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3._die_revolution_1905

3. Kapitel: Die Revolution von 1905

Am Morgen des 9.Januar 1905 versammeln sich 50.000 bis 100.000 sonntäglich gekleidete Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern an elf Punkten Petersburgs, um in einer friedlichen Prozession mit Kirchfahnen, Heiligen- und Zarenbildern zum Winterpalais zu ziehen, wo der Priester Gapon dem Zaren eine Bittschrift überreichen will. Rote Fahnen sind verbannt, die Arbeiter singen Kirchenlieder und preisen den Zaren. Die Polizei hindert sie nicht und eskortiert den Umzug. Der Sternmarsch nähert sich dem Stadtzentrum, die Massen aus den nördlichen Stadtteilen marschieren über die zugefrorene Newa, als sie die Brücken vom Militär abgesperrt finden. Die Aufforderung der Offiziere, sich zu zerstreuen, werden von den Gesängen übertönt, von hinten drängen die Massen nach. Am Narwa-Tor beginnt das Militär zu schießen, 40 Tote bleiben auf dem Pflaster liegen, an anderen Sperrpunkten werden mindestens 130 Arbeiter erschossen. Die zarenfreundliche Sonntags-Stimmung schlägt plötzlich in Wut um, Barrikaden werden errichtet, die Soldaten werden beschimpft, sie seien vor den Japanern weggelaufen, jetzt schössen die Mörder auf das eigene Volk. Die russische Revolution hatte begonnen. 1)

Die Gapon-Bewegung

Getragen wurde die Demonstration von Gapons Fabrikarbeiter-Vereinigung. 1903 wurde Subalow, der in Moskau zarentreue Arbeiter organisiert hatte, in die Hauptstadt versetzt. Hier traf er auf den Popen Gapon, der sich als ausgesprochen populärer Redner und geschickter Organisator erweisen sollte. Er versammelte Arbeiter um sich, eröffnete Teestuben als Versammlungslokale. Um ihn gruppierte sich einen Kern verlässlicher Führer, mit denen er Politik diskutierte und die aus dem Fonds der Ochrana finanziert wurden. Ein Teil der Anhänger waren ehemalige Mitglieder revolutionärer Zirkel der neunziger Jahre, die Verurteilungen und Polizeiüberwachungen erduldet und sich von revolutionärer Tätigkeit zurück gezogen hatten. Sie traten Gapons Gruppe bei, um ihn zu kritisieren und eine Opposition zu bilden, das mag nach der Revolution von dieser Gruppe vielleicht etwas idealisiert worden sein. 2) Im Frühjahr 1904 wuchs der Führungszirkel auf etwa hundert Personen an.

Gapon war ein guter Redner und geborener Führer, seine Anhänger eine krude Mischung von aufopferungsvollen Christen, treuen Monarchisten, militanten Kämpfern. Gapon traf den Nerv der vom Land gekommenen mittellosen Massen, die ihren Platz in der Stadt und als Arbeiter suchten. Gapons Agitation war sehr erfolgreich, im April 1904 konnte er die Vereinigung Russischer Fabrikarbeiter mit diskreter Unterstützung der Ochrana gründen, sie hatte im November 1904 etwa 8.000 bis 9.000 Mitglieder in der Stadt, im Arbeiterbezirk Wiborg allein 2.000, die Sozialdemokraten zählten maximal 500 bis 600 Mitglieder, die Sozialrevolutionäre 200. 3) Die Vereinigung eröffnete Teestuben in der ganzen Stadt, schuf Bibliotheken, hielt Vorträge über Naturwissenschaft, Geschichte und Ökonomie, Kritik am bestehenden System wurde nicht geübt, die Zarenhymne wurde bei allen Versammlungen gesungen. Die Vereinigung hatte das Ziel, die Freizeit der Arbeiter alkoholfrei zu gestalten durch Vorträge über die Pflichten und Rechte der Arbeiter, durch Einrichtung von Lesehallen, Musikgruppen, Konzerte und Genossenschaftsläden. Eine gewerkschaftliche Organisierung wurde ausdrücklich ausgeschlossen. 4)

“Eine Art mystisch-religiöser Erregung herrschte in der Versammlung. Hunderte Menschen standen stundenlang Schulter an Schulter in einer fürchterlichen Enge und Hitze und hörten die kunstlosen, verblüffend mächtigen, einfachen und begeisternden Reden der erschöpften Sprecher, ihrer Arbeitskollegen. Die Reden waren in ihrem Inhalt arm, sie wiederholten immer wieder den Satz ‘Wir können es nicht länger ertragen‘, ‘Lieber tot als so weiter zu leben‘ und so weiter. Aber all kam mit einer so erstaunlich bewegenden Ehrlichkeit aus der Tiefe der gequälten menschlichen Seele, dass dieser tausendmal wiederholte Satz die Tränen in die Augen trieb… Diese ungewohnte mystische Umgebung beeindruckte uns, und wenn unser erster Sprecher das Wort ergriff, so folgte er unwillig der vorgegebenen Absprache und gestaltete seine Rede weniger scharf…“ 5)

Seit dem Frühjahr 1904 verfolgte Gapon die Idee einer Petition an den Zaren. Anfangs von der RSDRP ignoriert, wandten sich die Sozialdemokraten der Bewegung zu. Erst beschuldigten die Menschewiki Gapon, ein Demagoge zu sein, ein ‘umgekehrter Lassalle‘ werden zu wollen. Die Bolschewiki verteilten ein Flugblatt, die Freiheit werde mit Blut erkämpft, man müsse, statt an den Zaren zu appellieren, den Thron und die Bürokratie hinweg fegen. Der Aufruf ignoriert die Vorstellung der Anhänger Gapons vom Zaren als Beschützer. 6) Die Sozialdemokraten lernten schnell und milderten ihren Ton, ohne den Inhalt aufzugeben, ihr Einfluss auf die Massen wuchs. Die Forderungen der Bewegung radikalisierten sich. Die Führer der Gapon-Bewegung verloren ihr Misstrauen gegenüber den Menschewiki, die waren die besseren Redner und hatten die besseren Forderungen. Die Initiative kam von der Basis, die Führung der Petersburger Gruppe der Menschewiki zog nach. Es gab ein gemeinsames Treffen der Menschewiki mit Gapon und seinem Führungszirkel am 7. Januar, sie warnten ihn vor einem blutigen Ausgang der geplanten Manifestation zum Winterpalais. Andererseits waren viele Basismitglieder der Menschewiki gegen die Zusammenarbeit, sie empfanden es als unwürdig und beschämend, an einer Prozession mit Heiligenbildern und Kirchenfahnen unter Führung eines Popen zum Zar zu ziehen, zumal es in einem Blutvergießen enden konnte. Sie konnten aber davon überzeugt werden, der ersten Massenaktion der Petersburger Arbeiter nicht den Rücken zuzukehren. In ihrem Flugblatt meinten die Menschewiki:

“Der Zar ist nicht unser Freund, er ist ein Feind der Arbeiter, er wünscht ihnen nichts Gutes; wir müssen ihn um nichts b i t t e n. Die zaristische Regierung wird mit Gewalt antworten. Freiwillig wird der Zar nicht seine Macht an das Volk abgeben. Wir müssen die Ehre des Volkes nicht durch Bitten entwürdigen; der Zar hat sich vor der Herrschaft des Volkes zu beugen. Wir müssen unsere Rechte verlangen, ja, verlangen.“ 7)

Die Bolschewiki waren anfangs weniger flexibel. Sergei Gusew kam im Januar 1905 aus Genf und übernahm die Leitung der bolschewistischen Gruppe in Petersburg. Er bekämpfte die Positionen der Menschewiki, sah in Gapon einen Agenten Subatows und unterschätzte die Breite der Bewegung. Es sei sinnlos, zum Zaren eine Prozession zu machen, die Freiheit werde mit der Waffe in der Hand erkämpft, die Befreiung der Arbeiter werde nur von ihnen selbst erkämpft, niemals werde man sie aus den Händen von Priestern und Zaren bekommen. Wperjod schrieb im Januar:

“Die Subatow-Bewegung tritt aus ihren Fesseln heraus. Von der Polizei im Interesse der Polizei gegründet um den Zarismus zu unterstützen, um das politische Bewusstsein der Arbeiter zu verfälschen, wendet sich diese Bewegung gegen die Autokratie und entwickelt sich zur Explosion des proletarischen Klassenkampfes. … Die Sozialdemokraten haben gesagt, dass die Legalisierung der Arbeiterbewegung für uns Sozialdemokraten nützlich ist. Sie bringt rückständige Schichten der Arbeiter in die Bewegung, sie erweckt jene, die ein sozialistischer Agitator nicht … aufwecken kann. Einmal in Bewegung gesetzt und sich für das Ziel seines Weges interessierend, werden die Arbeiter weiter vorwärts gehen. Die legale Arbeiterbewegung wird eine neue, breitere Basis für die Sozialdemokratische Bewegung sein.“ 8)

Im Winter 1904/1905 stieg in der allgemeinen Missstimmung auch der Einfluss der Gapon-Vereinigung; zwölf lokale Gruppen mit 15.000 Mitgliedern waren es jetzt. 9) Sie wurden deutlich kritischer, im November wurde nicht mehr ‘Gott beschütze den Zar‘ gesungen, Juden, Finnen und Polen wurden zugelassen. Die liberale Grundstimmung verstärkte die Idee, dem Zaren eine Petition zu überreichen. Im Dezember 1904 begannen die Erdölarbeiter von Baku unter der Führung der Bolschewiki einen Streik, zur Unterstützung ihrer Forderungen zündeten sie ein paar Bohrlöcher an. Sie gewannen einen historischen Sieg: zum ersten Mal in der russischen Geschichte erreichen sie einen Tarifvertrag, Lohnerhöhungen, Absenkung der Arbeitszeit auf neun Stunden, Bezahlung der Streiktage, Belieferung der Arbeiterhaushalte mit Wasser und Heizöl auf Kosten von Rothschild und Nobel, den Besitzern der Ölfirma, Krankengeld für drei Monate, keine Bestrafung der Streikenden. Die Nachricht von diesem Erfolg drang auch nach Petersburg. 10)

In den Putilow-Werken hat die Vereinigung etwa 50 Mitglieder, dort lässt der Direktor Smirmow, der bisher Gapons Gesellschaft finanziell unterstützt hat, drei zu aufsässig gewordene Gapon-Arbeiter entlassen. Gapon versucht zu verhandeln; in die Verhandlungen platzt die Nachricht von der russischen Kapitulation in Port Arthur. In einem Klub treffen sich 350 Gapon-Arbeiter mit Journalisten und Vertretern der erstmals eingeladenen revolutionären Parteien und drohen mit Streik. Smirnow und die Betriebsdirektion empfangen die entlassenen Arbeiter und geben nicht nach. Die Arbeiter und Gapon beschließen einen Streik, die Verhandlungen werden abgebrochen. Die Arbeiter anderer Fabriken machen Versammlungen zur Unterstützung der Putilow-Kollegen. Am 3.Januar 1905 streiken 12.600 der 15.000 Arbeiter bei Putilow. Sie ergreifen einen verhassten Vorarbeiter, stülpen ihm einen Sack über den Kopf, setzten ihn in eine Schubkarre und kippen ihn auf den Gehweg vor der Fabrik. Die Arbeiter lassen sich durch Zugeständnisse nicht beruhigen und beschließen erweiterte Forderungen: Festlegung der Löhne durch Meister und Arbeiter, eine permanente Verhandlungskommission aus Geschäftsleitung und Arbeitern, den Acht-Stundentag, Mindestlöhne für Frauen, Überstunden nur noch mit Zustimmung der Arbeiter bei doppelter Bezahlung, bessere Belüftung der Schmiede, einen Mindestlohn von einem Rubel täglich, keine Sanktionen gegen die Streikenden und die Bezahlung der Streiktage. 11) Die Forderungen werden gedruckt und den Arbeitern Petersburg zur Kenntnis gebracht, ein Streikkomitee mit Gapon an der Spitze wird gebildet. Die Arbeiter aber sind auf ihren Lohn angewiesen und haben keine Rücklagen, das Streikkomitee beschließt die Finanzierung des Streiks durch die Mittel der Generalversammlung und kauft Tee, Zucker, Brot und Kartoffeln für die Familien der Streikenden.

Bild 10: Gapon in einer Arbeiterversammlung

Am 4. Januar streiken 15.000 Arbeiter. Die elf Sektionen der Generalversammlung beschließen, sich täglich während des Streiks zu versammeln, die Mitglieder der sozialistischen Parteien versuchen sie zum Kampf gegen die Regierung aufzurufen, das ist vergebens und manchmal werden sie hinaus geworfen. Gapons Delegation zu Direktor Smirnow bleibt ohne Erfolg, der Gouverneur und die Verwaltung erklären sich für nicht zuständig. Um aus der Sackgasse zu finden, schlägt Gapon vor, sich direkt an den Zaren zu wenden, er gewinnt große Zustimmung dafür. Am 5.Januar breitet sich der Streik auf vier weitere Betriebe, darunter die französisch-russische Werft aus, die für die Armee produziert, 26.000 Arbeiter streiken jetzt. Die Petition wird entworfen und findet breite Unterstützung, Gapon behauptet, er habe 135.000 Unterschriften bekommen. Sie beginnt untertänigst:

“Herr! Wir Arbeiter, unsere Kinder, unsere Frauen und unsere alten, hilflosen Eltern sind gekommen, Herr, um Wahrheit und Schutz bei Dir zu suchen. Wir sind verarmt, man unterdrückt uns, man bürdet uns unerträgliche Arbeit auf, man verhöhnt uns, man anerkennt in uns keine Menschen, man behandelt uns wie Sklaven, die ihr Los ertragen und schweigen müssen. Wir haben auch Entsetzliches ertragen, aber man stößt uns immer tiefer in den Abgrund der Armut, der Rechtlosigkeit und der Unwissenheit. Despotismus und Willkür würgen uns und wir ersticken. Wir haben keine Kraft mehr, o Herr! Die Grenze der Geduld ist da, für uns ist jener furchtbare Augenblick gekommen, wo der Tod besser ist als die Fortdauer unerträglichster Qualen.“ 12)

Dann führt sie die Streikforderungen und die politischen Ziele auf.

“Herr, wir sind hier zu Zehntausenden, wir sind nur äußerlich menschliche Wesen, denn in Wirklichkeit erkennt man uns wie dem russischen Volk kein Menschenrecht zu, nicht das Recht zu denken, zu reden, uns zu treffen, unsere Bedürfnisse zu diskutieren, Maßnahmen zur Verbesserung unserer Situation zu ergreifen.
Man unterdrückt uns und wir lassen uns unter die Herrschaft und mit der Hilfe deiner Behörden unterdrücken. Man wirft jene ins Gefängnis oder schickt die von uns ins Exil, die ihre Stimme zur Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse und des Volkes zu erheben wagen. Wie ein Verbrechen bestraft man die Güte des Herzens, das Mitleid der Seele…
“Herr, steht das in Übereinstimmung mit dem göttlichen Regeln, nach denen du regierst? Kann man ohne solche Rechte leben? Ist es nicht sinnvoller zu sterben, wir arbeitendes Volk Russlands? Mögen die Kapitalisten leben und sich freuen, die Ausbeuter der Arbeiterklasse.“13)

Nach einer langen Einleitung folgten 17 Forderungen: Sofortige Freilassung der politischen und religiösen Gefangenen, Verkündung der bürgerlichen Freiheiten, allgemeine öffentliche Schulbildung, Verantwortlichkeit der Minister vor dem Volk, Gleichheit aller vor dem Gesetz, Trennung von Staat und Kirche, Einführung progressiver direkter Steuern bei Abschaffung der indirekten, Abschaffung der Ablösezahlungen und Neuverteilung des Bodens, Vergabe der Rüstungsaufträge an die russische statt an die ausländische Industrie, Beendigung des Krieges, Abschaffung der Fabrikinspektion, Schaffung von gewählten Beschwerdekommissionen in den Betrieben, Zulassung von Gewerkschaften und Arbeitergenossenschaften, der Acht-Stundentag, Freiheit des Kampfes gegen das Kapital, Normalarbeitslohn, Teilnahme von Vertretern der Arbeiterklasse an Beratungen über ein Gesetz zur staatlichen Arbeiterversicherung.

“Dies, Herr, sind unsere wichtigsten Bedürfnisse. Wir sind gekommen, sie dir zu unterbreiten. Nur durch ihre Erfüllung kann unser Vaterland von Sklaverei und Elend befreit werden und prosperieren, wenn die Arbeiter sich vereinen dürfen zur Verteidigung ihrer Interessen gegen die schamlose Ausbeutung der Kapitalisten und die Regierung der Beamten, die das Volk plündern und ersticken. Befiel und ordne ihre Befriedigung an, und du wirst Russland glücklich und glorreich machen, dein Name wird für ewig in unsere Herzen und die unserer Nachkommen in unsere Herzen eingegraben sein. Falls du sie nicht anordnest und nicht auf unsere Gebete hörst, werden wir hier vor deinem Palast sterben… Wir haben nur zwei Wege vor uns: entweder die Freiheit und das Glück oder das Grab. Wir geben unser Leben für ein Russland am Ende der Leidensfähigkeit. Dieses Opfer bedauern wir nicht, wir opfern uns freiwillig.“14)

Gapon eilt von Fabrik zu Fabrik und begeistert die Massen für seine Petition. Die religiösen Symbole und die Rhetorik sind ihnen vertraut. Sie sind eher keine klassenbewussten Arbeiter und ihre Ziele kleiden sie in ein ihnen bekanntes Gewand. Gapon schließen sich auch bewusstere Arbeiter an, die Gapon als Verteidiger der Arbeitersache ansehen. Revolutionäres Fieber paart sich mit der Opferbereitschaft der christlichen Märtyrer und elektrisiert die Arbeiter. Auf den Versammlungen werden die Sozialdemokraten nieder geschrien oder von der Rednertribüne weg gezogen. Sie können nur sprechen, wenn sie ihre Unterstützung für Gapon ausdrücken. Die Zahl der Streikenden steigt täglich, am Samstag vor der geplanten Demonstration sind es 130.000, die Mehrheit der Arbeiter in der Hauptstadt. Straßenbahnen fahren nicht, die meisten Zeitungen erscheinen nicht, die Stromversorgung funktioniert nur teilweise.

Die Regierung lässt verlauten, dass sie keine Maßnahmen gegen den Zug zum Zaren unternehmen werde. Gapon begibt sich zum Innenminister und versichert ihm, er bestehe nicht auf der Erfüllung aller Forderungen. Auf seine Bitte, die Demonstration nicht in einer Tragödie enden zu lassen, antwortet der Minister, er tue seine Pflicht. Die Staatsbürokratie gibt keinerlei Hinweis auf ihre Haltung; Gerüchte existierten, dass die Armee in Alarmbereitschaft versetzt worden sei. Der Stadtkommandant will die Arbeiter nicht bis zum Palais kommen lassen, er will der Masse entschieden entgegen treten, so hätte man auch die französische Revolution im Keim ersticken können. Der Zar ist in seinem Schloss Zarskoje Selo, eine Stunde von Petersburg entfernt. Gapon trifft Vertreter der drei sozialistischen Parteien, die entscheiden sich schließlich, die Demonstration zu unterstützen, Gapon fordert sie auf, ohne rote Fahnen und Waffen zu kommen.

