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5._die_februarrevolution

5. Kapitel: Die Februarrevolution (Februar bis Juli 1917)

Während des Krieges veränderte sich die Zusammensetzung der arbeitenden Klassen deutlich. Landbewohner und viele Kleinbürger strömten in die Großstädte und nahmen Arbeit in der Industrie auf, unter ihnen viele Frauen.

Die Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse

Im Russischen Reich lebten vor dem Krieg etwa 182 Millionen Menschen, weniger als ein Fünftel davon in Städten. Die Zahl der Lohnabhängigen ist nur sehr grob zu schätzen, sie mag 1917 etwa 15 Millionen betragen haben.1)Zu Kriegsbeginn wurden etwa 5 Millionen Männer mobilisiert , von den Arbeitern waren es etwa 27 Prozent. 2)

Petrograd, wie die Stadt an der Newa aus 'patriotischen Gründen' ab 1914 ja hieß, war die Stadt der Widersprüche. Es war die Hauptstadt des russischen Reiches, enger mit Europa verbunden als der Rest des Landes; eine Stadt der Eleganz, von Puschkin gerühmt, und eine Stadt der grässlichen Verwahrlosung, von Dostojewski verabscheut. Petrograd war die Stadt der zaristischen Macht und der Revolte des Volkes. Der Zarenhof beschäftigte 70.000 Bedienstete, 1905 führte hier der erste Arbeiterrat einen Generalstreik an. Entlang der Alleen und Kanäle standen prächtige Paläste, Banken und Bürohäuser, auf der anderen Seite der Newa lagen schäbige Mietshäuser und rauchende Fabrikschlote. Nur einen Steinwurf von der Universität und der Akademie der Wissenschaften entfernt lebten Tausende von Menschen in erschreckender Unwissenheit und Armut. Petrograd war die Heimat von Reichen und Armen, vom lebhaften revolutionären Untergrund bis zur Heiligen Synode, von der liberalen Opposition bis zu den Schwarzen Hundertschaften.

1913 waren 60 Prozent der Industriearbeiter in Petersburg und Moskau konzentriert. Während des Krieges wuchs bei einer Einwohnerzahl von 2,4 Millionen die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben Petrograds stark an, von 242.000 im Jahr 1914 auf 384.000 in 1917, das war eine Steigerung um fast 60 Prozent. Dazu kamen noch 24.000 Arbeiter in der Umgebung der Hauptstadt. Über 60 Prozent der Petrograder Arbeiter arbeiteten in der Metallindustrie. In der Zentralen Region um Moskau machten die Metallarbeiter nur 192.000 der 1,03 Millionen Arbeiter aus, hier dominierte mit 43 Prozent die Textilindustrie. Die Zahl der Petrograder Arbeiter in der Metallverarbeitung stieg von 101.000 auf 237.000, was einem Anstieg von 135 Prozent ausmachte. Auch in der Chemieindustrie verdoppelte sich die Zahl der Arbeiter, während sie bei der Herstellung von Textilien, Nahrungsmitteln und Druckerzeugnissen zurück ging. Auch die Konzentration der Zahl der Arbeiter war höher als im übrigen Land, In 38 Petrograder Betrieben gab es jeweils mehr als 2.000 Arbeiter.3) Die Zahl der weiblichen Arbeiter verdoppelte sich auf 30.000. Die Männer dominierten in der Metallindustrie, Holzverarbeitung und in den Druckbetrieben, während die Frauen in den weniger Qualifikation erfordernden Bereichen der Textil- und Nahrungsmittelproduktion jetzt überwogen. Aus vier Bereichen strömten die Neuankömmlinge in die Betriebe: Vom Land, aus dem Reservoir der Frauen und Kinder von Arbeitern, aus den von den Deutschen besetzten Gebieten Polens und des Baltikums sowie aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen Elementen, die der Wehrpflicht entgehen wollten. 4)

Die soziale Struktur der Arbeiter Petrograds wurde durch den Krieg kräftig durcheinander gewirbelt. Eine große Schicht bestand aus qualifizierten Arbeitern, besonders im Stadtbezirk Wiborg. Es überwogen zwei Formen der Metallindustrie: Maschinenbauindustrie, die qualifizierte Arbeiter beschäftigte, und einfachere Metallproduktion wie Schmelzereien, Rohrbau, Drahtziehereien und Munitionsfabriken. In Wiborg waren 15 der 21 Großbetriebe mit dem Maschinenbau beschäftigt. Andere Stadtteile wurden von einem oder zwei Betrieben mit gemischter Produktion und vielen ungelernten Arbeitern bestimmt. Der Maschinenbau erforderte eine hohe Qualifizierung, die Facharbeiter dieses Betriebszweiges mussten Lesen und Schreiben sowie technische Zeichnungen verstehen können. Ihre große Verantwortung, Kreativität und Entscheidungsfreiheit führte zu einem größeren Selbstbewusstsein und relativ hohen Löhnen. Einige waren in der Lage, eine kleine Wohnung zu mieten, lasen Zeitung, organisierten sich und beteiligten sich an politischen Streiks. Liberale Parteien hatten bei ihnen kaum Unterstützung. Im Gegensatz zur Mehrheit der Gesellschaft hatten sie keine antijüdischen Vorurteile und nahmen im Krieg oft eine internationalistische Haltung ein. 5)

Die unqualifizierten Arbeiter und Arbeiterinnen hatten weniger Klassenbewusstsein. Die größte Gruppe unter ihnen waren Frauen, die die am wenigsten qualifizierten, oft rein mechanischen Arbeiten ausführten. Natürlich wurden sie auch am schlechtesten bezahlt. Viele kamen vom Dorf, begannen mit 9 bis 11 Jahren als Dienstmädchen zu arbeiten, gingen dann in die Fabrik in der Stadt. Die Arbeit ließ sie schnell altern, mit 33 Jahren war eine Textilarbeiterin physisch verbraucht. Sie konnten oft weder lesen noch schreiben und waren nicht an Politik und Kultur interessiert. Besonders während des Krieges kamen viele ungelernten Arbeiter vom Land. Man nannte sie 'Tschornirabotschie‘ (Schwarze Arbeiter). Sie streikten eher für ökonomische kurzfristige Ziele als die gelernten Arbeiter. Bei vielen Streiks der Unqualifizierten konnte man die Mentalität der russischen Bauern beobachten.

Tabelle 15: Arbeiter Russlands 1917 nach in Branchen in Tausend 6)

Branche Anzahl
Schwerindustrie einschl. Eisenbahnwerkstätten 3.399
Eisenbahntransport 833
städtische u. ländliche Kleinindustrie 2.800
Bauarbeiter 1.000
Landarbeiter 2.500
Wassertransport 400
Angestellte in Handel u. Restaurants 500
Angestellte in Industrie u. Transport 1.500
Sonstige (Dienstpersonal etc.) 2.000
total ca. 15.000

Eine kleine Schicht der Klasse bestand aus der sogenannten Arbeiteraristokratie. Das waren vor allem Drucker und qualifiziere Arbeiter in den staatlichen Fabriken. Die Druckergewerkschaft war menschewistisch und blieb es bis 1920, von einer kurzen Zeit nach der Oktoberrevolution abgesehen. Sie waren relativ gebildet, die Situation in der Druckindustrie brachte sie in Kontakt mit den Journalisten und anderen Intellektuellen. Besonders die Schriftsetzer mussten handgeschriebene Texte verstehen. Sie hatten oft ein Bewusstsein von selbständigen Handwerkern. Sie hatten schon vor der Revolution den Achtstundentag, arbeiteten meist in Kleinbetrieben. Sie waren anfällig für Patriotismus, ebenso wie die qualifizierten Arbeiter der Staatsbetriebe. 7) Jüngere Arbeiter waren radikaler und wurden vom Bolschewismus angezogen. Sie hatten die Schule besucht und waren Teilnehmer verschiedener Bildungsvereine, waren meist unverheiratet und hatten keine familiären Verpflichtungen. 1917 ersetzten sie schrittweise die ältere Generation der Arbeiterführer. Diese waren 1905 noch stark von den revolutionären Intellektuellen beeinflusst gewesen, nach 1905 verloren die Intellektuellen das Interesse an den Arbeitern. Eine Arbeiterin berichtet von der Militanz der jugendlichen Arbeiter, dass

„… es zu dieser Zeit noch keine Komsomol [kommunistische Jugendorganisation, a.d.V.] … gab. Jugendliche, die kaum zwanzig Jahre alt waren, zeigten sich als abgehärtete Kämpfer für die Revolution. Sie traten der Partei mit 17 oder 18 Jahren oder sogar schon mit 16 Jahren bei, leiteten illegale Untergrund-Aktivitäten, saßen oft auch im Gefängnis und mussten ins Exil gehen. Sie hatten Erfahrung in der politischen Arbeit unter den Massen.“ 8)

Nicht Nicht alle Arbeiter lebten im Stadtteil ihres Betriebes, aber die schlechten Verkehrsverbindungen lassen vermuten, dass dies zum großen Teil der Fall war.

Im Stadtzentrum, in den Bezirken Admiralität, Kasan, Kolomenskaja, Spasskaja, Liteinia und Roschdestwo waren die Verwaltung, Handel, Banken usw. konzentriert. Hier lebte die Bourgeoisie, das gehobene Kleinbürgertum und die Angestellten, der Newski-Prospekt zwischen Admiralität und dem Nikolai-Bahnhof nach Moskau war die Geschäfts- und Flaniermeile der Hauptstadt, hier fanden auch die Demonstrationen statt. 9) Hier lagen die Druckereien. In den Bezirken rechts der Newa sowie im Süden der Stadt befanden sich die Arbeiterbezirke.

Wiborg war der größte Arbeiterbezirk und gleichzeitig die Hochburg der Bolschewiki. Hier reihten sich Großbetriebe und Arbeiterquartiere aneinander, Newka, Lessner, Parviainen, Ericson, Nobel, das Arsenal Peter der Große, Phönix, Rosenkranz, die Petrograder Metallfabrik und Promet lagen am Sampsoniewski Prospekt oder am Ufer der Newa eng nebeneinander, vom Stadtzentrum nur durch die Liteiny-Brücke getrennt. Die räumliche Nähe der Metallbetriebe und Wohnviertel schuf eine enge Verbindung unter den Arbeitern.

Der Petrograder Bezirk auf der anderen Seite der Newka war ein eher gemischter Rayon. Im Westen und Nordosten lagen die Langensippen-, Vulkan- und Stetinin-Fabriken, alle im Maschinenbau aktiv. Daneben gab es drei Textilbetriebe und die staatliche Fabrik für Lazarettausrüstung mit 3.000 Arbeitern, zu zwei Drittel Frauen sowie einige Druckbetriebe wie die Staatsdruckerei. Sonst lebten in diesem Bezirk ein große Anteil von Kleinbürgern.

Die Wasilewski-Insel war der zweitgrößte Arbeiterbezirk, unter der nichtproletarischen Bevölkerung im bürgerlichen Südosten gab es auch viele Studenten der Universität. Hier gab es im Norden und Westen der Insel 16 Großbetriebe, die Petrograder Röhrenfabrik und die Baltische Werft mit 8.000 Arbeitern waren die bedeutendsten.

Der Bezirk Kolomenskaja gehörte zwar zum 'feindlichen' Teil der Stadt, aber hier lagen mit der Französisch- Russischen Werft und der Admiralitätswerft mehrere Betriebe, die ab Mai unter den Einfluss der Bolschewiki kamen.

Tabelle 16: Verteilung und Konzentration der Arbeiter nach Industrien 1917 10)

Petrograd Moskau
Industrie A B C D A B C D
Metallverarbeitung 379 237 60,4 626 302 57 27,6 189
Textil 100 44 11,2 626 252 76 37,0 302
Chemie 58 40 10,2 441 52 24 11,8 466
Papier, Druck 218 26 6,7 121 188 14 7,0 76
Nahrungsmittel 70 16 4,0 225 82 23 11,1 279
Holz 81 7 1,7 83 54 2 1,0 36
Leder, Schuhe 50 13 3,2 253 81 4 1,8 47
Mineralogie 32 4 1,0 122 20 2 0,8 85
Sonstige 23 6 1,5 249 28 4 1,9 142
total 1.011 392 100 389 1.059 206 100 194

A = Zahl der Betriebe B = Zahl der Arbeiter in Tausend C = Prozentanteil D = Durchschnitt pro Fabrik

Südlich der Innenstadt lagen die anderen proletarischen Stadtbezirke. Die riesigen Putilow-Werke befanden sich an der Peripherie der Stadt in Peterhof inmitten eines kleinbürgerlichen Wohngebiets, das erst nach der Februarrevolution nach Petrograd eingemeindet wurde. Im Narwa-Bezirk lagen die Werkstätten der Baltischen und der Nordwest-Eisenbahn sowie der Treugolnik-Gummifabrik mit einem starken Frauenanteil.

Im Alexander-Newskaja- oder Newski-Bezirk befanden sich die Newski-Werft und -Maschinenfabrik, eine Lokomotivfabrik sowie die Reparaturwerkstatt der Nikolajewski-Eisenbahn. Im Moskauer Distrikt am südlichen Rand der Innenstadt gab es elf Großbetriebe, unter anderem die Skorochod-Fabrik, mit 6.500 Arbeitern die größte Lederwerkstatt Russlands. 11)

Viele Handwerker und Fabrikarbeiter lebten südlich des Nikolajewski-Bahnhofs, das berüchtigste Viertel der Stadt mit Kneipen und Bordellen, einem hohen Anteil von Gewalt und Straßenbanden, das sich seit Dostojewskis ‘Schuld und Sühne‘ kaum verändert hatte. 12)

Mit der Konzentration der Kriegsindustrie in der Stadt stand Petrograd 1917 wahrscheinlich einzigartig in der Welt dar als Insel in einem Land, dessen Produktion frühkapitalistische Formen manchmal noch nicht hinter sich gelassen hatte. 13) Die Klassenspaltung war auch an den Wohnverhältnissen der Stadt ablesbar. Nur im Stadtzentrum waren Häuser aus Stein die Regel und die Straßen waren gepflastert und ausreichend beleuchtet. Im Winter verwandelten sich die Straßen der Vorstädte in Schmutzwege. Ein Stadtratsmitglied bemerkt, dass für die Toten auf dem nahegelegenen Friedhof mehr Platz wäre als in den Wohnungen von Wiborg. In einer Einzimmer-Wohnung lebten im Krieg durchschnittlich 3,2 Personen, in Kellern 3,4 Menschen, das war doppelt so viel wie in Berlin, Wien oder Paris. 14) Dafür waren die Mieten fast die höchsten in Europa und vervielfachten sich während des Krieges. Nur ein Viertel der Arbeiter konnte sich eine eigene Wohnung leisten, 70 Prozent der Ledigen und 40 Prozent der Arbeiterfamilien mussten sich eine Wohnung teilen. Wer ein Bett sein Eigen nennen konnte, war also fast schon privilegiert.

Die Regierung glaubte, mit den 3.500 regulären Polizisten Petrograds die Massen ruhig halten zu können. In der Stadt lagen 160.000 bis 270.000 Reserve-Soldaten in den Kasernen. Zählt man die Soldaten, die in der Umgebung Petrograds stationiert waren hinzu, so waren es insgesamt 320.000 bis 465.000. 15) Innerhalb kurzer Zeit hätten von der Nordfront weitere Truppen herangeführt werden können.

Karte17:Übersichtskarte Petrograd 1917 16)

Die Reservebataillone bestanden aus neuen Rekruten oder vom Urlaub zurückkommenden Veteranen, die der Wiederverwendung an der Front sehr widerstrebend gegenüber standen, zudem waren sie unzureichend mit Offizieren bestückt. Über die Stimmung der Soldaten war man sich nicht klar, die Ochrana horchte zwar die Zivilbevölkerung aus, wurde aber nicht gegen das Militär eingesetzt.

Soldaten wurden oft für private Dienstleistungen für ihre Offiziere genutzt, in den Reserveeinheiten wurde etwa die Hälfte der Rekruten für nichtmilitärische Zwecke eingesetzt. Zwischen Offizieren und Mannschaften war das Verhältnis die Fortsetzung der Beziehungen auf dem Dorf zwischen adligen Grundherren und den Bauern, latent lag hier eine Basis der Rebellion. In der Armee waren sie demütigenden Regeln ausgesetzt, mussten die Offiziere mit 'Herr' anreden und Siezen, während sie von den oft viel jüngeren und unerfahrenen Offizieren wie selbstverständlich geduzt wurden. Die Offiziere ahnten zwar die Unzufriedenheit der Mannschaften, waren aber so weit von deren Alltag entfernt, dass sie ihr Ausmaß völlig unterschätzten.

Vor dem Krieg hatte es 41.000 Offiziere und 1,2 Millionen einfache Soldaten gegeben, im Januar 1917 kamen auf 171.000 Offiziere 6,9 Millionen Mannschaften. In Kriegsgefangenschaft waren 2,1 Millionen, 3,6 Millionen waren tot oder verwundet. Die Zahl der bei Kriegshandlungen getöteten Offiziere war groß, da sie nach alter Tradition den Truppen im Kampf voran marschierten, 60.000 Offiziere brachten sich so um. 17) Die neuen Offiziere wurden in viermonatigen Kursen ausgebildet, jetzt strömten die Söhne der Bürgerlichen und der aufstrebenden Bauern nach, 1916 kamen nur noch 4 Prozent der Offiziersschüler aus dem Adel, 70 Prozent waren ländlicher Herkunft. 18)

Die Unteroffiziere bildeten die Zwischenschicht, sie hatten ständigen Kontakt zu den Mannschaften und kaum eine Möglichkeiten, zu Offizieren aufzusteigen. Sie standen von der sozialen Herkunft her den Mannschaften näher, aus deren Mitte sie kamen und aufgestiegen waren. Es waren die intelligentesten und initiativsten, die natürlichen Führer einer Rebellion.

Die Reservebataillone hatte viele ehemalige Streikteilnehmer in ihren Reihen, die zum Dienst in der Armee verurteilt worden waren, und ihre subversiven Ideen aus den Fabriken in die Kasernen mitbrachten. Ein Dumaabgeordneter der Oktobristen stellte fest:

“Es war nicht mehr die Armee der Friedenszeit unter den kommandierenden Offizieren in strikter Disziplin vereint… Nein, es war ein bewaffneter Mob, der jederzeit in der Lage war, seinen eigenen Willen und seine eigenen Ziele durchzusetzen. [Die Reservebataillone, A.d.V.] waren keine militärischen Einheiten mehr, sondern Horden bewaffneter Menschen.“ 19)

Die Februarereignisse

Am 9. Januar 1917, dem Jahrestag des Blutsonntags 1905, streiken 150.000 Arbeiter in 114 Fabriken Petrograds. Am 14. Februar wird die Duma wieder einberufen. Aus diesem Anlass ruft die zentrale Arbeitergruppe der Kriegsindustrie-Komitees zu einem Solidaritätsstreik auf, an dem 90.000 Arbeiter aus 58 Fabriken teilnehmen. 20) Am 17. Februar streikt eine Abteilung der Putilow-Werke für höhere Löhne und für die Wiedereinstellung einiger Entlassener. Der Streik weitet sich aus, die Verwaltung erklärt 26.700 Arbeiter für ausgesperrt und schließt die Werkstore. Die Putilow-Arbeiter gründen ein Streikkomitee und suchen Unterstützung der anderen Belegschaften. Auch in Moskau streikt ein Drittel der Arbeiter, an zwei Demonstrationen nehmen Tausende teil, in Charkow finden ebenfalls Streiks und Betriebsversammlungen statt. Für die Organisation des Duma-Solidaritätsstreiks werden elf Mitglieder der Kriegsindustrie-Komitees verhaftet.

Mitte Februar sind in der Stadt nur noch Mehlvorräte für zehn Tage vorhanden. Für den 16. Februar beschließen Stadtverwaltung und der Gebietskommandeur, das Mehl zu rationieren. Der Winter 1916/17 ist auch für russische Verhältnisse ausgesprochen streng, die Schlangen vor den Brotgeschäften werden immer länger, nachts steht man stundenlang in der Kälte, um dann oft zu hören, es gebe kein Brot. Die Stimmung der Wartenden, überwiegend Frauen, ist explosiv, Bäckereien werden gestürmt. Für den 23. Februar, den internationalen Frauentag, planen die linken Parteien einen Streik oder Demonstrationen, die Bolschewiki sehen das als verfrüht an, sie konzentrieren ihr Anstrengungen auf die Vorbereitungen einer Demonstration am Ersten Mai, der in Russland auf den 18. April fällt.

Im Januar berichtet die Ochrana:

“Die Stimmung in der Hauptstadt ist außerordentlich unruhig, die wildesten Gerüchte zirkulieren sowohl über die Absichten der Regierung in Bezug auf verschiedene reaktionäre Maßnahmen, wie auch über die Pläne der regierungsfeindlichen Gruppen und Bevölkerungsschichten in Bezug auf mögliche und wahrscheinliche revolutionäre Unternehmungen und Exzesse. Man erwartet allgemein irgendwelche besonderen Ereignisse und Aktionen von beiden Seiten…„
Wenn bisher noch keine Hungerrevolten ausgebrochen sind, so bedeutet das nicht, dass sie auch in Zukunft nicht stattfinden werden: die Empörung wächst und das Ende ist nicht abzusehen.“ 21)

- Donnerstag, 23. Februar

Am 23. Februar beschließen Arbeiterinnen einiger Textilfabriken in Wiborg einen Streik und überzeugen die Arbeiter benachbarter Betriebe, sich ihnen anzuschließen. Ein Arbeiter berichtet:

„Am Morgen des 23.Februar konnte man von unserer Abteilung aus auf der Straße, die wir von unserer Abteilung sehen konnten, Frauenstimmen hören: ‚Nieder mit dem Krieg! Nieder mit den hohen Preisen! Nieder mit dem Hunger! Brot für die Arbeiter!‘ Im Nu waren meine Kameraden und ich am Fenster… Die Tore der Bolschaja-Sampsonewskaja-Fabrik waren weit offen. Massen von Frauen waren auf der Straße und die Stimmung war kämpferisch. Die Frauen, die uns sehen konnten, begannen uns zu winken und riefen: ‚Kommt raus! Lasst die Arbeit! Schneebälle flogen durchs Fenster. Wir entschieden uns, an der Demonstration teilzunehmen… Ein kurzes Treffen fand auf dem Platz vor dem Hauptbüro nahe der Tore statt und wir strömten auf die Straße… Die Kameraden vorn wurden unter Hurrarufen umarmt und wir begannen mit ihnen, auf dem Bolschoi Sampsonewski-Prospekt zu demonstrieren.“ 22)

Das passiert in mehreren Fabriken, 7.500 Arbeiter von der Neuen Lessner und 4.500 von Ericson ziehen mit den Frauen zu Renault, dessen Belegschaft sich anschließt. Mittags demonstrieren 30.000 Arbeiter aus 22 Fabriken auf dem Sampsoniewski-Prospekt. 4.000 ziehen weiter zum Arsenal, der großen staatlichen Munitionsfabrik am Ufer der Großen Newa. 23) Während der Mittagspause kommen die Demonstranten dort an. Die Fabrik wird mit Steinen und Eisenstücken beworfen. Das ist die übliche Taktik, die Produktionseinstellung zu erzwingen. Eine Minderheit schließt sich der Demonstration ein, die weiter zu Phönix und zur Petrograder Patronenfabrik zieht. Sie brechen die Werkstore auf und erzwingen den Abbruch der Produktion. 19 Demonstranten werden von der Polizei verhaftet, aber 5.000 strömen zur Demonstration. Die Arbeiter lassen Streikposten an ihren Fabriken zurück, damit die Nachtschicht nicht die Arbeit aufnehme. Die Streiks beschränkt sich erst auf Wiborg, dann springt der Funke auf den Bezirk Petrograd über. Die bei Putilow ausgesperrten Arbeiter könnten sich nicht beteiligen. Am Donnerstag, dem 23.Februar, streiken 78.000 bis 128.000 Arbeiter aus etwa 50 Fabriken, etwa 20 bis 30 Prozent der Arbeiter der Stadt. 24) Am Abend finden in den Betrieben Versammlungen statt, es wird beschlossen, am nächsten Tag wieder zu demonstrieren. Am 24. Februar streiken 200.000, die Bewegung springt auf die ganze Stadt über.

- Freitag, 24.Februar

“Am 24.Februar nahmen die Arbeiter des Betriebes Ericsson die Arbeit nicht auf. Sie nahmen an einer Versammlung im Betriebe teil und strömten dann, in einer Menge von 2.500 Mann, auf dem Sampsoniewski-Prospekt hinaus, um auf den Straßen Petrograds mit der Parole ‘Gebt uns Brot‘ zu demonstrieren.
Der Prospekt ist an dieser Stelle sehr eng und war von der Masse der Ericson-Arbeiter buchstäblich verstopft. Mit Mühe gelang es, einen Zug zu formieren, dann setzte man sich in Richtung der Liteiny-Brücke in Bewegung. Dem Demonstrationszuge den Weg versperrend, in einer Entfernung von ungefähr hundert Metern, waren Kosaken aufgestellt. …
Die Offiziere stürzten sich als erste in die Menge, mit blutunterlaufenen Augen, sich mit ihren Pferden den Weg bahnend, hinter ihnen sprengten in der ganzen Breite des Prospekts die Kosaken auf uns zu…. Doch oh Freude! Die Kosaken schlängelten sich sich im Gänsemarsch durch das soeben von den Offizieren gebahnte Gässchen, einige lächeln, und einer blinzelt mit den Augen auffällig den Arbeitern zu. Die Freude hatte kein Ende. Hochrufe auf die Kosaken ertönten aus Tausenden von Kehlen… Der erste Versuch war gut abgelaufen, ohne Opfer auf unserer Seite, die Straße war buchstäblich übervoll: Vorn die Arbeiter der Nobel-Werke und des Parviainen-Werkes, hinter ihnen eine Lücke, die die Kosaken gerissen hatten, und dann die Arbeiter des Neuen Lessnerschen Betriebs und anderer.
Doch nun kam das zweite Kommando und eine zweite Attacke auf unseren schon größer gewordenen Zug. Diesmal wiederholte sich in umgekehrter Richtung dieselbe Geschichte wie das erste Mal. Und das dritte und vierte Mal wiederholte sich dasselbe Spiel. Auf den Gesichtern der Offiziere spiegelte sich die Angst um die eigene Haut; die Kosaken schienen ernst, mit einem Funken der Freude in den Augen.
Weitere Attacken wurden nicht geritten, da sie Offiziere deren Vergeblichkeit einsahen…“

Die Arbeiter passieren die besetzten Brücken, teilweise schlüpften sie unter den Bäuchen der Pferde durch, was die Kosaken nicht verhinderten, andere laufen über die gefrorene Newa.

„Auf dem Newski [-Prospekt, A.d.V.] waren ziemlich viele Leute. Die Arbeiter formierten einen Zug und bewegten sich unter dem Gesang revolutionärer Lieder die Straße entlang. Die Polizei war vollständig verschwunden. Später änderte sich das Gesicht der demonstrierenden Menge ein wenig. Es tauchten in ihr schon die dunkelblauen Mützen der Studenten auf. Das spazierende Publikum sympathisierte mit uns. Aus einigen Krankenhäusern begrüßten uns die Soldaten durch Winken… 25)
Da sprengte mit verhängten Zügeln berittene Polizei herbei, drang in die Menge ein und schlug zu. Die ganze Menge rannte in die Nebenstraßen. Es blieben bloß einige zurück. Der Genosse aus dem Lessnerschen Betrieb und ich liefen nicht davon… und gingen auf die Kosaken mit den Worten zu: ‘Brüder Kosaken, unterstützt die Arbeiter in ihrem Kampf für friedliche Forderungen. Ihr seht doch, wie sie uns hungrige Arbeiter traktieren. Helft uns doch!‘
Ich sah, wie die Kosaken einander sonderbar anblickten. Kaum waren wir weiter gegangen, da stürzten sie sich in das Handgemenge. Anfangs dachte ich, dass sie der Polizei zu Hilfe eilten. Als aber die Polizei die Kosaken erblickte, gab sie Fersengeld, während die Kosaken sie verfolgten…
Der Zusammenstoß zwischen Kosaken und Polizei hatte auf die Stimmung der Massen eine kolossale Wirkung. ‘Die Kosaken sind auf unserer Seite‘, so beurteilte man das Verhalten der Kosaken….
Die Menge verfolgte diese Vorbereitungen mit fieberhafter Erregung, wollte aber vor lauter Begeisterung nicht glauben, dass die Soldaten schießen würden. … Die ersten Reihen kamen, durch den Massendruck von hinten nach vorn geschoben, immer näher an die Soldaten heran. Endlich kam es dazu, dass die Spitzen der Bajonette die Brust der in der ersten Reihe Stehenden berührten. Von hinten hörte man noch den Gesang revolutionärer Lieder, vorn herrschte schon Verwirrung. Frauen riefen mit Tränen in den Augen den Soldaten zu: ‘Genossen, nehmt eure Bajonette weg, schließt euch uns an!‘ Die Soldaten waren erregt, warfen rasche Blicke auf die eigenen Kameraden, noch ein Augenblick, ein Bajonett hebt sich langsam hoch, wird durch die Schultern der vorrückenden ersten Reihe harmlos in die Luft gehoben. Ein donnerndes Hurra erschütterte die Luft. Die triumphierende Menge begrüßte ihre in graue Soldatenmäntel gekleideten Brüder. Die Soldaten vermischten sich mit der Menge der Demonstranten.
An Stelle der verschwundenen Truppen erschienen zwei Züge gut ausgerüsteter Soldaten einer Militärschul-Formation…. Der Demonstrationszug kam auf 50 Schritte heran… Da … krachte die erste Salve…die zweite…die dritte… Ich blickte auf die Menge, die, als die erste Salve krachte, sich in den Schnee nieder geworfen hatte, sah aber, dass alle unversehrt waren und sich rasch erhoben. Wieder ertönte ein donnerndes Hurra aus Tausenden von Kehlen. Da hörte man wieder Schüsse, Geschrei und Stöhnen. Die Menge lief in panischem Schrecken auseinander, nur einige Tapfere blieben zurück, um die Toten und Verwundeten – ungefähr 14 Mann – aufzuheben und mitzunehmen.“ 26)

In der Nacht beschließt das Russische Büro der Bolschewiki, die Bewegung auf die Soldaten auszuweiten. Schljapnikow schreibt später, allen sei klar geworden, dass die Revolution begonnen habe, aber einen Aufruf dazu zu verfassen zögert das Russische Büro noch. Die Meschrajonzi rufen auf, eine demokratische Republik, den Sozialismus und eine provisorische Regierung zu schaffen. 27) Währenddessen setzt die Duma die Debatte über die Lebensmittelknappheit fort. Das Kabinett tagt, nimmt aber von der Massenbewegung keine Notiz.

-Samstag, 25. Februar

Der Streik verbreitet sich über die ganze Stadt mit über 200.000 Teilnehmern.28) Die Zeitungen erscheinen nicht, die Straßenbahnen bleiben in den Depots, viele Geschäfte, Restaurants und Banken schließen. Soldaten und Kosaken fraternisieren wiederholt mit den Arbeitern gegen die Polizei. In den Fabriken finden Versammlungen statt mit Rednern verschiedener Organisationen, die Forderung nach Brot wird überlagert von 'Nieder mit dem Zar!' Fabrikkomitees bilden sich, in mindestens drei Fabriken Aivaz, Ericson und der Alten Parviainen-Fabrik werden Kampfgruppen geschaffen. Wieder marschieren sie zur Liteiny-Brücke; als ein Trupp Polizei zur Attacke reitet, macht man eine Gasse frei und schließt sie sofort hinter ihr, so dass der Rückzug versperrt ist, reißen die Polizisten vom Pferd und erschießen den Kommandanten, die Kosaken ziehen sich zurück. Eine große Menge von Demonstranten kann so die Liteiny-Brücke überqueren.

