis Schulter und schießt auf Kornilow. Danach werden wir unsere Rechnung mit Kerenski machen.“ 70)

Kerenski und Kornilow bedeuteten zwei Varianten der gleichen Gefahr, die akute und die schleichende Bedrohung standen einander gegenüber. Man musste die aktuellen Gefahr besiegen, um später mit der schleichenden fertig zu werden. Die Bolschewiki erklärten, im Kampf gegen Kornilow ein militärisches Bündnis mit Kornilow einzugehen. 71) Technische Unterstützung ist keine politische Unterstützung. Lenin:

„Kerenskis Regierung unterstützen dürfen wir sogar jetzt nicht. Das wäre Prinzipienlosigkeit. Man wird fragen: soll man nicht gegen Kornilow kämpfen? Gewiss soll man. Doch das ist nicht dasselbe, hier gibt es eine Grenze… Wir werden kämpfen, wir kämpfen gegen Kornilow ebenso wie die Truppen Kerenskis, aber wir unterstützen Kerenski nicht, sondern entlarven seine Schwäche. Das ist ein Unterschied. Das ist ein recht feiner, aber überaus wesentlicher Unterschied, den man nicht vergessen darf.“ 72)

In Moskau fanden in Garnisonen und Betrieben große Versammlungen statt und Rote Garden wurden gebildet, ebenso im Zentralen Industriegebiet, im Ural, im Wolgagebiet, in der Ukraine, in Transkaukasien, am Don, in Sibirien, Turkestan und Kasachstan. Überall entstanden Revolutionskomitees, die in vielen Orten die Macht übernahmen und die Arbeiter bewaffneten.

In den Köpfen der Arbeiter und Soldaten vollzog sich der Umschwung, ihre Sympathien wandten sich den Bolschewiki zu. Die Sowjets belebten sich wieder, in Kronstadt, Helsingfors, Zarizyn, Wladiwostok, Twer und vielen anderen Städten übernahmen die Sowjets faktisch die Macht.

Kornilow war geschlagen, aber Kerenskis Einfluss sank wie ein geöffneter Luftballon. Er hatte seine Funktion als Schiedsrichter über den Klassen eingebüsst. Die Sowjets wurden gestärkt, in den Sowjets gewannen die Bolschewiki die Mehrheit. Sie hatten im Widerstand gegen den Putsch in vorderster Reihe gestanden, ihre Parole 'Nieder mit Kornilow, keine Unterstützung Kerenskis' traf die Stimmung der Massen genau. 40.000 wurden für den Widerstand mobilisiert, davon 25.000 aus den Fabriken. 12.000 Soldaten, die Arbeiter waren jetzt im Gegensatz zum Juli bedeutender als die Soldaten. 73) Der Einfluss der Anarchisten war geschwunden, Die Militanten der Basis waren jetzt enger mit der Bolschewistischen Partei verbunden, die Kadetten waren tief diskreditiert. Der Weg zur Macht war offen.

Die Bolschewiki erobern die Rätemehrheit

Die konsequente Rolle bei der Verteidigung der Revolution wurde von den Massen honoriert: auf allen Ebenen wandten sich die Arbeiter und Soldaten den Bolschewiki zu. Als Folge des Kornilow-Putsches gewannen die Bolschewiki die Mehrheit in den Sowjets von Petrograd und Moskau.

Auch bei den Wahlen zu den Stadtteil-Dumas in Moskau erreichten sie einen spektakulären Sieg: Hatte bei den Kommunalwahlen im Juni die Sozialrevolutionäre mit 56 Prozent das Übergewicht - die Kadetten erzielten 17 Prozent, die Menschewiki 12 und die Bolschewiki ebenso recht bescheidene 12 Prozent - so kehrte sich dieses Verhältnis nach den August-Ereignissen völlig um. Obwohl die Wahlbeteiligung um mehr als ein Drittel zurück ging, stieg die Stimmenzahl der Bolschewiki von 75.000 auf fast 200.000, was 51 Prozent der Wähler ausmachte. Der Anteil der Sozialrevolutionäre schrumpfte von 58 auf 14 Prozent, jener der Menschewiki sank um zwei Drittel, die Kadetten konnten ihre Stimmenzahl knapp halten. Die Garnison stimmte zu 90 Prozent für die Lenin-Partei. 74)

In ihrer Hochburg Iwanowo erhielten die Lenin-Anhänger bei den Kommunalwahlen 58 der 102 Sitze, in Kronstadt wurde der Bolschewik Brekmann zum Vorsitzenden des Sowjets gewählt und einer seiner Parteigenossen zum Bürgermeister. 75) Kornilows Aufstand radikalisierte die Massen, er bestätigte die Aussage von Karl Marx, Revolutionen bräuchten manchmal die Peitsche der Konterrevolution, um vorwärts zu schreiten. Zum Vorsitzenden des Sowjets von Helsingfors, der die russischen Soldaten und Arbeiter vertrat, wurde der Bolschewiki Scheinman gewählt. 76) In Baku, Minsk, Saratow, Samara in vielen anderen Städten sowie Provinz- und Gebietsräten passierte Gleiches. Auch in den Bauernsowjets änderte sich die Stimmung. Überall gab es bei Nachwahlen zu den Sowjets radikale Veränderungen. In vielen Fabriken, die bisher als Hochburgen der Gemäßigten galten, gingen die Arbeiter zu radikalen Positionen über.

Nach der Niederschlagung des Putsches stellte sich die Frage der neuen Regierung. Ein neutraler Vertreter Kerenskis konnte trotz der Bemühungen des britischen Botschafters Buchanan nicht gefunden werden. Die Rechtssozialisten standen unter dem Druck, dass die Kadetten tief in den Putsch verwickelt waren, mit ihnen wollten sie keine neue Regierung bilden. Kerenski musste von einer neuen Koalition erst einmal Abstand nehmen und betrieb die Bildung eines fünfköpfigen Direktoriums ohne Kadetten als Übergangslösung. Es bestand neben Kerenski aus dem parteilosen Außenminister Tereschtschenko, den Offizieren Werderewski und Werchowski, die als relativ progressiv galten und das Kriegsressort führten, sowie dem farblosen Menschewisten Nikitin. 77)

Die Kadetten gingen erst einmal auf Tauchstation. Kornilow wurde in Mogilew unter Hausarrest gestellt. Menschewiki und Sozialrevolutionäre begannen sich zu zersetzen, die radikalen Flügel wurden gestärkt. Für die Menschewiki-Internationalisten forderte Martow ein rein sozialistisches Ministerium. Die rechten Menschewiki hatten keine Alternative zu der Koalition mit den Kadetten. Sie brachten eine neue Option ins Spiel und schlug ein Bündnis mit anderen bürgerlichen Gruppen vor, aber die waren eine Fiktion und existierten als politische Kraft kaum. 78) Was sie kategorisch ablehnten war, die Macht aus den Händen der Bourgeoisie zu nehmen und sie in die des Proletariats zu legen, die Forderung nach der Macht für die Sowjets zu unterstützen. Dadurch verlor die Mehrheit des ZEK an Macht. Die Petrograder Organisation der Menschewiki, die kurz zuvor noch 10.000 Mitglieder gezählt hatte, konnte mangels Delegierten nicht mehr zu ihrer Stadtkonferenz zusammen treten. 79) Ihre Organisation auf der Wasilewski-Insel trat fast geschlossen zu den Bolschewiki über. Die Auflage der Rabotschaja Gaseta sank von 100.000 im März auf 10- bis 15.000 im September, von August bis November 1917 ging ihre Mitgliederzahl um 50.000 zurück. 80) Nur die georgischen Menschewiki blieben wohl vom Schwund verschont.

Bei den Sozialrevolutionären hatte der rechte Flügel die gleiche Position wie Zereteli. Mitglieder beschrieben ihre Partei als 'eine Kampfarena verschiedenartiger Elemente'. 81) Ihr linker Flügel forderte die Sowjetmacht, im September errangen die linken Sozialrevolutionäre die Mehrheit in der Organisation von Petrograd. Offiziell waren die Linken noch Bestandteil der PSR, faktisch agierten sie selbstständig, die hatten die Zeitung Snama Truda (Banner der Arbeit) und wurden von Spiridonowa, Kamkow und Karelin geführt, 40.000 der 45.000 Mitglieder in Petrograd folgten ihnen. 82) Dazu kamen die Organisationen in Woronesch, Kiew, Helsingfors, Gomel, Kasan und vielen kleineren Städten. 83) Die Partei der Sozialrevolutionäre zerfiel unter dem Druck der Gegensätze.

In den Julitagen hatten die Massen die Entfernung der zehn kapitalistischen Minister und eine auf den Sowjets basierende Regierung verlangt. Diese Forderungen kamen jetzt in zahllosen Resolutionen aus den Betrieben Kasernen, und Massenorganisationen erneut und stärker.auf. In den Fabriken fanden Massenversammlungen statt, die klar ihren Willen ausdrückten: Eine Regierung ohne konterrevolutionäre Bourgeoisie, gestützt auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten: 'Alle Macht den Sowjets!' Die Versammlungen in der Petrograder Garnison stellten die gleichen Forderungen.

„Die Erfahrung hat gezeigt, dass Koalitionen… nicht in der Lage sind, das Land aus seiner gegenwärtigen Notlage heraus zu führen. Es liegt in der unmittelbaren Verantwortung des Sowjets, die Macht in seine Hände zu nehmen. Einer solchen Regierung werden wir uns gerne unterordnen und alle ihre Anordnungen mit Freuden erfüllen.“ 84)

Eine gemeinsame Sitzung des Sowjets von Helsingfors und der russischen Truppen in Finnland forderte die Einberufung des zweiten allrussischen Sowjetkongresses; das bisherige ZEK habe durch seine Politik der Kompromisse mit der Bourgeoisie die Konterrevolution gestärkt und wandte sich gegen jede Koalition mit der Bourgeoisie. Der zweite Sowjetkongress müsse eine Sowjetregierung bilden. Die Schiffsbesatzungen der Flotte wollten bis zur Erfüllung ihrer Forderungen ihre roten Schlachtfahnen wehen zu lassen; das Zentrobalt schloss sich den Forderungen an.

Die Räte hatten nach dem Juli deutlich weniger Aktivität gezeigt, die Beteiligung an den Sitzungen war zurück gegangen. Es hatte die Perspektive gedroht, dass die Massen in Müdigkeit und Gleichgültigkeit zurück fallen. Im Sommer wurde der Sowjet aus dem Taurischen Palast in den Smolny umgesiedelt, der Taurische Palast wurde für die Einberufung der Konstituante renoviert. Der Smolny war ein großes klassizistisches Institut höherer Töchter am Rande des bürgerlichen Bezirks Roschdestwo am Ufer der Newa. Jetzt erwachten die Sowjets zu neuem Leben, überall wurden RMKs zur Verteidigung der Revolution geschaffen. Bis auf wenige Häftlinge wurden die im Juli Verhafteten frei gelassen.

Am 31. August tagte nach längerer Pause wieder das gesamtrussische Exekutivkomitee (ZEK), seine Sitzung dauerte bis zum Morgen des 2. September. Kamenew legte eine Erklärung 'Über die Regierungsfrage' vor. Sie forderte den Ausschluss der Kadetten und aller Besitzenden aus Regierungsämtern und eine Regierung aus Vertretern des revolutionären Proletariats und der Bauernschaft. Diese Regierung müsse die Republik ausrufen, den Boden den Bauern noch vor dem Zusammentreten der Konstituante übergeben, die Arbeiterkontrolle und die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien verkünden sowie das Angebot eines allgemeinen demokratischen Friedens machen.

Bild 46: Das Revolutionäre Militärkomitee des Petrograder Sowjets

Als Sofortmassnahmen forderte Kamenew die Beseitigung jeglicher Unterdrückung der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen, die Abschaffung der Todesstrafe an der Front, die Wiederherstellung der demokratischen Freiheiten in der Armee, die Säuberung des Generalstabes, die Anerkennung des Rechts auf Selbstbestimmung der nationalen Minderheiten, die sofortige Einberufung der Konstitutionellen Versammlung und die Abschaffung aller Klassenprivilegien. 85) Kamenew forderte eine demokratische Republik und nicht die Diktatur des Proletariats, das war die Haltung der gemäßigten Bolschewiki, was aber allgemein als der Übergang der Macht an die Sowjets interpretiert wurde. 86)

In der Nacht wurde die Resolution dem Petrograder Sowjet vorgelegt, der sich in den letzten Wochen durch Neuwahlen in den Betrieben deutlich nach links verschoben hatte. Zereteli verteidigte eine Koalition mit bürgerlichen Gruppen, er wurde oft unterbrochen, Kamenew wurde zugejubelt. Der Petrograder Sowjet stimmte mit 279 gegen 115 Deputierten für Kamenews Resolution, 51 enthielten sich. Es war zwar nur ein Teil des Sowjets anwesend, bedeutete aber einen Ruck nach links. 87) Erstmals hatten die Bolschewiki die Mehrheit im Sowjet von Petrograd. Am 5. September nahm der Moskauer Sowjet die gleiche Resolution mit 355 gegen 254 Stimmen an. 88) Am 8. folgte Kiew, ebenso die vereinigten Sowjets Finnlands. 89)

Am Abend des 1. September nahm das gesamtrussische ZEK seine Beratungen wieder auf. Kerenski hatte gerade die Bildung seines Direktoriums bekannt gegeben. Die ZEK-Diskussion machte deutlich, dass die Rechtssozialisten nicht gewillt waren, mit der Regierung zu brechen. Am frühen Morgen des 2. September lehnte das ZEK die Resolutionen der Bolschewiki und Menschewiki-Internationalisten ab, die angenommene Resolution besagte, eine Demokratische Konferenz solle die Entscheidung über die Regierung treffen, bis dahin solle Kerenski unterstützt werden. 90)

Nach dieser Schwächung forderte Trotzki vor dem Petrograder Sowjet einen Bericht über den Putsch und brachte ein Misstrauensantrag ein, der mit 519 gegen 414 Stimmen bei 67 Enthaltungen zur allgemeinen Überraschung angenommen wurde. Daraufhin forderte Trotzki die Wahl eines neuen Präsidiums. 91) Tschcheïdse, Zereteli, Skobelew, Tschernow, Anisimow, Dan und Gots traten beleidigt zurück. Zereteli verkündete:

„Wir verlassen diese Tribüne im Bewusstsein, dass wir ein halbes Jahr lang das Banner der Revolution hoch und in Ehren gehalten haben. Wir können nur den Wunsch aussprechen, dass ihr es in gleicher Weise mindestens halb so lange halten möget.“ 92)

Am 25. September wählte der Petrograder Sowjet ein neues Präsidium mit den vier Bolschewisten Trotzki, Kamenew, Rykow und Federow,, zwei Sozialrevolutionären und einem Menschewisten, Trotzki wurde wie 1905 zum Vorsitzenden und ersetzte Tschcheïdse. 93) Bereits am 19. hatte der Moskauer Sowjet eine neue Exekutive gewählt, ihr Vorsitzender wurde der Bolschewiki Wiktor Nogin.

Die Krise verschärft sich

Im Herbst 1917 war die Wirtschaft am Rand des Zusammenbruchs. Der Krieg hatte einen großen Teil der Produktionsmittel vernutzt, die Unternehmer schafften es nicht mehr, dies Lasten der Krise auf die Lohnabhängigen abzuwälzen, da sie sich nicht mehr als 'Herren im eigenen Haus' fühlen konnten, schlossen sie Betriebe. Die Arbeiter versuchten, die Betriebe unter Arbeiterkontrolle fortzusetzen. Vor allem die weniger qualifizierten Arbeiter streikten, während in Petrograd große Teile der Facharbeiter eine revolutionäre Lösung der Krise anstrebten. Die Niederlage der Armee führte zu ihrer weiteren Auflösung, wobei die Frontsoldaten politisch schwankten. Die Petrograder Garnison fürchtete ihre Verlegung an die Front, im Kampf dagegen unterstellten sie sich dem bolschewistischen Petrograder Sowjet und unterstützten die Forderung der Räteherrschaft. Auf dem Land brach eine Agrarrevolution aus, die in ihrer elementaren Kraft von keiner politischen Kraft zu steuern war. Die Sowjetregierung legalisierte die Landverteilung.

Die Bruttoproduktion sank gegenüber dem Vorjahr um 36,4 Prozent. Die Roheisenproduktion sank von 4,2 auf 2,9 Millionen Tonnen, von den 65 Hochöfen Südrusslands arbeiteten im Oktober 1917 nur noch 33 mit einer Auslastung von 65 Prozent. In der Leichtindustrie kam es zu einem empfindlichen Mangel an Rohstoffen, Kleidung und Schuhen. Am schlimmsten sah es im Transportwesen aus. Bereits zu Beginn des Krieges vermochten die Eisenbahnen den Transport nur mit Mühe zu bewältigen, jetzt brach der Eisenbahnverkehr völlig zusammen, das Material verschliss. Die Zahl der Lokomotiven stagnierte, ein großer Teil war ständig in Reparatur, im September 1917 allein ein Viertel. In der Ukraine waren 40 Verladestellen, die normalerweise für den Transport von Getreide genutzt wurden, ohne Lokomotiven. Die Zahl der Waggons, die täglich zum Getreidetransport in die Newastadt rollten, fiel vom Mai 1916 zum Mai 1917 von 427 auf 285. 1916 wurden 23,5 Millionen Tonnen Kohle für die Fabriken in Petrograd verbraucht, 1917 fiel die Zahl auf 16,5 Millionen Tonnen.

Die Kohleproduktion im Donezbecken fiel von 147 Millionen Tonnen im Juni 1916 auf 110 im Oktober des folgenden Jahres. 94) Am gravierendsten war der Ausfall des Transports für Petrograd, das von den Rohstoffbasen in der nordwestlichen Ecke des Landes am weitesten entfernt lag. Die Produktivität der Arbeiter fiel dramatisch.