Am 9. Januar ist die Armee schnell Herr der Lage. Gapon entkommt unverletzt. “Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Zaren mehr!“, soll er ausgerufen haben. Ein Teil der Demonstranten kommt bis zum Winterpalais und wird dort beschossen. Vereinzelt werden Waffengeschäfte gestürmt und Barrikaden errichtet, die aber leicht von den Truppen eingenommen werden. Fliehende Arbeiter werden verfolgt und mit Säbeln verletzt oder getötet. Gapon schreibt einen Aufruf:

“Das Monster von Zar, seine Beamten, welche die Staatskassen verschwenden und das russische Volk ausplündern, wollten ganz bewusst die Mörder unserer Brüder, Frauen und Kinder sein und sind es auch geworden… Wir werden uns rächen, Brüder, am vom Volk verteufelten Zaren und an all seiner schlangenartigen Sippschaft, seinen Ministern und allen Plünderern des russischen Volkes. Allen den Tod!“ 15)

In einem eilig einberufenen Ministerrat weiß niemand, wer den Schießbefehl gegeben hat, jedenfalls wurde von verschiedenen Abteilungen unabhängig voneinander gleichzeitig zu schießen begonnen. Offiziell gibt es 140 Tote und 333 Verletzte, aber niemand glaubt den veröffentlichten Zahlen. 16) Die Polizei begräbt heimlich viele Getötete, es dürften mindestens Tausend gewesen sein.

Eine spontane Massenerhebung

Am nächsten Tag schloss die Polizei die Lokale der Gapon-Vereinigung und einige Führer, derer man habhaft werden konnte, wurden verhaftet. In der Stadt blieb es ruhig, die Bewohner mussten diesen Schock erst einmal verdauen und sich austauschen, Petersburg glich einem großen Militärlager. Am folgenden Tag brach eine riesige Streikwelle aus, gespeist von der Empörung der Arbeiter. Der Zar verstand die Bedeutung des 9 .Januars nicht. Innenminister Swjatopolk-Mirski trat zurück; sein Nachfolger wurde Aleksandr Bulygin, ein initiativloser Bürokrat. Als Generalgouverneur ernannte der Zar Aleksandr Trepow, der sich schon als Polizeichef von Moskau durch seine Flexibilität beim Umgang mit der Subatow-Bewegung in Moskau ausgezeichnet hatte, im Mai wurde er zusätzlich Stellvertreter des Innenministers, damit oberster Polizeichef für ganz Russland, er gewann großen Einfluss. Der Opposition galt er als Bluthund, einen Plan zur Rettung der Monarchie hatte er auch nicht, Innenminister Bulygin wurde von ihm weitgehend verdrängt. Andere Minister waren für weiter gehende Zugeständnisse an die Opposition, die Gouverneure schwankten zwischen Repression und Nachgiebigkeit. 60 der 78 Provinzen wurden unter Ausnahmerecht gestellt.

In Petersburg streikten 160.000 Arbeiter, zeitgleich organisierten in Moskau 45.000 Arbeiter eine Woche lang einen Solidaritätsstreik. In Warschau und Lodz legten über 100.000 die Arbeit nieder, in Baku, Georgien und in den russischen Provinzstädten gab es im Januar einen Ausstand von etwa 414.000 Arbeitern, die bisher größte Streikwelle der Lohnabhängigen in Russland. 17) Die Streiks brachen meist spontan aus, Forderungen stellt man meist erst später auf. Wenn, dann forderte man Lohnerhöhungen, den Acht-Stundentag, bessere medizinische Versorgung, Kultur- und Bildungseinrichtungen. Man verlangte eine humanere Behandlung durch Vorarbeiter und Geschäftsführung, die Abschaffung des Duzens, der exzessiven Strafabzüge vom Lohn. Das Recht der Wahl von Arbeitervertretern wurde gefordert, der Drang nach Schaffung von Arbeiterorganisationen war größer als der nach Erfüllung wirtschaftlicher Forderungen. Nach Untersuchungen eines Menschewisten ging es in 35 Prozent der Streiks um ökonomische Forderungen, die zu 70 Prozent erfolgreich waren. Die Textilarbeiter erreichten eine Verringerung der Wochenarbeitszeit von 63 auf 60 Stunden. Politische Streiks waren kürzer, besonders Ende des Frühjahrs waren ökonomische und politische Forderungen oft nicht mehr zu trennen. 18)

Streiks zur Beendigung des Krieges häuften sich, man unterstütze die Matrosenrebellion in Kronstadt. Die Streiks dehnten sich auf andere Schichten aus, Handels- und Bankangestellte taten das zuvor Undenkbare, ebenso Kellner. Die Arbeiter suchten nach Organisationen. In den Betrieben bildeten sich Kerne von Gewerkschaften, die sich im Laufe des Frühjahres vernetzten. Die Zahl der Streikenden übertraf die Europas und der USA bei weitem. Daneben gab es auch Rückschläge, in ganz Russland beteiligten sich 200.000 Menschen an den Demonstrationen zum 1. Mai, in Petersburg konnten nur ein paar Hundert Teilnehmer mobilisiert werden.

Die 11 Millionen Einwohner Kongresspolens erwirtschafteten 25 Prozent der Industrieprodukte. In Polen spielte die Arbeiterklasse vom Januar 1905 an bis 1907 eine zentrale Rolle, die Politisierung war weit größer als sonstwo im russischen Reich. In Moskau waren etwa 20 Prozent der Arbeiter an den Streiks im Januar und Oktober beteiligt, aber 93 Prozent der polnischen Industriearbeiter. 1905 fanden ein Drittel aller Streiks in Russisch-Polen statt. 1906 bis 1907 waren fünf Prozent der Arbeiter in Russland organisiert, aber 20 Prozent in Polen. In Warschau gehörten Ende 1906 32.000 einer Gewerkschaft an, 12.000 auch einer politischen Partei. 19) Dazu kamen Genossenschaften und Bildungsorganisationen. In der Revolution 1905 war der Organisationsgrad höher als in Österreich, Belgien und Frankreich.

Die Streiks brachen spontan aus, die Parteien wurden ebenso überrascht wie die Polizei. Die SDKPiL lehnte den Vorschlag des Bundes und der PPS ab, ein gemeinsames Streikkomitees nach dem Petersburger Blutsonntag zu bilden, die Arbeiter handelten ohne die sich bekämpfenden Parteien. Der Generalstreik begann in Lodz, die SDKPiL organisierte einen Streik in einer Fabrik, der sich wie ein Feuer auf 23.000 Streikende ausweitete. Sie forderten den Acht-Stundentag und Lohnerhöhungen; am 28.Januar machten 100.000 Arbeiter die Bewegung zum Generalstreik. Trotz des Ausnahmezustandes breitete er sich ins Dombrowa-Gebiet und nach Tschenstochau aus, dann auf Warschau. Die Arbeiter zogen von Betrieb zu Betrieb und legten sie still. Die Streiks wurden von Plünderungen staatlicher Alkoholläden begleitet. Die Straßenkämpfe weiteten sich aus, Barrikaden wurden errichtet. Der Streik ging weiter, die Straßenunruhen gingen zurück, es gab 65 Tote und mehr als 700 Verletzte. 20)

Die Streiks weiteten sich auf die Betriebe der Provinz Warschau und auf die Landarbeiter aus. Der Belagerungszustand wurde auf ganz Polen ausgedehnt, immer wieder von bewaffneten Zusammenstößen begleitet. Der Gouverneur wollte in Sosnowitz die Produktion sichern und ließ Soldaten in Fabriken stationieren, als Arbeiter am 9.Februar das Fabriktor aufbrachen, schossen die Soldaten in Panik auf sie und töteten 33 von ihnen. Die Bergarbeiter bewaffneten sich mit Dynamit. Wie in Russland wurden in vielen Fabriken keine Forderungen aufgestellt, man streikte auch hier aus Solidarität. Sonst war neben dem Acht-Stundentag und Lohnerhöhungen die Forderung nach Schulen für die Kinder häufig.

Bild 11: Ilja Repin: Der 17. Oktober 1905

Die Staatsautorität reagierte mit Panik und ohne Koordination, oft forderte man die Arbeiter auf, Delegierte für Verhandlungen zu benennen. Lohnerhöhungen wurden erreicht, in den größeren Fabriken Warschaus wurde der Neun-Stundentag durchgesetzt, in Lodz waren es zehn Stunden. Als die Streiks beendet waren, merkten die Arbeiter schnell, wie die Inflation die Lohnerhöhungen überholte, die Unzufriedenheit blieb. Beim Streik hatten die Arbeiter die Unterstützung breiter Kreise von Intellektuellen. Streiks zogen sich durch das ganze Frühjahr, Auseinandersetzungen mit den Vorarbeitern, Ingenieuren und Angestellten nahmen zu, manche verhasste Vertreter der Fabrikbesitzer wurden von den Arbeitern eigenhändig aus der Fabrik geworfen, die Besitzer klagten über diese ‘terroristischen Akte‘. Aussperrungen und Schließungen beantworteten die Arbeiter mit Fabrikbesetzungen, die Unternehmer riefen das Militär zu Hilfe. Der 1. Mai gab Anlass zu riesigen Demonstrationen, 31 Prozent der Betriebe Warschaus streikten. Mit den Streiks stieg die Unsicherheit in den Wohnvierteln, Überfälle, Diebstähle und Einbrüche häuften sich, die zunehmende Straßenprostitution und das Aufkommen bewaffneter Banden wurde beklagt. Ende Mai gingen Arbeiter gegen die bewaffneten Kriminellen vor. Die Armee griff ein und schützte die Gesetzesbrecher vor den Arbeitern, Arbeitergruppen griffen auch Fabrikbesitzer an.

In Lodz waren die Streiks im Frühjahr von Betriebsbesetzungen geprägt, Arbeiter schlossen nicht streikende Werkstätten, notfalls gewaltsam. Im Juni weitete sich das zu einem Aufstand aus, die Armee griff mit 20.000 Soldaten und dem Kriegsrecht ein. Die Arbeiter hatten fast nur Steine als Waffen, mit 400 Opfern wurde dieser spontane Aufstand nieder geschlagen, die blutigste Episode der Revolution in Polen. Seit diesem Tag begann der Einfluss der revolutionären Parteien zu steigen.

Anfang 1905 hatten die illegalen sozialistischen Parteien nur einen geringen Einfluss unter den Industriearbeitern, PPS, SDKPiL, PPS-Proletariat und Bund hatten zusammen nur ein paar tausend Mitglieder, nur die PPS hatte außerhalb Warschaus einen gewissen Einfluss. Dazu kam, dass die SDKPiL und der Bund vor allem mehr Handwerker als Arbeiter in Großbetrieben organisierten, die PPS hatte Ansätze in den Betrieben. So hatte sie auf die spontane Bewegung in den ersten Monaten 1905 nur geringen Einfluss und verweigerten eine Zusammenarbeit. Sie griffen schnell die Möglichkeit auf, über die Betriebsdelegierten Einfluss zu gewinnen, wobei sie die gegnerische Partei oft gewaltsam auszuschließen versuchten. Beim Aufstand in Lodz waren mehr als ein Drittel der Erschossenen PPS-Anhänger. Fast zwei Drittel der Industriearbeiter Warschaus beteiligten sich am Generalstreik gegen die Unterdrückung des Aufstandes zwischen dem 24. und 26. Juni 1905; langsam erkannten die sozialistischen Parteien, dass eine Zusammenarbeit auch Vorteile brachte.

Die lettische Bevölkerung war für russische Verhältnisse sehr fortgeschritten, der Anteil der Bevölkerung, die Lesen und Schreiben konnte, war dreimal höher als in Russland. Wie Polen war in Riga die Bewegung sehr stark, der Generalstreik begann am 13. Januar. Zusätzlich waren die Landarbeiter in Aufruhr, immer wieder gab es bewaffnete Zusammenstöße, Güter wurden zerstört. In Riga und Libau beherrschten Komitees die Stadt für zwei Monate. Auf dem Land übernahmen revolutionäre Bauern und Landarbeiter oft die Verwaltung, bildeten Kampfgruppen, vertreiben die Barone und leisteten den russischen Truppen Widerstand. Die baltischen Barone stellten zusätzlich Söldner ein, auf dem Land herrschte im Sommer Bürgerkrieg. 21)

In Georgien gewannen die Sozialdemokraten einen großen Einfluss auf die Kleinbauern, insbesondere im Gebiet Guria in der Provinz Kutais.Im Frühjahr wurden die wenigen Kräfte der russischen Herrschaft schnell beseitigt, die Bauern bildeten Volkskomitees mit sozialdemokratischem Einfluss und begannen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Die ‘Republik von Guria‘ war basisdemokratisch organisiert. Es gab dörfliche Generalversammlungen, Bauerngerichte und eigene Exekutivbeamte. In den Dorfgerichten wurden Mehrheitsentscheidungen getroffen, Frauen stimmten mit ab. Die stärkste Waffe war der Boykott, die den Betroffenen aus dem sozialen Leben ausschloss. Die Dorfversammlungen fanden wöchentlich statt und politisierten sich, sie richteten Kampfabteilungen ein. Die Adligen leisteten nur wenig Widerstand, oft flohen sie in die Städte, viele Kleinadligen, deren soziale Situation wenig besser als die der Bauern war, beteiligten sich an der demokratischen Bewegung und besonders ihre studentischen Kinder. Polizisten legten ihre Funktionen nieder, Polizeigebäude wurden angezündet. Begleitet wurde die Bewegung vom Terrorismus gegen staatliche Institutionen und widerspenstigen Grundbesitzern.

Nach der Niederschlagung des Moskauer Aufstandes im Dezember rückten im Januar 1906 Truppen in die Provinz ein und hinterließen eine Schneise der Verwüstung. Das sozialdemokratische Komitee forderte die Bauern auf, den Widerstand einzustellen, Ende März war ‘die Ordnung‘ wieder hergestellt, bis 1907 regierten Feldgerichte und hängten 73 Menschen, 5.000 wurden verbannt. Die Bauern mussten ihre Abgaben und Steuern nachzahlen, Terror und Gegenterror gingen bis 1907 weiter.

Die Bauern von Guria waren gläubige Christen, die Eide auf die Ikonen geschworen hatten. Sie wollten ihr Land. Die Sozialdemokraten sprachen von Gerechtigkeit und Gleichheit, sie versprachen mehr Land und das Ende der Steuern an die Regierung und der Abgaben an die Grundherrn, Respekt vor dem arbeitenden Menschen. Sie traten für Selbstverwaltung unter russischem Schutz ein, Schulen in eigener Sprache und den Frieden. Die Gegend war marginal, was zum Erfolg der Bauernrepublik beitrug, die russische Verwaltung schwach, teilweise schwankend. Es gab eine starke regionale Identität und eine relative soziale Homogenität. Viele sozialdemokratische Führer wie Schordania und Tschcheïdse stammten aus der Gegend. Die Bauern setzten sich mit ihrem Willen nach Land gegen das sozialdemokratische Agrarprogramm durch. Die georgische RSDRP wurde durch die Selbstverwaltung zu einer national verankerten Partei. Sie argumentierten, Klein- und Mittelbauern seien Arbeitern ähnlich, gleich arm und machtlos. Die Mehrheit der RSDRP sah in der georgische Partei eine sozialrevolutionäre Abweichung. Mit den Sozialrevolutionären teilten sie das Konzept der ‘Revolution der Arbeitenden‘ in Stadt und Land. Im Gegensatz zu den Sozialrevolutionären waren sie für die Aufteilung des Bodens als Grundlage der bürgerlichen Revolution und verhielten sich sehr pragmatisch. 22)

Kehren wir nach Petersburg zurück. Auch die Intelligenz gründete hier Gewerkschaften, besser wohl Berufsvereinigungen oder Unionen, so die Union der Rechtsanwälte Petersburgs im März. Einige Sozialdemokraten unter ihnen wollten einen nationalen Aufstand propagieren, das war noch zu radikal für die Mehrheit, man einigte sich darauf, die revolutionären Parteien zu unterstützen. Selbstverständlich forderten sie eine demokratische Konstitution. Das medizinische Personal organisierte sich, Ingenieure hatten ein vergleichbares Ziel. Die Journalisten gründeten im April eine Allrussische Schriftsteller-Union. Ende April gab es 14 nationale Verbände der Intellektuellen, zusätzlich einen Verband für die Gleichstellung der Juden und einen Frauenverband. Im Mai gründeten sie einen Verband der Verbände. Miljukow, ihr Vorsitzender, bezeichnete sie später als Bindeglied zwischen Liberalen und Revolutionären.

Von Februar bis Juli gab es eine Petitions-Kampagne von Semstwos, Stadträten, kulturellen und Berufsvereinigungen mit hunderten von Versammlungen und Diskussionen über Reformen, die an den Innenminister geleitet wurden, breit kommentiert in der Presse. Es war eine verbreiterte Fortsetzung der liberalen Kampagne von Ende 1904. Sie war von niemandem geplant und hatte ein gemeinsames Ziel: Die Beschränkung der Macht des Zaren. Konservative Gruppen stellten Forderungen nach mehr Freiheit, Stadträte, die sich bisher nur um lokale Angelegenheiten gekümmert hatten, verlangten politische und soziale Reformen. Die Semstwo-Bewegung berief für April 1905 einen zweiten Kongress ein. Sie ignorierte das Verbot und setzte sich überraschenderweise gegen die Regierung durch. 125 Delegierte forderten eine verfassungsgebende Versammlung mit einem demokratischen Wahlrecht in zwei Kammern. 23) Der rechte Flügel konnte sich mit dem Vorschlag indirekter Wahlen nicht durchsetzen.

Auch die Studenten streikten. In Moskau nahmen 3.000 Studenten und Professoren an einer Protestversammlung teil, ein Zarenbild wurde symbolisch zerrissen und eine rote Fahne geschwenkt. Im Februar waren alle höheren Lehranstalten des Landes geschlossen und wurden erst im August wieder eröffnet. Die Studenten hatten also genügend Zeit, sich in das politische Leben zu stürzen. Auch an den Oberschulen gab es Streiks. Selbst die Moskauer Adelsversammlung stimmte mehrheitlich für eine Verurteilung des Massakers.

Waren die Arbeiter der Gapon-Bewegung den Sozialisten ursprünglich eher feindlich gesinnt und hatten sie deren Geldspende während des Putilow-Streik mit feindseligem Murmeln angenommen, so bewegten die sich jetzt wie Fische im Wasser, ein Sozialdemokrat berichtete:

“Jetzt wurden uns zehntausende revolutionärer Flugblätter aus den Händen gerissen, neun Zehntel von ihnen wurden nicht nur gelesen, sondern weiter gegeben bis sie kaputt waren. Die Zeitungen, die Arbeiter bis vor kurzem … vor allem als Zigarettenpapier genutzt worden waren, wurden nun sorgfältig, fast liebevoll geglättet, an Lesekundige weitergegeben. Die Massen hörten mit angehaltenem Atem, ‘was die über den Krieg schreiben‘ … Nicht nur die Soldaten kämpften an den Bahnlinien fast um die Flugblätter …, auch die Bauern nahe der Eisenbahnstationen fragten von da an … nach einer ‘kleinen Zeitung‘.“ 24)

Der Blutsonntag führte zu einer Welle von Attentaten. Großherzog Sergei, Gouverneur von Moskau, traf es als ersten. Die Sozialrevolutionäre favorisierten den Terror. In Berlin beschlossen russische Studenten, Geld zu sammeln, in die Heimat zurück zu kehren und terroristisch gegen den Zarismus zu kämpfen.

