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4. Kapitel: Durch die Wüste

Die folgenden zehn Jahre Russlands waren von der Konterrevolution und dem ersten Weltkrieg bestimmt, nach den Hoffnungen der Revolution schien es wie eine Fahrt durch die Wüste mit der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Stolypins Staatsstreich

Der Staatsstreich vom 3. Juni 1907 bestand im Wesentlichen im ungehemmten Vorgehen des Militärs gegen jegliche Form von Opposition. Durch das Kriegsrecht legitimiert, wälzte sich eine Schneise der Repression durch die Provinzen Russlands. 1909 saßen 170.000 in überfüllten Gefängnissen. 1) Zivil- und Militärgerichte verhängten 1.692 Todesurteile im Jahre 1907, 748 Menschen wurden hingerichtet. 1908 stieg die Zahl der Todesurteile auf 1.959 an, von denen 782 exekutiert wurden. Meist waren es Bauern und Arbeiter, die durch die ‘Stolypinsche Krawatte‘, wie der Galgenstrick im Volksmund hieß, ermordet wurden. 2) Der Blutspur der Armee folgte die Repression der Polizei. Oppositionelle Organisationen wurden verfolgt und aufgelöst, die Ochrana perfektionierte ihren Einsatz von Spitzeln und Provokateuren. 1906 bis 1910 wurden 600 Gewerkschaften aufgelöst, ihre Mitgliedschaft sank von 246.000 auf 13.000 ab, der Arbeitstag wurde wieder verlängert. Die Wirtschaftskrise steigerte die Arbeitslosigkeit, bis 1909 sank die Industrieproduktion, die Streiks gingen stark zurück. 1907 war ein Viertel der Moskauer Metallarbeiter arbeitslos. 3) Die Fabrikbesitzer legten schwarze Listen unliebsamer Aktivisten an.

Alle modernen Konterrevolutionen führen zur Resignation der Intelligenz. Nach der französischen Revolution war es die ‘goldene Jugend‘, geprägt von Hedonismus und Egoismus, nach der Revolution von 1848 konnte der Mystizismus eines Baudelaire entstehen. Die russischen Künstler pflegten nach der Revolution 1905 den Symbolismus; Mystizismus und Gottsuchertum machten sich breit. Es waren ehemalige Anhänger des ‘legalen Marxismus‘, die zu den eifrigsten Befürwortern der Reaktion wurden. Ab 1907 wich die politische Aktivität der dumpfen Apathie der Massen. Die nationalen Minderheiten litten doppelt unter der Repression, besonders die jüdische Minderheit stöhnte unter der Verelendung. Die österreichisch-ungarische Grenzstadt Brody quoll über von Migranten und Flüchtlingen, die vor allem in den USA ein besseres Leben suchten. 4)

Der Antrag eines Duma-Abgeordneten, den jüdischen Rayon abzuschaffen, wurde unter wütenden Attacken der Antisemiten abgelehnt. Diese forderten das Kriegsministerium auf, Juden aus der Armee auszuschließen. Der Numerus clausus wurde strenger als zuvor angewandt, der Antisemitismus war bevorzugtes Kampfmittel der Rechten. Stolypins Staatsstreich vom 3. Juni 1907 schuf einen Block der Oktobristen mit den Konservativen gegen Kadetten und Linke, die Schwarzhundertschaften blieben straffrei.

Im März 1911 wurde in einem Vorort von Kiew die Leiche eines 13-jährigen Jungen gefunden, der mit 45 Messerstichen ermordet worden war. Die monarchistische Presse fing eine antisemitische Kampagne an, das sei ein jüdischer Ritualmord zum Passahfest gewesen. der Bund des russischen Volkes geiferte:

“Das Blut des Märtyrers schreit nach Rache. Juden raus aus Russland.“ 5)

Ein jüdischer Ziegeleiarbeiter, Mendel Beilis, wurde als Täter ausgesucht und blieb zwei Jahre in Haft. Der Fall Beilis schlug international hohe Wellen und wurde zum Symbol des Kampfes gegen den Antisemitismus. Obwohl die Unschuld von Beilis schnell deutlich geworden war, setzte der Innenminister einen Prozess durch.

Der Bund rief zum Streik gegen die Diskriminierung auf, im September 1913 sollten 50.000 jüdische und nichtjüdische Arbeiter in 17 Städten streiken, 20.000 allein in Warschau. 6) Es sollte nach 1905 größte Mobilisierung der jüdischen Arbeiterklasse werden. Beilis musste freigesprochen werden, die antisemitischen Verleumdungen fielen in sich zusammen. Wie die Affäre Dreyfus in Frankreich hatte der Skandal die internationale öffentliche Meinung bis in die USA erregt, das Zarenregime diskreditierte sich schwer.

Karte 15: Bauernunruhen 1905 - 1906

Die dritte Duma wurde nach verschärftem Wahlrecht gewählt. Die Stimme eines Grundbesitzers wog jetzt so viel wie die dreier Stadtbürger, 15 Bauern und 45 Fabrikarbeiter. 7) Das Wahlrecht wurde noch komplizierter verändert: Landbesitzer und Städter wählten mit Ausnahmen in zwei Wahlgängen, Arbeiter auf drei und Bauern auf vier Ebenen. Auf der gemeinsamen Wählerversammlung der Provinz wählten dann alle Teilnehmer der Kurien gemeinsam je einen Vertreter der Grundbesitzer, der Städter, Bauern und – in sechs industriellen Gebieten – auch der Arbeiter. Großgrundbesitzer und Fabrikherren bestimmten also Vertreter der Arbeiter mit. Die Wahlen der dritten Duma schufen nach diesen Manipulationen eine dem Zarismus genehme Mehrheit, statt der Kadetten und Trudowiki stellten die Oktobristen die stärkste Fraktion mit 120 Abgeordneten, gefolgt von Nationalisten und der extremen Rechten mit 76 und 53 Deputierten. Diesen zu zwei Drittel staatstragenden Vertretern standen 52 Kadetten, 39 Progressive, 21 Abgeordnete nationaler Minderheiten, je 14 Trudowiki und Sozialdemokraten, davon vier Bolschewisten, gegenüber. 8) Die sozialdemokratischen Vertreter hatten wenig Erfahrung und waren nicht in der Lage, die Tribüne der Duma für revolutionäre Propaganda zu nutzen, selbst bei den Sozialdemokraten erweckten sie kaum Interesse. Die Sozialrevolutionäre boykottierten wieder die Wahl. Der Einfluss der Duma auf den Staat blieb gering, der Hof verweigerte selbst mit der monarchistischen Duma-Mehrheit den Dialog.

Stolypins Landreform

Die Ergebnisse der Bauernbefreiung von 1861 waren 1905 weitgehend verpufft: Nur ein Teil der adligen Landbesitzer hatten ihren Boden auf kapitalistische Produktion umgestellt, 40 Prozent des Bodens war verpachtet. 9) Das Anwachsen der Bevölkerung hatte den Anteil des Einzelbauern im Laufe der Jahre halbiert. Die Getreidepreise fielen, die Pachtraten stiegen. Nach dem Zensus von 1897 lebten 87 Prozent der Bevölkerung auf dem Land, 75 Prozent arbeiteten in der Landwirtschaft. 10) Die Ernteerträge in Russland lagen weit unter dem Durchschnitt des Weltmarktes.342 Die Beschränkungen der Dorfgemeinschaft waren wie die Rückständigkeit des Drei-Feldersystems, die Bewirtschaftung in zu kleinen Ackerstreifen und die Vernachlässigung der Weidewirtschaft die Hauptgründe dafür. Die Getreideexporte stiegen trotzdem kontinuierlich an, die kapitalistisch wirtschaftenden Grundbesitzer und eine Schicht reicher Bauern bedienten ihn. Der Konsum des durchschnittlichen Bauern war geringer als der eines Arbeiters, der selbst nicht gut ernährt war. Eine Untersuchung in der Provinz Kostroma 1911 zeigte, dass Arbeiter mehr Fleisch, Fisch, Eier, Weißbrot und selbst mehr Gemüse als Bauern aßen, die Bauern verzehrten mehr als doppelt so viel Roggenbrot. Die Mehrheit – zwei Drittel in der Schwarzerdezone – hatten nicht genug Getreide für den Eigenkonsum und mussten Korn dazukaufen. 11)

1905 hatte der Zar ein halbkonstitutionelles Regime zugestehen müssen. Die Zugeständnisse durch das Oktobermanifest hatten nur geringen Einfluss auf die Bauern. Die Ernte 1905 war schlecht, Hunger breitete sich aus. Nach dem Manifest erreichten die Bauernunruhen vor allem in der Schwarzerderegion einen neuen Höhepunkt. Die erste Konferenz des Allrussischen Bauernbundes im Sommer 1905 stellte fest:

“Die elenden Bedingungen der Bauern heute resultieren aus dem Mangel an Land, aus den zu hohen Steuern, der zu starken Übervorteilung durch die Regierung und daraus, dass das Volk nicht lesen kann und keine Rechte hat.“ 12)

Die Unruhen sowie die Wahlen zur Duma zeigten die Radikalisierung der Bauern. 13) Dorfversammlungen erhielten Besuch von Agitatoren und ihren Abgeordneten, welche ihre Forderungen mitnahmen. Die von den Landeshauptmännern eingesetzten Dorfältesten versuchten sie oft am Auftreten zu hindern. Hatten sie sich bisher mit Petitionen an Zaren und Obrigkeit gewandt, so bombardierten sie jetzt ihre Abgeordneten mit Forderungen, deren Macht schätzten die Bauern oft als größer ein, als sie in Wirklichkeit war.

Stolypin wurde Ministerpräsident, die Regierung schaffte es, die unkoordinierten Aufstände und Unruhen nach und nach einzudämmen. Alle Dekrete wurden ohne Zustimmung der aufgelösten Duma als Notstandsgesetze vom Zaren und seiner Regierung in Kraft gesetzt. Das Dekret vom 9. November 1906 hob alle restlichen Ablösungszahlungen der Bauern auf, sie durften ab sofort die Dorfgemeinschaft verlassen, sofern eine Mehrheit der Obschina zustimmte. Der ausgetretene Bauer bekam seinen Landanteil als Eigentum. Stolypin legte das Dekret der zweiten Duma vor, aber bevor sie darüber abstimmen konnte, wurde auch sie wieder aufgelöst. Im neuen Wahlgesetz Stolypins fielen die wohlhabenden Bauern aus der Bauernkurie hinaus und wurden der Kurie der Grundbesitzer zugeschlagen. In der neuen dritten Duma stimmten Oktobristen und Reaktionäre den Landgesetzten zu. Ein Gesetz 1910 bestimmte, dass seit 1887 nicht mehr neu umverteiltes Bauernland als Privateigentum der Bauern anzusehen sei. Die sich selbstständig machenden Bauern konnten eine Arrondierung ihres Bodens verlangen und dabei ihr Haus und den Garten im Dorf behalten (Otrub) oder auf die zugeteilte Fläche außerhalb des Dorfes in einen Einzelhof (Chutor) umziehen.

Die Regierung ließ keinen Zweifel daran, dass das Ziel der Reformen die Schaffung einer neuen Klasse von selbstständigen Grundbesitzern war. Eine neue Schicht von Mittelbauern wurde geschaffen, die in den Dorfgemeinschaften Verbleibenden wurden nicht zu landlosen Proletariern. 1911 wurden die Möglichkeiten der Herauslösung aus der Dorfgemeinschaft noch einmal erleichtert. Die Obschina schien dem Untergang geweiht. Bis 1915 gingen bei den Behörden sechs Millionen Anträge auf eine Form der Landzuteilung ein, zwei Millionen wurden wieder zurück gezogen, zwei Millionen Haushalte, 15 Prozent der Bauernhaushalte, waren betroffen. 14) Bei der Mehrzahl der Anträge handelte es sich um den Übergang von kollektivem zu privatem Landbesitz. Die Finanzen der staatlichen Bauernbank wurden stark ausgeweitet. Die Bauernunruhen 1905 und 1906 führten zu einer Panik unter den adligen Grundbesitzern, 1905 bis 1915 gab der Adel 20 Prozent seines Landes ab, die Bauern erwarben etwa 9,8 Millionen Desjatinen. Insgesamt 1,3 Millionen Bauernhaushalte gründeten einen Einzelhof. 15)

Von den Befürwortern und Gegnern der Landreform wurde die Frage des Druckes auf die Einzelbauern unterschiedlich eingeschätzt. Der Widerstand der Bauern, die in der relativen Sicherheit der Obschina blieben, mag groß gewesen sein. Sicher wurden die Ausscheidewilligen von den Repräsentanten des Staates unterstützt. Wenn Dorfgemeinschaften sich der Privatisierung verweigerten, übten die Staatsgewalt Druck aus in Form von Verhandlungen bis hin zum Einsatz des Militärs. Die potentiellen Kulaken hinterließen Bitterkeit, manchmal mussten sie geschützt werden. Ein Viertel der Anträge auf Privatisierung wurde wieder zurück gezogen, das mag teilweise dem Widerstand der resistenten Mehrheit geschuldet sein. In nur einem Viertel der Gesuche stimmte die Obschina zu, der Rest musste über den Landeshauptmann durchgesetzt werden. Aber es waren nicht nur die Kulaken, welche auf eine Privatisierung drängten; es traten auch Kleinbauern aus, die ihr Land verkauften und ein neues Gewerbe anfingen oder emigrierten. Für wohlhabendere Bauern war es oft viel aussichtsreicher, in der Dorfgemeinschaft zu bleiben, um sie zu dominieren und ihr Vieh auf dem Gemeindeland zu weiden. Es scheint so, dass ein Teil der Mittelbauern der Privatisierung keinen Vorteil abzugewinnen schien. Die selbstständigen Bauern der Einzelhöfe galten unter den optimistischen Anhängern der Reform als Pioniere, die ihren Betrieb rationalisierten. Vom Nordwesten mit seinem höheren Anteil an Einzelhöfen bis im den Südwesten nahm der Grad der Intensivierung der Landwirtschaft deutlich ab. Hier fiel vor allem der Viehbestand unter den Aussiedlern. Die Kleinbauern hielten oft die Selbstständigkeit nicht lange durch und verproletarisierten. Der Sieg des Kapitalismus ging im Schneckentempo voran.

Tabelle 11: International durchschnittliche Erntemengen 16)
in Bushel pro Acre

Staat Ernte
Großbritannien 37,7
Deutschland 29,4
Frankreich 18,6
Kanada 16,8
Ungarn 16,3
USA 12,6
Russland 11,4
Spanien 10,6

Zwischen 1907 und 1914 gab es etwa 20.000 Bauernunruhen, 17.000 davon zwischen 1910 und 1914. Nur ein Zehntel richtete sich direkt gegen die politisch Herrschenden, die Hälfte waren Auseinandersetzungen mit den Grundherren und in zunehmendem Maße mit den Bauern, die die Landgemeinde verlassen wollten. Die Unruhen auf dem Land stiegen parallel zu den städtischen Konflikten ab 1912 an. Seit 1910 gab es eine Konjunktur der Wirtschaft, die Zahl der Arbeiter stieg um eine halbe Millionen. Stolypins Reform wird zur Proletarisierung von Bauern beigetragen haben, sie verstärkte die wirtschaftliche Entwicklung. Der Landhunger, sinkende Agrarlöhne, steigende Kosten der Lebensmittel und des Bodens, die Folgen der Missernte 1911 trafen zusammen mit der besseren Möglichkeit, als Arbeiter in den Städten mehr zu verdienen und relativ besser zu leben. Zwischen 1906 und 1913 stieg die Zahl der Fabriken auf dem Land um 26 Prozent an. 17) Die Bauern gingen wieder saisonweise oder vollständig in die Stadt, hatten noch recht engen Kontakt zu ihrem Dorf und zogen weitere Bauern nach. Während des Krieges wurde die Landreform gebremst und 1917 endgültig suspendiert.

Obwohl die Landreform wahrscheinlich eher ablehnend aufgenommen wurde, erkannten viele darin eine Chance zur Veränderung: Arme verließen das Dorf endgültig mit dem Geld für ihr Stück Land in der Tasche, allerdings ohne die Möglichkeit, bei Krisen aufs Dorf zurückkehren zu können; reiche Bauern hatten die Hoffnung auf einen eigenen Hof und selbstständig erarbeitete Vorteile. Auch für die in den Landkommunen gebliebenen gab es die Erwartung der Aufgabe der unproduktiven Dreifelder-, Streifenwirtschaft und einer Verbesserung der Mechanisierung. Die recht kurze Zeit der Reform bis zum Krieg lässt keine Rückschlüsse über den Erfolg oder Misserfolg zu, je nach dem Standpunkt des Autors wurde der positive oder negative Aspekt übertrieben. Stolypin hatte 20 Jahre Zeit für den Erfolg der Reform gefordert. Auf sein Leben wurden mehrere Anschläge verübt, 1912 wurde er von einem Sozialrevolutionär erschossen.

Mit der Industrialisierung stieg die Zahl der Lese- und Schreibfähigen auf dem Lande. Die von der Duma 1908 verabschiedete allgemeine Schulpflicht hatte keine praktischen Auswirkungen. Auf dem Land gab es vom Staat, der Kirche oder dem Semstwo getragene einklassige Grundschulen mit drei- bis vierjährigen Schulbesuch, Religion, Kirchenslawisch und Kirchengesang nahmen den Großteil des Unterrichtsinhalt ein. Wie in vielen sich entwickelnden Ländern war der Prozentsatz der Lese- und Schreibfähigen gering, man schätzte ihn 1910 auf 25 Prozent. 18) Die Schulen unterstanden dem Ministerium für Volksbildung und dem heiligen Synod.

Der Niedergang der Sozialrevolutionäre

Propaganda war die Hauptaktivität der Sozialrevolutionäre, mündliche und schriftliche Verbreitung der Ideen sowie die ‘Propaganda der Tat‘, Anschläge auf das Leben zaristischer Repräsentanten und Überfälle auf staatliche Institutionen. Der anwachsenden Konterrevolution versuchten die Sozialrevolutionäre mit verstärktem Terror zu begegnen. Terroristische Aktionen verlangten strikte Geheimhaltung, eine Vorbereitung durch eine Spezialgruppe ausgesuchter Aktivisten, Quartiere, Laboratorien und technische Kenntnisse zur Herstellung von Bomben. Das führte von Anfang an zur Verselbstständigung der terroristischen Tätigkeit. Die Mitgliedschaft der PSR sank auf 1.200 in der Hauptstadt ab. 19)

Bild 18: Jewno Asef
asef_jewno.jpg Die Taktik des Terrors verband sich aufs engste mit dem Wirken Jewno Asefs. Seit 1905 wurde sein Doppelspiel als Terrorchef und Ochrana-Agent zunehmend gefährlicher, andere Spitzel wurden entdeckt. Asef wurde von einem Mitarbeiter des neuen Innenministers Stolypin mit der Informationsbeschaffung über die revolutionären Parteien beauftragt. Ein erster Verdacht über seine Agententätigkeit kam auf, aber seine Stellung in der PSR-Führung war so stark, dass man den Informationen nicht glauben wollte oder zu glauben wagte. Hinweise auf Verrat gab es im ZK der PSR häufig, es ignorierte sie sträflich. Die Zuspitzung im Dezember 1905 veranlasste die PSR, zum politischen Terror zurück zu kehren, unter anderen sollte Innenminister Durnowo ermordet werden. Die Ochrana hatte die Kampforganisation längst unterwandert; im April 1906 gelang das Attentat, der Minister wurde nur leicht verletzt. Mehrmals wurde Asef vom Verdacht frei gesprochen, Doppelagent zu sein. Ende 1908 versammelten sich die führenden Sozialrevolutionäre unter erdrückender Beweislage, um über Asefs Schicksal zu entscheiden. Vier stimmten für seine sofortige Ermordung, die Mehrheit war dafür, ihm eine Chance zu geben. Tschernow und Sawinkow besuchten Asef zum Verhör, sie nahmen ihm das Versprechen ab, am nächsten Tag vor einem Parteigericht zu erscheinen. Der tauchte unter, der moralische Schaden für die Sozialrevolutionäre war enorm. Der Skandal beschäftigte auch die internationale Presse, Regierung und PSR waren die Betrogenen.

Eine Statistik aller von der PSR ausgeführten Anschläge zeigt, dass es 1902 bis 1911 222 Attentate gab, weitere 35 wurden nicht ausgeführt. 20) Erst als die Terrorwelle völlig diskreditiert war, nahm die PSR von den Attentaten Abstand. Bis zum Schluss fanden die Sozialrevolutionäre keine eindeutige Erklärung für den Verrat Asefs. Es war die Verherrlichung der Tat, das Pathos der Kameradschaftlichkeit, existentieller Nihilismus. Der Terror wurde gegenüber den Inhalten des Kampfes indifferent. Asefs Nachfolger organisierte die Ermordung Stolypins 1912. Wie dieser unterlag er der Isolation und einem elitären Kastengeist, der auf die übrigen Parteimitglieder hinab sah. Die Terroristen waren eine Versammlung von Verschwörern, deren Abstand zum Verbrechertum sich in dem Maße verringerte, wie sich ihre politische Isolation vergrößerte. Asefs Entlarvung brachte die Logik dieser Entwicklung an die Oberfläche, er selbst floh nach Deutschland und starb 1918 friedlich in seinem Bett.

Die Parteiführung mit Tschernow verhielt sich widersprüchlich und bemühte sich, die Reduktion revolutionärer Tätigkeit auf Terror und Barrikadenkampf der lokalen Organisationen einzuschränken. Aber sie verdammte ihre Kampftaktik nicht, konnte die alten Reflexe nicht über Bord werfen. Man hielt die Krise für eine organisatorische, nicht für eine politische. Doch die aktionistische Taktik wurde zunehmend unterdrückt, in den nichtrevolutionären Zeiten blieb die PSR ohne Konzept. Sie stand unter dem Druck der Maximalisten, deren Aktivität sich ab 1907 verstärkte, 1909 kam es zum Bruch mit ihnen. Nach dem Staatsstreich konnte die Ochrana in Petersburg und Moskau Versammlungen ausheben und die PSR durch Verhaftungen schwächen, die Welle der Festnahmen wuchs bedrohlich an. Das Desaster um Asef ließ viele der übrig gebliebenen Mitglieder an der Berechtigung des Terrors zweifeln. Ein rechter Flügel formierte sich, er wollte die legalen Möglichkeiten der Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften, Kooperativen usw. nützen. 1909 berief man zur Wiederaufrichtung der Partei nach Asef einen Parteirat im Exil ein, zu dem aber kaum noch Delegierte aus Russland kamen. Die Führung wurde scharf kritisiert wegen ihrer persönlichen Beziehungen zu Asef und der fehlenden Wachsamkeit. Eine neue Führung wurde gewählt, man konnte aber auf die Erfahrungen der langjährigen Führungsmitglieder nicht verzichten, sie blieben an der Spitze, was die Opposition von der PSR weg trieb.

Nach Aussage der ‘legalen Sozialrevolutionäre‘ hätten Industrialisierung und Modernisierung Russlands die Taktik der alten Narodnaja Wolja überholt, sie zu einem symbolischen Akt gemacht. Vor der Revolution habe sie weitgehende Unterstützung im Volk gehabt, was die Attentate 1904 und 1905 belegten. Diese Unterstützung seitens der liberalen Intelligenz sei verloren gegangen, Terror sei jetzt nicht mehr angebracht. Die Terroristen hatten gehofft, dass mit der Beseitigung der großen und kleinen Satrapen des Regimes auch die Herrschaftsbeziehungen getroffen sein würden. Die rechten Oppositionellen zogen den Schluss, dass Terror nur noch chaotische Zerstörung, aber keine politische Taktik mehr seien könne; die Mehrheit der Sozialrevolutionäre konnte sich zu diesem Schritt nicht durchringen.

Die Stolypinschen Reformen lösten die Dorfgemeinschaft langsam auf. Damit zersetzte sich auch die theoretische und politische Grundlage der PSR. Spätestens 1917 akzeptierte der rechte Flügel der PSR das bäuerliche Privateigentum, machte sich zu seinem Interessenvertreter und förderte die Spaltung mit den linken Sozialrevolutionären. 1908 vertraten die Rechten die Linie, ein aus der Dorfgemeinschaft ausgetretener Bauer könne weiterhin der PSR angehören, was die Mehrheit noch ablehnte. Die Zersetzung der Obschina ging langsamer voran, als sich die rechten Oppositionellen ausgerechnet hatten, sie näherten sich den Liberalen und Menschewisten an. Auch die Sozialdemokraten waren geschwächt, aber sie maßen der Organisationsfrage eine große Bedeutung zu und besaßen einen weitaus besseren Rückhalt in der Arbeiterklasse.