Die Regierung hatte zur Finanzierung des Krieges die Druckerpresse angeworfen, die Papiergeld-Emission war viermal höher als unter dem Zarenregime. Der Rubel fiel auf eine Kaufkraft von 6 bis 7 Kopeken der Vorkriegszeit, die Staatsschuld betrug 50 Milliarden Rubel, eine für die damalige Zeit Schwindel erregende Summe. In der Landwirtschaft verringerten sich infolge des Krieges die Anbaufläche, die Produktion und der Viehbestand. Grundbesitzer und Kulaken spekulierten mit den 1,4 Millionen Pud Getreide. 95) Die Provisorische Regierung unternahm gegen die Hungersnot kaum etwas, Petrograd, Moskau, das Donezbecken, der Ural und Baku litten unter dem Lebensmittelmangel. Die natürlichen Wirtschaftsbindungen zwischen Stadt und Land rissen ab. Die einzelnen Bezirke betrieben eine primitive Wirtschaft, der Austausch von Naturalien lebte wieder auf.

Die Petrograder Putilow-Werke konsumierten etwa zehn Prozent des Brennstoffbedarfs der Hauptstadt, sie erhielten im August 1917 vier Prozent ihres Bedarfs, am 9. Oktober war die Mehrzahl der Abteilungen geschlossen. Die Produktion der Rüstungsfabriken fiel um zwei Drittel. Haushalte wurden noch schlechter versorgt, die Öffnungszeiten von Läden, Theatern usw. wurden begrenzt, am 3. Oktober mussten die Straßenbahnen ihren Verkehr einschränken, am 13. Oktober tauchte die Stadt in Dunkelheit, da die Stromfabriken keine Heizmittel hatten. 96)

Die Regierung hatte unter dem Druck des Sowjets das Getreidemonopol zu Festpreisen dekretiert, die Banken und Mühlenkonzerne, die den Handel beherrschten, reduzierten den Output und versteckten Vorräte. Brotrationen wurden im März auf eineinhalb Pfund für Schwerarbeiter und ein Pfund für die anderen Konsumenten pro Tag festgelegt, im Mai wurde die Ration für alle auf ein dreiviertel Pfund reduziert, der Besitz einer Lebensmittelkarte war keine Garantie, die Getreidelieferungen fielen weiter. Die anderen Grundnahrungsmittel fehlten ebenso, Grieß, Zucker, Fleisch, Eier und Fett wurden rationiert. Schlangen vor den Geschäften bildeten sich um Mitternacht für die Versorgung am nächsten Morgen, die aber nicht sicher war. 97) Die Preise auf dem freien Markt schossen in die Höhe. Die russische Wirtschaft brach vor der Oktoberrevolution zusammen.

Stadtverwaltungen, Sowjets und Arbeiterkomitees versuchten das Elend so gut wie möglich zu verwalten. Die Regierung stand unter dem Druck der Bourgeoisie, den freien Getreidehandel zu erhalten. Die Sowjets drängten in die entgegengesetzte Richtung. Ein Finanzspezialist beschrieb die Situation:

“Ich wurde vom [Moskauer. A.d.V.] Exekutivkomitee nach Petersburg geschickt, um unsere Position zu vertreten. Ich sprach mit dem Chef der Finanzkommission … und ich sah, dass ich vor einer tauben Wand stand, von der alle unsere Forderungen und Ansprüche abprallten. Nach Petersburg kam ich als Menschewik, aber praktisch kehrte ich von dort als Bolschewik zurück.„ 98)

Die Unternehmer sahen ihren Machtverlust mit wachsender Beunruhigung. Nach dem Juni fühlten sie sich bestärkt, zum Widerstand über zu gehen, Rjabuschinskis Rede über 'die knochige Hand des Hungers' kam ihnen aus der Geldbörse. Besonders die Fabrikkomitees und die Roten Garden beeinträchtigten ihre freie Entscheidungen als Unternehmer.

Tabelle 26: Produktivität pro Arbeiter 1914 - 1916 99)

Halbjahr Pud Prozent
1.Hälfte 1914 5.514 100 %
1.Hälfte 1915 4.616 84 %
1.Hälfte 1916 3.888 69 %
1.Hälfte 1917 2.858 52 %

Anfang September machten die Unternehmer eine Offensive gegen die Fabrikkomitees. Ab 15. des Monats sollte die Bezahlung der bezahlten Arbeiterdelegierten eingestellt werden. 100) Der Industrieverband schrieb an den Arbeitsminister, die Verwaltung wolle die Kontrolle über Entlassungen und Einstellungen wieder voll übernehmen, sich das Recht auf Strafen nehmen, Fabrikkomitees sollten sich nicht mehr in die Geschäftsleitung einmischen, außerdem sollten alle Arbeiter entlassen werden, die nicht das Durchschnittsniveau der Vorjahrsproduktion erreichten. Seit dem August setzte sich unter den Fabrikarbeitern mehrheitlich das Bewusstsein fest, dass gegen den industriellen Kollaps nur die Machtübernahme der Arbeiter durch die Form der Räte helfen könne. So war im Herbst die Zahl der Streiks in Petrograd relativ gering, weniger als zehn Prozent der 417.000 Industriearbeiter beteiligten sich an Arbeitskämpfen, aber das politische Bewusstsein stieg. In der Region Moskau streikten gleichzeitig 40 Prozent der Beschäftigten. 101)

Hierhin und nach Südrussland verlegten sich der Schwerpunkt der Streiks, an denen sich im Dezember 1,2 Millionen Arbeiter beteiligten, zusätzlich zu den 200.000 bis 300.000, die ihren Ausstand vom Sommer fortsetzten. 300.000 Textilarbeiter kämpften in und um Iwanowo und Kineschma, zum großen Teil ungelernte Arbeiter. 102) Im Oktober wählten die Delegierten ein Streikkomitee. Die Unternehmer lavierten, der Streik wurde durch die Oktoberrevolution erleichtert, die Arbeiter traten offensiv und militant auf und besetzten die Fabriken, im November wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Von August bis Oktober gab es einen großen Arbeitskampf in der Lederindustrie von Moskau und Umgebung. Die Unternehmer boten nur geringe Lohnerhöhungen und verzögerten die Verhandlungen immer wieder. Am 16. August begann der Streik unter der Führung eines radikalen, politischen Streikkomitees. In den Fabriken wurden tägliche Versammlungen abgehalten. Arbeitsminister Skobelew verhandelte einen Kompromiss, den die Unternehmer ablehnten. 103) Der Streik ging weiter, 80.000 der ursprünglich 110.000 Lederarbeiter führten ihn fort. Als am 16. Oktober die Delegierten das Streikkomitee beauftragten, vom Moskauer Sowjet die Beschlagnahme der bestreikten Fabriken zu beantragen, gab ein Teil der Unternehmer nach. Delegierte der Streikkomitees beschlossen am 19. die Kontrolle über zwei .Betriebe. Die Gewerkschaften reklamierten den Streik als Sieg, er politisierte die Arbeiter. Die Bolschewiki verhielten sich eher ablehnend gegen Streiks: Sie fürchteten, dass die Streiks zu Fabrikschließungen führten, die Lösung sei zentrale Planung durch eine Arbeiterregierung. Die Arbeiter dürften nicht auf die Provokationen der Bourgeoisie hereinfallen und sich auf einen verfrühten Kampf einlassen. 104) Die Arbeiterkontrolle wurde eine fassbare Alternative.

Am 23. und 24. September gab es einen Streik von 750.000 Eisenbahner. Ihre Zentrale Wikschel stand nach zugesagten Lohnerhöhungen unter Druck der Basis. Die gemäßigten Wikschel-Führer fürchteten mehr den bolschewistischen Einfluss als den Zusammenbruch des Transports. Die Forderungen wurden von der Provisorischen Regierung als zu teuer zurück gewiesen und sollte von der Konstituierenden Versammlung entschieden werden, Das Wikschel musste den Streik unterstützen. Der Streik dauerte meist nur zwei Tage, die Regierung sagte Lebensmittel- und Kleidungslieferungen zu, das Wikschel nannte die Verhandlungen siegreich. 105)

Tabelle 27: Die Unternehmerautorität in Frage stellende Streiks 106)

Monat 1917 Zahl der Streiks Zahl der Streikenden Prozent der monatlich Streikenden
März 27 8.530 20 %
April 35 5.840 33 %
Mai 81 67.680 74 %
Juni 51 61.970 54 %
Juli 32 12.870 3 %
August 35 170.570 45 %
September 47 940.830 97 %
Oktober 36 401.870 91 %

Da die Provisorische Regierung das Gesetz über den Acht-Stundentag nicht verabschiedete, musste in jeder Stadt über die Arbeitszeitverkürzungen separat verhandelt werden. Die Arbeiter waren enttäuscht von der Haltung der Menschewiki und besonders der Haltung ihres Arbeitsministers als Vermittler. Vor allem in kleinen Betrieben, deren Unternehmer mit Schließung drohten und die nicht so im Fokus standen wie die Großbetriebe, wurde in 576 Fabriken mit im Schnitt 335 Arbeitern die Selbstverwaltung versucht. 107)

Ein Beispiel war die Brenner-Maschinenfabrik in Peterhof mit 200 Arbeitern. Als die Geschäftsleitung im Mai verkündete, sie werde den Betrieb schließen, besetzten die Arbeiter den Betrieb. Im Juni übernahmen sie die Produktion, der Bezirkssowjet unterstützte sie. Schnell stießen sie an das Problem der Rohstofflieferung und der Finanzierung. Obwohl sich die Disziplin unter den Arbeitern lockerte und der Alkoholismus zum Problem wurde, konnte das Arbeitsministerium genötigt werden, den Betrieb zu übernehmen. 108) Die selbstverwalteten Betriebe agierten manchmal nach dem Prinzip des 'Betriebspatriotismus', es kam zu Konflikten von Betrieben untereinander.

Direkt vor der Oktoberrevolution, am 17. bis 22. Oktober, fand die erste allrussische Konferenz der Betriebskomitees statt. Von den 137 Delegierten waren 86 Bolschewiki, 22 linke Sozialrevolutionäre, elf Anarcho-Syndikalisten, acht Menschewiki, sechs Sozialrevolutionäre-Maximalisten und vier Parteilose. 109) Die Bolschewiki, vor allem auf die Übernahme der Macht fokussiert, begannen langsam die Unterstützung für die Fabrikkomitees zu relativieren. Wassili Schmidt erklärte, die Betriebskomitees seien entstanden, als es noch keine Gewerkschaften gegeben haben und die hätten diese Lücke gefüllt. Die Anarcho-Syndikalisten sahen in den Fabrikkomitees die Keimzelle der sozialistischen Gesellschaft. Die Resolution stellte fest, die Arbeiterkontrolle sei nur möglich unter der politischen und wirtschaftlichen Herrschaft der Arbeiterklasse. Sie warnte vor isolierten und unorganisierten Aktionen und stellte fest, dass

“…die Übernahme der Fabriken durch die Arbeiter und ihre Führung für den persönlichen Vorteil mit den Zielen des Proletariats unvereinbar sei.„ 110)

Politische und wirtschaftliche Motive verschmolzen im Herbst untrennbar und mündeten in die Oktoberrevolution. Der politisch vorwärtstreibende Teil der Arbeiterklasse waren die Metallarbeiter der Großbetriebe, die von der Partei der Bolschewiki beeinflusst wurden. Unter den Industriearbeitern waren Leder-, Metall-, Textil- und Holzarbeiter besonders aktiv, Metaller und Textilarbeiter führten zusammen 58 Prozent der Streiks. 111) Seit dem Sommer wurden zunehmend die unqualifizierten und halbqualifizierten Arbeiter in die Streikbewegung einbezogen, die in Schmelzereien malochten, Eisen trugen, Waggons beluden und große Lasten in gefährlichen und überhitzten Schweißbuden wuchteten. Von ihnen wurde vor allem Körperkraft verlangt und sie hatten im Betrieb wenig zu sagen. Sie begannen erst spät ihre Forderungen zu artikulieren und brachten ihre 'schweren Bataillone' in die Bewegung ein.

Die Auflösung der Armee

Im Gegensatz zu den Arbeitern schwankten viele Soldaten in der Frage der Vaterlandverteidigung. Bis in den Sommer kamen von der Front Resolutionen, die Arbeiter sollten auf die Forderung nach dem Achtstundentag verzichten, solange die Soldaten 24 Stunden am Tag ihr Leben riskierten. Die Soldaten betrachteten das Hinterland als Feld für Profiteure und Kulaken, die sich die Taschen voll steckten, während die Soldaten froren und hungerten.

Von der bürgerlichen Presse wurde diese Kampagne angestoßen und unterstützt. Wie wir sahen, reagierten die Arbeiter mit Informationsbesuchen. Die Militanten der Kriegsgegner hatten große Schwierigkeiten mit der Propaganda unter den Soldaten, auch in der Petrograder Garnison. In der Aprilkrise schwenkten viele Soldaten auf den Friedenskurs der Sowjets ein. Die Militärorganisation der Bolschewiki mit der Tageszeitung Soldatskaja Prawda (Die Wahrheit der Soldaten) wurde unter den Soldaten sehr populär. Sie bemühte sich um Soldaten-Korrespondenzen, betrieb Propaganda für die Landbesetzung, für die Fraternisierung mit dem Feind und für Soldatenkomitees auf allen Ebenen. In Petrograd gab es einen bolschewistischen Soldatenklub, die Bolschewiki organisierten Besuche zwischen Fabrik- und Soldatendelegationen. Im Juli hatte die Militärorganisation 26.000 Mitglieder und stieg bis zum Oktober weiter an. 112) Doch bei dem Zusammenbruch der Armee waren sie viel zu wenige, um in jedem Regiment zu wirken.

Die Propaganda Kerenskis für die Offensive führte zu einer zeitweisen Wiederbelebung des Patriotismus. Die Offensive begann am 16. Juni, und tatsächlich kämpften die russischen Soldaten wieder. Einige Einheiten weigerten sich anzugreifen, andere verweigerten die Verlegung an die Front, aber das war eine Minderheit. Bolschewistische Propaganda sei die Ursache für Befehlsverweigerungen, wurde ihnen erklärt. Die Soldaten kannten die Umstände, unter denen die Offensive gestartet worden war, sie machten die Militärführung und die Regierung für die schnelle Niederlage verantwortlich.

Nach den Juli-Demonstrationen ging der Einfluss der Revolutionäre noch einmal zurück, Soldatskaja Prawda wurde verboten, der Vorwurf der deutschen Agentenschaft der Bolschewiki gewann wieder Anhänger unter den Soldaten. Zwar wurden nur wenige Bataillone entwaffnet, aber viele Führer der Militärorganisation kamen ins Gefängnis und der Kontakt zu Kasernen ging verloren, die Aktivität unter den Soldaten kam oft zum Erliegen. 113)

Ihr Oberwasser nutzten Kerenski, die Armeeführung und Offiziere aus, um die Disziplin wieder zu erzwingen. Im Juli und August machten sie eine Kampagne für die Wiedereinführung der Todesstrafe an der Front. Die Soldaten mussten ihre gerade gewonnen Freiheiten verteidigen und gingen zur offenen Rebellion über. Die Soldaten interessierten sich jetzt sehr dafür, was diese als Aufrührer denunzierten Bolschewiki eigentlich wollten. Die Armeehierarchie trieb sie so ungewollt in die Fänge der Revolutionäre. Sie brach alle Versprechen, das konnte für die Bolschewisten nur gut sein. Über der Petrograder Garnison schwebte ständig das Damoklesschwert der Verlegung an die Front. Nach dem Kornilow-Putsch war die Autorität der Offiziere endgültig dahin. Es wurde zu einer bösen Gewohnheit, Handgranaten in Offiziersquartiere zu werfen. Offiziere wurden getötet, weil sie sich weigerten, Urlaub zu gewähren, Offiziere wurden durchsucht und ihnen wurden die alten Mannschaftsquartiere zugewiesen. Die Zahl der Deserteure stieg deutlich an, scheint aber vom Generalstab übertrieben worden zu sein.

Spätestens im Herbst war die Baltische Flotte in der Hand der Bolschewiki, die Schwarzmeerflotte hinkte nach. Großen Einfluss gewannen die Leninisten unter den Soldaten an der Nord- und Westfront, an der Südwest- und Rumänienfront stieg die Zahl bolschewistischer Soldatengruppen von 74 im Juli über 173 im September auf 280 im November an. 114)

“Redner der Parteien werden mit großer Feindseligkeit empfangen. Sie werden am Reden gehindert, während die bolschewistische Propaganda an Boden gewinnt, sie wird nicht nur durch ihre Militanten verbreitet, sondern ihre Ideen verbreiten sich.“ 115)

Zu einem Problem entwickelten sich die Kosaken. Als privilegierte Bauern nahmen sie an der Unterdrückung des Juli-Aufstandes teil. Bei der Moskauer Staatskonferenz unterstützten sie Kaledin, der für die Reaktion sprach. Sie folgten Kornilow und gründeten im September eine Südrussische Union der Kosaken und anderer freier Völker, gründeten einen Kosaken-Landtag (Rada) und wählten Kaledin als Ataman (Führer).

Da die Besitzenden an der utopischen Formel 'Krieg bis zum siegreichen Ende' festhielten, beschworen sie ihren Untergang hinauf. In Petrograd gewannen die Bolschewiki in vielen Regimentern die Mehrheit, im September gab es eine zweite Säuberung des Offizierskorps. Kerenski befahl das Verbot politischer Aktivitäten unter Soldaten. Die Revolutionskomitees sollten aufgelöst werden. Beide Befehle wurden nicht befolgt. 116) Die Wirtschaft steuerte weiter auf dem Abgrund zu. Kerenskis schien den Massen als Teil der Konterrevolution.

Anfang Oktober setzte die deutsche Armee die Offensive mit der Eroberung der kleinen Inseln Ösel, Moon und Dagö vor der baltischen Küste fort und bedrohten den Zugang zum Finnischen Meerbusen. In Petrograd beschuldigten die gegnerischen Lager einander, die Regierung machte die widerspenstigen Soldaten an der Ostsee verantwortlich, die Matrosen und die Linke beschuldigten die Regierung, das Land absichtlich schlecht zu verteidigen, um die politische Unterdrückung zu rechtfertigen. Sie schürten die Angst, Kerenski bereite die Kapitulation Petrograds vor, um die Revolution abzuwürgen. Die Regierung wies den Kommandanten des Petrograder Militärbezirks am 5. Oktober an, die Garnison auf die Verlegung an die Front vorzubereiten. 117)

Die Reaktion der Soldaten war heftig. Die Truppe erklärte ihr Misstrauen gegen die Regierung und verlangte die Machtübergabe an die Sowjets. Viele neutrale Regimenter schlugen sich auf die Seite des Sowjets. Am 9. September machten viele Regimenter Massenversammlungen und unterstützten den Sowjet. Eine Resolution des Jäger-Garderegiments verurteilte 'bewaffnete Einzelaktionen', verkündete aber die Bereitschaft, sich zu erheben, falls eine solche Aktion vom Petrograder Sowjet genehmigt werde. In den nächsten Tagen verbreiteten die bolschewistischen Agitatoren, der gesamtrussischen Rätekongress sei in Gefahr und warnten vor einer zweiten Kornilow-Affäre. 118)

Die Regierung beschwor die Gefahr eines deutschen Angriffs in erschreckenden Bildern. Unterstützt wurde,sie von den Frontsoldaten, die auf eine Verlegung ins Hinterland drängten.