Gapon konnte im Februar in die Schweiz entfliehen. Er kam zu Plechanow und Lenin und erklärte sich zum Sozialdemokraten, aber schnell wandte sich Gapon von den ‘Theoretikern‘ der Sozialdemokratie und ihren Fraktionskämpfen ab und dem Aktionismus der Sozialrevolutionäre zu. Lenin erklärte sich von Gapon beeindruckt, der sei aber ohne jegliches Konzept der Revolution. In einem aggressiven offenen Brief an den Zaren erklärte der Volkstribun:

“…Die Bomben und das Dynamit, der kollektive und individuelle Terror, der Volksaufstand erwarten dein Gesindel und alle rechtlosen Mörder des Volkes.“ 25)

Im Exil versuchte Gapon die Revolutionäre zu vereinen. Dem guten Redner fehlte es an der Fähigkeit, Ziele zu formulieren und umzusetzen. Im März tagte die von ihm einberufene Einigungskonferenz; die Menschewiki boykottierten sie, Bolschewiki, LSD, Bund und die armenischen Sozialdemokraten verließen die Konferenz am zweiten Tag. Die Polen forderten das Recht auf Unabhängigkeit, Gapon wollte den Respekt vor dem Eigentum unter den Bauern verankern, er blieb isoliert. Im Herbst 1905 kehrte er nach Petersburg zurück und versuchte seine Versammlung wieder zu beleben. Er berief eine Versammlung ein, die gut besucht war, aber inzwischen waren Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre viel stärker geworden und wandten sich gegen eine Arbeiterpartei unter seiner Führung. Er machte eine erneute Wende und nahm wieder Kontakt mit der Regierung auf. Die Regierung gab ihm 500 Rubel mit der Aufforderung, Russland wieder zu verlassen. In Europa fand Gapon viel Presseinteresse, er warnte vor den radikalen Arbeiterparteien und lobte Ministerpräsident Witte als einzigen Mann, der Russland vor dem Abgrund retten könne. Die Sozialisten bezeichneten ihn als Verräter. Im Dezember 1905 war er wieder in Russland mit einem weiteren Versuch, seine Bewegung zu revitalisieren, im Februar 1906 bekam er die Erlaubnis, seine Arbeiterorganisation neu aufzubauen. Ein Mitkämpfer denunzierte ihn bei dem Leiter der sozialrevolutionären Kampforganisation Asef. Der bestellte Gapon zu einer einsamen Datscha, ließ ihn über seine Verbindung zur Ochrana reden und wurde von Sozialrevolutionären, die im Nebenzimmer lauschten, ermordet. Trotzki urteilte über ihn:

“Ein Phantast .., ein völliger Ignorant in sozialen Fragen, war Gapon ebenso wenig imstande, die Vorgänge zu leiten als ihren Lauf voraus zu sehen. Die Ereignisse rissen ihn mit sich fort.“ 26)

Die Schidlowski-Kommission

Nikolaus empfing auf Vorschlag des neu ernannten Generalgouverneurs von Petersburg Trepow eine sorgfältig handverlesene Delegation von 34 Arbeitern und erklärte ihnen, die Arbeiter seien von ‘Verrätern und Volksfeinden‘ fehl geleitet worden, aber er verzeihe ihnen und spende 50.000 Rubel für die Opfer des Massakers. Er forderte sie zur Wiederaufnahme der Arbeit auf. Viele der entsandten Arbeiter waren von ihrer Rolle so beschämt, dass sie sich kaum in ihren Betrieb zurück wagten oder gar Petersburg verließen. 27)

Am 19. Januar setzte die Regierung eine Kommission unter dem Senator Schidlowski ein, um die Ursachen der Unzufriedenheit der Arbeiter zu erkunden und Maßnahmen zu ihrer Abstellung zu ergreifen. Die Haltung der Regierung war durch das Schwanken zwischen Repression und Zugeständnissen gekennzeichnet, sie griff zum alten Mittel der Herrschenden, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Es war das erste Mal, dass der Zarismus Arbeiter ihre Vertreter wählen ließ. In Fabriken mit mehr als hundert Arbeitern sollten auf Versammlungen über 25-jährige Männer und Frauen Delegierte wählen, Vorarbeiter waren ausdrücklich ausgeschlossen. In Betrieben mit 100 bis 500 Arbeitern sollte ein Vertreter gewählt werden, in größeren Fabriken für alle weiteren 500 jeweils ein weiterer Delegierter. Die Arbeiter sollten die Versammlungen selbst ohne Einmischung von Polizei, Fabrikinspektoren und Unternehmern abhalten. Die Wahlen wurden für Februar angesetzt, in einer zweiten Stufe sollten sich dann die Gewählten treffen und die 50 Mitglieder der Kommission finden.

In vielen Werken wurden Anfang Februar sehr schnell Wahlen durchgeführt, noch ehe die Wahlordnung veröffentlicht wurde. Die Arbeiter diskutierten auf Versammlungen auch ihre Forderungen. Sie schickten Rechtsanwälte, um mit Schidlowski vor allem über die Unabhängigkeit der Wahl und die Unverletzlichkeit der Delegierten zu verhandeln, einer der Rechtsanwälte war Georgii Nossar. Am 13.Februar fanden die offiziellen Wahlen statt, nach Zeitungsberichten wählten in 208 Fabriken 145.250 Arbeiter 372 Delegierte, zählt man kleinere Fabriken hinzu, so wählten etwa 160.000 Arbeiter. 28)

Die Ankündigung der Wahlen traf Bolschewiki wie Menschewiki genau so unvorbereitet wie alle anderen. Der Blutsonntag wie die Nachrichten vom russisch-japanischen Krieg schufen unter den Arbeitern und breiten Teilen der liberalen, demokratischen und revolutionären Intelligenz Hoffnung, die Revolution stehe unmittelbar bevor, der Sturz der Autokratie sei nur noch eine Frage von Wochen.

Die Menschewiki meinten, die Bewegung sollte nicht bei der Schidlowski-Kommission stehen bleiben, die Arbeiter sollten die Einberufung einer Konstitutionellen Versammlung fordern. Die Stimmen für einen Boykott der Wahlen verstummten schnell, an der weiteren Arbeit der Schidlowski-Kommission wolle man dann aber nicht mehr teilnehmen. 29) Das bolschewistische Komitee von Petersburg rief zum Boykott der Wahlen auf und gab unter dem Druck der Arbeiter diese Position wieder auf. Die Partei diskutierte die Teilnahme oder den Boykott intensiv. Man einigte sich, die Kommission selbst zu boykottieren. 30)

Die Menschewiki schätzten, 20 Prozent der 417 Gewählten seien Mitglieder der Sozialdemokraten, 40 Prozent sympathisierten mit ihnen, 30 bis 35 Prozent seien mehr an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen interessiert. 31) Andere Quellen berichteten von etwa 180 Anhängern Gapons. Die 417 Gewählten wurden in acht Gruppen unterteilt, die die verschiedenen Aspekte der Kommissionsarbeit untersuchen sollten. Die Vertreter der acht Gruppen trafen sich dann und trugen Schidlowski ihre Forderungen vor: Meinungsfreiheit der Arbeiter in der Kommission, Teilnahme an allen Beratungen, eine Repräsentation der Arbeiter in Fabriken kleiner als einhundert Mitglieder, unzensierte Veröffentlichung aller Verhandlungsprotokolle, Wiedereröffnung von Gapons Versammlungslokalen, Entlassung aller seit dem 1. Januar verhafteten Arbeiter und Immunität für die versammelten Arbeiter; eine Nichterfüllung der Forderungen würde einen Generalstreik nach sich ziehen. Schidlowski sagte die Erfüllung der ersten drei Forderungen zu und versprach die anderen weiter zu geben; am 20. Februar erklärte der Zar die Kommission für aufgelöst, 50.000 bis 60.000 Arbeiter traten daraufhin in den Streik, die Regierung ging mit Verhaftungen vor. 32)

Die ersten freien Arbeiterwahlen und die Diskussionen in den Betrieben waren wichtige Erfahrungen für die neue Bewegung, ein Schritt hin zur Wahl des Rates der Arbeiterdeputierten der Stadt Petersburg, genauso wie der erste Sowjet in Iwanowo-Wosnessensk.

Der Sowjet von Iwanowo

Iwanowo-Wosnessensk, in der Provinz Wladimir in der zentralen Industrieregion um Moskau gelegen, war eine von der Textilindustrie geprägte Stadt, viele Textilbetriebe hatten sich auch in der ländlichen Umgebung angesiedelt. 33) Im Mai entstand der erste Arbeiterrat, der durch sein Beispiel einen großen Eindruck auf die öffentliche Meinung machte. Er schaffte es, einen Arbeitskampf von 65 Tagen zu organisieren. Ein Streik für bessere Arbeitsbedingungen brach mit 32.000 Streikenden aus, die Arbeiter wählten auf Vorschlag eines Fabrikinspektors in allen Fabriken Delegierte, der Gouverneur sicherte den Gewählten Immunität zu. Am 15. Mai tagte der Sowjet mit 151 Delegierten erstmals – unter ihnen etwa 30 Bolschewisten – und wählte eine Exekutive. Er stellte Streikforderungen auf, wandte sich aber anfangs gegen politische Diskussionen. Die Nachbarorte wählten ebenfalls Räte und schickten sie nach Iwanowo. Zu den üblichen Forderungen der Räte kamen die nach Mutterschaftsurlaub für Arbeiterinnen und Ambulanzen in den Fabriken sowie eine halbe Stunde Pause für Mütter zur Verpflegung ihrer Kinder. Der Streik verlief absolut friedlich, der Sowjet richtete eine Arbeitermiliz gegen Schwarzhundertschaften und Hooligans ein. Die Gruppe der Bolschewiki unterstützte den Sowjet, sie gab ein tägliches Streikbulletin heraus. Die Versammlung von 10.000 Arbeitern am 14. Mai wurde vom Gouverneur erlaubt, für die Zukunft verbot er Versammlungen in der Stadt. Die Arbeiter zogen ans Ufer des Flusses außerhalb der Stadt und versammelten sich dort mehrere Wochen lang. Am 23. Mai erklärten die Unternehmer ihre Ablehnung der Forderungen und der Gouverneur verbot die Arbeitermiliz.

Am 26. wurden einige Fabriken mit Streikbrechern eröffnet, der Gouverneur verbot erneut eine Massenversammlung, sie fand am 3. Juni im benachbarten Wald statt. Plötzlich erschienen Kosaken und attackierten die Versammlung, töteten mehrere Arbeiter und verhafteten einige Führer. Die aufgebrachten Arbeiter griffen jetzt Polizei und öffentliche Gebäude an, der Gouverneur stellte die Stadt unter Belagerungszustand. Am 13.Juni machten die Unternehmer eine Konzession, sie erhöhten den Lohn und zehn Prozent – später um fünfzehn – was die Arbeiter als unzureichend ablehnten. Die Arbeiter erhoben jetzt die Forderung nach Freilassung aller Gefangenen und auf das Recht nach Abhaltung öffentlicher Versammlungen. Der Gouverneur erlaubte die Versammlungen als kleineres Übel. Die Arbeiter waren durch den langen Streik in eine schlimme Lage gekommen, viele hungerten und dachten an die Aufgabe des Streiks, es gab Plünderungen von Lebensmittelläden. Der stellvertretende Innenminister Trepow forderte den Gouverneur zu verschärfter Repression auf. Mitte Juni hatten viele der Fabrikbesitzer die Stadt verlassen, es waren nur wenige Entscheidungsträger unter den Kapitalisten übrig. 37 Unternehmer forderten den Innenminister zu ‘energischen Maßnahmen zur ‘Wiederherstellung der Ordnung‘ auf. Am 24. Juni wurden 71 Geschäfte geplündert, die Kosaken prügelten und verhafteten 39 Personen. Am 27. erklärte eine Versammlung der Arbeiter, 47 Streiktage hätten sie so geschwächt, dass sie am 1. Juli die Arbeit wieder aufnehmen würden, der Streik solle weiter geführt werden, wenn die Arbeiter ihre Kraft wieder gewonnen hätten. Ihnen folgten viele hungernde Arbeiter, am 18. Juli wurde der Streik beendet, der Sowjet löste sich auf. 34)

Der Streik war eine Niederlage, die Geschlossenheit und Dauer hinterließ dank des Sowjets einen großen Eindruck in der russischen Gesellschaft. Seine Autorität unter den Arbeitern ließ ihn zum anerkannten Vertreter gegenüber Unternehmern und der Provinzverwaltung werden, seine politischen Ziele waren wie im Frühjahr 1905 allgemein in Russland gering entwickelt. Allein die Form seiner Existenz beeindruckte. Die Bolschewiki hatten in Iwanowo 400 Mitglieder, während des Streiks wuchsen sie auf 600 an. 35)

Im Juli nahmen die Arbeiter im benachbarten Kostroma die Aktion in Iwanowo zum Vorbild, 10.000 legten die Arbeit nieder und wählten eine ‘Versammlung der Streikdelegierten‘ mit 108 Mitgliedern, der Fabrikinspektor erkannte sie an. Sie stellte einheitliche Forderungen auf, verhandelte mit den Fabrikbesitzern, bildete eine Miliz, wählte Vertrauensleute, die Geld sammelten. Nach drei Wochen mussten die Arbeiter aufgeben, sie hatten eine Stunde Arbeitszeit-Reduzierung erreicht. 36)

Der Sowjet von Iwanowo war sicher eine Grenzform zwischen einem Streikkomitee und einem Arbeiterrat. Wie die Arbeiterwahlen zur Schidlowski-Kommission fand er ein großes Echo im Land, führte zu ausgedehnten Diskussionen und war ein Vorläufer des Petersburger Arbeiterrates.

Die Potemkin-Meuterei

Die Unruhen erfassten auch die Bauern und die Armee. Eine Millionen Soldaten waren im Krieg in Ostasien mobilisiert, die Soldaten rekrutierten sich vorwiegend aus der Bauernschaft. Der Dienst in der Kriegsmarine forderte technische Kenntnisse, die der Mehrzahl der ländlichen Rekruten abging. Die Mehrheit der Matrosen stammten aus der Arbeiterklasse, sie galten politisch als unzuverlässig, weil mit sozialistischen Ideen infiziert. 29 Prozent von ihnen kamen aus Städten, von ihnen war nur ein Viertel Analphabeten. 37) Während die Baltische Flotte sich auf den mühsamen Weg um die halbe Welt nach Ostasien machte, wurde die Schwarzmeerflotte nicht für den Krieg mobilisiert.

Marineoffiziere rekrutierten sich überwiegend aus dem Adel und zeichneten sich durch stupide Ignoranz aus. Auf den Schiffen regierten sie rigide und grausam, vom Klassenhass und Standesdünkel gegen die Mannschaften beherrscht. Kleine Vergehen wurden oft mit Prügelstrafen und anderen Grausamkeiten bestraft; Mannschaften und Offizieren lebten auf dem engen Raum eines Schiffes in latenter Bereitschaft zur Konfrontation.

Bild 12: Filmplakat Panzerkreuzer Potemkin
bild_13_poster_film.jpg Matrosen der Schwarzmeerflotte hatten Kontakt zur RSDRP in ihrem Heimathafen Sewastopol, an den samstäglichen Treffen in der Umgebung der Stadt stieg die Zahl der Teilnehmer in den Monaten vor der Meuterei von 30 auf 300 bis 400. Die Parteiorganisation der Stadt bearbeitete sie mit 12.000 Flugblättern zwischen November 1904 und April 1905. 38) Das rebellischste Schiff der Flotte, die Katharina II., hatte bereits im November gegen eine ungerechtfertigte Bestrafung rebelliert, die Forderung nach Bezahlung eines Kriegssoldes für die Matrosen griff auf die anderen Schiffe der Schwarzmeerflotte über. Zum Jahresbeginn begaben sich 150 bewaffnete Matrosen in die Stadt, um ein von der Polizei angezetteltes Pogrom zu bekämpfen. Der Petersburger Blutsonntag steigerte ihre Wut, die RSDRP-Gruppe begann die Frage eines Aufstandes zu diskutieren. Sie plante nach dem Blutsonntag eine Meuterei, die sich aufs ganze Reich ausdehnen solle. Die Sozialdemokraten Südrusslands meinten dagegen, die Initiative sollte von den Arbeitern ausgehen.

Auf der Potemkin gab es eine aktive sozialdemokratische Gruppe, 50 der 800 Mann Besatzung waren Revolutionäre. Auf die sich häufenden Verstöße gegen die Disziplin reagierten die Offiziere mit der Verschärfung der Repression. Die Nachricht von der Vernichtung der Flotte bei Tsushima stärkte die Matrosen in ihrem Widerstandswillen zusätzlich. Im Juni lief die Potemkin mit anderen Schiffen zu einer Patrouillenfahrt ins Meer aus, die Katharina II. blieb in Sewastopol zurück.

Am 14. Juni 1905 kam es zur Meuterei, Anlass war verdorbene Verpflegung. Bei der Meuterei wurden ein Streikführer und sechs Offiziere erschossen. Die Rebellen wählten Afanasi Matuschenko zum Vorsitzenden eines ‘Volkskomitees‘, Sozialdemokrat seit 1903. Er wollte die Meuterei auf andere Schiffe ausdehnen und steuerte Odessa an, deren Massen er mitreißen wollte. In der Hafenstadt gab es seit Wochen Streiks und Demonstrationen, Polizisten wurden überfallen und erschlagen, die Streikenden hatten das städtische Kraftwerk zerstört, die Züge im Hafen wurden lahm gelegt, die Straßenbahn stand still. Die Arbeiter waren sehr überrascht, als die Potemkin unter roter Fahne in den Hafen einlief und die Leiche des ermordeten Rebellen präsentierte. Die Arbeiter versammelten sich, Polizei und Kosaken wurden mit Schüssen vertrieben, bei einem Angriff drohte das Volkskomitee mit der Beschießung der Stadt. Es gab eine Massendemonstration, die aber in Plünderungen degenerierten, Lagerhäuser wurden angezündet. Trepow ließ Odessa unter Kriegsrecht stellen, die Armee rückte vor und schoss von allen Seiten, es gab fast 2.000 Tote, viele Leichen schwammen im Hafen. Sergei Eisenstein hat den Ereignissen in seinem dramatischen Film ein cineastisches Denkmal gesetzt.