Die Fraktionierung der RSDRP

Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung brachte nicht nur die Sozialrevolutionäre auf die Idee, Waffenkäufe und organisatorische Aufgaben durch Überfälle auf Banken und Geldtransporte zu finanzieren, 1906 gab es hunderte von ‘Expropriationen‘, wie diese Geldbeschaffungen beschönigend genannt wurden, durch sozialrevolutionäre und sozialdemokratische Gruppen. Im Dezember 1905 überfiel ein bolschewistisches Kommando eine Vorortbank von Tiflis und erbeutete über 200.000 Rubel. Maxim Litwinow in der Schweiz kaufte von dem von Krassin gesandten Geld Waffen und ließ sie über Mazedonien, Bulgarien und das Schwarze Meer nach Russland schmuggeln. 1906 machten Sozialrevolutionäre und Bolschewiki eine Beute von jeweils einer Million Rubel bei Banküberfällen. Mit dem Wiedererstarken des zaristischen Repressionsapparates hörten diese Überfälle nicht auf, wurden aber immer weniger durchschaubar. Andererseits brachen den Parteien die Einnahmen weg, der Finanzbedarf blieb. Die Grauzone zur Kriminalität drohte die Parteien zu diskreditieren.

Die Menschewiki verzichteten schnell auf diese Form der Parteienfinanzierung. Sowohl der dritte als auch der vierte Parteitag der RSDRP verurteilten die Expropriationen, seit 1907 gab es immer wieder Vorwürfe gegen die Bolschewiki, Gelder aus den Expropriationen unzulässig verwendet zu haben. Für ihren technischen Apparat war Leonid Krassin verantwortlich. Besonders die Bolschewiki im Kaukasus waren bei den Überfällen aktiv. Der erfolgreichste Organisator war Kamo (Semjon Ter-Petrosjan), im Juni 1907 enteignete seine Gruppe eine Bank in Tiflis um 341.000 Rubel, die er an die Finanzkommission der Bolschewiki weitergab. Bestandteil der Beute waren allerdings 100.000 Rubel in registrierten 500er-Scheinen, die in Russland nicht umzutauschen waren. Krassin ließ das Geld nach Westeuropa schmuggeln, Im Januar wurden mehrere Agenten, darunter Litwinow und Kamo beim Versuch, die registrierten 500-Rubelscheine in Stockholm, Genf, München und Paris umzutauschen, verhaftet. Gleichzeitig wurde in Berlin ein Waffenlager und mit der Geldfälscherwerkstatt der Bolschewiki ausgehoben. Die Menschewiki forderten eine Untersuchung, mit Hilfe der SDKPiL wurde das verhindert. Durch den Bruch der Leninisten mit der Wjerpod-Gruppe drohte die Geheimhaltung aufgedeckt zu werden. Die Bolschewiki diskreditierten sich durch diese Aktivitäten. 21)

Legale Versuche an Geld zu kommen verliefen jetzt fast ebenso erfolglos. Der Vorwurf, Parteigelder veruntreut zu haben, trat vor allem im Zusammenhang mit der Schmittschen Erbschaft auf. Nikolai Schmitt, Neffe des Textilunternehmers Morosow, Unterstützer des Moskauer Aufstandes und Eigentümer einer Moskauer Möbelfabrik war 1907 im Alter von 23 Jahren unter mysteriösen Umständen im Gefängnis umgekommen. Als RSDRP-Mitglied hatte er die Bolschewiki mit Waffen und Geld unterstützt. Er vererbte sein Geld den Bolschewiki, seine Schwestern Jekaterina und Jelisabeta sollten das Vermögen den Bolschewiki übergeben. Jekaterina war die Frau eines menschewistischen Sympathisanten, die minderjährige Jelisabeta war mit einem Bolschewik liiert, ein ‘seriöser‘ Bolschewik adliger Herkunft willigte in eine fiktive Heirat mit ihr ein, um an das Erbe zu kommen. Dann verkomplizierte sich Lage im Kampf ums Geld: Die ältere Schwester weigerte sich zu zahlen, der Freund der jüngeren Schwester – auch Bolschewik - besuchte mit einer Kampfgruppe den fiktiven legalen Ehemann und wurde daraufhin beschuldigt, Polizeiprovokateur zu sein. Die Menschewiki forderten die Erbschaft für die gesamte Partei, auch die genaue Summe war umstritten. Die Affäre endete mit einem Kompromiss: Es gelang, 190.000 Rubel nach Paris zu transferieren. Es folgten jahrelange Prozesse. Dazu kam, dass auch Lenins innerparteiliche Gegner, Bogdanows Wjerpod-Gruppe, einen Anteil der Erbschaft forderte. 22)

Als 1910 die Möglichkeit einer Einigung der Partei bestand, einigte man sich mit der deutschen Partei, Kautsky, Zetkin und Mehring als Treuhänder einzusetzen. Lenin überwies daraufhin über 24.000 Mark auf ein deutsches Konto. 23) Die Perspektive der Parteieinheit zerschlug sich schnell, die deutschen Treuhänder gerieten zwischen die Fronten des russischen Parteistreits, alle Gruppen versuchten, auf die Treuhänder Einfluss zu nehmen.Es herrschte die Situation einer 'See im Wasserglas', wie ein deutscher Sozialdemokrat anmerkte. 24)

Bild 19: Karl Kautsky
kautsky_karl.jpg Die Zeit der Stolypinschen Reaktion war die eines starken Rückganges aller Arbeiterorganisationen. Die Unterdrückung führte zu Furcht, Desorientierung, Enttäuschung, Individualisierung, der Kampf um das eigene politische und ökonomische Überleben ersetzte die Solidarität. Die Arbeitslosigkeit stieg, die Löhne sanken, die Arbeitszeiten wurden erhöht. Alle potentiell oppositionellen Organisationen wurden von Spitzeln durchsetzt, Misstrauen zerstörte persönliche Beziehungen. Von den – sicher zu hoch gerechneten – 148.639 Mitgliedern der RSDRP 1907, den 25.000 des Bundes, den 39.500 Militanten der polnischen SDKPiL sowie den 13.000 Anhängern der Lettischen Sozialdemokratie LSD blieben 1910 noch 10.000 Sozialdemokraten und die 1.500 Mitglieder des Bundes übrig. 25) Die Massenorganisationen schrumpften auf einen harten Kern zusammen, der zusätzlich noch von Fraktionskämpfen erschüttert wurde. 26)

Die Bolschewiki litten unter der Repression stärker als ihre weniger aktiven Konkurrenten, andererseits fürchtete die Ochrana eine vereinte RSDRP und ließ die ‘Spalter‘ manchmal gewähren. Die Zahl ihrer Mitglieder in Petersburg hatte Anfang 1907 noch fast 7.000 betragen, 1910 schätze die Ochrana ihre Zahl auf 506. 27) In Petersburg wurde die Stadtführung sechs Mal verhaftet, das Gebietskomitee von Moskau elf Mal. Die alten Führer mussten durch weniger erfahrene Arbeiter ersetzt werden, erstmals waren die Parteikomitees vorwiegend mit Arbeitern besetzt, denn vor allem Intellektuelle zogen sich zurück. 28) Die Führer mussten ins Exil, als 1907 die militärische Organisation zerschlagen wurde, konnte sie nicht mehr aufgebaut werden. 1909 hörte auch das Stadtkomitee der Hauptstadt auf zu funktionieren, Bezirksgruppen gab es nur noch im Moskauer, Newa- und Wiborg-Bezirk. Verbindungen zu Soldaten bestanden nicht mehr, in einigen Fabriken konnten Kontakte aufrecht erhalten werden. Die Moskauer RSDRP fiel von 7.500 Mitgliedern in 1907 auf 400 im Jahr 1912. 29) Die Moskauer Partei wurde zeitweise von einem Provokateur der Ochrana geführt, Mitgliedsbeiträge gingen nicht mehr ein.

1907 gab es in Petersburg 61 Gewerkschaften mit 53.500 Mitgliedern, 1910 fiel die Zahl auf 12.000 Gewerkschaftler ab. 30) Die Regeln sahen rein ökonomische Unionen vor und verboten politische Einmischung, sie mussten vom Gouverneur, Bürgermeister, Polizeichef oder Staatsanwalt registriert werden, ein nationaler Zusammenschluss war verboten; Eisenbahnern, Bank- und Postangestellten oder Landarbeitern war das Koalitionsrecht grundsätzlich verwehrt. Viele Anhänger Bogdanows lehnten Gewerkschaftsarbeit grundsätzlich ab. Gewerkschaftler gerieten meist unter den Einfluss jenes Flügels der Menschewisten, die sich mit dieser unpolitischen Arbeit abfanden und von ihren Gegnern als ‘Liquidatoren‘ angegriffen wurden. 31) Ausnahmen bildeten der Führer der Petersburger Metallarbeiter-Gewerkschaft Malinowski oder Kanatschikow, Sekretär der Holzarbeiter-Gewerkschaft 1909. Einfluss hatten die Bolschewiki auch auf die Gewerkschaft der Textilarbeiter; es gab ein paar Gewerkschaftszeitungen.

Legale Kongresse fanden zu verschiedenen Themen statt. Gewerkschaften, Genossenschaften, Frauen, Abstinenzler, Volksuniversitäten oder Vereinigungen zur Bekämpfung der Prostitution konnten tagen, Menschewiki und Bolschewiki brachten ihre Positionen ein. Gegen die Schließung der Gewerkschaften der Druckereiarbeiter 1910 und der Metaller 1911 gab es eine Unterschriftenkampagne für deren Wiederzulassung, initiiert von den Menschewiki. 1912 unterzeichneten 14.000 Personen eine menschewistische Position für das Streikrecht.364 Den Zustand 1912 beschrieb ein Delegierter der Prager Konferenz:

“Wir waren nur kleine, zerstreute Gruppen und Zirkel mit losem Kontakt. Sogar in Städten wie Odessa, Kiew, Nikolajew, Saratow und Jekaterinoslaw zählten unsere Organisation nur 30, 40 oder manchmal 50 Mitglieder. Wir hatten keine Zeitschrift und kein Geld, hatten wenige Arbeiter und konnten keinen einzigen Intellektuellen zu unseren Mitgliedern zählen.“ 32)

Exilanten wie Lenin empfanden ihr Leben jetzt hundertmal schwerer als vor der Revolution, wie er an Gorki schrieb. 33) Lenin verglich die politische Lage mit der der deutschen Sozialdemokratie unter dem Sozialistengesetz 1878 bis 1890, konspirative Methoden seien mit legalen Methoden zu kombinieren. In Genf machten sich Lenin und seine Anhänger daran, die Führung im Exil aufzubauen. Mit der Zeitschrift Proletari (Proletarier), von der bis 1909 50 Nummern erschienen, versuchte man die Beziehungen nach Russland aufrecht zu erhalten, was nur sehr unzureichend gelang.

Ein Teil der Menschewiki zog aus der Niederlage den Schluss, die russische Sozialdemokratie solle jegliche verbotene politische Arbeit aufgeben und sich ausschließlich auf die legale Arbeit in Gewerkschaften, Genossenschaften, Bildungs- und Kulturorganisationen sowie auf die Arbeit in der Duma konzentrieren. Die RSDRP müsse sich ‘europäisieren‘ und zu einer reformistischen Partei wie in Europa umformen. Der prominenteste Vertreter dieses Flügels war Alexander Potressow, der Mitstreiter Martows und Lenins beim Aufbau der Iskra. In Petersburg war die Zeitschrift Nascha Sarja (Unsere Morgenröte) 1910 bis 1914 Organ dieser Tendenz. Von ihren Gegnern wurde diese heftig bekämpft und als ‘Liquidatoren‘ denunziert, ihr Ziel sei es, eine legale ‘Stolypinsche‘ Arbeiterpartei schaffen.

Die Menschewiki konnten 1908 bis 1912 in Genf und Paris die Redaktion der Zeitschrift Golos Sozial- Demokrata (Stimme der Sozialdemokratie) einrichten. Uneinig waren sie über die ihre Haltung 1905 bis 1907: Die Revolution sei bürgerlich gewesen, Lenins Konzeption der Einheit von Arbeiter und Bauern falsch. Stolypins Staatsstreich habe zu einer Diktatur der Staatsbürokratie mit den Grundbesitzern geführt und die Bourgeoisie in die Opposition getrieben. Martow und Dan argumentierten, es werde eine neue revolutionäre Krise mit den Industriellen als Führern geben. Die Aufgabe der Sozialdemokratie sei es, als unabhängige Kraft die Bourgeoisie nach links zu treiben. 34) Legale und illegale Arbeit müssten kombiniert werden. Das vertrat auch Lenin. Während Martow die legale Arbeit favorisierte, stellte Lenin die illegale Parteiarbeit in den Vordergrund. Martows Parteifreunde mussten ständig zwischen den Liquidatoren und den bolschewistischen Fraktionen lavieren. 35) Sie führten ihre fraktionellen Auseinandersetzungen eher vorsichtig, um nicht noch mehr Mitglieder zu verlieren. In Petersburg verschwand der menschewistische Parteiapparat bis 1910 völlig von der Bildfläche, die Führer waren im Exil, die Mitglieder konzentrierten sich auf die legale Arbeit. 36)

Auch im Bund stritten Anhänger der ‘Liquidatoren‘ mit ihren Gegnern, die Liquidatoren wollten die Durchsetzung der jiddischen Sprache als Unterrichts- und Amtssprache erreichen. Die Wiener Konferenz des Bundes 1912 zeigte, dass er sich seit seiner Gründung sehr gemäßigt hatte. Der Kampf gegen die Autokratie wurde fortgeführt, aber sein Marxismus nahm deutlich weniger radikale Formen an. Der Rechenschaftsbericht beschrieb die Integration der Partei in die kulturellen und lokalen Institutionen. Die Opposition gegen die klerikalen Tendenzen des jüdischen Lebens blieb bestehen, der Kampf um die säkularen – nicht-religiösen – Schulen wurde fortgeführt. Es gab acht legale und 55 illegale Berufsorganisationen, die Gewerkschaft der Bürstenmacher hatte wieder 3.000 Mitglieder. 37)

Unter Ber Borochow bildete sich Poale Zion 1906 zu einer Partei um, ihre Mitglieder gab sie mit 16.000 an. 38) 1907 gründete sich die Bewegung auf internationaler Ebene. Die Arbeiter sollten erst für ihre nationale und danach für ihre soziale Befreiung kämpfen. Für die Juden könne das Ziel weder die Assimilation noch die Emanzipation sein, es könne nur in einem eigenen Staat Eretz Israel liegen. Hier werde das jüdische Proletariat einen Klassenkampf wie in einem normalen bürgerlichen Staat führen und eine arbeitende Bevölkerung auf dem Lande bilden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Zionisten sah Borochow das Problem der palästinensischen Bauern und Landarbeiter, dank der Arbeiter-Zionisten erhoffte er sich ‘normale‘ Beziehungen zu ihnen.

Bei der Wahl zur Stolypinschen dritten Duma im September 1907 waren die Bolschewiki Petersburgs für einen Wahlboykott, Lenin stimmte für die Wahlbeteiligung und erreichte mit Hilfe der menschewistischen Delegierten auf einer Petersburger Regionalkonferenz und der nationalen Konferenz in Kotka eine Mehrheit. 39) Die Beteiligung in der Arbeiterkurie war gering, 19 Sozialdemokraten, davon vier Bolschewiki, wurden gewählt. 40) Die in die Duma gewählten Sozialdemokraten beschlossen, sich nicht von den Entscheidungen des ZK der RSDRP binden zu lassen. Der linke Flügel der Bolschewiki um Alexandr Bogdanow verlangte die Unterordnung der Fraktion unter die Parteibeschlüsse, die revolutionäre Arbeit außerhalb der Duma müsse fortgeführt werden. Die Duma könne nicht in ein Instrument der Revolution umgewandelt werden, für Bogdanow und seine Anhänger war die Situation 1908 in Russland weiterhin revolutionär. Sie stellten die Forderung auf, die Dumafraktion müsse wegen ihrer opportunistischen Haltung zurück gerufen werden. Nach dem russischen Wort für Abberufen wurde diese Gruppe ‘Otsowisten‘ genannt. 41) Im Mai 1908 erklärte sich die Mehrheit einer bolschewistischen Konferenz für die Anschauungen Lenins gegen die Otsowisten.

Bild 20: Aleksandr Bogbanow
bogdanow_alexander.jpg Zu den politischen kamen philosophische Differenzen. Bogdanow war Kantianer und Anhänger des österreichischen Philosophen Ernst Mach. Ursprünglich hatte man Neutralität in philosophischen Fragen vereinbart, doch diese theoretischen Auseinandersetzungen vermischten sich schnell mit politischen Differenzen. Neben Bogdanow entwickelte Anatoli Lunatscharski das sogenannte ‘Gottesbildnertum‘. Sie bildeten eine Fraktion der ‘Bolschewistischen Linken‘ mit Gorki, Krassin und Alexinski als prominenten Vertretern und gründeten 1910 die Zeitschrift Wperjod (Vorwärts). Gorki war als Finanzier und Spürhund für Schmuggelrouten nach Russland sehr wichtig. Er organisierte den Transport der Literatur über die russischen Schwarzmeerhäfen, Krassin leitete die Untergrundarbeit in Russland. 42)

Mach nannte sich einen Sozialdemokraten, aber Marx‘ und Engels‘ Theorien waren seinen Arbeiten völlig entgegen gesetzt. Bogdanow betonte, Marxisten könnten viel von Mach lernen, sein Positivismus sei eine nützliche Waffe gegen Idealismus und Religion. Marx stelle pessimistische und deterministische Prognosen, dem müsse man Optimismus und Aktion gegenüber stellen. Marx arbeite mit Hypothesen und Daten, Ideen würden alle Erfahrungen umwerfen. 43) Die Welt bestehe aus den menschlichen Gefühlen und Erfahrungen, Wissen und Hypothesen hätten den gleichen Einfluss auf die Welt wie die materiellen Kräfte. Der Schlüssel der Revolution sei ein kollektiver Mythos.

Lunatscharski wollte einen ‘religiösen Atheismus‘ schaffen, mit dem das Proletariat sein Ja zum Leben sagen werde. Das Gottbildnertum könne nach der Revolution eine proletarische Kultur schaffen, denn es sei ‘Humanität in höchster Potenz‘. Um die Jahrhundertwende war eine Gruppe mit dem Namen ‘Gottsucher‘ entstanden, sie wollte Revolution und Religion versöhnen. Bald kam es zu einer Spaltung, die ‘Radikalen‘ stellten sich die Aufgabe, sie wollten den Marxismus vergeistigen und Gott nicht mehr suchen, sondern ihn schaffen, bauen. Die ‘Sucher‘ standen in der traditionellen Vorstellung des Christentums, sie suchten nach einem ‘Dritten Testament‘. Für die Gottesbauer existierte Gott noch nicht, die gemeinschaftliche Anstrengung der Menschheit sollte einen höchsten sozialen und sozialistischen Gott aufstellen. 44) Lunatscharski:

“Der Mensch braucht Gott nicht… Der Mensch selbst ist Gott… Er braucht keine persönliche Unsterblichkeit, denn seine Unsterblichkeit besteht im Leben seiner Spezies und seine Hoffnung in den endgültigen Sieg des Lebens über tote Materie. 45)

Für das Individuum komme die Überwindung des Todes durch die Menschheit als Kollektiv, der Sieg über den Tod sei so möglich. Wie Kautsky sah er im frühen Christentum einen frühen Kommunismus, Bogdanow setze die philosophische Tradition des Marxismus als einziger Marxist fort. 1909 schrieb Bogdanow sein Essay ‘Die Philosophie des Kollektivismus‘, der Kollektivismus sei die echte Philosophie des Marxismus, sobald die Arbeiterklasse in einer Partei und Gewerkschaft organisiert sei. Das bürgerliche ‘Ich‘ werde durch das proletarische ‘Wir‘ abgelöst, ausgedrückt in proletarischer Psychologie, proletarischem Bewusstsein und proletarischer Moral. 46) Zur Schaffung des ‘neuen Menschen‘ planten sie, Parteischulen zur Begründung einer proletarischen Kultur zu schaffen.

Die Gottesbildner hatten in der niedergehenden bolschewistischen Organisation 1908 Anhang in der Moskauer Organisation. Kamenew und Swerdlow unterstützten zeitweise Bogdanow, ebenso der junge Bucharin. Kautsky nahm eine neutrale Haltung ein, der Machismus sei ‘ein seriöser sozialistischer Standpunkt‘. 47)

Lenin war von der seiner Meinung nach Revision des Marxismus so alarmiert, dass er für Monate nach London ging, um in der British Library Argumente gegen Bogdanows Theorien zu sammeln. Lenins ‘Materialismus und Empirokritizismus’, im September 1908 erschienen, war ein Angriff auf den Relativismus und den Idealismus im Namen des orthodoxen Marxismus. Für den informierten Leser war es ein politischer Angriff auf Bogdanow und seine Anhänger Lunatscharski und Gorki. Doch Rosa Luxemburg qualifizierte dieses Buch als ‘tatarisch-mongolische Wildheit‘. 48) Lenins Buch blieb bis Anfang der zwanziger Jahre, als die Frage des Proletkults auf der Agenda stand, vergessen. 49)

Bogdanow trat im Juni 1908 aus der Redaktion des Proletari zurück, im August wurden er und Krassin aus der bolschewistischen Führung und der Finanzkommission ausgeschlossen, im Sommer 1909 auch aus der bolschewistischen Fraktion. Während sich Krassin aus der Politik zurückzog und nach Berlin als Ingenieur zu Siemens ging, gründeten Bogdanow und Lunatscharski Wperjod, sie wollten die bolschewistische Tradition von 1904 weiterführen, die von Lenin verraten worden sei. 50) Auf die fünfte Parteikonferenz der RSDRP im Dezember 1908 kamen nur fünf bolschewistische Delegierte aus Russland statt der erwarteten zehn, drei von ihnen waren Otsowisten. Bei der Auseinandersetzung mit Bogdanow und Lunatscharski erhielt Lenin Unterstützung von den Menschewiki. Martow bezeichnete Lunatscharskis Theorie einer sozialistischen Religion als reaktionäre Abweichung und einen vollständigen Bruch mit den marxistischen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus. Plechanow assistierte, erst hätten Lunatscharski und Gorki Gott als eine Fiktion bezeichnet, nun sei die kollektive Menschheit der neue Gott; die Revolte gegen den Marxismus sei eine Hinwendung zum revolutionären Syndikalismus, die illegitime Tochter des Anarchismus. 51)

Bild 21: Lenin und Bogdanow spielen Schach
auf Capri, im Hintergrund Maxim Gorki

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1909 eröffneten die Anhänger Bogdanows eine Parteischule auf Capri. Sie waren zwar noch nicht in der Lage, einen neuen Menschen zu schaffen, aber Arbeitergenossen sollten sich mit Theorie und Untergrundpraxis bewaffnen und sie dann in Russland einsetzen. Gorki finanzierte das Unternehmen. Trotzki warnte aus Wien, man könne keine Führer im Laboratorium herstellen. 13 Studenten aus Russland kamen über Wien, wo Trotzki ihnen die Museen zeigte. Im August waren sie in Capri und stellten fest, dass die Bolschewiki gespalten waren. Die ‘erste höhere sozialdemokratische Schule für Arbeiter‘ wurde eröffnet. Bogdanow, Gorki, Lunatscharski und andere unterrichteten sie; sie studierten am Vormittag, hörten Vorlesungen am Nachmittag und lernten am Abend illegale Aktivitäten. Bogdanow unterrichtete Marxismus, Gorki und Lunatscharski brachten ihnen bei, Diskussionen zu führen. Dazu kamen Vorlesungen zur Geschichte der RSDRP und Russlands. Die Studenten wollten Lenin hören, aber dazu hätten sie nach Paris reisen müssen. Die Parteischule in Capri war von Anfang an in der Partei umstritten. Lenin lud sie ein, er sah die Schule als Fraktionsorganisation. Als fünf Schüler den Besuch bei Lenin planten, schloss Bogdanow sie aus der Schule aus. Im Dezember reisten Bogdanow und Lunatscharski nach Paris und brachen mit Gorki, sie erklärten die Gründung einer neuen Fraktion um Wperjod. Lenin betonte, der Bruch mit den ‘Kollektivisten‘ sei nicht weniger tief als der mit den Menschewiki.

Einigungsversuch 1910

Die Auseinandersetzung zwischen Bolschewiki und Menschewiki, die Spaltung der Bolschewiki in Lenin- und Bogdanow-Anhänger stießen bei Menschewisten und Bolschewisten auf Widerstand und erzeugten eine heftige Gegenreaktion hin zur Parteieinheit. Im Dezember 1908 gründete auf dem Flügel der Menschewiki Plechanow seine eigene Gruppe, die ‘Partei-Menschewiki‘ genannt wurden und legale wie illegale Arbeit miteinander verbinden wollten – wie Lenins Fraktion bei den Bolschewiki. Im Lager der Bolschewiki entwickelte sich eine Gruppierung, die ‘Versöhnler‘ genannt wurden. Rykow, Sokolnikow, Losowski u.a. schlossen ein Bündnis mit Plechanows Partei-Menschewiki und setzten gegen die Leninisten eine Resolution zur Zusammenarbeit mit den Menschewiki durch. 1910 gründeten Bolschewiki und Partei- Menschewiki in Petersburg die legale Swesda (Stern), Lenin schrieb für jede Ausgabe einen Artikel.