Bild 28: Barrikaden am Liteiny-Prospekt
b32_barrikaden_liteiny-prospekt_hasegawap.312.jpg In Wiborg werden Polizeireviere gestürmt und die Polizisten entwaffnet. Die Dreifaltigkeits-Brücke zwischen dem Petrograder Bezirk und der Innenstadt kann von der Polizei gehalten werden, was die Arbeiter nicht abhält, übers Eis auf die andere Seite zu kommen. Auf der Wasilewski-Insel kommt es in der Petrograder Röhrenfabrik zu Kämpfen. Die Fabrik ist die Hochburg der Arbeitergruppe und hat sich bisher nicht am Streik beteiligt, einige Arbeiter verbarrikadieren sich in ihrer Werkstatt und werden nach erbittertem Kampf verwundet. Als der Direktor eine Kompanie des Finnischen Regiments zu Hilfe holt, erschießt der Kommandant einen Arbeiter ohne Warnung. Die Arbeiter der Wasilewski-Insel antworten mit einer spontanen Demonstration, die Soldaten des Finnischen Regiments diskutieren untereinander und schwören sich, niemals mehr auf Demonstranten zu schießen. Demonstranten ziehen zur Tabakfabrik, drehen den Strom ab und werfen protestierende Vorarbeiter aus dem Betrieb hinaus. Als sie zur Nikolai-Brücke kommen, verhalten sich die Kosaken völlig passiv, ignorieren die Befehle und lassen die Demonstranten durch. 29)

Zum ersten Mal beteiligen sich die Arbeiter der Putilow-Werke; sie erbrechen nach einer Massendemonstration die Werkstore, halten Versammlungen ab und bilden ein Fabrikkomitee. Sie organisieren Kampfgruppen um die Polizei zu entwaffnen und die Ordnung im Bezirk zu garantieren.514 Wie eine Lawine breitet sich die Bewegung auf andere Schichten der Lohnabhängigen aus: die Arbeiter der Kleinbetriebe, die Angestellten, Kellnerinnen und Kellner, Köche, Kutscher. Die eher konservativeren städtischen Angestellten treten in den Streik, Professoren finden ihre Seminare leer und beteiligen sich an politischen Versammlungen, 15.000 Studenten sollen an Streiks teilgenommen haben.

Der Newski-Prospekt ist von grauen, schlecht gekleideten Frauen und Männern in Beschlag genommen, die demonstrieren und revolutionäre Lieder singen. Auf den Balkonen winken die bürgerlichen Frauen mit Taschentüchern. Polizeistationen werden mit improvisierten Waffen angegriffen, die Polizei hat Schwierigkeiten, in den Gefängnissen Platz für alle Festgenommenen zu finden, etwa 60 Demonstranten werden in einem Privathaus festgehalten, die Menge stürmte es. Auf Polizisten wird geschossen und zwei Bomben werden geworfen. Arbeiter nähern sich den Kasernen und fordern die Soldaten auf, nicht zu schießen und mit ihnen zu gehen. Soldaten und Kosaken führen Befehle nur widerstrebend aus. Als Demonstranten sie bitten, in einem Privathaus Festgenommene zu befreien, vertreiben sie die bewachenden Polizisten. 30) Überall werden improvisierte Reden gehalten.

Vor dem Nikolajewski-Bahnhof gibt ein Polizei-Offizier den lauten Befehl, die Menge zu vertreiben. Fliehende Demonstranten bitten Kosaken, ihnen zu helfen. In einer unübersichtlichen Situation greifen die nicht die Demonstranten, sondern die Polizisten an, der Offizier kommt dabei ums Leben und die Kosaken kehren in ihre Ausgangsposition zurück, als sei nichts geschehen. 31) Die Situation ist konfus, Demonstranten, Armeeeinheiten und Polizei wechseln sich in der Beherrschung der Straße ab, wobei nicht klar ist, ob die Soldaten eingreifen werden. Einzelne Soldaten desertieren und mischen sich unter die Demonstranten. Andere schießen in die Luft statt auf die Menge. Weitere Einheiten befolgen das Kommando des Offiziers und schießen.

Die Polizei wird als Hauptfeind gesehen, sie traut sich nur noch gruppenweise auf die Straßen, es kann keine Rede davon sein, sie für die Ziele der Demonstranten zu gewinnen.

“Die Polizei muss man schlagen oder erschlagen. Etwas ganz anderes ist das Heer. Die Menge vermeidet auf jede Weise feindselige Zusammenstöße mit ihm, im Gegenteil, es sucht die Soldaten zu gewinnen, zu überzeugen, herüber zu ziehen, zutraulich zu machen, sich mit ihnen zu vereinen…“32)

Gegenüber den Kosaken ist man vorsichtig, ein Kavallerist sitzt auf seinem Pferd und man muss zu ihm empor blicken.

“Die Infanterie steht da, …ist näher und erreichbarer. An sie bemüht sich die Masse dicht heran zu kommen, ihr in die Augen zu blicken, sie mit ihrem heißen Atem zu umgeben. Eine große Rolle in den Beziehungen zwischen Arbeitern und Soldaten spielen die Frauen, die Arbeiterrinnen. Kühner als die Männer bedrängen sie die Soldatenkette, greifen mit den Händen an die Gewehre, flehen, befehlen fast: ‘Wendet die Bajonette weg, schließt euch uns an!‘ Die Soldaten sind erregt, beschämt, sehen sich unruhig an, schwanken, irgendeiner fasst als erster Mut – und die Bajonette erheben sich über die Schultern der Bedränger, die Barriere ist nieder gerissen, ein freudiges, dankbares ‘Hurra!‘ erschüttert die Luft, die Soldaten werden umringt, überall Wortwechsel, Vorwürfe, Mahnrufe – die Revolution hat wieder einen Schritt vorwärts gemacht. 33)

Zur gleichen Zeit diskutiert die Duma weiter die Versorgungslage. Die Liberalen sind konfus, ihre radikalen Reden verdecken, dass sie keinen Einfluss auf die Ereignisse haben. Unter den wenigen sozialistischen Abgeordneten reift die Idee, eine Koordination zu schaffen.

Bei den Bolschewiki fordern Mitglieder des Bezirkskomitees Wiborg einen bewaffneten Aufstand und fordern das Russische Büro zum Handeln auf, Schljapnikow zögert. Einige Mitglieder aus Wiborg bilden eine Kampfgruppe und planen ohne Einwilligung des Russischen Büros Angriffe auf Polizeireviere, um Waffen zu beschaffen. Schljapnikow ist entschieden dagegen, er versucht Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Soldaten zu vermeiden. 34) Die drei Mitglieder des Russischen Komitees eilen nicht von Versammlung zu Versammlung und sie enttäuschen die radikalisierten Anhänger. Die Militanten in den Betrieben sind näher an der Realität. Auch das Petersburger Komitee ist entschlossener: Es gibt die Parole aus, Fabrikkomitees zu bilden, um einen Arbeiterrat vorzubereiten, den Generalstreik in einen Aufstand zu verwandeln, Arbeitermilizen zu schaffen. Ein Flugblatt fordert die Soldaten auf, zu den Arbeitern über zu laufen. Die Menschewiki halten ein Treffen ab und proklamieren die Einrichtung eines Arbeiterrates. 35)

Zar Nikolaus bekommt erstmals einen Bericht über die Lage in der Hauptstadt, er fordert den Stadtkommandanten zur Unterdrückung der Unruhen auf. Bis jetzt hat der die Situation durch das Schießverbot zu beruhigen versucht, auch wenn einzelne Offiziere das missachtet haben. Er lässt in der Nacht Plakate anschlagen, die die Arbeiter zur Rückkehr in die Betriebe auffordern und Versammlungen in den Straßen verbietet. Der Stadtkommandant vermittelt dem Zaren im Hauptquartier der Armee den Eindruck, die Polizei werde an den nächsten Tagen die Situation im Griff haben. Das Kabinett tagt, die Mehrheit der Minister befürwortet Verhandlungen mit der Duma. Etwa hundert Aktivisten werden in der Nacht verhaftet, darunter fünf Mitglieder des Petersburger Komitees der Bolschewiki. 36) Durch die Ausschaltung des Petersburger Komitees und die Passivität des Russischen Büros geht die Initiative in der bolschewistischen Partei auf das Wiborger Komitee über.

Mit dem Schießbefehl stellt der Stadtkommandant die Soldaten vor die Entscheidung. Die Soldaten haben sich drei Tage lang gegenüber den Arbeitern und Demonstranten freundlich passiv verhalten, ihre Sympathien sind auf deren Seite, sogar viele Offiziere sympathisieren mit den Forderungen des Volkes. Die einzige Möglichkeit, sich dem Befehl zur bewaffneten Unterdrückung zu widersetzen, ist die Meuterei. Die Bewegung hat sich in den ersten Tagen ständig ausgeweitet, aber noch keinen Durchbruch gebracht. Das Treten auf der Stelle ist gefährlich, eine erneute Niederlage droht.

-Sonntag, 26. Februar

Der 26. ist ein sonniger Wintertag. Soldaten sind in der Nacht vor den zentralen Gebäuden, Bahnhöfen und Brücken stationiert worden, berittene Abteilungen patrouillieren in der Innenstadt. Auf dem Newski-Prospekt werden Maschinengewehre installiert. Fußgänger müssen ihre Papiere vorzeigen, die Newabrücken sind hochgezogen. Da auch die Fabriken geschlossen sind, versammeln sich die Arbeiter auf der Straße vor der Fabrik. Am späten Vormittag strömen die ersten Demonstranten über das Eis in die Innenstadt. Als sie den Newski-Prospekt erreichen, schießen die Soldaten. In die Stadtduma werden Tote und Verletzte gebracht. Polizisten haben den Befehl, mit Nagaika und Säbel die Menge zu zerstreuen, die Soldaten reiten auf die Demonstranten zu und bitten sie auseinanderzugehen und berichten ihnen von ihrem Befehl. Einige schießen in die Luft, andere auf die Arbeiter.

Sobald das Schießen aufhört, drängen die Demonstranten nach. Das ist der entscheidende Moment: Immer wieder können Soldaten überzeugt werden, nicht zu schießen.Das Wiborger Komitee beschließt den bewaffneten Widerstand, das russische Büro solle einen Aufruf in diesem Sinne herausgeben. 37) Die Militärführung versucht, den Kontakt zwischen den Soldaten in den Kasernen und der Bevölkerung abzuschneiden. Ausgang, Telefon und Zeitungen werden den Soldaten verweigert.

Nach den Schießereien kommen Zivilisten in die Kasernen und agitieren die Soldaten. In der vierten Kompanie des Pawlowski-Regiments kommt es zu einer ersten Meuterei. Ein Teil des Regiments ist an den Schießereien beteiligt, der in der Kaserne verbliebene Teil stürmt das Waffenarsenal, über hundert Soldaten marschieren dann zum Newski-Prospekt, um ihre Kameraden am Schießen zu hindern. Sie treffen auf berittene Polizei, auf die sie sofort ihre Munition verschießen. Soldaten des Preobraschenski-Regiments weigern sich ,auf ihre Kameraden zu feuern. Die Meuterer des Pawlowski-Regiments entscheiden sich daraufhin, in die Kaserne zurück zu kehren, um eine größere Bestrafung zu verhindern; 19 Rädelsführer werden verhaftet und in der Peter- und Pauls-Festung interniert, aber 21 Soldaten fehlen. Die Meuterei bleibt isoliert. 38)

Allgemein ist die Unterdrückung der Demonstrationen an diesem Sonntag erfolgreich. Eine kleine Menge vor dem Taurischen Palast beschimpft die Abgeordneten als Feiglinge und Schwätzer. Am Abend nach den Schießereien kommen Abgeordnete zusammen und verlangen vom liberalen Parlamentspräsidenten Rodsianko einen scharfen Protest. In einem Telegramm an den Zaren verlangt er eine neue Regierung, der Zar antwortete nicht. 39) In der Nacht überreicht ihm Ministerpräsident Golitsyn das Dekret des Zaren über die Duma-Auflösung. Die Duma-Auflösung holt einige Abgeordnete wieder aus ihren Betten in den Taurischen Palast, sie verlangen das Dekret zu ignorieren und eine Sondersitzung für den nächsten Tag. Rodsianki kann sich nicht zu dem Gesetzesverstoß durchringen.

In Wiborg gelingt es den Arbeitern, die Soldaten zu gewinnen. Die geben den Aufständischen Waffen, die Polizeireviere werden gestürmt, schnell ist der Stadtteil in ihrer Hand.

Der Sonntag hat Schießereien gebracht und die Offensive der Massen gehemmt, etwa 40 Demonstranten sind erschossen worden. 40) Die Regierung hat die militärische Kontrolle über Petrograd. Am Abend wird die elektrische Beleuchtung gelöscht, die Soldaten überlegen in ihren Kasernen, auf wessen Seite sie sie sich am nächsten Tag stellen sollten. Niemand kann das Kräfteverhältnis einschätzen.

-Montag, 27. Februar

Am Montag versammeln sich die Arbeiter wieder in den Betrieben, sie beschließen, den Kampf fortzusetzen. Der nächste Schritt ist der Aufstand, aber dazu ruft niemand auf. Die russische Leitung der Bolschewiki verblüfft durch Hilflosigkeit und Mangel an Initiative, die Bezirke und Kasernen sind sich selbst überlassen.

“… in ihrer Masse sind die Soldaten um so fähiger … zum Volk über zu gehen, je mehr sie sich davon überzeugen, dass die Aufständischen sich wirklich erhoben haben …Mit anderen Worten, den Stimmungswechsel bei den Soldaten können die Aufständischen nur in dem Fall hervorrufen, dass sie selbst wirklich bereit sind, den Sieg um jeden Preis … an sich zu reißen. Diese höchste Entschlossenheit aber kann und will niemals waffenlos sein.“ 41)
Der entscheidende Augenblick ist dann, wenn der Offizier den Feuerbefehl gibt und dann erschossen wird. Es sind vor allem die Unteroffiziere, welche die Parole unter den Soldaten ausgeben, kein Blut mehr zu vergießen. Die Verbreitung von Nikolaus‘ Befehl, den Aufstand zu unterdrücken, wird mit Ablehnung aufgenommen. Das Wolinski-Regiment erschießt einen Offizier. Sie stürzten in die benachbarten Kasernen, um die Soldaten ‘rauszuholen‘, wie es die Arbeiter machen. Das Litauische und das Preobraschenski- Regiment schließen sich sofort an. Als sie zu einer Polizeikaserne kommen, fliehen die Insassen. Das ganze passiert im Bezirk Liteiny in der Nähe des Taurischen Palastes. So wie die Arbeiter in die Innenstadt über die Liteiny-Brücke streben, so strebten die Soldaten sich mit den Wiborger Arbeitern zu vereinigen und marschieren nach Wiborg, nach Schießereien schafften sie es. Es gibt heftige Szenen der Verbrüderung. Sie erbrechen ein Depot nahe des Finnischen Bahnhofs und bewaffnen sich. Das Kresty-Gefängnis wird geöffnet. In Wiborg gibt es zwei Kasernen, die des Moskauer Regiments und die des Radfahrer-Bataillions. Als 400 Aufständische vor der Kaserne des Moskauer Regiments auftauchen, wird aus der Kaserne mit Maschinengewehren auf sie geschossen, die zögernden Soldaten werden zur Rebellion aufgefordert, erst nach einem Ultimatum der Belagerer schließen sie sich an. Das 'bürgerliche' Radfahrer-Bataillon leistet bis in die Nacht Widerstand. Soldaten vermengen sich mit bewaffneten Arbeiter, sie stecken rote Fahnen oder Bänder an die Bajonette. Das Polizeipräsidium auf dem Sampsoniewski-Prospekt wird angezündet, die Polizisten werden verprügelt.42) Die übrigen Kasernen kapitulieren im Laufe des Tages. Der Aufstand breitet sich auf die südlichen Stadtteile aus. Am Morgen des 27. erheben sich 10.200 Soldaten, am Abend 67.000. Das geht am nächsten Tag weiter, am 1. März sind alle Soldaten der Garnison im Aufstand.„ 43)

Bild 29: Kopf eines gestürzten Zarendenkmals
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Sobald die militärische Disziplin weg ist, werden die Soldaten zu einer desorganisierten, unruhigen Masse, die auf alle Versuche, Disziplin herzustellen, feindlich reagiert. Die Aufständischen greifen Kasernen, Polizeistationen und Gefängnisse an, sie machen keine Versuche, Bahnhöfe, Ministerien, den Generalstab oder Kraftwerke zu besetzen. Die Telefonzentrale wird belagert, kann aber erst in der Nacht eingenommen werden, den ganzen 27. Februar funktioniert das Telefonnetz.

Eine regierungstreue disziplinierte Division hätte den Aufstand unterdrücken können. Es gibt sie nicht mehr. Die Verteidiger der Autokratie erweisen sich als völlig unfähig, einen organisierten Widerstand zu organisieren. Die Mehrheit der Offiziere erklärt sich für neutral, als ob sie unbeteiligte Zuschauer wären. Wagen sie Widerstand, so werden sie von ihren Soldaten oft getötet. Scheinbar halten sie das System nicht für verteidigungswert, da es keine klaren Befehle gab, bleiben sie passiv und verstecken sich. 44)

Der Stadtkommandant ordnet an, als er von der Rebellion des Wolinski-Regiments hört, es zur Rückkehr in die Kaserne zu bewegen und zu entwaffnen, das ist schon nicht mehr durchführbar. Am Nachmittag sind die Polizeikräfte der Stadt nicht mehr aktionsfähig. Am Morgen sind sie von den Straßen in ihre Kasernen und Büros zurück gezogen worden und warten dort auf Befehle, die nicht kommen. Viele ziehen Zivilkleidung an und verschwinden durch die Hintertür. Kommissariate werden gestürmt, eine Minderheit der Polizisten verteidigt sie. Der Stadtkommandant fordert sichere Regimenter aus der Umgebung an. Die aber sind durchaus unwillig, auf die Soldaten und das Volk zu schießen. Sie marschieren durch die Stadt und sehen ihre Isolierung. In der Nacht werden sie von Aufständischen eingeschlossen, die Verbindung zum Stadtkommandanten ist abgerissen, sie haben den ganzen Tag keine Verpflegung bekommen. Die Soldaten ‘schmelzen jetzt weg‘. 45)

Viele Kommandanten verweigern die Versendung ihrer Truppen nach Petrograd unter dem Vorwand, sie seien nicht sicher. Der Kommandant von Kronstadt verweigert Verstärkung, weil er die Verbrüderung der Matrosen mit den Aufständischen fürchtet. Auf Verstärkung von der Front kann der Stadtkommandant nicht schnell rechnen. In Petrograd sind das Wolinski-, das Preobraschenski-, und das Litauische Regiment sowie das 6.Pionierbataillion im Aufstand. Die anderen Einheiten bleiben abwartend in ihren Kasernen, die Peter- und Pauls-Festung steht zur Regierung. Das Areal um den Winterpalais, den Generalstab und die Admiralität ist noch sicher, die Brücken zur Wasilewski-Insel besetzt, daneben gibt es weitere ‘Inseln‘ in Regierungshand. Vom Hauptquartier kommen Telegramme, alle Maßnahmen zur Unterdrückung der Rebellion zu ergreifen, man begreift weder im Generalstab noch in der Regierung das Ausmaß der Situation. Die Regierung stellt Petrograd unter Kriegsrecht und überträgt die Macht dem Militärkommando. Es herrscht komplettes Wirrwarr. Golitsyn entscheidet sich zum Rücktritt. Er schlägt eine Diktatur unter dem Großherzog Michael vor. Das Polizeihauptquartier und die Telefonzentrale werden in der Nacht eingenommen, die zarentreuen Kräfte können sich nicht mehr außerhalb des Zentrums bewegen. Viele ihrer Soldaten desertieren, 1.500 bis 2.000 Verteidiger bleiben mit 40 Maschinengewehren und 12 Kanonen. 46)

Die Kräfte formieren sich

Der Taurische Palast wird das Zentrum des Aufstandes, hier ist das einzige legale Oppositionszentrum. Inzwischen haben die Deputierten von der Auflösung der Duma gehört, sie beschließen, wie ihr Vorbild die französische Nationalversammlung 1789, privat weiter zu tagen. Rodsianko appelliert in Telegrammen an den Zaren, doch zu handeln. Der Kadett Nekrassow schlägt die Bildung eines Ausschusses vor, der zu einer Regierung werden könnte. Dann kommt Kerenski, er fordert die Abgeordneten auf, ihn und den Menschewik Tschcheïdse zu delegieren, zum Volk zu sprechen; die Volksvertreter zögern vor der offenen Rebellion. 20.000 Demonstranten strömen in den Garten des Taurischen Palasts, viele Deputierten fliehen, Skobelew, Tschcheïdse und Kerenski grüßen die Demonstranten. Kerenski fordert die Besetzung der Post- Telegrafen- und Telefonbüros, der Bahnhöfe, die Verhaftung der Minister. Dann kommt Rodsianko und versichert der Menge, die Duma tage und werde das alte Regime durch eine neues Regierung ersetzten. 47) Die aus dem Gefängnis befreiten Arbeitermitglieder der Kriegsindustrie-Komitees kommen mit der Demonstration zum Taurischen Palast. Gemeinsam mit ihren menschewistischen Genossen wollen sie die Gründung eines Sowjet und versammeln sich in einem Nebenraum.

Die Duma und die Führer der Arbeiterparteien haben unterschiedliche Ideen über den Fortgang der Revolution. Die Erinnerung an den kurzlebigen Sowjet von 1905 ist tief in die Erinnerung eingegraben. Da die Menschewiki wegen des bürgerliche Charakters der Revolution nicht in deren neue Regierung eintreten wollen, fordern sie die Arbeiter zur Wahl eines Arbeiterrats auf. Das Verhältnis zwischen bürgerlicher Regierung und Sowjet klären die Menschewiki nie. Wie kann man die Reste des Zarismus bekämpfen und außerhalb der Regierung bleiben? Sie werden nie dafür sein, aus dem Sowjet eine revolutionäre Macht zu machen, dazu bestimmen sie die Konstituierende Versammlung aus allen Klassen der Bevölkerung. Die Bourgeoisie soll führende Rolle in der Revolution einnehmen, das ist für sie unumstösslich.

Gorki versammelt ab dem 23. Februar täglich Mitglieder der verschiedenen sozialistischen Tendenzen in seiner Wohnung, ab dem 26. finden die Tagungen dann in Kerenskis Wohnung statt, auch andere informelle Treffen zwischen den sozialistischen Parteien werden abgehalten. Seit dem ersten Tag des Generalstreiks gibt es in den Betrieben den Ruf nach Räten. In der Französisch-Russischen Fabrik und bei Promet sollen am 24.Februar bereits Wahlen stattgefunden haben. Am 25. Februar haben sich 30 bis 35 Arbeiterfunktionäre im Büro der Vereinigung der Petrograder Genossenschaften versammelt und beschließen, für den nächsten Tag einen Sowjet einzuberufen; die Initiative wird durch die Verhaftung der Hälfte von ihnen am gleichen Abend zunichte gemacht. 48)

Als der Sieg sicher scheint, versammeln sich am 27. Tschcheïdse, Skobelew und Kerenski in einem Zimmer der Duma und bilden ein ‘Provisorisches Exekutivkomitee des Arbeiterrates‘ und rufen die Arbeiter und aufständischen Soldaten auf, Delegierte zu wählen und sich am Abend in einem Saal der Duma zu treffen. Der Aufruf wird gedruckt und weit verbreitet. Es sind menschewistische Intellektuelle, die sich nicht an den Streiks beteiligen können. 49) Die Meschrajonzi rufen zur Wahl eines Sowjets auf, aus dem eine Provisorische Revolutionsregierung hervorgehen soll. Die Wiborger Führer der Bolschewiki entwerfen einen Aufruf, der vom Russischen Büro angenommen wird, die Aufgabe der Arbeiterklasse und der revolutionären Armee sei die Wahl von Sowjets und die Bildung einer revolutionären Regierung. 50)

Am Abend eröffnet der Sowjet mit etwa 50 gewählten Arbeiterdelegierten und 200 Zuschauern unter dem Vorsitz des menschewistischen Intellektuellen Sokolow. Mandate können nicht geprüft werden. Soldaten berichten über den Aufstand in ihrem Regiment. Chrustalow-Nossar wird schnell beiseite geschoben, da er die Teilnehmer mit 'seinem' Sowjet von 1905 nervt. Man wähle Tschcheïdse zum provisorischen Vorsitzenden, Skobelew und Kerenski werden seine Vertreter. Der Sowjet schafft eine Lebensmittel- sowie eine Militärkommission für die dringendsten aktuellen Aufgaben. Die Gründung von Arbeitermilizen wird ohne Gegenstimmen beschlossen. Eine Literaturkommission soll die Iswestija als Organ des Sowjet herausgeben. Dann wird ein Exekutivkomitee gewählt. Schljapnikow und Saluzki werden für die Bolschewiki bestimmt, zwei Sozialrevolutionäre (davon Kerenski), sechs Menschewiki und fünf parteilose Intellektuelle kommen ins Exekutivkomitee. 51)

Schljapnikows Antrag, je zwei Mitglieder der sozialistischen Parteien in die Exekutive aufzunehmen, wird angenommen, aber das stärkt nur die Rechten. Zwei Trudowki, zwei Volkssozialisten, zwei vom Bund, zwei Menschewiki und zwei Sozialrevolutionäre kommen neben dem Meschrajonzen Jurenew, dem Bolschewiki Molotow, einem weiteren Bolschewiki und einem Anarchisten zusätzlich in die Exekutive. Molotow schlägt vor, die Vertreter der aufständischen Regimenter heranzuziehen, die Menschewiki sind dagegen, werden aber überstimmt.

Die Verhandlungen sind chaotisch und werden ständig durch Grussadressen etc. unterbrochen. Vor dem 1. März werden keine Vertreter aus den Betrieben in die Sowjetführung gewählt , die Exekutive hat eine deutlich kleinbürgerliche Führung. Das Exekutivkomitee des Sowjets diskutiert am 1. März die Frage der Macht. Der rechte Flügel, Bund und Volkssozialisten, einige Sozialrevolutionäre und Menschewiki wollen eine Koalitionsregierung aus dem Duma-Komitee und der Sowjet-Exekutive. Der linke Flügel mit Bolschewiki, Meschrajonzi und linken Sozialrevolutionäre lehnt jede Zusammenarbeit mit dem Duma- Komitee ab und fordern eine revolutionäre Regierung.

Bild 30: Der Taurische Palast
Die Mehrheit schlägt eine mittlere Linie ein, eine Regierung der Bourgeoisie ohne Beteiligung der ‘revolutionären Demokratie‘, wie sie sich selbst nennen. 52) Es gibt eine hitzige Diskussion, man einigt sich schließlich auf die Formulierung, keine Vertreter in die geplante Regierung zu schicken. 53) Wenn die Bourgeoisie die Macht übernehme, werde man ihre Autorität nicht unterminieren. Man fordert von ihr eine Amnestie für alle politischen Gefangenen, die Organisations- und Meinungsfreiheit die sofortige Ausrufung einer demokratischen Republik, Vorbereitung zur Einberufung einer Konstitutionellen Versammlung, Ersetzung der Polizei durch Volksmilizen, die Abhaltung von demokratischen Kommunalwahlen, Abschaffung aller Einschränkungen für Religionen und Nationalitäten, Organisation der Armee auf der Basis der Selbstbestimmung mit Wahl der kommandierenden Offiziere, keine Bestrafung der an der Revolution beteiligten Armee-Einheiten. 54) Die Entscheidung für die Nichtbeteiligung an der Regierung wird mit 13 gegen 8 Stimmen getroffen, die Vollversammlung des Sowjet am 2. März unterstützten die Entscheidung mit 400 gegen 19 Stimmen Stimmen. 55) Nur ein kleiner Teil der Bolschewiki stimmt dagegen, die Mehrheit des Petersburger Komitees der Bolschewiki ist dafür.

In den Sowjet strömen Soldaten und erklären, sie wollten sich nur dessen Befehlen unterordnen. Man einigt sich darauf, in allen Einheiten Soldatendeputierte und einen Soldatenrat zu wählen. Die Soldaten sollen die Kontrolle über die Waffen behalten, Befehle des Dumakomitees sollen nur ausgeführt werden, wenn sie vom Sowjet gebilligt sind. Im Dienst sei die militärische Disziplin zu wahren, außerhalb hätten die Soldaten alle demokratischen Rechte. Das ist der Inhalt des Befehls Nummer Eins.

„Befehle der Militärkommission der Duma werden nur ausgeführt, wenn sie nicht im Widerspruch zu den Befehlen und Entscheidungen des Arbeiter- und Soldatenrates stehen. Waffen aller Art… stehen unter der Kontrolle der Kompanie- und Bataillonskomitees und werden auf keinen Fall den Offizieren ausgehändigt, auch wenn sie das fordern. 56)

Der Befehl wird am nächsten Tag in der Iswestija und als Flugblatt in den Kasernen verkündet und findet seinen Weg zu den Frontsoldaten. Der Sowjet nennt sich jetzt in Arbeiter- und Soldatenrat um.

Die Gründung des Sowjets übt beträchtlichen Druck auf die Duma auf, endlich aktiv zu werden. Die Duma- Abgeordneten können sich nicht zwischen Rebellion und der Befolgung des Auflösungs-Dekrets entscheiden. Kerenski und Skobelew fordern, die Duma müsse die Führung des Aufstandes übernehmen.

Ein ‘Provisorisches Komitee der Mitglieder der Staatsduma für die Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt und zur Herstellung von Beziehungen mit öffentlichen Organisationen und Institutionen‘ wird gebildet, zehn Mitglieder unter der Führung von Rodsianko mit Kerenski und Tschcheïdse sowie Vertretern aller Parteien sind in diesem Dumakomitee vertreten. Das ist der Progressive Block, erweitert um die beiden sozialistischen Abgeordneten. 57)

Die Massen strömen in den Palast und fragen, wo die neue Regierung sei und was sie mache. Golitsyn ist bereit zurück zu treten, aber nicht ohne Einwilligung des Zaren der Duma die Exekutive zu übergeben. In der Nacht ist der Sieg auf den Straßen klar. Endlich entschließt sich Rodsianko um zwei Uhr am Morgen des 28. Februar, dem Zaren die Macht zu nehmen. 58)

Am 28. greifen Soldaten die noch loyalen Regimenter an, sie akzeptieren keine Neutralität mehr. Die Macht fällt in ihre Hand und weitet sich auf die Provinz Petrograd aus. Jetzt bleiben nur noch die Besatzer der Admiralität, des Generalstabs und des Kriegsministeriums zarentreu. Auch der Kommandant der Peter- und Pauls-Festung anerkennt die Autorität des Duma-Komitees. Die restlichen Regimenter werden agitiert und ergeben sich. Aus dem Hotel Astoria, in dem Offiziere untergebracht sind, wird geschossen. Es gibt einen blutigen Kampf von Etage zu Etage, einige Offiziere büßen mit ihrem Leben. Das Hotel wird gestürmt und die Weinvorräte geplündert. 59) In der Admiralität sitzt noch der Kommandierende General mit etwa tausend Soldaten. Er plant, sich auf die Peter-und-Pauls-Festung zurück zu ziehen, aber die Brücken sind blockiert. Am Abend des 1.März kapituliert er.