Am 16. Juni war die ‘Ordnung‘ wieder hergestellt, am 20. arbeiteten die Fabriken wieder. Obwohl Gruppen sozialdemokratischer Matrosen auf sechs Schiffen der Schwarzmeerflotte aktiv waren, wurden sie von der Aktion auf der Potemkin überrascht, ebenso die sozialistischen Organisationen in Odessa. Am 18. stachen die Meuterer wieder in See mit dem Ziel, die Bewegung auf andere Schiffe auszudehnen. Es gab eine Meuterei auf der Georg der Eroberer und Ansätze auf einigen anderen Schiffen, aber am 19. gewannen loyale Offiziere die Kontrolle zurück. Total isoliert fuhr die Potemkin nach Konstanza, um Wasser zu fassen, die rumänischen Behörden verweigerten das, boten aber Asyl gegen die Rückgabe des Schiffes an. Das lehnten die Aufständischen ab und dirigierten das Schiff in einen russischen Schwarzmeerhafen, konnten aber auch hier kein Wasser und Kohlen an Bord schaffen, weil die Garnison sie beschoss. Sie kehrten nach Konstanza zurück und akzeptierten dieses Mal das Angebot der rumänischen Regierung. Die russische Marine deaktivierte als Vorsichtsmaßnahme 5.000 Matrosen der Schwarzmeerflotte und setzte sie somit zeitweise außer Gefecht. 39)

In Sewastopol agitierte der Leutnant Pjotr Schmidt erfolgreich unter Arbeiter und Matrosen. Der kommandierende Admiral verbot die Teilnahme der Matrosen an politischen Versammlungen und ließ auf eine Veranstaltung der Matrosen schießen, das provozierte eine Meuterei am 14. November auf dem Panzerkreuzer Otschakow und kleineren Schiffen; die Matrosen wählten Leutnant Schmidt zu ihrem Anführer. Schmidt war die Begrenzung der Rebellion bewusst, er hoffte eine Revolution initiieren zu können. Er schickte ein Telegramm an den Zaren mit der Forderung nach einer sofortigen Einberufung einer Konstituierenden Versammlung und entwickelte einen Plan, die Macht auf der Krim an sich zu reißen und sie zu verteidigen. Er befahl die Verhaftung aller gegen den Aufstand opponierenden Offiziere. Die Marineführung reagierte schnell, ein Schiff und die Küstenartillerie schossen auf die Meuterer. Innerhalb von Stunden brach der Aufstand zusammen, 1.600 Matrosen wurden festgesetzt. 1906 wurden Leutnant Schmidt und drei Führer der Meuterei zum Tode verurteilt und erschossen. Insgesamt zählte die russische Armee 1905 211 Meutereien, die meist in Gehorsamsverweigerung, dem Verlassen von Kasernen, Versammlungen und der Verweigerung des Grüßens gegenüber Offizieren bestanden. Sie blieben isoliert und stellten die Kampffähigkeit der zaristischen Armee nicht in Frage, ihre propagandistische Wirkung aber war enorm. 40)

Bulygins Verfassung

Im Sommer 1905 wurde die staatliche Ordnung sichtlich schwächer, die Zeitungen hielten sich nicht mehr an die Zensur, die militärischen Mittel reichten nicht aus, die Unruheherde gleichzeitig in Schach zu halten. Der Staatsapparat schwankte zwischen Zugeständnissen und Repression. Die Demokratie-Kampagne der Liberalen und die Streiks gingen weiter, auf dem Land ebbte die Unruhe ab. Im August 1905 konnte mit Hilfe der USA ein nicht ungünstiger Friedensvertrag mit Japan in Portsmouth, New Hampshire (USA) unterzeichnet werden.

Am Ende des Sommers lebte die Studentenbewegung wieder auf. Im Juni tagte ein Kongress der Vertreter der Stadträte aus 87 Städten, die Unterstützung für die Konstitutionalisten wurde stärker, der Kongress forderte ein Zwei-Kammer-Parlament, sie lehnten den Terror nicht ab und kritisierten die Brutalität der Polizei. Sie nahmen die Einladung der Semstwo-Bewegung an, einen gemeinsamen Kongress abzuhalten. Der Generalgouverneur Moskaus verbot ihn, konnte ihn aber nicht verhindern. Die Forderung der Einberufung eines Parlaments trat jetzt in den Vordergrund.

Am 6. August veröffentlichte Innenminister Bulygin sein Reformprojekt. Die Regierung war sich über das Projekt uneins, Nikolaus hatte schließlich zugestimmt. Ein paar Monate zuvor wäre Bulygin als großer Reformer gepriesen worden, jetzt galt sein Entwurf allgemein als nicht weitgehend genug. Er projektierte ein Parlament, Duma genannt, mit konsultierenden Funktionen. Die Duma durfte Gesetze beraten, die dem Zaren und dem von ihm bestimmten Staatsrat zum Entschluss vorgelegt werden sollten. Die Duma sollte für fünf Jahre gewählt werden, der Zar konnte sie nach Belieben auflösen und Neuwahlen ausschreiben. Die Wahl sollte auf mehreren Stufen stattfinden, je nach der Größe der Kurien. Die Kurien waren die verschiedenen Stände Russlands. 41) Selbstverständlich waren die privilegierten Stände stärker repräsentiert als die Bauern und städtischen Besitzenden. Die Abgeordneten sollten auf einer Provinzversammlung festgelegt und direkt oder indirekt von ihrer jeweiligen Kurie gewählt werden. Die Bürger bestanden aus Hausbesitzern, Händlern und Industriellen. Die dritte Kategorie waren die Bauern in der Dorfgemeinschaft. Weder für die städtischen noch die Landarbeiter, die vermögenslosen Intellektuellen oder die nationalen Minderheiten war eine Vertretung vorgesehen.

Die Liberalen waren uneins, die Duma erfüllte ihre Hoffnungen nicht. Die Polizei sollte weiter Versammlungen auflösen und die Verteilung politischer Literatur verbieten, andererseits war es eine gewisse Repräsentation des Volkswillens, ein Boykott der Wahlen würde die Reaktionäre stärken. Auf dem zweiten Kongress der Semstwo- und Stadtrats-Vertreter im September waren die Befürworter der Bulygin- Verfassung in der Mehrheit. Die Zustimmung war taktisch, denn die Verfassung galt ihnen als unzureichend. Der Kongress sprach sich für die Autonomie Polens mit einer eigenen Volksvertretung aus, für eine Enteignung der Großgrundbesitzer gegen Entschädigung, Arbeitsreformen, Arbeitszeitverkürzung, das Streikrecht und eine Steuerreform. Die Mehrheit setzte jetzt eher auf die Unterstützung des Volkes als auf einen Erlass des Zaren.

Die Bolschewiki verkündeten die Politik des ‘aktiven Boykotts‘, die Menschewiki wollten eine differenzierte Taktik: im Kaukasus stimmten sie für die Teilnahme an den Wahlen, sonst waren sie auch für Boykott, ebenso die Sozialrevolutionäre, sogar der liberale Verband der Verbände stimmte zu.

Das August-Manifest gab den Universitäten die Autonomie. Als Befriedung der unruhigen Studenten und Intellektuellen gedacht, hatte es einen unerwarteten Effekt: Die Sozialdemokraten forderten die Studenten auf, die Hochschulen für die Arbeitenden zu öffnen, und die Universitäten wurden von den Massen als Diskussions- und Organisationszentrum genutzt. Die Polizei und das Militär konnten die politischen Organisationen in der ganzen Stadt festnehmen und drangsalieren; sobald sie jetzt die Tore der Universitäten betraten, mussten sie draußen bleiben. Ein Strom schlecht gekleideter und ungebildeter Arbeiter schob sich in die vornehmen Säle der Alma Mater, vermischte sich mit Studenten und Intellektuellen und führte heiße Diskussionen, den ‘Teach-Ins‘ der 1960er Jahre sicher verwandt. Das Zentrum der Bewegung verlagerte sich zeitweise hier hin.

Während des Sommers gingen die Anstrengungen der Arbeiter, die Wirkung ihrer Streiks durch die Gründung von Gewerkschaften zu potenzieren, weiter. 1903 war eine einzige russische illegale Gewerkschaft – außerhalb des jüdischen Rayons – geschaffen worden, die Moskauer Druckergewerkschaft. Es gab drei Ansätze: die legalen Versicherungsorganisationen der Arbeiter, die Subatow-Gapon-Gruppen sowie die spontanen Zusammenschlüsse in den Betrieben. Die Frage der Aufgabenteilung zwischen Partei und Gewerkschaft war auch unter den Sozialdemokraten ungeklärt, viele meinten, die Gewerkschaften sollten sich der Partei anschließen. Es herrschte die Befürchtung, der wirtschaftliche Kampf könne vom politischen ablenken. So kam oft eine Initiative zur Gründung von Struves Befreiungsbund. Besonders die Menschewiki waren dann im Frühjahr und Sommer bei den Gewerkschaftsgründungen sehr aktiv.

Die Metallarbeiter Petersburgs und die Werftarbeiter der Schwarzmeerhäfen waren in der Organisierung führend, neue Arbeiterschichten zogen nach. Die Eisenbahner hatte eine besondere Bedeutung, im April wurde unter der Führung der Sozialrevolutionäre der Allrussische Eisenbahnerverband gegründet, der dem Verband der Verbände beitrat und den Oktoberstreik vorbereitete. Bis September bildeten sich in Petersburg 57 und in Moskau 67 Gewerkschaften, immer wieder von Rückschlägen begleitet. 42) Im Alexandergarten Petersburgs trafen sich am 11. Juni ein paar Hundert Angestellte und Verkäufer der Kauf- und Handelshäuser; sie forderten eine Mittagspause, einen freien Wochentag, bezahlten Urlaub, zwei Monate Mutterschutz, durch die Kapitalisten bezahlten sozialen Schutz; die Polizei zerstreute sie, aber der Prozess hatte begonnen. 43) Im Oktober 1905 gab es bereits in Petersburg 41 Gewerkschaften mit 30.000 Mitgliedern. 44)

Der Oktoberstreik

Im Spätsommer 1905 flaute die revolutionäre Welle ab, die Massen zeigten Erscheinungen von Erschöpfung, die Ankündigung der Wahlen und der Friedensschluss mit Japan schienen auf eine Stabilisierung der politischen Situation hinaus zu laufen. Jetzt zogen die Kleinbetriebe mit dem am stärksten ausgebeuteten Teil der Klasse nach. Es bedurfte eines neuen Anstoßes, die Unzufriedenheit der Massen zum Ausbruch zu bringen. Das war der Druckerstreik in Moskau, der am 27. September begann.

Ab 27. September stritten die Moskauer Buchdrucker für die Erhöhung ihres Akkordlohnes, parallel dazu die Bäcker. Eine Gruppe von Druckern wurde vom Militär umzingelt, zog sich auf einen Speicher zurück und verteidigte sich mit Schusswaffen. Der Streik griff auf andere Städte über. Am 3. Oktober begannen die Drucker in Petersburg mit einem Solidaritätsstreik, die Arbeiter der Staatsdruckerei und der Newa- Schiffswerft schlossen sich an, dann weitete er sich auf verschiedene Fabriken und weitere Städte aus. Ein gemeinsames Ziel und ein Zentrum gab es nicht. Entscheidend aber war der Generalstreik der Eisenbahnarbeiter. Von den 700.000 Eisenbahnern waren ein Drittel Streckenarbeiter, meist Bauern der Umgebung. Die proletarische Kernschicht waren die 130.000 Lokomotivführer, Heizer, Werkstätten- und Depotarbeiter. 45) Am 20. September hatte in Petersburg ein Kongress der Eisenbahnbeamten begonnen. Ursprünglich ging es um die Eisenbahnkassen. Der Fachkongress ging immer weiter zu politischen Fragen über und nannte sich schließlich ‘Erste Delegiertenkonferenz der Vertreter der Eisenbahner‘. Die Regierung ließ die Delegierten am 6.Oktober verhaften, daraufhin traten in ganz Russland die Arbeiter der Eisenbahnen in den Streik, die Post- und Telegrafenbeamten schlossen sich an. Am 16. Oktober standen die gesamten Eisenbahnen Russlands still. Moskau und Petersburg gingen voran, die übrigen Städte folgten. Oft endeten Versammlungen in Zusammenstößen mit dem Militär, manchmal wurden Barrikaden errichtet. Am 10.. Oktober gab es Barrikadenkämpfe in Charkow, am 11. in Jekaterinoslaw, am 16.Oktober in Odessa.

Es streikten nicht nur Arbeiter, Studenten, Angestellte und Intellektuelle, selbst die liberale Bourgeoisie, liberale Gutsbesitzer, Kaufleute, Professoren und höhere Beamte wurden erfasst. Das Proletariat war der Hauptträger der Bewegung. Der Geldverkehr stockte, Firmen stellten ihre Zahlungen ein; es beteiligten sich Verkäufer, Bankangestellte, die Beschäftigten der Staatsbank, die Schauspieler der Theater, in Moskau die Krankenhaus-Angestellten. Die Lebensmittel wurden knapp, Gas und Licht funktionierten nicht mehr, ebenso Telefone und die Post, Wasser gab es nur noch stundenweise. Schätzungsweise beteiligten sich zwei Millionen Menschen landesweit am ersten Generalstreik der Geschichte Russlands, das Reich war paralysiert. 46) Der Streik war meist ausgesprochen friedlich, es gab riesige Versammlungen, oft in den Universitäten. Der Staat fürchtete sich, so viele Gruppen anzugreifen, Angestellte, Professoren, Regierungsangestellte. Moskauer Unternehmer veranstalteten Essen, um Geld für die Streikenden zu sammeln. Zahlreiche Unternehmer erlaubten ihren Arbeitern, Versammlungen in den Fabriken abzuhalten und bezahlten die Arbeiter während der Streiktage. 47)

Bild 13: Demonstration mit den Bannern 'Respekt für Kellner als menschliche Wesen', 'Keine Trinkgelder'
bild_14_demonstration_von_kellner_mit_banner_respekt_fuer_kellner_als_menschliche_wesen_keine_trinkgelder_.jpg Die Forderung nach dem Acht- Stundentag entwickelte sich zur vereinheitlichenden Parole der Arbeiter, der Generalstreik politisierte die Gesellschaft; allen Beteiligten war die Forderung nach einer Demokratisierung gemein. Die mobilisierende Parole war die der Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung mit allgemeinem, gleichem, direktem und geheimem Wahlrecht. Die Herrschenden reagierten panisch, das Oktobermanifest wurde in aller Eile verkündet, Witte zum Ministerpräsidenten ernannt. Wenige Tage später wurde der Generalstreik beendet.

In Finnland erreichte der Generalstreik vom 30. Oktober bis 6. November die Einberufung eines auf allgemeinem Wahlrecht beruhenden Landtages und der Aufhebung der Pressezensur. Das Land wurde beherrscht von einem Streikkomitee mit Abteilungen für Eisenbahnen, Handel, Industrie und Polizei. Das Gesetz wurde unter der Drohung eines neuen Generalstreiks im Oktober 1906 in Kraft gesetzt. 48) Witte gab nach, setzte alle Verschärfungen der Gesetze außer Kraft und berief einen neuen Landtag und einen neuen Gouverneur. Der Landtag hob die feudale Konstitution auf und schuf eine Kammer aus 200 Abgeordneten, die von allen Frauen und Männern nach gleichem Wahlrecht gewählt wurden; es war das erste Frauenwahlrecht in Europa. Nikolaus II. bestätigte das Wahlrecht, behielt sich aber das Recht zur Auflösung des Landtages vor. In der Revolution bildete sich ein nationaler Kampfbund, der in der Folge in Weiße Garden unter bürgerlicher Dominanz und Rote Garden unter der Führung von Sozialdemokraten in seine Klassenbestandteile zerfiel. 1906 kam es zu einem Kampf von Roten Garden, die sich mit den rebellierenden russischen Soldaten von Sveaburg verbündet hatten, gegen die Weißen. Es kam zur Zusammenarbeit der SDP mit der russischen RSDAP, deren Zeitung Proletari wurde zeitweise in Druckereien der SDP Finnlands gedruckt. Während in Russland die Konterrevolution wütete, verteidigte Finnland seine Autonomie. Der Landtag wurde 1907, 1908, 1909, 1910, 1911, 1913 und 1916 gewählt und vom Zaren immer wieder aufgelöst, die SDP wurde stärker, von 80 Abgeordneten wuchs sie bis 1916 auf die absolute Mehrheit von 106 Abgeordnete an. 49)

Stolypin setzte 1909 einen reaktionären Generalgouverneur ein, der Senat – die finnische Landesregierung – wurde ausschließlich mit Russen besetzt. Die nach stolypinschem Wahlrecht gewählte russische Duma beschloss 1910, vier Finnen in die Duma zu wählen, die finnischen Parteien widersetzten sich. Zwischen 1907 und 1913 wurde der gemäßigte Nationalist Svinhufvud immer zum Landtagspräsidenten gewählt. Zahlreiche Finnen wurden inhaftiert und nach Sibirien verbannt.

In Russland wurde der ambitionierte Witte unter den Regierenden als derjenige gesehen, welcher das Land als Einziger durch die Krise führen konnte. Er forderte vom Zaren eine politische Lösung, die Einberufung einer gesetzgebenden Duma und die Vermeidung von Repression, wenn der Staat nicht angegriffen werde. Eine Konfrontation der 2.000-Mann-Garnison Petersburgs und den Millionen Zivilisten müsse auf jeden Fall verhindert werden. Witte wandte sich energisch gegen Pläne, der Zar solle ins Exil gehen, er sei für den Zusammenhalt der Staatsgewalt zu wichtig. Der Kriegsminister betonte, die Soldaten verlangten nach dem Ende des Krieges ihre Entlassung und seien nicht bereit, sich als politische Kraft gegen den Generalstreik benutzen zu lassen. Widerstrebend erklärte sich Zar Nikolaus zur Ernennung Wittes als erstem Ministerpräsidenten einverstanden. Bei der Frage der Einberufung einer Duma zögerte er noch. Angeblich hatte Großherzog Nikolai Nikolajewitsch gedroht, sich vor dem Zaren zu erschießen, falls dieser den Forderungen Wittes nicht nachkomme. Schließlich gab der Zar dem Druck nach, am 17. Oktober wurde das Manifest veröffentlicht. Es war sehr allgemein gehalten, garantierte die bürgerlichen Freiheiten, eine mit demokratischem Wahlrecht gewählte Duma mit gesetzgebenden Vollmachten. Eine Amnestie gestattete den politischen Flüchtlingen die Rückkehr nach Russland. Damit verzichtete der Zar auf das ihm heilige Prinzip der Autokratie. Die Bevölkerung sah dies als Anfang vom Ende der Autokratie und nahm das Manifest überwiegend mit Jubel auf. 50) In den folgenden Wochen kehrten die Emigranten zurück, es bildeten sich die politischen Parteien.

Bürgerliche Parteien entstehen

Die Kadettenpartei ging aus dem liberalen Teil der adligen Grundbesitzer, der Semstwo-Bewegung und dem intellektuellen Kleinbürgertum hervor. Während der Revolution spaltete sich diese Bewegung. Die Bourgeoisie näherte sich ihnen nur zögernd an, eine kleine Klasse, die mehr Vorteile aus der staatlichen Schutzzollpolitik zog und sich weniger von der Reform der Autokratie erhoffte. Trotz der geringen Unterstützung gelang es diesem kleinen demokratischen Kleinbürgertum, eine beachtliche politische Bewegung aufzubauen. Vom 12. bis 18. Oktober 1905 kamen 100 Aktivisten in Moskau zusammen, um eine liberale Partei zu gründen, 300 weitere Delegierte konnten wegen des Streiks nicht kommen. Am vorletzten Tag des Parteitages wurde das Oktobermanifest erlassen, die Vertreter feierten es als Erfüllung der Träume der Dekabristen. Die Konstitutionellen Demokraten wurden nach ihren Initialen meist Kadetten genannt.