Trotzki in Wien nahm eine besondere Stellung ein. Er hielt sich von Menschewiki wie Bolschewiki fern und stellte sich außerhalb der Fraktionen. Seine Zeitschrift Prawda (Wahrheit) wurde von Joffe und Skobelew, dem Sohn eines Ölmagnaten und späteren Arbeitsministers der Provisorischen Regierung, finanziert, sie erschien 1908 bis 1912 und war nicht wie die Zentralorgane Golos Sozial-Demokrata und Proletari mit Polemiken gegen die gegnerischen Fraktionen gefüllt; sie pflegte einen verständlichen, populären Stil, vertrat die Position der Parteieinigung. Die Wiener Prawda hatte mit einer Auflage von 30.000 bis 40.000 Exemplaren eine weitere Verbreitung als die Konkurrenzblätter, 500 bis 1.000 Exemplare kamen bis Petersburg durch und wurden dort auch von den Bolschewiki verbreitet.

Diese sieben Fraktionen und Tendenzen der RSDRP 1910 bekämpften sich heftig, sie standen gleichzeitig unter dem Druck vor allem der Basis in Russland und der Zweiten Internationale, die auf eine Einigung drängten. Sicher waren die Differenzen zwischen Menschewiki-Liquidatoren, Bolschewiki-Leninisten und der Wjerpod-Gruppe kaum vereinbar, aber zwischen dem menschewistischen Zentrum (Martow/Dan), den Partei-Menschewiki (Plechanow), den bolschewistischen Versöhnlern (Rykow/Sokolnikow), dem bolschewistischen Zentrum (Lenin) und Trotzkis Prawda gab es immer wieder Versuche der Annäherung, auch mit dem Gedanken, die eigene Fraktion auf Kosten einer anderen zu stärken.

Lenin glaubte von der Spaltung der Menschewiki zu profitieren. Lenins Mitarbeiter Sinowjew und Kamenew schlugen einen versöhnlerischen Kurs ein. Golos Sozial-Demokrata nutzte das aus, sie bereitete die Plenartagung des ZK der RSDRP von Januar 1910 vor, glaubten aber auch nicht an eine Versöhnung mit Lenin, sie wollten Lenin durch eine Einheitsfront gegen ihn isolieren. Die Bolschewiki hatten einen Antrag angenommen, Kontakt zu Trotzkis Prawda aufzunehmen, Martow und Dan sahen voraus, dass Trotzki eine Position der Vermittlung einnehmen würde. Unter dem Druck stimmte Lenin schließlich der Einigungskonferenz zu. Am Plenum nahmen 14 stimmberechtigte Mitglieder teil, die 1907 auf dem Londoner Parteitag gewählt worden waren: vier Bolschewiki, vier Menschewiki, je zwei SDKPiL- und Bund-Vertreter, ein Mitglied der LSD und eins von Wperjod. Beratende Stimmen hatten Lenin, Martow, Trotzki, Kamenew und Bogdanow. 52) Plechanows Partei-Menschewiki waren als einzige Gruppe nicht vertreten. Da auch die polnischen Vertreter zu den Versöhnlern neigten, war Lenin auf der Tagung relativ isoliert.

Trotzki bot sich als Vermittler an, er hatte auch im Lager der Bolschewiki Resonanz. Ihm stand Jogiches zur Seite. Was möglich schien war ein Kompromiss, der die organisatorische Lähmung der RSDRP lindern konnte. Lenin erklärte sich bereit, die Schmidt-Erbschaft in den Fonds der Gesamtpartei einzubringen. Die Konferenz einigte sich nur auf die Abhaltung einer weiteren Konferenz und die Bildung einer Inlandsleitung, deren Mitglieder aber nicht benannt werden konnten. Die Redaktion des Zentralorgans Sozial-Demokrat sollte aus Lenin und Sinowjew, Martow und Dan sowie Warski als Moderator bestehen. Die Auflösung der Fraktionen wurde formell beschlossen, Lenin stellte Proletari ein und löste seine Fraktion auf, das Geld überwies er an die deutschen Treuhänder. Er erfüllte also alle Bedingungen der Einheit.

Sehr schnell brach das Abkommen wieder, da die Menschewiki Martow und Dan in der Redaktion des Sozial-Demokrat in die Minderheit gerieten. Golos Sozial-Demokrata erschien weiter, ebenso Bogdanows Wperjod. Als Trotzki die Aufforderung der Bolschewiki auf Verurteilung des menschewistischen Zentrum ablehnte, war die Einheit gescheitert, ja die Differenzen vertieften sich noch mehr. In den nächsten Monaten versuchten die Fraktionen vergeblich, auf die deutsche Partei und die Treuhänder Einfluss zu nehmen. Lenin verlangte die Rückzahlung des an die deutschen Treuhänder überwiesenen Geldes. Unter dem Druck der russischen Fraktionen, deren Taktiken und Winkelzüge sie nicht mehr durchschauten, resignierten Kautsky, Mehring und Zetkin und traten von ihrer Funktion als Treuhänder zurück. Immerhin konnte Lenin 1911 die Summe von 13.000 Rubel zurück bekommen. 53) Die ZK-Tagung 1910 war die letzte gemeinsame Konferenz der russischen Sozialdemokratie.

Prager und Wiener Konferenz 1912

1910/1911 belebte sich die Wirtschaft wieder, in Russland wuchs die Zahl der Streikenden, zu Tolstois Beerdigung gab es Straßendemonstrationen. 1912 war der wirtschaftliche und politische Aufschwung deutlich fühlbar, in Riga gab es Straßenkämpfe, die Arbeiter forderten wieder Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen, Unternehmer und Polizei reagierten mit Aussperrungen und Repression. Die Arbeiter stellten jetzt politische Forderungen und machten Sympathiestreiks. Die Goldfelder an der Lena in Sibirien gehörten zu den größten der Welt. Im Februar 1912 brach ein Streik aus über Löhne und Arbeitsbedingungen, der Führer des Streikkomitees war Bolschewik. Die Regierung schickte Truppen, die Soldaten gerieten angesichts der Menge der Arbeiter in Panik, schossen, töteten 270 Arbeiter und verwundeten weitere 250. Das Echo des Streiks brachte nach fünf Jahren Defensive die Stimmung der Arbeiter zum Sieden. Am 7./8. April gab es in den Fabriken Petersburgs Protestversammlungen, eine Woche später streikten hier 140.000 Arbeiter und 70.000 in Moskau. Die Streikwelle breitete sich aufs ganze Reich aus. Am 1.Mai demonstrierten 400.000, in Petersburg gab es über tausend Streiks, mehr als 1905. Damals hatten die Arbeiter noch Bittprozessionen zum Zaren gemacht, jetzt war ihre Parole: “Nieder mit dem Zaren!“. Die Bewegung sprang auf die Studenten über, dann auf die Truppe. Einen zweiten Solidaritätsstreik gab es Ende Oktober 1912 gegen das Todesurteil für 17 Matrosen der Schwarzmeerflotte wegen einer Meuterei. 54) Swesda tat viel für die Verbreiterung der Forderungen, sie veröffentlichte 218 Proteste gegen die zaristische Repression. 55)

Im Exil eröffneten Bogdanow und seine Fraktion 1910 eine neue Parteischule in der Volksuniversität Garibaldi in Bologna, finanziert aus einem Banküberfall im Ural. Die Ochrana war bestens informiert und verhaftete zurückkehrende Teilnehmer. Im November 1910 kamen 17 Studenten aus Russland. an. Organisatorisch war die Schule ein Chaos, die Diskussionen wurden zu Fraktionskämpfen. Die Schaffung einer antileninistischen bolschewistischen Fraktion misslang völlig. Lenin schlug den Studenten der Parteischule vor, nach Paris zu kommen und eine bessere Ausbildung in marxistischer Theorie zu bekommen. Nachdem das Auslandskomitee der Bolschewiki Geld bewilligt hatte, nahmen im Juli und August 1911 18 Teilnehmer an der Parteischule in Longjumeau bei Paris teil, zehn von ihnen waren aus Bologna gekommen, zwei waren Spitzel der Ochrana. Die Räumlichkeiten in einer Schmiedewerkstatt waren spartanisch. Es gab 147 Vorlesungen, Lenin hielt 56, Sinowjew, Kamenew, Rjasanow, sogar Lunatscharski bestritten die anderen Seminare. 56)

Sie fingen zweieinhalb Monate täglich um acht Uhr mit einem eineinhalb- stündigen Referat Lenins an, gefolgt von einer Diskussion. Nach der Mittagspause folgte ein zweites Referat über die Geschichte der Arbeiterbewegung Westeuropas, juristische Fragen und Literatur. Manchmal setzten sich die Kurse auch nach dem Abendessen fort. Am Sonntag gab es Ausflüge nach Paris oder in die Umgebung.57) Redner wurden geschult, dabei nahmen die Kursleiter die Rollen der Gegner ein und unterbrachen die Vortragenden durch Zwischenrufe; das Schreiben von Artikeln wurde erlernt. So sollten die Kursanten für die Untergrundaktivität in Russland geschult werden. Die Schüler beschwerten sich später, dass alle Parteischulen stark für die fraktionellen Auseinandersetzungen genutzt worden seien.

Die Wperjod-Fraktion zeigte Auflösungserscheinungen, 1913 verließ Lunatscharski die Fraktion endgültig, im Juli 1913 wurde die Zeitschrift eingestellt. Lenin und Gorki kamen sich wieder näher. Gorki lud Lenin nach Capri ein, im Gegensatz zu 1908 war das Verhältnis jetzt besser. Gorki überließ die Politik Lenin, er war ihrer müde. Lenin konnte wieder auf die finanziellen Ressourcen des Literaten rechnen.

Nach der Rückkehr der zehn Arbeiter-Studenten nach Russland setzten die sich vor allem für die Leninfraktion ein. Ein russisches Organisationskomitee um Grigori Ordschonikidse wurde geschaffen. Obwohl das Organisationskomitee auf schwachen Füßen stand, war Lenin in Russland stärker als die anderen Fraktionen. Im Dezember 1911 konnte Lenin seine Anhänger in einem Auslandskomitee der RSDRP zusammen fassen. Ungetrübt war die Freude des Leninistischen Zentrums nicht, denn die Parteileitung in Russland um Rykow zeigte bald versöhnlerische Tendenzen.

Im Januar 1912 lud Lenin nach Prag zu einer bolschewistischen ‘Wiederbelebungskonferenz‘ ein. 14 Delegiere kamen, zwei davon Partei-Menschewisten, acht Teilnehmer der Parteischule in Longjumeau beteiligten sich. Zum ersten Mal traf Lenin auf Malinowski, der ohne ein Mandat der Moskauer Parteiorganisation erschienen war. 20 Komitees aus der russischen Partei waren vertreten, was von den Gegnern angefochten wurde, andere boykottierten die Konferenz. Auf der Prager Konferenz tauchte eine neue Generation von bolschewistischen Arbeitern wie Malinowski und Ordshonikidse auf, die an der Revolution 1905 nicht beteiligt gewesen waren. Die Delegierten wählten ein neues siebenköpfiges ZK aus einem Menschewiken, Lenin, Ordschonikidse, Sinowjew, Spandarian, Goloschchekin und Malinowski, wobei Lenin die Delegierten drängte, Malinowski zu wählen, ihn müsse man auch in die Duma bringen. Das Parteiorgan Sozialdemokrat bekam Lenin, Sinowjew und Kamenew als Redakteure. Die Konferenz schloss die Menschewiki-Liquidatoren aus der Partei aus. Später wird die Prager Konferenz als Geburtsstunde der bolschewistischen Partei bezeichnet, aber nur die Menschewiki-Liquidatoren wurden ausgeschlossen, den übrigen Menschewiki stand die Partei offen. Die Prager Parteikonferenz war bedeutend, da sie das bolschewistische ZK, die Reaktion der Parteizeitung und die Verbindungen nach Russland wieder herstellten, was zur Gründung der Petersburger Prawda führte.

Die anderen Fraktionen der RSDRP lehnten die Prager Konferenz ab, Trotzki stellte die Parole ‘ein einziges Proletariat, eine einzige Partei‘ auf und organisierte den ‘Augustblock‘ gegen die Bolschewiki, Lenin griff ihn dafür an. Trotzki rechtfertigte sich später, er sei den Bolschewiki nach ihrer politischen Orientierung damals näher gewesen, habe aber das ‘Regime‘ Lenins abgelehnt, er habe damals nicht verstanden, dass eine zentralisierte Partei für die Revolution unverzichtbar sei. 58) Ein innerparteilicher Kritiker beschuldigte Lenin, er sei

“…ein politischer Jesuit, der den Marxismus nach seiner Art manipuliere und ihn für seine vorübergehenden Ziele benutze… Die Leninisten sind keine politische Gruppe, sondern ein schreiendes Zigeunerlager. Sie lieben es, die Peitsche zu schwingen und glauben, dass sie das unumstrittene Recht hätten, die Führer der Arbeiterklasse zu werden.“ 59)

Die Spaltung von 1912 skandalisierte die Führer der Sozialistischen Internationale, die die russischen Spaltungen bisher für eine russische Besonderheit und persönliche Streitereien gehalten hatten. In einem Brief an die Führung der SPD rechtfertigte Lenin die Spaltung als Ausdruck der tiefen Differenzen mit den Liquidatoren, die eine legale Partei in Russland schaffen und so die illegale Partei liquidieren wollten, was nicht mal die Kadetten schafften. Es seien also die Liquidatoren, die die Partei spalteten. Rosa Luxemburg war eine der schärfsten Kritikerinnen Lenins, für sie war die Einheit der Sozialisten die Voraussetzung der Einheit der Arbeiter im Kampf gegen die Bourgeoisie und ihren Staat und sie brach die Beziehungen mit den Bolschewiki ab. Hintergrund der Auseinandersetzung war die Spaltung der SDKPiL: In der Zeit der Konterrevolution hatte sich deren Parteiführung wieder mehr auf die Exilführung um Jogiches in Berlin verlagert. Die Differenzen zwischen Jogiches und der Inlandspartei weiteten sich zur Bildung einer Opposition aus, die ein engeres Bündnis mit der PPS-Lewica forderte, die wiederum den Menschewiki nahe stand. Die Führer der SDKPiL in Warschau Malecki, Ganetzki und Radek solidarisierten sich mit Lenin. Luxemburg bezeichnete Lenin in einem Brief an die Internationale als ‘Spaltungs-Fanatiker‘. In einem Brief an eine dänische sozialdemokratische Zeitung schrieb sie:

“Diese Fraktion hat in Russland die Spaltung der Arbeiterpartei herbei geführt und ein fiktives Zentralkomitee gegründet, das niemand anerkennt und hartnäckig alle Bemühungen um die Einheit scheitern lassen. Sie hat die Bewegung für die Partei an den Rand des Abgrundes geführt… Sie versucht systematisch in der polnischen Sozialdemokratie die Spaltung durchzuführen, die sie in der russischen Partei praktiziert…“

Lenin unterstütze blind die Ausgeschlossenen in Warschau,

„…um sich dafür zu rächen, dass die polnische Sozialdemokratie mit allen Kräften die Spaltungspolitik in Russland bekämpft.“60)

Als Reaktion auf die Prager Konferenz der Bolschewiki bemühten sich vor allem Martow und Trotzki, eine eigene Konferenz einzuberufen; im August 1912 konnten sie in Wien stattfinden. Die nationalen Organisationen Bund, LSD, der kaukasische Landesverband und ein ukrainisches Auslandkomitee, die Spilka, waren vertreten, als Gäste noch die PPS-Lewica und eine sozialdemokratische litauische Gruppe. Von den 18 Delegierten aus Russland hatten die nationalen Organisationen allein zwölf Vertreter. Nur sechs russische Parteimitglieder kamen: zwei Petersburger ‘Liquidatoren‘, zwei bolschewistische Versöhnler aus Moskau und Krasnojarsk – der Moskauer war wieder Ochrana-Informant – und ein menschewistischer Delegierter der Matrosen der Schwarzmeerflotte aus Sewastopol. 61) Angesichts der dürftigen russischen Vertretung verzichtete man darauf, sich Vertretung der Gesamtpartei zu nennen. Man konnte sich nur auf eine ‘Kautschukresolution‘ einigen. Die Konferenz war das Werk der Auslandsorganisationen, des Versuches von Trotzkis und Martows Gruppen, sich mit den nationalen Organisationen zu verbinden. Besonders zum Vertreter des Wperjod gab es starke Differenzen. Einig war man sich nur im Anti-Leninismus. Wichtig war, die Einigungsbestrebungen gegenüber den deutschen Sozialdemokraten zu demonstrieren. Die Konferenz bildete ein Organisationskomitee mit der Aufgabe, die RSDRP wieder zu vereinen. Dieser ‘Augustblock‘ zerfiel so schnell, wie er zusammen gezimmert worden war. Die Spaltung der RSDRP war tiefer denn je.

Die Prawda als kollektiver Organisator

Die Prager Konferenz hatte beschlossen, in Petersburg eine legale Tageszeitung herauszugeben, die von den Spenden der Arbeiter finanziert werden sollte. Ein Fabrikbesitzer spendete die Anschubfinanzierung von 3.000 Rubeln, die Prawda (Wahrheit) erschien in Petersburg vom 22. April 1912 bis 5. Juni 1913, danach bis zum Kriegsausbruch unter unterschiedlichen Namen und mit insgesamt 355 Nummern. Sie begann mit einer Auflage von 60.000 Exemplaren, in den Betrieben gab es Arbeiterkorrespondenten, im ersten Jahr bekam die Redaktion 5.000 Zuschriften aus den Betrieben, 1913 bis 1914 7.874 Arbeiterkorrespondenzen. Die Prawda war ein wahrer Organisator, eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter. Sie hatte die Aufmerksamkeit der Zensur, 17 Prozent aller Ausgaben wurden 1912 beschlagnahmt, von Mai bis Juni 1913 40 Prozent, Juli bis September 1913 80 Prozent. Es erschienen Ersatzausgaben unter verschiedenen Namen, ständig kämpften die Herausgeber um die Existenz der Tageszeitung, unterstützt von Arbeitern, 1912 von 620 und 1913 von 2.181 Arbeitergruppen. Bald hatte sie eine Auflage von 23.000, dann stieg sie auf 30- bis 32.000, 40- bis 42.000 sonntags. Im Sommer hatte sie 5.501 Abonnenten, gleichzeitig stieg die Mitgliedszahl der Bolschewiki auf 30- bis 50.000 im September 1913. 62)

Sechs Monate später konnten die Menschewiki mit ihrer Tageszeitung Lutsch (Der Strahl) nachziehen. Lutsch konnte nie die Bedeutung der Prawda erreichen, sie hatte weniger Arbeiterkorrespondenzen und erreichte anfangs nur eine Auflage von 5- bis 6.000. 63) Vor Kriegsausbruch hatten die beiden Tageszeitungen 40.000 bzw. 15- bis 17.000 Exemplare, 2.800 und 1.005 Abonnenten in der Hauptstadt. Im Frühjahr 1914 machten beide Zeitungen Unterstützungssammlungen, 11.680 Rubel spendeten die Arbeiter für die bolschewistische und 4.446 Rubel für die menschewistische Tageszeitung. Die bürgerliche Boulevardpresse hatte mit der Gaseta Kopeika (Kopekenzeitung) 250.000 Exemplare eine sicher größere Leserschaft unter den Arbeitern. 64)

Um näher an Russland zu sein, gingen Lenin, Sinowjew und Kamenew im Juli 1912 nach Krakau. Täglich schickte Lenin seinen Artikel für die Prawda. Kamenew kehrte im Frühjahr nach Petersburg zurück und seine Redaktion kam Lenins Vorstellungen über die Prawda am nächsten. Trotzdem hatte Lenin Grund, sich über die versöhnlerische Haltung der Redaktion zu beschweren, einige seiner Briefe gingen ‘verloren‘, andere wurden von der Redaktion zensiert. Stalin und Molotow, die Führer in Petersburg, kürzten Lenins Prawda-Artikel, wenn es um Angriffe auf die Menschewiki ging, 1913 übernahm Swerdlow die Leitung der Redaktion, aber auch der veröffentlichte Artikel Bogdanows. Lenin bombardierte die Redakteure mit Angriffen auf seine Gegner, die Redaktion beharrte auf ihrer ‘versöhnlerischen‘ Linie und kürzte Lenins Polemiken weiter. Als die Prawda finanzielle Schwierigkeiten hatte, strich sie ihren Krakauer Korrespondenten das Gehalt. Trotzki beschwerte sich 1913 in einem Brief:

“Die elende Spaltung betreibt Lenin systematisch – Meister dieses Faches und professioneller Nutznießer der Routine in der russischen Arbeiterbewegung… Mit dem Geld unklarer Herkunft, das er bei Kautsky und Zetkin ergaunert hat, hat Lenin eine Zeitung gegründet, sich den Titel eines populären Organs angeeignet, hat das Wort ‘Einheit‘ auf die Titelseite gesetzt und zieht so die Arbeiterleser an… Der ganze Leninismus ist derzeitig auf Lüge und Fälschung gegründet und trägt in sich den Samen der eigenen Zersetzung.“ 65)

In der Periode ab 1912 waren es die Bolschewiki, die sich - anders als ihre Konkurrenten - in der Arbeiterklasse der Hauptstadt verankern konnten. Das zeigte die Resonanz auf die Prawda ebenso wie die Wahlen zur vierten Duma 1912. Die 1905 aktiven Arbeiter wandten sich wieder der Politik zu, neue Schichten betraten die Bühne, darunter viele Frauen. Auch wenn sie nicht allen Aussagen der Bolschewiki zustimmten, so ergriffen sie die vorhandenen Möglichkeiten der Aktivität. Auf einem Fragebogen Trotzkis 1910 gaben von den 37 Antwortenden 20 an, Facharbeiter zu sein, 10 unqualifizierte Arbeiter und 7 Arbeitervertreter. 66)

Frauen waren stark unterrepräsentiert, Frauenabteilungen wurden 1909 eingerichtet, 1913 konnte erstmals der Internationale Frauentag begangen werden. Konkordija Samoilowa , Nadeschda Krupskaja, Inessa Armand und Ludmilla Stal ergriffen die Initiative zur Gründung einer halblegalen bolschewistischen Frauenzeitung Rabotniza (Arbeiterin). Obwohl die gesamte Redaktion mit Ausnahme von Anna Uljanowa-Jelisarowa Tage vor der Herausgabe verhaftet wurde, konnten von Februar 1914 bis zum Kriegsbeginn sieben Ausgaben vor dem Krieg erscheinen, das menschewistische Konkurrenzorgan Golos Rabotnizi (Arbeiterinnen-Stimme) erschien nur zweimal. 67)

Rabotniza (Arbeiterin) wurde 1914 gegründet. Zum 5. Parteitag 1907 hatte es fünf bolschewistische und eine menschewistische Delegierte gegeben. Nach 1907 schienen die Bolschewiki mehr Frauen zu organisieren als die gegnerische Fraktion, unter ihnen Nadeschda K. Krupskaja, Jelena Stassowa, Inessa Armand. Viele Frauen nahmen die Funktionen von Sekretärinnen ein, der männliche Chauvinismus billigte ihnen keine wichtige Funktion als Agitatorin oder Organisatorin zu. Die Arbeit im Sekretariat ging aber weit über die einer Schreibkraft hinaus. Teilweise traten Mitglieder sehr jung in die Organisation ein und konnten sich schnell für qualifizierte Posten bilden.

Im Sommer 1912 stand der Wahlkampf zur vierten Duma an. Die SPD hatte entschieden, dafür der RSDRP 25.000 Mark zu geben, falls sie vereint auftrete, was die Bolschewiki ablehnten. Die SDKPiL, die PPS- Lewica und der Bund wurden unterstützt, aber keine der russischen RSDRP-Fraktionen erhielt von der SPD Geld. Die Menschewiki machten eine Kampagne, ‘nicht-fraktionelle‘ Kandidaten aufzustellen und gemeinsam mit ‘progressiven‘ Kandidaten vorzugehen. Die Wahlplattform der RSDRP wurde heimlich in den Fabriken verteilt. Es gab kleine Wahlversammlungen, oft auch in der freien Natur. Die Bolschewiki forderten dazu auf, nur sozialistische Kandidaten und keine bürgerlichen zu wählen. Die Menschewiki warben für ‘Einheit‘ aller Demokraten. Sie stellten auch Kandidaten in den bürgerlichen Kurien der Städte und auf dem Land auf und unterstützten den an meisten links stehenden Kandidaten.