Fast alle militärische Einheiten schicken Delegationen zum Taurischen Palast, der Hof gleicht einem Feldlager. An den öffentlichen Gebäuden werden die Doppeladler als Symbol der Autokratie abgeschlagen. Das Hauptquartier der Ochrana wird gestürmt und in Brand gesetzt, was viele Agenten ganz gerne sehen. Die Massen verhaften auf eigene Initiative Polizeioffiziere und Minister, einige flüchten aus Furcht vor Gewalt in die Duma und lassen sich internieren. 60)

Über Telegrafen und die Eisenbahn wird die Nachricht von der Machtübernahme des Duma-Komitees in ganzen Land verbreitet. Über den Sowjet sagt sie nichts. Duma-Abgeordnete werden zu den Behörden geschickt, die den Machtwechsel akzeptieren. Unter dem Protest des zuständigen Sowjetvertreters eignet sich das Duma-Komitee die formelle Herrschaft über den Militärapparat in Petrograd an.

Offiziere kehren in ihre Kasernen zurück und wollen wieder das Kommando übernehmen, die Soldaten verweigern das. Gutschkow übernimmt die Militärkommission, was den Generalstab in Mogilno beruhigte, nicht aber die Soldaten. Der Sowjet organisiert inzwischen Arbeitermilizen. Zwei Zentren stehen sich ab 1. März gegenüber. Dann gibt es Verhandlungen zwischen der Sowjet-Exekutive und dem Duma-Komitee, Miljukow und der unabhängige Menschewik Suchanow sind die Wortführer. Miljukow ist für die Regentschaft über den Zarensohn, die Regierung müsse sich auf die Legalität stützen, sonst drohe die Konterrevolution. Die Vertreter des Sowjet lassen die Forderung der demokratischen Republik fallen. Auch die Forderung nach Wahl der Offiziere lehnt Miljukow ab. 61) Die Sowjetdelegierten geben auf ganzer Linie nach. In der Schlusserklärung wird die Frage der Monarchie bis zur Konstitutionellen Versammlung offen gelassen. Die Arbeiter und Soldaten sind eine Macht, aber die Macht wird nicht in der Regierungsfrage eingesetzt. Am 2. März werden die Verhandlungen beendet, die Revolution im Land ist noch nicht vollendet, alle fürchteten die Konterrevolution.

Im übrigen Land verläuft der Umsturz fast überall reibungslos. In Moskau gibt es am 27. Februar Gerüchte über den Sturz der Regierung, die Arbeiter verlassen die Fabriken und strömen auf der Suche nach Nachrichten in die Stadt, am nächsten Tag gibt es einen Generalstreik. Arbeiter besetzen Polizeireviere und verhaften Polizisten, Gefangene werden befreit. Der Umsturz verläuft fast ohne Blutvergießen, die kleine Moskauer Garnison bleibt neutral, es gibt drei oder vier Tote. Am 2. März gibt es eine große Freudenkundgebung, auch die Moskauer Zentrale der Ochrana brennt aus, eine große Menschenmenge hindert die Feuerwehr beim Löschen. Am gleichen Tag tritt der Moskauer Rat der Arbeiterdeputierten zusammen, er beteiligt sich am 'Komitee für die Öffentliche Ordnung' der Kadetten. 62)

Am 27. Februar abends erreicht die Nachrichten vom Aufstand in Petrograd auch Kronstadt. Am 28. versammeln sich die Arbeiter der Kronstadter Dampfschiff-Werft und verlangen, nach Petrograd gefahren zu werden, um an den Ereignissen teilzunehmen. Der Kommandeur von Kronstadt verspricht, am nächsten Tag auf einer Generalversammlung zu sprechen und lässt Maschinengewehre aufstellen. Die Insel ist in Aufruhr. Der Widerstand wird gebrochen, die Matrosen öffnen die Gefängnisse, Matrosen und Arbeiter versammeln sich am frühen Morgen des 1. März am Ankerplatz, der Kommandant ist zuvor erschossen worden, ebenso einige besonders verhasste Offiziere. In einer Art Ritual wird die Leiche des Kommandanten verstümmelt. Ein Komitee mit rechtssozialistischer Mehrheit einschließlich bolschewistischer Matrosen wird gewählt, am 2. März kehrte Kronstadt zum Alltag zurück. Insgesamt werden über 50 Offiziere umgebracht, eine größere Anzahl inhaftiert. 63) Das Dumakomitee schickt einen Kommissar, der am 3. auf einer Garnisonsversammlung die Unterstützung der Matrosen und Arbeiter für die neue Regierung erhält.

In anderen Städten wie Saratow wählen Arbeiter und Soldaten Räte und teilen sich die Macht mit der Stadtduma, Polizisten und bekannte Mitglieder der Schwarzhundertschaften werden verhaftet, überall gibt es riesige Freudendemonstrationen. 64) Insgesamt hat die Februarrevolution 433 Tote gefordert, 313 Aufständische, und 120 Polizisten, Offiziere und zarenloyale Soldaten. 65)

Die Doppelherrschaft

Das Dumakomitee wartete bis zum 2. März, um sich als Provisorische Regierung zu konstituieren. Seine zögerliche Bildung nach dem Zusammentritt des Sowjets führte zur dessen Weigerung, die neue Regierung als einzige Macht anzuerkennen. Während des Krieges hatte Rodsianko als Duma-Präsident als der 'natürliche' Kandidat auf den Posten des Ministerpräsidenten gegolten. Jetzt erweckte er den Verdacht, mit Zar und Generalstab zu konspirieren, er war auch für die Kadetten nicht mehr tragbar. Prinz Lwow hatte im Namen der Semstwo-Vereinigung für die liberale Opposition gesprochen, als Rodsiankos Duma schwieg. Er wurde als Ministerpräsident ausgewählt, vielleicht auch, weil er schwach und ambitionslos war und gegenüber Miljukow, Gutschkow und Kerenski als Kompromisskandidat galt. Eine Kontroverse brach über die Beteiligung der beiden rechten Sozialisten Kerenski und Tschcheïdse aus. Miljukow wollte Tschcheïdse zum Chef des neuen Arbeitsministeriums machen, aber die Sowjetexekutive lehnte es ja ab, sich an der Provisorischen Regierung zu beteiligen. Kerenski hielt sich nicht an den Beschluss, er wollte als 'Botschafter der Demokratie' in die Regierung, seine Entscheidung ließ er sich vom Sowjetplenum legitimieren.

Die neue Regierung umfasste sechs Kadetten, zwei Progressive, zwei Oktobristen , einen Zentristen und einer nannte sich Sozialist. 66) Als die Bildung der Regierung vor dem Taurischen Palast bekannt gegeben wurde, war die Stimmung gemischt, ein Demonstrant fragte Miljukow, wer die Regierung gewählt habe. Kerenskis Name wurde von starkem Applaus begleitet.

Bild 31: Die erste Provisorische Regierung
b37_provisorische_regierung_kopie.jpeg Miljukow übernahm das Außenministerium, der Oktobrist Gutschkow das Kriegs- und Marineministerium, Konowalow kümmerte sich um Handel und Industrie, Nekrassow um den Transport, Kerenski wurde zum Justizminister ernannt. Eine Überraschung war die Ernennung des parteilosen ukrainischen Zuckerfabrikanten Michail Tereschchenko als Finanzminister.

Die neue Regierung verkündete am 3. März eine Amnestie sowie die demokratischen Grundrechte einschließlich des Streikrechts, die Vorbereitung der Wahlen zu einer Konstituierenden Versammlung und die Ersetzung der Polizei durch Volksmilizen. Die zaristischen Beamten sollten ihren Dienst weiter tun. Die Regierung erklärte sich über den Klassen stehend und nur den nationalen Interessen verantwortlich. 67) Blieb die Frage der Zarenherrschaft. Die Regierung erwog, Nikolaus zum Abdanken zu bewegen und an seiner Stelle dessen Bruder Michail Romanow als Regenten für den minderjährigen Zarensohn einzusetzen.

Der Zar im Generalstab des Heeres in Mogilew hatte am 25. Februar den Befehl zur Unterdrückung der Unruhen in der Hauptstadt gegeben, am 27. kamen neue beunruhigende Nachrichten, die aber noch nicht ernst genommen wurden, der Zar lehnte den Rücktritt des Ministerpräsidenten Golitsyn ab. Am 28. reiste der Zar in einem Sonderzug ab, um in Zarskoje Selo südlich von Petrograd seine Familie zu besuchen und den Aufstand zu unterdrücken. Auf der Fahrt kam die verfrühte Meldung einer neuen Regierung. In der Nacht musste sein Zug in einer kleinen Station anhalten, es hieß, die Strecke sei von aufständischen Soldaten besetzt. Der Zug wurde nach Pskow umgeleitet, dort kam er am 1. März an, er war zwei Tage sinnlos durch die Gegend gefahren. Hier erfuhr er von der Ausweitung der Revolution. Im Generalstab war man inzwischen zur Auffassung gekommen, die Macht des Dumakomitees sei das kleinere Übel. Am 2. März stimmte unter diesem Druck Nikolaus zu, gemeinsam mit seinem Sohn zugunsten seines Bruders abzudanken. Der lehnte die Krone ab. Am 8. März wurde der ehemalige Zar aufgrund des Beschlusses des Sowjets festgenommen und in Zarskoje Selo interniert, im Sommer nach Tobolsk in Sibirien überführt. 68)

Am 27. Februar hatte Generalstabschef Alexejew befohlen, zwei Infanterie- und zwei Kavallerieregimenter von der Nordfront zur Bekämpfung des Aufstandes nach Petrograd in Gang zu setzen. Am folgenden Tag erfuhr er von der Ausweitung der Revolution und dann von der Kapitulation der zarentreuen Truppen. Am 1. und 2. März sollten die Fronttruppen in Zarskoje Selo eintreffen.

Am 2. setzte sich der Generalstabschef mit den Kommandanten der einzelnen Heeresabschnitte zusammen. Die Revolution hatte sich inzwischen auf Kronstadt und Moskau ausgeweitet. Der Generalstab kam zur Ansicht, es herrsche keine Anarchie in Petrograd, das Dumakomitee habe die Lage unter Kontrolle, seine Machtübernahme sei sinnvoll. Die zur Bekämpfung der Revolution entsandten Regimenter wurden zurück befohlen. Die versammelten Kommandeure stimmten zu, den Zaren zum Rücktritt aufzufordern. Das reflektierte die Auffassung vieler Offiziere, Nikolaus sei eher ein Hindernis für das Funktionieren ihres Staates.

In den ersten Märztagen erreichten die Nachrichten aus der Hauptstadt die Front. Kommandeure versuchten vergeblich, ihre Leute zu isolieren, oft verbreiteten die gut informierten Telefonisten die Nachrichten schneller als die Offiziere. In einigen Garnisonen bildeten Soldaten Komitees und verhafteten die Kommandeure. Die Soldaten verbanden mit dem Regimewechsel die Hoffnung auf Frieden und Land. Sie banden sich rote Bänder um den Arm als Zeichen der Unterstützung für die Revolution und dekorierten Kasernen und Lastautos mit roten Fahnen. Sie feierten, hielten Versammlungen ab, hörten Reden und sangen die Marseillaise, überall bildeten sich Soldatenräte. Die Disziplin lockerte sich zusehends, zumal sie bald vom Befehl Nummer Eins hörten. Versuche, die Soldaten zu disziplinieren, führten zu Zusammenstößen. Die Unteroffiziere standen meist auf der Seite der Soldaten oder schauten bedeutungsvoll weg.

Die Armeeführung versuchte, die Provisorische Regierung als einzigen Befehlsgeber darzustellen. Die Sowjetvertreter publizierten Aufrufe, die Disziplin sei beizubehalten, der Befehl Nummer Eins sei nur für Petrograd gültig, dass 'Du' sei trotzdem abgeschafft wie die Anrede der Offiziere mit 'Herr', das Rauchen auf der Straße wurde den Soldaten ebenso erlaubt wie der Besuch von Gaststätten und 'Plätzen öffentlicher Unterhaltung' oder politischer Veranstaltungen. Viele Kommandeure zogen den Schluss, der Zerfall der Disziplin führe zur Niederlage. Die Unordnung, Desertionen, Absetzung von Offizieren, Befehlsverweigerungen, Chaos bei der Eisenbahn nahmen schnell zu.

Die Offiziere mussten sich wohl oder übel an die neuen Machtverhältnisse in ihren Einheiten anpassen. Soldatenräte wurden gewählt, bei denen nur wenige Offiziere vertreten waren. Der Militärdienst wurde jetzt viel ziviler ausgeübt, Soldaten rauchten während des Dienstes, grüssten kaum noch und beleidigten oft ihre Offiziere, die sich nicht mehr dagegen wehren konnten, und überwachten sie. Die Soldatenkomitees machten den Offizieren 'Vorschläge', die in der Realität Befehle waren. 69) Sehr wenige Berichte über passiven Widerstand der Monarchisten sind erhalten, die meisten Kommandeure gehorchten. Sie waren es nicht gewohnt, politisch zu handeln und wollten noch einen Bürgerkrieg vermeiden.

Trotz der Unterstützung der Frontkommandeure war die Herrschaft der Provisorischen Regierung sehr wackelig. Die Alliierten unterstützten sie, sofern sie den Krieg fortsetze. Kriegsminister Gutschkow musste zugeben:

„Die Provisorische Regierung verfügt über keinerlei reale Macht, und ihre Anordnungen werden nur in dem Maße verwirklicht, wie dies der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten zulässt, der seinerseits über die wichtigsten Elemente der realen Macht verfügt, weil die Truppen, die Eisenbahnen, die Post und das Telegrafenwesen in seinen Händen sind. Man kann rundheraus sagen, dass die Provisorische Regierung nur so lange existiert, wie dies der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten gestattet.“ 70)

Zwar schrieb die Rabotschaja Gaseta der Menschewiki:

„Mitglieder der Provisorischen Regierung! Das Proletariat und die Armee erwarten eure Befehle die Revolution zu sichern und Russland zur Demokratie zu machen.“ 71)

Doch unter den Arbeitern wurde die Einsetzung der Provisorischen Regierung skeptisch aufgenommen. Die Massen strömten zu den Sozialisten, die in ihrem Bewusstsein mit den Sowjets verbunden waren, Bauern schickten ihre Vertreter zum Sowjet. Im Taurischen Palast saßen auf einer Seite die Duma, im anderen weniger vornehmen Flügel der Sowjet. Der Sowjet überragte in seiner Bedeutung sehr deutlich die Duma, beide Klassen beäugten sich misstrauisch.

Die Provisorische Regierung war sich bewusst, dass sie sich ohne Unterstützung der Sowjetexekutive nicht halten könne. Die Exekutive wusste wiederum nicht, bis zu welcher Grenze der Unzufriedenheit sie die Massen kontrollieren konnten. In den Betrieben und Adelsgütern betrachteten die Besitzer die Arbeiter und Bauern mit Sorge, da der Staat zusammengebrochen war, war der Schutz ihres Besitzes nicht gesichert.

„Am Tage nach der Bildung des liberalen Ministeriums fühlte die Bourgeoisie, dass sie die Macht nicht erlangt, sondern im Gegenteil verloren hatte… Der Einfluss der Bourgeoisie auf die Staatsgeschäfte [unter dem Zarismus, A.d.V.] war gewaltig. Auch Russlands Beteiligung am Kriege war in höherem Maße eine Angelegenheit der Bourgeoisie als der Monarchie. Die Hauptsache aber bestand darin, dass die zaristische Macht den Besitzenden die Fabriken, Ländereien, Banken, Häuser und Zeitungen gesichert hatte und mithin in den lebenswichtigsten Fragen i h r e Regierung gewesen war. Die Februarrevolution veränderte die Lage nach zwei einander entgegengesetzten Richtungen: sie händigte der Bourgeoisie feierlich die äußerlichen Machttribute aus, nahm ihr aber gleichzeitig einen Teil der realen Herrschaft, die sie vor der Revolution besessen hatte.“ 72)

Schnell sollte klar werden, dass das Nebeneinander von Provisorischer Regierung und Sowjet nicht andauernd bestehen konnte.

„Eine Doppelherrschaft entsteht dort, wo feindliche Klassen sich bereits ihrem Wesen nach nicht zu vereinbarende staatliche Organisationen stützen, … die auf dem Gebiet der Staatsleitung einander auf jedem Schritt bedrängen. Der Teil der Macht, der hierbei jeder der kämpfenden Klassen zufällt, wird vom Kräfteverhältnis und dem Gang des Kampfes bestimmt.“ 73)

Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten

Die Arbeiter nahmen den Aufruf zur Wahl der Räte mit Begeisterung auf, die Erinnerung an 1905 war noch sehr lebendig. Am 28. Februar fanden Wahlen in den Betrieben statt, einige Betriebe hatten die Wahlen schon vorweg genommen. Als Norm wurde festgelegt, dass pro Tausend Arbeiter im Betrieb ein Delegierter gewählt werden sollte. Aber auch kleinere Betriebe entsandten Deputierte, aber nicht immer schlossen sich mittlere Betriebe zusammen, so stellten die Betriebe über 400 Menschen Belegschaft 87 Prozent der Rätevertreter. 74) Die Soldatenvertreter lehnten es ab, dieses Verhältnis auf die Regimenter zu übertragen, es sollte auch die Verbindung von kleinsten militärischen Einheiten mit den Sowjet gewährleistet sein. Schnell waren 2.000 Vertreter der Soldaten gegenüber 850 der Arbeiter versammelt, ein eklatantes Missverhältnis bei 400.000 Arbeitern und 160.000 Soldaten der Garnison; auf zwei Arbeiterdelegierte kamen fünf Soldatenvertreter. 75)

Besonders von den Soldaten wurden am Anfang Offiziere und Vertreter der kleinbürgerlichen Intelligenz aufgrund ihrer Beredsamkeit gewählt, die Bauernsoldaten drückten sich ungeschickter aus, nach einigen Wochen wurde das Feldgrau der Soldaten spürbar dominant. Die Zahl der Delegierten stieg bis März auf fast 3.000 an, man entfernte die Sitzplätze. Plenumssitzungen erinnerten bald an Massenversammlungen, ständig unterbrochen von Solidaritäts-Kundgebungen von Delegationen aus dem ganzen Land, viele Delegierte redeten zu allen Fragen. An eine konstruktive Arbeit war unter diesen Bedingungen nicht zu denken. Im März wurde deshalb beschlossen, einen 'kleinen Sowjet' aus 250 bis 300 zu wählen und eine strenge Mandatsprüfung durchzuführen. 76) Auch dieser erlangte keine größere Bedeutung, die Hauptarbeit lag bei der Sowjetexekutive. Daneben entstanden 12 bis 14 Kommissionen sowie ein Verwaltungsapparat mit hunderten von angestellten Schreibkräften. Die Plenumssitzungen fanden anfangs täglich statt, wurden dann seltener und schwächer besucht, die Exekutive entwickelte die Tendenz einer Verselbständigung, blieb aber unter einer gewissen Kontrolle.

Parallel entstanden die Sowjets in den Stadtbezirken, hier waren auch kleinere Betriebe vertreten; hier wuchs der Einfluss der Bolschewiki schneller, im Juni machten sie eine Konferenz der Bezirks-Sowjets als Gegengewicht zur menschewistisch-sozialrevolutionären Mehrheit. Bereits am 3. März stellte der Wiborger Bezirkssowjet die Forderung, die Provisorische Regierung der liberalen Bourgeoisie zu beseitigen und die Macht selbst in die Hand zu nehmen. Die Bolschewiki waren überrascht, eine Minderheit im Sowjet zu sein, waren sie doch in der Zeit der Illegalität die stärkste und aktivste Arbeiterpartei gewesen. Aber sie waren in der Öffentlichkeit kaum bekannt, und die intellektuellen Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren nun mal die besseren Redner. In ihren Wiborger Hochburgen gewannen sie in der Neuen Lessner-Fabrik und bei Rosenkranz die Wahlen zum Sowjet. In der Hauptstadt erreichten die Bolschewiki gemeinsam mit ihren Verbündeten weniger als zehn Prozent der Arbeiterstimmen. Im Sowjet hatte die bolschewistische Fraktion am 9. März 40 Mitglieder, darunter nur zwei bis drei Soldaten. Erst nach Lenins Rückkehr wuchs ihr Einfluss, sie agitierten für Neuwahlen und konnten ab Mai und Juni ihre Kandidaten durchbringen. 77)

Von Petrograd breitete sich der Flächenbrand schnell auf die großen Provinz- und Garnisonsstädte aus. Hier bildeten sich im März fast überall Räte, dann sprang der Funke auf die Kreis- und Landstädte mit weniger Arbeitern über. Man schätzt die Zahl der Sowjets im Mai 1917 auf etwa 400, im August 600 und im Oktober auf 900. 78)

Nach dem leichten Sieg in Moskau formierte sich dort der Sowjet, legte die Zahlen für die Repräsentation fest, wählte Delegierte für den Petrograder Sowjet und begrüsste die Bildung der Provisorischen Regierung. Hier gab es einen getrennten Soldatenrat. Der Sowjet hatte 625 Delegierte, 80 Prozent davon Arbeiter, 16 Prozent Angestellte, gewählt in den Betrieben oder von mehreren Kleinbetrieben, ein Delegierter für je 500 Arbeiter und bis zu drei Vertretern pro Fabrik. Insgesamt repräsentierte er 469.000 Arbeiter Moskaus und der Umgebung. Dazu gab es Vertreter von Gewerkschaften, Krankenversicherungen, Eisenbahnen, Kooperativen und politischen Parteien. 79) Man wählte eine 75-köpfige Exekutive. Die Zahl der bolschewistischen Delegierten wuchs von 51 auf 205 am 19. März an, die stärkste Gruppe bildeten 272 Menschewiki, 110 Sozialrevolutionären, 34 vereinigten Sozialdemokraten, 54 Parteilosen und kleineren Gruppen. Auch in Moskau bildeten sich Bezirkssowjets, wo die Bolschewiki wie in Petrograd bald die Mehrheit errangen. 80)

Bild 32: Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten

In den Provinzstädten entstanden vereinte oder getrennte Arbeiter- und Soldatenräte, fast überall waren die Soldatenräte überrepräsentiert. Im Gegensatz zu den beiden Hauptstädten waren die Delegierten politisch nicht deutlich zuzuordnen oder gar unpolitisch. Auch hier waren die Bolschewiki in der Minderheit, aber in Jekaterinburg hatten sie bei der Arbeitersektion zwei Drittel der Vertreter, in der Soldatensektion ein Fünftel. In Iwanowo hatten die Kommunisten von Anfang an die Mehrheit. 81)

Der Befehl Nummer Eins verfügte Wahlen in Kompanien, Bataillonen, Regimentern der Armee und Marine. Parallel zu den Arbeiterräten weiteten sich die Soldatenräte wie ein Flächenbrand aus, die Kommandeure konnten sie nicht aufhalten, nach einigen Wochen musste der kommandierende General sie sanktionieren und am 30.März versuchte er, sie mit einem Armeebefehl zu reglementieren. Zu Beginn der Revolution hatten rebellierende Soldaten unliebsame Offiziere abgesetzt; der Petrograder Sowjet musste im Befehl 'Nummer Zwei' erläutern, dass es nicht um die Wahl der Offiziere gehe, das hätte den Zusammenbruch jeder militärischen Disziplin bedeutet. Die politische Propaganda unter den Soldaten wurde aufgenommen, die erst der gemäßigten Mehrheit, später den Bolschewiki zugute kam. Meist gab es enge Beziehungen zwischen den Soldatenräten einer Garnison und dem lokalen Arbeiterrat, an der Front fehlte diese Beziehung, viele Arbeiterräte der Großstädte hielten Kontakt mit den Fronteinheiten durch Delegierte und Emissäre.

Die Soldaten neigten in ihrer Mehrheit im Frühjahr den Vaterlandsverteidigern zu, Offizieren wurde unterstellt, die Front zu schwächen und mit 'den Deutschen' unter einer Decke zu stecken. Je mehr sich die Kommissare für die Wiederherstellung der Kampfkraft und damit der Unterordnung unter die Disziplin der Offiziere einsetzen, desto öfter gerieten sie in Konflikt zur Friedenssehnsucht der Soldatenkomitees. Die Rechten meinten, die Soldatenräte würden die Disziplin im Heer untergraben, die Demokraten konterten, die Soldatenräte seien nur Folge des Zersetzungsprozesses. Wahrscheinlich befruchteten sich Ursache und Wirkung; Mitte März war die alte Ordnung der Armee außer Funktion.

Im Winter war die landwirtschaftliche Aktivität gering, die Bauern blieben erst mal von den Ereignissen in Petersburg unberührt. Die Agrarbewegung blieb zeitlich zurück und erreichte ihren Höhepunkt im Sommer und in den Wochen vor und nach der Oktoberrevolution. Die Intelligenz des Semstwo, der Lehrer und Agronomen initiierten Bauernkomitees, die alte Behörden absetzten. Im April erließ die Provisorische Regierung Bestimmungen über Schaffung von Landkomitees in Provinzen, Kreisen und Ämtern. In der Praxis entwickelten sich diese Komitees zu Organen der Bauernrevolution. Bauernsowjets setzten sich nur langsam durch, die Initiative ging meist von den heimkehrenden Soldaten aus. In Petrograd entstand im April der ‘Rat der Bauerndeputierten der Petrograder Garnison‘ aus 280 gewählten Deputierten, der sich auf die Propaganda für die Enteignung der Grundbesitzer konzentrierte.

Die ersten Bauernräte bildeten sich so in den Städten, dabei waren die Sozialrevolutionäre aktiv. Im Mai tagte in Petrograd der erste allrussische Kongress der Bauerndeputierten, einberufen vom wieder erstandenen Bauernbund von 1905, den Genossenschaften und der Sozialrevolutionären Partei. Auf 150.000 Bewohner sollte ein Delegierter kommen, von den 1.115 Deputierten waren 537 Sozialrevolutionäre und 14 Bolschewiki. Danach bildeten sich weitere Bauernräte auf Provinz-, Kreis- und Bezirksebene, die Zahl der Dorfsowjets blieb gering, wahrscheinlich auch, weil die alten Dorfversammlungen Sowjets überflüssig zu machen schien. Ende Juli 1917 gab es in 52 von 78 Provinzen Gouvernements-Bauernräte, in 371 von 813 Kreisen Kreisbauernräte. 82) Sie blieben meist gegenüber den parallelen Arbeiterräten unabhängig.

Die Exekutive des Sowjets war vor dem Sowjet gegründet worden. Der Menschewik Tschcheïdse wurde der Präsident, der zum internationalistischen Flügel der Menschewiki neigende Suchanow war der Theoretiker der Exekutive, er erkannte am klarsten die Probleme der Revolution, war aber kein guter Redner und verlor schnell an Einfluss. Kerenski war offizielle Vizepräsident der Exekutive, nahm aber an den Sitzungen der Exekutive nicht teil. Mitte März kamen mit den Verbannten Zereteli und Gots aus dem sibirischen Exil zurück und wurden ins Gremium integriert. Zereteli wurde zum Theoretiker und Chefunterhändler mit der Provisorischen Regierung. Dan war Herausgeber der Iswestija Petrogradskogo Sowjeta Rabotschich i Soldatskich Deputatow (Nachrichten des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten). 83) Gots war der Verbindungsmann zu den Sozialrevolutionären. Da sich Kerenski weigerte, in der Provisorischen Regierung als Vertreter des Sowjets zu handeln, gründete man ein Verbindungskomitee zur Regierung, was Kerenski als Affront auffasste.

Ende März waren 42 Vertreter in der Exekutive; für die Tagesgeschäfte wurde im April ein 'Büro des Exekutivkomitees' aus sieben Personen eingerichtet.Nach einer gesamtrussischen Konferenz wurden im April 16 Provinzvertreter in die Exekutive aufgenommen, das Büro vergrößerte man auf 24 Mitglieder, es trat täglich zusammen. Der Einfluss der Menschewiki auf die Exekutive war dominant, bei den Soldatenräten überwogen die Sozialrevolutionäre. Ende März waren sieben Arbeiter in der Exekutive vertreten. 84)

Die Sowjetexekutive verstand sich als 'Kontrollorgan der revolutionären Demokratie'. Ihre Ziele hatte sie in der ersten Nummer der Iswestija am 28.Februar festgelegt:

“Um den Kampf für die Interessen der Demokratie zu einem erfolgreichen Ende zu führen, muss das Volk selbst seine eigenen Machtorgane schaffen. Gestern, am 27. Februar, hat sich in der Hauptstadt der Sowjet der Arbeiterdeputierten, bestehend aus gewählten Vertretern der Fabriken und Betriebe, der aufständischen Truppenteile sowie der demokratischen und sozialistischen Parteien und Gruppen gebildet. Der Sowjet der Arbeiterdeputierten… betrachtet als seine grundlegende Aufgabe: die Organisierung der Kräfte des Volkes und den Kampf um die endgültige Sicherung der politischen Freiheit und die Volksherrschaft in Russland… Alle zusammen wollen wir mit vereinten Kräften für die völlige Beseitigung des alten Regimes und für die Einberufung einer Konstituierenden Nationalversammlung kämpfen, die auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts gewählt werden soll. 85)

Bild 33: Sitzung der Exekutive des Petrograder Sowjets 86)

Gegenüber der Regierung hatte die Sowjetmehrheit die Perspektive, in einer bürgerlichen Republik die Rolle einer parlamentarischen Opposition einzunehmen und Druck auf die Bourgeoisie auszuüben. Das stand in keinem Verhältnis zu den Erwartungen der Massen. Die Sowjets schossen wie Pilze aus dem Boden, Arbeiter und Bauern erwarteten ein Ende des Krieges, Land und Brot. Die Räte waren für sie ein Mittel, diese Forderungen zu formulieren und durchzusetzen zu versuchen. Angesichts der bald offensichtlich werdenden Versuche, die Revolution zu begrenzen, wurde die Parole 'Alle Macht den Räten' zu einem Mittel, aus den Sowjets als Kampforgan der Massen zum Organ einer neuen Gesellschaftsordnung zu machen. Die Radikalisierung der Massen führte zu einer Radikalisierung der Räte. Aber eilen wir nicht zu weit voraus.

Der Honigmond der Demokratie

Die ersten Wochen der Revolution waren von der Freude um den Sturz der Autokratie geprägt. Bei Demonstrationen winkten im Stadtzentrum die Damen der 'besseren Gesellschaft' den Arbeitern und Soldaten von den Balkonen mit Taschentüchern, es herrschte wie nach jedem erfolgreichen Umsturz eine allgemeine Stimmung der Verbrüderung, die aufziehenden Konflikte sah man nicht oder versuchte sich zu verdrängen. Die während der Revolution Getöteten wurden am 23. März in einer mächtigen Demonstration zum Marsfeld zu Grabe getragen.