Die intellektuellen Kleinbürger und liberalen Grundbesitzer wählten sich den Historiker Pawel Miljukow zum Parteiführer; Petr Struve war ein Sprecher des linken Flügels,. Seine Oswoboshdenije (Befreiung) war das Exilorgan des russischen Liberalismus und befürwortete auch revolutionäre Methoden im Kampf gegen die Autokratie. Von den 26 Männern der Führung waren 18 Professoren oder Rechtsanwälte. Sie erklärte sich als Partei des Volkes über den Klassen stehend, hatte auch kaum Arbeiter oder Bauern als Mitglieder. In ihrer Führung. war auch kein Industrieller vertreten. Ihre stärkste Waffe war die Presse, Prawo (Das Recht), Birshewye Wedomosti (Börsennachrichten) Russkije Wedemosti (Russische Nachrichten) und ab 1906 Retsch (Die Rede) waren ihre oder ihr nahestehenden Tageszeitungen. Im ersten Jahr ihres Bestehens konnte die Partei 102 Ortsgruppen mit 70.000 bis 100.000 Mitgliedern gründen. 51)

Sie waren liberale Demokraten, aber militanter als ihre europäischen Schwesterparteien. Ihr Programm trat für eine demokratische Regierungsform, einen Rechtsstaat, Progressivsteuern, den Acht-Stundentag und die Verteilung des Landes der Großgrundbesitzer an die Bauern ‘soweit es notwendig ist‘ mit Entschädigungen durch den Staat ein. Über die Frage der Monarchie schwiegen sie. Mit dem breiten Programm der Verbindung von Liberalismus und Sozialreformen versuchten sie die Einheit der Opposition zu bewahren. Sie forderten die Umwandlung Russlands zu einem Rechtsstaat auf Basis der Gewaltenteilung und verlangten weitgehende soziale und politische Reformen: die bürgerlichen Freiheiten.

Meinungsverschiedenheiten gab es über die künftige Staatsform, auf dem zweiten Parteitag verzichtete man deshalb auf die Forderung der Republik. Auch über das Ein- oder Zweikammersystem und das Frauenwahlrecht gab es keine Einigung. Der Vorsitzende Miljukow war gegen das Frauenwahlrecht, auf dem zweiten Parteitag wurde dann doch das ‘vierschwänzige Wahlrecht‘ allgemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wahlen auch für die Frauen gefordert. Die lokale Selbstverwaltung sollte gestärkt werden, die finnische Verfassung wieder hergestellt und Polen Autonomie gewährt werden, den übrigen Nationen des Zarenreiches wurde kulturelle Autonomie versprochen. Das Justizwesen sollte reformiert werden, indirekte Steuern zugunsten von direkten abgelöst werden, die Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuer progressiv gestaffelt werden. Eine radikale Bodenreform sollte die unerträgliche Lage der Bauern bessern, der Großgrundbesitz sollte gegen Entschädigung enteignet werden.

Die innere Kolonialisierung sollte gefördert und die die Pachtverhältnisse geregelt, die Arbeitsgesetzgebung auf Landarbeiter ausgedehnt werden, die Obschina sollte auf Wunsch beibehalten werden können. Die Gewerkschaften, Arbeiterversammlungen und das Streikrecht sollten gewährt werden. Die Kadetten traten für den Acht-Stundentag, das Verbot der Nachtarbeit und von Überstunden sowie Arbeitsschutz für Frauen ein; eine Pflichtversicherung gegen Krankheit, Unfälle und Berufskrankheiten auf Kosten der Unternehmer sowie eine staatliche Alters- und Invalidenrente sollten eingerichtet werden. Schlichtungskommissionen von Arbeitern und Unternehmern sollten Konflikte lösen. Die Kadetten betonten, die Forderungen entsprächen den Minimalforderungen westeuropäischer sozialdemokratischer Parteien. Das Bildungswesen sollte von den örtlichen Selbstverwaltungen wahrgenommen werden, der Grundschulbesuch kostenlos und obligatorisch sein. Das Hochschulwesen sollte breiten Volksschichten zugänglich und die Universitäten autonom sein. 52)

Tabelle 9: Die Parteien 1905 bis 1917

Partei Bolschewiki Menschewiki
Tendenzen Meschrajonzy Internationalisten Rechte Vaterlands-verteidiger
Personen Lenin, Kamenew Trotzki, Lunatscharski Martow, Suchanow Tscheichdse, Dan, Zereteli Plechanow, Sassulitsch
Zeitung Prawda Wperjod Novaja Shisn Rabotschaja Gaseta Jedinstwo
Verbündete lettische, polnische, ukrainische etc. SD
Partei Sozialrevolutionäre
Tendenzen Linke linkes Zentrum rechtes Zentrum Volkssozialisten
Personen Kamkow, Spiridonowa Tschernow Gots, Awkentsew Kerenski, Peschekonow
Zeitung Snamja Truda Dela Naroda Wolja Naroda Narodnoje Slowo
Verbündete finnische, ukrainische etc. SR
Partei Anarchisten Genossenschaften
Personen Bleikman Kropotkin Tugan-Baranowski
Zeitung Golos Truda Burewestnik, Anarchija
Bürgerliche und reaktionäre Organisationen
Partei Konstitutionelle Demokraten Oktobristen Semstwo-Organisationen extreme Rechte, Bund des russischen Volkes
Tendenzen linke rechte
Personen Nekrassow Miljukow Gutschkow Lwow Dubrowin, Purischkewitsch
Zeitung Rech Malenkaja Gaseta

Die Kadetten bekannten sich zu einem demokratischen Liberalismus, beeinflusst von den britischen Fabianern mit Staatsinterventionismus. Besonders Petr Struve, der ja vom Marxismus kam, sah keinen grundlegenden Gegensatz von Liberalismus und rechten Sozialisten. Die Konstitutionellen Demokraten grenzten sich von den ‘engen Klasseninteressen der Agrarier und Industriellen‘ ab, bürgerlich waren sie nicht als Vertreter der ökonomischen Interessen, sondern im Sinne der politischen und kulturellen Ziele der Klasse. 53) Sie verstanden sich als über Klassen und Ständen stehend, das war die traditionelle Selbsteinschätzung der russischen Intelligenz als ‘Überbau des Volkes‘, als ‘Verstand und Blüte‘. Die Existenz von Klassen und ihren Antagonismen bestritt man nicht, durch Kompromisse könne man sie mildern und überwinden. Das Gemeinwohl und der Konsens sollten an ihre Stelle treten.

Beim städtischen Kleinbürgertum und dem Mittelstand fanden die Kadetten ihre Anhänger. Handwerker, Kleinhändler, mittlere und untere Beamte und Angestellte, Verkäufer und Verwalter waren ihre Basis, dazu die bürgerlichen Kreise der nationalen Minderheiten und der Juden, einen starken Anhang hatten sie auch unter den Kosaken. Der Kern der Partei bestand anfangs aus dem liberalen Landadel, der die Semstwoarbeit trug sowie die radikale, nichtsozialistische Intelligenz; Bindeglied war das ‘dritte Element‘, wie man die Semstwo-Angestellten wie Lehrer, Ärzte, Feldscher, Agronomen und Landvermesser nannte. 54)

Die Regierung behinderte ihre Redner und Veranstaltungen, Staatsbediensteten war die Mitgliedschaft verboten, Parteikongresse untersagt. Kadetten spendeten Geld für Streikkomitees und verfolgte Arbeiter. Die Kadetten waren gegen den Versuch, mit Waffengewalt die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen, schlossen aber den bewaffneten Kampf als letztes Mittel des unterdrückten Volkes nicht aus; sie hielten ihre Mitglieder nicht von Demonstrationen und Streiks ab. Miljukow:

“Wir sind für die Revolution, soweit sie den Zielen der politischen Befreiung und der politischen Reform dient, aber gegen diejenigen, die die permanente Revolution verkünden.“ 55)

Die Kadetten standen zwischen Sozialisten und Regierung, mit den Linken wollte man nicht brechen, weil bei den anstehenden Dumawahlen das mehrstufige Wahlsystem Absprachen verlangte. Druck auf die Regierung konnte man über den desolaten Haushalt ausüben.

Trotzki charakterisierte die Liberalen in scharfen Zügen:

“Auf der anderen Seite war auch die privilegierte Intelligenz, die eines eigenen sozialen Schwergewichts entbehrte und außerdem direkt oder indirekt von dem Staat, dem von ihm protegierten Großkapital oder dem zensusliberalen Grundbesitz abhing, durchaus unfähig, eine auch nur einigermaßen gewichtige Opposition zu entwickeln. … Wie sehr der Semstwo-Liberalismus nur an der Oberfläche haftete, zeigte mit voller Anschaulichkeit schon das Jahr 1905, als die Grundbesitzer unter dem Einfluss der Agrarrevolten ganz entschieden nach rechts zu dem alten Regime abschwenkten. Tränenden Auges musste der Liberalismus den Gutshof verlassen, … um auf seinem historischen Heimatboden, in den Städten, Unterkunft zu suchen.“ 56)

Zeitgleich mit der Gründung der Kadetten entstand die Union des 17. Oktober, allgemein Oktobristen genannt. Ihnen waren die Kadetten zu radikal, sie gruppierten den rechten Teil der Semstwo-Demokraten, die vor der Revolution zurück schreckten und sich lieber auf ein Bündnis mit dem Zarismus einließen. Die Oktobristen waren 1906 mit vielleicht 24.000 Mitgliedern deutlich kleiner und hatte nie einen Massenanhang, schnell kam Alexander Gutschkow, ein reicher Moskauer Industrieller, an ihre Spitze. 57) Als Opponenten der Bürokratie unterstützten sie das Oktobermanifest des Zaren, alle weiteren Reformen erhofften sie sich von der Staatsduma. Im Gegensatz zu den Kadetten waren sie Monarchisten nach britischen Vorbild, gegen eine Konstituante als Bruch mit dem System, sie unterstützen die Unterdrückung der Revolutionäre, sie gestanden den Arbeitern das Streikrecht und Gewerkschaften zu, waren aber gegen politische Streiks. Sollten Großgrundbesitzer enteignet werden müssen, forderten sie Entschädigungen. Als Nationalisten waren sie gegen die Autonomie nationaler Minderheiten, traten für die Abschaffung der Judendiskriminierung ein, sie sollten aber nicht in die Armee oder Regierung aufgenommen werden oder Land erwerben dürfen, ‘pragmatischer Antisemitismus‘ bezeichnete Gutschkow seine Haltung. Es sei besser, es gäbe sie nicht, aber man müsse normale Beziehungen zu ihnen haben. Die Oktobristen wurden wichtig als bürgerliche Unterstützer des Zarismus. In einem Aufruf betonten sie die Notwendigkeit der Einigung aller,

“ … die aufrichtig eine friedliche Erneuerung des Landes wünschen… , die sowohl die Stagnation als auch revolutionäre Erschütterungen verwerfen und die die Notwendigkeit anerkennen, eine starke Regierung zu schaffen, die über eine echte Autorität verfügt und imstande ist, zusammen mit der Volksvertretung den inneren Frieden im Lande mit Hilfe einer schöpferischen Gesetzgebung herbei zu führen.“ 58)

Im Herbst 1905 kam die Idee der Schaffung einer Sammlung zarentreuer Gruppen zur Verteidigung der Monarchie auf, sehr schnell wurde der Bund des russischen Volkes gegründet unter Alexander Dubrowin. Diese Organisation wurde zum Sammelpunkt aller Gegner der Revolution, der Liberalen, der Sozialisten, der Juden, der nationalen Minderheiten. Die Organisation wuchs sehr schnell, zumal sie den Zaren und seinen Sohn als prominenteste Mitglieder in ihren Reihen zählen konnte. Im Dezember 1905 empfing Nikolaus II. eine Delegation der Parteiführer und nahm nach der Darstellung ihrer Ziele das Abzeichen dieser Partei an, sowohl der Zarensohn als auch der Herrscher trugen später das Symbol des Bundes des russischen Volkes mehrmals öffentlich. 59)

Ihre Politik fasste sie in den Parolen ‘Orthodoxie, Autokratie, Volkstum‘ zusammen, sie stützte sich auf kleinbürgerliche Schichten, organisierte Kleinhändler, Handwerker, Angestellte, Hausmeister, Bauern in Südrussland, wo es Konflikte mit anderen Nationen gab, auch orthodox-nationalistische Arbeiter, aber kaum Mitglieder privilegierter Schichten und mobilisierte lumpenproletarische Schichten. Neben der Verteidigung der orthodoxen Kirche und der Autokratie einte sie ein aggressiver Antisemitismus, die ‘Protokolle der Weisen Zions‘ mit der Ideologie der jüdischen Weltverschwörung beeinflussten ihre Aktionen. Juden machten sie für die Niederlage gegen Japan und die Revolution verantwortlich. Sowohl die Kadetten als auch die Oktobristen denunzierten sie als die Handlanger der Juden. Die Juden sollten zur Ausreise nach Palästina bewegt werden, wer bleibe, sei als Ausländer zu behandeln. Für die anderen Minderheiten sah Dubrowins Partei die Russifizierung vor. Er begrüßte das Okober-Manifest als Möglichkeit der Abschaffung der Bürokratie und der Wiederherstellung der Autokratie. Die Organisation machte große Propagandakampagnen und bombardierte den Zaren mit Loyalitätserklärungen, bis 1907 wuchs ihre Anhängerschaft angeblich auf zwei Millionen an.60) Seine Verbindungen zum Innenministerium und der Polizeiverwaltung waren ein offenes Geheimnis. Aktiv war er beim Aufbau der Schwarzhundertschaften, einem pejorativer Sammelbegriff für kleinbürgerliche und subproletarische Gruppen, die sich zu Judenpogromen und zur Bekämpfung der Linken zusammen rotteten und nach dem Oktobermanifest zu einem Massenphänomen wurden. Später spalteten sich andere Organisationen vom Bund des russischen Volkes ab, aber erst mit der Oktoberrevolution verschwanden diese Faschisten ‘avant lettre‘. 61)

Die Sozialrevolutionäre

Seit dem Beginn des Jahrhunderts begannen die Sozialrevolutionäre sich wieder zu organisieren. Sie setzten die Diskussion der Narodniki mit den Marxisten aus dem 19.Jahrhundert fort. Im Gegensatz zu ihren Widersachern betonten sie, die Rückständigkeit Russlands sei eine einmalige historische Chance, angesichts der Abhängigkeit der Bauern, der Ausbeutung der Arbeiter und der Schwäche der Bourgeoisie Bauern, Arbeiter und Intelligenz zu einen. Nur der Aufstand des gesamten Volkes könne die Revolution verwirklichen, nicht die Aktion einer einzelnen Klasse; der Intelligenz komme dabei die Aufgabe der Führung der Bewegung zu. Ihre Theorie hatte einen stark voluntaristischen Einschlag, sie glaubten, wenn immer es sich ergebe, müssten die Revolutionäre zum Volksaufstand aufrufen:

“Ich beharre darauf, dass die Initiative seitens der Revolutionäre auch im bewussten bewaffneten Kampf des Volkes gegen die Regierung unerlässlich ist; dass wir nicht warten dürfen, bis die Bauern und Arbeiter selbst beginnen, sich mit der Waffe in der Hand zu erheben… Ich halte es für besser, am Anfang einige erfolglose Versuche zu unternehmen, als zu sitzen und auf den Aufstand zu warten.“ 62)

Das Programm der Sozialrevolutionäre von 1906 sah keinen Sozialismus vor, sondern eine Gesellschaft irgendwo zwischen klassischem Liberalismus und einer kollektiven Gesellschaft, die aus der Entwicklung des Bewusstseins, der Organisation und den wirtschaftlichen Erfolgen der Arbeitenden entstehen solle. Zentraler Punkt war die Sozialisierung des Grund und Bodens. Damit reflektierten sie die Forderung der russischen Bauern nach Land, der ‘schwarzen Umteilung‘. Das Land solle dem Volk gehören, wobei die Definition vage gehalten wurde. Es solle nicht den Individuen, Gesellschaften, dem Staat oder Dorfgemeinschaften gehören, sondern Niemandem und damit Allen. Betont wurde der dezentrale, kommunale Charakter. Individuelle Haushalte sollten das Land bebauen, die Dorfgemeinschaft sollte die Verteilung regeln. Periodisch sollte das Land nach der Zahl der Produzenten oder der Familiengröße umverteilt werden. Man sah eine individuelle Bearbeitung vor, aber eine Entscheidung des Dorfes für eine kollektive Bearbeitung sollte möglich sein. Das Land der Grundbesitzer sollte ohne Kompensation enteignet werden. Im Gegensatz zu den Sozialdemokraten glaubten sie nicht, dass die Entwicklung des Kapitalismus die Kleinbauern verschwinden lassen werde. Das Maximalprogramm der Sozialrevolutionäre war bis 1917 und bis zum Untergang der Partei unverändert. 63) Kennzeichen ihres Handelns waren terroristische Aktionen zur Durchführung der ‘Volksrevolution‘.

1901/1902 wurde die Sozialrevolutionäre Partei (PSR) gegründet, bis 1905 gelang es ihnen nicht, eine stabile Organisation aufzubauen, es war ein Netz revolutionärer Gruppen, immer wieder von der Ochrana zerrissen. Durch die Studentenbewegung hatten die Zirkel einen großen Zulauf, auf dem Land konnte man Anhänger unter den Dorfschul-Lehrern gewinnen. Seit 1904 gehörte die Sozialrevolutionäre Partei der Zweiten Sozialistischen Internationale an, blieb aufgrund ihrer nicht-marxistischen Theorie und Praxis stets ein Fremdkörper in der Bewegung. 1905 wuchs ihr Einfluss sprunghaft an, sie hatte größeren Einfluss als die Marxisten, mit 50.000 Mitgliedern hatte sie mehr Anhänger als die beiden sozialdemokratischen Organisationen zusammen und etwa 350.000 Sympathisanten. 64)

Unter den Arbeitern gewann sie vor allem Arbeiter aus Großbetrieben, auch auf die Bauern und Soldaten hatte sie Einfluss. Besonders die Eisenbahnergewerkschaft, die zum Ausbruch des Oktoberstreiks einen großen Beitrag leistete, stand unter PSR-Dominanz. 1905 konnte ein erster Parteitag abgehalten werden, unter den Mitgliedern des Zentralkomitees wurden der Parteitheoretiker Wiktor Tschernow, Mark Natanson und Jewno Asef die bedeutendsten. Moskau wurde zur stärksten Lokalorganisation der PSR, in Petersburg hatte sie 1907 6.000 Mitglieder in 21 Gruppen, 600 von ihnen waren Studenten. 65) n Odessa und Baku sowie in Südrussland war die Partei stark, insgesamt wurden 12 Regionalverbände gegründet, im Wolgagebiet um Saratow schlossen sich ihr viele Landbewohner an. In den anderen Teilen der Landes war ihr Einfluss geringer, in der Provinz Penza wurden nur 17,5 Prozent aller Dörfer von der PSR-Propaganda berührt, und Penza galt als eine Hochburg. Im besten Fall agitierte sie die Bauern, konnte sie aber kaum als Mitglieder gewinnen. 66)
Neben der Propaganda war der Terror ein zentrales Element sozialrevolutionärer Politik. Unter Terror verstand man Attentate auf Repräsentanten der Autokratie und den Zaren selbst. Er galt als legitim neben der friedlichen Propagandaarbeit, mit ihm wollte man dem Volk Mittel und Ziele des revolutionären Kampfes zeigen. Er entsprang der Isolation der Revolutionäre vom Volk. Da die Autokratie Willkür, Knechtung und Unterwerfung beschere, müsse man zu terroristischen Mitteln greifen; wo politische Freiheit erreicht sei, verwandelte sich der Terror in ein Verbrechen. Das nahm man unverändert von Narodnaja Wolja.