Die Arbeiter der sechs größten Industrieprovinzen sollten je einen Vertreter entsenden. Sie mussten Wahlmänner wählen, diese wiederum Wahlkandidaten, aus denen die Provinzversammlung – mit einer Mehrheit von Gutsbesitzern und Bourgeois – einen der Arbeiterkandidaten zum Abgeordneten wählen durfte. Um einen Bolschewik durchzusetzen, musste die Mehrheit der Wahlmänner Sozialdemokraten sein, so dass die Privilegierten ihn wählen mussten. Die Bolschewiki gewannen die Abgeordneten aller sechs Arbeiterkurien. Badajew, Schlosser im Alexandrow-Werk in Petersburg, Petrowski in Jekaterinoslaw, Muranow in Charkow, Samoilew in Iwanowo, Schagow in Kostroma und Malinowski in Moskau wurden gewählt. 68)

Die Arbeiterkurie hatte 160 Abgeordnete, die Sozialdemokraten bekamen 60 Prozent der Stimmen, nimmt man ‘versöhnlerische‘ Kandidaten dazu, waren es 83 Prozent. Besonders in den Großbetrieben triumphierten die Bolschewiki. Von den 82 Wahlmännern Petersburg in den Betrieben mit über tausend Arbeitern waren 26 Bolschewiki, 15 Menschewiki und 41 RSDRP-Sympathisanten. 69) Die Sozialdemokraten kandidierten in 53 Städten und gewannen 32 von ihnen. In den ‘bolschewistischen‘ Kurien der Industriegebiete lebten 1.008.000 Arbeiter, hier bekamen die Bolschewiki 88,2 Prozent, die Menschewiki 11,8 Prozent. In den Provinzen, in denen Menschewiki gewählt wurden, lebten 214.000 Arbeiter. 70) Insgesamt werden es etwa 800.000 gewesen sein, die für die Bolschewiki stimmten. 71) Die Menschewiki bekamen sieben Abgeordnete, drei davon in ihrer Hochburg Kaukasus, je einer aus Taurien, der Don- Region, Ufa und Irkutsk. Sie waren in den mehr kleinbürgerlich geprägten Kurien auf dem Land und an der Peripherie der Städte gewählt worden und hatten intellektuelle Berufe: Skobelew, Tschcheϊdse, Tschenkeli, Mankow waren jeweils Unternehmersohn, Journalist, Rechtsanwalt und Buchhalter.

Die RSDRP-Abgeordneten schlossen sich zu einer Fraktion zusammen, dazu kam gegen den Protest der Bolschewiki der polnische PPS-Lewica-Abgeordnete Jagiello. Anders als die Abgeordneten der dritten Duma standen die bolschewistischen Deputierten unter der Kontrolle der Partei und der Arbeiter: Sie besuchten regelmäßig die Betriebe, in denen sie gewählt worden waren und erstatteten Bericht. Sie wurden ein Forum für die Beschwerden über die Lebensbedingungen der Arbeiter, sie waren richtige ‘Volkstribunen'. Ihre Dumareden lasen sie meist aus Heften ab, die von Lenin und anderen in Krakau geschrieben wurden. Lenin warf ihnen ständig ihre Tendenz zum Versöhnlertum vor.

Agent Malinowski

Stellvertretender Fraktionsvorsitzender wurde Roman Malinowski. 1876 in einer katholischen Bauernfamilie in Polen geboren, war er 1906 Metallarbeiter der Langenzippen-Fabrik in Petersburg und Mitbegründer der Metallarbeiter-Gewerkschaft. 1907 wurde er in deren Führung gewählt und hauptamtlicher Funktionär, er erwies sich als fähiger Führer, dem die Kollegen vertrauten und er wurde als ‘Seele der Gewerkschaft‘ bezeichnet. 72) Ab 1909 ging die Aktivität stark zurück, die Mitgliedschaft der Gewerkschaft sank. Ende 1909 wurde er verhaftet, nach zwei Monaten wurde er aus Petersburg verbannt, 1910 trat er als Sekretär der Gewerkschaft unter dem Applaus der Arbeiter zurück. Er ging nach Moskau, konnte aber keine feste Arbeit finden. In Petersburg war er möglicherweise menschewistisch wie seine Gewerkschaft orientiert. Seine politische Tätigkeit begann 1910. Bei den Verhören wurde ihm vom Chef der Moskauer Ochrana eine Agententätigkeit angeboten. Malinowski war arbeitslos und hatte eine Frau und zwei Kinder.

Bild 22: Roman Malinowski
malinowski_roman.jpg Als er auf der Prager Konferenz auftauchte, war Lenin von ihm beeindruckt. Er schien die Verkörperung des der Revolution entsprungenen Arbeiterführers, war ein guter Redner, fähiger Organisator und vor allem Anhänger der Bolschewiki. Mit solchen Leuten wollte Lenin die Partei in Russland aufbauen. Er wollte ihn ins ZK kooptieren, andere Delegierte wandten ein, er habe keinen Kontakt zur Moskauer Organisation und sei nur zufällig nach Prag gekommen. Lenin setzte Malinowskis Wahl ins ZK durch. Zur anstehenden Dumawahl wollte er ihn in der Provinz Moskau nominieren lassen. Aufgrund seiner Vergangenheit erhielt er auch Unterstützung von den Menschewiki, die bolschewistische und menschewistische Presse bejubelte seine Wahl. Unter den sechs bolschewistischen Abgeordneten war er der fähigste, nach der Spaltung der RSDRP- Fraktion 1913 wurde er Vorsitzender der bolschewistischen Fraktion.

In 60 Beiträgen während der ersten beiden Sitzungsperioden ergriff er das Wort. Die Presse durfte Dumareden veröffentlichen, die Prawda verbreitete sie,.so fanden Malinowskis Ansprachen ein breites Publikum, er galt bald als der ‘russische Bebel‘. Malinowski wurde Vorsitzender des Russischen Büros der Bolschewiki, der Inlandsleitung. Er nutzte seine Immunität und reiste mindestens acht Mal nach Krakau, um Lenin zu treffen und an ZK-Sitzungen teilzunehmen. Mit den Parteiführern im Exil konferierte er wiederholt über Fragen der Polizeiintervention, er verbreitete selbst den Verdacht, die Ochrana habe einen Informanten in der Inlandsführung oder Fraktion.

1912 bis 1914 verfasste Malinowski 57 schriftliche Berichte für die Ochrana über die illegale Partei- und Gewerkschaftstätigkeit, lieferte Listen von Pseudonymen und Passnummern, Adressen von Parteitreffen und Lager für illegale Literatur. Die Moskauer Organisation existierte nach 1911 nur rudimentär, die bolschewistische Gruppe in Tula wurde verhaftet, Kader wie Bucharin festgenommen. Ein Schwerpunkt war der Kampf gegen die bolschewistischen ‘Versöhnler‘ um Nogin. Malinowski sorgte für ihre Verhaftung und verhinderte ihren Versuch, eine innerrussische Leitung aufzubauen.

Möglicherweise war Malinowskis Konversion zum Bolschewismus auch dem Interesse der Ochrana geschuldet, die Bolschewiki als die der Wiedervereinigung der RSDRP kritisch gegenüberstehende Fraktion gegen die anderen Gruppierungen zu unterstützen und so die Einheit zu hintertreiben. Bei seiner Wahl zur Duma brauchte Malinowski die helfende Hand der Ochrana. Voraussetzung der Wählbarkeit war eine halbjährige ununterbrochene Beschäftigung in einer Fabrik, die Malinowski nicht hatte. Die Ochrana nahm den Vorarbeiter fest, mit dem er in Streit war und säuberte auch sein Führungszeugnis von Vorstrafen. Die Polizei legte ihm eine Telefonleitung, bezahlte ihm Essen in teuren Restaurants und erhöhte sein Gehalt von 100 auf 500 und später auf 700 Rubel. 73)

Im Dezember 1912 stimmten 11 der 13 RSDRP-Abgeordneten für die Fusion der Parteizeitungen Luch und Prawda, Malinowski und Muranow stimmten dagegen, Lenin forderte die anderen Abgeordneten auf, Prawdas Unabhängigkeit zu unterstützen. Der Agent lieferte Listen von Abonnenten und Mitarbeitern der Prawda, ein provokativer Artikel Malinows diente als Vorwand für eine zeitweises Verbot der Tageszeitung. Er betrieb die Spaltung der sozialdemokratischen Dumafraktion aktiv, im November 1913 konstituierten sich die sechs bolschewistischen Abgeordneten als eigene Fraktion. Die Verhaftungen von Swerdlow und Stalin in Februar 1913 gingen auf seine Aktivität zurück. Swerdlow opponierte dagegen, Malinowski zum Herausgeber der Prawda zu machen. Sein Wert war für die Ochrana groß, seine Informationen gestatteten es ihr, die innerrussische Arbeit der Partei nachhaltig zu stören und die Vertiefung der Spaltung zu fördern.

Im Mai 1914 trat Malinowski überraschend von seinem Posten als Duma-Abgeordneter zurück, er fühlte scheinbar seine Arbeit als Informant zusehend enttarnt. Die Streikbewegung erreichte Ausmaße wie 1905, die Arbeiterorganisationen belebten sich zunehmend, die Bolschewiki waren erfolgreich. 1912 war die Taktik, die Bolschewiki als Spalter zu unterstützen, für die Ochrana richtig, jetzt ging der Schuss nach hinten los, die Bolschewiki gaben der Unzufriedenheit der Arbeiter eine Richtung und ihr bekanntester öffentlicher Führer war Roman Malinowski. Man konnte die Bolschewiki jetzt schwächen, wenn man ihn diskreditierte. Er wurde von der Ochrana informiert, er habe die Duma zu verlassen und bekam dafür 6.000 Rubel, um im Ausland unterzutauchen. Das Prawda-Ersatzorgan Put Prawdy (Der Weg der Wahrheit) gab eine Sonderseite heraus, die übrigen bolschewistischen Abgeordneten würden seinen Schritt verdammen und begründeten ihn mit nervlicher Überforderung. 74)

Gerüchte über seine Agententätigkeit liefen um, die Menschewiki bezeichneten ihn als Provokateur, sie konnten aber wie die bürgerlichen Gazetten keine Beweise beibringen. Auch Bucharin warnte Lenin vor ihm. Malinowski ging nach Krakau, um sich zu rechtfertigen; Lenin, Sinowjew und Ganetzki bildeten einen Untersuchungsausschuss in Galizien, aber die innerparteiliche Untersuchung erbrachte nichts und die Vorwürfe gegen ihn wurden zurück gewiesen. Zu Kriegsbeginn wurde er mobilisiert, 1915 wurde er verwundet und Kriegsgefangener, Krupskaja schickte ihm Kleidung und Lebensmittelpäckchen. Er schrieb Lenin, er agitiere unter den russischen Kriegsgefangenen. Die Beweise für seine Agententätigkeit wurden erst nach der Revolution gefunden, 1918 kam er nach Russland zurück, er wurde nach einem Prozess erschossen. Malinowski war der wichtigste Ochrana-Agent in der bolschewistischen Partei, als nach der Revolution die Archive geöffnet wurden, stellte man fest, dass es 1900 bis 1917 über 2.070 Agenten gegeben hatte. 75)

Neue revolutionäre Offensive 1913/14

In der Duma stimmten die bolschewistischen Abgeordneten 1913 gegen das Kriegsbudget für den Balkankrieg, die Partei machte eine Massenagitation dagegen. In Erinnerung an den blutigen Sonntag 1905 gab es 1914 Demonstrationen in allen Großstädten, 260.000 Menschen nahmen teil. Im März folgte eine Streikwelle, eine revolutionäre Situation schien bevor zu stehen. In Petersburg streikten und demonstrierten am 1.Mai 250.000, mehrere Zehntausend in Riga, Moskau, im Kaukasus. Die Bolschewiki hatten in der Hauptstadt wieder Kontakte in alle Großbetriebe. Neue Arbeiter wurden gewonnen, Jugendliche und Frauen. In Russland gab es 1914 wieder fast 100.000 Gewerkschaftler, in Petersburg 30.000. Die Bolschewiki gewannen hier gegenüber den Rechten an Boden, von den 19 Gewerkschaften unterstützten 16 die Bolschewiki, nur die technischen Zeichner, Angestellten und Chemiearbeiter waren für die Menschewiki. In Moskau hatten alle 13 Gewerkschaften bolschewistische Mehrheiten. Die Menschewiki waren gegenüber den Streiks sehr ambivalent, sie wollten die bürgerlichen Verbündeten nicht verschrecken und warnten vor der Politisierung. Nicht nur unter den Metallarbeitern, auch bei den traditionell menschewistischen Druckern gewannen Revolutionäre die Mehrheit, auf allen Feldern waren die Bolschewiki 1912 bis 1914 in der Offensive. 76)

Bisher war die Parteizugehörigkeit der Gewerkschaftsführer eher zweitrangig gewesen, ihre Aktivität war wichtiger als ihre Mitgliedschaft in einer Fraktion oder Partei, ab 1912 stellten die Bolschewiki fraktionelle Listen auf und gewannen an Boden. Im April 1913 wählten in einer Generalversammlung von 700 bis 800 Mitgliedern der Metallarbeiter 13 Bolschewiki, fünf Menschewiki, einen Sozialrevolutionär und sieben Parteilose in ihre Gewerkschaftsexekutive. 77) In den nächsten Monaten konnten sie die Gewerkschaft der Handlungsgehilfen und die Führung der Druckergewerkschaft erobern, zum Kriegsbeginn schätzte Lenin in einem Bericht an das Internationale Sozialistische Büro eine Mehrheit der Bolschewiki in 16 der 20 Gewerkschaften. 78) Die Drucker waren jetzt zu 22 Prozent organisiert, die Metaller zu acht, die Textilarbeiter hatten nur einen Organisationsgrad von zwei Prozent. In den Putilow-Werken mit 11.000 Lohnabhängigen 1914 gab es aber nur 350 Gewerkschaftsmitglieder. 79)

Tabelle 12: Streikende 1895 - 1917 80)

Jahr ökonomisch Streikende politisch Streikende Jahr ökonomisch Streikende politisch Streikende
1895 31.195 - 1908 83.407 92.094
1896 29.288 239 1909 55.803 8.363
1897 59.353 517 1910 96.730 3.777
1898 41.590 1.560 1911 175.678 8.380
1899 54.375 3.123 1912 175.678 549.813
1900 25.270 4.179 1913 390.605 496.457
1901 31.698 520 Jan.-Juli 1914 345.087 982.457
1902 67.629 5.042 Aug.-Dez. 1914 6.718 2.845
1903 67.810 19.022 1915 385.265 154.263
1904 24.403 501 1916 648.785 310.290
1905 1.020.511 1.842.622 Jan.-Febr. 1917 101.481 574.805
1906 457.721 650.686 März-Okt. 1917 953.930 573.630
1907 200.004 540.070

1912 wurden Krankenversicherungen in den Privatbetrieben eingerichtet, die von Vertretern der Unternehmer und Arbeitenden kontrolliert werden sollten. Von den linken Parteien wurde das Gesetz als unzureichend abgelehnt, 60 Prozent der Beiträge wurden von den Arbeitern bezahlt, die Versicherung umfasste nur einen Teil der Arbeiter und die Renten waren kümmerlich. Die Sozialisten forderten einen umfangreichen staatlichen Versicherungsschutz für alle Beschäftigten. Der Wahlkampf wurde auch hier nach den Parteilisten geführt, die Bolschewiki gewannen alle fünf Sitze und sieben der zehn Stellvertreterposten der Arbeitervertreter des Petersburger Versicherungsrates. 81) Die Mitglieder des Rates wurden verpflichtet, sich den marxistischen Organisationen unterzuordnen.

In der Phase des Wiederaufstiegs der Klassenkämpfe engagierten sich viele Arbeiter in der bolschewistischen Partei. Die Klasse radikalisierte sich, die Parteimitglieder fanden Betätigungsmöglichkeiten in den halblegalen Gewerkschaften, Genossenschaften, Bildungs- und Versicherungsgesellschaften. Die Duma-Abgeordneten und die Parteipresse koordinierten die Tätigkeit. Dabei waren die Bolschewiki aktiver und konsequenter in der Verfolgung und Verbreitung ihrer Aktivitäten und konnten sich auf den illegalen Apparat stützen, die Menschewiki fielen dahinter zurück. Sie waren weniger zu Streiks und anderen Kampfaktionen bereit, die Suche nach einer Verständigung mit der bürgerlichen Opposition war ihnen wichtiger, die Bolschewiki waren in der Verfolgung der Arbeiterinteressen konsequenter. Es war die neue Generation der lokalen Arbeiterführer, die sich jetzt bildete, ausgestattet mit den Erfahrungen der Revolution 1905. Dabei war die Unterstützung für Lenins Politik durchaus nicht die durchgängige Richtung, wie die weiter existierenden Tendenzen der bolschewistischen Versöhnler und die der Meschrajonzi zeigen. Die Arbeiterkader waren in der Lage, eine selbstständige Politik zu entwickeln.

In Petersburg waren die Metallarbeiter auch in der Streikintensität weit an der Spitze, politische Streiks waren häufiger als die ökonomischen Streiks. Meist dauerten sie nur einen Tag. Die Zahl und Intensität der politischen Streiks steigerte sich von Jahr zu Jahr, wobei Handels- und Hausangestellte, Post- und Telegrafenarbeiter sowie städtische Angestellte weniger an den politischen Streiks beteiligt waren. Es gab Streiks um Löhne und Arbeitszeiten, gegen Entlassungen und Rationalisierungen, für die menschliche Behandlung der Arbeiter gegenüber Übergriffen der Vorarbeiter, gegen Durchsuchungen, für die Anerkennung von gewählten Delegierten.

Über die Streikführer bemerkte die Ochrana, dass es entweder 18- bis 20jährige Jugendliche ohne Familien wären oder Arbeiter-Intellektuelle, die an der Revolution teilgenommen hatten, aber keiner Untergrund- Organisation mehr angehörten. 82) Die Streiks wurden oft in Versammlungen beschlossen, die ein Streikkomitee wählten, Unterstützung sammelten und auszahlten. Mit Streikbrechern ging man rüde um. Die sozialistischen Zeitungen machten Solidaritätskampagnen und versuchten die Moral der Streikenden zu stärken.

Im Oktober 1913 konnten die sechs bolschewistischen Duma-Abgeordneten auf Drängen von Lenin und Malinowski bewogen werden, die Fraktionsgemeinschaft mit den Menschewiki aufzugeben. Von der Sozialistischen Internationale wurde das als Skandal empfunden, besonders Rosa Luxemburg polemisierte dagegen und brachte die Frage vor das ISB. Nach einer Reise von Emile Vandervelde nach Russland rief das ISB die Fraktionen zu einer Konferenz nach Brüssel im Juli 1914 zusammen, um über eine Wiedervereinigung zu diskutieren. 28 Delegierte vertraten die verschiedenen Tendenzen. Lenin hatte von der Konferenz nichts zu erwarten und blieb fern, Inessa Armand vertrat ihn auf der Konferenz. Kautsky, Luxemburg, Martow, Trotzki, Plechanow waren sehr verärgert über Lenins Absage und brachten eine Resolution über die Einheit der RSDRP ein, Armand konterte mit einer von Lenin entworfenen Stellungnahme, nur durch die Annahme der bolschewistischen Positionen sei eine Parteieinheit möglich. Das ISB verurteilte Lenins ‘desorganisierende Rolle‘ und drohte mit dem Ausschluss Lenins aus dem ISB, es wollte die Frage auf dem Wiener Kongress 1914 entscheiden, der Kriegsausbruch verhinderte die Tagung. Der Krieg rettete Lenin möglicherweise vor dem Ausschluss aus der II. Internationale.

Wurden die Bolschewiki 1913/1914 zur Mehrheitsfraktion in der Arbeiterbewegung, so waren ihre Positionen umstritten, wie die Auseinandersetzung zwischen Lenin-Anhängern und Versöhnlern zeigt. Die Basis strebte weiterhin nach der Einheit der RSDRP. 1913/14 entwickelte sich in Petersburg eine weitere Strömung, die man gewissermaßen als achte Fraktion bezeichnen konnte. Unzufrieden mit der Spaltung, bildeten im November 1918 drei Bolschewiki mit Konstantin Jurenew und einem Menschewiki die Gruppe der RSDRP- Internationalsten, üblicherweise Zwischendistriks-Organisation oder Meschrajonzi genannt. Sie griffen die Einigungstendenz auf und riefen zur Vereinigung von unten auf. Sie waren vor allem im Bezirk Wasilewski- Insel stark, und dehnte ihren Einfluss auf die Petersburger Seite sowie besonders auf die Drucker aus und wuchsen auf 200 bis 300 Mitglieder an, Im Krieg hatten sie eine illegale Druckmaschine und konnten damit ihre Zeitschrift Wperjod (Vorwärts) herausgeben. 83)

Die Struktur der Untergrundpartei

Die Mitgliedszahlen gingen, wie berichtet, nach 1907 steil nach unten. Basis war die Betriebszelle, dann kam der Stadtteil oder Unterstadtteil, die Stadt, die Provinz, die nationale Leitung. Sie praktizierte demokratischen Zentralismus, die Vorsitzenden etc. wurden gewählt und konnten theoretisch jederzeit auch wieder abgewählt werden. Die Entscheidungen wurden umgekehrt von oben nach unten gefällt, die Beschlüsse der Parteitage waren für die lokalen Organisationen bindend. Neben der legalen gab es eine geheime Parteistruktur. 1905/6 waren die Führer meist bekannt gewesen, die Parteistrukturen miteinander verwoben, die Polizei konnte leicht in sie eindringen. Dagegen musste man sich schützen und die Partei umorganisieren. Ein Arbeiter, der Mitglied werden wollte, wurde meist von Parteigenossen dazu aufgefordert. Die Aufnahmebedingungen waren unterschiedlich, manche benötigten zwei Parteimitglieder als Bürgen, andere hatten eine Kandidatenzeit, in der sich der oder die Neue bewähren musste, bevor man Vollmitglied werden konnte, andere Zellen fragten die nächsthöhere Institution um Bestätigung.

Die Zelle war die Grundeinheit, sie bestand aus zwischen fünf bis 30 Mitgliedern, sie trafen sich wöchentlich oder zweiwöchentlich, für Abstimmungen musste die Hälfte der Mitglieder anwesend sein. Eine dreifache unentschuldigte Abwesenheit war ein Ausschlussgrund. Auf der Zellensitzung hörten die Mitglieder Berichte, diskutierten die Parteiliteratur, sammelten Mitgliedsbeiträge und wählten. Gab es in der Fabrik mehr als eine Zelle, so wählten die Mitglieder ein Fabrikkomitee. War die Stadt größer und hatte genügend Zellen, wählte man eine Stadtteilleitung, die sich vierzehntägig traf und Aktivitäten plante. Moskau und Petersburg sowie das Donez-Becken hatten zwischen Betriebszellen und Stadtteilkomitee noch Unterbezirksleitungen (Rayon-Komitees). Alle Leitungsmitglieder wurden gewählt, der Delegiertenschlüssel war meist ein Vertreter für acht bis elf Zellenmitglieder.

Grafik 1: Organisationsschema der RSDRP 1910

Die Städte waren nach territorialen Einheiten geteilt, größere Städte hatten einen Zentralbezirk, mehrere Fabrikbezirke, den für Eisenbahner und für den Hafen sowie andere Vororte. Die Leitungen hatten meist sieben oder acht Vollmitglieder und die gleiche Anzahl von Vertretern (Kandidaten), die kein Stimmrecht hatten. Entscheidungen wurden mit einfacher Mehrheit getroffen, in Organisationsfragen war der Bezirk autonom. Er sammelte die Beiträge aus den Zellen ein, überwachte die Aufnahme neuer Mitglieder, koordinierte die lokale Agitation und Propaganda, gab Flugblätter heraus. Aus seinen Reihen bestimmte der Bezirk einen Sekretär, Kassenwart, einen Verantwortlichen für die Druckerei, einen Propagandisten und manchmal einen für die Bücherei Zuständigen. Von der Fähigkeit der Bezirksleitung hing zum großen Teil Erfolg oder Misserfolg der Parteiarbeit ab.

Der wichtigste Posten war der des Sekretärs. Er hielt Kontakt zu anderen Bezirken, zur Untergrundarbeit und zur Auslandsleitung, organisierte die Bezirkstreffen, machte Berichte. Wenn es nötig war, schuf er neue Funktionen und benannte deren Verantwortliche, z.B. das Passbüro, welches Pässe fälschte und frisierte. Das Organisationskomitee hielt den Kontakt zu den Fabrikzellen und suchte neue zu gründen. Eine Hauptaufgabe des Sekretärs war es, geeignete Räume mit konspirativer Abschirmung zu finden. Im Sommer war das nicht so schwer, man konnte sich in der Natur treffen, wohl aber in der kalten Jahreszeit. Manchmal hielt man seine Sitzungen auch im Warteraum eines sympathisierenden Arztes oder in einer Wäscherei ab. Für größere Treffen brauchte man natürlich einen Klub, in dem man unter dem Schutz der Öffentlichkeit stand.