Im Zarenreich war es den Unternehmern nie gelungen, sich zu einem nationalen Unternehmerverband zusammen zu schließen, ihre Divergenzen waren zu groß, viele waren zu eng mit der Grundbesitzerklasse und dem Auslandskapital verbunden. Die Industriellen Petrograds waren stark von den Staatsaufträgen abhängig; angesichts der Zersetzung des Zarismus waren die meisten von ihnen über den Systemwechsel nicht unglücklich, sie erwarteten ein liberales System. Die Gesellschaft der Fabrikbesitzer der Stadt vertrat 450 Großfabriken mit 280.000 Beschäftigten, ihre Zeitung drückte nach dem Februar die Erwartung aus, man habe jetzt die Aufgabe

“… neue Wege der Entwicklung der Entwicklung der russischen Industrie im Rahmen des Kapitalismus zu finden.“

und sicher zu stellen, dass

“… die freien Bürger Industriebesitzer und die freien Bürger Arbeiter eine gemeinsame Sprache finden.“ 87)

Ihr prominentester Vertreter war Alexei Putilow, Präsident der Russisch-Asiatischen Bank und Besitzer der gleichnamigen Fabrik. Die Gesellschaft der Fabrikbesitzer war bereit, wie in Westeuropa Beziehungen zu den gemäßigten Arbeiterorganisationen herzustellen.

Die Unternehmer der Textil- und Leichtindustriellen in der Region Moskau, waren dagegen relativ unabhängig vom Auslandskapital. Sie entstammten zum Teil der religiösen Minderheit der Altgläubigen, sie waren weiter vom Petrograder Machtzentrum entfernt und sahen sich als progressiv und westlich orientiert an und hatten gute Beziehungen zur Moskauer Intelligenz. Zu ihren führenden Vertretern gehörten Sergej Tretjakow, der Industrie- und Handelsminister der Provisorischen Regierung, sowie Pawel Rjabuschinski. Sie standen für eine eher konservative Wirtschafts- und eine liberale Staatspolitik, im Krieg waren sie für die Kriegsindustrie-Komitees eingetreten, im Gegensatz zur Partei der Kadetten favorisierten viele von ihnen die kleine Progressive Partei. Wesentlich reaktionärer waren die Bergwerksbesitzer im Donbass und Krivoi Rog, die Ölmagnaten von Baku, die stark vom Auslandskapital abhingen, sowie die halbfeudalen Bourgeois der Metallindustrie des Ural. Die Bourgeoisie war zufrieden, an der Macht zu sein, die Macht der Sowjets machte ihnen Kopfzerbrechen, die Doppelherrschaft musste beendet werden.

Der 1906 gegründete Verband der Landbesitzer belebte sich in der Februarrevolution. Er war Befürworter der Stolypinschen Reformen, die Landfrage solle in Übereinstimmung mit den Landbesitzern gelöst werden, große Betriebe könnten effektiver arbeiten als kleine. Der Erwerb des Landes sollte vereinfacht werden.

Apotheker, Professoren, Lehrer und andere kleinbürgerliche Vereinigungen schlossen sich der Position an, die Revolution werde helfe, den Krieg zu gewinnen. Die Studenten waren zwischen den Anhängern der Provisorischen Regierung und dem Sowjet gespalten und spielten keine große Rolle.

Am 6. März stellte die Provisorische Regierung den Status Finnlands von 1899 vor den Repressionen wieder her. Die finnischen Sozialdemokraten und bürgerlichen Parteien reklamierten die Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeit Polens war bereits im November 1916 von Deutschland und Österreich-Ungarn proklamiert worden, Polnische Soldaten der russischen Armee verlangten die Einrichtung polnischer Einheiten, dagegen war nur die SDKPiL, sie warnte vor der nationalen Falle und bekräftige die internationale Solidarität des Proletariats. Eine Erklärung vom 19.März sollte die jüdischen Ansprüche befriedigen. Der Bund setzte auf die Konstituante, er war eng mit den Menschewiki liiert, die Zionisten wurden jetzt viel aktiver.

Die Letten in Russland zeigten sich von der Erklärung des Sowjets über die nationale Frage befriedigt. In Lettland formierte sich die deutschen Barone in der Bauernunion. Die Lettische Union verlangte im April eine föderale demokratische Republik mit föderierten Regierungen. Die Lettische Demokratische Partei und die Nationaldemokratische Partei traten für die Föderation mit Russland ein. Die Lettische Sozialdemokratie LSD hatte außer in den Arbeitern auch Unterstützer bei den Soldaten der Lettischen Schützen. Auf ihrem fünften Parteitag im Juli bekämpften sich die Anhänger Luxemburgs und Lenins, die von Pyotr Stuchka geführt wurden; Sie proklamierten eine enge Bindung an das russische Proletariat.

In Estland waren die Nationalisten relativ zurückhaltend, der sozialdemokratische Einfluss war stark. Sie dominierten den Sowjet von Reval, bei den Wahlen zum bürgerlichen Landtag wurde ein Drittel der Stimmen für die russischen Parteien abgegeben. Im Juli erklärte die Estnische Nationalversammlung ihre Unterstützung für eine russische Föderation, die der Konstituierenden Versammlung unterstellt sein sollte, die estnische Sprache sollte gleichberechtigt mit der russischen Amtssprache sein. Als die Bolschewiki an die Macht kamen, verschärften die Nationalisten ihren Widerstand. 88)

Seit 1915 war Litauen weitgehend von deutschen Truppen besetzt. Die Nationalisten hofften auf die Unabhängigkeit des Herzogtum Litauens unter einem deutschen Kaiser. In Russland bildeten Katholiken und Sozialdemokraten einen Nationalrat; in der Sozialdemokratie war der rechte Flügel mit der Dominanz der nationalen Unabhängigkeit über die soziale Revolution stärker. 89)

In der Ukraine in Kiew formten die nationalistischen Organisationen eine Zentrale Rada (Rat). Am Anfang war es eine Gruppe von Intellektuellen ohne Bindung an die bestehenden Parteien mit autonomen Vorstellungen. Sie verabschiedeten eine Grußadresse an Prinz Lwow und den 'Genossen Kerenski', sie luden die Sozialdemokraten zur Zusammenarbeit ein. Auch die ukrainischen Sozialrevolutionäre schlossen sich der Forderung nach der Einberufung einer ukrainischen Konstituierenden Versammlung an. Im April verlangten Sprecher bereits die Teilnahme der Ukrainer an zukünftigen Friedensverhandlungen sowie die Bildung von ukrainischen Armeeeinheiten, die man ja den Polen zugestanden habe. 90) Die Provisorische Regierung war durchaus nicht bereit, mit der Formierung nationaler Armeen die Separation in den Weg zu leiten, sie erklärte, 'die verschiedenen Minderheiten könnten frei Nationalität und Kultur entwickeln'. 91)

In Weißrussland war die nationalistische Bewegung schwach, die Bevölkerung wandte sich den russischen Parteien, besonders den Sozialrevolutionären zu.

In Georgien und Armenien fürchteten die Nationalisten vor allen die Niederlage gegen das Osmanische Reich. In Armenien hatten die Daschnaken 1915 den Alliierten eine Geheimdelegation mit ihren Forderungen geschickt. Nach der Februarrevolution verhielten sich die armenischen Führer erstmal ruhig. In Georgien gab es seit 1905 eine enge Bindung großer Teile der Bevölkerung an die Sozialdemokraten. Die Revolution in Tiflis verlief friedlich, die Unterstützung der städtischen und ländlichen Bevölkerung war enorm; man wusste um die Rolle der Georgier Tschcheïdse und Zereteli in Petrograd. In den Städten gab es eine Entfremdung des Kleinbürgertums von den Menschewiki, die sie nicht vor der armenischen Konkurrenz schützten, die Grundbesitzer fürchteten ein Schicksal wie in Russland.

Bild 34: Gregori Lwow
b41_lwow_gregori_kopie.jpg Die Februarrevolution erweckte eine muslimische Interessenvertretung, die muslimischen Abgeordneten der Duma organisierten das. Im Mai tagte eine Muslimen-Versammlung in Moskau mit 900 Delegierten. Es gab Diskussionen um die Frauenfrage, um die Orientierung an Russland, der Türkei oder dem Pan-Islamismus. Der Kongress beschloss die Trennung von Kirche und Staat sowie die Einführung einer Schulbildung in arabischer und russischer Sprache und ein Reformprogramm wie das der russischen demokratischen Parteien. Erstmals kamen auch sozialistische Forderungen auf, der Kampf gegen den tatarischen Feudalismus und den muslimischen Traditionalismus, die nationale Befreiung von der russischen Dominanz und die Ausweitung des Sozialismus auf die gesamte islamische Welt. Die Zahl der Sozialisten war sehr klein. 92)

Die Provisorische Regierung entwarf Gesetze über die Zukunft Finnlands und Polens, ohne dass sie die Umsetzung voraussehen konnte. Sie machte Versprechungen an Ukrainer und Litauer, gaben Estland den Semstwo-Status. Der Bund war über die Gewährung der Bürgerrechte zufrieden, die Armenier und Georgier ebenfalls, Die nationalen Minderheiten verlangten Anerkennung, die Provisorische Regierung vertröstete auf die Konstituante.

Aber die erste und wichtigste Aufgabe der Regierung war es, die Arbeiter wieder in die Fabriken zu bringen. Am 5. März wurde die Wiederaufnahme der Arbeit vom Petrograder Sowjet beschlossen, aber nur 28 Fabriken folgten dem Aufruf. Die Forderung aus den Betrieben war die verbindliche Einführung des Acht-Stundentages, in den Putilow-Werken, der Neuen Lessner-Fabrik, der Petrograder Metallfabrik, den Kabelwerken, Skorochod und anderen Fabriken beschlossen die Belegschaften ohne Rücksprache mit der Betriebsleitung, nach acht Stunden den Betrieb zu verlassen. 93) In einigen Betrieben wurde noch 12 Stunden gearbeitet. Daneben standen die Abschaffung des Stücklohns, gleiche Bezahlung bzw. Mindestlöhne für Frauen, kräftige Lohnerhöhungen für die schlecht Bezahlten, das Ende der entwürdigenden Behandlung, die Bereitstellung von heißem Wasser, Kantinen und sauberen Toiletten auf der Forderungsliste der Arbeiter. Auch Forderungen nach Sozial- und Krankenversicherung, die Kontrolle der Entlassungen und Einstellungen kamen auf, von Arbeitern gewählte Betriebskomitees sollten darüber verhandeln. Betriebsversammlungen beschlossen die bedingte Unterstützung der Provisorischen Regierung, solange sie die Forderungen der Arbeiter erfülle, der Sowjet übernahm diese Formulierung. Eine vollständige Unterstützung für die Provisorische Regierung gab es nur in wenigen Firmen. Vor dem April dachten die Arbeiter noch nicht an die Übernahme der Macht durch die Sowjets.

Die Arbeiter verlangten die verbindliche Einführung des Acht-Stundentages als Voraussetzung der Wiederaufnahme der Arbeit. Unter diesem Druck verhandelte die Gesellschaft der Fabrikbesitzer mit dem Sowjet. Am 10. März wurde ein Abkommen geschlossen, den Acht-Stundentag bei vollem Lohnausgleich als Vorwegnahme der zukünftigen gesetzlichen Regelung in 300 Petrograder Betrieben einzuführen. Die Provisorische Regierung erkannte die Regelung de facto an, die Arbeitszeitregelung für ganz Russland wurde an eine Kommission überwiesen, wo sie bis zum Ende der Provisorischen Regierung auch blieb. 94) Der Acht-Stundentag blieb auf Großbetriebe beschränkt .Die Vereinbarung installierte zusätzlich Schiedskommissionen. Von kleineren Betrieben konnte die Regelung nur teilweise übernommen werden.

In Moskau stellten die Betriebsversammlungen die gleiche Forderung an den Sowjet. Ein Teil der Belegschaften führte die neue Arbeitszeit selbstständig ein, der Sowjet beschloss den Acht-Stundentag, die Moskauer Unternehmer ordneten sich anders als die Petrograder Unternehmer unter. 95)

Im März 1917 ging die Arbeitszeit in den Petrograder Fabriken nach Schätzungen von 10,1 auf 8,4 Stunden zurück, die Löhne stiegen um 35 Prozent; in ganz Russland stieg der Durchschnittslohn in den ersten drei Monaten der Revolution um die Hälfte. 96) Neuanstellungen wurden vorgenommen. In den Betrieben wurden Abkommen über Fabrikkomitees unterzeichnet, vor allem in den mittleren und größeren Unternehmen, die 'schwarzen Listen' verschwanden. In den Provinzstädten wurde das Abkommen von Petrograd je nach Kräfteverhältnis am Ort mehr oder weniger übernommen. Im März und April war das Gros der Arbeiter durchaus bereit zu Zugeständnissen; die Bergarbeiter des Donbass wollten 'zum Wohle des Landes' über die acht Stunden hinaus zu Überschicht-Löhnen mehr arbeiten. 97)

Voll Optimismus kehrten die Arbeiter nach dem Abkommen an ihre Arbeitsplätze zurück. Jetzt galt es erst einmal, den Stall auszumisten. Manchmal gingen verhasste Vorarbeiter und Manager freiwillig, gelegentlich wandte man auch handfeste Methoden an. In einigen Fabriken wurden Vorgesetzte, die sich besonders bei der Repression ausgezeichnet hatten, in eine Schubkarre gesetzt, ein Sack wurde ihnen über den Kopf gestülpt und unter dem Beifall der Belegschaft wurden sie aus dem Betrieb entfernt und auf der Straße oder in der Newa wurde die Last ausgekippt. Dabei gab es Todesfälle. Diese Kampfform war bereits 1905 angewandt worden. 98) Es war ein Symbol für die Wiederherstellung der eigenen Würde und eine rituelle Demütigung derer, die sie Tag für Tag ihrer Menschenwürde beraubt hatten. Die neuen Fabrikkomitees wandten sich meist dagegen, aber die Wut war so groß, dass nirgendwo die Rausschmisse rückgängig gemacht wurden. In den Putilow-Werken wurden so an drei Tagen 40 Vorgesetzte entfernt, bei Treugolnik sogar 50. 99) In anderen Fabriken mussten Vorarbeiter auf einen Tisch steigen und sich rechtfertigen. Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, wählte man zivilere Methoden. 100)

Neben den Sowjets waren die Fabrikkomitees eine weitere Errungenschaft der Arbeiter in der Februarrevolution. In den Dörfern waren die 'Starosti', die Dorfältesten, die traditionelle Vertretung der Bauern gegen die Grundherren und die Staatsautorität. Die Betriebskomitees sind sicher mit den revolutionären Obleuten in der deutschen Revolution und den 'Commissioni interni' während in den Jahren 1919/20 in Italien vergleichbar. Sie waren den Arbeitern in den Betrieben noch näher als die Sowjets und reagierten direkter auf ihre Forderungen.

Im Frühjahr, als die Arbeiter noch kaum Vorstellungen über den Fortgang der Revolution hatten, ersetzten ihre Komitees erst einmal die gerade sich wieder aufbauenden Gewerkschaften. Der Unternehmerverband und die Provisorische Regierung waren besonders am Schlichtungssystem mit den Fabrikkomitees interessiert, die menschewistischen und sozialrevolutionären Führer unterstützten das, Die Fabrikkomitees wurden meist von den Unternehmern bezahlt und waren in den ersten Monaten auf Mäßigung und Verantwortlichkeit orientiert. Kontrolle über die Unternehmen übten sie vor allem bei Entlassungen und Einstellungen aus. Die Fabrikleitungen erwarteten als Gegenleistung eine höhere Produktivität und die Bereitschaft zu Überstunden. Im Sowjet engagierten sich vor allem die Führer der Arbeitergruppe der Kriegsindustrie-Komitees Bogdanow und Gwosdew für friedliche Beziehungen mit den Unternehmern.

Die Provisorische Regierung richtete beim Industrieministerium ein Sekretariat für Arbeit ein. Im April legte sie einen Gesetzentwurf über das Schlichtungswesen vor, um die Aktivitäten der Fabrikkomitees in ruhigere Bahnen zu lenken. Die Arbeiter wollten sich nicht einengen lassen und ignorierten bald das Gesetz.

Im Februar waren in den Betrieben Milizen gebildet worden, die bald zu einem Konflikt mit den Unternehmern und der Regierung führten. Im April gab es in Petrograd 10.000 bis 12.000 Milizionäre, in Wiborg und Peterhof allein jeweils 3.000. 101) n der Lessner-Fabrik waren es 500, bei Parviainen, Ericson und Aivaz je 300. Der Dienst in den Milizen wurde möglichst einmal im Monat gewechselt, ihre Führer wurden von den Arbeitern gewählt, den Dienst versahen meist Jüngere. In den Fabriken wurden sie zunehmend ein Organ der Kontrolle über die Unternehmer, die ihrerseits ihr altes Wachpersonal verloren und für die Fabrikmilizen bei einer Verschärfung der Gegensätze gefährlich werden sollten. Die Fabrikkomitees verlangten ihre Bezahlung, was die Betriebsleitungen zu verhindern suchten.

In der Revolution war die Polizei aufgelöst worden, oft wurden die ehemaligen Polizisten zur Armee eingezogen. Mit den politischen Gefangenen waren vielleicht etwa 20.000 zivile 'Kriminelle' frei gelassen worden, die zu einem Problem der öffentlichen Sicherheit wurden. Es gab Szenen spontaner Selbstjustiz. 102) In den Arbeiterbezirken versuchten die Betriebsmilizen, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Stadtduma suchte unter den Soldaten und Bürgern der Stadt Freiwillige für die Gründung einer Stadtmilz, in wenigen Tagen wurden 7.000 Männer rekrutiert. 103) Schnell konkurrierten die Fabrikmilizen und die Stadtmiliz gegeneinander. Am 5.März fand eine Delegiertenversammlung der Milizionäre statt, die sich für Zusammenarbeit, aber gegen eine Verschmelzung aussprach. Die Sowjetexekutive war für die Verschmelzung, der Sowjet unterstützte am 7. Mai die Entscheidung der Milizionäre, die Exekutive gab nach. 104) Als Resultat gab es ein Nebeneinander proletarischer und städtischer Milizen: In Wiborg übte die Arbeitermiliz die Macht aus, im Petrograder Bezirk teilte sie sich die Kontrolle mit der Stadtmiliz, in der Innenstadt 'regierte' die städtische Miliz aus Studenten, Ladenbesitzern und entlassenen Armeeoffizieren. Es gab im März 12.000 Arbeitermilizionäre und 8.000 Mann der Stadtmiliz, auch hier eine Form der Doppelherrschaft. 105)

Bild 35: Fabrikarbeiter während einer politischen Versammlung
b39_arbeiter_waehrend_einer_politischen_versammlung_rabinowitch_sowjetmacht_227.jpeg

Die Sowjetexekutive diskutierte ein Verbot monarchistischer Zeitungen, am 5. März beschloss sie, neue Zeitungen von der Genehmigung des Sowjets abhängig zu machen. Die Provisorische Regierung wurde gar nicht erst gefragt, die Drucker hätten deren Befehle sowieso nicht befolgt. Die Entscheidung wurde wenige Tage später auf Druck bürgerlicher Kreise wieder aufgehoben. Am 7. März erklärte Kerenski, er werde die Ausreise Nikolaus II. nach Großbritannien garantieren; der Sowjet beschloss, diese Frage nicht der Regierung zu überlassen und verfügte die Verhaftung des Ex-Zaren und internierte ihn. 106)

Die bürgerlichen Zeitungen begannen Ende März eine Kampagne gegen die Arbeiter, die ständig nur Forderungen stellen und kaum arbeiten würden, dagegen verteidigten die Soldaten in den Schützengräben die Freiheit. 'Soldaten in die Schützengräben, Arbeiter an die Werkbank' war das Motto der Pressekampagne. Eine Konferenz von Vertretern von zwölf Großbetrieben lud daraufhin Soldatenvertreter in die Betriebe ein; die Kampagne hörte danach schnell auf. Die Kampagne gegen die angebliche Faulheit der Arbeiter schärfte deren Klassenbewusstsein. Betriebsversammlungen denunzierten die Angriffe der Bourgeoisie, Anfang April sprachen sich 10.000 Putilow-Arbeiter für einen Boykott der bürgerlichen Presse aus. 107) Langsam fand der Appell der Bolschewiki, die Sowjets sollten die Macht übernehmen, Widerhall.

Neben der Legalisierung der Fabrikkomitees legte die Provisorische Regierung am 25. März Getreidekommissionen auf allen Ebenen fest. Mit viel Getöse legt die Regierung eine 'Freiheitsanleihe' auf, um die Fortsetzung des Krieges zu finanzieren. Die Schlagen vor den Brotläden wurden dadurch nicht kürzer. Die Anleihe wurde von den Besitzenden nur sehr zögerlich gezeichnet, es kamen nur ein paar hundert Millionen Rubel zusammen, man hatte auf drei bis vier Milliarden gerechnet. 108)

Die Dominanz der Rechtssozialisten – dem Bündnis von Menschewiki und Sozialrevolutionären ergänzt durch Trudowiki und Volkssozialisten - machten die Wahlen zu den Petrograder Stadtteil-Dumas Ende Mai deutlich. Sie gewannen 56 Prozent der Stimmen, die Kadetten 22 und die Bolschewiki 20 Prozent. 109) In allen Stadtteilen gewannen die Rechtssozialisten die Mehrheit, nur der Bezirk Wiborg ging mit 58 Prozent der Stimmen an die Bolschewiki, die im Rayon Petrograd und Wasilewski-Insel bis zu einem Drittel der Stimmen erhielten. Zum ersten Mal durften in Russland Frauen wählen. Am 18. April feierten die Arbeiter Petrograds zum ersten Mal unbehindert unter tausenden von Fahnen und Bannern den ersten Mai.

Der Frühling der Parteien

Die Führung der Hauptpartei des Bürgertums, die Kadetten. rief am 3. März auf:

„Das alte Regime ist verschwunden. Die Staatsduma, ihre Parteidifferenzen vergessend, vereint im Namen der Rettung des Vaterlandes, nahm die Bildung einer neuen Regierung auf sich… Lasst alle Unterschiede der Parteien, Klassen, Stände und Nationalitäten in diesem Land vergessen sein… Lasst die Hoffnung in allen Herzen brennen, dass wir dieses Mal in der Lage sind, die zerstörende Uneinigkeit zu vermeiden.“ 110)

Als Partei des Bürgertums lehnten sie selbstverständlich den Klassenkampf ab und bekannte sich zum unteilbaren Russland. Den nationalen Minderheiten wollten sie interne Autonomie gewähren - in einer unteilbaren Republik. Die Landfrage wollten sie zu den eigenen Gunsten lösen. Die Bauern sollten das Land bekommen, dafür eine Rente an den Staat zahlen, der sie an die alten Grundbesitzer weitergeben sollte. 111) Die Regierung solle der Duma verantwortlich sein. Die Kadetten waren erst für eine konstitutionelle Demokratie, ihr Parteitag im März stimmte für eine Republik. In der Provisorischen Regierung waren sie mit Außenminister Miljukow, Transportminister Nekrassow sowie zwei weiteren Ministern dominierend. Mit der Präsenz des Außenministers sollte die Fortsetzung des Krieges an der Seite der Alliierten garantiert werden. Außer in Moskau gelang es ihnen in vielen Provinzstädten, mit ihren Mitgliedern die neuen Stadtverwaltungen zu dominieren, teilweise mussten sie die Macht mit den Räten teilen. Ihre Zeitung Rech (Die Rede) hörte nicht auf zu betonen, dass die Doppelherrschaft beendet werden müsse.

Rechte Parteien gingen in der Februarrevolution erst einmal auf Tauchstation, als sich die Konflikte verschärften, griffen sie vor allem durch die Presse wie Malenkaja Gaseta (Kleine Zeitung) wieder in die Auseinandersetzungen ein.

Der Krieg hatten die Menschewisten in Vaterlandsverteidiger und Internationalisten gespalten. Im Exil und in der Duma-Fraktion waren die Anhänger von Zimmerwald dominierend, viele menschewistische Arbeiter und Intellektuelle waren Patrioten und gruppierten sich um die Arbeitergruppe der Kriegsindustrie-Komitees, um Genossenschaften und Versicherungen. Als Führer wie Zereteli aus der sibirischen Verbannung und dem Exil heimkehrten, sahen sie sich angesichts einer veränderten Situation auch zur Änderung ihrer Positionen zum Krieg genötigt: Es gelte jetzt vor allem, die Revolution zu verteidigen, nicht nur gegen die Reaktion im Innern, sondern auch gegen den äußeren Feind.

„Die Russische Revolution kann sich nicht von ausländischen Militärmächten zerschlagen lassen.“ 112)

Der Krieg sei imperialistisch, er müsse durch den Druck der Arbeiter aller kriegsführenden Länder beendet, ein Friede ohne Annexionen und Kontributionen müsse erreicht werden. Solange diese Ziele aber nicht erreicht seien und der Krieg andauere, müssten sich die Arbeiter und das ganze Volk zum Schutz des Landes und der Revolution einsetzen. Vaterlandsverteidiger und die Anhänger von Zimmerwald vereinigten sich zu den 'revolutionären Vaterlandsverteidigern' und wurden zur stärksten Gruppierung in der menschewistischen Partei.

Alle Flügeln der Menschewiki teilten die Ansicht, die russische Revolution sei eine bürgerliche und habe sich darauf zu beschränken, die demokratische Revolution gegen die Reaktion zu verteidigen, die Grundrechte der Arbeiter zu sichern. Jegliches Weitertreiben der Revolution über das bürgerliche Stadium hinaus sei unmöglich und gefährde die erreichten Errungenschaften. Rabotschaja Gaseta formulierte es so:

„Unsere Revolution ist eine politische. Wir zerstören die Bastionen der politischen Herrschaft, aber die Basis des Kapitalismus bleibt erhalten. Der Kampf an zwei Fronten – gegen den Zaren und gegen das Kapital – übersteigt die Kräfte des Proletariats. Wir werden den Fehdehandschuh, den die Kapitalisten uns zuwerfen nicht aufnehmen. Der ökonomische Kampf wird beginnen, wenn wir es für notwendig halten.“ 113)

“Unsere Revolution zeigt zwar proletarische Formen, aber ihrem Inhalt ist sie nicht proletarisch. Es ist eine politische und keine soziale Revolution. Sie will das politische System stürzen, die Herrschaft des grundbesitzenden Adels, aber nicht die Bourgeoisie. Das Proletariat organisiert sich selbstständig; es strebt nach möglichst weitgehenden Errungenschaften, aber vorläufig sind die Ziele von vornherein begrenzt und zwar freiwillig und mit vollem Bewusstsein. Deshalb hat die revolutionäre Führung des Proletariats und der Armee die bürgerlich-liberale Regierung anerkannt, selbstverständlich unter der Bedingung sofortiger Einführung politischer Freiheit…
Die Freiheit hat noch keine Wurzeln geschlagen und die Revolution braucht noch Einheit. Eine Spaltung würde jetzt nur den Monarchisten und den Anhängern des alten Regimes Nutzen bringen… Wir glauben, dass für uns die absolute Notwendigkeit besteht, die bürgerlich-liberale Regierung zu unterstützen… Das Proletariat erkennt die Regierung an, es hat ihr die Zügel übergeben, aber auf sein Recht zu herrschen hat es nicht verzichtet.“ 114)

Auf keinen Fall wollten die Revolutionären Vaterlandsverteidiger mit Plechanows Gruppe in einen Topf geworfen werden. Plechanow, der Theoretiker des frühen russischen Marxismus, hatte sich bereits zu Beginn des Krieges auf die Seite der Befürworter des Krieges gegen Deutschland gestellt. Nach 37 Jahren im Exil kehrte er im Frühjahr in seine Heimat zurück. Er gründete mit einer kleinen Gruppe von Anhängern, unter ihnen die Veteranen Sassulitsch und Deutsch, um die Zeitschrift Jedinstwo (Einheit), die jedes Überschreiten der bürgerlichen Phase der Revolution rigoros bekämpfte und später zum kompromisslosen Gegner der Oktoberrevolution wurde. Die Gruppe konnte nie Einfluss auf eine größere Schicht von Anhängern gewinnen und beschränkte sich auf die Kommentierung der Ereignisse am Rand der Bewegung; welch tragisches Schicksal eines verdienstvollen Revolutionärs! Die Gruppe um den Mitbegründer der Iskra Alexandr Potressow stand auf dem rechten Flügel der Menschewiki und war den Positionen von Plechanow nahe.

Den Positionen von Zimmerwald blieben die Menschewiki-Internationalisten treu. Sie waren gegen jeder Zusammenarbeit mit Regierung und Kadetten. Am Anfang vertrat Suchanow ihre Positionen, nach seiner Rückkehr im Mai übernahm Julius Martow die Führung der Fraktion, die anfangs noch sehr klein war. Ihre Schwerpunkte hatte diese Fraktion in Moskau und im Donezbecken um Charkow. 115) Ihre Positionen konnte die Gruppe in der Zeitung Novaja Schisn publizieren.

Um diese von Maxim Gorki finanzierte Tageszeitung gruppierten sich die Vereinigten Sozialdemokraten (Internationalisten). Sie traten für die Einheit aller Sozialdemokraten ein – also einschließlich der Bolschewiki – sofern sie sich den Positionen der Internationalisten unterordneten. Im Frühjahr waren sie besonders in Moskau nicht ohne Einfluss, unterstützen Martow nach dessen Rückkehr und wurden immer mehr zwischen Bolschewiki und Menschewiki zerrieben, besonders als ihr Führer Leo Halperin im Sommer zu den Bolschewiki übertrat. 116)

Die Tendenz für die Wiederherstellung der Einheit der RSDRP war im Frühjahr recht stark, als die Unterschiede zwischen Mesnschewiki und Bolschewiki noch überbrückbar schienen. Im Mai nannten sich noch mindestens 25 lokale Komitees Vereinigte Sozialdemokraten, in einigen Städten wie Pskow, Odessa, Rjasan und Pensa spalteten sie sich erst im September und Oktober, in Wolgogda und Mogilew sogar nach der Oktoberrevolution. 117)

Am 7. Mai konnten die Menschewiki eine allrussische Konferenz abhalten. 45 Organisationen mit etwa 45.000 Mitgliedern waren vertreten, die georgische Partei mit allein 40.000 Mitgliedern sowie weitere 23 Gruppen blieben der Konferenz fern. 118) Ins Zentralkomitee wurden zwei Internationalisten aufgenommen. Bei den Menschewiki vertraten die verschiedenen Flügel alle denkbaren Optionen in der Regierungsfrage: Die Rechten wollten ein Bündnis mit den Liberalen, die Linken eine auf die Sowjets gestützte Regierung, das Zentrum war für eine breite Koalition. Im Bündnis mit den Menschewiki fand sich der jüdische Bund, dessen Führer Liber, Rafes und Erlich in der Sowjetexekutive vertreten waren; ihre Konferenz im April unterstützte die Position der 'revolutionären Vaterlandsverteidiger'. 119)

Die Sozialrevolutionäre wurden im Frühjahr zur stärksten Partei Russlands. Sie waren 1905 in Gewerkschaften, Kooperativen und Krankenkassen aktiv gewesen, sie standen für 'Land und Freiheit', das war einfach zu verstehen auch für denjenigen, der nicht lesen und schreiben konnte. 120) Im Februar hatten sie kaum eine funktionierende Organisationen gehabt, ein paar versprengte Gruppen in Baku, Nischni Nowgorod und Charkow. 121) Auch in Petrograd gab es nur wenige Intellektuelle. In der Hauptstadt waren die Sozialrevolutionäre im März gespalten, auf den linken Flügel stand Petr Alexandrowitsch, seine Gegnerschaft zur Regierung wurde schnell überstimmt von den Unterstützern der Provisorischen Regierung.