In dieser Situation bildete der Petrograder Sowjet das in der Kornilowkrise gebildete Revolutionäre Militärkomitee (RMK) um. Es sollte zum militärischen Generalstab des Oktoberaufstandes werden. Die meisten Einheiten der Garnison erklärten ihre Bereitschaft, sich dem Befehl des Petrograder Sowjets und seinem RMK unter zu ordnen und legten so die Grundlage für den Erfolg des Machtwechsels.

Die Revolution der Bauern

Die Mehrzahl der Soldaten stammten vom Lande, wenn die Revolutionäre die Revolutionäre die Soldaten gewannen, hatten sie einen entscheidenden Hebel der Unterstützung durch die Bauern in Händen.

Gab es im Frühjahr Unruhe unter den Bauern, so wuchs sie im Herbst zu einem Orkan an, der die sozialen Verhältnisse auf dem Lande völlig umwälzte. Die Agrarrevolution war eine sehr blutige Angelegenheit. Im Frühjahr hatte die PSR noch betont, dass

“… die Sozialisierung des Landes nicht mit der willkürlichen Beschlagnahme zum eigenen Vorteil verwechselt werden dürfte.„ 119)

Die Bauern waren durchaus nicht damit einverstanden, von der Provisorischen Regierung und der Partei der Sozialrevolutionäre auf den Ausgang der Konstituierenden Versammlung vertröstet zu werden, die immer wieder verschoben wurde. Das Misstrauen der Bauern 'gegen die Stadt' verlangte konkrete Veränderungen, die Regierung schickte zwar Truppen, die gegen die Massenbewegung aber kaum etwas ausrichten konnten. Die Bauern sahen ihre Chance, ihre Sehnsucht nach Land jetzt auf direktem Wege zu befriedigen. Die Landkommissionen waren in ihrer Hand.

Da Strafexpeditionen weitgehend ausblieben, griffen die Bauern immer kühner in die traditionellen Rechte der Grundbesitzer ein. Man trieb das Vieh auf die Gutswiesen, schlug Holz im Wald des Grundherren, reduzierte die Pacht oder zahlte gar nicht mehr, verübte Diebstähle in seinen Scheunen und Ställen. Eine Gutsbesitzerin beschwerte sich:

“Zuerst wurde ihr Gutsverwalter mit Drohungen unter Druck gesetzt. Dann wurde Heu zu niedrigen Preisen zwangsweise eingetrieben. Dann erschien der Leiter des Ortskomitees… auf dem Gut und führte 27 Pferde aus dem Stall. Anscheinend fühlten die Bauern selbst, dass sie zu weit gegangen waren, …denn die Pferde wurden nach einiger Zeit wieder zurück gebracht. Dann wurde der Roggen zu einem Preis requiriert, den (die Gutsbesitzerin, A.d.V.) nicht annehmen wollte. Dann kam ihr zu Ohren, dass man ihr Ziegellager bestehlen wollte, und als sie aus (der Stadt, A.d.V.) zwei Polizisten zum Schutze geschickt bekam, erhob sich unter den Bauern ein solcher Sturm der Entrüstung, dass die Polizisten zurück gerufen werden mussten.“

Ein Bericht des Kreiskommissars in Tambow meldet: Auf dem Besitz des Fürsten Wjazemski, wo die Bauern

“… im Sturm in einer Menge von 5.000 sich ansammelten, die Kulturen des Fürsten zerstörten, den Fürsten selbst verhafteten, worauf dieser unter dem Schutz von drei durch die Menge bestimmten Milizsoldaten zur Station Grjazi gebracht und von Soldaten tierisch erschlagen wurde; nunmehr ging die Menge daran, die benachbarten Kulturen… zu zerstören. Die Ortsgarnison ist unzuverlässig, die aus Tambow entsandten Dragoner ungenügend, die Unruhen sind im Anwachsen.“ 120)

Über die Zerstörung eines Gutshofes in der Provinz Rjasan berichtet die Tochter eines Besitzers:

“Mittags versammelte sich die Dorfversammlung, um über das Schicksal unseres Gutes zu entscheiden, das groß und gut ausgerüstet war. Die Frage wurde mit großer Einfachheit gestellt: sollte man das Haus abbrennen oder nicht? Erst entschied man, den Besitz zu nehmen und das Haus zu schonen. Diese Entscheidung befriedigte einen Teil der Anwesenden nicht, eine neue Entscheidung wurde getroffen, alles abzubrennen bis auf das Haus, das man als Schule nutzen könne. Sofort zog die Menge zum Hof, nahm vom Verwalter die Schlüssel und beschlagnahmte das Vieh, Maschinen, Wagen, Vorräte usw. Zwei Tage lang trugen sie weg was sie konnten. Dann teilten sie sich in Zwanziger-Gruppen, teilten die Beute in Haufen und verlosten, welche Gruppe was bekommen sollte. Während der Verteilung erschien ein Matrose, der aus dem Dorf stammte… Er bestand darauf, man müsse auch das Haus abbrennen… Sie gingen, um das Haus zum zweiten Mal zu inspizieren. Einer von sagte: 'Was für eine Art Schule soll das werden? Die Kinder werden sich darin verlieren.' Dann beschloss man, das Haus (am nächsten Tag) abzubrennen. Sie gingen ruhig nach Hause, ließen eine Wache von 20 Mann zurück, die ein großes Fest veranstaltete: Sie heizten den Ofen, schlachteten ein Schaf, einige Gänse, Enten und Hühner, und füllten sich bis zum Morgengrauen die Bäuche… (Am nächsten Tag) versammelte sich das ganze Dorf und die Äxte begannen wieder zu schlagen… Sie zerschlugen die Fenster, Türen und Fußböden, zertrümmerten die Spiegel, verteilten die Teile und so weiter. Um drei Uhr nachmittags zündeten sie das Haus von allen Seiten an…“

Der Bericht endet mit dem Besuch der Erzählerin beim Chef der örtlichen Miliz, der ihr sagte, er habe keinen Mann frei, die anderen örtlichen Behörden zeigten sich nicht interessierter. 121)

“Der Himmel über Koslowska ist am Tag schwarz und in der Nacht rot.„ 122)

Von Südrussland dehne sich der Bürgerkrieg auf dem Land in die Ukraine aus, es war wie zur Zeit Pugatschews. Die Zerstörungen begannen mit den großen Gütern und weiteten sich auf die Sitze der kleinen Grundbesitzer aus.

Es wurde zwar nur ein Prozent aller Höfe Russlands zerstört, ein größerer Teil der Grundbesitzer verlor aber sein Land. 123) Die Bauern zerstörten die Höfe, damit die 'Burschuij' nie zurückkämen. Die Aktivisten aus der Stadt predigten, dass der Krieg gegen die Bourgeoisie notwendig sei, die Bauern führten ihn auf ihre Weise, plebejisch, anarchisch und anti-zentralistisch. Obstbäume wurden gefällt, Parks umgepflügt, Gewächshäuser zerstört, Fischteiche entleert, Bibliotheken, Kunstwerke verbrannt; diese Gegenstände waren Sinnbilder einer den Bauern fremden Kultur und mussten mit den Besitzern verschwinden.

Die Formen und das Ausmass der Umwälzung war regional verschieden. Die Agrarunruhen breiteten sich wie ein Steppenbrand aus, in der Schwarzerdezone mit ihrer ländlichen Überbevölkerung und dem Landmangel waren sie am gewaltsamsten. Zwischen April und September 1917 gab es 125 dokumentierte Konflikte um das Land, im Sommer waren sie an häufigsten, im September gingen sie leicht zurück. Im Mai und Juni zur Heuernte gab es die Konflikte um das Weideland, ab Juli ging es um die Verteilung der Ernte. 124)

In der Provinz Twer in der zentralen Industriezone nördlich von Moskau war nur ein Viertel des Bodens landwirtschaftlich bebaubar, der Rest bestand aus Weiden, Wäldern und Sümpfen. Die Bevölkerungsdichte war hier deutlich geringer, es gab viel Heimindustrie. Die Zahl der Grundbesitzer war höher, deren Güter aber kleiner als in der Schwarzerdezone. Im Gebiet Twer gab es zwischen April und September 1917 66 Konflikte ums Land, der Höhepunkt war auch hier der Sommer. Im September gab es einen Überfall auf einen Gut, Räuber bedrohten die Besitzer mit Revolvern, stahlen Geld und das Silbergeschirr, gleichzeitig spielten sie Piano, als Täter vermutete man Soldaten der Garnison. Soldaten kamen zurück von der Front und agitierten für die Aufteilung des Grundbesitzer-Landes. Überfälle und Raub waren zahlreich, aber mehr Konflikte gab es um Weideland und Holz. 125)

Tabelle 28: Landverteilung im Bezirk Landejew (Provinz Penza) 1917 und 1920 126)

Desjatinen 1917 1920
< 2 9 % 3 %
2 - 4 12 % 17 %
4 - 6 10 % 30 %
6 - 8 11 % 25 %
8 - 10 17 % 14 %
10 - 16 27 % 10 %
>16 16 % 0,7 %

Man versuchte, dem Grundherrn oder Kulaken die Verfügung über die Arbeitskräfte zu entziehen. Das waren Einheimische, Kriegsgefangene und Arbeitsmigranten oder Flüchtlinge. Den Landkomitees fiel das für die Kriegsgefangenen am leichtesten. Manchmal verlangten sie auch nur die gleiche Bezahlung der Kriegsgefangenen wie für einheimischen Landarbeiter, nicht aus Humanität, sondern zur Aufrechterhaltung des eigenen Lohnniveaus. Das Landwirtschaftsministerium gab bekannt, das 600.000 Kriegsgefangene in der Landwirtschaft tätig seien, vor allem im Süden. 127) Wanderarbeitern wurde der Zugang zur Erntearbeit verwehrt, dass brachte die Großgrundbesitzer in Schwierigkeiten. Wurden sie beschäftigt, so verlangten sie höhere Löhne. Konnten die Länder der Grundbesitzer nicht bearbeitet werden, war das ein Grund, ihre Beschlagnahme zu fordern, sie waren oft vom Land der Obschina umgeben. Bauern reduzierten die Pachtraten oder stellten sie ganz ein. Landwirtschaftliches Werkzeuge, Weide, Wälder, das Land der nicht zur Gemeinschaft gehörigen Bauern wurde beschlagnahmt. Besonders die Wälder waren 1917 Schauplatz eines erbitterten Partisanenkampfes, Feuerholz war angesichts des Mangels an Kohle und Öl wertvoll, vergeblich versuchten die Besitzer den Waldbesitz zu schützen. Die Bauern wussten das, mussten aber ihre dringendsten Bedürfnisse befriedigen. Dorfgemeinschaften enteigneten Grundbesitzer zu lächerlichen Preisen oder zahlten überhaupt nichts.

Die Gewalt erstreckte sich gegen die Grundbesitzer, ihre Verwalter, Priester, Mitglieder der Versorgungskommissionen. Man machte Haussuchungen und nahm Verdächtige fest. Wer es sich leisten konnte, ließ seinen Besitz durch Wächter beschützen, diese waren als erste Opfer von Gewalttaten, Hausangestellte wurden oft nicht geschont. Mit dem Einbringen der Ernte verstärkten sich die Gewalttaten.

Über die Aufteilung der Beute kam es oft zu Konflikten, zwischen Alten und Jugendlichen, zwischen Reichen und Armen. Manchmal versuchten die Popen die Zerstörungen zu verhindern, teilweise mit dem Erfolg, dass ihnen dann auch ihr eigenes Land weggenommen wurde. Oft gehörten sie aber auch zum Dorfkomitee und billigten die Enteignungen. Wie sich die Kulaken gegenüber der Landverteilung verhielten, ist unbekannt. Oft wurden die Einzelhofbesitzer gezwungen, in die Dorfgemeinschaft zurück zu kehren. Bauern desertierten im Sommer und Herbst 1917 massenhaft, das Gerücht ging um, wer nicht im Dorf sei, bekommen auch kein Land.

Die traditionelle Organisationsform des russischen Dorfes war die Dorfversammlung, sie wurde von allen Haushaltsvorständen besucht, im Krieg waren das viele Frauen. Im Frühjahr bildeten sich regionale 'Volkskomitees' die ihre Autorität aus den Dorfversammlungen ableiteten. Anfangs waren sie eher konservativ und wurden von der Dorfelite bestückt, Lehrer, Popen, Händler, Gastwirte, Intellektuelle, Kulaken; im Laufe des Jahres radikalisierten sie sich, Propagandisten – mehrheitlich Sozialrevolutionäre - besuchten die Dörfer, einige nannten sich in Sowjets um.

Städtische Sowjets schufen Bauernabteilungen, meist aus Gemeinschaften von immigrierten Bauern einer Gegend oder eines Dorfes oder den Bauern der Umgebung. Solche Sowjets aus Arbeitern, Soldaten und Bauern waren vor dem Oktober 1917 rar, man zählte später nur 99 auf verschiedenen Ebenen, besonders im Nordwesten und in Zentralrussland. 128)

Auf dem Land war die Zahl der Bauernsowjets noch geringer. Gab es auf Provinzebene im Oktober in 67 von 82 Provinzen und auf der Ebere der Bezirke in zwei Dritteln Sowjets, so waren sie auf der unteren Ebene der Ämter (Wolost) selten und in den Dörfern weitgehend unbekannt. 129) Dort dominierten die Dorfkomitees.

Tabelle 29: Durchschnittliche von Bauern bearbeitete Ackerfläche 1917 und 1919 130)

Ackergröße in Desjatinen 1917 1919
Landlose 11,5 % 6,6 %
1 - 4 57,6 % 72,2 %
5 - 9 24,8 % 19,7 %
> 10 5,1 % 1,5 %

Aus den in den vorangegangenen Jahren in die Stadt gezogenen Bauern bildeten die Bolschewiki Komitees der Dorf- oder Landsmannschaften. Über sie bekamen sie Kontakte ins Dorf. Sie forderten eine Beschlagnahme allen Landes und seine Übergabe an die Bauern ohne Kompensation. Bald hatten diese Komitees Mitglieder in mehr als 20 Provinzen und 40- bis 50.000 unter Arbeitern, Soldaten und Matrosen; sie schickten Tausende von Agitatoren in die Dörfer. Ihr Manifest endete mit den Worten: 'Proletarier aller Länder vereinigt euch. Lang lebe Land und Freiheit.' Daneben wurden bis Oktober wurden in der Zentralen Industrieregion 148 Rote Garden gegründet, 75 in den Dörfern, 73 in den Städten. Meist waren es industrielle Arbeiter auf dem Land, aber auch arme Bauern. Im Oktober erschien ihre Zeitschrift Derewenskaja Bednota. (Der Dorfarme) 131)

Das Land wurde 1917 verteilt, wenn auch nicht vollständig. Die Bauern hatten den Grundherren und Kulaken Land für deren eigene Bedürfnisse gelassen, oft durchaus die ergiebigsten Äcker. Der Zuwachs des Bauernlandes war unzureichend. Es fehlte an Zugtieren, Ackergeräten, Dünger. Resultat der Agrarbewegung 1917 war eine Nivellierung des Landbesitzes, es gab mehr Gleichheit, aber wenig Produktivität. Und mehr Produktivität war in dem ausgebluteten Land dringend notwendig.

Die Bewegung vollzog sich unabhängig von der Revolution in den Städten, aber beide Bewegungen beeinflussten einander wie kommunizierende Röhren. Am 26. Oktober veröffentlichte die Sowjetregierung das Dekret über das Land. Faktisch legalisierte es nur die bereits im Gang befindliche Agrarrevolution. Die Bolschewiki stahlen den Sozialrevolutionären ihre Kleider, das stimmt, aber Tschernow hatte sie in den sechs Monaten als Minister nie getragen…

Die der Gewalt entkommenen Großgrundbesitzer verbanden sich in den Provinzstädten mit den entmachteten Offizieren und sabotierten die Produktion, bald sollten sie auch den bewaffneten Widerstand organisieren.

Lenin drängt zum Aufstand

Die Rechtssozialisten waren in der Demokratischen Konferenz über ihre Politik hoffnungslos zerstritten. Lenin blieb über drei Monate, vom 6. Juli bis 25. Oktober in seinem Versteck, über Kuriere war er mit seiner Partei verbunden und verfolgte die Ereignisse durch die Presse. Seit Mitte September war ihm klar, dass die Möglichkeiten einer Machtübernahme herangereift waren und dass man sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen durfte. Der Sieg der Arbeiter in den Städten werde die Bauern mitreißen. In der Führung seiner Partei traf er auf erheblichen Widerstand.

Der erste Sowjetkongress hatte beschlossen, dass der folgende Kongress im September stattfinden solle. Angesichts des Verlustes der Mehrheit in Petrograd, Moskau und der Flotte suchte das alte ZEK einen neuen Kongress so lange wie möglich hinaus zu schieben.

Als Ersatz und als Gegensatz zur Moskauer Staatskonferenz berief das ZEK vom 14. bis 19. September die Demokratische Staatskonferenz ein. Sie sollte die Regierungsfrage beraten. Statt aber die Mehrheitsverhältnisse den neuen Gegebenheiten anzupassen, lud sie neben 300 Vertretern des alten gesamtrussischen Sowjets je 300 Vertreter der Genossenschaften und Stadtdumas, 200 Gewerkschaftler, je 150 der Armeekomitees und Semstwos, 100 Vertreter nationaler Minderheiten und 200 Repräsentanten kleinerer Organisationen zu dieser Veranstaltung ein. 132) Diese nicht gewählte Demokratische Konferenz sollte die sich gerade bildende neue Regierung legitimieren und ein Vorparlament wählen, dass als beratendes Gremium bis zum Zusammentritt der Konstituante fungieren sollte.