Der Kassierer des Bezirkskomitees sammelte die kleinen Beiträge der Betriebszellen ein. Die Kassierer der Betriebszellen führten ein Buch, das von der Zelle kontrolliert und mit dem Kassenwart des Bezirks abgerechnet wurde. Der Mitgliedsbeitrag war ebenfalls unterschiedlich, ein bis zwei, in Charkow gar zehn Prozent des Einkommens. Arbeitslose und bezahlte Berufsrevolutionäre waren vom Mitgliedsbeitrag befreit, die Zahlungsmoral war schlecht. Der Kassierer war für die Einnahmen aus dem Literaturverkauf zuständig und versuchte Spenden von besser verdienenden Sympathisanten einzutreiben. Dazu kamen für die Mitglieder Zusatzbeiträge, um Delegierte zu Auslandstreffen zu schicken, zum ersten Mai oder um Flugblätter zu finanzieren. Unterschiedliche Geldquellen waren Einnahmen von Solidaritätskonzerten oder Festen, die aber manchmal auf defizitär waren. Sicher gab es auch Einkünfte aus Expropriationen, die dann aber unter anderen Namen versteckt wurden. Der Verkauf der Parteizeitungen war gefährlich und finanziell kaum einträglich, sowie schwer zu transportieren. Von wohlhabenden Spendern kamen bis 1905 nicht unbeträchtliche Summen, später wandten sich viele liberalen Unterstützer von der Sozialdemokratie ab. Die Einnahmen gingen ab 1908 deutlich zurück; im Mai 1907 nahm der Kassenverantwortliche von Jekaterinoslaw 557 Rubel monatlich ein, zwischen 1909 und 1910 ganze 146 Rubel in zwei Jahren. 84) Mit dem Niedergang des Klassenkampfes fielen die Einnahmen, die finanzielle Situation der Parteimitglieder verschlechterte sich, die Parteistrukturen funktionierten unregelmäßiger, was mindestens zwei lokale Kassierer in der Ukraine zu Unterschlagungen verführte. Der größte Teil der Einnahmen ging für den Unterhalt der Druckerei drauf, dazu für andere Organisationskosten und Unterstützungen. Berufsrevolutionäre bekamen meist 25 Rubel monatlich. 85) Genossen in Gefängnissen und ihre Angehörigen mussten unterstützt werden.

Das dritte Mitglied der Führung war für die Technik zuständig. Die Druckerei war der empfindlichste Punkt der Organisation, oft isolierte sich der Technik-Verantwortliche deshalb etwas vom Rest der Organisation, um diese zu schützen. Die Leitung benannte einen theoretisch Versierten und guten Redner für die Propaganda-Zirkel, ein sehr zeitaufwändiger Job. Hinzu kam oft ein Literatur-Verantwortlicher für die Parteipresse und möglicherweise die Einrichtung einer Leihbibliothek. Ein Exekutivmitglied war für die Gewerkschaftsarbeit zuständig, alle Funktionen wurden in Großstädten zu Kommissionen ausgebaut. Zum Duma-Abgeordneten musste Kontakt gehalten werden. Die Mehrheit dieser Funktionen wurden ursprünglich von Intellektuellen ausgeübt, sie gingen dann in die Hände von Arbeitern über. Nur eine Minderheit waren die Berufsrevolutionäre, sie waren effektiver, mussten aber finanziell unterhalten werden und konnten nicht länger als drei bis sechs Monate in einer Stadt bleiben, um nicht verhaftet zu werden.

An der Spitze der Stadtorganisationen standen die Stadtkomitees. Sie wurden von Stadtkonferenzen oder von Bezirksdelegierten gewählt. Sie koordinierten die Stadtteilleitungen, die Rayonkomitees. In 54 russischen Städten wurden 1905 Militärorganisationen für die Arbeit unter den Soldaten eingerichtet. Die Stadtkomitees waren als wichtige Parteiorganisation bevorzugtes Objekt der Arbeit der Ochrana, ihre Mitglieder waren von Verhaftungen bedroht, kein Stadtkomitee funktionierte länger als 30 Monate in der Zeit zwischen Juni 1907 und 1914. Die Stadtkonferenz war die wichtigste Institution auf kommunaler Ebene, sie sollte alle drei Monate zusammentreten. Sie wählte das Stadtkomitee und Parteitagsdelegierten und plante langfristiger. Die Geheimhaltung dieser größeren Tagungen war schwierig und musste gegenüber der Polizei abgesichert werden. Zwischen 1907 und 1914 gelang es der Ochrana, vier der elf Stadtkonferenzen in der Ukraine auffliegen zu lassen. 86) Deshalb ging die RSDRP dazu über, Konferenzen mit Delegierten der Bezirksorganisationen durchzuführen. Von acht Konferenzen nach 1909 war nur eine stadtweit.

Die Größe Russlands bedingte eine regionale Gliederung der Partei, es gab die Sibirische Union, die Nordunion, die Union des Urals, des Kaukasus, des Nordkaukasus, der Krim. 1902 wurden in der Ukraine die Bezirke der Donez-Union und der Südunion geschaffen, die Zahl der Regionen, ihre Abgrenzungen und Namen wandelte sich ständig. Von der Struktur waren sie wie Stadtorganisationen zusammen gesetzt. Nach 1907 brach diese Struktur im Süden wieder zusammen, die Ukraine war sozial sehr vielfältig zusammen gesetzt, die Fraktionsbildung zersplitterte sie und die Ochrana zerstörte sie; die Partei suchte nach kleineren Gebietsgliederungen oberhalb der Stadtkomitees auf Provinzebene. Nur die Donez-Union konnte wiederbelebt werden.

Oberstes Organ der Sozialdemokraten war der Parteitag. Er legte die Politik und die Funktionsweise der Partei fest. Da nur vier Parteitage zwischen 1903 und 1907 im Ausland stattfinden konnten, mussten sich die Gewichte verschieben. 1905 bis 1907 fanden sie satzungsgemäß jährlich statt, das war danach nicht mehr durchführbar. Die Wahl in den Städten und Provinzen wurde von lokalen Kontrollkommissionen überwacht und von einer Mandats-Prüfungskommission vor dem Parteitag kontrolliert. Zum zweiten Kongress wurden pro Komitee zwei Delegierte gewählt, der dritte ließ die Wahl von einem pro Stadtkomitee zu, zum vierten vertrat ein Delegierter 300 Mitglieder, beim fünften Parteitag wurde ein Delegierter von 300 bis 500 Mitgliedern gewählt sowie weitere Delegierte für 500 Basismilitanten. Die Diskussionen auf den Parteitagen waren nicht immer effektiv und verloren sich oft in endlosen Debatten; am Schlusstag mussten dann in aller Eile die wichtigsten Resolutionen abgestimmt werden. Der kürzeste Parteitag – der erste von 1898 ausgenommen – dauerte 16 Tage, der längste fast vier Wochen. Delegierte wurden nach Fraktionszugehörigkeit gewählt, saßen als Fraktion zusammen und unterwarfen sich der Fraktionsdisziplin. Die Parteitage waren äußerst kostspielig, der zweite kostete 100.000 Rubel. Jedes Parteimitglied musste 20 Kopeken für den Kongress aufbringen. Dieser Aufwand war nach 1907 nicht mehr stemmbar, der Fraktionskampf behinderte die Einberufung zusätzlich. 1913 hatte sich die politische Situation verbessert und die Polizeirepression war geringer, die Bolschewiki versuchten den sechsten Parteitag einzuberufen, man legte schon den Delegiertenschlüssel fest und kalkulierte die Reisekosten, er wurde für August 1914 vor dem Kongress der Sozialistischen Internationale angesetzt. Der Kriegsausbruch ließ diesen Parteitag erst 1917 stattfinden.

Bild 23: Jakow Swerdlow
swerdlow_jakow.jpg Als Ersatz berief man Parteikonferenzen ein, die vom Statut nicht vorgesehen waren. Die RSDRP hielt sechs Konferenzen ab, die ersten vier fanden in Finnland statt; die Zahl der Delegierten war geringer und die Tagungsdauer kürzer und damit billiger. Die Bolschewiki hatten auf den vier ersten Konferenzen die Mehrheit, 1910 verloren sie diese. Durch die 6. Konferenz in Prag suchten sie die Majorität wieder zu gewinnen, aber die Konferenz wurde nur von fünf ZK-Mitgliedern einberufen und die Delegierten nach einem Delegiertenschlüssel von eins zu 30 gewählt. Sie waren fast alle nur Vertreter von Zellen Stadtteilversammlungen. Die Liquidatoren versuchte man auszuschließen. Ein Teil der Delegierten opponierte dagegen. Die sechste Parteikonferenz masste sich die Rechte eines Parteitages an, änderte die Statuten und die Zusammensetzung der Zentrale und gab den Leninisten wieder die Kontrolle über die Partei.

Zwischen den Parteitagen wurde die RSDRP vom Zentralkomitee (ZK) geleitet. Diese schuf Kommissionen für Presse, Schulung, Gewerkschaften und Genossenschaften, den Transport der Materialen von und nach Russland, Wahlen und die Kontrolle der Organisation. Die Zahl der Mitglieder des ZK stieg von drei 1903 auf 15 im Jahr 1907, Lenins Prager Konferenz 1912 reduzierte sie wieder auf sieben Bolschewisten. Die Parteitage ernannten Kandidaten, welche die Vollmitglieder im Fall einer Verhaftung ersetzten sollten. Auch eine Kooption war in diesem Fall möglich, aber die Fraktionen bewachten misstrauisch die Mehrheitsverhältnisse. Mindestens alle drei Monate sollte das ZK zusammentreten, 1907 bis 1912 konnten aber nur drei Plenen abgehalten werden. 1910 wurde das ZK um die Kandidatenmitglieder erweitert. 1911 wollte Lenin ein ZK-Sitzung der Auslandsmitglieder einberufen, nur acht der 45 Mitglieder und Kandidaten kamen, zwei gingen sofort wieder weg, ein Dritter wurde krank, ein Vierter nahm nicht an der Abstimmung teil. Drei ZK-Mitglieder beriefen die Prager Konferenz ein. Das dort neu gewählte bolschewistische ZK tagte dann aber zwölf Mal in Galizien.

Die Parteizeitung war der kollektive Organisator, musste im Ausland produziert, nach Russland geschmuggelt und dort im Untergrund vertrieben werden. Die Redaktion war die Theorie-Führung der Partei, die Zahl der Redakteure schwankte von drei bis sechs Mitgliedern. Die Organe vor 1905 waren Rabotschaja Gaseta, Iskra und Sozial-Demokrat, das offizielle Zentralorgan von 1906 bis 1917. Bis 1909 erschien der Sozial-Demokrat nur unregelmäßig mit wechselnden Herausgebern. Auf dem Januarplenum 1910 wurde seine Redaktion erweitert, um sie zu einem Organ der gesamten Partei zu machen. Die Redaktion überlebte die erste gemeinsame Ausgabe nicht, dann war es wieder Organ der Leninfraktion. Der Sozial-Demokrat erreichte nie die Bedeutung und Popularität der Iskra. Sie war zu schwer für die russischen Parteigenossen geschrieben und auf den Fraktionskampf im Exil fixiert, es erschienen 58 Nummern. 1910 wurde die Zeitschrift auf Forderung des ZK eingestellt, aber bald erschien in Paris Rabotschaja Gaseta (1910 bis 1912, neun Nummern) als neues Fraktionsorgan der Menschewiki.

In der Schweiz gab Plechanow Dnewnik Sozialdemokrata (Sozialdemokratisches Tagebuch) 1905-1912 und 1916 heraus. Meist hatten die Zeitschriften 16 Seiten im Kleinformat aus dünnem Papier, das leichter in großen Mengen zu transportieren war, die Erscheinungsweise war selten regelmäßig. Die Zeitschriften widmeten in etwa zwei Drittel des Umfangs theoretischen, propagandistischen und fraktionellen Themen sowie Korrespondenzen aus dem Untergrund, Parteiveranstaltungen, Berichten von Arbeitsbedingungen, aber auch von sozialdemokratischen Aktivitäten anderer Länder, Korrespondenzen von Inhaftierten. Die letzte Seite war meist Nachrufen, Beschreibungen und Fotos von Provokateuren, Finanzberichten, Leserbriefen gewidmet. Sehr wichtig war eine Kolumne mit verschlüsselten Botschaften:

“Haben Zeitung an die alte Adresse geschickt. Ist das richtig? Wo ist Georgi? Antworte!“87)

Das schwierigste Problem für die Exilpresse war der Transport zu den Empfängern nach Russland. In den zwölf Monaten vor 1905 wurden zehn Tonnen illegaler Literatur über die Grenze geschmuggelt. 88) Der häufigste Weg war von Memel oder Tilsit über die deutsch-russische Grenze, aber auch in den Kaukasus über Batum oder Persien, in die Ukraine über Odessa oder Galizien oder durch den Eismeerhafen Archangelsk gingen Sendungen. 1908 kam es zu einer starken Desorganisation. Die Hauptlast des Versands trugen Nadeschda Krupskaja in Paris und Pjatnitzki in Leipzig. Von Paris schickte Krupskaja Zeitungen, Briefe und Flugblätter an neutrale Absender wie Kopenhagen, ein Mittelsmann schickte sie dann auf dem Postweg weiter nach Russland. Ein russisches Mitglied bekam den Sozial-Demokrat aus 23 verschiedenen Städten Europas.

Doch dieser ‘kleine Transport‘ war teuer, unsicher und vor allem vom Umfang begrenzt. 1908 übernahm Pjatnitzki die Transportabteilung. Von seinem Quartier in der Leipziger Volkszeitung schickte er große Pakete mit eingebauten Verstecken, die Zeitungen usw. enthielten entweder mit der Post oder Kurieren, das waren präparierte Koffer, Taschen, Brieftaschen, Westen oder Bücher. Ein Koffer mit doppeltem Boden konnte 100 bis 150 Zeitungen aufnehmen, die etwa fünf Pfund wogen. Mit am Körper versteckten Brustplatten konnte man 200 bis 300 Exemplare schmuggeln, in Westen 300 oder 400. Das war für Kuriere, welche die Grenze legal passierten. Aber dieser ‘Ameisentransport‘ war begrenzt effektiv. Von Schmugglern oder Genossen wurden Pakete von Goldap oder Tisit mit der Bahn oder zu Fuß nach Grodno gebracht, Schmuggler erhielten 20 bis 40 Rubel dafür. Grodno war zu nah an der Grenze, um das Material von dort verteilen zu können, ein russischer Transportagent musste es nach Moskau oder Petersburg weiterleiten. Von dort wurde es weiter geschickt. Die Pakete mussten von unterschiedlichen Mitgliedern zur Post gebracht werden, die nur den Empfänger ihres Pakets kannten, sie wurden postlagernd abgeschickt. 1910 konnten Pjatnitzki und seine Mitarbeiter 900 Pfund Material mit über 20.000 Zeitschriften verschicken. 89) Pjatnitzkis Vertreter wurde verhaftet und die Ochrana konnte ihn durch einen neuen Agenten ersetzten. Der Verlust an Material und der Agenten in Grodno war groß. Die Bolschewiki zahlten 1910 und 1911 über 1.000 Franken für den Schmuggel der Zeitungen ins Land. 90) Immer wieder forderten die Mitglieder im Untergrund mehr Literatur an, sie kam nicht regelmäßig.

Noch schwieriger war die Einrichtung von illegalen Druckereien. Man brauchte viel Geld, Schreiber und Drucker, Papier, Tinte und eine konspirative Infrastruktur und viel Glück, damit einen die Polizei nicht entdeckte. Manchmal hatte man das Material zusammen, aber es fehlte an Druckern, die Maschinen bedienen konnten; oder wichtige Einzelteile konnten nicht beschafft werden. Die mit dem Druck Beschäftigten mussten sich vom Rest der Organisation separieren, das relativ laute Drucken musste in isolierten Gebäuden erfolgen, in zwei Fällen wurde auch in einem Kloster gedruckt. Die Existenz eines wohlhabenden Sympathisanten mit einer großen Wohnung in einem bürgerlichen Stadtviertel war von großem Vorteil, hier konnten Flugblätter, Zeitungen usw. gelagert werden. Die Strafen für den Druck waren sehr hoch, meist wurden enttarnte Drucker nach Sibirien verschickt. Das Erscheinen einer lokalen Untergrundzeitung stärkte das Selbstvertrauen der Mitglieder, es war ein sehr effektives Propagandamittel. In Moskau gab es 1907 bis 1909 sechs Untergrundzeitungen, im Ural gab es elf Druckereien, weitere im Kaukasus und in Lettland, in der Ukraine gab es drei. In Odessa wurde 1910 die Druckerei ausgehoben und fast die ganze Organisation verhaftet. In ganz Russland gab es 1907 etwa 30 Untergrund-Zeitungen, die bis 1910 erscheinen konnten.

Flugblätter waren leichter herzustellen und konnten Nachrichten schneller verbreiten. Sie wurden auf Matritzendruckern hergestellt und waren billiger in der Herstellung. Die meisten Gruppen hatten Zugang zu einfachen Druckmaschinen. Auch sie mussten gut in Vorstadthäusern oder auf dem Dorf versteckt werden oder die Druckerzeugnisse wurden von befreundeten Druckern auf professionellen Maschinen hergestellt, wenn der Chef abwesend war. Hektographierte Flugblätter verrieten ihre Produzenten durch die Farbe an den Armen, die Flugblätter mussten getrocknet werden, was verständlicherweise nicht im Garten auf der Wäscheleine ging, einfache Maschinen produzierten nur 30 bis 40 Flugblätter, bessere 600 Exemplare. Illegale Parteiorganisationen richteten Studienzirkel ein, sie fanden auf drei Niveaus statt, ‘höhere‘ Zirkel lasen Lenin, Plechanow, Kautsky oder gar Darwin und diskutierten die Politik. Der Erfolg der Studienzirkel hing oft von der Qualität des Leiters ab, die Komitees richteten zu ihrer Ausbildung Seminare für Propagandisten ein, gute Propagandisten hielten Vorträge in mehreren Studienzirkeln. Sie schrieben auch Briefe an Führer im Exil und erbaten Erklärungen. Die Zahl der Zirkel nahm wie die übrige Parteiaktivität in der Reaktionszeit ab und lebte 1912 wieder auf. Natürlich trachtete die Organisation danach, aus Sympathisierenden Mitglieder zu machen.

Agitatoren hielten kleine Versammlungen an Fabriktoren ab und verschwanden, bevor die Polizei auftauchte. Die Polizei reagierte darauf und postierte Polizisten an den Eingängen. Massenveranstaltungen (Massowki) wurden in Wäldern, auf Inseln im Sommer sonntags außerhalb der Städte abgehalten und per Mundpropaganda wurde hierzu eingeladen. Die Arbeiter kamen einzeln mit Picknickkörben, Musikinstrumenten, um die Polizei zu täuschen. Sie kamen in Größenordnungen von 30 bis 50 Zuhörern, manchmal waren es bis zu 300. Nach den Reden diskutierte man Projekte, aß und trank und widmete sich der raren Freizeit bis in die Nacht, diese Massowki waren ausgesprochen populär. Die Polizei überwachte Ausfallstraßen und Straßenbahnstationen, Gruppen der Partei überwachten wiederum die Polizeibewegungen und sicherten Rückzugsmöglichkeiten.

Besonders wurden der neunte Januar, der erste Mai und ab 1912 der vierte April begangen. Der Jahrestag des Petersburger Blutsonntag war sehr schwierig zu würdigen, die Wetterverhältnisse verboten Treffen unter freiem Himmel, meist gab es einige kleinere Treffen in Fabriken und Flugblätter wurden verteilt. Der erste Mai wurde während der ersten Revolution mit Demonstrationen und Streiks gefeiert, 1907 stand die Arbeit in weiten Teilen des Landes still, 1910 und 1911 konnte der Tag nicht begangen werden. An diesem Tag waren Fabrikversammlungen schwierig, denn auch die Polizei kannte den revolutionären Kalender, oft mussten sich die Marxisten damit begnügen, Banner, Graffiti und Fahnen an Fenstern, Schornsteinen und Mauern anzubringen. Am ersten Mai oder am folgenden Sonntag gab es dann Massowki, 1911 bis 1914 in Kiew am Ufer der Dnjepr. 1912 gab es zwei davon, die je 200 Arbeiter hörten Reden über den ersten Mai, zur Erneuerung der sozialdemokratischen Bewegung und dem Plan einer lokalen Parteizeitung und sangen revolutionäre Lieder.

Andere Komitees waren weniger erfolgreich. 91) Ein Flugblatt zum ersten Mai war ‘obligatorisch‘. Manche entwarfen eigene Flugblätter, andere benutzten die zugesandten Vorlagen des Zentralkomitees. In Städten wie Kiew versuchte die Partei, Demonstrationen mit Fahnen, Parolen und Liedern zu organisieren, 1912 und 1913 war die Polizeipräsenz dafür zu stark. Der vierte April, der Jahrestag des Massakers an der Lena, war dem ersten Mai zu nahe, um zweimal in einem Monat einen Tageslohn durch Streik zu verlieren. Im vielen Städten gab es spontane Proteste und Streiks. Für 1913 rief die RSDRP zu einem eintägigen Solidaritätsstreik auf, 1914 fiel der Jahrestag auf einen Sonntag, die Arbeiter machten Massenversammlungen in der Natur.

Gewerkschaften und legale Organisationen

Die RSDRP unterschied zwischen revolutionären, politischen und ökonomischen Streiks. Revolutionäre Streiks wie der Oktoberstreik 1905 dienten der politischen Zerstörung des herrschenden Systems, sie waren bis zum Krieg nicht mehr möglich. Politische Streiks drückten den Protest gegen den Zarismus aus, sie waren meist auf einen oder einen halben Tag begrenzt. 90 Prozent der politischen Streiks fanden am 9. Januar, 4. April oder 1. Mai statt. 92) 1912 provozierte die Verhaftung von 123 Matrosen der Schwarzmeerflotte wegen revolutionärer Aktivitäten einen Streik von 250.000 Arbeitern in Russland. Die Repressionen gegen die Duma waren Anlass zu Demonstrationen, es gab Solidaritätsstreiks für Streikende, Aktionen am Geburtstag von Karl Marx oder der Romanow-Dynastie sowie nach dem Tod von Lew Tolstoi.

Die Partei bereitete sie vor; der Tiefpunkt war 1910, als nur acht politische Streiks mit 3.777 Arbeitern stattfanden. Ökonomische Streiks brachen meist spontan aus, meist um Lohnfragen und sie waren kurz; auch hier war 1910 der Tiefpunkt. Die mächtigen Kartelle Russlands sperrten oft aus und legten schwarze Listen an. Ein Streikender konnte leicht entlassen, in sein Dorf zurück geschickt oder acht Monate ins Gefängnis gesteckt werden. Bestehende Gewerkschaften waren kaum streikfähig und konnten keine Unterstützung leisten. Die RSDRP war unwillig, ökonomische Streiks ohne ihre Führung zu unterstützen.

Wir haben gesehen, dass es 1905 einen großen Aufschwung der Gewerkschaften gab, bald war nur noch ein Gerippe davon übrig. Die Polizei verhinderte oft Bildungsaktivitäten, die Organisation der Arbeitslosen, die Unterstützung von Hilfsorganisationen. Zwei Unionen durften nicht gemeinsam tagen, die Tagesordnung der Versammlungen musste der Polizei vorher zugesandt werden, selbstverständlich waren Polizisten anwesend und griffen ein, wenn die Diskussion auf kontroverse Themen kam. Wenn die Gewerkschaften verdächtig wurden, illegale Flugblätter oder Literatur zu verbreiten, Streiks zu befürworten oder Arbeitslose zu vertreten, wurden sie geschlossen. Eine Gewerkschaft konnte nur unter neuem Namen mit staatlicher Erlaubnis neu gegründet werden. In Odessa mussten sich die Drucker unter vier verschiedenen Namen zwischen 1906 und 1912 jeweils neu konstituieren. Ein beliebtes Mittel war es, die Aktivsten im Zusammenspiel von Polizei und Unternehmern zu entlassen und die Gewählten zu verhaften. 1906 bis 1910 wurden 906 erfahrende Funktionäre verhaftet oder exiliert und mussten durch weniger Erprobte ersetzt werden. 93)

In der RSDRP war die Gewerkschaftsfrage umstritten. Viele sahen in einer wirtschaftlichen Arbeitervertretung neben der politischen keinen Sinn, wollten diese Vereinigungen der Partei unterordnen. Ihr Erfolg 1905/6 zwang zum Umdenken, sollten sie nicht von den Liberalen übernommen werden. Teile der Menschewiki, insbesondere ehemalige Ökonomisten, sprachen von einer Partei, die sich auf die Gewerkschaften stütze. Die Bolschewiki tendierten eher dazu, die Unionen als Unterabteilung der Partei zu betrachten. Auf dem Stockholmer Parteitag setzte sich die Haltung der Menschewiki durch, Parteimitglieder sollten den Gewerkschaften beitreten, diese aber sollten von der Partei unabhängig und politisch neutral bleiben. Im folgenden Jahr gewannen die Bolschewiki auf dem Londoner Parteitag die Mehrheit, die Neutralität der Arbeitervereinigungen wurde zurück gewiesen, sie sollten nicht Mitglied der Partei werden, aber ihre ‘ideologische Führung‘ anerkennen und eng an sie gebunden sein.

In unabhängigen Gewerkschaften sollten die Parteimitglieder als Fraktion unter Kontrolle der Partei arbeiten. In der Praxis erwies sich das als kaum durchführbar, viele Gewerkschaftsmitglieder waren nicht für eine Bindung an die Bolschewiki zu gewinnen. Die Aktivität der Gewerkschaften erstreckte sich auch auf die Finanzierung einer einfachsten Gesundheitsversorgung und die Einrichtung von Einkaufsgenossenschaften. Die Unterstützung von Arbeitslosen war ihnen gesetzlich verboten. Sie schufen Arbeiterbibliotheken, Sonntagsschulen, Diskussionsgruppen und die Organisation von Konzerten, Ausflügen und Festen. Bewusste Marxisten kritisierten ihre politische Kurzsichtigkeit und Ignoranz.