Bild 36: Wiktor Tschernow
b47_tschernow_wiktor_kopie.jpg Im März und April kamen die Führer Natanson und Tschernow aus dem Exil zurück, der zum wichtigsten Führer der Partei wurde. Auf dem rechten Parteiflügel um die Zeitung Volja Naroda (Volkswille) gruppierte sich mit der legendären Veteranin Jekaterina Breschko-Breschkowskaja eine kleine Gruppe. Der linke Flügel war besonders in Petrograd stark, neben Alexandrowitsch gruppierte er sich um Boris Kamkow, Maria Spiridonowa und Mark Natanson. Zusammengehalten wurde die Partei vom Zentrum um Tschernow und Avram Gots. Kerenski war zwar der Sozialrevolutionären Partei beigetreten, beteiligte sich aber nie an der Parteiarbeit und erklärte sich schnell von ihr unabhängig. Beim Parteitag im Mai fiel er deshalb auch bei der Wahl zum Vorstand durch. 122)

Die Sozialrevolutionäre wurden in großer Zahl in die Sowjets gewählt, bei einigen Soldatenräten bildeten sie die absolute Mehrheit. Ihre Organisationsstruktur war ausgesprochen locker, politisch folgten sie den Menschewiki, mehrheitlich unterstützten sie die Provisorische Regierung und dort besonders ihr Mitglied Kerenski. Im Petrograder Sowjet waren über 400 Mitglieder der PSR, aber buchstäblich niemand tat sich durch Initiativen hervor. Ihre Mitgliedschaft war aufgebläht, 'zum Volk' konnte sich jedermann erklären. Die Partei behauptete im Sommer eine Millionen Mitglieder zu haben, die Mehrheit von ihnen zahlte wohl nur die fünf Kopeken Aufnahmegebühr. Tatsächlich ergab eine Stichprobe, dass in einem Drittel der Parteiorganisationen knapp 23.000 Mitglieder aktiv waren. 123)

Ihr Parteitag erwies ich als Fehlschlag, zwar konnte das Zentrum um Tschernow seine Position festigen, aber seine Beschlüsse wurden im Nebel unklarer Resolutionen versteckt. Über die Landfrage konnte keine Einigung erzielt werden, sie wurde an eine Kommission überwiesen. Man war bereit, Polen die Unabhängigkeit zuzugestehen – das Land war sowieso von den Mittelmächten besetzt – für Finnland wurde dieses Recht nicht vorgeschlagen, die Forderungen der Ukrainer wurden ignoriert. Der Parteitag erschöpfte sich in persönlichen Querelen, für die Aufgaben der Koalitionsregierung hatte man keine Vorschläge, 25 Mitglieder wurden ins Zentralkomitee gewählt, 19 Intellektuelle, ein Arbeiter und kein Bauer. 124)

Genau wie die anderen Parteien wurden die Bolschewiki vom Ausbruch der Revolution überrascht. Die zukünftigen Führer der Partei waren im Exil, Lenin und Sinowjew in der Schweiz, Trotzki und Bucharin in den USA, Swerdlow und Stalin in Sibirien.

Das Russische Büro der Bolschewiki mit Schljapnikow, Molotow und Saluzki verhielt sich in der Februarrevolution, wie wir gesehen haben, ausgesprochen vorsichtig. Das Petersburger Komitee war am 26. Februar durch die Verhaftung von fünf seiner Mitglieder geschwächt, seine Funktionen wurden zeitweise auf das Wiborger Bezirkskomitee übertragen. In den Tagen nach der Revolution organisierte sich die Partei neu und konzentrierte sich auf die Herausgabe der Tageszeitung. Wenige Tage später besetzte die Partei die geräumige und zentral gelegene Kschssinskaja-Villa und neue Komitees wurden geschaffen. Sm 5.März erschien die Prawda, am 10. März wurde die bolschewistische Militärorganisation für die Arbeit unter den Soldaten gegründet.

Die Positionen der Partei waren recht divergierend, Schljapnikow bemühte sich, die unterschiedlichen Kräfte zusammen zu halten. Als die Provisorische Regierung gebildet wurde, waren sich die Bolschewiki uneins, die Mehrheit war für ihre Tolerierung, nur zwei Mitglieder des Parteikomitees forderten die Sowjetmacht. 125) Im Wiborger Bezirk war die Stimmung eher für einen Aufstand gegen die Regierung und die direkte Machtübernahme der Sowjets. Das Wiborger Komitee führte tausendköpfige Versammlungen durch, die fast einstimmig Resolutionen über die Notwendigkeit der Machtergreifung durch den Sowjet annahmen, die wurden vom Petrograder Komitee verboten. Das Petersburger Komitee neigte zu einer bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung.

In der ersten Nummer der Prawda verkündete die Partei:

“Natürlich steht nicht die Frage des Sturzes des Kapitals unter uns zur Diskussion, sondern nur der Sturz des Autokratie und des Feudalismus.“

Am 3. März beschloss das Petersburger Komitee, dass es

“…sich nicht der Macht der Provisorischen Regierung widersetzt, wenn deren Tätigkeit den Interessen des Proletariats und der breiten demokratischen Massen des Volkes entspricht; dass es aber entschlossen ist, schärfstens gegen jegliche Versuche der Provisorischen Regierung zu kämpfen, die darauf abzielen, die monarchistische Herrschaft in dieser oder jenen Form wieder herzustellen.“ 126)

Alle Mitglieder hofften auf eine schnelle Rückkehr Lenins. Mitte März kamen Stalin, Kamenew und Muranow aus der sibirischen Gefangenschaft. Am 12. März wurde ein Präsidium des Zentralkomitees gewählt, dem Muranow, Saluzki, Schljapnikow, Stalin und Jelena Stassowa angehörten. 127) Damit gab es einen deutlichen Rechtsschwenk. Stalin und Kamenew übernahmen die Prawda, Kamenew bekannte sich zur bedingten Unterstützung der Regierung, wie sie der Sowjet beschlossen hatte, erst wenn sich die liberale Regierung erschöpft habe, könne man die Frage nach dem Übergang der Macht in die Hände der revolutionären Demokratie aufwerfen. Er unterstützte ebenso die Kriegsführung der Regierung:

“Nicht das inhaltslose ‘Nieder mit dem Krieg‘ ist unsere Losung. Unsere Losung ist der Druck auf die Provisorische Regierung mit dem Ziel, sie zu zwingen,… mit einem Versuch hervorzutreten, alle kämpfenden Länder zur sofortigen Aufnahme von Friedensverhandlungen zu bewegen… Bis dahin bleibt jeder auf seinem Kampfposten!„ 128)

“Solange es keinen Frieden gibt, muss das Volk fest auf seinem Posten bleiben und Kugel mit Kugel und Granate mit Granate beantworten“. 129)

Das war das Programm Kautskys, aber keinesfalls das Lenins. An der Basis der Partei gab es Widerspruch, eine Tendenz um Mikhail Olminski formierte sich an Lenins Position, aber die Mitglieder ordneten sich unter.

Lenin in der Schweiz konnte sich nur schriftlich äußern. In seinen 'Briefen aus der Ferne' verlange er den Kampf gegen die bürgerliche Regierung und für eine sozialistische Revolution. 130) Den Herausgebern der Prawda schienen Lenins Position wohl zu realitätsfern und zu den eigenen Positionen konträr, der erste Brief wurde teilweise veröffentlicht, die weiteren wegzensiert. 131)

Bild 37: Bolschewiki bei der Rückreise aus der Schweiz. Lenin mit Hut und Schirm, Sinowjew mit Kind hinten links b31_bolschewiki_rueckreise_april_1917_in_stockholm_lenin_m.schirm_sinowjew_m.sohn_links_futrell_nach_p.160_kopie.jpg
Die Rechtssozialisten jubelten über diese Positionen. Zereteli forderte die Bolschewiki auf, sich wieder mit den Menschewiki zu vereinen. Stalin schlug vor, mit den auf den Zimmerwalder Positionen stehenden Menschewiki Gespräche zu führen. Parallel zur allrussischen Konferenz Ende März wurden mit ihnen verhandelt.

Trotzdem wuchs der Einfluss der Bolschewiki in den ersten Wochen stark an. Die Prawda hatte eine Auflage von 85.000 bis 100.000, weitere Tageszeitungen wurden im März gegründet, in Baku, Samara und Riga wurden Bolschewiki zu den Präsidenten der Sowjets gewählt. Ende April waren über 100.000 Menschen Mitglieder der RSRRP(Bolschewiki), zu 60 Prozent Arbeiter, 8 Prozent Bauern und 26 Prozent Angestellte und Mitglieder der Intelligenz. 132)

Links von den Bolschewiki standen die Meschrajonzi. 1916 hatten sie noch 150 Mitglieder in Petrograd, jetzt stieg auch die Zahl ihrer Anhänger stark an. Ihre Hochburg war weiterhin die Wasilewski-Insel, sie hatte sieben Bezirkskomitees, 16 Betriebszellen und zwei Studentengruppen. Sie konnte ihre Zeitschrift Wjerpod (Vorwärts) herausgeben, in der Sowjetexekutive war sie mit Konstantin Jurenew vertreten. Sowohl gegenüber der Regierung als auch in der Kriegsfrage stimmte sie mit den Positionen Lenins überein. 133)

Die Anarchisten Petrograds waren zur Zeit der Februarrevolution nur sehr schwach aufgestellt, ihre Propaganda ließ sie im Laufe des Frühjahrs rasch anwachsen. Die Patrioten um Kropotkin hatten nur eine sehr kleine Anhängerschaft, die Anarcho-Kommunisten etwa 100 Mitglieder und drei Zellen in Wiborg, der Petrograder Röhrenfabrik und den Putilow-Werken. Auch in Kronstadt gewannen sie rasch Anhänger, viele kamen aus der Verbannung und der Emigration zurück. Im Exekutivkomitee des Sowjets waren sie durch Joseph Bleikman vertreten. Außerhalb der Newastadt waren sie mit 70 Mitgliedern im Moskau präsent, sowie in Kiew, Charkow, Odessa und Jekaterinoslaw. 134) Statt auf Attentate setzte sie auf systematische ‘Enteignungen‘, Hausbesetzungen, Fabrik- und Hofbesetzungen, sowie auf die Beschlagnahme von Lebensmitteln. Ende März verlangte ihre Zeitung eine neue Regierung basierend auf der Organisation freier Kommunen als einzigen Weg, den Sieg über die Bourgeoisie zu sichern. Der Krieg müsse sofort beendet werden und die kapitalistische Ordnung zerstört werden, die Revolution werde einen so ansteckenden Effekt haben, dass sie sich weltweit ausbreiten werde.

“Was passierte im Februar? Nichts Besonderes. Anstelle von Nikolaus dem Blutigen hat Kerenski der Blutige den Thron bestiegen.“ 135)

Als Lenin die sozialdemokratische Etappentheorie über den Haufen warf, seine Aprilthesen verkündete und später 'Staat und Revolution' schrieb, waren die Anarchisten davon angetan und glaubten, er habe die 'Zwangsjacke des Marxismus' abgeworfen.

Lenins Aprilthesen

Wie auf glühenden Kohlen saßen die etwa 560 russischen Sozialisten in ihrem schweizer 'Gefängnis' und entwarfen Pläne, wie sie nach Russland zurückkehren konnten. Die Alliierten hatten kein Interesse daran, sie über Frankreich in ihre Heimat zu bringen, Außenminister Miljukow hatte die russischen Botschaften angewiesen, den Sozialisten diesen Weg zu versperren. Blieb also nur die Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner. Über den schweizer Sozialisten Platten nahm man Kontakt zu deutschen Behörden auf.

Der deutsche Außenminister hatte durchaus ein Interesse daran, die Alliierten durch das 'Entfesseln' der Revolution in Russland zu schwächen und den Zweifrontenkrieg zu beenden. Das Außenministerium wiederum hatte Kontakte zu Parvus-Helphand, der in der Revolution 1905 aktiv war und während des Krieges in Konstantinopel mit diversen Geschäften ein Vermögen gemacht hatte. Im Auswärtigen Amt waren 1915 fünf Millionen Mark für politische Zwecke in Russland bereit gestellt worden, ohne dass man nachvollziehen konnte, ob und wohin dieses Geld nach Russland ging. 136)

1917 hatte Parvus in Kopenhagen und Stockholm ein Institut gegründet, dass neben wissenschaftlichen Aufgaben wohl auch Kontakte nach Russland pflegte. Einer seiner Mitarbeiter war Jakub Hanecki - russische Schreibweise Ganezki - der im Krieg den Kontakt zwischen Lenin in der Schweiz und Schljapnikow vom Russischen Büro sicher stellte. Einen Teil des deutschen Geldes bekam Parvus. Parvus versuchte Lenin in Genf zu treffen, was dieser kategorisch ablehnte. Die Rückfahrt wurde an Parvus vorbei über Platten verhandelt. Ein Vertrag wurde geschlossen, einen Sonderzug von der Schweiz durch Deutschland nach Schweden durch zu lassen. Der Waggon, in dem die Exilanten saßen, sollte Exterritorialität besitzen, keinem deutschen Staatsangehörigen sollte der Zugang zum Waggon gestattet sein.

Lenin wusste,

„Wir müssen fahren, und wenn es durch die Hölle geht.“ 137)

Ihm war durchaus bewusst, dass die Kooperation mit dem Kriegsgegner ihm heftige Vorwürfe in Russland bringen würde, aber der Weg im 'plombierten' Wagen war die einzige Möglichkeit, nach Russland zu kommen. Am 9. April (27. März nach julianischem Kalender) fuhr ein erster Zug los, neben Lenin und Krupskaja waren Sinowjew, Sokolnikow, der österreichische Deserteur Radek unter falschem Namen, sowie Fritz Platten dabei, insgesamt 19 Bolschewisten, sechs Bundisten, drei Zimmerwalder Menschewisten sowie vier Kinder. Der Zug hatte seitens der deutschen Behörden absolute Priorität, dass musste auch der deutsche Kronprinz erfahren, dessen Sonderzug zwei Stunden warten musste, um Lenin und seine Gruppe passieren zu lassen. 138) Über Sassnitz und Trelleborg ging die Reise nach Schweden, wo die Reisegruppe von Ganezki empfangen wurde. Am 13. April kam die Gruppe in Stockholm an, konferierte mit schwedischen Sozialisten und ließ sich vom russischen Konsul Pässe ausstellen. Dem Österreicher Radek wurde das Visum verweigert, er blieb als Auslandsvertreter der Bolschewiki in der schwedischen Hauptstadt. Ein weiterer Versuch von Parvus, mit Lenin Kontakt aufzunehmen, wurde von dem abgelehnt. Am 14. überquerte die Gruppe die schwedisch-finnische Grenze, an der finnisch-russischen Zollgrenze wurde Lenin am 3. April – jetzt wieder nach russischer Zeitrechnung – von einer Delegation des bolschewistischen Zentralkomitees erwartet.

Andere Exilanten verlangten ebenfalls die Durchreise, im Mai und Juni passierten zwei weitere Züge mit 288 Russen Deutschland, unter ihnen Martow, Axelrod, Manuilski, Lunatscharski und Angelica Balabanoff. 139) Von der Provisorischen Regierung wurde im Juli der Vorwurf erhoben, Lenin habe deutsches Geld erhalten und stehe als dessen Agent im Lager des Feindes. Es existieren keine Beweise für deutsche Zahlungen an Lenin und die Bolschewiki. Eduard Bernstein behauptete 1921, er habe von einem Gewährsmann erfahren, die Bolschewiki hätten mehr als 50 Millionen Reichsmark von der deutschen Regierung erhalten, die Bolschewiki hätten deshalb ihre Prawda täglich erscheinen lassen können. Die Zeitung hatte vier Seiten in schlechter Qualität, die mehr als 100.000 Bolschewiki konnten die 370.000 Auflage leicht stemmen. Von den Deutschen bekamen Pilsudski und ukrainische Nationalisten Geld, Parvus will eine Millionen Reichsmark an Rakowski, Trotzki und Martow verteilt haben. 140) Radek ließ verbreiten:

“Von Parvus hat keiner der Bolschewiki… auch nur einen Groschen für irgendwelche politischen Zwecke bekommen. Parvus hat ihnen auch niemals derartige Angebote gemacht.“ 141)

Das wäre Parvus nicht schwer gefallen, denn Ganezki war sein Angestellter und er hätte auch Radek in Stockholm versorgen können. Es ist auch relativ unerheblich, wenn die Reichsregierung die russische Revolution unterstützt hätte; denn auf die Politik Lenins und seiner Anhänger lässt sich kein deutscher Einfluss feststellen.

An der finnischen Grenzstation wurde Lenin von Kamenew, Schljapnikow und seiner Schwester Maria Uljanowa begrüsst. Lenin überfiel Kamenew sofort mit Vorwürfen über dessen Unterstützung der Regierung. In Petrograd hatten die Bolschewiki ihre Anhänger zum Finnischen Bahnhof mobilisiert, als er am Abend eintraf. Im Bahnhof hielt der Vertreter der Sowjetexekutive Tschcheïdse eine Begrüßungsrede, Lenin beachtete ihn kaum. Draußen sprang er auf einen Panzerwagen und hielt seine erste Rede in der Hauptstadt nach zwölf Jahren an die Arbeiter und Soldaten,

“… die es nicht nur vermocht haben, Russland vom Zarendespotismus zu befreien, sondern auch den Grundstein gelegt haben für die soziale Befreiung im internationalen Maßstab.„ 142)

„Das Morgenrot der Weltrevolution ist angebrochen… Es lebe die sozialistische Weltrevolution!“ 143)

Dann begleitete die Menge Lenins Auto zur Kschessinskaja-Villa. Dort wiederholte er seine Rede. Die Mehrheit der Zuhörer war beglückt über den zurückgekehrten Chef, aber etwas verwirrt über die 'anarchistischen Neigungen'. Lenins Rückkehr fiel zusammen mit der allrussischen Konferenz der Bolschewiki, auf der Stalin die Zustimmung der Teilnehmer für die kritische Unterstützung der ProvisorischenRegierung erhalten hatten. Seine Haltung war fast identisch mit jener der Menschewiki, eine Wiedervereinigung der Sozialdemokraten schien also durchaus realistisch. Scheinbar war Lenin im Ausland weit von der russischen Realität entfernt.

Lenin zögerte nicht, bereits am nächsten Tag seine Aprilthesen vorzulegen, die Prawda veröffentlichte sie am 6. April. Sie waren das radikale Gegenteil der Positionen von Kamenew und Stalin.

“1. In unserer Stellung zum Krieg, der von seiten Russlands auch unter der neuen Regierung… unbedingt ein räuberischer imperialistischer Krieg bleibt, sind auch die geringsten Zugeständnisse an die 'revolutionäre Vaterlandsverteidigung' unzulässig.

Einem revolutionärem Krieg, der die revolutionäre Vaterlandsverteidigung wirklich rechtfertigen würde, kann das klassenbewusste Proletariat seine Zustimmung nur unter folgenden Bedingungen geben:

a) Übergang der Macht in die Hände des Proletariats und der sich ihm anschließenden Teile der Bauernschaft,

b) Verzicht auf alle Annexionen in der Tat und nicht nur in Worten;

c) tatsächlicher und völliger Bruch mit allen Interessen des Kapitals.“ 144)

Da die breiten Schichten die Vaterlandsverteidigung ernst nähmen und von der Bourgeoisie betrogen würden, müsse man eine breite Propaganda führen, dass es ohne Sturz der Regierung unmöglich sei, den Krieg durch einen demokratischen Frieden zu beenden.

“2. Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss…

3. Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung… Entlarvung der Provisorischen Regierung statt der unzulässigen, Illusionen erweckenden 'Forderung', diese Regierung … solle aufhören, imperialistisch zu sein.“ 145)

Die bolschewistische Partei sei eine Minderheit in den meisten Sowjets gegenüber dem Block der kleinbürgerlichen Elemente, die den Einfluss der Bourgeoisie in das Proletariat hineintrügen.

“Aufklärung der Massen darüber, dass die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind…

Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der Kritik und Darstellung der Fehler, womit wir gleichzeitig die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren…

5. Keine parlamentarische Republik… sondern eine Republik der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Land, von unten bis oben.

Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft.

Entlohnung aller Beamten, die durchweg wählbar und jederzeit absetzbar sein müssen, nicht über den Durchschnittslohn eines guten Arbeiters hinaus.

6. Im Agrarprogramm Verlegung des Schwergewichts auf die Sowjets der Landarbeiterdeputierten. Konfiskation aller Gutsbesitzerländereien. Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande; die Verfügungsgewalt über den Boden liegt in den Händen der örtlichen Sowjets der Landarbeiter. Und Bauerndeputierten. Bildung besonderer Sowjets von Deputierten der armen Bauern…

7. Sofortige Verschmelzung aller Banken des Landes zu einer Nationalbank und Errichtung der Kontrolle über die Nationalbank durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.

8. Nicht 'Einführung' des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.„

Als Aufgaben für die Partei definierte Lenin die Einberufung eines Parteitages, die Änderung des Parteiprogramms über den Imperialismus und imperialistischen Krieg, den Staat und die Berichtigung des Minimalprogramms sowie die Änderung des Namens der Partei und Gründung einer revolutionären Internationale. 146)

Die Konferenz nahm Lenins Thesen zur Kenntnis, angesichts der gerade beschlossenen Politik waren sie eine Provokation. Das Petersburger Komitee lehnte Lenins Politik mit 13 gegen zwei Stimmen ab, nur Alexandra Kollontai unterstützte ihn. 147)

Bild 38: Lenin redet vor dem Finnischen Bahnhof. Unbekannter Maler


Die bürgerliche Russkaja Wolja (Russischer Wille), die Kadettenzeitung Retsch (Rede) und Plechanows Organ Jedinstwo (Einheit) eröffneten eine Kampagne gegen Lenin, er verkaufe sich an die Deutschen und wolle einen Bürgerkrieg auslösen. Der schockierte Goldenberg ging zu den Menschewiki über und warf Lenin vor, er bewerbe sich um den seit 30 Jahren verwaisten Thron des anarchistischen Führers Bakunin. Kamenew antwortete Lenin in der Prawda:

“Lenins Schema erscheint uns nicht akzeptabel. Es geht davon aus, dass die bürgerlich- demokratische Revolution vollendet sei und sofort in eine sozialistische Revolution umgewandelt werden müsse.“ 148)

Die bolschewistischen Führer hielten an der alten Theorie fest, die Februarrevolution sei nur die erste Etappe der bürgerlichen Revolution. Sie glaubten, die demokratische Diktatur stehe noch bevor; die Provisorische Regierung werde scheitern und dann würde die demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern entstehen.

Der Lauf der Februarrevolution hatte das alte Schema der Revolution verändert. Die Massen wurden in das System der Doppelherrschaft hineingezogen.

“Sie mussten von nun an durch diese hindurch gehen, um sich durch Erfahrung zu überzeugen, dass sie ihnen weder Friede noch Land geben könne. Vom Regime der Doppelherrschaft sich abzuwenden, bedeutet für die Massen von nun an, mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki zu brechen. Es ist aber ganz offensichtlich, dass die politische Wendung der Arbeiter und Soldaten zu den Bolschewiki den ganzen Bau der Doppelherrschaft umwarf und nichts anderes mehr bedeuten konnte als die Errichtung der Diktatur des Proletariats, die sich auf das Bündnis der Arbeiter und Bauern stützte. Im Falle einer Niederlage der Volksmassen konnte aus den Ruinen der bolschewistischen Partei nur die Militärdiktatur des Kapitals entstehen. Die ‘demokratische Diktatur‘ war in beiden Fällen ausgeschlossen. Auf sie den Blick gerichtet, wandten die Bolschewiki faktisch das Gesicht dem Gespenst der Vergangenheit zu. In dieser Lage fand sich Lenin, als er mit der unbeugsamen Absicht gekommen war, die Partei auf einen neuen Weg zu führen.“ 149)

Das Proletariat könne jetzt die proletarische Revolution beginnen als Prolog der europäischen Revolution. Der Gedanke, in den Grenzen des rückständigen Russlands eine sozialistische Revolution zu beginnen, wurde vor 1914 von niemandem ausgesprochen, Trotzki hatte als einziger die Idee aufgebracht, dass das russische Proletariat vor den Arbeitern im Westen die Macht erringen und die ersten sozialistischen Maßnahmen treffen müsse. So verdammte man Lenins Aprilthesen als trotzkistisch. Kamenew argumentierte, die bürgerliche Revolution sei nicht abgeschlossen. Dem stimmte Lenin zu, aber nur unter der Herrschaft der neuen Klasse sei sie zu vollenden.

„Den alten Bolschewismus muss man aufgeben‘, sagte er wiederholt. ‘Es ist notwendig, die Scheidelinie zwischen Kleinbürgertum und Lohnproletariat zu ziehen.‘“ 150)

Mit Energie ging Lenin daran, die Partei von seiner neuen Politik zu überzeugen. Zuerst gelang das im Bezirk Wiborg. In überraschend kurzer Zeit gewann er die Mehrheit. Seinen Gegnern war er intellektuell überlegen, er macht eine energische Kampagne für seine Positionen. Es zeigte sich unter den Anhängern Enttäuschung über die mageren Ergebnisse der Revolution und die sich verschlechternde ökonomische Lage, diese Unzufriedenen artikulierten sich an der Basis, weiter zu gehen als die gemäßigten Führer. Bald unterstützten ihn neben Kollontai auch Sinowjew, Olminski, Molotow, Schljapnikow und Stalin. In Krasnojarsk und Samara bekam Kamenew bei Bezirkskonferenzen die Mehrheit, Moskau, Charkow, Lettland und der Ural mit Swerdlow wurden von neuen Kurs gewonnen. 151) Auf der bolschewistischen Stadtkonferenz Petrograds vom 14. bis 22. April errang Lenin einen Sieg, mit 37 gegen drei Stimmen wurde der Kurswechsel unterstützt. Die Aprilkrise der Regierung forcierte seinen Sieg. 152)

Mitten im Streit um den Kriegskurs tagte vom 24. bis 29. April die gesamtrussische siebente Konferenz der Bolschewiki mit 151 Delegierten. Viele Parteisektionen hatten sich inzwischen für Lenins Kurs ausgesprochen, so der Bezirk Wasilewski, 105 meist weniger bekannte Mitglieder unterstützten mit ihrer Unterschrift die Aprilthesen. Die Diskussion wurde intensiv geführt, gegen Kamenews Widerstand siegte Lenins Kurs mit 140 Stimmen. Lediglich in der Frage der Umbenennung der Bolschewiki in Kommunisten unterlag Lenin; er stimmt auch gegen den Vorschlag Sinowjews, sich an der dritten Zimmerwalder Konferenz zu beteiligen, um dort die Thesen der Linken einzubringen. Mit Lenin, Sinowjew, Swerdlow, Stalin, Smilga, Kamenew, Nogin, Miljutin und Fedorow wählt die Partei ein neues Zentralkomitee. 153) Der Einfluss der Bolschewiki wuchs, im Sowjet zählte die bolschewistische Fraktion jetzt schon 120 Mitglieder statt noch 40 im März, es bestand also die Hoffnung, im Sowjet bald eine Mehrheit gewinnen zu können. 154) Kamenew, Rykow, Tomski, Kalinin und Dserschinski verblieben in ihrer Opposition.

Lenins Aprilthesen und ihre Annahme durch die Bolschewiki sind nicht hoch genug einzuschätzen. Sie bedeuten den Bruch mit der sozialdemokratischen Politik, den Bruch mit jeglicher politischen Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie, die erst Stalins Volksfrontpolitik in den dreißiger Jahren endgültig wieder rückgängig machte. Er legte die Politik fest, die zum Sturz der bürgerlichen Ordnung durch das russische Proletariat im Bündnis mit den Bauern führte, in den folgenden Jahren wurde Lenins Politik Vorbild für die Revolutionäre der ganzen Welt.

Im Mai traf auch Trotzki aus den USA in Petrograd ein, er war von den Briten bei seiner Durchreise mehrere Wochen in Kanada interniert worden. In den USA hatte Trotzki die gleiche Position wie Lenin eingenommen.

“… Das revolutionäre Proletariat muss seine eigenen Organe, die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten gegen die Exekutive der Provisorischen Regierung aufbauen. In diesem die Regierungsmacht zu ergreifen.“ 155)

Es war Lenin, der seine Position gegenüber der Revolution von 1905 korrigierte. Es war Trotzki, der seine organisatorische Sonderrolle beendete und sich der bolschewistischen Partei anschloss. Später sollte er sagen, sein verspäteter Beitritt sei einer der größten Fehler seines Lebens gewesen. Nach Trotzkis Rückkehr schloss der sich erst einmal den Meschrajonzi an. Am 10.Mai nahm Lenin an einem Treffen der Meschrajonzi teil und bot ihnen einen Platz in der Redaktion der Prawda an, er war bereit, diese Angebot auch auf Martows Menschewiki-Internationalisten auszudehnen; 156) ein Koordinationskomitee aus drei Bolschewiki und zwei Meschrajonzi wurde eingerichtet. 157) Im Sommer trat die Gruppe der 3.000 Meschrajonzi auf dem Sechsten Parteitag der bolschewistischen Partei bei.

Die Miljukow-Krise

Ende April entwickelten sich die Widersprüche der jungen Revolution zu einem ersten größeren Konflikt, kaum acht Wochen nach dem Sturz der alten Gesellschaft.

In Paris und London setzte man darauf, trotz des Umsturzes in Russland werde die Regierung den Krieg fortsetzen. Die Berichte der Botschafter waren nicht so optimistisch, der französische Oberbefehlshaber sandte angesichts des Scheiterns der Frühjahrsoffensive der Alliierten ein Telegramm nach dem anderen an General Alexejew und verlangte einen Angriff. Der britische Botschafter in Russland Buchanan schlug vor, die patriotischen Sozialisten Großbritanniens und Frankreichs nach Russland zu schicken, um ihre russischen Genossen zur Fortsetzung des Krieges anzustacheln. 158) Es kamen im April Delegationen mit den sozialistischen Ministern Henderson und Thomas, Teilnehmer der französischen Delegation war auch Marcel Cachin. Die Delegation begrüsste die russische Formel 'Friede ohne Annexionen und Kontributionen'. Rüstungsminister Albert Thomas erklärte, die deutschen Sozialdemokraten könnten nur an einer internationalen sozialistischen Konferenz teilnehmen, wenn sie die deutsche Kriegsschuld anerkennen würden. Nur Marcel Cachin ging als Anhänger der Revolution nach Frankreich zurück.

Bild 39: Soldatendemonstration 'Bis zum siegreichen Ende'
b38_soldatendemonstration_krieg_bis_zum_siegreichen_ende_kopie.jpg Auf die Kampagne der bürgerlichen Presse reagierten Soldaten mit Demonstrationen für die Fortsetzung des Krieges, die Arbeiter sollten ihre Forderungen nach dem Acht- Stundentag zurück stellen. Sie griffen Lenin als deutschen Agenten an, es schien als ob der Spaltungsversuch erfolgreich sei. 159)

Am 14. März verabschiedete der Sowjet einen Aufruf 'an die Völker der Welt', der einen allgemeinen Friedensschluss ohne Annexionen und Kontributionen beinhaltete. Ganz im Sinne der 'revolutionären Vaterlandsverteidiger' lehne der Sowjet einen Separatfrieden mit Deutschland und Österreich-Ungarn ab, der Krieg habe solange fortgesetzt zu werden, bis die Bedrohung der Freiheit durch den deutschen Imperialismus beseitigt sei. Eigentlich war es eine Resolution zur Fortsetzung des Krieges und befriedigte weder Kriegsgegner noch dessen Befürworter. Von der Regierung verlangte der Sowjet eine Erklärung in diesem Sinne.