Die Zusammensetzung der Konferenz spiegelte die Linkswende in den Massen bewusst nicht wider. Bucharin spottete, diese Angestellten der Genossenschaften,

“…die von den wohlhabenden Bäuerlein zum Handel mit Seife und Heringen gewählt waren und keinerlei politische Mandate bekommen hatten, waren für den Bürger Zereteli genügend zuverlässig…„ 133)

Die Demokratische Konferenz wurde schließlich von 532 Sozialrevolutionären (davon 71 linken), 530 Menschewisten (davon 56 Internationalisten), 55 Volkssozialisten, 17 Parteilosen und 134 Bolschewisten besucht. 134)

Im Mittelpunkt der Diskussion der fast 2.000 Teilnehmer stand die Zusammensetzung der neuen Regierung. Die Abstimmungen brachten nur Verwirrung. In der ersten Abstimmung wurde mit 766 gegen 688 Stimmen bei 38 Enthaltungen das Prinzip einer Koalition mit der Bourgeoisie angenommen. Die Delegierten der Sowjets sowie der Gewerkschaften hatten überwiegend dagegen gestimmt. 135) Nur die Vertreter der Eisenbahner, Post- und Telegrafenangestellten, der Drucker, der Handels- und Gewerbeangestellten stimmten für die Koalition. Dann stimmte die Konferenz für den Ausschluss der Kadettenpartei aus einer Koalition. Somit hatte die Konferenz für eine Regierung mit der Bourgeoisie, aber ohne Kadetten gestimmt. 136) Die Situation war völlig verworren. Dann stimmten die Delegierten dem Vorparlament zu. Die Resolution war so zweideutig formuliert, dass sie die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit Vertretern der Bourgeoisie einschliesslich der Kadetten doch wieder einschloss. 137) Die Konferenz endete im Chaos, eine Handvoll nicht bekannter Vertreter sollten eine Lösung der Regierungskrise finden, die 2.000 Delegierte nicht erreichen konnten.

Bild 47: Der verkleidete Lenin
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Diese Delegation der Rechtssozialisten, Semstwos und Genossenschaften traf sich vom 22. bis 24. September mit Kerenski , den Kadetten und Persönlichkeiten der Wirtschaft. Die Rechtssozialisten standen vor der Alternative, entweder nachzugeben oder mit Kerenski zu brechen. Sie entschieden sich dafür einzuknicken. Man einigte sich mit den Kadetten darauf, das Vorparlament zu bilden als ein die Regierung beratendes Gremium. Am 24. September trafen sich die für das Vorparlament ausgewählten Vertreter und lehnten eine Resolution Trotzkis ab, der für die Bolschewiki eine 'wirklich revolutionäre Regierung' forderte, und stimmte für Zeretelis Vorlage, die eine neue Koalition mit der Bourgeoisie und den Kadetten billigte. 138)

Am 25. September konnte Kerenski schließlich die dritte Koalitionsregierung bilden. Es war die vierte Regierung in weniger als sieben Monaten, den Bürgerlichen war Kerenski zu sehr links, um tatkräftig gegen die Revolution zu kämpfen. Der Parteitag der Kadetten sprach der Regierung nicht das Vertrauen aus und empfahl, in die Opposition zu gehen. Trotzdem traten drei Kadetten, unter ihnen Aleksandr Konowalow als Vizepräsident und Handels- und Industrieminister dem Kabinett bei, dazu drei Menschewiki, der Sozialrevolutionär Semjon Maslow als Landwirtschaftsminister und mehrere Parteilose als 'letztes Aufgebot' Kerenskis. Gegen die Bolschewiki war sich das Kabinett einig, aber von einer Einheit von Kadetten, Sozialrevolutionären und Menschewiki konnte sonst keine Rede sein.

Lenin hatte vorgeschlagen, die Partei solle für die Demokratische Konferenz einen kurzen Aufruf verfassen, dass man handeln und nicht mehr Reden verfassen solle, die Konferenz verlassen und dann die ganze Fraktion in die Betriebe und Kasernen zur Agitation schicken solle, um den Aufstand vorzubereiten.

Die Fraktion der Bolschewiki auf der Konferenz beschloss, sich nicht zurück zu ziehen. Sie mobilisierte ihre Anhänger, Druck auf die Konferenz auszuüben, damit sie einen radikaleren Kurs einschlage. Lenin wertete diese Haltung als Ablehnung seiner Vorschläge. Die Fraktion stimmte auch mehrheitlich für die Beteiligung am Vorparlament. 139)

Das Vorparlament trat zusammen, auf der Sitzung am 5. Oktober fand sich außer Kamenew kein ZK-Mitglied, welches eine Teilnahme der Bolschewiki für sinnvoll erachtete. Es wurde entschieden, bei der Eröffnungssitzung aus dem Vorparlament auszuziehen . 140) Am 7. wurde das Vorparlament im Marienpalast feierlich eröffnet. Trotzki erklärte für die 53 Bolschewiki den Austritt. Das erregte großes Aufsehen, die Gerüchte über einen bolschewistischen Putsch wurden überall diskutiert. Mit zahllosen Artikeln und Briefen bombardierte Lenin seine Partei, den Aufstand vorzubereiten.

„Es kann keine Zweifel geben. Wir stehen an der Schwelle der proletarischen Weltrevolution.“ 141)

„Wenn wir mit einem Schlag die Macht sowohl in Moskau als auch in Petrograd ergreifen,… werden wir unbedingt und zweifellos siegen.“ 142)

„Lässt man diese Möglichkeit ungenutzt, so zeigt die ganze Entwicklung der Revolution… dass der schärfste Bürgerkrieg zwischen Bourgeoisie und Proletariat unvermeidlich wird. Die unabwendbare Katastrophe wird diesen Krieg näher bringen. Er wird… mit einem vollen Sieg der Arbeiterklasse enden müssen, die bei der Durchführung des dargestellten Programms von der armen Bauernschaft unterstützt wird, aber dieser Krieg kann sich als sehr schwer und sehr blutig erweisen, er kann Zehntausenden Gutsbesitzern und Kapitalisten und mit ihnen sympathisierenden Offizieren das Leben kosten. Das Proletariat wird keine Opfer scheuen, um die Revolution zu retten, die anders als durch das dargelegte Programm nicht gerettet werden kann…“143)

Dabei war er nicht einverstanden, den Aufstand an den zweiten Sowjetkongress zu binden. Da es nur ein schmales Zeitfenster gebe, sei Zögern gefährlich.

„Diese Aufgabe (der Machtergreifung, A.d.V.) unbedingt mit dem Sowjetkongress verbinden, sie diesem Kongress unterzuordnen,heißt mit dem Aufstand spielen,indem man seinen Zeitpunkt im voraus bestimmt, der Regierung die Bereitstellung von Truppen erleichtert und die Masse durch die Illusion irreführt, dass durch eine 'Resolution' des Sowjetkongresses eine Frage entschieden werden könne, die nur durch die Macht des aufständischen Proletariats zu entscheiden vermag.“ 144)

„Man darf nicht warten!! Man kann alles verlieren!! … Wenn wir die Macht ergreifen, dann ergreifen wir sie nicht gegen die Sowjets, sondern für sie… Eine Verzögerung der Aktion bedeutet den Tod. 145)


Mit zunehmender Sorge beobachtete er den Widerstand des rechten Flügels in der Parteiführung.

„Man muss aussprechen was ist, … dass bei uns im ZK und in den Parteispitzen eine Strömung oder Meinung existiert, die für das Abwarten des Sowjetkongresses, gegen die sofortige Machtergreifung, gegen den sofortigen Aufstand ist. Diese Strömung oder Meinung muss niedergekämpft werden….
Den Sowjetkongress 'abwarten' ist vollendete Idiotie, denn das heisst Wochen verlieren. Wochen oder sogar Tage entscheiden jetzt alles.“ 146)

Lenin musste sich fast wir zur Zeit seiner Rückkehr im Frühjahr fühlen, wo er seiner Partei zur Annahme der Aprilthesen gedrängt hatte. Mehrmals drohte er mit seinem Austritt aus dem Zentralkomitee, um an der Basis gegen die widerspenstige Führung zu kämpfen. Wieder veröffentlichte die Parteizeitung nur Teile seiner Artikel.

Auf der ZK-Sitzung vom 15. September trafen Briefe Lenins 'Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen' ein. Kamenew schlug vor, die Vorschläge Lenins abzulehnen, Straßendemonstrationen seien zur Zeit unstatthaft. Seine Resolution wurde abgelehnt. Angenommen wurde stattdessen Stalins Entschliessung, die Briefe an die wichtigsten Parteiorganisationen zur Diskussion zu verschicken . 147)

In der Parteiführung drängte vor allem das Petersburger Komitee und der Parteisekretär des Wiborger Bezirks Latsis in die gleiche Richtung wie Lenin. Kerenski würde seine Macht niemals freiwillig abgeben. Die Frage war der richtige Zeitpunkt des Aufstandes. Ein geeigneter Zeitpunkt wäre der bevorstehende zweite allrussische Sowjetkongress im Oktober, der mit Sicherheit - nach den Siegen bei den Rätewahlen in den Hauptstädten und der Armee - den Machwechsel bestätigen würde. Warte man länger, so würde sich die unhaltbare ökonomische und militärische Situation verschlimmern.

Sinowjew meinte, es gäbe keine revolutionäre Stimmung unter den Arbeitern. Er tendierte dazu, die endlich für den November einberufene Konstituierende Versammlung abzuwarten. Sie würde mit Sicherheit für eine revolutionär-demokratische Regierung stimmen und für einen friedlichen Übergang der Macht garantieren. Somit sei eine gewaltsame Machtübernahme unnötig und risikoreich, sie würde potentielle Verbündete verschrecken und zum Bürgerkrieg führen. Die Parteilinke argumentierte, der Bürgerkrieg sei sowieso nicht zu vermeiden, ob die Konstituante zusammentreten werde, sei sehr unsicher. 148)

Auf der allrussischen Konferenz der Fabrikkomitees wurde diese Frage breit diskutiert. Trotzkis Rede unterstützte den Aufstand:

„Man kann die historische Entwicklung nicht künstlich auf den friedlichen Weg lenken. Wir müssen das erkennen und uns offen sagen, dass der Bürgerkrieg unvermeidlich ist. Es ist notwendig, ihn im Interesse der Arbeiterklasse vorzubereiten, das ist der einzige Weg, ihn weniger blutig und schmerzhaft zu machen. Man kann dieses Ergebnis nicht durch Schwanken und Zögern erreichen sondern nur durch hartnäckigen und mutigen Kampf um die Macht. Dann ist es möglich, dann gibt es eine Chance, dass die Bourgeoisie zurück weicht. Durch nachgiebiges Schwanken erreicht man nur das Gegenteil. Wir können es uns nicht erlauben, die Arbeiterklasse durch Schwanken zu demoralisieren.“ 149)

Die linken Sozialrevolutionäre unterstützten diese Position. Mit 53 gegen fünf Stimmen und neun Enthaltungen wurde die Resolution angenommen.

„Die Regierung der konterrevolutionären Bourgeoisie zerstört das Land, sie hat … ihre völlige Unfähigkeit gezeigt, den Krieg zu führen, den sie nur hinzieht, um die Revolution zu ersticken. Sie tut nichts für den Kampf gegen den wirtschaftlichen Niedergang – im Gegenteil, ihre gesamte Wirtschaftspolitik ist darauf gerichtet, den Niedergang zu verstärken, um die Revolution sterben zu lassen und unter dem wirtschaftlichen Ruin zu begraben. Die Rettung der Revolution und das Ziel für die arbeitenden Massen kann nur im Übergang der Macht in die Hände des Rates der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte liegen. 150)

Dutzende von Vollversammlungen in den Fabriken unterstützten die Forderung, die Zustimmung war eindeutig. Am 22. Oktober unterstützten 30.000 Arbeiter auf einer Versammlung am Volkshaus diese Entschliessung. Führende bolschewistische Redner wirkten in diesem Sinne, fast täglich sprach Trotzki im Zirkus Modern und elektrisierte die Zuhörer.

Es gab Zögernde, die an die Julitage erinnerten. Novaja Schisn beschwor die Niederlage der Pariser Kommune. 151) Aber die Arbeitermassen schienen kampfbereit, der Einfluss der Anarchisten stieg wieder, in Moskau war die Stimmung noch kämpferischer.

Dabei gab es unter den Befürwortern des Aufstandes Differenzen. Während Lenin ohne Verzögerung direkt den Aufstand forderte, waren andere ZK-Mitglieder für eine bessere Ausnutzung der taktischen Vorteile.

„Trotzki war der gleichen Meinung wie Lenin, … dass eine revolutionäre Situation nicht unbeschränkt lange anhalten könne, dass die enttäuschten Massen bald wieder in Gleichgültigkeit verfallen würden, dass die dadurch geschwächte revolutionäre Partei von der Konterrevolution geschlagen oder verdrängt werden würde; dass schließlich die Bourgeoisie einen Separatfrieden mit Deutschland schließen und Russland 'ein halb imperialistisches und halb koloniales Land' bleiben würde. In einem Punkt war Trotzki anderer Meinung als Lenin. Er wollte der Aktion einen defensiven Charakter verleihen; die Intervention der Truppen und der Roten Arbeitergarden sollte nur zur Verteidigung des Sowjetkongresses erfolgen. Lenin fragte misstrauisch: 'Aber werden sie uns nicht zuvorkommen?' Lenin war der Meinung, man solle offen die Initiative ergreifen. Er fürchtete, dass die Konterrevolution jeden Augenblick die Initiative an sich reißen könne: 'Sie werden uns überraschen und überwältigen', sagte er.“ 152)

Am 10. Oktober kam Lenin ohne Erlaubnis der Parteiführung heimlich und verkleidet nach Petrograd, um auf der ZK-Sitzung den Aufstandsbeschluss durchzusetzen. Die Sitzung fand in der Wohnung des abwesenden Menschewiken Suchanow statt, dessen Frau Bolschewistin war. Nur zwölf der 21 Mitglieder waren anwesend. Lenin wiederholte seine Positionen, er schlug vor, den am nächsten Tag beginnenden Sowjetkongress der Nordregion als Ausgangspunkt für die Machtübernahme zu nutzen.

Sinowjew und Kamenew widersprachen mit Sicherheit, aber ihre Beiträge wurden nicht protokolliert. Sie betonten, die Arbeiterklasse könne die Revolution nicht aus eigener Kraft zu Ende führen. Dafür sei die Haltung des Kleinbürgertums entscheidend, es habe sich beim Kornilow-Putsch auf die Seite der Bolschewiki gestellt, im Moment stehe es der Bourgeoisie näher. Die Mehrheit der Arbeiter und großer Teil der Soldaten seien gewonnen, fänden gegenwärtig die Wahlen zur Konstituante statt, so würde die Mehrheit der Bauern für die Sozialrevolutionäre stimmen und die Soldaten, die jetzt die Bolschewiki unterstützten, 'würden weglaufen', falls die Bolschewiki gezwungen seien, einen revolutionären Krieg zu führen. Nichts spreche dafür, dass eine Revolution in Russland die Unterstützung der Arbeiter in anderen Ländern gewinnen könne, es gebe Unruhen in Deutschland und Italien, aber bis zu aktiver Unterstützung sei es ein weiter Weg. Sollten die Bolschewiki eine Niederlage erleiden, so wäre das ein gewaltiger Rückschlag für die Revolution auch im Ausland. Erst der tatsächliche Ausbruch der Revolution in Europa könne die russische Revolution erfolgreich machen, dieser Zeitpunkt sei noch nicht gekommen.

Lenin übertreibe die Stärke der Bolschewiki und die Schwäche Kerenskis masslos. Die Arbeiter und Soldaten fieberten dem Kampf nicht entgegen, die auf Seiten der Regierung stehenden Soldaten sei den eigenen deutlich überlegen. Jetzt müsse man sich mit 'den Schwarzhundertschaften plus Kadetten, plus Kerenski und Provisorischer Regierung, plus Zentralem Exekutivkomitee sowie Sozialrevolutionären und Menschewiki messen' und wäre sicherer Verlierer.

Kamenew und Sinowjew empfahlen, statt des Kurses auf den Aufstand in der Konstituante zur stärksten Kraft zu werden. Zusammen mit den Sowjets würden die Bolschewiki dort so stark sein, dass die Gegner Zugeständnisse machen müssten. Ansonsten würden sie in Gefahr sein, einem Mehrheitsblock aus Bolschewiki, linken Sozialrevolutionären, parteilosen Bauernvertretern usw. gegenüber zu stehen, der das bolschewistische Programm verwirkliche. Lenins Kurs setze des Proletariat einem Angriff aller konterrevolutionären Kräfte im Bündnis mit der kleinbürgerlichen Demokratie aus. 153)

Möglicherweise hätten Sinowjew und Kamenew eine größere Zustimmung gewonnen, aber bei dieser ZK- Sitzung fehlten ihre Anhänger Miljukow, Rykow und Nogin. Lenins Resolution wurde mit zehn gegen zwei Stimmen angenommen. 154) Am 10. Oktober wurde der Aufstand beschlossen, die Differenzen waren damit nicht überwunden, ein Aufstandstermin wurde nicht festgelegt.