“Jeglicher Möglichkeit beraubt, auf friedlichem Wege diesen Missetaten (des Zarismus, A.d.V.) entgegen zu treten, halten wir, die bewusste Minderheit, es nicht nur für unser Recht, sondern auch für unsere heilige Pflicht, ungeachtet aller Abscheu, die uns solche Kampfmittel einflößen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten, die Vergiessung von Volksblut mit dem Blut der Unterdrücker zu rächen.“ 67)

Es sei eine moralische Pflicht, Rache an der verletzten Würde zu nehmen; Bomben werfen wurde auch zur heiligen Sache, zur ‘Erlösertat‘. Die Gedanken folgten sichtbar dem Muster christlicher Buße. Besonders angesehen war der Terrorist Kaljaew, der eine erste Bombe 1905 gegen den Großfürst Sergei Alexandeow nicht warf, weil in der Kutsche auch die Großfürstin und ihre Kinder waren; er verübte sein Attentat erst, als er den Großfürsten allein antraf. Revolutionärer Terror und Massenaufklärung ergänzten einander. Zum Führer ihrer Kampforganisation wurde Jewno Asef. Eine erste Kampforganisation mit 13 Mitgliedern wurde von ihm 1902 gegründet, sie führte ein Attentat auf den Innenminister und den Gouverneur von Charkow durch. ‘Wie durch ein Wunder‘ entging er mehrmals Verhaftungen, er hatte ein außergewöhnliches organisatorisches Talent, bald wurde er für den illegalen Apparat unersetzlich, er erlangte die zentrale Stellung der Sozialrevolutionäre in Russland. Die Mitglieder der Kampfgruppen – die 1906 mit 33 Mitgliedern ihren höchsten Stand erreichten – waren ihm loyal ergeben. 68)

Im Frühjahr 1905 gab es in Genf eine Konferenz von 18 revolutionären Organisationen zur technischen Vorbereitung eines Aufstandes. Ein finnischer Nationalist Zilliacus hatte Kontakt zum ehemaligen japanischen Militärattaché in Petersburg aufgenommen. Die Japaner sagten Unterstützung durch Waffen zu, die an alle revolutionären Parteien verteilt werden sollten. Die Menschewiki sagten ab, sie vermuteten die japanische Einflussnahme. Die Bolschewiki, Sozialrevolutionäre, die lettischen Sozialdemokraten LSD, der Bund und die armenischen Sozialdemokraten nahmen teil, nach einem Streit über die sozialrevolutionäre Bevorzugung verließen sie die Konferenz, die sozialrevolutionären Gruppen blieben übrig. Zilliacus organisierte eine Schiffsladung Waffen, mit der die Arbeiter Petersburgs bewaffnet werden sollten: 15.000 Gewehre, 2,5 Millionen Patronen, drei Tonnen Sprengstoff und Revolver sollten mit dem Schiff John Grafton über Finnland in die Hauptstadt gebracht werden. Der Plan scheiterte, die John Grafton lief vor der finnischen Küste auf Grund und musste aufgegeben werden, möglicherweise spielte Asef dabei eine Rolle. Die gescheiterte Mission entzog dem Aufstandsplan der Sozialrevolutionäre die Basis. 69)

Asef stelle die terroristische ‘Arbeit‘ um, gegenüber den bisher üblichen Revolverschüssen bevorzugte er das Werfen von Bomben, jetzt war die Erfolgschance größer und garantierte beinahe den Tod des Opfers, war aber technisch aufwendiger. Er warb Kundschafter an, um seine Opfer auszuspionieren. Monatelang bereitete er das Attentat auf den verhassten Innenminister Plehwe vor, seine Ermordung hatte eine gewaltige öffentliche Wirkung und brachte ihm einen großen Triumph. Das ganze oppositionelle Russland war sich einig, dass Plehwe seine Strafe verdient habe. In Genf wurde Asef als großer Held begrüßt. Es war angesichts des Erfolges nicht daran zu denken, die Kampforganisationen der Parteikontrolle der PSR zu unterstellen. Irgendwann wurde Asef von der Ochrana ‘umgedreht‘, er spielte ein Doppelspiel zwischen PSR-Kampforganisation und Ochrana, der er Informationen vorenthielt. Dass es Asef und seine Gruppe waren, die für einige erfolgreiche Attentate verantwortlich waren, erfuhr die Ochrana erst nach seiner Entlarvung 1909. Andere Terroristen lieferte Asef ans Messer der Geheimpolizei.

Die PSR wurde durch Abspaltungen geschwächt. Nach dem Parteitag 1905 entwickelte sich eine maximalistische Strömung, deren politische Organisation aber schnell von der Ochrana zerschlagen wurde. Die Maximalisten waren eine theoriefeindliche voluntaristische Strömung, die den Sozialismus unmittelbar durch ihren Willensakt verwirklichen wollten, Beteiligung an Wahlen lehnten sie grundsätzlich ab. Sie waren eine spontane Massenbewegung an der Basis der Sozialrevolutionäre, manifestierten sich im ‘ökonomischen‘ Terror, in Erpressungen und Expropriationen. Demokratie und Zentralisierung waren ihnen zuwider. Eine bewaffnete Gruppe der Maximalisten erbeutete bei einem Banküberfall die kolossale Summe von 800.000 Rubel, gründete in Moskau eine Organisation und schuf Verbindungen zu anderen gleichgesinnten Gruppen. Bei einem Attentat auf Innenminister Stolypin töteten sie 32 Menschen, ohne dass sie dem Minister ein Haar krümmen konnten. Als die Ochrana den Führer festnahm, zerfiel die Organisation, von dem erbeuteten Geld konnte nur ein geringer Betrag aufgespürt werden. 70) Maximalismus und Anarchismus verschmolzen, eine Hochburg ihrer Aktivitäten wurde Bialystok, wo eine anarchistische Gruppe aus dem Bund entstanden war. 71) Tschernow erklärte den Anarchismus und Maximalismus aus dem ‘vorproletarischen Sozialprotest der in die Industrie geworfenen Bauern und Handwerker‘. Da sich die PSR vom Terror nicht distanzieren wollte, spaltete sich auch der Flügel der späteren Volkssozialisten ab. Diese Organisation kritisierte, Terror ziehe auch moralisch zweifelhafte Elemente an, sie gründeten eine eigene sozialrevolutionäre Organisation ohne konspirative Ambitionen.

Die geschwächte PSR und musste dem Anwachsen des sozialdemokratischen Einflusses zusehen. Besonders auf organisatorischer Ebene machte sich das negativ bemerkbar. Die Sozialrevolutionäre hatten anfangs einige Millionäre in ihren Reihen, die die Parteiarbeit mit finanzierten, auch aus den USA kamen viele Spenden. Die Expropriationen waren eine bedeutende Finanzquelle der PSR. Lokale Komitees führten die Einkünfte nicht ab oder verheimlichten die Einkünfte durch Überfälle. Die liberale Intelligenz distanzierte sich zunehmend von den terroristischen Methoden und wandte ihre Unterstützung lieber den Kadetten zu. Der Individualismus und die Isolierung der Bauern waren ein objektives Hindernis für ihre Organisierung, in den Städten gewannen sie anfangs unter den Arbeitern mehr Anhänger. Die PSR war stärker als die anderen sozialistischen Parteien von der Spontaneität der Massen abhängig: 1905 gab es eine Flut von Mitgliedern, die sich 1907 zu einer vernichtenden Flucht umkehrte. Sie war mehr Gradmesser der Bewegung, wie Lenin bemerkte:

“Sozialrevolutionäre Redner in Arbeiterversammlungen sind eine Art Sturmvögel, die anzeigen, dass sich die Stimmung im Proletariat hebt.“ 72)

Die RSDRP 1905

Die Mitglieder der RSDRP waren jahrelang in den Untergrund gezwungen worden, plötzlich konnten sie halblegal und ab Oktober sogar fast unbehindert arbeiten. In der Illegalität war die Mitgliederzahl von 3.300 im Jahre 1903 auf 8.400 im Januar 1905 angestiegen. 73) Trotzdem blieb die Partei isoliert.

In den Parteiorganisationen fanden sich meistens unerfahrene Jugendliche, heißspornig und entschlossen, aber schwach verbunden mit den Arbeitermassen und ohne Einfluss in den Fabriken. Die alten Sozialdemokraten unter den Arbeitern – die wirkliche Avantgarde der fortgeschrittenen Arbeiter, gebildet in den Perioden des Propagandismus und des sogenannten Ökonomismus – standen größtenteils abseits.“ 74)

Dabei hatten die Menschewiki mehr Geld, bessere logistische Möglichkeiten und bekanntere Führer. Beim bolschewistischen Flügel konnten sich die sogenannten ‘Komiteeleute‘ nur schwer an die Umstellung von der Geheimorganisation auf die neuen legalen Möglichkeiten einstellen, die letztlich auch ihren Einfluss in der Organisation infrage stellten. Es war Lenin, der eine beschleunigte Umstellung der Parteiarbeit auf neue Methoden forderte:

“Macht Schluss mit all den alten Gewohnheiten der Schwerfälligkeit … Gründet H u n d e r t e von Zirkeln aus jugendlichen ‘Wperjod‘-Anhängern und spornt sie an, mit aller Kraft zu arbeiten. Erweitert das Komitee auf das Dreifache durch die Aufnahme von Jugendlichen, … ‘kooptiert‘ jeden ehrlichen und energischen Menschen. Gebt jedem Unterkomitee das Recht, ohne viel Umstände Flugblätter zu schreiben und heraus zu geben (kein Unglück, wenn es Fehler macht, wir werden es im ‘Wperjod‘ ‘behutsam‘ korrigieren). Es gilt, mit ungeheurer Schnelligkeit alle Menschen, die revolutionäre Initiative haben, zusammen zu fassen und einzusetzen. Habt keine Angst davor, dass sie nicht geschult sind, macht euch keine Sorgen wegen ihrer Unerfahrenheit und Unreife. Erstens: wenn ihr es nicht versteht, sie zu organisieren und anzuspornen, so werden sie den Menschewiki und den Gapons folgen und gerade durch ihre Unerfahrenheit fünfmal mehr Schaden anrichten. Zweitens: lehren werden jetzt die Ereignisse, und zwar in unserem Geiste. Schon jetzt belehren die Ereignisse alle und jeden genau im Geiste des ‘Wperjod‘.
Aber unbedingt organisieren, organisieren und noch einmal organisieren, Hunderte von Zirkeln, und dabei mit den üblichen (hierarchischen) Torheiten der Komitees radikal Schluss machen. Es ist Krieg. Entweder überall n e u e, junge, frische, energische Kampforganisationen für die revolutionäre sozialdemokratische Arbeit aller Arten, aller Formen und unter allen Schichten – oder ihr werdet untergehen mit dem Ruhm, ‘Komitee‘-Leute in Amt und Würden gewesen zu sein.“ 75)

Die Konflikte traten auf dem rein bolschewistischen dritten Parteitag im April 1905 zu Tage. Während in Russland der revolutionäre Frühling ausbrach, berieten in London 24 Delegierte aus 21 Komitees über eine neue Taktik. Lenin warnte vor der weit verbreiteten Stimmung in der Partei, legale Arbeiterorganisationen wie die entstehenden Gewerkschaften, Genossenschaften und Versicherungskassen zu boykottieren. Man müsse auch Vorbereitungen zu Parlamenten für die Agitation nutzen. Am Parteitag nahm kein Arbeiter teil. Die Führer der illegalen Parteigruppen reagierten feindlich auf die erstmalige Möglichkeit der Demokratie in der Partei, Bogdanows Vorschlag, die Führungsgremien der Partei durch die Basismitglieder zu wählen, wurde heftig widersprochen, Lenins Resolution in diesem Sinne wurde abgelehnt. Immerhin wurde das Recht von Minderheiten in der Partei gestärkt, sie bekamen die Möglichkeit, ihre Positionen auf allen Ebenen der Partei zu verbreiten, solange die Partei dadurch nicht desorganisiert und ihre praktische Arbeit gegen Zarismus und Kapitalismus nicht untergraben werde. Der Parteitag beschloss die Unabhängigkeit des Proletariats in der Revolution, die Zurückweisung der Liberalen, die Beschlagnahme des Grundbesitzer- Landes zugunsten der Bauern sowie ein enges Bündnis mit den Bauern. Die Revolution bleibe eine bürgerliche, aber die wichtigste Aufgabe sei es jetzt, die ‘Kräfte des Proletariats für den direkten Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Weg des politischen Massenstreiks und des bewaffneten Aufstandes‘ zu führen. 76)

ZK und örtliche Komitees wurden beauftragt, mit der Vorbereitung des politischen Massenstreiks zu beginnen, Waffen zu erwerben und zu verteilen, einen Aufstandsplan zu entwerfen. Einige Delegierte widersprachen dem Aufstandsplan als reiner Utopie und bezweifelten die Möglichkeit, die Bauern in einen organisierten Aufstand einzubeziehen oder warnten, in den breiten Massen sei keineswegs eine revolutionäre Stimmung vorhanden. Die Parteizeitung Wperjod wurde durch Proletari (Der Proletarier) ersetzt, ein neues gewähltes Zentralkomitee ersetzte das kooptierte. Das ZK teilte sich weiter in einen Auslands- und Inlandsteil. Lenin blieb im Ausland, während das Inlands-ZK in Petersburg aus Bogdanow, Krassin und Postolowski bestand. Eine Minderheit des Parteitages befürwortete eine Versöhnung mit den Menschewiki. Der Schriftsteller Maxim Gorki hatte den Parteitag mit 5.000 Rubel finanziert. 77)

Zeitgleich veranstalteten die Menschewiki in Genf eine Parteikonferenz. Sie ersetzte das Zentralkomitee durch ein Organisationskomitee, welches mit den Bolschewiki über die Wiedervereinigung verhandeln sollte. Die Konferenz sprach sich gegen die Organisation des Aufstandes, die Machergreifung aus, da sie über eine demokratische Umgestaltung hinausgehen müsste, die Enteignung des Großbesitzes müsse unterstützt werden. Eine ‘lose Organisation der Arbeiter‘ mit dem Ziel der Schaffung einer umfassenden Klassenorganisation müsse erreicht werden, die Schaffung von Gewerkschaften unterstützt und das Bündnis mit bürgerlich-demokratischen Parteien angestrebt werden. Die Konferenz schreckte vor einer demokratischen Umgestaltung zurück, alle Parteiinstanzen durch die Mitgliedschaft wählen zu lassen. 78) War die RSDRP im Exil gespalten, so vollzogen nicht alle innerrussischen Gruppen diese Trennung mit.

Die Massenbewegung führte zu der erwarteten Explosion des Einflusses der Partei. Die Parteiarbeit war jetzt leichter, in manchen Provinzen machten liberale Gouverneure eine Politik gegen die Polizei, die weitgehend ihren Schrecken verlor. Die lokalen Führungen trafen sich jetzt zeitweise täglich. Ein Komitee hatte nicht mehr als ein Dutzend Mitglieder, jedes war für einen Teilbereich zuständig, Presse, Finanzen, Agitation, eine Fabrik oder ein Stadtteil. Mit den Arbeitern waren sie durch einen Parteizirkel verbunden. Es gab auch Studentenorganisationen und um sie herum gab es eine Peripherie von Sympathisanten. Sobald ein Mitglied in einem Betrieb zu arbeiten anfing, arbeitete er unter der Anleitung der Führung oder des Komitees. Die Komitee-Leute lebten von 25 bis 35 Rubeln im Monat, sie mussten für den Lebensunterhalt teilweise Arbeit annehmen. Krassin arbeitete in einer Versicherungsagentur, einer Scheinfirma, die Revolutionäre einstellte. 79)

In Georgien wurden oft die Behörden abgesetzt und die Menschewiki gewannen großen Einfluss auf die Bauernbewegung, sie versuchten, die Pachtsätze der Großgrundbesitzer zu verringern. In Tiflis stellten sie sich an die Spitze der Organisationen, die sich zur Verteidigung zusammen geschlossen hatten und unterwarfen die Stadtverwaltung ihrem Einfluss. In Baku organisierten sie die Verteidigung gegen die nationalistischen Pogromisten und einen Kongress der Arbeiter der Ölindustrie. In Odessa standen sie an der Spitze der Massenstreikbewegung, durch die Einbeziehung der örtlichen Truppen und des Panzerkreuzers Potemkin verliehen sie der Bewegung im Mai 1905 den Charakter eines politischen Aufstandes. In Nischni-Nowgorod und einer Nachbarstadt veranstaltete die RSDRP im gesamten Sommer große politische Versammlungen; die Gegenrevolution versuchte dagegen eine Pogrombewegung aufzubauen, die Arbeiter schufen bewaffnete Milizen. Allgemein lässt sich feststellen, dass die Furcht vor Pogromen einen mächtiger Antrieb zur Bewaffnung der Arbeiter bildete, besonders im Rayon; in Kiew bestand der ‘Selbstschutz‘ des Bundes aus 150 Arbeitern und 100 Studenten, in Riga aus 200 Arbeitern und 100 Intellektuellen, in Kischinew aus 350 Personen. 80)

Für den dritten Parteitag berichtete man von 737 bolschewistischen Mitgliedern und 1.200 bis 1.300 Menschewisten in Petersburg. 81) Erst nach dem dritten Parteitag organisierten sich die Moskauer Menschewiki separat, der Einfluss der Bolschewiki war zu diesem Zeitpunkt deutlich größer. Anfang 1905 hatte das noch vereinte Komitee fünf Distriktkomitees, eine Eisenbahnergruppe und ein paar andere für Soldaten, Schüler, Universitätsdozenten. Im Sommer 1905 hatten die Bolschewiki neun Stadtteilgruppen. mit 1.400 Mitgliedern. 82) In der Provinz Moskau entstanden viele Gruppen im Frühjahr 1905. Die RSDRP versuchte durch den engen Kontakt der Fabrikarbeiter mit dem Dorf auch Kontakte zu den Bauern herzustellen, in der Erntezeit brachten die Arbeiter aus Moskau viel Propagandamaterial mit, der Erfolg war eher moderat.

Bild 14: Leonid Krassin
bild_15_krassin_leonid.jpg Im Zentralen Industriegebiet mit Jaroslawl, Kostroma, Iwanowo und Wladimir hatte sich schon 1901 die Nordunion der Partei mit 150 Mitgliedern gegründet. Im Mai 1905 hatte sich in Iwanowo eine starke Gruppe von 400 bis 500 Bolschewisten gebildet, Menschewiki gab es kaum, auch die Subatow-Bewegung war hier unbekannt. Auf den Textilarbeiterstreik unter der Führung des Sowjets hatten die Militanten einen großen Einfluss.241 Die Bolschewiki hatten ihre Schwerpunkte im Norden, Nordosten, in Zentralrussland, an der Wolga und im Ural. Die Menschewiki waren im Süden und Westen stärker, der Kaukasus war ihre Hochburg. In Petersburg wuchsen die Lenin- Anhänger auf 3.000 an, in Nischni-Nowgorod auf 1.500, in Saratow und Minsk auf je 1.000 Mitglieder, im Donezbecken auf 4.500. 83) Der Bund hatte jetzt 30.000 Anhänger, die polnischen und baltischen Parteien bewegten sich wie Fische im Wasser.