Dem folgte die Regierung in ihrer Erklärung an die Alliierten:

“Die Verteidigung unseres eigentlichen nationalen Vaterlandes um jeden Preis … bilden die hauptsächlichste, wichtigste Aufgabe unserer Krieger, die die Freiheit des Volkes verteidigen. Die Provisorische Regierung … hält es für … ihre Pflicht, schon jetzt zu erklären, dass das freie Russland nicht das Ziel hat, andere Völker zu beherrschen … und gewaltsam fremdes Gebiet zu besetzen… Im Namen der Gleichheit entfernte es die Ketten, die auf dem polnischen Volk lasteten. Diese Grundsätze werden die Grundlage der äußeren Politik bilden, … wobei sie die Verpflichtungen, die wir gegen unsere Verbündeten eingegangen sind, einhält.“160)

Außenminister Miljukow, im Volksmund auch 'Miljukow-Dardannelski' genannt, fügte der Erklärung eine Note hinzu, Russland werde auf jeden Fall seine Bündnisverpflichtungen einhalten, er gab der

“…festen Überzeugung Ausdruck, dass der gegenwärtige Krieg siegreich beendet werde.„ 161)

Die Erklärung führte am 20. April zu wütenden Demonstrationen von Arbeitern und Soldaten. 'Nieder mit Miljukow!‘, ‘Weg mit der Annexionspolitik!‘ und sogar erstmals ‘Nieder mit der Provisorischen Regierung!‘ waren die Parolen der erregten Menge vor den Marienpalast, dem Regierungssitz. Die Bolschewiki riefen zu den Demonstrationen auf, sie erklärten den imperialistischen Charakter der Regierung Lwow, ihre Abhängigkeit vom internationalen Kapital und von den imperialistischen Mächten, die Regierung habe nicht die Geheimverträge der Zarenregierung veröffentlicht, sondern führe deren Politik fort, nur die Machtübernahme der Sowjets könne einen sofortigen Frieden bringen. 25.000 bis 30.000 Arbeiter stoppten ihre Arbeit, die Soldaten gingen teilweise bewaffnet zu den ersten größeren Demonstrationen gegen die Provisorische Regierung, Hunderttausend demonstrierten, sie trafen auf Gegendemonstranten, es fielen Schüsse und es gab Tote und Verwundete. Am 21. gingen die Demonstrationen weiter, gleichzeitig mobilisierten die Kadetten die Unterstützer des Krieges. Den ganzen Nachmittag über wurde geschossen, niemand wusste, wer auf wen feuerte. Auch in anderen Städten gab es Demonstrationen. 162)

Viele Betriebe und Einheiten nahmen Resolutionen mit den bolschewistischen Forderungen nach Veröffentlichung der Geheimverträge, Bruch mit der Eroberungspolitik und ein offenes Angebot für sofortigen Friedens auf. Einige ungeduldige Teile waren geneigt, die Provisorische Regierung sofort zu verjagen, der Sowjet solle die Macht übernehmen. Das ZK der Bolschewiki konterte, der Sturz der Provisorischen Regierung sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt abenteuerlich, der Machtergreifung müsse die Eroberung der Sowjetmehrheit vorangehen. 163)

Die Regierung gab eine Erklärung heraus, die sich von Miljukows Note distanzierte, die sie zuvor einstimmig – mit Kerenski - gebilligt hatte. Die Sowjetexekutive beschloss, weitere Demonstrationen in den nächsten Tagen zu verbieten, die Bolschewiki ordneten sich dem Verbot unter.

Bild 40: Pawel Miljukow
b42_miljukow_pawel_kopie.jpg Miljukow trat zurück, ebenso der Kriegsminister Gutschkow. Die Regierung drängte jetzt Menschewiki und Sozialrevolutionäre, zur Lösung der Krise einer Koalitionsregierung zuzustimmen. Während die Sozialrevolutionäre sich einverstanden zeigten, falls die Menschewiki mitmachten, zögerten diese; wenn sie in der Regierung wären, gäbe es niemanden mehr, der die Massenbewegung eindämmen könne. Der Regierungseintritt bedeutete auch eine direkte Verantwortung für den Krieg.

Innerhalb der menschewistischen Führung war Tschcheïdse ein eifriger Befürworter des Regierungseintritts, flankiert vom Zimmerwalder Zereteli. Die Bedingungen der Vaterlandsverteidigung hätten sich gewandelt, man könne sie nicht mehr mit den Verteidigern des Zarismus vergleichen. Bis zum Kriegsende müsse das Vaterland verteidigt werden, das sei eine grundsätzliche Aufgabe der Revolution. 164) Die linken Menschewiki lehnten diese Lösung ab. Doch neben der Sowjetfraktion waren die Petrograder Organisation, Potressows Gruppe und die Rabotschaja Gaseta für den neuen Kurs. Eine Abstimmung am 28. April lehnte den Eintritt erst einmal ab, als am nächsten Tag Gutschkow zurück trat, forderte eine Flut von Telegrammen die Sowjetführer auf, durch den Beitritt zur Regierung die Zersetzung der Armee aufzuhalten.

In der Nacht vom 1. zum 2. Mai wurde dann der Regierungseintritt mit 44 gegen 19 Stimmen bei zwei Enthaltungen von der Sowjet-Exekutive beschlossen, zuvor hatte auch die Führung der Menschewiki diesen Schritt gebilligt. 165) Im Plenum des Sowjet stimmten nur Bolschewiki, Anarchisten und ein paar linke Sozialrevolutionäre dagegen, Sinowjew, der die bolschewistische Position verteidigte, wurde ausgebuht, die Rechte siegte mit etwa 2.000 gegen 30 Stimmen, aus den Betrieben kamen Unterstützungsresolutionen für die Bolschewiki. 166) In Geheimverhandlungen wurde die Koalitionsregierung ausgehandelt; Kerenski wechselte ins Kriegsministerium über, Tschernow bekam die Landwirtschaft, die Menschewiki Perewersew, Skobelew und Zereteli wurden für Justiz, Arbeit und das Post- und Fernmeldewesen verantwortlich, auch der Volkssozialist Peschechonow erhielt mit dem Ernährungsressort ein Pöstchen. Man vertraute Zereteli das Postwesen nicht deshalb an, weil es so wichtig war, sondern um ihn stärker an die Regierung zu binden. Fürst Lwow blieb Ministerpräsident und der Parteilose Tereschtschenko löste Miljukow als Außenminister ab. Sechs Rechtssozialisten standen zehn bürgerlichen Ministern gegenüber.

Lenin erläuterte in der Prawda vom 13. Mai die Haltung seiner Partei;

“Die Provisorische Regierung ist eine Regierung der Kapitalisten. Sie kann nicht auf ihr Streben nach Eroberungen (Annexionen) verzichten, sie kann den Raubkrieg nicht durch einen demokratischen Frieden beenden, sie kann nicht anders als die Profite ihrer Klassen (d.h. der Kapitalistenklasse) schützen.
Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten vertritt andere Klassen. Die Mehrheit der Arbeiter und Soldaten, die dem Sowjet angehören, will keinen Raubkrieg, ist an den Profiten der Kapitalisten und der Erhaltung der Privilegien der Gutsbesitzer nicht interessiert. Aber gleichzeitig vertraut sie noch der Provisorischen Regierung der Kapitalisten, will sich mit ihr verständigen, will mit ihr in Kontakt bleiben.
Die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten sind selbst der Keim einer Staatsmacht. Neben der Provisorischen Regierung versuchen auch die Sowjets in einigen Fragen ihre Macht auszuüben. Es entsteht ein Durcheinander der Staatsgewalten… Lange kann das nicht so weitergehen…
Drei Wege werden jetzt dem russischen Volk vorgeschlagen, um die 'Krise der Macht' zu lösen. Die einen sagen: Lasst alles beim alten, vertraut euch noch mehr der Provisorischen Regierung an…Der andere Weg: Koalitionskabinett. Lasst uns die Ministerportefeuilles mit Miljukow und Co. teilen, lasst einige unserer Leute in das Kabinett eintreten, dann wird die Sache schon anders aussehen.
Den dritten Weg schlagen wir vor: Änderung der ganzen Politik der Sowjets, Schluss mit dem Vertrauen zu den Kapitalisten und Übergang der ganzen Macht an die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.“ 167)

Trotzki analysierte:

“Jeder Schritt der Revolution vorwärts wird hervorgerufen oder erzwungen durch direktes Eingreifen des Massen, das in den meisten Fällen für die Sowjetparteien ganz unerwartet erfolgt. Die Führer des Exekutivkomitees betrachteten die Rolle der Massen nach der Februar-Umwälzung, nachdem die Arbeiter und Soldaten die Monarchie gestürzt hatten, als erledigt. Doch war dies ein fataler Irrtum. Die Massen dachten nicht daran, von der Bühne zu verschwinden. Bereits Anfang März, während der Kampagne um den Acht-Stundentag, und trotzdem die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sich an ihre Schultern hängten, war es den Arbeitern geglückt, den Kapitalisten eine Konzession zu entreißen. Der Sowjet war gezwungen, den Sieg, der ohne ihn und gegen ihn errungen worden war, zu registrieren. Die Aprildemonstration war eine Korrektur ähnlicher Art. Jedes Auftreten der Massen ist, abgesehen von seinen unmittelbaren Zielen, eine Warnung an die Adresse der Sowjetleiter. Die Warnung trägt anfangs milden Charakter, doch wird sie immer energischer. Im Juli verwandelt sie sich in eine Drohung. Im Oktober kommt die Lösung.“ 168)

Streiks, Fabrikkomitees und Arbeiterkontrolle

m Frühjahr verschärfte sich die wirtschaftliche Situation. Für die Unternehmer wurde es zunehmend schwieriger, Rohstoffe für die Produktion zu bekommen, das Transportsystem litt schwer unter den Auswirkungen des Krieges. Hatte sich die Inflation gegenüber der Vorkriegszeit schon verdreifacht, so machten die Preise jetzt noch einmal einen Sprung nach oben. Der neu errungene Acht-Stundentag verlängerte sich durch die Warteschlangen vor den Geschäften auf 12 bis 13 Stunden.

588 Fabriken schlossen zwischen März und Juli und entließen 104.000 Beschäftigte. 169) Unternehmer und Arbeiter beschuldigten einander, für die Verschärfung der Situation verantwortlich zu sein. Eine Unternehmerzeitung stöhnte schon:

„Es ist der einzige Traum des Industriellen geworden, das Geschäft aufzugeben und seine Fabrik zu schließen. Die Zahl der Schließungen ist nicht groß, weil über seinem Haupt die Gefahr des Mobs, der Beschlagnahme und der Unruhen hängt.“ 170)

In den Fabriken hörte man von Kapitalflucht der Unternehmer ins Ausland. In der zum großen Teil aus Auslandskapital bestehenden Textilindustrie der Stadt erfuhr man, dass die Unternehmer Kapital, Waren, Maschinen und sich selbst nach Finnland in Sicherheit brachten. Kapitalisten und Kadetten beschwerten sich, die 'überzogenen Forderungen‘ der Arbeiter machte eine Führung der Fabriken unmöglich. 171)

Spätestens im Juni hatte die Inflation die im März erreichten Lohnerhöhungen wieder aufgefressen, die erreichten Neueinstellungen wurden von einer Entlassungswelle abgelöst. Als im Frühjahr die Arbeiter Russlands noch relativ ruhig waren, gab es in Petrograd eine Fülle von kleinen Lohnstreiks. Im Sommer dann streikten vor allem die als 'rückständig‘ angesehenen Arbeiter in Kleinbetrieben und die Frauen, sie waren inzwischen besser organisiert. 172) Die Sommerstreiks zeigten, dass sie sich von den Errungenschaften der Februarrevolution betrogen fühlten.

Im Mai beschwerte sich der Petrograder Unternehmerverband beim Ministerpräsidenten Lwow über die ‘desaströsen‘ Konsequenzen der Lohnerhöhungen für die Industrie und die finanziellen Schwierigkeiten der Unternehmer, die die profitable Produktion gefährdeten. Die Regierung müsse sich zwischen Kapitalismus und Sozialismus entscheiden.

Bis zum September fiel die Industrieproduktion Russlands um 40 Prozent. 173) Die Arbeiter versuchten, die Unternehmer zu kontrollieren; sie schickten Delegationen durchs Land, um Rohstoffe zu finden und verhinderten den Ausverkauf der Rohstoffe durch den eigenen Unternehmer, diese verweigerten Investitionen. Immer wieder kam es zu Aussperrungen.

Die Fabrikkomitees waren eine Errungenschaft der Arbeiter, keine politische Partei forderte ihre Gründung. Mit der Wahl der Sowjetdelegierten bestimmten die Arbeiter auch Vertreter in den Betrieben, die sich erst einmal um Alltagskonflikte kümmerten: Lebensmittelversorgung, Milizen, Regelung von Konflikten, Essenspausen, Überstunden und den Fabrikklub. Weiterhin Einstellungen, Verschleiss von Maschinen, Lohnfestsetzung, Finanzunterstützung für einzelne Arbeiter, Erfindungen von Arbeitern. Die Mehrheit der Probleme war recht trivial: Was macht man mit einer Ladung von verfaulendem Fisch? Soll man Seife für die Arbeiter kaufen? Genau diese Probleme ließen aber die Arbeiter die Fabrikkomitees als 'ihre‘ Institution ansehen, die näher an den Arbeitern war als die Räte und die Gewerkschaften. Ihre Frauen zögerten nicht, beim Fabrikkomitee um Hilfe und Rat nachzusuchen, Eine Frau beschwerte sich, ihr man habe sie aus der Wohnung geworfen, wobei ihr das Fabrikkomitee aber nicht helfen konnte. 174)

Ende 1917 gab es über 30 Arbeiterklubs in Petrograd. 175) Kulturveranstaltungen in Betrieben wurden von Fabrikklubs durchgeführt. Sie umfassten Theateraufführungen, Vorträge, Exkursionen, Konzerte. Viele Clubs hatten Bibliotheken und wollten Klassenbewusstsein vermitteln und nicht nur unterhalten, viele Frauen beschwerten sich, nur über Politik zu hören.

In einer Fabrik für Glühbirnen schuf das Fabrikkomitee drei Kommissionen: eine Kommission für die innere Ordnung, die von der Geschäftsleitung Vorschläge entgegennahm, was getan werden sollte und die Ausführung der Arbeiten organisierte; eine Nahrungsmittel-Kommission und eine Miliz-Kommission. Später wurden zwei weitere Kommissionen eingerichtet, eine für Bildung und eine für Konflikte unter den Arbeitern. In den Putilow-Werken arbeiteten etwa 200 Arbeiter in den Kommissionen des Fabrikkomitees, die alle Aspekte des Arbeiterlebens berührten.

Tabelle 17: Preisindex 1917

176) 1913 = 100

März 315 August 655
April 335 September 680
Mai 380 Oktober 740
Juni 450 November 1.020
Juli 576

Von den Alltagsproblemen kam man schnell zu Konflikten mit der Unternehmensleitung und zur Kontrolle der der Besitzer durch die Arbeiter. In der Russisch-Belgischen Metallgesellschaft drohte die Betriebsleitung, 400 Arbeiter wegen Finanzschwierigkeiten zu entlassen, die Betriebskommission erzwang die Öffnung der Bücher um festzustellen, ob es genug Bestellungen gab. 177) Die Konferenz der Petrograder Fabrikkomitees verlangte die Abschaffung des Betriebsgeheimnisses. Viele Informationen waren in den Händen der Banken, die nicht zur Kooperation bereit waren; oft verweigerten auch die Angestellten die Erklärung der Geschäftsvorgänge. Als der Fabrikant der kleinen Brenner-Kupferschmelze seine Fabrik schließen wollte, führte das Fabrikkomitee sie weiter. 178) Ähnliche Fälle passierten bei anderen kleineren Betrieben; überall war das Ziel der Fabrikkomitees die Erhaltung der Arbeitsplätze. Im August versuchte das Arbeitsministerium, die Treffen der Fabrikkomitees während der Arbeitszeit zu verhindern, Einstellungen und Entlassungen sollten den Unternehmern vorbehalten sein. Einige Firmen versuchten das durchzusetzen, aber die Arbeiterorganisationen waren stärker, und viele Besitzer versuchten es erst gar nicht. Im September waren die Fabrikkomitees so stark, dass sie die Unternehmer zwingen konnten, die Fabriken offen zu halten und die Produktion fortzuführen.

Eine Konferenz der Metallarbeiter im Oktober bestätigte die generelle Linie: Die Verantwortung für die Produktion liege bei der Verwaltung, das Arbeiterkomitee kontrolliere sie. Trotzki bezeichnete die Forderung nach Arbeiterkontrolle als eine Form der Doppelherrschaft im Betrieb, einen Aspekt zum Kampf gegen den Kapitalismus als Ganzen. Im Oktober war die Arbeiterkontrolle eine Massenerscheinung geworden: 289.000 Arbeiter, also 74 Prozent der Arbeiter, produzierten in Fabriken mit irgend einer Form von Arbeiterkontrolle. Aber 1.011 kleinere Fabriken waren nicht davon berührt. 179)

Vom 30. Mai bis 3.Juni 1917 fand die erste Konferenz der Petrograder Fabrikkomitees statt, 499 Vertreter aus 367 Betrieben waren anwesend. 180) Am stärksten waren die mittelgroßen Betriebe von 100 bis 500 Arbeitern vertreten, die großen vollzählig, die kleinen mit 50 und weniger Arbeitern nur zu 5 Prozent. 181) Die Größe der Komitees war in jeder Fabrik unterschiedlich. In großen Werken wie Putilow gab es dazu 40 Werkstatt-Komitees. Die Fabrikkomitees wurden meist in geheimer Wahl für ein Jahr oder sechs Monate gewählt und konnten bei jeder Vollversammlung abberufen werden.

Tabelle 18: Aussperrungen in Petrograd 1917 182)

März April Mai Juni Juli
Zahl der Aussperrungen 74 55 108 128 206
betroffene Arbeiter (in 1.000) 6.646 2.816 8.701 38.455 47.754

Die Konferenz beschloss als Arbeitsgrundlage:

„Angesichts der Tatsache, dass die Organisation von Werkstatt-Komitees etwas Neues ist, ist es notwendig, dass diese Komitees unter Berücksichtigung der Basis möglichst unabhängig und initiativ werden. Davon hängt der Erfolg der Arbeiter-Organisationen vollständig ab. Indem sie an die Arbeiter-Selbstverwaltung gewöhnen, bereiten die Arbeiter sich auf die Zeit vor, wenn das Privateigentum abgeschafft sein wird und die Produktionsmittel… vollständig in die Hände der Arbeiterklasse übergehen werden. Indem wir die kleinen Dinge erledigen, müssen wir immer das große, vorrangige Ziel, für das das arbeitende Volk kämpft, im Gedächtnis behalten.“ 183)

Die Teilnehmer der Konferenz waren zu drei Vierteln bolschewistisch. Ein Zentralrat aus 19 Bolschewiki, je zwei Menschewiki und Sozialrevolutionären, einem Meschrajonzi und einem Syndikalisten wurden gewählt. 184) Zwei Drittel der Delegierten stammten aus der Metallindustrie. Sie beschlossen mit 335 gegen 86 Stimmen:

„Der Weg zur Rettung kann nur durch die Einrichtung einer wirkungsvollen Arbeiterkontrolle über Produktion und Distribution bestehen. Dabei ist wichtig, 1. dass die Arbeiterorganisationen (Gewerkschaften, Sowjets, Fabrikkomitees) mindestens zwei Drittel der Stimmen in den zentralen Gremien haben; 2. dass die Fabrikkomitees das Recht zur Teilnahme bei der Kontrolle jedes Unternehmens haben, dass es ihnen erlaubt wird, die Konten und Bankoperationen zu überprüfen. 185)

Über einen Widerspruch zwischen Arbeiterkontrolle durch Fabrikkomitees und Staatsleitung der Wirtschaft war man sich kaum bewusst. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren für Staatskontrolle der Wirtschaft und lehnten die Arbeiterkontrolle ab, die Bolschewiki hätten sie nur aus agitatorischen Gründen aufgegriffen. Die Wirtschaft solle national kontrolliert werden. Die Anarchisten waren für eine Kontrolle von unten, die Fabrikkomitees seien die Keimform dieser Bewegung. Die Bolschewiki hatten vor 1917 keine Positionen zu der Frage. Bis zum Oktober gab es eine scharfe Debatte mit den Menschewiki als Befürworter der ‚gesamtstaatlichen‘ Lösung. Lenin:

„Die gesamte Frage der Kontrolle lässt sich so zusammen fassen: Wer kontrolliert wen? Welche Klasse kontrolliert und welche wird kontrolliert? Wir müssen entschieden und eindeutig zur Kontrolle über die Grundbesitzer und Kapitalisten durch die Arbeiter und Bauern übergehen.“ 186)

Dieser Gegensatz trat erst nach der Übernahme der Macht in den Betrieben und im Staat auf.

Die Fabrikkomitees wurden durch Arbeitermilizen unterstützt, die die Doppelherrschaft im Betrieb sicherten. Es war sicher sehr schmerzlich für die Fabrikbesitzer, nicht nur die alleinige Befehlsgewalt im Betrieb in Frage gestellt zu sehen, sondern sie auch noch bezahlen zu müssen.

Aus den Arbeitermilizen entwickelten sich nicht nur, wie bereits beschrieben, in den Arbeiter-Stadtteilen Milizen. Ein kleiner Teil wandelte sich auch um zu 'Roten Garden', die ihr Ziel in der Verteidigung der Errungenschaften der Februarrevolution sahen. Vor allem in den bolschewistischen Hochburgen wie bei der Russischen Renault, der Skorochod-Schuhfabrik, der alten und neuen Lessner-Fabrik, bei Ericson, Aiwaz und den Parviainen-Betrieben wurden Rote Garden geschaffen. Ende Mai gründeten 156 Delegierte aus 90 Betrieben eine stadtweite Organisation. 187)

Die Sowjetexekutive sträubte sich gegen eine Arbeiterbewaffnung. Dan argumentierte in einem Artikel, die Schaffung der Roten Garden störe die Einheit von Arbeitern und Soldaten, denen die Feinde der Revolution suggerierten, die Arbeiter würden sich gegen die Soldaten bewaffnen, sie sollten sich lieber bei der Stadtmiliz einschreiben. 188)

Es gelang den Rechtssozialisten erst einmal, die Ausdehnung der Roten Garden auf die ganze Stadt zu blockieren. Eine zweite Konferenz im Juni rief zur Verteidigung der Roten Garden mit allen Mitteln, einschließlich von bewaffneten Aktionen auf. Das ging über die Absichten der Bolschewiki im Juli hinaus. Die Tagung fand in der Zentrale der Roten Garden in der Durnowo-Villa statt, in der auch die Anarchisten ihren Treffpunkt hatten und die eine Minderheit in der Führung stellten. 189)

Der Zerfall der Armee

Für den Fortgang der Revolution war die Haltung der Armee von entscheidender Bedeutung. Schon im Krieg hatte der Kampfeswille stark nachgelassen. Patrouillen beider Gegner waren zusammen getroffen, statt sich zu bekämpfen, hatten man beraten, wer sich wohl besser in wessen Gefangenschaft begebe. Bei nächtlichen Befestigungsarbeiten vor den Linien ging man nicht mehr in Deckung: “Werde ich verwundet, komme ich schneller nach Hause.“ Es war dumpfe Unzufriedenheit, kein Protest.

Dann verbreiteten sich die Nachrichten vom Sturz des Zaren und den Befehl Nummer Eins, selbstverständlich gingen die Soldaten davon aus, dass er nicht nur für die Petrograder Garnison gelte. Es gab eine nicht offen formulierte Einmütigkeit, der Krieg werde jetzt zu Ende gehen. Die Räte wurden gewählt, Abgesandte der Provisorischen Regierung, die für die Fortsetzung des Krieges sprachen, wurden bald feindlich verabschiedet. Aber noch hielt die Disziplin, auch wenn man inzwischen mit den Offizieren über den Sinn von militärischen Aktionen stritt. Regimenter verweigerten den Befehl, Stellungen zu erstürmen, 'die man nicht brauche'. Die Offiziere machten Druck auf die 'Verteidigung des Vaterlandes', die Vaterlandsverteidiger der Regierung unterstützten sie. Die Soldaten schwankten zwischen ihrer Friedenssehnsucht und den patriotischen Losungen. Regimenter verweigerten den Befehl, die Agitation der Internationalisten wurde gierig aufgesogen. Die Bolschewiki hatten im Krieg kaum 100 Soldaten als Mitglieder gehabt, sie gründeten am 31. März ihr Militärkomitee und begannen ab Ende April, die tägliche Soldatsjaka Prawda (Wahrheit der Soldaten) herauszugeben, deren Auflage bald auf 50.000 stieg und die große Verbreitung unter den Soldaten fand. 190)

Über Ostern gab es einen befristeten Waffenstillstand, die deutsche Propaganda stellte sich auf die neue Situation ein und verbreitete pazifistische Parolen in den russischen Schützengräben, natürlich nicht in den deutschen. Eine der Hauptparolen war, Bauernsoldaten, die bei der Landverteilung abwesend seien, bekämen kein Land. 191) Russischsprachige Zeitungen und Flugblätter erschienen, Alkohol wurde reichlich eingesetzt. Ein österreichischer Geheimdienstoffizier zählte, mit 117 der 224 russischen Divisionen habe es Ostern erfolgreiche Kontakte gegeben und 140 Ende April. 192)

Der russische Einfluss auf die deutschen Soldaten war deutlich geringer. Den Deutschen kam die Zersetzung der russischen Armee sehr gelegen, ein Waffenstillstand allein nutzte ihnen nicht viel, denn 3.000 Kilometer russische Front musste verteidigt werden, die Truppen wurden dringend an der Westfront gegen die heranziehende US-amerikanische Armee benötigt. Die Zersetzung der Nord- und Westarmee schritt lawinenartig voran, an der Südwest- und Rumänien-Front war sie geringer, an der türkischen Front hatte sie noch nicht begonnen.

Große Sorgen machten den russischen Vaterlandsverteidigern die Desertionen. Sie schädigten weniger die Front als das Hinterland. Ein General schätze ihre Zahl vor der Revolution auf 195.000, 86.000 bis Mitte Mai und 84.000 bis 1.August. 193) Unklar war natürlich auch, wie viele der 2,4 Millionen russischen Kriegsgefangenen diese Form der Desertion gewählt hatten. Viele reisten in ihr Heimatdorf, erkundigten sich nach dem Stand der Agrarverhältnisse und brauchten den neuen Geist aufs Dorf, um dann wieder zu ihrer Einheit zurück zu kehren. In der Öffentlichkeit wurde diese Zahl aufgebauscht. Deserteure organisierten sich in den Etappenstädten in Gruppen oder Banden, um ihre Ziele durchzusetzen.

Ohne Feldgerichte und Todesstrafe konnten die Autoritäten wenig gegen sie unternehmen. Die Provisorische Regierung erließ am 4. April eine Amnestie, wenn die Soldaten bis zum 15. Mai zu ihrer Einheit zurück kehrten. Der Effekt war ausgesprochen kontraproduktiv, die recht lange Frist führte dazu, dass viele Rückkehrer kehrt machten und wieder in ihr Dorf fuhren. 194) immer mehr Deserteure fürchteten, bei der Landverteilung zu kurz zu kommen, obwohl Regierung und Mehrheitsparteien sie auf die Konstituante verschieben wollten. Ein weiteres Phänomen waren die massenhaften Delegationen von Fronttruppen in die Städte. All das führte zur weiteren Desorganisation des Transportwesens, es kam zu Übergriffen auf Eisenbahner, Zivilisten wurden aus den Zügen geworfen. Ende April verfügte die Regierung, alle über 40-jährigen seien für vier Wochen zur Feldarbeit abzustellen. Trotzdem bereiten Kerenski, Regierung und Armeeführung die von den Alliierten geforderte Offensive vor.

Am stärksten zeigte sich der Zusammenbruch der Armee in der Baltischen Flotte und auf ihrem vor Petrograd gelegenen Stützpunkt Kronstadt. Dort organisierten sich die Matrosen nach dem Vorbild des Petrograder Sowjets. Den Offizieren wurde jegliche eigene Repräsentation verboten, der Sowjet ernannte die Hafenkommandanten, das Kriegsministerium erkannte das faktisch an.

Im März hatten die Bolschewiki geschätzte 11 Delegierte im Kronstadter Sowjet, Ende April wurde er völlig neu gewählt, die Bolschewiki gewannen 93 Sitze, die Sozialrevolutionäre 91, die Menschewiki 46 und die Parteilosen nahmen 68 Plätze ein. 195)

Bild 41: Aleksandr Kerenski
b40_kerenski_aleksandr_kopie.jpg Neben Kronstadt war das Kommando der Baltischen Flotte in Helsingfors, ein weiterer großer Stützpunkt war Reval. Auch hier waren die Bolschewiki in den ersten Monaten in der Minderheit. Im Juni stieg ihr Anteil in Kronstadt und Helsingfors auf etwa die Hälfte an. der Anteil der Sozialrevolutionäre ging auf 30 bis 45 Prozent zurück. In Kronstadt hatten sie Ende April 3.000 Mitglieder. 196)

Zu Beginn der Revolution gab gab es etwa 500 Schiffskomitees, 200 Hafenkomitees und etwa 100 Komitees der Truppen der Küstenverteidigung. Im April koordinierten sich die Sowjets der Marine und gründeten ein Zentralkomitee für die Baltische Flotte, Zentrobalt genannt. Pawel Dybenko wurde an die Spitze gewählt. Im Zentralkomitee des Zentrobalt waren drei Bolschewiki, neun Sympathisanten und ein Menschewik. 197) Admiral Maksimow kooperierte mit dem Zentrobalt; für den 25.Mai wurde ein Delegiertenkongress der Baltischen Flotte einberufen.

Der Aufstieg der Bolschewiki in der Baltischen Flotte ist sicher ihren Kadern zuverdanken, die schnell die Bedeutung der Flotte erkannten. Semjon Roschal und weitere Kader wurden nach Kronstadt zur Parteiarbeit abgestellt und gründeten das bolschewistische Komitee. Die Golos Prawdy (Stimme der Wahrheit) war eine der ersten bolschewistischen Tageszeitungen außerhalb Petrograds. Wenige Tage später kam Feodor Raskolnikow, ein Student der Marineakademie in Kronstadt an und übernahm das Kronstadter Komitee. Raskolnikow koordinierte die Arbeit zwischen den Bolschewiki und Kronstadt. Bald überflügelten sie den Einfluss der Sozialrevolutionäre des Insel- Stützpunktes. Sowohl die Kronstadter Sozialrevolutionäre wie die Menschewiki standen auf dem radikal linken Flügel ihrer Parteien.

Die parteilose Fraktion des Kronstadter Sowjets bestand zum großen Teil aus Vertretern des reinen Rätesystems, sie lehnte Parteien grundsätzlich ab, ihr wichtigster Vertreter war Anatoli Lamonow, Herausgeber der Iswestija (Nachrichten) des Sowjets und lange Zeit Vorsitzender des Sowjets. Im August sollte sich diese parteilose Fraktion in Union der Sozialrevolutionäre-Maximalisten umbenennen. Hinzu kamen kleinere anarcho-syndikalistische und anarcho-kommunistische Gruppen. 198)

Zur Feier des ersten Mai am 18. April schickten die Bolschewiki aus Kronstadt eine vielbeachtete Delegation von tausend Matrosen nach Petrograd. Während der Miljukow-Krise versammelte Roschdal mehr als 20.000 Matrosen in Kronstadt und ließ eine Resolution über den Sturz der Provisorischen Regierung und die Machtergreifung der Sowjets annehmen.