Auch die Genossenschaftsbewegung bot den Sozialdemokraten Möglichkeiten, unpolitische Arbeiter zu beeinflussen. Über 85 Prozent der Kooperativen existierten 1913 in Dörfern und handelten mit landwirtschaftlichen Produkten, sie wurden von der ländlichen Intelligenz geführt. Die städtischen Genossenschaften – 6,7 Prozent – hatten 450.000 Arbeiter oder 30 Prozent aller Mitglieder. 94) Oft gehörten sie zu einer Fabrik, sie entwickelten sich ziemlich unabhängig von der RSDRP, oft lehnten Bolschewiki sie ab, es fehlte ihnen die revolutionäre Aktivität. Erst als die Hoffnung auf die Revolution dahin war, traten Sozialdemokraten den Genossenschaften bei. Ihre Einrichtung wurde den Gewerkschaften überlassen, die Sozialisten sollten in ihnen Mitglieder gewinnen und die Führung für zukünftige Kämpfe gewinnen. 1908 war auf dem allrussischen Genossenschaftstag eine Fraktion von 45 Sozialdemokraten. Die allrussischen Genossenschaftstage waren einige der wenigen legalen Möglichkeiten, welche die RSDRP nutzen konnte. Die Partei nützte diese Tagungen als Forum, eine sozialistische Erklärung der unhaltbaren Zustände zu geben.

Tabelle 13: Sektoren der Lohnarbeit 1860 und 1913 in Millionen 95)

Kategorie 1860 1913
Bergbau und Industrie 1,60 6,10
Fabriken, Bergwerke 0,80 3,10
Heimindustrie, Handwerk 0,80 3,00
Bauindustrie 0,35 1,50
Transport, Kommunikation 0,51 1,41
Eisenbahn 0,01 0,82
Wasserwege 0,50 0,50
Post, Telegrafie, Telefon - 0,09
andere nichtagrarische Bereiche 0,80 4,07
ungelernte Arbeiter . 1,10
Angestellte, Beamte . 0,55
Handel, Tourismus . 0,87
Hausangestellte . 1,55
Landarbeiter 0,70 4,5
zusammen 3,96 17,58

Ein Entwurf zur Arbeiterversicherung wurde von der Regierung so stark beschnitten und verzögert, dass die sozialdemokratische Dumafraktion im Januar 1912 gegen sie stimmte. Die linken Bolschewiki waren gegen sie als Schaffung neuer Illusionen, von den rechten Menschewiki wurde sie begrüßt, aber als unzureichend kritisiert. Das Gesetz sah eine minimale Alters- Invaliden- und Krankenversicherung vor. Die konkrete Ausgestaltung sollte auf Betriebsebene erfolgen. Die Prawda und die Dumafraktion denunzierten die Bedingungen, Bauern und weite Berufsschichten waren ausgeschlossen, ebenso die Arbeiter Sibiriens und des Kaukasus. Die Kampagne hatte einen gewissen Erfolg unter den Arbeitern, sie verlangten die Wahl eigener Vertreter zur Verwaltung der Versicherungen. 1914 gab es 2.800 Fonds mit zwei Millionen Arbeitern.96)

Daneben gab es Arbeitervereine verschiedenster Interessen. Vor 1905 waren sie vor allen philanthropischer Ausrichtung, nach 1905 dienten sie als Tarnung für Gewerkschaften usw. Der Kiewer Arbeiterverein hatte 1912 400 bis 600 Mitglieder, er abonnierte die legalen Arbeiterzeitungen und machte Spenden für deren Kampagnen. In Tschernigow drohte die Polizei mit Schließung, falls ein Teilnehmer es wagen sollte, den Vorsitzenden mit ‘Genossen‘ anzureden. 97) In Charkow gab es eine Techniker-Gesellschaft mit 600 Teilnehmern 1908/1909, ein ideales Forum für Agitation und Mitgliedergewinnung, auch mathematische Vorlesungen wurden politisch ausgestaltet. Bibliotheken waren ebenfalls gut für Agitation und Propaganda geeignet. Eine besondere Form der Klubs nahm das ‘politische‘ oder ‘revolutionäre‘ Rote Kreuz ein, ein Vorläufer der Roten Hilfe. Es unterstützte politische Gefangene und ihre Angehörigen. Manchmal schmuggelten die Mitglieder auch politische Manuskripte ins und aus dem Gefängnis.

Das deutsche Flottenrüstungs-Programm, die österreichische Besetzung von Bosnien-Herzegowina 1908, die Balkankriege 1912/1913 sowie die Marokkokrisen zeigten, wie sich die Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten immer mehr verschärften. Banken und Industrie Russlands waren vom französischen, britischen und deutschen Kapital beherrscht, die ihre Interessen gegeneinander ausspielten. Russland hoffte darauf, im Krieg, die Dardanellen zu erobern, das wurde dem Zaren in einem Geheimvertrag 1915 von den Alliierten auch zugesichert. Es ging um neue Märkte, Rohstoffe und Einflusssphären. Dagegen stand die Zweite Internationale mit 41 Parteien in 27 Ländern und 12 Millionen Mitgliedern. Die Zweite Internationale hatte sich stets gegen den imperialistischen Krieg eingesetzt, ohne sich auf eine Taktik zu seiner Verhinderung einigen zu können. Auf dem Baseler Kongress der Internationale 1912 herrschte der Pazifismus vor. Jaurès forderte den Frieden, aber das war eine windelweiche Haltung. Lenin hatte auf dem Kongress von Stuttgart 1907 die Ergänzung eingebracht, im Falle der Kriegsgefahr müssten die Arbeiter den Kapitalismus stürzen. Das wurde sogar unterstützt, wie sich zeigen sollte als Lippenbekenntnis. Solche Resolutionen verabschiedete man auf Parteitagen, um sich darauf berufen zu können und die Arbeiter zu verwirren. Sie hatten keine praktischen Konsequenzen. 98)

Im Juli 1914 brach nach einer Schießerei auf Putilow-Arbeiter ein Generalstreik von 200.000 Arbeitern aus. Ein ‘Linkes Bolschewistisches Komitee‘ versammelte 123 Delegierte aus den Betrieben und agitierte für den Barrikadenkampf, es wurde von der Polizei verhaftet. Gleichzeitig kam der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré nach Petersburg. Die zaristischen Behörden mussten sich gewaltig ins Zeug legen, um den Besuch von Poincaré ohne Behinderung über die Bühne zu bringen. Zwei Tage nach Beendigung des Generalstreiks am 19. Juli 1914 erklärte der Zar Deutschland den Krieg.

Der Krieg zersetzt die Gesellschaft

Der Ausbruch des Krieges führte in allen beteiligten Staaten zu einer patriotischen Welle der Begeisterung, so auch in Russland. Viele Arbeiter meldeten sich freiwillig zum Kriegsdienst, doch es gab auch kriegsfeindliche Kundgebungen. Am 31.Juli demonstrierten 27.000 Menschen in Petersburg gegen den Krieg.

“Die Masse der Zuschauer, besonders im Zentrum der Stadt, wurde durch patriotische Rufe aufgestachelt. Jetzt nahmen sie keine freundliche Neutralität mehr ein [wie ein paar Wochen zuvor, A.d.V.], sondern griffen die Demonstranten an und half der Polizei sie zu verhaften und zusammen zu schlagen. … Eine Gruppe von Reservisten kam gerade vorbei, als eine Gruppe demonstrierender Arbeiter auftauchte. Mit den Rufen ‘Nieder mit dem Krieg‘ näherten sie sich den Reservisten. Das Publikum auf dem Newski-Prospekt, meist Philister und untätige Müßiggänger, verschwand bei Arbeiterdemonstrationen normalerweise in den Seitenstraßen. Manchmal versteckten sie sich schüchtern in den Hauseingängen und Durchgängen und beobachteten die Demonstranten von weitem. Aber diesmal zeigte das Publikum Aktivität und übernahm die Rolle der zaristischen Polizei. Unter den Rufen ‘Verräter, Verräter‘ rannten sie vom Gehweg auf die Straße und begannen auf die demonstrierenden Arbeiter einzuschlagen. Die Polizei nahm die Demonstranten fest und verfrachtete sie in die nahen Polizeireviere. Unter diesen Umständen war eine breite Entwicklung der Protestbewegung gegen den Krieg unmöglich. Die heroischen Akte der Arbeiter wurden im großen Meer des Patriotismus ertränkt.“ 99)

Zu Beginn des Krieges drang die russische Armee in Ostpreußen und Galizien ein, wurde aber im Laufe des Jahres 1915 weit auf russisches Territorium zurück geschlagen. 1916 war ganz Polen von den Mittelmächten erobert, nur im östlichen Teil Galiziens und in Rumänien verlief die Front auf gegnerischem Territorium. Ab September 1915 war die deutsche Armee auf dem Vormarsch und trieb die russische Armee bis zu 450 km zurück und eroberte ein Territorium größer als Frankreich. Der Vormarsch wurde trotz Munitionsmangel befohlen, der Rückzug ab dem Frühjahr 1915 geschah unkoordiniert und chaotisch. Der russische Kriegsminister setzte ab 1915 seine Zuversicht nur noch auf die unermesslichen Entfernungen, die unpassierbaren Wege sowie die Gnade des heiligen Nikolaus, des Schutzpatrons Russlands. 100) Lediglich an der Südwestfront in Galizien und Rumänien und an der türkischen Front konnte die russische Armee auf das gegnerische Territorium vordringen und sich dort bis 1917 halten. 101)

Die Friedensstärke der russischen Armee betrug 1.370.000 Mann. 1914 wurden 5.115.000 Soldaten mobilisiert, 1915 5.210.000, 2.745.000 1916 und 630.000 im Jahr 1917, insgesamt also über 15 Millionen Soldaten. 1917 waren 37 Prozent der männlichen Bevölkerung unter Waffen. 102) Die Grenze nach Westen war dicht, alliierter Nachschub war nur über Wladiwostok und das Weiße Meer im Norden möglich, da auch Schweden in die Kontinentalsperre der Alliierten einbezogen wurde. Die 1.200 km lange Eisenbahnlinie nach Murmansk wurde gebaut, die 4.000 km lange Transsibirische Eisenbahn wurde durch den verlorenen Krieg 1905 erst 1916 fertig. Der Außenhandel ging radikal zurück, der Eisenbahntransport war sehr langsam, die Kriegstransporte verlangsamten die Versorgung der Städte.

Bild 24: Bauernreservist nimmt Abschied
173_bauernreservist_abschied_wilman_p.120_.jpg Die Armee hielt die Niederlage aus, ihre Bewaffnung war den Mittelmächten unterlegen, in den Stäben der Armeen herrschte Kompetenzwirrwarr, die Koordination mit der Rüstungsindustrie fehlte. Für die 1,4 Millionen im Januar 1915 eingezogenen Soldaten trafen beispielsweise die Gewehre 18 Monate später ein, bis 1916 herrschten Munitions- und Uniformmangel. 103) Mit den zunehmenden Niederlagen wurden die Soldaten kriegsmüde, die ständigen Rückzüge demoralisierten die Truppen, die offensichtlichen Fehlentscheidungen der Führer lockerte die Disziplin. Befehlsverweigerungen, Alkoholismus und Desertionen häuften sich. Die desaströse militärische Situation war ein fruchtbarer Boden für die revolutionäre Propaganda.

Zu Beginn des Krieges wurde die Prohibition eingeführt, das ließ die Steuereinnahmen stark absinken, schließlich waren 1913 in fast 26.000 Alkoholläden über tausend Hektoliter Wodka verkauft wurden. Die jährlich 500 Millionen Rubel Einnahmen fehlten dem Staat, dafür stieg die Schwarzbrennerei, wie die zahlreichen Berichte über öffentliche Trunkenheit zeigten. 104) Die Steuereinnahmen fielen auch durch den Ausfall der Exporte. Ab 1916 wurde eine Einkommenssteuer eingeführt und die Profite aus den Kriegsgewinnen wurden besteuert, die man aber umgehen konnte und die nur wenig einbrachte. 24 Milliarden wurden als Kriegsanleihen im In- und Ausland aufgenommen, die Druckpresse angeworfen. Im März 1917 hatte sich der Geldumlauf verneunfacht, die Provisorische Regierung verdoppelte ihn dann noch einmal. 105)

1915 wurden vier nationale Komitees für Krieg, Transport, Öl und Lebensmittelversorgung geschaffen. Daneben wurden auf Initiative von Industriellen die Kriegsindustrie-Komitees gegründet. Die Regierung hatte keinen zentralen Plan für die Wirtschaft. Die Rüstungsindustrie wurde unter Staatskontrolle gestellt, über die Rationalisierung der Versorgung dachte man viel zu spät nach, die Wirtschaft war im Gegensatz zu Deutschland und Großbritannien desorganisiert. Auf dem Land fehlten Textilien, Landmaschinen, Werkzeuge und Leder. Den Städten mangelte es an Öl, Mehl, Butter, Eier, Milch und Gemüse. Am stärksten litt die Industrie unter der Last, es fehlte ihr an Arbeitskräften. Die Militärbehörden waren ausgesprochen langsam, Rückstellungen der unabkömmlichen Kräfte für die Produktion vorzunehmen, ein riesiges Bedürfnis nach Rüstungsgütern wurde geschaffen. Frauen und Jugendliche wurden zahlreich eingestellt, 1916 war die Hälfte der Arbeitskraft einiger Branchen weiblich. Der Arbeitstag wurde verlängert, die Produktivität sank. Im Gegensatz zur Industrie hatte die Landwirtschaft einen großen Überschuss an Arbeitskräften, die Fläche des bearbeiteten Bodens stieg auch während des Krieges an. Schwieriger war die Situation für die Großgrundbesitzer, denen jetzt Landarbeiter fehlten.

Zerrissene Staatsführung

Der Zar führte die Niederlage im russisch-japanischen Krieg 1904/1905 auch darauf zurück, dass er nicht das Kommando geführt hatte. Zu Beginn des Krieges wurde Großfürst Nikolai Nikolajewitsch Romanow, ein Verwandter des Zaren, Oberbefehlshaber, eine recht unglückliche Wahl. Er zeichnete sich nicht durch Kompetenz aus, war aber bei den Soldaten beliebt. 1915 setzte der Zar seinen Wunsch durch und übernahm das Oberkommando, damit war er persönlich verantwortlich für den Kriegsverlauf. Seine Abreise zum Generalstab nach Mogilnow brachte die Zarin, ihren Zirkel und ihren Günstling in eine entscheidende Machtposition. Die Zarin Alexandra Feodorowna entstammte aus dem Kleinstaatengeschlecht Hessen- Darmstadt und wurde von ihrer Großmutter Königin Viktoria erzogen. Bei ihr vermischten sich deutsche Romantik, englischer Puritanismus und russische Selbstherrschaft. Mehr als ihr Mann hasste sie liberale Ideen und glaubte an die mystische Einheit des Zaren mit dem russischen Volk durch den Segen der orthodoxen Kirche. Ihr mystischer Aberglauben öffnete einem Abenteuer wie Rasputin Tür und Tor. Die geheim gehaltene Bluterkrankheit ihres Sohnes Alexis konnte nur die hypnotische Kraft dieses ‘Mann Gottes‘ lindern, der durch die Vorsehung geschickt worden war, um das Leben des zukünftigen Herrschers des heiligen Russlands zu schützen. Seine unhöfische Wildheit bestärkte sie in der Idee, seine Entfernung vom Hof werde den Tod des Thronfolgers nach sich ziehen, für sie war Rasputin die gottgesandte Personifizierung des russischen Volkes. Vor dem Krieg war es eine private Affäre des Hofes, aber als der Zar im August 1915 abreiste, wurde der Einfluss der Zarin und damit Rasputins auf die Politik bedeutend.

Bild 25: Grigori Rasputin
Mit emsiger Geschäftigkeit mischte sie sich in die Tagespolitik ein, wechselte widerspenstige Minister gegen Parteigänger Rasputins aus. Die Führer der Duma, des Semstwos oder gar des Kriegsindustrie-Komitees galten ihr als Kriminelle, der Zar billigte das. Rasputin wurde zum heimlichen Herrscher über das Schicksals der Nation; da er keine politische Konzeption hatte, unterlagen er und die Zarin dem Einfluss der Reaktionäre in der Hofkamarilla. Gerüchte kamen auf, sie arbeiteten heimlich mit dem deutschen Generalstab zusammen, überraschend viele Berater wie der Ministerpräsident Stürmer trugen deutsche Familiennamen, diese Beschuldigungen fanden ihren Weg bis in die Verhandlungen der Duma. Ein konkurrierender Teil dieses mittelalterlichen Hofregimes verschwor sich gegen Rasputin und ermordete ihn im Dezember 1916. Im Februar 1917 war niemand mehr bereit, dieses anachronistische Regime zu verteidigen. 106)

Zu Beginn des Krieges wurde fast der gesamte Westen einschließlich der Hauptstadt unter das Kommando der Militärgewalt gestellt. Militär- und Zivilgewalt arbeiteten gegeneinander, das Militär beanspruchte auch die Produktion zu reglementieren und ignorierte zivile Bedürfnisse. Die Minister der Regierung wurden 1916 ständig ausgewechselt, die Handschrift der Zarin und ihres Vertrauten war deutlich sichtbar. Der greise Ministerpräsident Goremykin genoss das Vertrauen von Zarin und Rasputin, so konnte er bis 1916 seinen Posten halten. Sein Nachfolger wurde der Bürokrat Boris Stürmer, auch er war den Aufgaben seines Amtes nicht gewachsen, Miljukow beschuldigte die Zarin und ihn in der Duma des Landesverrats. Stürmers Nachfolger Trepow wurde vom Zaren im November 1916 dann persönlich ausgesucht, er hielt sich nur fünf Wochen, bevor der unerfahrene Nikolai Galitsyn im Dezember das Amt übernahm, der erklärtermaßen auch kein Programm hatte. Das Beste, was man über diesen schnell wechselnden Reigen der Bürokraten sagen kann ist, dass sie völlig unfähig waren, eine politische Linie durchzusetzen. Die Zersetzung des Zarismus förderten sie mehr als diese aufzuhalten. Mit jedem Ministerwechsel kamen neue Bürokraten, die die Aktionen ihrer Vorgänger umzuwerfen suchten, sofern sie ihre Aufgaben zu verstehen in der Lage waren. Die nichtoffiziellen Organisationen wie der Verband der Semstwos und die Kriegsindustrie-Komitees gewannen gegenüber der Regierung größere Bedeutung.

Die russische Armee hatte eine riesige Zahl von Soldaten, die aber schlecht ausgerüstet waren mit Stiefeln, Gewehren, Flugzeugen, Bomben und Artillerie, 1914 hatte sie insgesamt 679 Motorfahrzeuge. In der Schlacht bei Tannenberg verlor die russische Armee 70.000 Tote und Verwundete, 100.000 wurden gefangen genommen, die deutschen Verluste lagen bei 15.000. Ende 1914 hatten die Zarentruppen schon 1,8 Millionen Soldaten verloren. Die patriotische Begeisterung ging schnell verloren. Die Soldaten waren ständig der brutalen Ignoranz ihrer Offiziere ausgesetzt, den gleichen Offizieren, die sie als Grundbesitzer drangsalierten. Unter den Soldaten bildeten sich bald Wortführer, meist aus der Schicht der Unteroffiziere. Am Ende des Krieges waren 750.000 russische Soldaten Kriegsgefangene, die Hälfte der 15 Millionen mobilisierten Männer war tot, verletzt oder vermisst.

Während des Krieges wuchs das Prestige der Duma. Bei Kriegsbeginn verabschiedete die Duma die Kriegskredite, dann wurde sie bis 1915 vertagt, um neuen Krediten zustimmen zu dürfen. Die meisten Gesetze wurden ohne Votum der Duma in Kraft gesetzt. Die militärischen Niederlagen brachten die Mehrheit der Abgeordneten in Opposition zur Regierung. 1915 schuf die Duma Kommissionen und Ausschüsse für Verteidigung, Öl- und Lebensmittelversorgung, Transport und Flüchtlinge. In diese Kommissionen waren Duma, Staatsrat, Semstwos, Städte und die Kriegsindustrie-Komitees eingeschlossen Das war eine Neuheit in Russland, wodurch das Ansehen der Duma stieg.

Im Sommer 1915 sah sich der Zar genötigt, die Duma einzuberufen. Die Liberalen rührten sich angesichts der schlechten militärischen und politischen Lage wieder. Ein ‘Progressiver Block‘ bildete sich, er reichte von gemäßigten Nationalisten über die Oktobristen bis zu den Kadetten mit 241 der 407 Abgeordneten, Menschewiki und Trudowiki unterstützten ihn. Seine moderaten Forderungen waren eine tolerantere Politik in der Nationalitätenfrage, besonders gegenüber Juden und Polen, eine Amnestie und mehr Rechte für Gewerkschaften. Goremykin ließ die Duma wieder vertagen. Der Progressive Block hatte die Mehrheit der öffentlichen Meinung auf seiner Seite, der Anspruch der Kadetten einer der Duma verantwortlichen Regierung gewann an Boden, Miljutin konnte sich als ihr Sprecher profilieren.

Hinzu kam das wachsende Misstrauen gegenüber der Regierung, die Rolle der Zarin und ihres Günstlings Rasputin erregten den Widerstand. Im Januar 1916 wurde Goremykin durch Stürmer ausgewechselt, die Politik änderte sich nicht, die Verdächtigungen gegen die ‘deutsche‘ Zarin und den ‘deutschen‘ Ministerpräsidenten häuften sich. Miljukow artikulierte den Verdacht auf Kollaboration im November 1916, was große Beachtung in der Öffentlichkeit fand. Die weißen Flecken in den Zeitungen mit den wegzensierten Abschnitten erregten die Fantasie und den Hunger der Leser nach deren Inhalt. Die Ermordung Rasputins durch Mitglieder des Hochadels heizte die Stimmung weiter an. Der Führer der extremen Rechten der Duma Purischkewitsch wollte durch den Mord an Rasputin und die Unterbringung der Zarin in einer Heilanstalt den Zaren von beider Einfluss befreien und ihn in einen konstitutionellen Monarchen verwandeln. Rasputin konnte getötet werden, die Mörder wurden im Bolschoi-Theater und im Hochadel gefeiert. Doch Nikolaus II. spielte nicht mit und war nicht bereit, eine Hofclique durch eine andere auszuwechseln. Das war ein Anzeichen dafür, dass die Herrschenden nicht mehr regieren konnte wie bisher. Eine der Duma verantwortliche Regierung lehnten Zar und Zarin weiter ab.

Bild 26: Feldlazarett in einer Kirche
175_feldlazarett_in_kirche_wildman_vor_p.121.jpg Das russische städtische Kleinbürgertum war klein, die Stärke dieser Schicht lag in ihrer Fähigkeit, die öffentliche Meinung zu artikulieren. Parallel zur Bedeutung der Duma stieg im Krieg der Einfluss der Semstwo-Organisationen auf das öffentliche Leben sowie die Kriegsindustrie-Komitees. Die Bevölkerung Petrograds stieg von 2,1 auf fast 2,5 Millionen von 1914 bis Januar 1917 an, die Moskaus von 1,6 auf 2 Millionen 1912 bis 1916. 107) Die Lebensbedingungen in den Städten verschlechterten sich, insbesondere das Wohnungswesen und die Lebensmittelversorgung; alle Stadtverwaltungen beklagten sich darüber. Die Preise verdoppelten sich, in Moskau stiegen sie gegenüber 1914 für Butter auf 220 Prozent, Fleisch auf 371, Kohle und Feuerholz auf 224, Schuhe auf 334 Prozent. 108) Davon profitierten Industrielle und Händler, die Löhne in der Rüstungsindustrie stiegen. Die Einkünfte des Kleinbürgertums fielen deutlich ab. Der Mangel an Rohstoffen führte zu Ausfällen bei der Gas- und Stromversorgung, zeitweise fuhren die Straßenbahnen nicht.

Die Semstwos standen im Kampf um mehr Freiheiten in einem ständigen Konfliktverhältnis zur Staatsverwaltung. Zu Kriegsbeginn wurde die ‘Allrussische Vereinigung der Semstwo zur Hilfe für kranke und verwundete Soldaten‘ unter Führung von Fürsten Georgi Lwow gegründet. Der Unmut über die Unfähigkeit der Regierung, die Versorgung der Armee und Heimatbevölkerung sinnvoll zu organisieren, führte zu engerer Zusammenarbeit mit der Duma in Opposition zur Regierung. Auch der Oktobristenführer und Fabrikant Alexander Gutschkow war über die fehlende Energie der Regierung bei der Versorgung der Armee entsetzt.