Eine Woche später veröffentlichen Kamenew und Sinowjew ihre Ablehnung des Aufstandes in Novaja Schisn:

„Nicht nur ich und Sinowjew, sondern eine Reihe von Genossen, von Praktikern meinen, die Ergreifung der Initiative zum bewaffneten Aufstand würde in diesem Moment, unter dem gegebenen Verhältnis der gesellschaftlichen Kräfte, unabhängig vom Sowjetkongress und einige Tage vor seiner Eröffnung, ein unzulässiger und für das Proletariat und die Revolution katastrophaler Schritt… 155)

Aber der Aufstand ist nach Marx' Worten, eine Kunst. Und deshalb glauben wir, dass es unter den gegenwärtigen Umständen unsre Pflicht ist, uns gegen den Versuch einen Aufstand auszulösen auszusprechen, der zu einer Niederlage verdammt ist und in seiner Folge die zerstörerischsten Konsequenzen für die Partei, das Proletariat, die Zukunft der Revolution haben wird… Unsere Partei ist zu stark, hat eine zu große Zukunft, um einen so verzweifelten Schritt zu gehen.“ 156)

Das war eine Kriegserklärung an Lenin und die ZK-Mehrheit. Am 20. Oktober tagte in Abwesenheit Lenins wieder das ZK. Lenins Resolution, den Aufstand einzuleiten, wurde mit 20 gegen drei Stimmen und drei Enthaltungen angenommen. Kamenew erklärte seinen Rücktritt aus dem ZK, der gebilligt wurde. Kamenew und Sinowjew wurden aufgefordert, öffentliche Stellungnahmen zu unterlassen, Lenins Forderung nach ihrem Parteiausschluss wurde nicht behandelt. Ein Militärisches Revolutionszentrum aus Swerdlow, Stalin, Bubnow, Uritzki und Dserschinski wurde eingerichtet. 157)

Das entscheidende Aufstandsorgan aber wurde vom Petrograder Sowjet geschaffen. Am 12. Oktober beschloss seine Exekutive, ein neues Revolutionäres Militärkomitee (RMK) einzusetzen. Die Bolschewiki Antonow-Owsejenko, Podwoiski und Sadowski und die Linken Sozialrevolutionären Lasimir und Sucharkow bildeten das Büro. 158) Zu seinem Vorsitzenden wurde der erst 18 Jahre alte Lasimir gewählt. Insgesamt sind 66 Mitglieder bekannt, davon 48 Bolschewiki, 14 linke Sozialrevolutionäre und vier Anarchisten. 159) Das RMK setzte die fast unblutige Machtübernahme durch, Lenin legte die Strategie fest, Trotzki setzte die energische Umsetzung durch.

Vor der Machtprobe

Am 23. September musste das ZEK dem Druck nachgeben und den zweiten Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte für den 20. Oktober einberufen, um ihn dann noch einmal auf den 25. zu verlegen.

Im Herbst stand Russland vor der gewaltigen Aufgabe, die drängenden politischen und wirtschaftlichen Fragen zu lösen. Neben der unaufschiebbaren Versorgungskrise und der Wirtschaftslage mussten die Ursachen für diese Krise angegangen werden: Die Frage des Friedens, der Verteilung des Landes, der Macht in den Betrieben und das Problem der nationalen Minderheiten.

Für die Verteidigung der alten Ordnung waren die Großgrundbesitzer, deren Enteignung im Gange war und die sich in die Provinzstädte flüchteten. Hier trafen sie auf die Offiziere, die bereit waren, neue Strukturen zu schaffen, um die Revolution zu bekämpfen. Selbstverständlich hatten sie die Unterstützung der orthodoxen Kirche. Die Armeeführung suchte ihre Macht zu halten, die ihr recht schnell aus den Händen glitt. Die Unternehmer, die sich kaum noch als Herren im eigenen Haus fühlten, suchten ebenfalls nach Mitteln, ihre Herrschaft zu sichern.

Die Staatsbürokratie verteidigte die alten Strukturen ebenfalls. Nur die einfachen Angestellten und Bediensteten, die Büroboten, Fahrer etc. zeigten eine schüchterne Sympathie für die Revolutionäre. Die Angestellten der Post, der Telefonzentralen, Banken und der Geschäftsleitungen der Privatbetriebe wollten keine Veränderung, abgesehen von den am schlechtesten bezahlten Gruppen, die wie die einfachen Beamten reagierten. Das gleiche Bild zeigte sich bei den Semstwo- und Stadtverwaltungen. Die Eisenbahner waren gespalten: Während das fahrende Personal staatstreu war, unterstützten die Arbeiter der Werkstätten die Revolution.

Karte 18: Nordwestrussland

Kerenski und seine Provisorische Regierung schafften es kaum noch, sich gegen die immer stärker auseinander driftenden Kräfte der Gesellschaft durchzusetzen. Ihre Macht lag in Trümmern, Kerenskis martialische Reden entlarvten sich mit schwindender Macht als hohle Phrasen. Die Kadetten waren sich völlig uneinig, ob sie zur Gegenrevolution übergehen sollten oder aus Furcht vor dem Bürgerkrieg nicht doch noch Kerenski stützen sollten.

Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre waren die einzigen verbliebenen politischen Stützen Kerenskis. Sie wollten ein Bündnis mit den Bürgerlichen aufrecht erhalten, aber da die Kadetten nach rechts abdrifteten, suchten sie nach neuen Partnern im bürgerlichen Lager, die es aber nicht gab. Die linken Flügel beider rechtssozialistischen Parteien saßen zwischen den Stühlen: Sie zögerten, mit den bürgerlichen Parteien zu brechen, waren für die Beendigung der Zusammenarbeit mit den Kadetten und traten für eine Koalitionsregierung aller sozialistischen Parteien einschließlich der Bolschewiki ein.

Die Bolschewiki hatten mit Sicherheit die Mehrheit der Arbeiter Petrograds, Moskaus, des Zentralen Industriegebiets, Nordwestrusslands, des unbesetzten Baltikums und des Donezbeckens hinter sich sowie die Mehrheit in vielen Industriestädten. In der Hauptstadt verfügten sie über 20.000 Rotgardisten, mit den Soldaten der Garnison fast 150.000 Bewaffnete. 160) Neben den Garnisonssoldaten konnten sie sich auf die Matrosen der Baltischen Flotte stützen, auf die Soldaten in Finnland und eine unklare Mehrheit der Nord- und Westarmee. In den anderen Armeen war der Widerstand nicht so weit entwickelt. Die Stimmung der Fronttruppen war unklar, die Berichte widersprüchlich.

Die Bauern waren im Herbst mit der Agrarrevolution beschäftigt, um für eine der städtischen Parteien Partei zu nehmen, aber mittelfristig musste man einen Modus vivendi mit ihnen finden.

Die große Mehrheit der bolschewistischen Partei war für die Machtergreifung, ohne oder mit Unterstützung des Sowjetkongresses. Sie war sich bewusst, dass dies zu Gewalt bis hin zum Bürgerkrieg führen könne. Die 'rechte' Minderheit um Kamenew und Sinowjew fürchtete die Isolierung, sie war für eine Koalition mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären.

Das RMK leitete die technischen Vorbereitungen des Aufstandes, in den Bezirken wurde die Hauptarbeit dafür geleistet. Der Petrograder Sowjet propagierte die Verteidigung der revolutionären Errungenschaften, nicht den Kampf für den Sozialismus. Mit dieser Taktik gelang es ihm, zögernde Arbeiter und Soldaten auf seine Seite zu ziehen.

In den nächsten Tagen musste der Aufstand beginnen, sonst verstrich die Zeit und die kampfbereiten Massen resignierten. Die Umstände waren günstig, ein Sieg aber war keinesfalls sicher.

Die Erstürmung des Himmels

Vom 25. bis 27. Oktober fand die Eroberung der Macht statt, die Kämpfe konzentrierten sich um das Gebiet des Winterpalais im Zentrum. Die wenigen Verteidiger Kerenskis leisteten nur noch geringen Widerstand. Der gleichzeitig tagende zweite Sowjetkongress legitimierte die neue Regierung Lenins. Mit dem Dekret über den Frieden und die Übergabe des Landes an die Bauern begann eine neue Ära für Russland.

Vom 11. bis 13. Oktober fand der regionale Sowjetkongress des nördlichen Gebiets statt. Die Bolschewiki hatten die Mehrheit der Delegierten. 161) Ursprünglich wollte Lenin den Kongress für den Umsturz nutzen, da sich die Zusammenkunft des zweiten Sowjetkongresses noch bis zum November verzögern konnte. Das RMK entschied sich trotzdem, den Sowjetkongress abzuwarten.

Die Arbeiter der Hauptstadt sahen in der Machtübernahme der Sowjets die einzige Möglichkeit, die Krise in ihrem Sinne zu lösen. Am 11. Oktober verabschiedete die Belegschaft der Putilow-Werke eine Resolution mit ihren Forderungen:

“1. Wir Arbeiter der Putilow-Werke fordern die Übergabe aller Macht an die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten.
2. Wir fordern Vorfrieden an allen Fronten.
3. Wir fordern den Vorschlag eines Friedens auf demokratischen Prinzipien an alle kriegsführenden Mächte.
4. Wir fordern die sofortige Übergabe des Bodens der Gutsbesitzer, des Kronen- und Apanagenbesitzes, der Kirche an die Bauernkomitees. 162)
6. Wir fordern des sofortigen Zusammentritt des Allrussischen Sowjetkongresses.
7.Wir fordern die sofortige Freilassung aller von den Regierungskommissaren verhafteten Mitglieder der Bauernkomitees.
8. Wir fordern die Freilassung aller politischen Häftlinge, welche aus Anlass des 3. bis 5. Juli verhaftet wurden und nun in den republikanischen Gefängnissen schmachten.
9. Wir protestieren gegen das Herausziehen von Truppen der Petrograder Garnison, fordern, dass die Petrograder Garnison mit Waffen aller Art ausgerüstet wird und verlangen die Bewaffnung der gesamten revolutionären Arbeiterklasse zur Abwehr der inneren Feinde der Revolution, sowie gegen den äußeren Feind, den deutschen Kaiser.
10. Und wir schließen uns vollinhaltlich allen Entschließungen der Sowjets an.
Es leben die Sowjets! Alle Macht den Sowjets!“
163)

Bild 48: Der Haupteingang des Smolny
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Am 22. Oktober ernannte das RMK drei Kommissare für die Leitung des Petrograder Militärbezirks. Da der Kommandeur des Militärbezirks diese nicht anerkannte, wandte sich das RMK an die Bevölkerung und die Garnison, sie solle nur noch von den Kommissaren gegengezeichnete Befehle anzuerkennen. Befolgte die Garnison sie, konnte das RMK die Provisorische Regierung militärisch lahmlegen.

Ein strategisch wichtiger Punkt Petrograds war die Peter- und-Pauls-Festung gegenüber dem Winterpalais. Dort lag eine den Bolschewiki feindliche Radfahrereinheit sowie eine Artillerietruppe. Das RMK beriet, wie man die Festung knacken könne. Antonow-Owsejenko wollte sie gewaltsam erobern, aber Trotzki ging in die Festung, forderte eine Soldatenversammlung und überzeugte die Besatzer durch seine Rede und seinen Mut. Das Waffenarsenal der Festung ermöglichte die großzügige Ausrüstung der Roten Garden.

Am 23. Oktober beschloss die Provisorische Regierung, gewaltsam gegen das RMK vorzugehen. Zuverlässige Truppen von der Front wurden angefordert, die Offiziersschüler in Kampfbereitschaft versetzt, die bolschewistischen Zeitungen sollten ausgeschaltet und die nach den Juliereignissen wieder Freigelassenen erneut festgenommen werden. Die Bahnhöfe und die Newabrücken sollten besetzt werden. Der Besatzung des zur Reparatur in Petrograd ankernden Panzerkreuzers Aurora wurde befohlen, wieder aufs Meer auszulaufen. Dem Smolny wurden die Telefonverbindungen gekappt.

- Dienstag, 24. Oktober

Um 5 Uhr 30 dringen Offiziersschüler in die Druckerei der Bolschewiki ein, zerstören die Druckplatten und beschlagnahmen 8.000 Exemplare des Rabotschi Put.

Das ZK der Bolschewiki tagt, es will Einzelheiten des Aufstandes beschließen. Lenin ist abwesend, dafür meldet sich der ausgetretene Kamenew zurück. Verschiedene Mitglieder sollen mit den linken Sozialrevolutionären, den Eisenbahnern, den Arbeitern der Post- und Telegrafenämtern Kontakt halten. Dem ZK geht es darum, Kerenskis Aktionen zu neutralisieren und den Zusammentritt des Sowjetkongresses zu gewährleisten.

Als die Nachrichten von den beunruhigenden Truppenbewegungen eintreffen und die Arbeiter der Trud- Druckerei die Nachricht von der Schließung der Zeitung bringen, versammeln sich im Smolny die Mitglieder des RMK. Trotzki, Lasimir, Swerdlow, Antonow-Owsejenko, Podwoiski und Laschewski und versetzen die Regimenter und Roten Garden in Alarmbereitschaft. Gleichzeitig treffen immer mehr Delegierten zum bevorstehenden Sowjetkongress ein, es zeichnet sich ab, dass Bolschewiki und linke Sozialrevolutionäre genügend Stimmen für die Ablösung des alten ZEK und die Bildung einer Sowjetregierung zusammen bekommen würden. Kerenski Schlag bedroht das Zusammentreten des Kongresses, ein Schlag gegen die Linke könnte die solide Mehrheit des Kongresses zerstören. Zwei Regimenter werden beauftragt, die Druckerei wieder zu öffnen und das Erscheinen der Zeitung zu sichern. Gegen neun Uhr vertreiben sie die Regierungstruppen, lösen die Siegel und kurze Zeit später erscheint Rabotschi Put wieder.164) Das RMK dementiert, eine Machtübernahme durchzuführen.

Kerenski verbringt am Vormittag des 24. große Zeit damit, die Heranführung loyaler Truppen von der Front zu beschleunigen und befiehlt die Ablösung der Kommissare des RMK. Im Laufe des Vormittags wird deutlich, dass die überwiegende Mehrheit der Truppen dem Befehl nicht folgt. Die 500 Matrosen der Besatzung der Aurora verweigert den Befehl, nach der Reparatur auszulaufen und bleibt mit dem Kreuzer in der Newamündung. Einige von Kerenski herbeigerufene Einheiten erklärte, sie verweigerten den Befehl, andere Einheiten werden von Unterstützern des RMK am Ausrücken behindert. Wie in der Kornilow-Krise werden die Eisenbahnen blockiert bis die Soldaten geloben, das RMK zu unterstützen. 165) Am Mittag meldet sich das neu geschaffene Frauenbataillon mit knapp 200 Soldatinnen am Winterpalais zum Dienst. Jetzt sind gut 2.000 Offiziersschüler aus Peterhof, Oranienbaum und Gatschina am Winterpalais versammelt.

Am Nachmittag mobilisiert Kerenski das Vorparlament für die Regierung. Es soll seine letzte Rede auf russischem Boden sein. Das Vorparlament debattiert weiter, ob man Kerenski unterstützen solle, ein großer Teil verweigert die Unterstützung, die Menschewiki-Internationalisten und linken Sozialrevolutionäre sprechen gegen ihn, während Dan ihn unterstützt. 166) Mit 123 gegen 106 Stimmen bei 26 Enthaltungen entzieht das Vorparlament der Regierung die Unterstützung. 167) In der sozialrevolutionären Fraktion des Sowjetkongresses verfügt die Linke über eine komfortable Mehrheit. Die Fraktion beschliesst das Ziel einer 'homogenen sozialistischen Regierung'. 168)

Am Abend treffen immer beunruhigendere Nachrichten im Generalstab ein. Beim Versuch, die Brücken zu sperren, gibt es Widerstand. Das Radfahrer-Bataillon erklärt am Nachmittag, dass es nicht weiter auf seinem Posten bleiben werde. Stattdessen übernimmt es die Kontrolle über das Telegrafenamt. Eine Einheit von Offiziersschülern versucht am Abend vergeblich das Telegrafenbüro zurück zu erobern. Antonow-Owsejenko fordert die zugesagte Unterstützung der Sowjettruppen aus Kronstadt und Finnland an. 169)

Noch bleiben die meisten der Soldaten, Matrosen und Roten Garden, die sich dem RMK unterstellten, in ihren Kasernen und Betrieben. Es finden dort Versammlungen statt, die den Kurs auf die Sowjetregierung bestätigten.

Lenin hält sich auf Anweisung des ZK in Wiborg verborgen. Jetzt scheint die Möglichkeit am größten, die Macht zu ergreifen. Wenn erst der Sowjetkongress zusammengetreten ist und eine bestenfalls unentschlossene sozialistische Koalition gebildet hat, ist die Chance vorbei. Am Abend entschliesst sich Lenin, das Verbot zu missachten und begibt sich in den Smolny. Die Machtfrage muss sich in der Nacht entscheiden. 170)

Am Nachmittag, als die Brücken hochgezogen werden sollen, werden Schulen und Büros geschlossen, die Straßenbahnen werden eingeschränkt, mehrere Geschäfte machen zu. Durch die Hauptstraßen fahren Lastautos und werfen Flugblätter unter die Menge.

„Die Stadt ist ruhig, das Leben normal. Was vorgeht, interessiert nur die Arbeiterklasse, die Garnison, die Phantomregierung; die bürgerlichen Kreise sind eher zufrieden, da sich die Situation klärt, sie hoffen auf eine kräftige Revanche. In den Hauptstraßen drängt sich die übliche Menge, die Verwaltung, die Schulen, die Theater funktionieren, die Läden sind geöffnet, die Schieber vom Schwarzmarkt sind ebenfalls in Aktion; die Nachtklubs empfangen ihr Offizierspublikum, man amüsiert sich. Grauer Regen hüllt die Stadt ein.
Das Smolny-Institut liegt gut zwei Kilometer vom Zentrum entfernt… Der Smolny ist der Mittelpunkt einer anderen Stadt. Der Smolny liegt an der breiten Newa, dessen Wasser trüb dahinfließt. Auf dem anderen Ufer liegen die die Arbeitervororte Ochta und der Bezirk Wiborg, der zur Festung geworden ist. Die angrenzenden Straßen verlaufen gradlinig, wirken bescheiden, sogar ärmlich. Hier versammeln sich die Männer mit den Schirmmützen, die in ganzen Fabrikbelegschaften herbeigeströmt sind, und Truppen-Abordnungen. Im bereits kalten Herbstregen herrscht hier ein Gewimmel merkwürdig ernster Menschen. Eine anscheinend chaotische Aktivität, die in Wirklichkeit von unzähligen Initiativen gesteuert wird, herrscht in dem Gebäude
(des Smolny, A.d.V.). Man stellt Maxim-Maschinengewehre auf. Man bringt Waffen und verteilt sie. Die Schreibmaschinen hämmern Mandate, Befehle, Passierscheine, Botschaften. Die Treppen sind schmutzig. Erschöpfte Männer schlafen neben ihren Gewehren unter den Lüstern der weißen Säulenhallen… 171)

Die Wachen des Smolny versuchen, die Menschenflut zu kontrollieren. Da weder Lenin noch seine Begleiter Passierscheine haben, drücken sie sich in eine Gruppe von Ankömmlingen und kommen ins Gebäude. 172) Dem RMK ist immer noch nicht klar, wie weit es gegen Kerenski gehen kann. Immer noch fürchtet es, zu weit zu gehen und die Unterstützung der Massen zu verlieren. Die Ankunft Lenins erhöht den Druck, offensiver vorzugehen.