Nach der Regierungskrise fand eine zweite Sitzungsperiode des Kronstadter Sowjets statt. Auf Antrag Raskolnikows erklärte sich der Sowjet zur höchsten Institution der Inselstadt, die Forderung der Regierung, die im Februar/März festgenommenen Offiziere frei zu lassen, lehnte er ab, der Regierungskommissar und Anhänger Miljukows trat zurück. In Petrograd bauschten die Regierung, Presse und Kadetten die Meldung auf, Kronstadt habe sich von Russland unabhängig erklärt. Zereteli und Skobelew kamen nach Kronstadt, warnten vor Anarchie und verlangten eine Unterwerfung, Landwirtschaftsminister Tschernow drohte, die Versorgung zu unterbrechen. Schließlich schloss man einen Kompromiss, die Kronstadter sagten zu, die Anordnungen der Regierung zu befolgen, praktisch änderte sich wenig, die Macht blieb in den Händen des Kronstadter Rates, der eine zweite Revolution anstrebte.

Vom 25.April bis 15.Juni tagte in Helsingfors der erste Kongress der Baltischen Flotte, 232 Delegierte erschienen. Der Kongress beschloss die Trennung zwischen der politischen und militärischen Macht in der Flotte, Kerenski lehnte diese Machtaufteilung ab. Dybenko wurde als Vorsitzender des Zentrobalt bestätigt. Die Baltische Flotte und besonders die Kronstadter Matrosen waren ein Stachel im Fleisch der Provisorischen Regierung, sie mischten sich in den nächsten Monaten immer wieder in den Kampf um die Macht ein. So besuchten Matrosen aus Kronstadt die Schwarzmeerflotte und viele Provinzen. Immer mehr Schiffsbesatzungen forderten die Entlassung der zehn kapitalistischen Minister und den Übergang der Macht an die Räte.

Die Soldaten der Petrograder Garnison hatten sich den Versuchen der Regierung zu erwehren, die ständig versuchte, den Befehl Nummer Eins zu unterlaufen und immer wieder kleinere Einheiten an die Front zu verlegen. Sie hatten engen Kontakt zu den Arbeitern der Umgebung, der Kriegskurs Kerenskis und der Regierung radikalisierte auch sie. Nach der Aprilkrise begann die Regierung, Vorbereitungen für die Offensive zu treffen. Die Soldatenkomitees verloren das Recht, gegen Befehle Einspruch zu erheben, die Offiziere gingen gegen rebellische Soldaten vor. Die patriotischen Demonstrationen verschwanden zusehends.

Die Unruhe der Bauern

Die Februarrevolution traf die russischen Bauern im Winter genauso unverhofft wie die übrige Bevölkerung. Agitatoren kamen aufs Dorf, von der Front gab es Besuche der Soldaten, die neue Ideen mitbrachten. Im Krieg waren dem Dorf 12 Millionen Bauern und zwei Millionen Pferde entzogen worden, die bebaute Fläche ging um 8 Prozent zurück. 199)

Bauern und Grundbesitzer belauerten einander misstrauisch. Als die Herren im Frühjahr die Aussaat zurückhielten und begannen, den Boden auf fiktive Kleinbesitzer aufzuteilen, protestierten die Dörfler und forderten ihre Abgeordneten auf, ein Dekret über ein Verbot der Transaktionen zu erwirken.

Die Regierung wollte die Lösung der Landfrage auf die Konstituante verschieben und somit auch die unterschiedlichen Auffassungen unter den Parteien vertagen. Der Landwirtschaftsminister der ersten Regierung gab ein Manifest in diesem Sinne heraus, er richtete Landkommissionen auf allen Ebenen ein, die das Problem beraten sollten. Die Landkomitees sollten erst einmal die verfügbaren Daten sammeln, das sah nach einer langsam arbeitenden Staatsbehörde aus. Die zentrale Landkommission wurde von den Sozialrevolutionären beherrscht, in den Komitees auf Kreisebene setzten sich die Interessen der Bauern direkter durch.

Im Mai wurde Wiktor Tschernow Landwirtschaftsminister, er hatte das Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre geschrieben und galt als Experte, vor dessen praktischer Umsetzung kapitulierte er. Im Juli verbot er die Scheinverkäufe der Grundbesitzer, die Kontrolle sollten die lokalen Landkomitees übernehmen, was die als das Recht über die Kontrolle der Landverteilung interpretierten. Die Stolypinschen Reformen setzte Tschernow aus, was allgemeine Zustimmung fand. Die dörflichen Landkomitees legten die Pachten neu fest, die Grundbesitzer erkannten das nicht an, es kam zu Auseinandersetzungen mit den Aufsehern der Güter. Kriegsgefangene wurden von den Bauern den Herren entzogen und unter ihnen verteilt.

Sie verboten den Besitzern das Schlagen von Holz in deren Wäldern. Truppen wagte die Provisorische Regierung oft nicht mehr gegen die rebellischen Bauern einzusetzen, das machte die mutiger. Als die Bauern feststellten, dass Regierung und Behörden nichts änderten und sie nur vertrösteten, wurden sie selbstständig aktiv. Als im Juni die Heuernte anstand, bemächtigten sich die Bauern vielerorts der Erträge, in Litauen begannen die Landarbeiter, sich die Güter der Barone anzueignen. Im März gab es Unruhen in 34 Kreisen, im April in 174, im Mai in 236, im Juni in 280 und im Juli in 325 Kreisen. 200)

Am 23. März hatte die erste Provisorische Regierung ein Getreidemonopol verkündet, das nicht für den Eigenbedarf genutzte Getreide sollte zu einem Festpreis, der 60 Prozent über dem Marktpreis lag, abgegeben werden müssen, nicht abgeliefertes Getreide sollte requiriert werden. Man erwartete von der Landbevölkerung größere Anstrengungen für die Landesverteidigung und die Versorgung der Städte. Der Festpreis wurde im August verdoppelt, aber die Ablieferungen verliefen nur zögernd, die Einkaufspreise der Bauern stiegen schneller. 201) Die Preiserhöhung deckte kaum die gestiegenen Kosten, die Industriegüter fürs Land waren knapp. Außerdem war nicht klar, ob die Versorgungskommissionen bar oder später zahlen würden. Die Versorgungskommissionen sammelten nur Getreide, sie halfen nicht, mehr zu produzieren. Alle Kommissionen wurden gewählt, waren unerfahren, der Apparat kam nur langsam in Gang. Sie verstanden gut, dass man Bauern dafür Dünger, Landwirtschaftsmaschinen, Textilien usw. liefern musste, aber die gab es kaum. Verschiedene Kommissionen blockierten einander, Züge wurden von einer Stadt in eine andere umgelenkt, im August schickte die Stadt Moskau allein 70 Agenten ins Land auf der Suche nach Getreide. 202) Die schwache Regierung bekam das Versorgungsproblem in keiner Weise in den Griff.

Mitglieder der Versorgungskommissionen wurden misshandelt und getötet, in einem Dorf der Provinz Tambow wurden einem Kommissar Frauenkleider angezogen, ein Sack mit Banknoten bestückt wurde ihm über den Kopf gestülpt, er musste ein Schild 'Für 30 Silberlinge verkauft er unsere Freiheit' bei einem Umzug durchs Dorf tragen. 203) Ein Teil der Versorgungskommissionen schlug sich auf die Seite der Bauern und verlangten freien Handel oder höhere Preise, wohlhabende Bauern versteckten ihr Getreide. Bauern verlangten die Bindung des Getreidepreises an den von Industriewaren. Der Schwarzmarkt blühte. Einige Petrograder Firmen fertigten Nägel an, um sie gegen Lebensmittel zu tauschen. Der Handel brach zusammen, Statistiken darüber wurden nicht geführt. Die Bauern hungerten nicht, ein Teil des Korns wurde versteckt oder zur Aufzucht von Tieren verfüttert, die wieder aus Furcht vor der Beschlagnahme konsumiert wurden, ein anderer Teil zu Samagonka (Wodka) gebrannt. Die Ernte 1917 war nicht viel schlechter als 1916, in der Schwarzerdezone sank sie zwar um ein Drittel, in der Steppenregion aber stieg sie an.

Tabelle 19: Formen von Landunruhen Frühjahr 1917 204)

Art März April Mai Juni total
Landbesetzungen 2 51 59 136 248
Holzdiebstahl 34 18 19 71 142
Beschlagnahme von Heu - 1 11 280 292
Diebstahl von Ackergeräten . 10 7 71 88
Sonstiges, zusammen 57 174 236 577 1.044

1917 wurde endgültig deutlich, dass die Bauern keine Einheit bildeten, sondern sozial stärker auseinander drifteten. Arme Bauern mussten ihr Getreide nach der Ernte verkaufen, die Kulaken konnten das Getreide bis zum Winter und Frühjahr zurück halten und teurer verkaufen. In den verschiedenen Landesteilen waren die Agrarverhältnisse unterschiedlich, Tschernow setzte 24 Kommissionen und Unterkommissionen zum Studium des Problems ein. Nationale Minderheiten wie die Wolgadeutschen hatten größere Flächen und produktivere Anbaumethoden, eine Reduzierung der Einflusses der Kosaken konnte eine reaktionäre Bewegung wie die Vendée der französischen Revolution auslösen. Am Don lebten 30 Prozent der Bauern mit einer halben Millionen Desjatinen neben den halb so großen Kosakenbevölkerung mit achtmal mehr Land. Die Kosaken wählten Kadetten und Rechte, ihr Kongress fordere die Unantastbarkeit ihres Landes. 205)

Dieser Druck begann die Sozialrevolutionäre Partei zu zersetzen. Ein Führungsmitglied bemerkte:

„Es ist nötig im Gedächtnis zu behalten, dass wir in der Theorie ein Agrarprogramm haben, aber unglücklicherweise haben wir keinen Plan für seine praktische Umsetzung, und das ist … das Unglück oder … der Fehler der Partei; diese Tatsache weiter zu vernachlässigen ist unmöglich, denn wir werden von den Ereignissen am Schwanz nachgezogen… Tatsächlich verursacht die Sozialisierung des Landes… eine Menge Alarm, wenn man an die praktische Durchsetzung denkt.“ 206)

Ihr linker Flügel wurde stärker, blieb aber in der Partei. Am 4. Mai 1917 begann der erste allrussische Bauernkongress. 1.115 Delegierte waren von Sowjets auf der unteren Ebene gewählt worden. Es tagten 537 Sozialrevolutionäre, 103 Sozialdemokraten, 6 Trudowiki, 4 Volkssozialisten, 136 Parteilose; von 329 Delegierten war die Zugehörigkeit nicht bekannt. 207) Die Sozialrevolutionäre waren durch Kulaken, Krämer und Genossenschaftsvertreter vertreten und dominierten den Kongress. Die Mehrheit unterstützte die Provisorische Regierung bei der Fortsetzung des Krieges bis zu einem Frieden ohne Annexionen sowie die Entscheidung der Landfrage durch die Konstituante.

Lenin konnte auf dem Kongress eine viel beachtete Rede halten. Er vertrat die Selbstorganisation der Landarbeiter und armen Bauern in eigenen Sowjets oder fraktionell innerhalb der Bauernsowjets, um ihre Interessen gegen die reichen Bauern zu vertreten, die ein Bündnis mit Kapitalisten und Gutsbesitzern und Verteilung übernehmen.

“Deshalb ist es notwendig, unverzüglich Vereinbarungen zwischen den Sowjets der Bauerndeputierten und den Sowjets der Arbeiterdeputierten über den Austausch von Getreide und anderen ländlichen Produkten gegen Geräte, Schuhwerk, Kleidung usw. in die Wege zu leiten, und das ohne die Vermittlung der Kapitalisten…“ 208)
„Mögen Beschlüsse nach dem Willen der Mehrheit gefasst werden; wir wollen, dass die Bauern sofort, ohne einen Monat, eine Woche oder auch nur einen Tag zu verlieren, das Land der Gutsbesitzer erhalten.“ 209)

Die Resolution der Bolschewiki erhielt nur zwei dutzend Stimmen. 210)

Die Bauern beobachteten sehr genau die Reaktionen der Regierung. Die vertröstete sie nur auf die Konstituierende Versammlung, deren Einberufung sie verzögerte. Agitatoren und Deserteure pflanzten die Idee in ihren Köpfen, dass es Zeit für die 'schwarze Umteilung' sei.

Der allrussische Sowjetkongress

Unter den Soldaten radikalisierten sich das Erste Maschinengewehr-Regiment, das 180.Infanterie-Regiment, das Petrograder und Moskauer-Garde-Regiment und das Sechste Pionier-Bataillon am stärksten. Das bolschewistische Militärkomitee mit Wladimir Newski und Nikolai Podwoiski ergriff Ende Mai die Initiative, um gegen die geplante Militäroffensive, die Verlegung von Einheiten der Garnison an die Front und die verstärkte militärische Disziplin eine Demonstration zu veranstalten, der Termin kurz vor dem Sowjetkongress schien günstig. Das ZK der Bolschewiki diskutierte den Vorschlag, Nogin, Sinowjew und Kamenew argumentierten, die Arbeiter seien noch nicht bereit für eine revolutionäre Offensive, die Partei 'riskiere ihr Leben'. 211)

Latsis als Vertreter des Wiborger Bezirks meinte, der Erfolg der Bolschewiki bei den Stadtteil-Duma Wahlen im Mai habe gezeigt, dass die Arbeiter jederzeit bereit seien, auf die Straße zu gehen. Die Kronstadter Matrosen signalisierten Zustimmung, die Militärorganisation berichteten,die Soldaten seien bereit, notfalls auch ohne oder gegen die Bolschewiki zu demonstrieren. Die Mehrheit des ZK mit Lenin unterstützte den Vorschlag, für den Sturz der kapitalistischen Minister am 10. Juni zu demonstrieren, man rechnete mit der Teilnahme von 60.000 Soldaten. 212) Die Prawda veröffentlichte am Vortag einen Aufruf zur einer friedlichen Demonstration.

Die Sowjetexekutive sah diesen Aufruf als Provokation an, sie unterstellten den Bolschewiki, sie würden mit einer bewaffneten Demonstration den Sturz der Regierung anstreben. Die Regierung drohte mit dem Einsatz von Truppen. Der Sowjetkongress hatte gerade der Regierung Lwow das Vertrauen ausgesprochen, jetzt stellten Bolschewiki und Anarchisten diese Autorität in Frage. Zereteli sah blutige Zusammenstöße voraus, welche die die Demokratie diskreditieren und die Konterrevolution stärken würden. 213) Der Sowjetkongress verurteilte die Demonstration, Tschcheïdse brachte eine Resolution ein, die für drei Tage Demonstrationen in der Hauptstadt untersagte. 214) In der Kschessinskaja-Villa ging die Vorbereitungen fieberhaft weiter.

Teilnehmer schlugen vor, das zentrale Postamt, das Telegrafenamt, die Bahnhöfe, Banken und das Arsenal zu besetzen, falls es Widerstand gebe. Daraufhin tagte um zwei Uhr nachts ein Rumpf-ZK. Sinowjew, Kamenew und Nogin waren für die Absage der Manifestation, Lenin und Swerdlow enthielten sich. 215) Die Nachricht wurde in die Arbeiterbezirke, die Zeitungen und an die Anarchisten übermittelt. Für die Soldatskaja Prawda kam der Sinneswandel zu spät, ein paar tausend Exemplare mit dem Aufruf zur Demonstration wurde ausgeliefert, bevor eine Sondernummer mit der Absage gedruckt wurde. Obwohl viele Parteimitglieder die Entscheidung missbilligten, beugten sie sich der Entscheidung der Parteizentrale. Beim Ersten Maschinengewehr-Regiment und in Kronstadt wurde die Entscheidung mit Ablehnung aufgenommen, nur mit Mühe wurde der Aufruf der Anarcho-Kommunisten, sich nach Petrograd einzuschiffen, verhindert. 216)

In der Bolschewistischen Partei gab es Kritik an der schwankenden Haltung der Führung, man könne nicht um 22 Uhr eine Demonstration beschließen und diese Entscheidung um 24 Uhr wieder umwerfen. Smilga betonte, Lenin sei über die Stimmung in den Betrieben und Kasernen nicht gut genug unterrichtet gewesen. Lenin rechtfertigte sich vor den Petersburger Komitee, man habe eine friedliche Demonstration geplant, um möglichst viel Druck auf den Sowjetkongress auszuüben, aber man sei mit dem Vorwurf konfrontiert worden, die Regierung festnehmen zu wollen. 217) Latsis meinte, es sei voraussehbar gewesen, dass die Teilnahme bewaffneter Soldaten zu einem Aufstand hätte führen können. Sicher plante die Partei keinen Staatsstreich, ihr Ziel war es, dass der Sowjet die Macht übernehmen solle, davon war sie im Juni noch weit entfernt.

Erstmals machten sich in Petrograd die Anarchisten bemerkbar. In der Februarrevolution hatten sie in Wiborg die Villa des ehemaligen Ministers Durnowo besetzt. Es war ein großes Gebäude mit mehreren Etagen, der große Garten wurde von den Kindern und Einwohnern Wiborgs als Freizeitstätte genutzt. Das Haus teilten sich die Anarchisten mit der lokalen Bäcker-Gewerkschaft, den linken Sozialrevolutionären und der Leitung der Petrograder Arbeitermilizen. Am 5. Juni versuchten die Anarchisten, die bürgerliche Zeitung Russkaja Wolja (Russicher Wille) zu besetzen, was aber misslang. In der bürgerlichen Presse wurden Gerüchte gestreut, die Anarchisten lagerten in der Villa Waffen.

Der Innenminister forderte die Räumung der Villa, am nächsten Tag kamen 50 Matrosen aus Kronstadt und versetzten die Villa in Verteidigungszustand, die Wiborger Arbeiter demonstrierten gegen den Räumungsbefehl. Am 18. Juni erzwang eine bewaffnete Demonstration von 1.500 bis 2.000 Anarchisten vor einem Gefängnis die Freilassung von sieben ihrer Genossen. Für die Regierung war das Maß voll, am nächsten Morgen stürmten Regierungssoldaten die Villa, erschossen einen Anarchisten und nahmen 70 Anarchisten und Matrosen fest. Das war das Signal für einen Streik der Wiborger Fabriken. 218) Die Arbeiter der neuen Lessner-Fabrik verurteilten die Taktik der Anarchisten, aber die Gründe für den Konflikt lägen in der konterrevolutionären Politik der Bourgeoisie hinter den sozialistischen Ministern, deshalb müsse man alle Macht dem Arbeiter- und Soldatenrat übergeben.

Die Atmosphäre hatte sich deutlich aufgeheizt, als parallel zu den Ereignissen der erste allrussische Sowjetkongress stattfand.

Tabelle 20: Zusammensetzung des allrussischen Sowjetkongresses im Juni 1917 219)

Partei Mandate Prozent
Menschewiki 266 34,2 %
davon: Bund 10 1,2 %
Sozialrevolutionäre 305 37,1 %
Vereinigte Sozialdemokraten 42 5,1 %
Bolschewiki 105 12,8 %
Sonstige 104 12,6 %
total 822 100 %

Der erste allrussische Sowjetkongress war der Höhepunkt des Einflusses der rechten Sozialisten. Er tagte vom 3. bis 24. Juni, 20,3 Millionen Arbeiter, Soldaten und Bauern hatten sich an der Wahl der Delegierten beteiligt. 1.090 Delegierter waren anwesend, 822 mit beschließender Stimme. Die Bolschewiki waren mit 105 Teilnehmern vertreten. Von den kleineren Parteien hatte der Bund zehn Delegierte, Jedinstwo drei und die Anarcho-Kommunisten ein gewähltes Mitglied. 220) Sozialrevolutionäre und Menschewiki hatten eine komfortable Mehrheit, sie setzten sich bei allen Fragen durch, standen aber ständig in der Defensive.

Die Delegierten aus der Provinz mit der übersichtlichen Entwicklung der Revolution dominierten die Petrograder mit ihren erhitzten politischen Diskussionen. Trotzdem tagte der Kongress in einer Atmosphäre der Unruhe und Unsicherheit. Der Kongress unterstützte die Militäroffensive und billigte den nationalen Minderheiten das Selbstbestimmungsrecht zu, die Ausgestaltung sollte die Konstituante regeln. Er lehnte ein Dekret über den Acht-Stundentag ab, um die Frage ‘im Einklang‘ mit Regierung, Unternehmern und Arbeitern zu regeln. Bei der Diskussion um die Regierungsfrage verlangte Martow die Beendigung der Regierungsbeteiligung, Trotzki und Lunatscharski forderten die Machtübernahme der Sowjets. Liber betonte, es gebe keine Alternative zur Koalition mit den Bürgerlichen. Zereteli pflichtete ihm bei:

„Gegenwärtig gibt es in Russland keine politische Partei, die sagen würde: 'Gebt uns die Macht, tretet ab, wir werden an eure Stelle treten.“

Aus dem Saal ertönte Lenins Stimme:

„Es gibt eine solche Partei!“ 221)

Es gab Gelächter und Beifall, später erläuterte Lenin:

„Er [Zereteli. A.d.V.] sagte, es gebe in Russland keine politische Partei, die sich bereit erklären würde, die gesamte Macht zu übernehmen. Ich antworte: Doch! Keine einzige Partei kann das ablehnen, und unsere Partei lehnt das nicht ab: sie ist jeden Augenblick bereit, die gesamte Macht zu übernehmen.“ 222)

Die Resolution für die Unterstützung der Regierung siegte mit 543 zu 126 Stimmen. 223) Die Delegierten wählten ein Zentrales Exekutivkomitee (ZEK) mit über 250 Mitgliedern, 104 Menschewiki, 100 Sozialrevolutionäre, 35 Bolschewiki und 18 andere Sozialisten, von der Größe her selbst ein kleiner Sowjetkongress; die Zentrale wiederum schuf ein neunköpfiges Büro mit Tschcheïdse als Vorsitzenden, ein Büro und einen Verwaltungsapparat mit 18 verschiedenen Abteilungen. 224)

Um die Unterstützung für die Sowjetmacht durch die Massen zu zeigen und als Antwort auf die abgesagte Manifestation der Bolschewiki am 10. setzte der Sowjetkongress für Sonntag, den 18. Juni eine Demonstration an. Die Mehrheit war sicher, dass es eine machtvolle Manifestation für ihre Politik sein werde.

Die Bolschewiki wollten sie in eine Kundgebung für den Übergang der Macht an die Sowjets verwandeln. In den Fabriken und Kasernen wurden Versammlungen zur Vorbereitung abgehalten, fast einhundert Agitatoren wurden eingesetzt.

Bild 42: Junidemonstraion auf dem Newski-Prospekt. Auf den Transparenten 'Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern'

Um 9 Uhr setzte sich der Demonstrationszug mit dem Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets an der Spitze vom Newski-Prospekt zum Marsfeld in Marsch. Dort stellten sie sich auf und ließ die Demonstranten an sich vorbei defilieren. Distrikt um Distrikt, Fabrik um Fabrik marschierte bis zum späten Abend am Denkmal für die Gefallenen der Februarrevolution vorbei, über 400.000 Teilnehmer. Die Gesichter der Sowjetführer wurden länger und länger, die bolschewistischen Transparente und Fahnen dominierten.

“Hier und da,“ erinnerte sich Suchanow, “wurde die Kette bolschewistischer Fahnen und Banner durch typische Parolen der Sozialrevolutionäre und des Sowjets unterbrochen. Aber sie gingen in der Masse unter, sie schienen Ausnahmen… Wieder und wieder… schallte es uns entgegen: ‘Alle Macht den Sowjets!‘ ‘Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern!‘“

Neben den Fabriken und Kasernen marschierte ein Kontingent der Kronstadter Matrosen, des bolschewistischen Zentralkomitees, der Konferenz der bolschewistischen Militärorganisationen, die einzigen Bewaffneten sah man im Kontingent der Anarcho-Kommunisten. 225) Die Demonstration der 400.000 zeigte, welchen Anhang die Bolschewiki in der Hauptstadt gewonnen hatten. Auch in Riga, Helsingfors, Wiborg, Reval, Nowgorod, Iwanowo, Smolensk, Charkow, Nischni Nowgorod und kleineren Orten fanden am 18. Demonstrationen unter bolschewistischen Losungen statt, in Moskau, Kiew, Minsk und anderswo schnitten die Rechtssozialisten besser ab. Viele Demokraten hofften auf den Erfolg der Militäroffensive.

Vom 16. bis 23.Juni fand die Konferenz der bolschewistischen Militärorganisation statt, sie zeigte den gewachsenen Einfluss der Bolschewiki unter den Soldaten: 107 Delegierte der Nord-, West- und Südwestfront nahmen ebenso wie die der Baltischen Flotte teil, sie vertraten 26.000 bis 30.000 Parteimitglieder aus 60 Militäreinheiten. 226) Die Teilnehmer nahmen an der erfolgreichen Demonstration vom 18. teil, die sie von einem siegreichen Aufstand träumen ließ, Teilnehmer verlangten, einen Stab für diesen Aufstand zu bilden. Lenin brachte sie auf den Boden der Tatsachen zurück, als er ermahnte, dass das Proletariat durch die Demonstration nichts gewonnen habe, der Aufstand werde nicht in der nächsten Woche, aber er werde bald kommen. 227)

Für eine Militäroffensive holte sich Kriegsminister Kerenski die Unterstützung des Sowjetkongresses. Dann begab er sich nach Tarnopol, der wichtigsten von russischen Truppen gehaltenen Stadt in Galizien und kündigte mit großen Worten den Soldaten die Offensive an. Am 18. Juni versuchten die Truppen, nach Lemberg vorzudringen.

Unter den Frontsoldaten gab es Widerstand; wegen ihrer Weigerung anzugreifen, wurden über tausend Soldaten festgenommen. 228) An der Südwestfront wurde Kerenski von Soldaten beschimpft. Trotzdem scheint die Stimmung für die revolutionäre Vaterlandsverteidigung noch überwogen zu haben. In Petrograd wurde die Offensive vom Kleinbürgertum mit einem patriotischen Ausbruch gefeiert, alle Parteien – natürlich außer den Linksradikalen – sowie die bürgerliche Presse überschlugen sich in Vaterlandsliebe, der Sowjet verfasste einen wortgewaltiges Manifest: Bauern gebt Brot, Arbeiter produziert Munition, Soldaten geht an die Front, Bürger tut eure Pflicht. 229) Aber in Teilen der Garnison und bei den von den Bolschewiki beeinflussten Arbeitern stießen die patriotischen Fanfaren auf Apathie oder Rebellion. In der Prawda und der Soldatskaja Prawda wurde die Offensive verurteilt und die Macht für die Sowjets gefordert.

Die Offensive stockte und angesichts der deutschen Gegenoffensive waren die russischen Truppen ab Anfang Juli auf dem Rückzug. Der Mangel an Artillerie und Munition sowie die wachsende Unlust, für fremde Interessen zu kämpfen, machte die Niederlage unvermeidlich. Im Laufe von zehn Tagen verlor die Südwestfront 60.000 Tote und Verwundete. 230)

Ende Juni sprach die Rechte offen von der Einsetzung eines 'starken Mannes', wagte aber noch nicht offen vorzugehen, erwartete vielmehr eine Verschlimmerung durch die Sabotage der Produktion. Die Malenkaja Gaseta (Kleine Zeitung) machte eine Kampagne für die Festnahme Lenins. Auf der anderen Seite forderten die Bolschewiki die Macht für die Sowjets, an deren Spitze sie sich dank der Unfähigkeit der Rechtssozialisten zu setzen hofften. Sie schöpften ihre Hoffnung aus der Geschichte der französischen Revolution, wo die Montagnards die Girondisten abgelöst hatten. Die Bourgeoisie war nicht geneigt, den Arbeiterforderungen entgegen zu kommen. In den Augen eines wachsenden Teils der Bevölkerung war die Regierung nur die Fortsetzung des Zarensystems, auch der Beitritt der Rechtssozialisten änderte nur kurz etwas daran. Lokale Sowjets verselbstständigten sich, die Regierungsautorität wurde in Frage gestellt.

Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren die neuen Parteien des politischen Zentrums, sie verloren an Unterstützung. Sie blickten auf die bolschewistische Opposition, versuchten wie ihre Schwesterparteien in Westeuropa zu handeln, übersahen, dass auch dort die Veränderungen gewaltsam durchgesetzt worden waren. Mit 'ihrer' Revolution versuchten sie den Staat und ihre Macht zu bewahren, statt radikale soziale Veränderungen anzustreben, in Praxis wurden sie Konservative. Es ging nicht vorwärts mit der Veränderung, aber die Bolschewiki forderten sie, also begann man es mit den Bolschewiki zu versuchen. Diese verstanden es, die Forderungen aufzugreifen und sie hatten die beste Organisation. Die Wirtschaftskrise ließ den Arbeiteranhang der Menschewiki zusammenschrumpfen. In den Massenorganisationen versuchten diese, ihre Ministerkollegen zu unterstützen. Auf den Widerstand der Unternehmer reagierten die Arbeitermassen mit dem Aufgreifen von Lenins Forderung nach aller Macht für die Sowjets.

'Nimm die Macht, wenn sie dir gegeben wird' - die Juli-Unruhen

Das Erste Maschinengewehr-Regiment bediente eine neue todbringende Waffe im Krieg, entsprechend groß war das Selbstbewusstsein der Soldaten. Ende Juni erhielten mehrere Abteilungen den Befehl, sich für den Einsatz an der Front vorzubereiten. Die Regierung versuchte, diese destruktive Kraft aus Petrograd zu entfernen. Die Soldaten weigerten sich, das verstoße gegen das Abkommen vom März, die Petrograder Garnison nicht an die Front zu verlegen, auf einer Massenversammlung protestierten sie dagegen. Bei einem Abschiedskonzert versammelten sich 5.000 Soldaten, es wurden radikale Reden gehalten, eine scharfe Resolution verdammte Kerenskis Kriegskurs und drohte die Regierung auseinander zu jagen. 231) Die Anarcho-Kommunisten riefen die Soldaten zum Kampf auf. Unter den Einfluss der radikalisierten Soldaten geriet auch die bolschewistische Militärorganisation unter Newski und Podwoiski, innerhalb der bolschewistischen Partei wurden sie zu einer auf den Aufstand drängenden Kraft.

In dieser Situation, kaum einen Monat nach der Bildung der Koalitionsregierung, brach über die ukrainische Frage die nächste Regierungskrise aus. Die Rada in Kiew verabschiedete ein Universal (Gesetz), die Ukraine werde fortan ihr eigenes Schicksal bestimmen, die Ordnung aufrecht erhalten und das Land gerecht verteilen. Sie schuf mit dem Generalsekretariat eine eigene Regierung; in Petrograd ging das Gerücht um, sie habe sogar einen eigenen Außenminister ernannt. Die autonome Ukraine war eine Kampfansage an die Provisorische Regierung.

In der Provisorischen Regierung war man über die ukrainische Frage uneins, die rechtssozialistischen Minister waren prinzipiell nicht gegen eine Autonomie, sie neigten zu Verhandlungen und Konzessionen an die Rada. Die Kadetten sahen deren Aktion als Verschwörung gegen die Regierung und verschanzten sich hinter dem Argument, die Zukunft Russlands und ihrer Teile werde von der Konstituierenden Versammlung entschieden. Am 16. Juni beschloss die Regierung, eine Verhandlungsdelegation mit Kerenski, Zereteli und Tereschchenko nach Kiew zu schicken. Ende Juni verhandelten sie, ein Kompromiss wurde erzielt, den die Rada als Sieg feiern konnte.