Die Kriegsindustrie-Komitees

Für Intelligenz und Industrielle war die Mobilisierung der Regierung einfach zu lasch. Gutschkow regte eine Kraftanstrengung der Industriellen und Arbeiter an. Ab 1915 wurden 28 regionale Kriegsindustrie-Komitees geschaffen, die Ende 1915 unter dem Dach eines zentralen Kriegsindustrie-Komitees zusammen gefasst wurden. Sie umfassten Vertreter der Industrie, des Handels und der Regierung, der Semstwo-Vereinigungen und Städte sowie Delegierte der Arbeiter. 109) Besonders das Einbeziehen der Arbeiter war eine Novität in Russland. Es war eine Organisation der Industriellen zur Unterstützung der Regierung, aber nicht unter der Kontrolle der Regierung, und bezeugte das fehlende Vertrauen der Industriellen in den Staatsapparat.

Alexandra Fjodorowna bekämpfte den wachsenden Einfluss der Kriegsindustrie-Komitees und der Semstwo- Vereinigung hartnäckig, die Regierung verhaftete die Arbeitergruppe der Kriegsindustrie-Komitees, das trieb die Intelligenz in die Opposition. Die Polizeiberichte im Oktober 1916 stellten fest:

“Die schnell anwachsende Desorganisation des Transports, die unkontrollierte Orgie von Missbräuchen von gewissenlosen Männern in allen Sparten des Handels und der Industrie sowie im öffentlichen und politischen Leben, die unzusammenhängende und gegeneinander handelnde Politik der zentralen und lokalen Behörden, die Unehrlichkeit der unteren Beamten in den Provinzen – all das hat zu einer ungerechten Verteilung von Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs geführt, zu einem starken und schnellen Anstieg der Kosten der Lebenshaltung und zu einer Unzulänglichkeit der Versorgung. Die Bevölkerung der Hauptstadt und der großen Städte leidet schon unter Hunger. Diese Faktoren machen deutlich, dass die Vernachlässigung des Hinterlandes der Hauptgrund für die Desorganisation des Staatsapparates ist; das Herannahen einer Krise ist offenkundig…

Diese Analyse wird völlig bestätigt durch die überall zu beobachtende Unruhe. Zu Beginn des … Monats September gab es aus allen Teilen der Bevölkerung der Hauptstadt außerordentlich starke Äußerungen von Opposition und Feindseligkeit gegenüber der Regierung. Beschwerden über die Verwaltung wurden immer häufiger und die Politik der Regierung wurde scharf kritisiert. Jetzt, am Ende des Monats haben diese feindseligen Gefühle nach verlässlichen Informationen eine Stärke unter den Massen erreicht, die auch 1905/1906 nicht erreicht wurde. Offen und ohne Zurückhaltung werden Beschwerden über die ‘Unehrlichkeit der Verwaltung‘, das untragbare Los des Krieges oder die unmöglichen Bedingungen des täglichen Lebens ausgedrückt. Die aufreizenden Erklärungen der Radikalen und anderer Elemente der Linken, dass man ‘erst mit den Deutschen, dann aber mit denen da Oben fertig werden müsse‘, treffen auf immer mehr Zustimmung…

Solche Äußerungen kommen von überall her, auch aus Kreisen, die zuvor nie Unzufriedenheit ausdrückten (wie einige Gruppen von Offizieren der Garde). Man ist geneigt, … dem Führer der Kadettenpartei Recht zu geben, … dass ‘sich Ereignisse von größter Bedeutung nähern,… die beängstigend und schrecklich aber gleichzeitig unvermeidlich sind.“ 110)

Die Meinung war verbreitet, dass ein Sieg gegen die Deutschen unter diesem System unmöglich sei. Russland sei völlig bankrott – finanziell, politisch und moralisch; die Fortsetzung des Krieges gefährde den Fortbestand des Staates und der Nation. Selbst unter den regimetreuen Oktobristen gab es eine Untergangsstimmung, die Bauern pachteten kein Land mehr von den Grundbesitzern, da sie sicher seien, es werde sowieso bald unter ihnen verteilt. Zu Beginn des Krieges hätten die Oktobristen treu zur Regierung gestanden, aber was könnten sie tun, wenn die Regierung selber für das Chaos verantwortlich sei? Die Regierung genoss nur noch die Unterstützung der Parteien der extremen Rechten, mit ihren staatlich subventionierten Zeitungen bekämpften sie alle Konzessionen an die Demokraten, Juden und Freimaurer seien für das Elend Russlands verantwortlich. 111)

Dagegen verschlechterte sich während des Krieges die wirtschaftliche Lage der Bauern nicht. Die Zahl des bebauten Landes stieg weiter, viele der Pferde waren wegen ihrer Schwäche fürs Militär nicht brauchbar. Die Überweisungen der Soldaten, das Geld für die requirierten Tiere, sowie die neuen Möglichkeiten aus der Prohibition ließen die Einkommen der Bauernfamilien um 18 Prozent ansteigen. 112) Dagegen stockte die Versorgung mit Industriewaren. Millionen von Bauern wurden zu Soldaten, was sie resignierend akzeptierten. Im Oktober 1916 schrieb ein Polizeibericht:

“Der hohe Verlust an Leben ist in den Dörfern genau wie in den Städten zu fühlen, hier ist er mit noch wilderen Gerüchten als in den Städten verbunden. Die Bauern glauben den Gerüchten, dass Felle, Getreide, Zucker usw. nach Deutschland exportiert werden, dass… [der Minister für den Zarenhof, A.d.V.] die Hälfte Russlands an die Deutschen verkauft habe und so weiter. All das schafft in den Dörfern eine beunruhigende Atmosphäre… Die Haltung des ländlichen Russlands zum Krieg war von Beginn an negativ, denn es hatte mehr als die Städte unter der Abreise der mobilisierten Männer zu leiden. Jetzt hat es alles Vertrauen in einen siegreichen Ausgang des Krieges verloren. Wie Versicherungsagenten, Lehrer, Händler und andere Vertreter der ländlichen Intelligenz berichten, warten alle auf das Ende dieses ‘verdammten Krieges‘. Die Bauern diskutieren jetzt eifrig politische Fragen, an denen sie seit 1906 offensichtlich jedes Interesse verloren hatten, sie erklären, dass… [der Kriegsminister, A.d.V.] ‘gehängt werden solle‘, dass man erst gewinne, ‘wenn zehn oder fünfzehn Generäle an den Galgen kämen‘. Es gibt ein Anwachsen der feindlichen Haltung nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen alle anderen sozialen Gruppen wie Industriearbeiter, Regierungsbeamte, Geistliche und so weiter.“ 113)

Zu Beginn des Krieges gab es ungefähr 3 Millionen Arbeiter und 9 Millionen Lohnabhängige. (ebenda, p.154)) 1913 bis 1917 versechsfachte sich der Preisindex, die Löhne hielten nicht mit. Am besten ging es den Arbeitern der Rüstungsindustrie. Im August 1916 wurde in Moskau der Zucker rationiert, im März 1917 folgte die Rationierung für Brot, im Juli für Fleisch, im August für Butter, im September für Eier, im Oktober für Speiseöl, in Dezember für Tee. In Petrograd gab es ab Mai 1917 zweieinhalb Pfund Brot und Zucker auf Lebensmittelkarten, jeden Monat mussten mehr Lebensmittel rationiert werden. 114) Wie immer bei Rationierungen gab es endlose Schlangen vor den Geschäften und unbezahlbare Preise auf dem freien Markt. Der starke Zuwachs der Bevölkerung verschärfte die Wohnungssituation. Mieten verdoppelten oder verdreifachten sich, der Standard einer Familie mit Kindern in einem Zimmern verschlechterte sich, Wasser, Strom und Sanitäranlagen in Wohnungen gab es nur für Privilegierte.

Deutlich ist die wachsende ökonomische und politische Unzufriedenheit ab dem Frühjahr 1915. Die Zahl der für jeden Arbeiter verlorenen Arbeitstage durch Streiks stieg und die Zahl der politischen Streiks überstieg dann die der ökonomischen Arbeitsniederlegungen wieder deutlich. Die Regierung reagierte mit Repression, eine Form war die Einberufung zur Armee. Die wenigen aus 1905 überlebenden Gewerkschaften hatten kaum Einfluss, die Krankenkassen waren kein Kristallisationspunkt für Widerstand. Alle Arbeiterorganisationen standen unter Polizeiaufsicht.

Karte 16: Die russische Front 1917

1915 waren die Kriegsindustrie-Komitees von liberalen Rüstungsfabrikanten gegründet worden. Die Unternehmer hofften, durch die Einbindung der Arbeiter in die Verantwortung ihre Bewegung in friedliche Bahnen zu lenken. Das zentrale Kriegsindustrie-Komitee verlangte die Wahl von zehn Arbeitervertretern zum Komitee, die Regierung stimmte zu. Unter den Arbeitern fand das eher ein geteiltes Echo. Die Bolschewiki lehnte jede Teilnahme an den Rüstungsanstrengungen ab.

“Wir sind gegen jede Beteiligung an den Kriegsindustrie-Komitees, die den imperialistischen reaktionären Krieg unterstützen. Wir werden uns an der Wahlkampagne …aus propagandistischen und organisatorischen Gründen beteiligen.“ 115)

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren sich über die Beteiligung an den Arbeitergruppen der Kriegsindustrie-Komitees nicht einig, der Flügel der Vaterlandsverteidiger beteiligte sich uneingeschränkt, während die Bolschewiki entschieden, nur an der Urwahl teilzunehmen. Die Wahlkampagne wurde ohne Polizeieinmischung geführt, am 21. September 1915 wurden 218 Delegierte aus 93 der 101 möglichen Betriebe mit 213.000 Arbeiter gewählt. Von ihnen waren 60 bis 70 Bolschewiki, 80 Menschewiki und Sozialrevolutionäre, 60 gehörten keiner Fraktion an. 116) Als am 27. September die Delegierten zur Bestimmung der Mitglieder der Kriegsindustrie-Komitees gewählt werden sollten, schwenkten linke Sozialrevolutionäre zu den Bolschewiki um, deren Plattform siegte mit 95 gegen 81 Stimmen. Den Bolschewiki half die erregte Stimmung nach dem Massaker an den Arbeitern von Iwanowo. Am 29. November fand eine zweite Sitzung statt, die Bolschewiki verlasen eine Erklärung und verließen den Saal; 23 linke Sozialrevolutionäre folgten ihnen, 74 oder 109 Delegierte blieben übrig und wählten die Mitglieder der Kriegsindustrie-Komitees. 117)

Dank ihrer geschickten Taktik konnten die Bolschewiki einen moralischen Sieg verbuchen und die Vertreter der Kriegsindustrie-Komitees als Klassenverräter hinstellen. Die Arbeiter bei Ericsson und Neuer Lessner- Fabrik bedrohten die Mitglieder der Komitees in einer Resolution, wenn man ihrer habhaft werde, werde man sie mit Schubkarren aus dem Betrieb werfen. Die Beteiligung der Arbeiter an den Komitees war gering, in nur einem kleinen Teil der regionalen Kriegsindustrie-Komitees konnten Arbeitergruppen eingerichtet werden, über die Funktion eines Wurmfortsatzes der Liberalen kamen sie nicht hinaus. Die gewählten Mitglieder des zentralen Komitees, alles Menschewiki, blieben aber mit ihren Wählern in Kontakt. Erstmals in der Geschichte Russlands waren Arbeiter in ein halbstaatliches Gremium gewählt worden, natürlich hatte die Ochrana ihren Agenten unter den Arbeitermitgliedern der Kriegsindustrie-Komitees. Die Arbeitergruppe plante für den 14. Februar 1917 einen Generalstreik und Demonstrationen vor dem Taurischen Palast zur Unterstützung des Progressiven Blocks. Mehrere Mitglieder der Arbeitergruppe wurden festgenommen. 118)

Die Sozialisten und der Krieg

Am 26.Juli 1914 verabschiedeten die Abgeordneten der Duma einstimmig eine patriotische Erklärung zur Unterstützung des Krieges, nur fünf Bolschewiki, sechs Menschewiki und die Trudowik zogen aus der Duma aus und weigerten sich für die Kriegsunterstützung zu stimmen; der Sprecher der Trudowiki Kerenski war für einen Verteidigungskrieg. Die menschewistischen und bolschewistischen Abgeordneten schlossen sich angesichts des Drucks eng zusammen und nahmen eine halb-pazifistische Haltung ein. Vandervelde, Führer der belgischen Sozialdemokraten, des Internationalen Sozialistischen Büros und seit Kriegsbeginn Minister, forderte sie zu einer Stellung für den Krieg auf, dem die menschewistischen Abgeordneten auch folgten. Die fünf bolschewistischen Abgeordneten schwankten, stimmten gegen Kredite, zogen demonstrativ aus der Duma aus, gingen in Betriebe und hielten mutige Anti-Kriegsreden. Sie machten – trotz ihrer Schwankungen – die Stellung der Bolschewiki gegen den Krieg publik. Die Partei war durch die Einberufungen, Provokateure und Verhaftungen stark geschwächt, erst im November 1914 konnte sie eine nationale Konferenz einberufen,.Am dritten Tag wurde die Versammlung von der Polizei überfallen, auch die bolschewistische Dumafraktion wurde verhaftet. Im Januar 1915 war die Mehrheit der bolschewistischen Führung mit Kamenew, Stalin, Rykow, Swerdlow u.a. in Russland verhaftet. Im Februar 1915 wurden die bolschewistischen Duma-Abgeordneten zu langjährigen Verbannungsstrafen in Sibirien verurteilt.

Fast alle internationalen sozialdemokratischen Parteien bekannten sich zur Landesverteidigung. Der Gedanke der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse aller Länder zerbrach, die nationalen Interessen traten in den Vordergrund, ebenso das Bündnis mit der eigenen herrschenden Klasse. Im August wurde die Angst vor dem Eindringen des Landesfeindes geschürt, vor der Unterjochung durch eine fremde Gewalt. Das Gefühl des Patriotismus und Nationalismus erfasste die Massen, was zuvor noch als Ideologie der herrschenden Klasse bezeichnet wurde. Die deutsche Sozialdemokratie hatte sich zum revolutionären Endziel bekannt und den Revisionismus des friedlichen Hineinwachsens des Kapitalismus in den Sozialismus verworfen, ihre Sprache war revolutionär.

Die Massen suchten sich in der Gesellschaft so gut wie möglich einzurichten, im Kampf um die Tagesziele trat das Endziel einer Gesellschaft der Gleichen zurück. Keine Partei sah in der Erhebung der Massen im Kampf um die Macht als eine unmittelbare Aufgabe. Die Theorie der Abgrenzung vom bürgerlichen Staat wurde im Krieg von der Mehrheit der Sozialdemokraten aufgegeben. Der Wunsch den Krieg zu verhindern erwies sich als Illusion. Bebel, Adler, Guesde und Plechanow glaubten, die Arbeiterklasse sei zu schwach, um sich im Augenblick des Kriegsausbruches gegen den Staat zu erheben. Das anerkannten auch Trotzki und Lenin, der erklärte, dem Krieg könne man nicht mit einem Generalstreik antworten.

Die Sozialdemokratie verlor vor dem Hintergrund der langen Phase des ökonomischen Aufstieges vor dem ersten Weltkrieg das Ziel der sozialen Revolution aus den Augen. Der Boom hatte zur Verbesserung der Lebensbedingungen eines Teils der Arbeiterklasse geführt, dies war die Basis des sozialen Friedens, an dem sich die Führer der Arbeiterbewegung nun orientierten. Der theoretische Ausdruck dieses Phänomens war das Anwachsen des Reformismus mit dem Glauben an den langsamen Fortschritt, an die Reform des Kapitalismus. Das war der politische Ausdruck der Gefühle der sozial aufsteigenden Arbeiterschichten. Lenin erklärte den Reformismus als Ideologie der Arbeiter-Aristokratie, der dicken Kruste an der Spitze der Arbeiter-Organisationen, der Parlamentarier, Gewerkschaftsfunktionäre, Journalisten und so weiter, die in Psychologie und Lebensstil sich der Bourgeoisie annäherten und in ständigem Kontakt mit ihren Vertretern standen. Zwischen diesen ‘Arbeiter-Leutnants der Bourgeoisie‘, wie sie in den USA treffend genannt wurden, und den Linken gab es eine breite Schicht von Führern, die zwischen den reformistischen und revolutionären Positionen standen und schwankten, die deshalb Zentristen genannt wurden: Kautsky, Hilferding, Haase, Longuet, Merrheim, MacDonald, Viktor Adler und andere. Sie nahmen pazifistische Positionen ein und vermieden so die direkte Konfrontation mit den Sozialpatrioten. Im Laufe des Krieges spalteten sich Revolutionäre und Zentristen von den alten sozialdemokratischen Organisationen ab.

Die SPD hatte eine Millionen Mitglieder und mehr als vier Millionen Wähler, ein Viertel des deutschen Volkes. Die Sozialisten aller Länder erwarteten, dass sie die Kriegserklärung nicht widerspruchslos über sich ergehen lassen werden. Zum Entsetzen vieler Sozialisten der ganzen Welt beschloss die Fraktion des Reichstages, den Kriegskrediten zuzustimmen. Kautsky berichtete, es habe wie ein Keulenschlag gewirkt. Lenin glaubte zuerst, die Sondernummer des Vorwärts mit der Zustimmung der SPD-Fraktion zu den Kriegskrediten sei eine Fälschung des deutschen Generalstabes. Am 4.August stellte sie den Klassenkampf ein, kurz zuvor hatte es noch Massendemonstrationen für den Frieden gegeben. Angesichts der Kriegserklärung an Russland beschloss die Fraktion, für die Kriegskredite zu stimmen. Angeblich werde man angegriffen, das Volk glaubte der Kriegspropaganda, insbesondere die der russischen Invasion. Man würde der russischen Arbeiterklasse einen schlechten Dienst erweisen, so der Vorwärts, wenn Deutschland nicht in den Krieg gegen Russland einträte. Der Vorschlag, wie Bebel und Liebknecht 1870 sich der Abstimmung zu enthalten, wurde verworfen, die SPD könne in der Krise nicht neutral bleiben, sie müsse sich für oder gegen die Landesverteidigung aussprechen. Unter den 110 Mitgliedern der Fraktion waren ‘kaum ein Dutzend‘ Nationalisten aber nur 14 Mitglieder wie Hugo Haase, Karl Liebknecht und Georg Ledebour traten gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten ein.

“Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicher zu stellen… Wir lassen in der Stunde der Gefahr unser Vaterland nicht im Stich.“ 119)

In der Reichstagssitzung am 4.August stimmte auch die Minderheit für die Kriegskredite. Die Sozialdemokratie Österreichs sowie im österreichischen Teil Polens war genauso von der Furcht, vom Zarismus zermalmt zu werden, beherrscht. Die anderen nationalen Minderheiten ersehnten den Zerfall der Doppelmonarchie als Voraussetzung für nationale Souveränität. In Galizien rüstete die PPS für den Kampf gegen den Zarismus, Jozef Pilsudski gründete eine polnische Legion und unterstellte sie dem österreichischen Generalstab.

Bild 27: Karl Liebknecht
liebknecht_karl.jpg Nach der Ermordung von Jaurès stimmten auch die SFIO-Abgeordneten in Frankreich aufgrund des deutschen Angriffs für den Krieg. Sie gingen einen Schritt weiter als die SPD: in Rahmen der ‘Union sacrée‘ traten Jean Guesde und Marcel Sembat der Regierung bei, der Vorsitzende der antimilitaristisch- syndikalistischen CGT Léon Jouhaux wurde ‘Kommissar der Nation‘. Belgien wurde vom deutschen Einmarsch überrascht, auch hier trat die POB, die zuvor noch machtvolle Friedensdemonstrationen organisiert hatte, unverzüglich mit Emil Vandervelde in die bürgerliche Regierung ein. Bis zum deutschen Überfall auf Belgien waren sich die Labour-Parlamentarier mit der Mehrheit der britischen Arbeiter in der Ablehnung des Krieges einig.

Das Lager der Kriegsgegner war klein, sehr klein. Im Exil erklärten sich Trotzki, Tschernow und Natanson von den Sozialrevolutionären gegen den Krieg. Bei den Bolschewiki erklärte Lenin sich für den Defätismus, mit der Parole 'Der Hauptfeind steht im eigenen Land'. Die beiden serbischen Sozialisten Lapčević und Kaclerović stimmten im Parlament als einzige gegen den Krieg. Luxemburg, Liebknecht und Zetkin in Deutschland, Blagojew und Kolarow in Bulgarien, MacLean in Schottland und Connolly hoben ihre Stimme gegen den Krieg. Nur in Russland, Deutschland, Serbien und Bulgarien hatten sie Gewicht, Liebknechts Stimme gegen die Kriegskredite am 2. Dezember 1914 war ein Fanal. Überall entstanden langsam internationalistische Flügel und Gruppen, die inhaltlich sehr unterschiedlich waren, Bolschewiki, Ultralinke, Anarcho-Syndikalisten.

In Russland erklärte sich Kropotkin für den Patriotismus. Hier gab es kaum eine Basis für die Unterstützung des Krieges, von den Strukturen des Zarismus waren der Sozialismus und die Arbeiterbewegung ausgeschlossen. Trotzdem spalteten sich die Menschewiki in verschiedene Fraktionen zwischen dem Kriegsbefürworter Plechanow und dem Internationalisten Martow. Nasche Saria mit Potressow nahm eine ähnliche Position ein, während Plechanow den Krieg unterstützte, erklärte seine Zeitschrift, er opponiere nicht gegen den Krieg. Solange wie Russland von Deutschland angegriffen werde, müsse sich das russische Proletariat dagegen verteidigen. Den Zaren sahen sie als Hindernis für den Sieg, sie traten für ein Bündnis mit der Bourgeoisie zum Sturz des Zarismus ein. Der Gruppe um Potressow trat auch der Chef der Arbeitergruppe des Kriegsindustrie-Komitees, Kuzma Gwosdew bei. 120) Die Mehrheit der Menschewiki wies ihre Parlamentarier an, gegen die Kriegskredite zu stimmen.

Auf dem linken Flügel der Menschewiki stand Martow, der sich anfangs auf die Positionen Lenins zu bewegte. Seine Gruppe nannte sich jetzt Menschewiki-Internationalisten. Dazwischen gab es die Gruppe um Tschcheïdse und Skobelew, sie kämpften gegen Annexionen, einen demokratischen Frieden und unterstützten die Zimmerwalder Erklärung, sie hatten Illusionen in den ‘progressiven Block‘ 1915. Trotzki gab in Paris 1915 bis 1916 mit Hilfe von Monatte und Rosmer Nasche Slowo (Unser Wort) heraus. Er propagierte einen internationalen Zusammenschluss. Er fand den Weg zu den Bolschewiki nicht, er suchte weiter die Parteieinheit herzustellen. Martow weigerte sich mit den Kriegsbefürwortern zu brechen, die Meschrajonzi weigerten sich mit Martow zu brechen. 121)

Die Zimmerwalder Bewegung

Lenins Positionen waren sehr scharf, so dass sie oft als ultralinks denunziert wurden. Nicht nur mit den Patrioten, auch mit den Zentristen müsse man brechen. Der Krieg sei ein imperialistischer Krieg, das Produkt der Widersprüche des Imperialismus. Es gebe weder Angriffs- noch Verteidigungskriege im Zeitalter des Imperialismus. Die Zweite Internationale habe völlig versagt, die Führer der sozialistischen Parteien hätten den Internationalismus verraten und den Burgfrieden mit der eigenen Bourgeoisie geschlossen. Der Krieg müsse aus einem imperialistischen Krieg in einem Krieg der Klassen umgewandelt werden und in Revolutionen in den kriegsführenden Ländern führen, die Niederlage der jeweils eigenen Bourgeoisie sei das kleinere Übel: ‘Der Hauptfeind steht im eigenen Land‘. Aus den Trümmern der Zweiten müsse eine revolutionäre Dritte Internationale hervorgehen. Auch in der eigenen Partei fand Lenins extreme Position Widerspruch. Einige seiner Anhänger interpretierten Lenin dahin gehend, die russischen Revolutionäre sollten für den Sieg des Kaisers eintreten. Lenin war nicht gegen alle Kriege, er unterstützte nationale und soziale Befreiungskriege. Bucharin und Pjatnizki nahmen die ultralinken Positionen zur nationalen Frage ein.

Mit Mühe konnten Krupskaja, Lenin und Anhänger von Krakau in die Schweiz ausreisen, monatelang waren die Verbindungen nach Russland wieder abgerissen. Mit Sinowjew und Armand bildeten sie eine Auslandsleitung, der Sozial-Demokrat konnte als zweiseitige Monatszeitung mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren herausgegeben werden, ganz wenige Nummern erreichten Russland. Da alle anderen Wege durch den Krieg verschlossen waren, musste der Kontakt ins Zarenreich über die schwedisch-finnische Grenze hergestellt werden. Das war die Aufgabe von Alexandr Schljapnikow. 122)

Die Initiative für ein Treffen der Kriegsgegner ging von den italienischen Sozialisten aus, sie fürchteten, ihr Land werde in den Krieg hinein gezogen. Eine Konferenz der PSI und der Schweizer Sozialistischen Partei in Lugano im September 1914 plädierte dafür, die Prinzipien des proletarischen Internationalismus hoch zu halten und sich für die Beendigung des Krieges einzusetzen. Mit den russischen und polnischen Sozialdemokraten wurde eine internationale Konferenz beschlossen, um ein Aktionszentrum für den Kampf um das Ende des Krieges zu schaffen. Dann trat Italien in den Krieg ein.