- Mittwoch, 25. Oktober

Der von Antonow-Owsejenko ausgearbeitete Aufstandsplan gehr davon aus, der Gegner werde Widerstand leisten, doch der Widerstand bleibt aus. Der Plan besteht darin, dass die baltischen Matrosen sich vom Finnischen Bahnhof aus in Wiborg mit den dortigen Roten Garden vereinigen. Von dort aus soll sich der Aufstand auf die anderen Bezirke ausbreiten, die Brücken besetzten und im Zentrum den endgültigen Schlag führen. Die Zusammenziehung der Truppen für den Angriff verzögert sich, so dass der Sturm erst in der folgenden Nacht erfolgen kann. 173)

Um zwei Uhr morgens besetzt eine Einheit des RMK den Nikolajewski-Bahnhof, der den Verkehr nach Moskau sicherstellt. Das Hauptpostamt sowie das Elektrizitätswerk werden eingenommen, den Regierungsgebäuden wird der Strom abgedreht. Gegen 3 Uhr 30 ankert die Aurora vor der Nikolai-Brücke. Um 6 Uhr erfolgt die Besetzung der Staatsbank, eine Stunde später die des Telefonamtes. Um acht Uhr wird der Warschauer Bahnhof besetzt, über den die Truppentransporte von der Front kommen müssen. 174)

Bild 49: Der 'Sturm' auf das Winterpalais

Der Machtbereich der Regierung beschränkt sich jetzt auf das Winterpalais, den Schlosspalast, den gegenüber liegenden Generalstab und die Admiralität. Im Winterpalais tagt das Kabinett, Kerenski, der Generalstab und die Minister müssen hilflos mit ansehen, wie eine Schlüsseleinrichtung nach der anderen fällt. Immer mehr Einheiten der Offiziersschüler und des Frauenbataillons verkünden, dass sie nicht gegen die Soldaten der Garnison kämpfen wollen, man beruhigte sie, dass jeden Moment Fronttruppen kommen würden. Die Kosaken werden in einem verzweifelten Appell mobilisiert. Als sie nachfragen, ob es Infanterie gebe und eine unbefriedigende Antwort bekommen, lässt sich die Mehrheit der Kosaken vernehmen, dass sie nicht die Absicht habe, als lebende Zielscheibe zu dienen. 175) Der Kommandant des Militärbezirks erklärt Kerenski, dass er praktisch keine Truppen mehr zur Verfügung habe.

Kerenski sieht seine einzige Chance, Truppen herbei zu führen, in seiner persönlichen Intervention an der Front. Er übergibt Konowalow die Regierung und reist ab. 176) Da die Bahnhöfe von den Einheiten besetzt sind, muss er sich von der US-amerikanischen Botschaft zwei Automobile leihen, mit denen er unter der amerikanischen Fahne gegen elf Uhr aus der Stadt flieht. Auf den Straßen wird bereits die Erklärung des RMK über seinen Sturz verbreitet.

Am Morgen treffen am Finnischen Bahnhof die angeforderten Soldaten und Matrosen aus Helsingfors ein, am Mittag die Schiffe aus Kronstadt, fast 4.000 Kämpfer, am 28. kommen noch einmal 3.000. 177) Die Provisorische Regierung hat nur noch 1.000 bis 2.000 Soldaten zur Verfügung. 178)

Im Smolny tagt des ZK der Bolschewiki, Lenin, Trotzki, Stalin, Smilga, Miljutin, Sinowjew, Kamenew und Bersin sind anwesend. Es bereitet die politische Machtübernahme vor. Lenin entwirft das Manifest über den Sturz der Regierung. Lenin ist es wichtig, die Macht vor Zusammentritt des Rätekongresses zu erringen. In einer Sitzungspause schlägt ein Mitglied vor, eine Liste der Regierungsmitglieder aufzustellen. Man findet, dass man sich von den Namen 'Provisorische Regierung' und 'Minister' unterscheiden müsse, man einigt sich auf einen 'Rat der Volkskommissare' und für 'Volkskommissare' statt der Minister.

„Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees, übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Petrograder Garnison steht.
Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer am Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung - sie ist gesichert.
Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!
Das Revolutionäre Militärkomitee beim Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten
25. Oktober 1917, zehn Uhr morgens. 179)

Ein Kommissar des RMK erscheint im Telefonamt und verfügt, dass der Smolny wieder als Telefonnetz angeschlossen wird. Dafür wird die Verbindung des Winterpalais gekappt. Eine Einheit von Offiziersschülern versucht einen Gegenangriff, er wird ohne Verluste zurück geschlagen. Die Regimenter werden in Kampfbereitschaft versetzt, der Smolny wird militärisch befestigt. Am Smolny bilden sich Schlangen, um Anweisungen für Waffen zu bekommen.

Als die Brücken hochgezogen werden, dringen bewaffnete Einheiten zu den Brücken vor und versuchen sie zu öffnen. Einige Brücken werden mehrmals hintereinander geschlossen und wieder geöffnet. Die 'Aurora' bekommt vom RMK den Befehl, die Nikolai-Brücke für den Verkehr offen zu halten. Die Offiziersschüler verschwinden vor den anrückenden Matrosen.

Im Kresty-Gefängnis werden die letzten gefangenen Revolutionäre, unter ihnen Roschal, befreit. Die gefangenen Offiziere werden zum Smolny gebracht. Viele werden auf ihr Ehrenwort unter der Auflage entlassen, nichts mehr gegen die Sowjetmacht zu machen. Sie hatten mit dem Schlimmsten gerechnet, und sind völlig erstaunt, an ihr Versprechen halten sie sich allerdings nicht.

Am Marienpalast beginnen Sowjettruppen mit der Abriegelung des Vorparlaments. Ein Kommissar des RMK dringt mit Soldaten ins Gebäude ein und überreicht dem Präsidenten den Auflösungsbefehl, dann verlassen die Abgeordneten unter Protest den Marienpalast. 180) Das Hotel Astoria, in dem sich ein Offizierskorps eingerichtet hat, wird besetzt.

Gegen 14 Uhr 30 tagt eine außerordentliche Sitzung des Petrograder Sowjets. Trotzki erklärt, die Provisorische Regierung habe aufgehört zu existieren und verkündet die Besetzung der Bahnhöfe und wichtigen Ämter. Der Winterpalais sei noch nicht eingenommen, sein Schicksal werde gerade entschieden. Als Lenin im Saal erscheint, wird er mit donnerndem Applaus begrüsst. Er erklärte, die Massen würden selbst die Staatsmacht schaffen, die im Endergebnis zum Sieg des Sozialismus führen werde.

„Wir haben jene Kraft der Massenorganisation, die alles besiegen und das Proletariat zur Weltrevolution führen wird. In Russland müssen wir jetzt den Aufbau des proletarischen sozialistischen Staats in Angriff nehmen. Es lebe die sozialistische Weltrevolution! 181)

Die wenigen anwesenden Menschewiki ziehen sich aus der Exekutive des Petrograder Sowjets zurück.

Die Angreifer ziehen den Ring um das Schloss und den Schlossplatz enger. Am Mittag haben Matrosen das Gebäude der Admiralität besetzt. Die Einnahme des Winterpalais wird immer wieder verschoben. Der Schlossplatz ist von den Offiziersschülern verbarrikadiert worden. Vereinzelte Gewehrsalven werden abgefeuert, doch die Schützen ordnen sich dem Befehl, nicht zu schießen, unter. Um 18 Uhr wird es dunkel, es nieselt und wird kalt. Im Smolny ist vor allem Lenin ungeduldig, die Eröffnung des Sowjetkongresses verzögert sich.

Es gibt Probleme mit der Organisation. Erst verzögert sich die Ankunft der Matrosen aus Helsingfors. Dann sind die Kanonen der Peter-und-Pauls-Festung defekt. Als Signal des Angriffs soll eine rote Laterne aufgehängt werden, erst findet man keine, dann kann man sie nicht ausreichend sichtbar befestigen. Das RMK will die Regierung zur Kapitulation bringen, um Blut zu vermeiden.

Nach Kerenskis Flucht versammelt Konowalow die Minister. Hilflos erörtern sie, dass sie nichts mehr unternehmen können. In den nächsten Stunden führten sie eine sinnlose wirre Diskussion, Kommandanten werden abgesetzt und ernannt, die 'Entmachteten' gehen teilweise einfach nach Hause. Um 18 Uhr 20 schickt Antonow-Owsejenko ein Ultimatum, um 19 Uhr 10 werde das Feuer eröffnet. Die Minister beschließen, das Ultimatum zu ignorieren; sie fühlen sich verpflichtet, bis zum Ende auszuharren. Die Regierung schickt über eine noch funktionierende Verbindung eine Notdepesche ans russische Volk ab. Sie erreicht Bürgermeister Schreyder, der die Stadtduma einberufen hat.

Die Stadtduma beschliesst, alle Mitglieder sollen zum Winterpalais ziehen, um die Bereitschaft zu zeigen, mit der Regierung zu sterben. Den 300 bis 400 Demonstranten schließt sich die Exekutive des Bauernsowjets an. Nach wenigen hundert Metern wird der Zug gestoppt, unter Protest werden die Stadtverordneten zur Umkehr gezwungen. 182)

Die Palast gleicht einer Kaserne, überall auf den Parkettböden lagern Soldaten. Gegen 20 Uhr rücken 200 Kosaken ab und gehen in ihre Kaserne zurück. Um 21 Uhr feuert die Aurora einen Blindschuss ab, sein Donner erschüttert die ganze Stadt. Von der gegenüber liegenden Festung wird scharf geschossen, ein Schuss schlägt im Raum über den tagenden Ministern ein. Gegen 22 Uhr verlässt die Hälfte der Offiziersschüler das Schloss. Der gesamte Ostflügel des Gebäude ist schutzlos. Gruppenweise dringen die Angreifer ins Gebäude ein. Die Minister hören Schüsse und Schreie. Der Kommandant versichert gegen ein Uhr, die Eindringlinge seien zurückgeschlagen worden. Es ist unklar, wer welchen Teil des weitläufigen Palastes beherrscht.

Gegen zwei Uhr hören die Minister den Lärm näher kommen. Die Minister sitzen um einen Tisch, plötzlich wird die Tür aufgerissen, ein kleiner Mann, es ist Antonow-Owsejenko, stürzt mit Soldaten herein und erklärt die Minister für verhaftet. Als die Eindringling hören, dass Kerenski entkommen sei, wollen Soldaten die Minister erschießen. Antonow verhindert das und lässt die Minister in die Peter-und-Pauls-Festung abführen. Da kein Auto zu finden ist, werden sie durch eine drohende Menge zu Fuß über die Newa eskortiert, die sie zu lynchen droht, die Schüsse eines Maschinengewehrs retten sie. Glücklich erreichen sie ihre Zelle. 183) Im Gegensatz zu den späteren heroischen Berichten wird das Winterpalais nicht im Sturm genommen.

Die Arbeiter brauchen nicht auf die Straße zu gehen, um einen Aufstand zu machen, den Soldaten wird das Verlassen der Kasernen sogar untersagt. Der Aufstand läuft rein militärisch ab, die Fabriken und Kasernen haben trotzdem enge Verbindungen zu den Bezirksstäben. Die Bürgerlichen erwarteten Barrikaden, Feuerbrände, Plünderungen, Ströme von Blut. Tatsächlich herrscht Stille, schrecklicher als aller Donner. Lautlos verschiebt sich der soziale Boden, wie eine Drehbühne im Theater. 184) Beim Angriff auf den Winterpalais sterben fünf Matrosen und ein Soldat, bei den Verteidigern wahrscheinlich niemand. 185)

Der zweite Sowjetkongress

Inzwischen haben sich immer mehr Delegierte des zweiten allrussischen Sowjetkongresses im Smolny eingefunden. Eigentlich soll er um 14 Uhr beginnen, er wird immer wieder verschoben. Das Bild des Kongresses ist ein anderes: überwogen auf dem ersten Kongress im Juni noch die intellektuellen Führer, so dominiert jetzt das Grau der Arbeiter und Soldaten.

Tabelle 30: Zusammensetzung der allrussischen Sowjetkongresse im Juni und Oktober 1917 186)

Partei Juni Oktober
Menschewiki 266 34,2 % 80 11,3 %
davon: Vaterlandsverteidiger - 36 5,5 %
Menschewiki-Internationalisten - 33 5,1 %
Bund 10 1,2 % 11 1,7 %
rechte Sozialrevolutionäre 305 37,1 % 93 14,4 %
linke Sozialrevolutionäre - 98 15,2 %
Vereinigte Sozialdemokraten 42 5,1 % 16 2,5 %
Bolschewiki 105 12,8 % 338 52,2 %
Sonstige 104 12,5 % 23 3,5 %
total 822 648

Bei der Mandatsprüfung melden sich bis zum Abend etwa 650 Delegierte, die Vertreter aus Südrussland sind noch nicht vollzählig. Die Delegiertenstatistik wird überraschend sorgfältig geführt. 402 lokale Sowjets sind vertreten, 505 der Teilnehmer sind von ihren entsendenden Räten auf die Parole 'Alle Macht den Sowjets' verpflichtet,worden. 86 Delegierte vertreten die Forderung 'Alle Macht der Demokratie', also einer Koalitionsregierung. 21 Delegierte sind auf eine Regierung mit den Kadetten festgelegt. 187) Nur 55 Delegierte vertreten die alte Politik der Koalition mit der Bourgeoisie.

Im Juni waren 105 Delegierte Bolschewiki, jetzt sind es 338, ihre Zahl hat sich verdreifacht. Dafür ist die menschewistische Fraktion auf über ein Drittel geschrumpft. Auch die sozialrevolutionäre Vertretung ist um ein Drittel zurück gegangen, die Partei hat sich faktisch gespalten, die linken Sozialrevolutionäre haben mehr Delegierte als die rechten.

Um 22 Uhr 40 wird der Sowjetkongress schließlich vom Menschewisten Fjodor Dan eröffnet. 14 Bolschewiki, sieben linke Sozialrevolutionäre sowie drei Menschewiki werden ins Kongresspräsidium gewählt, wobei die Menschewiki ihren Platz nicht einnehmen. Das alte ZEK unter Dan, Liber und Gots räumt die Tribüne, unter donnerndem Applaus nehmen Trotzki, Kollontai, Lunatscharski, Sinowjew, Kamkow, Spiridonowa und die anderen ihre Plätze ein, Kamenew übernimmt den Vorsitz. Wie um die Bedeutung des Augenblickes zu unterstreichen, dröhnen gleichzeitig die Salven der Aurora.

Martow empfiehlt die Einstellung des Angriffs, die Bildung einer sozialistischen Koalition und eine Vermittlung. Die Mehrheit der Delegierten unterstützt ihn, sein Vorschlag wird einstimmig angenommen. 188) Danach erheben sich mehrere Redner der Rechtssozialisten und prangern die Politik der Bolschewiki an. Sie entfachen einen Proteststurm, die Redner werden niedergeschrien, der Saal kocht. Die rechten Menschewiki und Sozialrevolutionäre erklären, den Saal zu verlassen. Deren Delegierte beschließen, sich der Demonstration der Stadtduma anzuschließen, um gegen die Gewalt gegen die Provisorische Regierung zu protestieren. Unter den Rufen 'Deserteure' und 'Lakaien der Bourgeoisie' verlassen sie den Smolny.

Durch den Auszug erleichtern sie es den Bolschewiki, eine Alleinregierung zu bilden. Zahlreiche Redner verurteilen die Haltung der Rechtssozialisten. Dann fordert Martow für die Menschewik-Internationalisten die Bildung einer demokratischen Regierung auf breiter Grundlage und verurteilt den Staatsstreich der Bolschewiki. 189) Trotzki erklärt, es handele sich um eine Revolution der arbeitenden Massen, der Soldaten und der Bauern und um keinen Putsch. Mit dem kläglichen Haufen der Davongelaufenen brauche man keine Verständigung.

„Jenen, die weggegangen sind… müssen wir antworten: Ihr seid armseligeEinzelkämpfer, ihr seid Bankrotteure, eure Rolle ist ausgespielt; geht dorthin, wohin ihr von nun an gehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte!“ 190)

Martow verlässt mit Anhängern ebenfalls den Saal. Kamkow für die Linken Sozialrevolutionäre erklärte, sie blieben, man solle aber eine Verständigung mit den gemäßigten demokratischen Elementen suchen.

Inzwischen hat der Marsch der Stadtduma mit dem Fiasko geendet. Es ist jetzt weit nach Mitternacht. Die ausgezogenen Sowjetgruppen rufen zur Bildung eines Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution auf. Neben den rechten Sozialrevolutionären und Menschewiki treten ihm die Volkssozialisten, die Jedinstwo-Gruppe und die Mehrheit der Petrograder Stadtduma bei.

Im Smolny berichtet Kamenew von der Verhaftung der Minister. Vertreter von Regimentern erklären ihre Loyalität. Lunatscharski verliest die Erklärung, die Macht im Land sei in die Hand des Sowjets der Arbeiter-, Soldaten und Bauerndeputierten übergegangen. Er fordert zur Verteidigung der Revolution gegen die Reaktionäre auf. Um 5 Uhr morgens wird die Resolution mit überwältigender Mehrheit angenommen; zwei Delegierte stimmen dagegen, zwölf enthalten sich. Ein nebliger, grauer Morgen bricht an. Die Delegierten verlassen den Smolny im Bewusstsein, der Geburt einer neuen Ära beigewohnt zu haben. 191)

- Donnerstag, 26. Oktober

Am Morgen erwacht die Stadt, alles ist ruhig. Die Straßenbahnen fahren, die Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, nur die Banken bleiben geschlossen. Die Zeitungen berichten vom Sturm auf das Winterpalais und der Verhaftung der Regierung, als sei das eine flüchtige Episode. Kerenski sei ins Hauptquartier gereist, an der Front werde über das Schicksal der Regierung entschieden. Die Stadt schwirrt von Gerüchten, die Mauern sind von Plakaten überschwemmt. Die Beamten sabotieren die neue Macht. Erregt wird die Flucht Kornilows diskutiert.