Mit dem Oktobermanifest wurde die Organisations- und Versammlungsfreiheit erreicht, Zeitungen konnten unzensiert erscheinen. Die Anhänger der breiten, offenen Partei siegten endgültig über die Vertreter des engen Parteikonzepts. Fabrikzellen entstanden und hielten Massenversammlungen ab, in der Petersburger Lessner-Fabrik kamen 70 Arbeiter zu so einem Treffen. Die Parteiführungen wurden gewählt, Arbeiter strömten in die Partei, neue Führer profilierten sich. Gewerkschaften, Fabrikkomitees, Sozialversicherungs-Gesellschaften entstanden ebenso wie die Arbeitermilizen. Langsam wurden Gewerkschaften aufgebaut, hier waren die Menschewisten aktiver. Nach dem Oktobermanifest konnten auch die exilierten Führer nach Russland zurückkehren, Lenin und Martow trafen im November in Petersburg ein, Trotzki war schon im Frühjahr gekommen.

Krassin organisierte die militärische Arbeit, er schuf eine Bombenfabrik und besorgte den Waffenschmuggel. In kleinen Werkstätten wurden Waffen hergestellt, die oft sehr primitiv waren, aus den Waffenfabriken und von befreundeten Soldaten kam wenig Nachschub. Russische Studenten schmuggelten Waffen im Gepäck über die Grenze, lohnender waren Waffenkäufe, unabhängig von der gescheiterten großen Lieferung der John Grafton entluden kleinere Schiffe in finnischen Häfen Waffen, die Ochrana konnte nicht alles überwachen. Ortsgruppen schufen Militärgruppen, die Waffen beschafften und Kampfgruppen ausbildeten, im Herbst war es klar, dass es militärische Auseinandersetzungen geben würde. Die Militärgruppen machten wie die Sozialrevolutionäre Banküberfälle, Lenin betonte, diese Arbeit müsse eng mit der revolutionären Bewegung verbunden sein, es dürfe keine terroristische Verschwörung werden.

Im Frühjahr operierten die Parteikomitees oft mit Flugblättern. Die Iskra hatte vierzehntägig eine Auflage von 10- bis 15.000 gehabt, die neuen halblegalen Parteizeitungen hatten Auflagen, die bis zu zwanzig Mal so groß waren, die illegalen Druckereien waren dazu viel zu klein. Zehn Tage nach dem Oktobermanifest erschien die legale bolschewistische Zeitung Nowaja Schisn (Neues Leben), 28 Nummern wurden bis Dezember 1905 herausgegeben. Krassin und Gorki besorgten bis zur Rückkehr Lenins im November die Chefredaktion. Novaja Schisn hatte eine Auflage von 50.000 bis 80.000. In Moskau erschienen Borba (Kampf) und Wperjod (Vorwärts), in Tblissi Kawkaski Rabotschi Listok (Kaukasisches Arbeiterblatt). Insgesamt 16 Ausgaben der menschewistischen Tageszeitung Natschalo (Der Anfang) gab es im November und Dezember. Trotzki und Parvus übernahmen die kleine Russkaja Gaseta (Russische Zeitung), die Auflage stieg von 30.000 auf 100.000 und erreichte in der Spitze 500.000 im Dezember 1905, sie hatte den populären Preis von einer Kopeke.

Mit den Beiträgen der Mitglieder, den gespendeten Rubeln der Arbeiter waren diese Aktivitäten nicht zu finanzieren. Die Menschewiki hatten eine Anzahl finanzkräftiger Sponsoren, die Bolschewiki wenige. Maxim Gorki war ein unermüdlicher Geldbeschaffer, er konnte den Moskauer Textilindustriellen Morosow bewegen, monatlich 2.000 Rubel für die Bolschewiki zu spenden. Nach seinem Selbstmord unterstützte sein Neffe die Partei mit Geld und Waffenlieferungen. Unterstützung kam auch von ausländischen Sympathisanten und Parteien. Die deutsche SPD spendete 1905 160.000 Mark, die gerade entstehende Die Labour-Party sammelte mehr Geld für Russland als für die Aufgabe des Parteiaufbaus in Großbritannien. 84)

Für viele Mitglieder und sympathisierende Arbeiter waren die Differenzen unter den beiden sozialdemokratischen Fraktionen zweitrangig; beide waren für den bewaffneten Aufstand, beide bildeten Kampfgruppen und arbeiteten auf lokaler Ebene zusammen, beide erklärten die Revolution zu einer bürgerlichen. Unterschiedliche Konzeptionen wurden erst deutlich, als die Revolution vorbei war.

Der Petersburger Arbeiterrat

Auf dem Höhepunkt des Oktoberstreiks bildete sich der Petersburger Rat der Arbeiterdeputierten. Er kam am 13. Oktober zustande, als etwa 40 gewählte Delegierte auf Initiative der Menschewiki sich trafen, um dem spontan ausgebrochenen Streik eine Führung zu geben. Das Komitee forderte die Arbeiter auf, in den Betrieben für je 500 Arbeiter einen Delegierten zu wählen. Innerhalb von wenigen Tagen wurden 562 Delegierte gewählt, davon 351 Metaller und 57 Textilarbeiter. 85) Man folgte dem Vorbild der Wahlen zur Schidlowski-Kommission vom Frühjahr, einige Beteiligte waren schon damals gewählt worden. Der formell parteilose Charakter des Rats ermöglichte es auch den politisch zurückhaltenden und den Parteien misstrauisch gegenüber stehenden Arbeitern, die Räte als ‘ihre‘ Organisation zu sehen, wo die Arbeiter entschieden und nicht die Intellektuellen. Auf der zweiten Sitzung des Petersburger Sowjets regten sich die parteilosen Delegierten auf, man solle ‘allgemeine Arbeitersachen‘ behandeln und nicht Polemiken. Das führte zur Wahl des parteilosen Anwalts Chrustaljow-Nossar, der ‘über den Parteien‘ stand. Er ging später zu den Menschewiki über. Der parteilose Charakter der Sowjets hinderte die Sozialdemokraten nicht daran, die politische Führung zu gewinnen. Am Anfang war das Ziel erst einmal die Schaffung einer einheitlichen Streikleitung. Man wählte eine Exekutive, zu ihrem populärsten Vertreter entwickelte sich der 26jährige Leo Trotzki. Die Zulassung der drei sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften wurde beschlossen, der Antrag des linksliberalen Verbands der Verbände auf Zulassung zum Arbeitersowjet wurde abgelehnt, die Iswestija Soveta Rabotschich Deputatow (Nachrichten des Sowjets der Arbeiterdeputierten) heraus gegeben. Innerhalb von Tagen entwickelte sich durch die Ausweitung der Aufgaben aus dem Streikkomitee ein politisches Vertretungs- und Kampforgan der Arbeiter Petersburg, wie es die Geschichte bisher noch nie gesehen hatte. Die Iswestija erschien nur zehn Mal, aber die Auflage stieg von 35.000 auf 60.000. 86) Auf seinem Höhepunkt vertrat der Petersburger Arbeiterrat Delegierte aus 147 Fabriken, 34 Handwerkervereinigungen und 16 Gewerkschaften, 351 der Delegierten waren Metallarbeiter. 87)

Der Sowjet von Iwanowo hatte sich nach dem Streik wieder aufgelöst, der Petersburger Arbeiterrat hatte weiter gehende Ambitionen. Am 14. Oktober forderte der Sowjet den Petersburger Stadtrat auf, für die Lebensmittelversorgung zu sorgen, die Bezahlung von Polizisten einzustellen, für den Abzug der Soldaten aus der Stadt einzutreten und Geld für den Aufbau einer Arbeitermiliz zur Verfügung zu stellen. Der Stadtrat äußerte sich nicht dazu. So begann der Sowjet, selbst die Versorgung der Streikenden mit Lebensmitteln zu organisieren, proklamierte die Freiheit der Presse und erklärte, nur Zeitungen, die nicht der Zensur vorgelegt würden, würden von den Arbeitern gedruckt. Die Zeitungsverkäufer sollten keine ‘offiziellen Zeitungen‘ mehr verkaufen, Kioske, deren Besitzer dagegen verstießen, sollten geschlossen werden. Die Macht des Sowjets stieg bis Dezember deutlich.

Am 31. Oktober gab es große Straßendemonstrationen in der Stadt, überall wurden Reden gehalten für die Amnestie, den Abzug der Truppen, für Milizen und den Acht-Stundentag. Die Weiß-Blau-Rote Nationalfahne wurde von staatlichen Gebäuden gerissen, die oberen Teile riss man ab und schwenkte die roten Fahnen. Die Massen wollten zu den Gefängnissen ziehen, die von Trepows Truppen besetzt waren, die Führer der Sowjets lösten die Demonstration auf, damit es kein Blutvergießen gebe, als sie die Zusicherung bekamen, dass die Amnestie gewährt werde.

Trotzki schrieb in der Iswestija:

“Die Konstitution ist also gewährt. Versammlungsfreiheit ist gewährt, aber die Versammlungen werden von Militär umzingelt. Freiheit des Wortes ist gewährt, aber die Zensur besteht nach wie vor. Freiheit der Wissenschaft ist gewährt, aber die Universitäten sind mit Truppen besetzt. Unantastbarkeit der Person ist gewährt, aber die Gefängnisse sind mit Eingekerkerten überfüllt. Witte ist uns gegeben, aber Trepow ist uns geblieben. Die Konstitution ist gegeben, aber die Selbstherrschaft ist geblieben. Alles ist gegeben – und nichts ist gegeben.“ 88)

So wie der Sowjet am 19.Oktober die Pressefreiheit ‘dekretierte‘, so erteilte er Instruktionen an die Post und die Bahn, verhandelte mit der Stadtduma, einmal sogar mit Ministerpräsident Witte, die Miliz gab der Polizei Anweisungen. In diesen ‘Freiheitstagen‘ wurde das Versammlungsrecht durchgesetzt, die Forderung einer konstituierenden Nationalversammlung mit allgemeinem, gleichen, direktem und geheimen Wahlrecht fand breitesten Widerhall. Er folgte der elementaren Forderung der Arbeiter nach dem Acht-Stundentag.

Ab Mitte November schickte der Rat Delegierte zu den Sowjets überall im Land und empfing Vertreter von überall her. Als er sich im November mit einem politischen Demonstrationsstreik für meuternde Soldaten in Kronstadt einsetzte, gewann er Anhänger unter den Soldaten. Er hielt ständige Beziehungen zum Eisenbahnerverband, zur Gewerkschaft der Post- und Telegrafenarbeiter und zum allrussischen Bauernverband, er wurde zum potentiellen Revolutionszentrum für ganz Russland. Er betonte immer wieder die Unausweichlichkeit eines bewaffneten Kampfes gegen die zaristische Regierung. Die Vorbereitung des Aufstandes konnte der Sowjet als demokratische Massenorganisation nicht durchführen. Die Bewaffnung der Deputierten diente dem Selbstschutz, die Kampftruppen organisierten die sozialistischen Parteien. Nach Trepow umfassten sie Mitte November 6.000 Mann mit Revolvern, Jagdgewehren, Messern und schweren Spaten. 300 von ihnen gehörten zur ‘Selbstverteidigungs-Miliz‘, die nachts durch die Straßen patrouillierte. 89)

Von Oktober bis Dezember 1905 entstanden in 40 bis 50 Städten Arbeiterräte, hinzu kamen einige Soldaten- oder Bauernräte. 90) In Petersburg, Moskau, Odessa, Noworossisk und im Donezk-Becken waren die Sowjets am weitesten ausgeprägt. In Moskau entstand der Sowjet erst sehr spät. Hier bildete sich am 10. Oktober ein städtisches Streikkomitee, dominiert von der Intelligenz und wenigen Arbeitern. Ihr Vorsitzender wurde ein menschewistischer Eisenbahner, der sowohl das Streikkomitee der Eisenbahner als auch das städtische Streikkomitee leitete. Das städtische Streikkomitee war eher eine Koalition aller revolutionären Kräfte und hatte keinen ausgesprochen proletarischen Charakter. Am 21.November fand dann die erste Sitzung des Moskauer Sowjets statt, 180 Delegierte vertraten rund 80.000 Arbeiter. 91) Er entwickelte sich im Dezember zum Führungsorgan des Moskauer Aufstandes. Insgesamt waren – mit Ausnahme Polens – die Provinzen mit der stärksten Streikintensität auch die Gebiete der stärksten Aktivität der Sowjets; das Zentralrussische Industriegebiet, das Donezbecken, der Ural und die Städte der Schwarzmeerküste.

Karte 11: Sowjets in der Revolution 1905

Vereinzelt entstanden Soldaten- und Bauernräte. Die Soldatenräte des Jahres 1905 entsprangen aus Konflikten mit der Militärhierarchie – schlechte Verpflegung, Übergriffe von Offizieren etc. – und weniger einer bewusst revolutionären Haltung. Erst nach dem Oktobermanifest bekamen Soldaten Berührung mit den revolutionären Organisationen und wurden von ihnen agitiert. Eine kritische Lage entstand in der mandschurischen Armee, deren Demobilisierung schleppend voran ging und die in Kontakt mit den streikenden Eisenbahnern und Arbeitern kamen. In Städten entlang der transsibirischen Eisenbahn entstanden im November/Dezember 1905 Soldatenräte. In Moskau entstand am 2. Dezember ein 20- köpfiges Soldatenkomitee in einem Regiment, es wurde am 4.Dezember bereits wieder unterdrückt, sein Aufruf zur Bildung eines Gesamtrates der Moskauer Garnison verhallte. In vier Bezirken der Provinz Twer entstanden Ende 1905 Ansätze zu Bauernräten, die aber mehr Dorfversammlungen unter rebellischem Vorzeichen waren. Die Bauernsowjets setzten sich auch 1917 nur langsam durch.

Der Petersburger Rat war mit 562 Vertretern am größten, Moskau hatte maximal 204 Delegierte, Kostroma 135, Odessa 153 Deputierte. 92) An der Spitze des Sowjets gab es einen Exekutivausschuss, der die laufenden Geschäfte erledigte und die Funktionen einer Regierung einnahm. In Petersburg waren das 35 beschließende und 15 beratende Mitglieder. Bei schnell zu fällenden Entscheidungen suchte die Exekutive nachträglich um die Zustimmung des Gesamtsowjets nach. Hier wurden die Aufrufe verfasst – oft von Trotzki – in den Plenarversammlungen wurden sie beschlossen. In den Sitzungen gab es oft hitzige Diskussionen und Abstimmungen. Für die Erledigung bestimmter Aufgaben bildete der Sowjet Kommissionen wie für Finanzen, Streikfonds, Beschaffung der Waffen und die Zeitung. Petersburg, Moskau, Odessa, Baku, Noworossisk und Kostroma und einige kleinere Räte gaben ein Mitteilungsblatt heraus. Einen breiten Raum nahmen die Alltagsfragen ein, die Sowjets waren eine wichtige Stütze für die entstehenden Gewerkschaften. Die Grenzen zu den Gewerkschaften und dem Sowjet als Vertreter der Gesamtarbeiterschaft waren am Anfang noch fließend. Die Sowjets waren gleichzeitig Selbstverwaltungs- und Kampforganisation der Arbeiter. Der Petersburger Sowjet konnte 50 Tage lang unbehindert und offen tagen, weil die Regierung es nicht wagte, gegen die revolutionären Arbeiter vorzugehen. Hier lag seine Stärke und Legitimation, sobald die Massen müde und enttäuscht wurden, verloren auch die Sowjets an Einfluss und Autorität.

“ Der Rat stand von dem Moment seines Entstehens bis zum Augenblick seines Untergangs unter dem mächtigen Druck der revolutionären Elementargewalt, die ohne jede Rücksicht die Arbeit des politischen Bewusstseins überholte. Jeder Schritt der Arbeitervertretung war im Vorhinein bestimmt und die ‘Taktik‘ eine selbstverständliche.“ 93)

Die Haltung der bolschewistischen Mitglieder schwankte in den ersten Wochen der Existenz des Arbeiterrates zwischen aktiver Mitarbeit und Ablehnung. Man erinnerte sich an die Gaponschen Arbeitervereine, die unter der Flagge der Parteilosigkeit die ‘verfaulte Ware der bürgerlichen Ideologie‘ in die Arbeiterschaft eingeführt hatte. Als sich der Sowjet nach dem Oktoberstreik nicht auflöste und weiter entwickelte, schlug die Mehrheit der hauptstädtischen Bolschewiki einen feindlichen Kurs gegenüber dem Sowjet ein. Sie forderten, dass der Sowjet das Programm der Sozialdemokratie annehmen solle.254 Das entsprach etwa der Forderung, die gesamte Arbeiterklasse solle der RSDRP beitreten. Nach Lenins Ankunft stellten die Bolschewiki diese Kampagne ein; er hatte die Bedeutung dieses neuen potentiellen Machtorgans und seine Möglichkeiten erkannt:

“Vielleicht irre ich mich, aber mir scheint … dass der Sowjet der Arbeiterdeputierten in politischer Hinsicht als Keimform einer provisorischen revolutionären Regierung betrachtet werden muss. Mir scheint, der Sowjet muss sich so bald wie möglich zur provisorischen revolutionären Regierung ganz Russlands ausrufen oder (was dasselbe ist, nur in anderer Form) eine provisorische revolutionäre Regierung bilden.“ 94)

Er wandte sich gegen die Unterordnung der Räte unter die Partei. Der Sowjet müsse sich auf Soldaten und Matrosen, auf die Bauern und die revolutionäre Intelligenz ausdehnen, sich an die Spitze setzen und sich als provisorische revolutionäre Regierung proklamieren. Das kam Trotzkis Position sehr nahe und hätte einen schockierenden Effekt auf die Bolschewiki in Petersburg gehabt, die Propaganda für die Sowjets nahm er nur sehr vorsichtig wieder auf. Lenins zitierter Artikel wurde nicht veröffentlicht, er kam erst 1940 ans Tageslicht.

Die Menschewiki hatten weniger Schwierigkeiten, sich auf das neue Machtorgan einzustellen, Martow bezeichnete die Räte nach seiner Rückkehr nach Petersburg als die ‘Verkörperung seiner Ideen der revolutionären Selbstverwaltung‘. Die Menschewiki passten sich dem Willen der Mehrheit der parteilosen Delegierten an, indem sie auf jede offizielle Einflussnahme in den Räten verzichteten. Martynow entwickelte die Vorstellung, die Sozialdemokraten sollten alle ihre Anstrengungen darauf richten, ihre illegale Parteiorganisation in eine breite, offene Arbeiterpartei umzubilden,

“… die genügend weit ist, um Organisationen nach der Art des Arbeiterdeputierten-Rates in sich aufzunehmen oder überflüssig zu machen.“ 95)

Beide Fraktionen unterstützen die Forderung, alle proletarischen Organisationen zu einem gesamtrussischen Kongress einzuberufen. Nach der Dezember-Niederlage verließen die Menschewiki die Position der Unterstützung der Liberalen und näherten sich der bolschewistischen Position von der konterrevolutionären Rolle der Bourgeoisie an.