Durch die Verhandlungen wurde die Rada als Vertreterin des ukrainischen Volkes in gewisser Weise legitimiert, auch das Generalsekretariat wurde anerkannt, es sollte der Konstituante Vorschläge zur Landreform unterbreiten. Die Rada verzichtete vorläufig auf die Forderung nach der Einrichtung ukrainischer Truppenteile und erklärte ihre Loyalität gegenüber dem revolutionären Russland. Am 2. Juni kehrten die Minister wieder nach Petrograd zurück und erwarteten die Billigung des Kabinetts. 232) Die Kadetten-Minister opponierten heftig gegen die Zugeständnisse, stimmten gegen das Abkommen und fünf ihrer Minister traten zurück.

Tabelle 21: Mitgliedszahlen der Bolschewiki Ende 1916 233)

Petrograd 1.500 - 2.000 Kiew 200
Moskau 300 - 500 Jekaterinoswlaw 100
Provinz Moskau 60 -80 Makajewitsch 80 - 100
Iwanowo 150 - 160 Ural 900
Nischni-Nowgorod 150 -200 Irkutsk 1.000
Samara 80 - 100 Krasnojarsk 50 - 60
Saratow 70 - 80 Charkow 120
Russland 5.000 - 6.000

Am Dienstag den 3. Juli beschloss die Leitung des Maschinengewehr-Regiments eine Demonstration und schickte Delegationen zu befreundeten Parteien, Betrieben und Kasernen. Mehrere Regimenter verweigerten die Teilnahme oder erklärten sich neutral. Das Militärkomitee der Bolschewiki signalisierte seine Zustimmung, andere Regimenter ebenfalls, die Petrograder Matrosen versprachen massive Unterstützung, ebenso die Wiborger Fabriken. Es war klar, dass die Soldaten nicht ohne ihre Waffen auf die Straßen gehen würden, aber Pläne für die Besetzung der Schlüsselpunkte wurden scheinbar nicht gemacht. Der Anarchist Bleikman brachte die Stimmung auf den Punkt: „Die Straße wird uns organisieren!“ 234)

Die Demonstration vom 18. Juni hatte gezeigt, wie wenig populär Krieg und Regierung waren, der Rücktritt der Kadetten-Minister stellte die Übernahme der Macht durch den Sowjet wieder auf die Tagesordnung. Die Sowjetexekutive (ZEK) erließ einen Aufruf gegen die 'verräterische' Demonstration und versuchte, den Taurischen Palast in Verteidigungsbereitschaft zu setzen.

Die Bolschewiki waren über die geplante Demonstration, die in einen Aufstand münden konnte, uneins. Lenin befand sich in Finnland zu einem Erholungsurlaub, das ZK versuchte, einen Zusammenstoss zu vermeiden, diese Position unterstützte auch Trotzki für die Meschrajonzi, es solle eine friedliche Demonstration für die Übernahme der Macht durch den Sowjet geben.

Am Abend versuchten Soldaten des Maschinengewehr-Regiments am Baltischen Bahnhof, Kerenski zu verhaften, der war aber schon Stunden zuvor an die Front abgereist. In Wiborg war der Samsoniewski-Prospekt voll von Arbeitern, von Süden machten sich die Putilow-Arbeiter auf den Weg in die Innenstadt. In der Kschessinskaja-Villa diskutierten die Bolschewiki fieberhaft, ob man sich der Demonstration anschließen solle. Das bolschewistische ZK legte sich nicht fest:

“Die gegenwärtige Regierungskrise wird nicht im Interesse des Volkes gelöst, wenn das revolutionäre Proletariat und die Garnison nicht stark und entschieden erklären, dass sie für den Übergang der Macht an den Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten sind. Mit diesem Ziel vor Augen wird empfohlen, dass die Arbeiter und Soldaten sofort auf die Straße gehen und ihren Willen demonstrieren.“ 235)

Die Militärorganisation bildete ein Aktionskomitee und übernahm die Führung der Demonstration. Die Brücken wurden besetzt und Arbeiter und Soldaten strömten in die Innenstadt. Auf dem Newski-Prospekt kam es wiederholt zu Schießerei, die Umstände blieben unklar. Die Massen marschierten zum Taurischen Palast,um zwei Uhr morgens waren dort etwa 60- bis 70.000 Demonstranten versammelt. Der Palast war kaum verteidigt, ein paar Einheiten hätten den Palast besetzen können, aber die Situation war unklar, niemand übernahm die Führung. Die Arbeiter vor dem Palast forderten die Sowjetmacht und hörten die Reden von Tschcheïdse und Woitinski, der sie aufforderte, nach Hause zu gehen. Trotzki und Sinowjew erklärten, die Zeit der Sowjetmacht sei gekommen. Da niemand eine Initiative ergriff, gingen sie gegen Morgen frustriert, müde und hungrig nach Hause. 236)

Das ZK der Bolschewiki schickte nach Lenin in Finnland. Ein Flugblatt der Partei um fünf Uhr morgens forderte zur friedlichen Demonstration für die Sowjetmacht auf. Die Partei stand vor der Entscheidung, ob sie die Macht ergreifen sollte. Lenin kam am Mittag in der Parteizentrale an.

Tabelle 22: Mitgliedszahlen der Bolschewiki im April 1917 237)

Petrograd 16.000 Kronstadt 3.000 Baltikum 11.000
Moskau 7.000 Zentrale Industrieregion 23.000 Iwanowo 3.500
Donezbecken und Kriwoi Rog 10.000 Jekaterinoslaw 1.500 Sornowo 2.000
Saratow 1.000 Samara 2.700 Ural 16.000
Lugansk 1.500 Militärorganisation 6.000 Russland >100.000

Am Dienstagmorgen gab es die Vorbereitungen für die Demonstration am Nachmittag. In den Arbeitervierteln agitierten die Redner der Parteien. Auch wenn die Mehrheit der Garnison neutral blieb, so fürchtete man doch Truppen aus der Umgebung der Stadt, andererseits war die Unterstützung aus Kronstadt sicher. Der Generalstab konnte keine Truppen aus der Umgebung zur Verteidigung der Hauptstadt bewegen, so gab es nur ein paar Abteilungen Kosaken und Genesende, die den Winterpalais und den Generalstab verteidigen konnten, Truppen von der Front waren am 4. nicht zu erwarten. 238)

Gegen elf Uhr landeten 10.000 Matrosen aus Kronstadt nahe der Nikolai-Brücke und marschierten zur Kschessinskaja-Villa, um mit den Leitern des Aufstandes Kontakt aufzunehmen und Lenin zu sehen. Lenin wurde mit stürmischen Ovationen begrüsst, er drückte seine Überzeugung aus, die Forderung aller Macht für die Sowjets werde am Ende siegen und forderte die Matrosen zur Selbstbeherrschung, Entschlossenheit und Wachsamkeit auf. Das war sicher nicht das, was die Revolutionswilligen unter den Zuhörern erwartet hatten. 239) Dann marschierten die Matrosen zum Taurischen Palast. Sie trafen mit den Arbeitern und Soldaten zusammen. Aus den Häusern wurde geschossen, die Demonstranten flohen in Panik, fünf Demonstranten starben, 27 wurden verletzt. Die Matrosen durchsuchten die verdächtigen Häuser nach den Schützen, einige Verdächtige wurden gelyncht. Dann ging die Demonstration weiter.

Vor dem Taurischen Palast war die Situation chaotisch, die 32 Soldaten der Wachmannschaft wurden weggeschoben, eine Gruppe Kronstadter Matrosen wollten vom Justizminister Perewersew Rechenschaft über die Stürmung der Durnowo-Villa. Da sie in nicht fanden, suchten sie im Taurischen Palast nach anderen Ministern. Tschernow wollte sie beruhigen, Demonstranten setzten ihn fest, ein Arbeiter schüttelte seine Faust vor Tschernows Gesicht und schrie aufgebracht:

„Nimm die Macht, du Hurensohn, wenn sie dir gegeben wird!“ 240)

Er wurde in einem Auto festgehalten. Trotzki wurde gerufen, er redete zu den Demonstranten, konnte sie beruhigen und Tschernow befreien.

Im Taurischen Palast tagte die Sowjet-Exekutive, sie war eher bereit, politischen Selbstmord zu begehen als die Macht zu übernehmen. Die Demonstranten drangen in den Palast ein und ́besetzten die Zuschauerränge. Delegierte der Betriebe forderten die Sowjetexekutive auf, die Macht zu übernehmen, fünf wurden schließlich ausgewählt und trugen die Forderungen vor. Einer schwenkte sein Gewehr und rief:

„Genossen! Dürfen wir, die Arbeiter, den Verrat noch länger ertragen? Ihr habt euch hier versammelt, ihr diskutiert, ihr schließt Abkommen mit der Bourgeoisie und den Landbesitzern. Ihr seid sehr fleißig beim Verrat an der Arbeiterklasse. Aber wisst, dass die Arbeiterklasse das nicht länger ertragen wird! Wir Putilow-Arbeiter sind hier mit 30.000, einig wie ein Mann. Wir werden unseren Willen durchsetzen! Absolut keine Bourgeois! Alle Macht den Räten! Unsere Waffen sind in unserer Hand. Eure Kerenskis und Zeretelis werden uns nicht zum Narren halten.“ 241)

Zereteli antwortete: ihm:

“Falls wir die Regierung durch einen Beschluss des [Sowjet-]Kongresses ändern würden, wie es von einem Teil der Garnison und der Arbeiter gefordert wird, würde das ganze Land dies nicht als ein Ausdruck des Willens der Demokratie, sondern als eine Konzession auf den Druckes einer Minderheit ansehen. Der einzige Ausweg für die Demokratie ist es,… die Provisorische Regierung so wie sie ist anzuerkennen als der gesetzmäßige Halter der revolutionären Macht und einen außerordentlichen Kongress innerhalb von zwei Wochen einzuberufen, an einem Platz, wo er ungehindert arbeiten kann, möglichst in Moskau, um eine endgültige Entscheidung über die Frage der Provisorischen Regierung zu treffen.“ 242)

Die Diskussion ging weiter. Vor dem Taurischen Palast wurde weiter demonstriert, gegen Mitternacht lösten die Putilow-Arbeiter die Matrosen Kronstadts ab, Soldaten-Einheiten folgten, dann zerstreuten sich die Demonstranten in die Arbeiterviertel und Kasernen. Nach Mitternacht wurden wie üblich die Newabrücken hoch gezogen. Gegen fünf Uhr morgens wurde die Versammlung erneut vom Geräusch anmarschierender Soldaten erschreckt . Als Dan verkündete, es sei eine Einheit zur Verteidigung des Sowjets, brach der Saal in Jubel aus. Warum dieses Regiment seine Passivität aufgab, ist nicht klar. Unter dem Eindruck der sie ‘befreienden‘ Einheiten stimmte die Sowjet-Exekutive für die Mehrheitsresolution von Avram Gots zur Regierungsunterstützung. 243)

In Moskau waren die Bolschewiki über bewaffnete Demonstrationen gespalten, die Beteiligung war eher gering. Als das Gerücht über einen Sturz der Regierung nach Iwanowo drang, beschloss der Sowjet mit seiner bolschewistischen Mehrheit, die Kontrolle über Telefon und Telegrafen zu übernehmen. Am 6. Juli wurde die Arbeit eingestellt und 40.000 Arbeiter nahmen – teilweise bewaffnet – an einer Demonstration teil. Als die Nachrichten von der Niederlage kamen, trat der Sowjet von Iwanowo den Rückzug an. 244)

Dass Lenin nicht an eine Machtübernahme Anfang Juli glaubte, beweist seine Abwesenheit von der Hauptstadt, alles andere wäre wohl eine perfide Taktik gewesen. Ob Lenin sich am 3. tatsächlich für eine Machtübernahme entschied, ist rein spekulativ. Nach seiner Rückkehr am Morgen des 4. machte er keine Anstrengungen, die Demonstrationen aufzuhalten. Es lag aber wohl auch kaum noch in der Macht des Zentralkomitees der Bolschewiki, die erregten Arbeiter und Soldaten von der Straße zu holen. Die Prawda rief die Arbeiter am Morgen auf, die Demonstrationen zu beenden, der Aufruf erschien auf der letzten Seite. 245) Die Soldatskaja Prawda brachte diesen Aufruf nicht.

Als am Morgen des 5. Juli die bürgerlichen Zeitungen erschienen, machten sie mit der Schlagzeile auf, der Justizminister habe bewiesen, Lenin sei ein deutscher Agent. Regierungstreue Truppen übernahmen die Kontrolle über Petrograd einschließlich der Arbeiterviertel, die anti-bolschewistische Stimmung machte ihr Auftreten in der Stadt gefährlich. Rechte Organisationen tauchten aus der Versenkung aus. Die Provisorischen Regierung beschloss, das Erste Maschinengewehr-Regiment zu entwaffnen und die Kschessinskaja-Villa zu räumen. Truppen besetzten die Druckerei der Prawda, zerstörten sie und nahmen Verhaftungen vor. In der Innenstadt waren Kosaken-Einheiten unterwegs, beschlagnahmten Lastwagen mit Waffen und nahmen Arbeiter, Matrosen und Soldaten fest, die sich nicht in die Arbeiterbezirke jenseits der Newa flüchten konnten, da die Newabrücken geschlossen blieben oder stark bewacht wurden.

Die Kommunikation in der bolschewistischen Partei zwischen Führung und Basis war gestört, die Mitglieder orientierungslos. Die Zentrale in der Kschessinskaja-Villa machte Anstrengungen, das Haus zu verteidigen, dabei stand ihnen Kronstadter Matrosen unter dem Befehl von Raskolnikow zur Verfügung. Sein Plan war es, den Eifer der Belagerer durch die Entsendung eines Kriegsschiffes aus Kronstadt in die Newa-Mündung etwas zu dämpfen. Auch im Wiborger Rayon machten sich Arbeiter verteidigungsbereit. Die in den Vortagen rebellierenden Brigaden verabschiedeten jetzt Loyalitätserklärungen zugunsten der Regierung. Am Nachmittag tagte das ZK mit der Militärorganisation und dem Petersburger Komitee, viele konnten die Parteizentrale wegen der Sperrung der Brücken nicht erreichen. Man wusste von den herannahenden Fronttruppen und dem geringen Echo der Julitage in der Provinz. Eine Delegation unter Liber begab sich zu Verhandlungen in das Hauptquartier der Bolschewiki, die ergaben, dass man auf Repressionen verzichten wolle, dafür sollten die Bolschewiki die Matrosen nach Kronstadt zurück schicken.

Bild 43: Die Kschesinskaja-Villa

Das Abkommen störte die Regierungstruppen nicht. Am nächsten Morgen isolierten sie die Kschessinskaja- Villa militärisch und forderten sie zur Kapitulation auf. 200 Kronstadter Matrosen und 200 Maschinengewehr-Soldaten verteidigten das Gebäude. 246) Da die Regierungstruppen mit Artilleriebeschuss drohten, zogen sie sich in die benachbarte Peter-und-Pauls-Festung zurück, die Villa wurde widerstandslos besetzt. Ein erfolgreicher Widerstand schien aussichtslos, so verhandelte die Militärorganisation die Kapitulation. Die Matrosen wurden entwaffnet und durften nach Kronstadt zurück kehren. Die Leitung der Bolschewiki forderte die Arbeiter am 7. Juli wieder zur Arbeitsaufnahme auf.

Lenin sah klar die Niederlage, die vorangegangene Arbeit der Partei sei zeitweise zerstört; einer der wenigen positiven Aspekte war die Flucht von Sozialrevolutionären und Menschewiki in die Hände der militärischen Konterrevolution. Das Proletariat habe die Wahl zwischen der Machtergreifung und dem Untergang. Die Forderung ‘Alle Macht den Sowjets‘ sei hinfällig und müsse durch die nach 'Alle Macht der Arbeiterklasse, geführt durch ihre revolutionäre Partei, die Bolschewiki' ersetzt werden. 247)

Die Provisorische Regierung beschloss am 6. Juli, alle Führer der Rebellion sollten verhaftet und vor Gericht gestellt werden. Gegen Lenin, Sinowjew, Kamenew und die Meschrajonzi Lunatscharski und Trotzki wurden Haftbefehle erlassen. Alle an den Demonstrationen beteiligten Militäreinheiten sollten entwaffnet und aufgelöst werden. Kerenski ordnete auch die Verhaftung des Zentralkomitees der Baltischen Flotte an. Am 8. Juli löste er Lwow als Ministerpräsident ab. Straßenversammlungen und das Tragen von Waffen durch Zivilisten wurden verboten. Soldatskaja Prawda sowie das Ersatzorgan der Prawda Golos Prawdy wurden geschlossen, die Bolschewiki fanden zeitweise auch keinen Drucker, der ihre Zeitungen druckte. Büros von Bezirks- und Fabrikkomitees der Bolschewiki wurden durchsucht.

Lenins Untertauchen wurde ihm als Schuldeingeständnis ausgelegt. Die Mitglieder waren demoralisiert, die Boulevardpresse konnte Arbeiter gegen die Bolschewiki einnehmen. Die Arbeiter der Petrograder Metallfabrik in Wiborg sprachen dem Petrograder Sowjet ihr Vertrauen aus, das bolschewistische Zentralkomitee und das Petersburger Komitee solle sich der Regierung stellen und vor Gericht beweisen, “…dass 100.000 bolschewistische Arbeiter keine deutschen Agenten sind.“ 248) Am stärksten wurde die bolschewistische Militärorganisation von der Repression betroffen. Die Mehrheit ihrer Mitglieder wurde festgenommen, ein Teil wurde nach dem Kornilow-Putsch wieder freigelassen, der Rest kurz vor der Oktoberrevolution. Niemand wurde vor Gericht gestellt. Das Erste Maschinengewehr-Regiment wie auch andere beteiligte Regimenter wurden aufgelöst und die Soldaten auf Frontregimenter verteilt.

“Die Julidemonstranten wollten die Macht den Sowjets übergeben. Dazu war notwendig, dass die Sowjets bereit wären, sie zu nehmen. Indes gehörte sogar in der Hauptstadt, wo die Mehrheit der Arbeiter und die aktiven Elemente der Garnison bereits mit den Bolschewiki gingen, kraft des Trägheitsgesetzes, das jeder Vertretung eigen ist, die Mehrheit im Sowjet noch den kleinbürgerlichen Parteien an, die das Attentat auf die Macht der Bourgeoisie als Attentat gegen sich selbst betrachten. Arbeiter und Soldaten empfanden scharf den Widerspruch zwischen ihren Stimmungen und der Politik der Sowjets, dass heißt zwischen ihrem heutigen und ihrem gestrigen Tag. Indem sie sich für die Macht der Sowjets erhoben, brachten sie durchaus nicht der Versöhnlermehrheit Vertrauen dar. Aber sie wussten nicht, wie mit ihr fertig zu werden. Sie mit Gewalt zu stürzen, hätte bedeutet, die Sowjets auseinander zu jagen, statt ihnen die Macht zu übergeben. Ehe sie den Weg fanden zur Erneuerung der Sowjets, versuchten die Arbeiter und Soldaten, diese Sowjets mit den Mitteln der direkten Aktion ihrem Willen gefügig zu machen.“ 249)

Die Juli-Unruhen hatten deutlich gemacht, dass die Rechtssozialisten sich an die Regierung gekettet hatten, sie waren zwischen den Kräften der Reaktion und der Revolution gefangen und drohten zerrieben zu werden. Die Rechte wurde stärker, sie suchte ihren Cavaignac.

Innerhalb der bolschewistischen Partei wurde die Militärorganisation für die Niederlage verantwortlich gemacht. Die Partei hatte sich vom April an von 16.000 auf 32.000 Mitglieder verdoppelt, 2.000 Soldaten der Garnison traten bei. 250) Es waren neue Schichten von Arbeitern und Soldaten, die wenig Kenntnisse des Marxismus hatten, aber vor revolutionärer Ungeduld erfüllt waren. Sie gewannen bald einen großen Einfluss auf die Militärorganisation und das Petersburger Komitee. Die Militärorganisation bereitete sich auf einen bewaffneten Zusammenstoß vor, das Wiborger Bezirkskomitee plante die Besetzung öffentlicher Institutionen. Diese Vorbereitungen wurden vom Zentralkomitee im letzten Moment verhindert.

Die Parteiführung mit Lenin schwankte: Solle man das Risiko eingehen und die Macht in Petrograd ergreifen, obwohl das übrige Russland noch nicht reif für die Revolution war? Versuchte man die unruhigen Massen zurück zu halten, riskierte man, von den Anarchisten überbordet zu werden. Es war gefährlich, die Arbeiter und Soldaten zur Demonstration aufzurufen, ihnen dann aber keine klare Handlungsperspektive zu geben und sie enttäuscht nach Hause gehen zu lassen. 251) Lenin zog aus der Niederlage den Schluss, dass die Macht nur durch einen bewaffneten Aufstand zu gewinnen war. Der Kornilow-Putsch half ihm, die Bolschewiki gewannen die Mehrheit in den Sowjets. Die Militärorganisation sollte vorsichtiger agieren als im Juli – zu vorsichtig für Lenins Geschmack.


1) Koenker, Rosenberg: Strikes and Revolution in Russia, 1917, p.29
2) Koenker, Moscow Workers and the 1917 Revolution, p.79
3) David Mandel, The Petrograd Workers and the fall of the old Regime, p.44/45
4) ebenda, p.46
5) ebenda, p.12-14, 19
6) Boll: The Petrograd Armed Workers Movement in the February Revolution, p.1
7) Mandel, p.34
8) ebenda, p.40/41
9) siehe die Karten 12 Petrograder Großbetriebe sowie 17 Übersichtskarte Petrograd 1917
10) Mandel, p.45, Koenker, Rosenberg, p.41
11) Mandel, p. 50-58
12) Hasegawa: The February Revolution, p.69
13) Smith, Red Petrograd, p.9
14) ebenda, p.13
15) Hasegawa, p.163/164
16) nach: Suchanow, 1917. Tagebuch der russischen Revolution, Umschlaginnenseite vorn, bearbeitet
17) ebenda, p.169; Wildman, The End of the Russian Imperial Army, p.95
18) , 20) Hasegawa, p.170
19) ebenda, p.168
21) Astrow, Slepkow, Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution 1917, p.84
22) Mandel, p. 64
23) Hasegawa, p.219
24) , 124) ebenda, p.222
25) Astrow, p.90/91
26) ebenda, p.92/93
27) Hasegawa, p.240
28) ebenda, p.247
29) ebenda, p.250
30) ebenda, p.253
31) ebenda, p. 254
32) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Band 1, p.101
33) , 187) ebenda, p.101
34) Hasegawa, p.258/259
35) ebenda, p.261/262
36) ebenda, p.264
37) ebenda, p.271
38) ebenda, p.272/273
39) ebenda, p.275
40) Chamberlin: Die russische Revolution 1917-1921, Erster Band, p.72
41) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Band 1, p.112
42) Hasegawa, p.279-287
43) ebenda, p.292
44) ebenda, p.293/294
45) ebenda, p.299/300
46) ebenda, p.307
47) Ferro, The Russian Revolution of February 1917, p.45
48) Keep, The Russian Revolution, p.62
49) Hasegawa, p.330/331
50) ebenda, p.332/333
51) ebenda, p.344
52) Hasegawa, p.411
53) ebenda, p.412
54) ebenda, p.413
55) Mandel, p.66
56) Ferro, p.131
57) ebenda, p.353
58) ebenda, p.359
59) ebenda, p.362/363
60) ebenda, p.366
61) ebenda, p.418/419
62) Koenker, p.97
63) Saul, Sailors in Revolt, p.69/70
64) Raleigh: Revolution on the Volga, p.70
65) Hasegawa, p.567
66) ebenda, p.529
67) Rosenberg, Liberals in the Russian Revolution, p.58
68) Chamberlin, p. 89
69) Wildman, p.235
70) Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU (im Weiteren IML), Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Band III, Erstes Buch, p.22/23
71) Woods, p.511
72) Trotzki: Geschichte der russischen Revolution, Band 1, p.174
73) ebenda, p.181
74) Anweiler, Die Rätebewegung in Russland, p.134
75) Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Band 1, p.189
76) Anweiler, p.132
77) ebenda, p.136
78) ebenda, p.140
79) ebenda, p.103
80) ebenda, p.141
81) IML, Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Band III, 1. Buch, p.120
82) Anweiler, p.150
83) Im Weiteren nur noch Iswestija genannt
84) Anweiler, p.130
85) ebenda, p.129
86) bekanntere Vertreter: 2 Tschcheïdse, 5 Suchanow, 6 Skobelew
87) Smith, Red Petrograd, p.75
88) ebenda, 144/145
89) ebenda, 145/146
90) ebenda, 146/147
91) Ferro, p.139
92) ebenda, p.153
93) Smith, p.66
94) Boll, p.90
95) Koenker, p.108/109
96) Galili, The Menshevik Leaders in the Russian Revolution, p.74
97) ebenda, p.98
98) , 212) ebenda, p.55
99) , 197) ebenda, p.99
100) Mandel, p.97
101) Boll, p.44
102) Koenker, Rosenberg, p.142
103) Boll, p.60
104) ebenda, p.65
105) ebenda, p.68
106) Trotzki, Geschichte, I., p.205
107) Boll, p.95
108) Ferro, p.269
109) Mandel, p.126
110) Mandel, p.80
111) Ferro, p.86
112) Robol, Tsereteli – A Democrat in the Russian Revolution, p.85
113) Mandel, p.86
114) Gelbard, Ayre: Der jüdische Arbeiter-Bund Russlands im Revolutionsjahr 1917, p.34
115) Haimson: The Mensheviks from the Revolution of 1917 to the Second World War, p.8
116) Koenker, p.189
117) Haimson, p.12
118) Galili, p.194
119) Gelbard, p.22
120) Koenker, p.193
121) Radkey, The Agrarian Foes of Bolshevism, p.129
122) ebenda, p.227
123) ebenda, p.236
125) Anweiler, p.183
126) Woods, p.521
127) ebenda, p.537
128) Trotzki, Geschichte…I., p.248
129) Rabinovitch, Prelude to Revolution, p.36
130) Lenin, Werke Band 23, p.311-354
131) Die Herausgeber der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion vermerkten dazu verschämt: „Das erklärte sich vor allem daraus, dass das Büro des ZK und die Funktionäre der bolschewistischen Partei es nicht vermochten, sich in der neuen, ungewöhnlich komplizierten Situation klar zu orientieren und alle in den 'Briefen aus der Ferne' enthaltenen Schlussfolgerungen und Einschätzungen zu verstehen.“ ebenda, p.54
132) IML, Geschichte der Kommunistischen Partei, Band III, 1. Buch, p.41
133) Hasegawa, p.134
134) Avrich: The Russian Anarchists, p.124
135) ebenda, p.126
136) Scharlau, Zeman: Freibeuter de Revolution, p.260
137) Hahlweg: Lenins Rückkehr nach Deutschland, p.13
138) ebenda, p.23
139) Marie, Lénine, p.178
140) ebenda, p.177/178, selbstverständlich übernimmt Solschenizyn diese Beschuldigung.
141) Scharlau, Zeman, p.271
142) IML, Geschichte der Kommunistischen Partei, Band III, 1. Buch, p.68
143) Marie: Lénine, p.173
144) Lenin: Über die Aufgaben des Prolertariats in der gegenwärtigen Revolution (Aprilthesen); Werke Band 24, p.3/4
145) ebenda, p.4/5
146) ebenda, p.5/6
147) Marie, Lénine, p.178, Rabinowitch, p.40
148) Woods, Bolshevism, p.529
149) Trotzki, Geschichte I, p.270
150) ebenda, p.272
151) , 153) IML, Geschichte der Kommunistischen Partei, Band III, 1.Buch, p.105
152) Rabinowitch, p.42
154) ebenda, p.75
155) Woods, p.530
156) Carr, The Bolshevik Revolution, Vol.I, p.99
157) John Biggart, The Mezhrayonka; in: Shukmann: The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution, p.84
158) Ferro, p.198
159) Rosenberg, p.99
160) Astrow, p.174
161) IML, Geschichte der Kommunistischen Partei, Band 3, 1. Buch, p.89
162) Pushkareva: The Working Class Movement in Russia between February an October 1917; in: Haimson, Sapelli (Hg.): Strikes, Social Conflict and the First World War,p.483
163) Trotzki, Geschichte, I., p.300
164) Galili, p.136
165) ebenda p.176
166) Ferro, p.224
167) Lenin-Werke Band 24, p.327/328
168) Trotzki, Geschichte I., p.302
169) Smith, p.168
170) ebenda, p. 655
171) Mandel, p.137/138
172) Smith, p.118
173) Mandel p.145
174) Smith, p.85
175) ebenda, p.96; zu den Arbeiterklubs siehe das Kapitel 10: Sowjetkultur
176) Pushkarevka, p.486
177) Smith, p.176
178) ebenda, p.177
179) ebenda, p. 185
180) Ferro, p. 275
181) Smith, p.80
182) Ferro, October 1917, p.147
183) Smith, p.81
184) ebenda, p.144
185) Ferro, p.277
186) Smith, p.154
188) Wade: Red Guards and Worker's Militias in the Russian Revolution, p.91/92
189) ebenda, p.112
190) Rabinowitch, p.52
191) Wildman, p.356
192) ebenda, p.358
193) ebenda, p.363
194) ebenda, p.368
195) Saul, p.94
196) Saul, p.95
198) Getzler, Kronstadt 1917-1921, p.36/37
199) Chamberlin, Die russische Revolution 1917-1921, Erster Band, p.226
200) Trotzki: Geschichte I., p.340
201) G.Greame: Russian Society and Institutions before and after 1917; in: Shukman: The Blackwell Enzyclpedia, p.15
202) Keep: The Russian Revolution, p.177
203) ebenda, p.179
204) Ferro, p.280
205) Radkey: The Agrarian Foes of Bolshevism, p.251
206) ebenda, p.249
207) Greame, p.17
208) Lenin, Werke Band 24, p.486/487
209) ebenda, p.494
210) Keep, p.237
211) Rabinovitch, p.57
213) ebenda, p.73
214) ebenda, p.76
215) ebenda, p.77
216) ebenda, p.80
217) ebenda, p.85
218) Mandel, p.132
219) Galili, p.416
220) Broué, Trotsky, p.177
221) IML, Geschichte, Band 3, 1.Buch, p.170
222) Lenin-Werke Band 25, p.6
223) Ferro, p.309
224) Anweiler, p.153
225) Rabinowitch, p.106
226) Rabrinovitch, p.111
227) ebenda, p.114/115
228) , 230) IML, Geschichte, Band 3, 1. Buch, p.177
229) Rabinovitch, p.109
231) Rabinovitch,, p.139/140, Chamberlin, Erster Band, p.154
232) Rabinovitch, p.142/143
233) Astrow, p.141
234) Rabinovitch, p.152
235) Rabinovitch, p.164
236) ebenda, p.172
237) Astrow, p.186, IML, Geschichte, Band III., 1. Buch, p,44
238) Rabinovitch, p.179/180
239) ebenda, p.184
240) Rabinovitch, p.188
241) Mandel, p.165
242) Rabinovitch, p.195
243) ebenda, p.199
244) Trotzki, Geschichte I., p.464
245) Rabinowitch, Die Sowjetmacht, p.22
246) Rabrinovitch, Prelude, p.214
247) ebenda, p.217, Lenin-Werke Band 25, p.175/176
248) Rabinovitch,p.220
249) Trotzki, Geschichte I., p.458/459
250) Rabinovitch, p.231
251) So spielte es sich im Januar 1919 auch in Berlin ab und wurde von der Konterrevolution gefolgt.
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