Im Smolny tagen die neuen Institutionen. Hier werden Waffen angefordert, Gefangene eingeliefert, die beschlagnahmten Waffen angeliefert. Automobile beschlagnahmt. Das Smolny ist Fabrik, Bahnhof und Kraftzentrale der Revolution. Der Bezirk ist ein großes Feldlager, Passierscheine werden kontrolliert. Das RMK arbeitet in Permanenz. Überall hin werden Kommissare geschickt, die Kontrolle über die Stadtmiliz wird übernommen. Die Armee wird aufgefordert, RMKs zu bilden. An die Kosaken wird ein Aufruf verabschiedet, dass nur das Land der Großgrundbesitzer unter den Kosaken beschlagnahmt werden soll, die einfachen Kosaken sollten Räte bilden und sich mit Arbeiter, Soldaten und Bauern vereinen. 192)

In der Stadtduma wird das Komitee zur Rettung des Vaterlandes aktiv. Sein Aufruf warnt vor dem Bürgerkrieg und fordert die Bevölkerung auf, die neue Regierung nicht anzuerkennen. Das ZEK des ersten Sowjetkongresses, die Partei der Sozialrevolutionäre, die Menschewisten, Volksrevolutionäre und die Jedinstwo-Gruppe unterzeichnen den Aufruf. Die Führung der Eisenbahnergewerkschaft Wikschel schliesst sich an. Die Kadetten beteiligten sich nicht am Komitee.

Die bürgerlichen Zeitungen verdammen den Umsturz, Rabotschi Put erscheint wieder unter dem Namen Prawda, sie fordert zur Verteidigung Petrograds und zur Entwaffnung der Konterrevolution auf.

Um 21 Uhr wird die Sitzung des Sowjetkongresses unter dem Vorsitz von Kamenew fortgesetzt. Die Todesstrafe an der Front wird abgeschafft, die Agitationsfreiheit in vollem Umfang wieder hergestellt, die festgenommenen Mitglieder der Landkomitees sollen aus dem Gefängnis entlassen werden. Die Kommissare der Provisorischen Regierung werden abgesetzt, gegen Kerenski und Kornilow wird ein Haftbefehl erlassen. Lenin redet zur Friedensfrage, er wird mit Beifallsstürmen begrüsst. Da die Protokollantinnen und Protokollanten verschwunden sind, wird außer in Zeitungsberichten nichts aufgezeichnet. Lenin richtet einen Appell an alle kriegsführenden Völker nach schnellen Friedensverhandlungen ohne Annexionen und Kontributionen, die Abschaffung der Geheimdiplomatie und die Veröffentlichung der Geheimverträge.

„Der Friedensvorschlag wird auf den Widerstand der imperialistischen Regierungen stoßen. Wir machen uns darüber keine Illusionen; aber wir hoffen auf den baldigen Ausbruch der Revolution in allen kriegsführenden Ländern. Das ist der Grund, weswegen wir uns an die Arbeiter Frankreichs, Englands und Deutschlands im besonderen wenden…“ 193)

Der Appell an die Völker und Regierungen der Welt wird einstimmig angenommen. Die Versammlung singt begeistert die 'Internationale'.

Bild 50: Der erste Rat der Volkskommissare

Lenin verliest das Dekret über den Boden.

„Hier werden Stimmen laut, das Dekret selbst und der Wählerauftrag seien von den Sozialrevolutionären abgefasst worden. Sei's drum. Es ist einerlei, von wem sie abgefasst worden sind; als demokratische Regierung können wir einen Beschluss der Volksmassen nicht umgehen, selbst wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären. Wenn die Bauern das Dekret in der Praxis anwenden und an Ort und Stelle durchführen, so werden sie in der lebendigen Wirklichkeit selbst erkennen, wo die Wahrheit liegt.“ 194)

Die Bauern erhalten durch das Dekret 150.000 Quadratkilometer Land. Das Dekret über den Boden wird um zwei Uhr morgens gegen eine Stimme angenommen, acht enthalten sich. 195)

Dann verliest Kamenew das Dekret über die Bildung der neuen Regierung, 'Rat der Volkskommissare' genannt, in russischer Abkürzung Sownarkom.

Kamenew liest den Entwurf der Mitglieder des Rates der Volkskommissare vor. Der Sowjetkongress und sein Zentral-Exekutivkomitee (ZEK) kontrollieren die Regierung. Lenin wird Vorsitzender, Rykow Volkskommissar für Inneres, Miljutin für Landwirtschaft, Nogin für Handel und Industrie, Trotzki für Auswärtige Angelegenheiten, Lomow für Justiz, Stalin für die Nationalitäten. Das Volkskommissariat für Krieg und Marine wird kollektiv von Antonow-Owsejenko, Krylenko und Dybenko geführt. Für das Departement der Arbeit wird Schljapnikow in Aussicht genommen, die Volksbildung soll Lunatscharski leiten, Teodorowitsch muss sich um die Ernährung kümmern, der Arbeiter Glebow bekommt die Verantwortung für das Post- und Fernmeldewesen. Das Volkskommissariat für das Eisenbahnwesen wird nicht besetzt, es soll eine Verständigung mit dem Wikschel geben. 196)

Der Vertreter des Wikschel verurteilt die Machtübernahme. Die Eisenbahner werden die konterrevolutionären Truppen nicht durchlassen. Wenn das Sownakom aber gegen das Wikschel vorgehen solle, würden die Eisenbahner die Lebensmittelzufuhr unterbrechen. Andere Vertreter der Eisenbahner widersprechen ihm.

Der ehemaliger Bolschewist Awilow, betont, das Getreide sei in den Händen der wohlhabenden Bauern, man müsse eine Koalitionsregierung bilden, mit der die Kulaken sympathisieren würden, um die Versorgung zu sichern. 197) Auch ein Sprecher der Linken Sozialrevolutionäre fordert eine Koalition; der Bruch sei keine Schuld der Bolschewiki, die Koalition sei notwendig, ohne sie sei das entworfene Programm nicht durchführbar. Die Linken Sozialrevolutionäre verstünden sich als Vermittler, deshalb träten sie nicht ins Sownarkom ein. Die Position der Linken Sozialrevolutionäre ist widersprüchlich, denn andererseits arbeiteten sie im RMK am Umsturz. Trotzki:

„Wer dem Schatten einer Koalition nachjagt, isoliert sich völlig vom Leben. Die linken Sozialrevolutionäre werden die Stütze in den Massen verlieren, wenn es ihnen einfallen sollte, unserer Partei entgegenzuwirken. Jede Gruppe, die sich in Gegensatz stellt zur Partei des mit der Dorfarmut verbundenen Proletariats, isoliert sich von der Revolution.“ 198)

Die Mitglieder des Rates der Volkskommissare werden mit großer Mehrheit bestätigt.

Am Ende des Sowjetkongresses wird ein neues Zentrales Exekutivkomitee (ZEK) gewählt. Von den 101 Mitgliedern sind 62 Bolschewiki, 29 Linke Sozialrevolutionäre, sechs Menschewiki-Internationalisten, drei ukrainische Sozialisten und ein Sozialrevolutionär-Maximalist. Zum Vorsitzenden des ZEK wird Kamenew gewählt. 199) Am 27. Oktober um 5 Uhr 15 wird der Kongress geschlossen. In drei Monaten soll ein neuer Kongress einberufen werden. Eine entscheidende Etappe der Revolution hat begonnen.

Die Durchsetzung der Revolution

Die Pariser Kommune hatte die Herrschaft drei Monate inne. Der bolschewistischen Regierung wurde von fast allen Kommentatoren nicht mehr Lebenszeit prognostiziert. Sie hatte sich vom ersten Tage ihrer Existenz an heftigst ihrer Haut zu wehren. Durch geschicktes Taktieren gelang es ihnen, die rechten Sozialisten zu isolieren und sie zwischen den Konterrevolutionären und der Sowjetmacht zu zerreiben.

Die rechten Sozialrevolutionäre zogen auf dem Sowjetkongress aus und beschlossen, ihren linken Flügel, der auf dem Kongress verblieben war, aus der PSR auszuschließen. Damit war die Partei der Linken Sozialrevolutionäre (LSR) entstanden, die sich um eine Koalition aller revolutionären Parteien bemühte und wenige Wochen später der Sowjetregierung beitrat.

Am 25. Oktobers erreichte Kerenski das Hauptquartier der Nordarmee in Pskow. Auch hier hatte der Sowjet ein RMK gebildet und überwachte die Aktionen des Generalstabes. Als Kerenski eintraf, erklärte ihm der Kommandeur der Nordfront, er könne für Kerenskis Sicherheit nicht garantieren und erklärte, er könne keine Soldaten zur Verfügung stellen. 200) Kerenski traf mit General Krasnow zusammen, dem Kommandeur eines Kavalleriekorps, der sich bereit erklärte, gegen Petrograd zu marschieren. Er hatte nur etwa tausend Kosaken unter seinem Kommando, leichte Artillerie und einen Panzerzug. Am 27. Oktober besetzten seine Einheiten Gatschina, warteten auf Verstärkung und wollten von hier in die Hauptstadt vorstoßen. Am 28. vertrieb Krassnow die Rotgardisten aus Zarskoje Selo, die Garnison mit 16.000 Mann beobachtete das neutral. Am nächsten Tag zog Kerenski auf einem Schimmel unter Glockengeläute in Zarskoje Selo ein.

Bild 51: Faksimile des Dekrets über den Boden
Die Nachricht des Eintreffens der Truppen von Krasnow verbreitete sich in Windeseile in Petrograd. Die Arbeiter bewaffneten sich wieder, Agitatoren wurden Putschisten entgegen geschickt, die Baltische Flotte, finnische und lettische Regimenter wurden mobilisiert. Offiziersschüler besetzten am Morgen des 28. das Telegrafenamt, die Telefonzentrale, das Hotel Astoria und die Staatsbank. Meldungen wurden verbreitet, Kerenskis Truppen hätten Zarskoje Selo genommen, am folgenden Tag werde er in Petrograd einmarschieren. Bei den Geschäftsleuten wurde Geld für einen Fonds gesammelt, um den gegen die Bolschewiki streikenden Angestellten ihr Gehalt zu erstatten. 201) Der Boykott der Regierungsangestellten wurde befolgt.

In Petrograd gab es eine Vielzahl von Organisationen gegen die Oktoberrevolution, aber mit nur wenigen Anhängern. Da sich nur Offiziersschüler dem Aufstand anschlossen, waren deren Truppen in hoffnungsloser Minderheit. Ohne Mühe konnten am 29. die Positionen der Offiziersschüler zurück erobert werden. Über hundert Soldaten und Rotgardisten wurden bei der Eroberung des Telegrafenamtes erschossen, die erregten Eroberer töteten mehrere Verteidiger. Die Offiziersschulen kapitulierten kampflos. Mit Mühe wurden die Telefonverbindungen wieder hergestellt, das Gros der Telefonistinnen verließ mit den Besatzern das Gebäude, mit den ungewaschenen Proletariern wollten sie im Gegensatz zu den feschen Offizieren nichts zu tun haben. Von Süden her hörte man den Donner der Kanonen.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober lehnte das Wikschel die ausschliesslich bolschewistische Regierung ab. Es erbot sich als Vermittler zwischen Sowjetregierung und dem Komitee zur Rettung des Vaterlandes und wollte eine rein sozialistische Regierung. Für den 29. berief es eine Konferenz ein und drohte mit einem Eisenbahnerstreik, falls die Verhandlungen erfolglos bleiben würden. Die Bolschewiki erklärten sich bereit, an der Konferenz teilzunehmen. 202)

Die entscheidende Schlacht fand am 30. Oktober auf den Pulkowo-Höhen 20 Kilometer südlich der Hauptstadt statt. Die Verteidiger waren mit 12- bis 15.000 Mann zehnfach überlegen, aber schlechter bewaffnet; beide Seiten hatten hohe Verluste. Da die neutrale Garnison in Zarskoje Selo möglicherweise den Rückzug nicht deckte, zog sich Krassnow zurück, das brach den Mut der Kosaken. Matrosen mischten sich unter die Kosaken und zersetzten sie. Am 1. November erschien Dybenko bei den Kosaken und überredete sie zum Rückzug. Sie waren bereit, sich unter Straffreiheit zurück zu ziehen und Kerenski auszuliefern, der aber tauchte rechtzeitig unter. 203) Krasnow wurde verhaftet und im Smolny nach seinem Ehrenwort, nicht wieder gegen die Sowjetmacht zu kämpfen, freigelassen. Er schuf bald eine weiße Organisation am Don. 204) Die militärische Bedrohung war erst einmal abgewendet.

Der zweite Sowjetkongress forderte die Räte auf, überall die Kommissare der Provisorischen Regierung abzusetzen und die Macht zu übernehmen. Über tausend Agitatoren wurden nach ganz Russland geschickt. Die Machteroberung in Moskau war für den Sieg entscheidend.

Hier hatten innerhalb der bolschewistischen Partei die sogenannten Rechten um Rykow eine Mehrheit; sie suchten die Verständigung mit den rechtssozialistischen Parteien. Die Vorbereitungen der Machtübernahme erst getroffen, als die Nachrichten von der Revolution in Petrograd eintrafen.

Im Arbeiterrat hatten die Bolschewiki die Mehrheit, im Soldatenrat dominierten die Sozialrevolutionäre. Am 25.Oktober stimmte das vereinigte Plenum des Arbeiter- und Soldatenrates mit 394 zu 106 für die Unterstützung der Revolution. 205) Er wählte ein RMK, an dem die Menschewiki sich erst beteiligten und drei Tage später wieder austraten. Die Sozialrevolutionäre traten nicht bei, ihr Bürgermeister Rudnew - unterstützt von der Stadtduma - übernahm stattdessen die Führung eines Komitees der öffentlichen Sicherheit, das eng mit dem Militärkommandanten kooperierte.

Eine Konferenz der Garnison war mit 116 gegen acht Stimmen für den Aufstand, kein einziges Regiment stellt sich auf die Seite der Provisorischen Regierung. 206) Am 27. standen sich beide Lager kampfbereit gegenüber.

Der Kreml befand sich in der Hand bolschewistischer Truppen, um den Kreml herum standen Offiziersschüler. Sie beherrschten das Zentrum der Stadt und verhinderten die Verbindung der Kremlbesatzung mit den Roten in den Vorstädten. Auf Seiten der Revolutionäre standen geschätzt 50.000 Arbeiter und Soldaten mit der Artillerie, 50.000 verhielten sich neutral, 10.000 Offiziersschüler und Freiwillige kämpften auf der anderen Seite.207) Da der Kommandant des Kreml von den revolutionären Truppen abgeschnitten war, akzeptierte er die Kapitulation unter der Bedingung des freien Abzugs der Besatzer. Als die Weißen eindrangen, erschossen sie eine Anzahl von roten Soldaten.

Wie 1905 standen die Roten in den Vororten. Eine Woche lang dauerten die Kämpfe, wie 1905 benutzten Angreifer die Guerilla-Taktik; Truppen aus Petrograd kamen zu Hilfe, aus Iwanowo stieß Michail Frunse mit 2.000 Rotgardisten hinzu. 208) Langsam wurden die Offiziersschüler zurück gedrängt; diesmal setzten die Roten Artillerie ein. Am 30. Oktober erreichten Vertreter des Wikschel einen Waffenstillstand. Am 1. November wurde das Stadtzentrum eingenommen, die Kanonen der Roten richteten sich auf den Kreml, der am 2. November in einem Überraschungsangriff genommen wurde. Das Komitee für öffentliche Sicherheit kapitulierte und löste sich auf, die Offiziersschüler durften abziehen. 500 Soldaten und Rotgardisten waren auf der Seite der Sieger gefallen, sie wurden mit einer riesigen Demonstration an der Kremlmauer auf dem Roten Platz begraben. Gegen die Beschießung des Kreml protestierte der Volkskommissar für Volksbildung Lunatscharski und trat zeitweise zurück.

Moskau war die einzige Stadt in Zentral- und Nordrussland, in dem es zu militärischen Kämpfen kam. In Städten und Regionen mit einer langen Kampftradition, die sozial relativ homogen waren wie Iwanowo, Kostroma oder den Bergbaustädte des Urals, gewannen sie Bolschewik rasch die Macht. Wenn sie im Sowjet keine Mehrheit hatten, stützten sie sich auf die Fabrikkomitees. Hier wurden auch Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Maximalisten, sogar rechte Menschewiki in die Exekutive aufgenommen.

In Großstädten und Regionen wie Kasan, Samara, Saratow, Nischni Nowgorod usw., die sozial weniger homogen waren und wo die Bolschewiki nicht die Mehrheit hatten, stellten die Rechtssozialisten weiter die Exekutive. Die Bolschewiki stützten sich auf die Betriebskomitees und die Garnison. Als die Bolschewiki hier die Mehrheit gewannen, blieben die Rechtssozialisten eine gewisse Zeit eine starke Opposition im Sowjet. Erst später wurden sie ausgeschlossen. In mittleren Städten ohne große Industrie wie Kursk, Woronesch oder Tambow, den sibirischen Städten entsprang die Initiative zur Machtübernahme oft den Linken Sozialrevolutionären, die Bolschewiki hatten nur eine Minderheit im Sowjet. Wenn die ein antikommunistisches Komitee zu gründen drohten, erzwangen Soldaten die Auswechselung der Führung. Gab es Probleme, riefen die Bolschewiki Hilfe von außerhalb.

In Rostow, der Hauptstadt des Gebiets der Don-Kosaken, konnten die zaristischen Autoritäten zeitweise überleben. Unter der Führung des Generals Kaledin sammelten sich die Anhänger der Gegenrevolution, Weiße genannt. Auch Kornilow und andere Generäle flohen hierhin und bauten eine Freiwilligenarmee auf.

In der Ukraine setzten sich die Sowjetmacht nur teilweise durch. Das politische Schwergewicht lag bei der Ukrainischen Zentralrada mit ukrainischen Sozialrevolutionären und ukrainischen Menschewiki. Erst im September war ein ukrainischer Sowjet gegründet worden, der neben der Rada nur eine geringe Bedeutung hatte. Im Oktober kam es zu zeitweiser Zusammenarbeit der ukrainischen Bolschewiki und den nationalen sozialistischen Parteien der Rada gegen die Provisorische Regierung. Der Kiewer Arbeiterrat wählte ein Revolutionskomitee, das den Anschluss an die Sowjetmacht proklamierte.