Der schweizer Sozialist Robert Grimm organisierte im September 1915 eine internationale Konferenz der Kriegsgegner, 38 Teilnehmer erschienen, in vier Kutschen brachte er sie nach Zimmerwald bei Zürich. 123) Es waren Lenin und Sinowjew für die Bolschewiki, Axelrod und Martow für die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre Tschernow und Natanson, Trotzki für die Gruppe um Nasche Slowo, die rumänische Partei mit Christian Rakowski, die ‘Engherzigen‘ Bulgariens, SDKPiL und der Bund. Aus Deutschland kamen zehn Delegierte, unter ihnen Ledebour, aus Frankreich zwei Syndikalisten, zwei Schweden und Roland-Holst aus den Niederlanden. Die SPCh hatte eine offizielle Delegation abgelehnt, aber Grimm und Platten waren anwesend; die PSI war vertreten, britischen Vertretern wurden die Pässe verweigert.

Die Teilnehmer waren mehrheitlich Pazifisten, sieben Delegierte standen auf Lenins Seite auf der Linken, außer den beiden Bolschewiki noch der Lette Berzin, Karl Radek, die Schweden Höglund und Nerman, Roland-Holst und der Deutsche Julian Borchard von der Zeitschrift Lichtstrahlen. Lenins Plan der Umwandung des Krieges in einen Bürgerkrieg wurde von der Mehrheit abgelehnt, ebenso der Bruch mit der Zweiten Internationale. Trotzki verfasste das Manifest der Mehrheit, verurteilte den Burgfrieden und forderte einen Kampf gegen die Regierungen zur Erzwingung des Friedens, wandte sich aber gegen einen Bruch mit den Führern der alten Internationale. Lenin und die Linke stimmten für die Mehrheitsresolution. Lenin attackierte Trotzki, der sei im Prinzip gegen den Krieg, aber in der Praxis für die Einheit mit der Fraktion um Tschcheïdse, also bester Freund der Sozialchauvinisten Russlands, das sei unter verschiedenen Formen eine Einheit mit den Opportunisten. 124)

Vom 24. bis 30. April 1916 folgte die Konferenz von Kienthal im Kanton Bern mit 43 Delegierten, davon acht Italiener, sieben Deutsche, sechs Schweizer, fünf Polen, acht Russen, unter ihnen Lenin, Sinowjew, Armand, die Menschewiki Axelrod und Martow und drei Sozialrevolutionäre, vier Franzosen, ein Serbe, ein Portugiese, ein Österreicher, ein Engländer und Willi Münzenberg, der zum Sekretär der Jugendinternationale wurde. Es waren die Kriegsgegner, nicht die zukünftigen Mitglieder einer kommunistischen Internationale. Lenin kritisierte wieder die Menschewiki wie Martow, man könne nicht mit Vaterlandsverteidigern in einer Partei bleiben. Die Anhänger des revolutionären Defätismus und einer revolutionären dritten Internationale waren auch hier eine Minderheit von zwölf Stimmen. Nur mit Mühe konnte sich die Konferenz auf eine Resolution einen.

Im Laufe des Krieges wurde der Widerstand gegen den Sozialpatriotismus größer. In Frankreich traten unter dem Druck der Kriegsgegner in der SFIO Guesde und Sembat aus der Regierung aus. In der SPD- Reichstagsfraktion stieg die Zahl der Gegner der Kriegskredite auf 43 der 110 Abgeordneten an. 125) Von der Basis kam Druck; als der Parteivorsitzende Haase 1916 gegen den Belagerungszustand protestierte, wurde er aus der Fraktion ausgeschlossen. Ein wütender Fraktionskampf entbrannte, die Kriegsgegner bildeten eine ‘Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft‘, im März 1916 wurden die Abgeordneten der Minderheit aus der SPD ausgeschlossen und im Januar 1917 alle Ortsgruppen der Minderheit, Im April 1917 wurde die Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands USPD gegründet, sie hatte eine Basis unter Arbeitern. Die Revolutionäre des Spartakusbundes mit Luxemburg und Liebknecht schlossen sich aus diesem Grund der USPD an. Die ‘Zimmerwalder Linke‘ war eine verschwindende Minderheit, außer den Bolschewiki konnte nur der deutsche Spartakusbund auf einen kleinen Anhang zählen, aber es war der Kern einer zukünftigen Masseninternationale.

Lenin untermauerte sein Ansichten 1916 mit seiner Schrift ‘Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus‘, die Superprofite aus den Kolonien würden die Kapitalisten teilweise dafür einsetzen, um eine Schicht von ‘Arbeiter-Aristokraten‘ zu bezahlen und zu korrumpieren. 126)

Am Vorabend der Revolution

Der Ausbruch des Krieges führte wieder zur fast vollständigen Vernichtung der Partei. Eine ganze Generation junger Männer, die Hauptstütze der Sozialisten, wurde einberufen. Zuvor waren mehr als tausend Mitglieder nach dem Generalstreik festgenommen worden. In Wiborg tauchte ein Flugblatt ‘Krieg dem Krieg‘ auf, es gab vergebliche Versuche, Demonstrationen gegen den Krieg zu organisieren, Bolschewiki und Meschrajonki hielten Versammlungen ab, die Nachricht von der Zustimmung der SPD- Reichstagsfraktion schockierte die Kriegsgegner.

In Petrograd gab es im ersten Kriegsjahr keine durchgängig funktionierende Parteiführung. Die fünf bolschewistischen Duma-Abgeordneten und Kamenew bildeten vor ihrer Verhaftung das russische Büro des Zentralkomitees, die Partei war kaum aktiv. Das Petersburger Komitee konnte nur kurzzeitig aktiv sein, nur in Wiborg, Petrograd und im ersten Bezirk gab es funktionierende Gruppen. In den Fabriken blieben die Arbeiter im ersten Kriegsjahr den bolschewistischen Propagandaversuchen gegenüber weitgehend indifferent. Im Oktober 1914 gab es zehn kleine Arbeitergruppen mit etwa 120 Mitgliedern in der Stadt. 1915 überschritt die Mitgliederzahl nicht 500. 127) Zu den meisten Fabriken hatte man keine Kontakte.

Erst im Herbst 1916 konnte das russische Büro des ZK wieder aufgebaut werden mit Salutski, Molotow und Schljapnikow und blieb bis zur Februarrevolution unverändert. Ende 1915 begann sich die Arbeiterbewegung zu rekonstruieren. Neben den Arbeitern und Studenten gab es jetzt Soldaten und Matrosen der Baltischen Flotte. Auch in den anderen Industriestädten wuchs die Mitgliedschaft. 128)

Die Arbeit der Bolschewiki in der Armee war unter den bäuerlichen Rekruten schwer, ab 1915 zeigte sie unter den Matrosen Wirkung. Die brutale Disziplin und die schlechte Ernährung unter den eng zusammen gepferchten Matrosen führte zu Widerstand unter den Maschinisten, Heizern, Elektrikern usw. Viele hatten vor dem Krieg an Streiks und revolutionären Bewegungen teilgenommen und Kontakt mit den Bolschewiki gehabt. In der Baltischen Flotte hatte fast jedes Schiff eine Gruppe von Sozialdemokraten. Später wurde die Zahl der Zellen in der Baltischen Flotte mit 80 angegeben, weitere 30 an der Westfront, was wahrscheinlich sehr hoch gegriffen war. Die Ochrana beobachtete die revolutionären Aktivitäten der Matrosen sehr genau.

1916 gab es viele neue Anhänger für die Partei. Im Januar 1917 hatten die Bolschewiki Organisationen in 29 Orten: Petrograd, Moskau, Riga, Charkow, Jekaterinoslaw, Kiew, Makajewsk, Samara, Rjasan, Nischni Nowgorord, Rostow, Odessa, Jekaterinodar (Krasnodar), Baku, Tiflis, Iwanowo-Wosnessensk, Tula, Orekowo (Prov.Bjelograd), Sujewo (Prov.Moskau), Reval, Narva (Estland), Irkutsk, Jekaterinburg, Orenburg und in kleineren Orten. 129) Während des Krieges gab es elf illegale Zeitungen mit aber insgesamt nur 17 Ausgaben. In Litauen war die Zahl der Anhänger am größten, 1916 wurden alte Genossen wieder aktiv, zusätzlich gab es viele neue unerfahrene Mitglieder. Überall fehlte es an Geld, der Kontakt in die Provinz konnte kaum gehalten werden. Schljapnikow musste zwischen verschiedenen Verstecken ständig flüchten. Überall brachen Streiks aus, Gruppen von Bolschewiki machten Flugblätter und wurden angehört, Soldaten weigerten sich, die Polizei bei der Unterdrückung von Streiks zu unterstützen. Schnell wuchsen die bolschewistischen Gruppen. Petrograd hatte 3.000 Mitglieder. die Hälfte davon waren die Mitglieder in den Stadtbezirken Wiborg (600) und Narwa (800) 130) Es gab 84 Betriebszellen, zehn in Wiborg, sechs in Petrograd und vier auf der Wasilewski-Insel; unter den 24.000 Putilow-Arbeitern 100 Parteimitglieder. In den Flugblättern der Bolschewiki tauchte der revolutionäre Defätismus nur selten auf.

Auch die anderen Gruppen hatten wieder Zulauf. Die Sozialrevolutionäre erholten sich von der Niederlage, sie hatten Anfang 1916 35 Zellen und wie die Bolschewiki etwa 600 Mitglieder. 131) Die Meschrajonzi konnten ihre Organisation auf die anderen Stadtteile ausdehnen. Im August gelang es ihnen, eine legale Zeitung Rabotschije Wedemosti (Arbeitet-Nachrichten) mit 6.000 Exemplaren herauszugeben, sie hatten Zellen in elf Fabriken, bis zu 500 Mitglieder in Petrograd und Kontakte in die Kasernen. 132)

Bei den Anarchisten stellte sich mit Kropotkin nur eine Minderheit auf die Seite der Vaterlands-Verteidiger, 1915 verteilte eine Gruppe von Anarcho-Kommunisten ein Flugblatt, das zu Terror und Enteignungen sowie einen Generalstreik am 9.Januar aufrief; die Gruppe hatte Kontakte in die Putilow-Werke. Die Menschewiki gruppierten sich mehrheitlich um die Arbeit der Kriegsindustrie-Komitees, im Sommer 1915 machten Menschewiki, Trudowiki und linke Kadetten der Duma im Progressiven Block eine Kampagne für die Erweiterung der Gewerkschaftsgesetze.

Im Januar 1915 konnten die Bolschewiki erstmals wieder einen Streik zum Jahrestag des Blutsonntags 1905 gegen die Opposition der Menschewiki durchsetzen, mit 60.000 Streikende in 68 Fabriken – halb soviel wie 1914 – begann ein neuer Abschnitt. Er wurde in kleineren und mittleren Betrieben mit dem Schwerpunkt in Wiborg befolgt. Im August 1915 gab es einen Angriff auf Textilarbeiter in Iwanowo-Wosnessensk, sie begannen einen Streik, als ihre Führer verhaftet wurden, es beteiligten sich 25.000 Arbeiter an einer Demonstration. Die Teilnehmer verlangten die Freilassung der Streikführer, die Armee tötete wieder hundert Demonstranten, der Streik weitete sich auf andere Städte aus. Im September streikten 150.000 Arbeiter in Petrograd, 30 Bolschewiki der Putilow-Werke wurden festgenommen. Im Oktober 1915 kam es zu einer Meuterei auf einem Schiff, die schnell unterdrückt wurde, zwei Matrosen wurden zum Tode verurteilt und 14 zu Zwangsarbeit.

1916 weitete sich der Widerstand aus: Es gab es Unruhen unter den Rekruten in der Provinz, Hungerunruhen, sowie Unruhen in Kronstadt und im Herbst wieder eine Streikwelle gegen die Preissteigerungen. 1,2 Millionen Arbeiter nahmen an 1.542 Streiks teil. An der Front gab es Fälle von Fraternisierung. Als im Oktober in Fabriken gegen die Preissteigerungen, den Krieg und den Zaren demonstriert wurde, wandten sich Truppen gegen die Polizei und weigerten sich, auf die Arbeiter zu schießen. Mit Mühe konnten die Soldaten dazu gebracht werden, in die Kasernen zurück zu kehren. Ein Infanterieregiment vertrieb die Polizei, die Demonstranten vor der Kaserne zerstreuen wollte, mit Knüppeln und Steinen. Die Disziplin der Marine und des Heeres bekam Risse.

1915 stieg die Zahl der Streikenden auf 540.000, 1916 957.000, Petrograd machte davon 56 Prozent aus. Der Anteil der Petrograder Arbeiter an den politischen Streiks war mit 96 Prozent 1916 noch größer. 133) Die Arbeiter der staatlichen Rüstungsfirmen beteiligten sich kaum an politischen Streiks. Sie fanden hauptsächlich in den 20 Fabriken im Privatbesitz mit einer Belegschaft von 500 bis 2.000 Arbeitern und Arbeiterinnen statt sowie in kleineren Privatbetrieben. Der Schwerpunkt war der Stadtbezirk Wiborg. In diesen mittelgroßen Privatbetrieben hatten die Arbeiter die stärkste Position, der Mangel an Facharbeitern stärkte deren Stellung und ließ die Drohungen mit Repressionen weniger stark wirken. Hier war die Konzentration der politisch bewussten Arbeiter am größten. In den staatlichen Riesenbetrieben gab es mehr angelernte und unqualifizierte Arbeiter und Arbeiterinnen mit weniger Streikbereitschaft und Erfahrung. Auch in der Textilindustrie vervielfachten sich 1916 die politischen Streiks. Alle Streiks waren kürzer als in Friedenszeiten.

Tabelle 14: Mitglieder der RSDRP 1897 - 1917

Jahr RSDRP davon:
Bolschewiki
Bund SDKPiL LSD
1897 3.500134)
1899 5.600 135)
1903 3.300136) 30.000137) 2.500138)
Frühj. 1905 8.400 139) 1.000
Okt. 1905 18.200 140)
Frühj. 1906 48.000 141) 34.000 33.000 34.000 40.000
1906 70.000 31.000 34.000
1907 148.639 142) 46.000 25.000 39.500 13.000
1910 10.000 143) 1.500 144)
1912 2.500 145)
1913 50.000
Jan. 1917 8.000
April 1917 79.000146) 40.000147) 3.000
Aug. 1917 200.000148) 240.000
Okt. 1917 400.000149)
Dez. 1917 89.234150) 33.700151)

Viele Frauen strömten während des Krieges in die Fabriken, sie hatten die doppelte Ausbeutung zu tragen. In Kostroma gaben im Juli 1916 Textilarbeiterinnen ein Flugblatt ‘von russischen Frauen an russische Soldaten‘ heraus, das Regime geriet in Panik, es gab es blutige Zusammenstöße in der Stadt mit zwölf Toten. Zusätzlich zu der Fabrikarbeit mussten Frauen im eisigen Winter 1916/1917 bis zu 40 Stunden wöchentlich nach Lebensmitteln anstehen. Die Forderung nach Brot war auf den Demonstrationen vorherrschend, ‘Nieder mit dem Zaren‘ und ‘Nieder mit dem Krieg‘ wurden immer lauter.

Der Ausbruch der Revolution war insofern spontan, als die Führer der Arbeiterparteien Streiks und Demonstrationen nicht geplant hatten. Zwar planten die Bolschewiki in Wiborg anlässlich des Internationalen Frauentages am 23.Februar Versammlungen, aber nur die Meschrajonzi mobilisierten, mit Sicherheit glaubten sie nicht, damit zum Detonator einer Revolution zu werden.

Zwei Mal war die Arbeiterbewegung zwischen 1905 und 1917 am Boden. Ab 1912 erholte sie sich von der Niederlage 1907, beim Kriegsausbruch musste sie die Mobilisierung einer Generation junger kämpferischer Arbeiter erleiden. Doch 1913/14 nahmen die Klassenkämpfe einen erneuten Aufschwung, der kaum geringer war als 1905. Dazu trugen die eingezogenen Soldaten, besonders in der Marine, den Keim der Rebellion ins Millionenheer der Bauern-Soldaten. Der Zarismus stürzte, als das Militär als stärkster Pfeiler der Herrschaft wankte.

Die Fraktionierung der RSDRP war die fast unvermeidliche Folge des Niedergangs der Revolution. Die verschiedenen Tendenzen gab es schon vorher, aber jetzt hatte sich die Mitgliedschaft reduziert, die Basis fehlte, was den Positionen manchmal einen bizarren Charakter verlieh und zu Überspitzungen wie dem Gottesbildnertum führte. Besonders Lenins Partei-Bolschewiki kämpften für den Aufbau einer zentralisierten Partei vornehmlich gegen die Liquidatoren, zu einer Versöhnung mit Martows Menschewiki-Internationalisten waren sie noch bis zum Frühjahr 1917 bereit. Die Gruppen der Versöhnler und Meschrajonzi waren ein im Grunde genommen gesundes Streben der Parteibasis nach Einheit, aber oft wurden dabei unvereinbare Positionen unter den Teppich zu kehren versucht. Der zähe Kleinkrieg Lenins mit den Versöhnlern zeigt, dass nicht alle Revolutionäre in den klaren Positionen der Partei die Achse der Revolution sahen. Ohne Lenins hartnäckigen, manchmal penetranten Kampf ist wohl zu bezweifeln, ob die Bolschewiki zu Führern der Revolution geworden wären.


1) Woods, Bolshevism, p.295
2) Astrow etc., Illustrierte Geschichte, p.50; höhere Zahlen in :http://en.wikipedia.org/wiki/1905_Russian Revolution
3) Woods, p.297
4) Literarisch hat das Joseph Roth in den Romanen 'Das falsche Gewicht' und 'Radetzkimarsch' verarbeitet.
5) Marie, Lénine. La révolution permanente, p.139
6) Minczeles, Histoire genérale du Bund, p.221
7) Elwood, Russian Social Democracy in the Underground, p.180; Woods, p.324
8) siehe Tabelle 10: Sitzverteilung in den vier Dumas 1906 – 1917
9) Atkinson, The End of the Russian Land Commune 1905 – 1930, p.32
10) ebenda, p.101
11) , 12) ebenda, p.104
13) siehe Karte 15: Bauernunruhen 1905-1906
14) Atkinson, p.65
15) ebenda, p.79
16) Parker, p.299
17) Atkinson, p.107
18) Brooks, When Russia learned to read, p.4; Anweiler, Geschichte der Schule und Pädagogik in Russland, p.20
19) McKean, St.Petersburg between the Revolutions, p.62
20) ebenda, p.387
21) Marie, Lénine. La révolution permanente; p.110; Nach anderen Quellen erhielten die Bolschewiki 280.000 Rubel aus der Erbschaft; Fischer, Russische Sozialdemokratie, p.96
22) Marie, Lénine, p.120
23) 100 Rubel entsprachen damals 216 Mark; Geyer, Kautskys Russisches Dossier, p.XII, p.112
24) , 75) Marie, Lénine, p.134
25) , 143) , 144) Woods, p.303/304
26) Die Bezeichnungen der Fraktionen wurden ihnen meist von ihren Gegnern gegeben und sind generell abwertend. Im Interesse der Wiedererkennbarkeit wurden sie beibehalten.
27) McKean, p.53-55
28) Woods, p.319
29) Elwood, p.37
30) McKean, p.67
31) Sie gaben die illegale Arbeit auf, ‘liquidierten‘ sie.
32) Elwood, p.39
33) ebenda, p.25
34) McKean, p.50
35) Der abwertende Begriff ‘Liquidatoren‘ wird ab hier ohne Anführungszeichen benutzt.
36) McKean, p.59
37) Minczeles, p.224
38) ebenda, p.265/266
39) Marie, Lénine. La révolution permanente, p.112
40) 19 Gewählte nach Woods, p.324 und McKean, 14 nach Tabelle 10
41) Geyer, Kautskys russisches Dossier, p.9
42) Gorkis ‘Gottbildnertum’ wird besonders in seinem Roman ‘Die Beichte‘ sichtbar.
43) Williams, The Other Bolsheviks, p.130
44) Gourfinkel, Maxim Gorki in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten; p.50
45) Williams, p.148
46) ebenda, p.149
47) ebenda, p.135
48) Marie, Lénine, p.127
49) Siehe das 10. Kapitel, Abschnitt 'Bogdanow und der Proletkult'
50) Kurz vor dem Krieg ging er als Direktor von Siemens&Schuckert nach einer Amnestie wieder nach Russland und schloss sich 1917 erneut den Bolschewiki an.
51) Williams, p.145/146
52) Geyer, Kautskys russisches Dossier, p.6
53) Marie, Lénine. La révolution permanente, p.131
54) McKean, p.94
55) Ellwood, p.237
56) Williams, p.163
57) Marie, Lénine. La révolution permanente, p.130
58) Trotzki, Zur Verteidigung des Marxismus, p.516, 518
59) Marie, Lénine. La révolution permanente, p.136
60) ebenda, p.137
61) Geyer, p.178
62) Woods, p.376
63) McKean, 149
64) ebenda, p.153
65) Marie, Lénine; p.141; das Organ, über dessen Namensaneignung sich Trotzki beschwert, ist seine Wiener Prawda.
66) Ellwood, p.65
67) Clements, Bolshevik Feminist. The Life of Aleksandra Kollontai, p.80
68) Sinowjew, Geschichte der Kommunistischen Partei Russlands, p.167/168
69) Woods, p.381
70) ebenda, p.382
71) Braunthal, Geschichte der Internationale, Bd.1, p.385
72) Elwood, Roman Malinowsky, p.18
73) ebenda, p.36
74) ebenda, p.48
76) Woods, p.413
77) McKean, p.159/160
78) ebenda, p.162
79) ebenda, p.159/160
80) Koenker, Rosenberg, Strikes and Revolution in Russia, p.348
81) ebenda, p.170
82) McKean, p.263
84) Elwood, Russian Social Democracy in the Underground, p.98
85) ebenda, p.99
86) ebenda, p.106
87) , 88) ebenda, p.138
89) ebenda, p.140
90) ebenda, p.141
91) ebenda, p.161
92) ebenda, p.163
93) ebenda, p.193/194
94) ebenda, p.201
95) Gatrell, p.85
96) Elwood, Russian Social Democracy in the Underground p.221
97) ebenda, p.115
98) Braunthal, Band 1, p.341-344
99) Woods, p.441
100) Chamberlin, Die russische Revolution 1917-1921, Band 1, p.61
101) siehe Karte 16: Die russische Front
102) Florinsky, The End of the Russian Empire, p.27
103) ebenda, p.219
104) ebenda, p.37
105) ebenda, p.42
106) Es sei daran erinnert, dass ein großer Teil des Hofadels aus baltischen Adligen deutscher Herkunft bestand.
107) Florinsky, p.121
108) , 109) ebenda, p.133
110) ebenda, p.139/140
111) ebenda, p.143
112) ebenda, p.203
113) ebenda, 139/140
114) ebenda, p.163/164; Sankt Petersburg war in patriotischer Begeisterung 1914 in Petrograd umbenannt worden.
115) Florinsky, p.173
116) Hasegawa: The February Revolution: Petrograd, 1917; p.112
117) ebenda, p.113/114
118) McKean, p.400/401
119) Braunthal, Geschichte der Internationale, p.29
120) Hasegawa, p.121/122
121) Woods, p.434/436
122) McKean, p.367
123) Rosmer, Moskau zu Lenins Zeiten, p.10
124) Marie, Lénine, p.159
125) Braunthal, p.70
126) Lenin-Werke Band 22, p.189-309
127) McKean, p.368/369
128) Woods, p.454
129) Woods, p.486, McKean, p.396
130) Woods, p.489
131) McKean, p.390
132) ebenda, p.373 und 390/391
133) McKean, p.406/407
134) Minczelis, p.60
135) ebenda, p.69
136) Lane, The Roots of Russian Communism, p.12
137) Minczelis, p.92
138) Germanis, Oberst Vacietis und die lettischen Schützen im Weltkrieg und in der Oktoberrevolution, p.53
139) Lane, p.12; Liebmann, p.47
140) Germanis, p.54
141) Liebman, p.47, alle Parteien für 1906
142) Woods, p.302/303
145) Germanis, p.79
146) Später wurde die Mitgliederzahl auf 46.000 geschätzt, Rigby, Communist Party Membership, p.61
147) Alain Brossat und Sylvia Klingberg: Le Yiddishland révolutionnaire; Paris 2009, p.35
148) ab hier nur noch Menschewiki, Reißer, Menschewismus und Nep, p.239; Brovkin, Mensheviks after october, p.41
149) Auch diese Zahl wurde von Swerdlow zu hoch angegeben, Rigby, Communist Party Membership, p.62
150) Brovkin, Mensheviks after october, p.41
151) Gitelman, Jewish Nationality and Soviet Politics, p.72
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