Solange die Provisorische Regierung existierte, stellte sich die Rada auf die Seite der Bolschewiki. In den Sowjets von Charkow, Lugansk und Jekaterinoslaw schufen die Bolschewiki mit anderen linkssozialistischen Parteien Revolutionskomitees, welche die Macht übernahmen. Im Ganzen war die Situation völlig unklar, Sowjets, Rada, Dumas und verschiedene Komitees bestanden nebeneinander und schlossen wechselnde Koalitionen. 209) Mit dem Sieg der Sowjetmacht in Russland zerbrach diese fragile Konstruktion.

Am 18. Dezember kam ein allukrainischer Rätekongress zustande; die Anhänger der Rada gewannen die Mehrheit, Bolschewiki und LSR verließen ihn und versammelten in Charkow mit dem Kongress des Donez- und Krivoy Rog-Gebiets einen neuen allukrainischen Kongress, der sich zur vorläufigen Arbeiter- und Bauernregierung der Ukraine erklärte. In den folgenden Wochen begann der Bürgerkrieg zwischen Roter Armee, den Truppen der Rada und die anschließende deutsche Besatzung.

Bild 52: Gemälde Boris Kustodie: Der Bolschewik

Im Hauptquartier in Mogilew weigerte sich der Oberkommandierende, die Autorität der Sowjetregierung anzuerkennen. Das Gesamt-Armeekomitee versuchte vergeblich, eine Gegenregierung unter Tschernow einzusetzen. In der Nord- und Westarmee gewann die Sowjetregierung schnell die Mehrheit. An der Südwest- und Rumänienfront waren die Kräfte der Rada stärker. In beiden Armeen weigerte sich eine starke Minderheit, die neuen Machtverhältnisse anzuerkennen. Im Kongress der Kaukasischen Armee siegten die Bolschewiki, mussten sich aber gegen den menschewistischen Sowjet des Kaukasus-Gebiets behaupten. 210)

Als das Sownarkom den Oberkommandierenden Duchonin aufforderte, Waffenstillstands-Verhandlungen anzubahnen, weigerte er sich und wurde von den Armee-Kommissaren abgesetzt. Der Fähnrich Nikolai Krylenko wurde zu seinem Nachfolger ernannt. Am 20. November kam Krylenko mit seinen Truppen im Mogilew an und besetzte die Stadt widerstandslos. Duchonin wurde gefangen, die Soldaten forderten seinen Tod, Krylenko sprach sich gegen Lynchjustiz aus, als er weg war, töteten ihn seine Soldaten.

Das Hauptquartier wurde von einem Provisorischen Revolutionskomitee übernommen. Am 1. Dezember kam eine Verordnung zur Demokratisierung der Armee heraus, Offiziere sollten gewählt werden, alle Ränge und Abzeichen wurden abgeschafft. Am 11. Dezember trafen sich 24 Repräsentanten der Fronttruppen mit Ausnahme der rumänischen und kaukasischen Front und bestätigten die Zentrale der Armee und Flotte mit Krylenko als Oberkommandierendem. Die Armee schmolz dahin, die Soldaten gingen nach Hause.

Die Bauernsowjets waren organisatorisch unabhängig, ihre Exekutive hatte eine sozialrevolutionäre Mehrheit und wandte sich gegen das Sownarkom. Da inzwischen die Linken Sozialrevolutionäre der Sowjetregierung beigetreten waren, beschloss der zweite allrussische Bauernkongress im Dezember die Verschmelzung mit dem ZEK des Arbeiter- und Soldatenkongresses, die rechten Sozialrevolutionäre verließen den Kongress. 211)

Unter den Petrograder Arbeitern waren die Gegner der neuen Regierung schwach. Zur ihr zählte die Führung der Gewerkschaft der Drucker und die der Kartonage-Arbeiter. Die Staatsdruckerei druckte einen Aufruf Kerenskis, die Bolschewiki ließen die Druckerei besetzten und die Druckplatten zerstören, dagegen streikten 60 bis 90 Arbeiter. 212)

Unter den Eisenbahnern war die Gegnerschaft bedeutender, die Arbeiter der Depots unterstützten die Sowjetregierung, die Beschäftigten auf den Strecken lehnten sie ab. Das Problem der Gegner und des Rettungskomitees war, dass Kerenski sehr schnell die Unterstützung der weißen Generäle suchte, mit denen sie kein Bündnis wollten.

Die stärkste Oppositionsgruppen unter den Lohnabhängigen waren die eng mit der 'demokratischen Intelligenz' verbundenen Angestellten und Beamten. Verschiedene Angestellten-Gewerkschaften, die der Journalisten, Lehrer, Ingenieure, Büroangestellten usw. lehnten die Revolution ab und spalteten sich bald. 213)

Die Mehrheit der Arbeiter begrüsste den Aufstand. Das waren vor allem die Arbeiter der Maschinenbau-Industrie Wiborgs, aber auch die der Staatsfabriken, einst Hochburg der Vaterlandsverteidiger. Druckereibelegschaften protestierten gegen die feindliche Haltung ihrer Gewerkschaftsführung. Bald übernahmen die Menschewiki-Internationalisten die Druckergewerkschaft, später konnten die Bolschewiki die Mehrheit erringen. 214)

In den Fabriken gab es hitzige Diskussionen, vor allen die Menschewiki-Internationalisten und die Linken Sozialrevolutionäre agitierten für eine sozialistische Koalitionsregierung bis hin zu den Volkssozialisten. Novaja Schisn schrieb:

„Gegenwärtig kann eine reine Sowjetregierung nur bolschewistisch sein. Aber mit jedem Tag wird es deutlicher, dass die Bolschewiki nicht regieren können – sie geben Dekrete wie warme Semmeln heraus und können sie nicht durchsetzten. Warum soll nicht eine Regierung unterstützt von den breiten Massen der Arbeiter und Soldaten regieren? Die Bolschewiki sagen: wegen der Sabotage der Intelligenz, die die patriotischen Parteien führt. Das ist nicht ganz richtig…. Aber lasst uns unterstellen es sei Sabotage. Selbst dann, wenn es wie die Bolschewiki sagen richtig ist, dass die sozialistischen Parteien keine Massen hinter sich hätten und reine intellektuelle Parteien seien, … wären bedeutende Zugeständnisse nötig. Das Proletariat kann ohne die Intelligenz nicht herrschen… Der Zentralrat des Rates der Arbeiter- und Soldatenvertreter kann nur eine der Institutionen sein, denen die Regierung verantwortlich ist.“ 215)

Gegen eine Koalitionsregierung waren auch die Bolschewiki nicht, wohl aber gegen eine Regierung mit den Vaterlandsverteidigern. Die Linken glaubten, die Patrioten würden jedes revolutionäre Programm sabotieren, insofern seien alle Verhandlungen unsinnig, die Rechten wollten ihnen eine Chance geben. Diese Diskussion beherrschte die ersten Wochen der Revolution, in den kleineren Fabriken fand die Forderung nach der sozialistischen Koalition Unterstützung. Am 9. November stellte sich der Petrograder Zentralrat der Gewerkschaften mit 112 gegen 31 Stimmen hinter die neue Regierung, die gleiche Unterstützung gab es in Moskau. 216) Die Diskussion gipfelte in den Verhandlungen über die Erweiterung der Regierung mit dem Wikschel.

Diese Frage trennte auch die Führung der Bolschewiki. Der rechte Flügel hielt an der alten sozialistischen Konzeption fest, dass Russland noch nicht reif für die Revolution sei und demzufolge ohne Unterstützung der europäischen Revolution untergehen müsse. Das erklärt ihre Nachgiebigkeit gegenüber den Befürwortern der Koalition. Ihre Gegner warfen ihnen vor, durch ihre kompromissbereite Haltung hätten sie den Aufstand in Moskau gehemmt und seien indirekt für das Blutvergießen verantwortlich. Jetzt, wo man die historische Chance habe, die Massen von Elend und Ausbeutung zu befreien, müsse man die Gelegenheit mutig beim Schopf packen. Die Offensive werde den europäischen Arbeitern ein Vorbild geben, auch dort die Revolution zu machen.

Gegenüber Lenins Forderung nach dem Aufstand stellte sich ein großer Teil der Parteiführung lange taub. Trotzki entwarf die Taktik, den zweiten Sowjetkongress als Defensive gegen Kerenski und Reaktion zum Aufstand zu nutzen. Das RMK agierte als Verteidigung gegen die Konterrevolution. Die Massen Petrograds unterstützten die Bolschewiki im Kampf gegen die Konterrevolution, ihr Ziel war aber möglicherweise eher eine breite, repräsentative sozialistische Regierung. Dafür fehlte durch die Politik der Rechtssozialisten die Grundlage.

Karte 19: Die Ausbreitung der Revolution 1917 - 1918


1) Wobei Ganetzki und Koslowski Überbringer des Geldes gewesen sein sollen; Rabinowitch, Sowjetmacht, p.25
2) ebenda, p.44/45
3) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.48; der französische Offizier jüdischen Glaubens Alfred Dreyfus wurde 1894 wegen Landesverrats verurteilt; durch eine Kampagne wurde er 1906 rehabilitiert.
4) ebenda, p.64
5) ebenda, p.69
6) ebenda, p.72
7) ebenda, p.76
8) ebenda p.86; Piter war die umgangssprachliche Bezeichnung von Sankt-Petersburg.
9) ebenda, p.91
10) ebenda, p.93
11) ebenda, p.110
12) Mandel, The Petrograd Workers and the Soviet Seizure of Power, p.218
13) ebenda,p.221
14) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.31
15) Mandel, The Petrograd Workers, p.345-347
16) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.32
17) ebenda, p.57-60
18) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, zweiter Teil, p.518
19) ebenda, p.521
20) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.66/67
21) Ferro, October 1917, p.36
22) ebenda, p.38
23) ebenda, p.39
24) Mandel, p.212
25) ebenda, p.212
26) Trotzki, Geschichte, 2.Teil, p.514
27) Chamberlin, Die russische Revolution 1917-1921, p.184
28) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.161/162
29) Brügmann, Die russischen Gewerkschaften, p.97/98
30) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.164/165
31) ebenda, p.165
32) IML, Geschichte der KPdSU, Band 3, 1. Buch, p.193/194
33) Lenin: Die politische Lage (Vier Thesen); Lenin-Werke Band 25, p.176
34) ebenda, p.205
35) ebenda, p.213
36) ebenda, p.215/216
37) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.126
38) ebenda, p.129/130
39) Deutscher: Trotzki, Band 1, p.249
40) ebenda, p.250
41) Trotzki, Mein Leben, p.307
42) IML, Geschichte der KPdSU, Band 3, 1. Buch, p.230/231
43) ebenda, p.212/213
44) Lenin-Werke, Band 25, p.407-411
45) Marx-Engels-Werke Band 5, p.457
46) Lenin-Werke, Band 25, p.486
47) ebenda, p.486/487
48) ebenda, p.487
49) ebenda, p.488
50) ebenda, p.489
51) Koenker, Moscow Workers and the 1917 Revolution, p.351
52) Haimson, The Mensheviks from the Revolution of 1917 to the Second World War, p.390
53) ebenda, p.10
54) , 170) ebenda, p.389
55) Rabinowitsch, Sowjetmacht, p.138
56) ebenda, p.141
57) Reed, Zehn Tage, die die Welt erschütterten, p.42
58) IML, Geschichte der KPdSU, Band 3, 1. Buch, p.249
59) Bucharin, Das Jahr 1917, p.98
60) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.185
61) , 193) ebenda, p.186
62) ebenda, p.192
63) Lenin-Werke Band 25, p.253
64) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.203
65) ebenda, p.209
66) ebenda, p.210
67) ebenda, p.211/212
68) Trotzki, Geschichte , Zweiter Teil, p.602
69) , 71) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.218
70) Trotzki, Geschichte , Zweiter Teil, p.596
72) Lenin-Werke Band 25, p.295
73) Ferro, October 1917, p.55/56
74) siehe Tabelle 25: Resultat der drei Dumawahlen 1917 in Moskau
75) Trotzki, Geschichte , Zweiter Teil, p.632
76) ebenda, p.635
77) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.225
78) ebenda, p.238
79) Trotzki, Geschichte, Zweiter Teil, p.644
80) IML, Geschichte der KPdSU, Band 3, 1.Buch, p.324; Galili beziffert die Mitgliedszahl im August auf 85.000.
81) ebenda, p.325
82) ebenda p.326
83) ebenda, p.327
84) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.229
85) ebenda, p.233
86) ebenda, p.234
87) ebenda, p.236/237
88) The Bolsheviks and the October Revolution. Minutes of the Central Committee of the RSDRP(B), p.271; Koenker, Moscow Workers and the 1917 Revolution, p.136
89) , 92) Trotzki, Geschichte, Zweiter Teil, p.653
90) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.240
91) Deutscher, Trotzki, Der bewaffnete Prophet, p.271
93) The Bolsheviks and the October Revolution, p.275
94) Ferro, October 1917, p.160
95) IML, Geschichte der KPdSU, Band 3, 1. Buch, p.268/269
96) Ferro, October 1917, p.162/163
97) ebenda, p.163
98) Koenker, Moscow Workers and the 1917 Revolution, p.139
99) Ferro, October 1917, p.161
100) Mandel, The Petrograd Workers and the Seizure of Power, p.264
101) ebenda, p.285
102) Koenker, Rosenberg, Strikes and Revolution in Russia, p.269
103) ebenda, p.322
104) ebenda, p.323
105) Koenker, Rosenberg, p.282
106) ebenda, p.275
107) Ferro, October 1917, p.153
108) ebenda p.149-153
109) Brinton, The Bolsheviks and Workers' Control, p.14
110) ebenda, p.15
111) Koenker, Rosenberg, p.302
112) Chamberlin, Die russische Revolution. Erster Band, p.217
113) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.102
114) Ferro, October 1917, p.83
115) ebenda, p.81
116) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.243
117) ebenda, p.332
118) ebenda, p.335
119) Chamberlin, p.226
120) Astrow, p.320
121) Keep, The Russian Revolution, p.212/213
122) Ferro, October 1917, p.130
123) Keep, The Russian Revolution, p.212
124) ebenda, p.191
125) ebenda, p.196
126) Chamberlin, p.236
127) ebenda, p.201
128) ebenda, p.242
129) Atkinson, The End of the Russian Land Commune, p.154
130) ebenda, p.183
131) ebenda, p.151
132) Reed, p.397/398
133) Bucharin, p.113
134) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.259/260
135) Brügmann, p.104
136) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.269/270
137) ebenda, p.272
138) ebenda, p.274
139) ebenda, p.277
140) ebenda, p.288
141) Lenin: Die Krise ist herangereift; in: Lenin-Werke Band 26, p.60
142) Lenin: Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen; in: Lenin-Werke Band 26, p.3
143) Lenin: Die Aufgaben der Revolution; in: Lenin-Werke Band 26, p.51
144) Lenin, Thesen zum Referat in der Konferenz der Petersburger Organisation; in. Lenin-Werke Band 26, p.128/129
145) Lenin, Brief an die Mitglieder des ZK; in: Lenin-Werke Band 26, p.223/224
146) Lenin, Die Krise ist herangereift; in: Lenin-Werke Band 26, p.65/66
147) The Bolsheviks and the October Revolution. Minutes of the Central Committee of the RSDLP, p.58
148) Mandel, The Petrograd Workers and the Soviet Seizure of Power, p.287
149) ebenda, p.288/289
150) ebenda, p.289
151) ebenda, p.297
152) Serge, Leo Trotzki, p.77
153) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.300-302
154) ebenda, p.303
155) Trotzki, Geschichte, Zweiter Teil, p.826
156) The Bolsheviks and the October Revolution, p.122
157) Carr, The Bolshevik Revolution, p.108; The Bolsheviks and the October Revolution, p.109
158) IML, Geschichte, Band 3, 1. Buch, p.359
159) Chamberlin, Band 1, p.276
160) IML, Geschichte, Band 3, 1. Buch, p.361
161) Rabinovitch, Sowjetmacht, p.307/308
162) Der Apanagenbesitz sicherte dem Adel ein 'standesgemäßes' Auskommen.
163) Astrow, Illustrierte Geschichte der russischen Revolution, p.328/329
164) Rabinowitch, Sowjetmacht; p.366/367
165) ebenda, p.373
166) ebenda, p.376
167) ebenda, p.381
168) ebenda, p.383
169) ebenda, p.384/385
171) Serge, Trotzki, p.79/80
172) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.390/391
173) Trotzki, Geschichte, Zweiter Teil, p.874/875
174) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.394-396
175) ebenda, p.396/397
176) ebenda, p.398
177) Getzler, Kronstadt, p.155
178) Chamberlin, Band 1, p.294
179) Lenin-Werke, Band 26, p.227
180) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.404/405
181) ebenda, p.409
182) Trotzki, Zweiter Teil, p.920/921
183) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.440/441
184) Trotzki, Geschichte, Zweiter Teil, p.886
185) Chamberlin, Erster Band, p.294
186) Gallili. p.416
187) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.427
188) ebenda, p.428
189) ebenda, 432
190) ebenda, p.433
191) ebenda, p.445/446
192) Reed, p.167
194) IML, Geschichte, Band 3, 1.Buch, p.388; Lenin-Werke Band 26, p.252
195) ebenda, p.388
196) Trotzki, Geschichte, Zweiter Teil, p.971
197) ebenda, p.972
198) ebenda, p.974
199) IML, Geschichte, Band 3, 1.Buch, p.389
200) ebenda, p.392
201) Reed, p.448
202) Die 'Wikschel-Initiative' wird im folgenden siebenten Kapitel behandelt.
203) Rabinowitch, Sowjetmacht, p.452; Ill, Astrow, p.410
204) IML, Geschichte, Band 3, 1.Buch, p.393
205) Astrow, p.369
206) Chamberlin, Erster Band, p.310
207) ebenda, p.311
208) Haupt, Marie; Makers of the Russian Revolution, p.131
209) Anweiler, Die Rätebewegung in Russland, p.252
210) ebenda, p.254/255
211) ebenda, p.257/258
212) Mandel, The Petrograd Workers, p.313
213) ebenda, p.316
214) ebenda, p.318
215) ebenda, p.326
216) Brügmann, p.112
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