Ende Oktober beschlossen Arbeiter mehrerer Großfabriken, den Acht-Stundentag in Eigeninitiative einzuführen, der Sowjet debattierte darüber, er beschloss, ihn ab 31. Oktober ‘mit revolutionären Mitteln‘ durchzusetzen. Viele Unternehmer antworteten mit der Aussperrung von über 100.000 Arbeitern und gründeten einen Verband der Fabrikbesitzer. Sie planten die Schließung der Fabriken, sollten die Arbeiter diese Maßnahmen eigenständig durchsetzen. Gleichzeitig drohte der Sowjet mit einem neuen Generalstreik, falls die Regierung gegen die meuternden Matrosen und Soldaten von Kronstadt sowie den Aufstand in Polen repressiv vorgehen werde. Dem Streik in Petersburg folgten etwa 100.000 Arbeiter, außerhalb der Hauptstadt folgten nur Reval und Rybinsk. Der Novemberstreik war weitaus schwächer als der Generalstreik im Oktober. Als die Exekutive des Sowjets am 4.November den Streik beenden wollte, protestierten viele Fabriken dagegen, er wurde mit 400 zu 4 Stimmen fortgesetzt. Am nächsten Tag wurde er trotzdem beendet, zumal die Regierung zugesagt hatte, die Meuterer von Kronstadt nicht vor Kriegsgerichte zu stellen. Trotzdem hatte der Sowjet eine Niederlage erlitten. In einigen Fabriken wurde die Arbeitszeit auf neun, zehn oder zehneinhalb Stunden gesenkt, in anderen mussten sie auf Betriebsversammlungen in der Fabrik verzichten, sie verbesserten nicht den Lohn und die Arbeitsbedingungen, eine schmerzhafte und demütigende Niederlage.

Karte 12: Petrograd mit Großbetrieben

Mitte November gab es einen Streik der Postangestellten, sie hatten eine illegale Allrussische Postgewerkschaft gegründet, nachdem die Regierung drei Gewerkschaftsführer entlassen und so den Streik provoziert hatte. Der Streik war nur teilweise erfolgreich, Streikführer wurden verhaftet, die Regierung setzte Streikbrecher ein, besonders der Bund des russischen Volkes beteiligte sich dabei aktiv. Die Regierung sagte zu, alle wieder einzustellen, die eine Erklärung unterschrieben, sie würden sich keiner illegalen Organisation anschließen. Es gelang der Regierung wieder, ihre Macht durchzusetzen. Im Dezember veröffentlichte der Zar einen Ukas, der Streiks in Betrieben von gesellschaftlicher Bedeutung unter Strafe stellte. Sowjet und RSDRP propagierten dagegen den bewaffneten Aufstand.

In Tschita in Sibirien übernahm ein Sowjet der Arbeiter und Kosaken die Macht, geführt von Sozialdemokraten. Er organisierte den Rücktransport der Truppen und den Lebensmittelnachschub für die Truppen in Sibirien; bis zum Januar 1906 beherrschte der Sowjet die Stadt. Auch im Baltikum brach die Autokratie weitgehend zusammen, hier gab es nicht genug Truppen, um die Provinz zu ‘befrieden‘. Die bürgerlichen Zeitungen sprachen von zwei Regierungen, eine mit Witte und die andere mit dem Vorsitzenden des Sowjets Chrustaljow-Nossar, keiner wisse, wer wen zuerst verhaften werde. 96)

Da die zaristischen Statistiken ausgesprochen unzuverlässig waren, ist die Beteiligung nur sehr grob schätzbar, nach der Streikwellen im Frühjahr waren im letzten Quartal 1905 über 13.000 Betriebe betroffen, die Spitzen waren November mit offiziell 323.000 und Dezember mit 418.000 streikenden Arbeitern. 97)

Die Regierung musste den Sowjet vor der Durchführung des Aufstandes zerschlagen. Ende November entschloss sie sich, die im Oktoberstreik verloren gegangene Initiative wieder zu ergreifen und den Kampf aufzunehmen. Am 26.November wurde der Sowjet von Truppen umstellt und Chrustaljow-Nossar und andere Exekutivmitglieder festgenommen. Er wählte umgehend ein neues dreiköpfiges Präsidium, unter ihnen Trotzki, das zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes aufrief. Am 2.Dezember verfassten der Sowjet, die Bauernunion, die RSDRP, die PSR und die PSP ein Manifest, die Autokratie von ihrer letzten Existenzquelle, den Steuereinkünften abzuschneiden. Man solle die Löhne in Goldwährung verlangen und alle Bankguthaben auflösen. Die Polizei beschlagnahmte die acht Tageszeitungen, in denen das Manifest erschien. Der neue Innenminister Durnowo ließ am nächsten Tag die gesamte Exekutive und 200 Mitglieder des Sowjets verhaften, der Streik der Eisenbahner, Post-, Telegrafen- und Telefonangestellten wurde unter schweren Strafen verboten. Die entkommenen Sowjetmitglieder riefen einen neuen Generalstreik aus, er wurde nicht sehr stark befolgt und am 19. abgebrochen, die Erschöpfung der Arbeiter nach den wiederholten Streiks war unübersehbar. Im Oktober 1906 fand ein Prozess gegen 52 Mitglieder des Sowjets statt, darunter Chrustaljow-Nossar und Trotzki. 15 Angeklagte wurden zur lebenslänglichen Verbannung nach Sibirien verurteilt, zwei zu kürzeren Gefängnisstrafen, der Rest wurde frei gesprochen. Das Gravitationszentrum verlagerte sich nach Moskau.

Der Moskauer Aufstand

Moskau lag in der Revolution hinter Petersburg zurück. Die Streikbeteiligung war dort dreieinhalb Mal größer, der Generalstreik war in Moskau durch die Eisenbahner ausgelöst worden, der Sowjet wurde erst spät gegründet. Durch eine Meuterei der Garnison wurde die Hoffnung genährt, man könne sich für einen Umsturz auf die Soldaten stützen. Am 4.November zogen Mitglieder eines Grenadierregiments unter dem Gesang der Marseillaise – damals war die Internationale in Russland kaum bekannt und die Marseillaise war die Hymne der Revolution – zu den Unterkünften anderer Regimenter, weitere Meutereien zeichneten sich ab, als Soldaten festgenommen wurden drohten ihre Kameraden, alle Offiziere zu verhaften, den Telefon- und Telegrafenverkehr zu unterbinden und andere Regimenter aufzufordern, sich anzuschließen. Ein Soldatenkomitee forderte alle Soldaten Moskaus zur Wahl eines Soldatenrates auf. Die Meuterei wurde noch am gleichen Tag unterdrückt.
Als am 4. Dezember die Nachricht von der Verhaftung des Petersburger Sowjets nach Moskau drang, befürchtete man im Sowjet, wenn man der Unterdrückung der meuternden Truppen weiterhin tatenlos zusehe, werde der Arbeiterklasse die wichtigste Waffe für eine erfolgreiche Erhebung aus der Hand geschlagen. Menschewiki, Bolschewiki und Sozialrevolutionäre waren sich über die Notwendigkeit der Auslösung eines Aufstandes einig. Das Moskauer Komitee der Bolschewiki war die treibende Kraft des Aufstandes, der Sowjet hatte zuvor erst vier Mal getagt. Die Stimmung unter den Arbeitern war emotional aufgeladen, die Mehrheit der Sowjetdeputierten lehnte eine weitere Verzögerung ab.

Ein Kampforganisator berichtete über die schwankende Haltung der Truppen, die zwar versichert hätten, die Soldaten würden nicht auf die Arbeiter schießen, aber zu den Aufständischen wollten sie erst übertreten, wenn man überzeugt sei, dass sie von starken Kräften durchgeführt würden. Der Redner gab eine positive Einschätzung, etwa tausend Bewaffnete ständen bereit, 4.000 bis 14.000 Soldaten würden sich ihnen anschließen. Alle Warnungen prallten an der Überzeugung ab, dass der Aufstand ausbrechen müsse und werde. Wenn man jetzt nicht handle, werde die Regierung die Truppenteile vollends unter Kontrolle bringen; damit werde die Chance vertan, durch einen Aufstand in Moskau eine Aktion in anderen Städten auszulösen. Die Arbeiter seien zum bewaffneten Kampf bereit und würden sich auch ohne Unterstützung des Sowjet oder der Partei erheben. Als es am 6. Dezember zur Abstimmung im Sowjet kam, sprach sich die überwiegende Mehrheit für einen Generalstreik aus, der in einen Aufstand ‘überführt‘ werden solle. Der Streik sollte am Folgetag, Mittwoch den 7. Dezember beginnen, die Führung solle die Exekutive des Sowjets und die Zentralen der sozialistischen Parteien bilden. 98)

Der Streik wurde von 80.000 Arbeitern stark befolgt, die Geschäfte blieben geschlossen, Kraftwerke lieferten keinen Strom. Der Sowjet und die Stadtteil-Sowjets hatten eine bemerkenswerte Autorität. Sie beschlossen, die Geschäfte sollten geöffnet werden, die Besitzer durften die Preise nicht erhöhen und sollten Kredit geben, Bäcker sollten nur Graubrot backen, Weißbrot bräuchten die Arbeiter jetzt nicht. Die Anweisungen wurden weitgehend befolgt.

Man hoffte, der Übertritt der meuternden Truppen werde genügen, um den Aufstand auszulösen. Vorbereitungen und einen Aufstandsplan gab es nicht. Erst am 6. wurde ein Informations-Büro aus je zwei Vertretern der Bolschewiki, der Menschewiki, der Sozialrevolutionäre, der Exekutive des Sowjets und einem Mitglied der Eisenbahner-Gewerkschaft gebildet. 700 - 800 waren in den Partei-Kampfgruppen, 500 Sozialdemokraten, je zur Hälfte Menschewiki und Bolschewiki, 250 - 300 Sozialrevolutionäre, 500 bewaffnete Eisenbahner, 400 Drucker und Handlungsgehilfen. 99) Die Milizen waren betrieblich organisiert und blieben ohne einheitliche Führung, ihr militärischer Wert war eher gering, nicht jeder Aufständische hatte eine Waffe.

Die Regierung ergriff Gegenmaßnahmen und setzte einen energischen Generalgouverneur ein. Der beantwortete den Streikbeginn mit der Erklärung des Ausnahmezustandes. Obwohl der Streikaufruf stark befolgt wurde, konnte der Gouverneur erzwingen, dass die Eisenbahner der Linie nach Petersburg arbeiteten. Am Abend des 7. wurden Mitglieder des Föderativkomitees der Parteien und des Eisenbahnerverbandes verhaftet, damit verlor die Aufstandsbewegung wichtige Führer, bevor der Streik richtig begonnen hatte. Soldaten und Polizisten lösten Demonstrationen und Massenversammlungen ohne Widerstand auf.

Bewaffnete Auseinandersetzungen begannen am 9. Dezember. Am Vortag fand eine Massenversammlung statt, drei Stunden später fanden sich etwa 5.000 Personen in einem großen Gartenlokal ein, darunter auch bewaffnete Kampfgruppen. Der Gouverneur glaubte möglicherweise, es handele sich um ein Treffen der Arbeiter-Kampftruppen und ließ das Versammlungslokal von Truppen umstellen, ein großer Teil der Milizen konnte entkommen. Am nächsten Tag wurden Barrikaden errichtet, Häuser wurden mit Artillerie beschossen.

Die Barrikaden wurden ohne Plan errichtet, die Kampfleitungen zeigten sich überfordert, die Exekutive des Sowjets und des Föderativkomitees übertrugen die Führung des Kampfes den Bezirkssowjets, der Kampf kam nicht über einen defensiven Partisanenkampf hinaus. Die Truppen blieben loyal, es gab keine Aussicht auf einen Sieg. Der Moskauer Sowjet gab Empfehlungen heraus, eine Guerillataktik mit kleinen, beweglichen Kampfgruppen einzuschlagen; Offiziere und Kosaken seien nicht zu schonen, Soldaten müssten gegen Offiziere aufgebracht werden. Die Garnison war schwach und der Generalgouverneur verfügte in den ersten Tagen nur über 1.600 bis 1.800 Soldaten, über deren Zuverlässigkeit er sich nicht klar war. Bis Verstärkung kam, beschränkte er sich darauf, das Stadtzentrum von Barrikaden zu säubern, Widerstandsnester auszuheben und die Insurgenten in die Vororte abzudrängen. Am 15. Dezember kam Verstärkung über die offene Eisenbahnlinie aus Petersburg, die Widerstandsnester wurden mit Artillerieunterstützung nieder gekämpft. Die Partisanentaktik führte zu vielen kleinen erfolgreichen Kämpfen, aber ein Sieg konnte so nicht errungen werden. Im Guerillakampf hat man mit Pistolen nur geringe Chancen gegen Kanonen.

Den härtesten Widerstand gab es im Fabrikbezirk Presnia südlich des Zentrums am anderen Ufer der Moskwa, der Stadtteil wurde erst abgeriegelt und ab 17. Dezember mit Hilfe der Artillerie gestürmt. Am folgenden Tag war der Widerstand gebrochen. Der Sowjet beschloss, den Abbruch des Streiks und des Aufstandes zu verhandeln, es war die letzte Sitzung des Moskauer Sowjets; seine Exekutive erklärte den Aufstand am 18. und den Streik am 19. Dezember für beendet. 100)

Der Moskauer Aufstand dauerte neun Tage. 1.059 Tote waren zu beklagen, die Mehrheit nicht am Kampf beteiligte Zivilisten; Militär und Polizei hatten 34 Tote. 101) Hunderte wurden festgenommen und misshandelt. Die erhoffte Solidarität der russischen Arbeiter blieb aus, neben Moskau gab es Aufstände in Charkow, im Donbass, Jekaterinoslaw, in Rostow, im Kaukasus, in Nischni Nowgorod und anderen Zentren, aber nirgendwo konnten sie Truppen binden. In Polen riefen die drei sozialistischen Parteien zum Streik auf, aber nur eine kleine Minderheit der Arbeiter folgte ihnen.

Im Nachhinein betrachtet war der Moskauer Aufstand der Höhepunkt der Revolution 1905. Das war den Zeitgenossen nicht klar, auch Lenin glaubte nicht an eine definitive Niederlage.

“Der Bürgerkrieg tobt. … In Petersburg z.B. erwiesen sich die erschöpften und entkräfteten Arbeiter als außerstande, den Dezemberstreik durchzuführen. Andererseits hat sich die Bewegung im ganzen, die gegenwärtig von der Reaktion niedergehalten wird, unzweifelhaft auf eine weit höhere Stufe erhoben. …Der Bauernaufstand greift um sich. … Die Krise ist durch den Moskauer ‘Sieg‘ keinesfalls behoben, sondern im Gegenteil erweitert und verschärft worden. … Eine Welle folgt der anderen. Nach der Hauptstadt die Provinz. Nach den Randgebieten das Herz Russlands. Nach dem Proletariat das städtische Kleinbürgertum. Nach der Stadt das Dorf. Die reaktionäre Regierung wird bei der Erfüllung ihrer umfangreichen Aufgaben unvermeidlich Schiffbruch erleiden. Davon, wie wir zum Frühjahr 1906 vorbereitet sein werden, hängt der Ausgang der ersten Phase der großen russischen Revolution in vielem ab.„ 102)

Karte 13: Übersichtskarte Moskau

Reaktionäre Gegenoffensive

Angesichts des Rückschritts der Revolutionäre schöpfte die Reaktion neue Hoffnung. Im Januar beschuldigte Innenminister Durnowo auf einer Sitzung des Staatsrates Ministerpräsident Witte, für den Ausbruch des Moskauer Aufstandes verantwortlich zu sein. Der wies das als grundlos zurück, aber die Mehrheit der Teilnehmer hörte Durnowo ‘mit großem Interesse‘ zu. 103) Wittes Regierung war die des Zauderns über die einzuschlagende Politik: Sollte sie die Konzessionspolitik gegenüber den demokratischen Kräften fortsetzen oder die gemachten Zusagen aufgrund der Schwäche der Opposition zurück nehmen? Die erste Lösung widersprach den eigenen Zielen, die zweite ließ die Gefahr einer neuen Revolution akut werden. Der Zar und die Regierung schwankten in den ersten Monaten 1906 und konnten sich nicht auf eine Linie einigen. Beide misstrauten einander, der Zar suchte lange nach einem neuen Regierungschef. Besonders Durnowo und Trepow unterminierten Wittes Autorität, sie waren für die Ausweitung der Repression.

Gleichzeitig war die Regierung auf der Suche nach Anleihen. Seit 1888 waren sechs Milliarden Franken von Frankreich nach Russland geströmt; 1904 bekamen die Anleger, von Krieg und Revolution erschreckt, Angst um ihre Dividende, Russland hatte der Krieg 40 Prozent der Einkünfte gekostet. 1905 war die finanzielle Situation des Zarenreiches dramatisch, die Goldreserven und die Ausfuhr waren stark geschrumpft. Nach dem Blutsonntag hatte die französische Öffentlichkeit Vertrauen in den russischen Staat verloren.

Die russische Botschaft versuchte die Presse durch Subventionen zu einer Meinungsänderung zu bewegen. Im Oktober 1905 kam eine Delegation französischer Banker nach Petersburg, um die Konditionen zu verhandeln, sie mussten wegen des Generalstreiks bei Kerzenlicht verhandeln. Die russischen Liberalen machten eine Kampagne gegen die Anleihe, sie fanden bei den Radikalen und Sozialisten in Frankreich publizistische Unterstützung. Mit großen Mühen gelang es Witte, im April 1906 2,25 Milliarden Franken zu fünf Prozent Zinsen zu bekommen. Russland konnte den Goldstandard seiner Währung halten und stabilisierte das Regime entscheidend. Es kostete Witte sein Amt, denn der Zar brauchte den ungeliebten Premier nicht mehr. Nachdem er die Auslandsanleihe eingefahren und die Ordnung notdürftig wieder hergestellt hatte, so dass die Autokratie sicher schien, gab Witte auf. Der Widerstand des Hofes und besonders von Innenminister Durnowo machten ihm den Schritt leicht; am 22. April trat er zurück. Nach kurzem Intermezzo wurde im Juli Stolypin sein Nachfolger.

Die Regierung fürchtete weitere Meutereien, sie wähnten Truppen von Revolutionären unterwandert, das galt vereinzelt sogar für die Elitetruppen der Repression, die Kosaken. Durnowo war am eifrigsten an der Niederschlagung der Opposition engagiert. im Frühjahr 1906 standen zwei Drittel der Provinzen unter Ausnahmerecht. Bei Strafaktionen wurden Verdächtige auch ohne Standgerichte erschossen. Überall wurden vermeintliche Oppositionelle festgesetzt. Der britische Botschafter berichtete nach London von 17.000 bis 70.000 politischen Gefangenen im März 1906. 104) Im Baltikum gab es Strafexpeditionen. Die Landarbeiter und die Bauern hatten sich gegen die deutschen Grundherrn erhoben, 1.200 wurden massakriert; trotzdem dauerte es 18 Monate, den Aufstand zu ersticken. Großgrundbesitzern wurde gestattet, private Söldner anzuwerben. Insgesamt wurden vom Januar 1905 bis zum März 1906 etwa 14.000 Personen getötet, über 1.000 hingerichtet, etwa 70.000 verhaftet. 105) Die Gefängnisse waren hoffnungslos überfüllt, Seuchen verbreiteten sich, Selbstmorde häuften sich. Dazu kam die gestiegene ‘normale‘ Kriminalität. Es wurde immer häufiger über Kosakentruppen berichtet, die mit Arbeitern oder Bauern, die sie bestrafen sollten, fraternisierten. Soldaten agierten so brutal, dass nicht betroffene Gruppen die Zusammenarbeit mit ihnen verweigerten. Ärzte und Lehrer waren grundsätzlich der Unterstützung der Revolutionäre verdächtigt, von den 140.000 Lehrern wurden 7.000 bis 15.000 nach der Revolution entlassen. 106) Viele Schulen mussten geschlossen werden. In der Revolution war die Zahl der Zeitschriften sprunghaft angewachsen, die Vorzensur war abgeschafft worden. Im März und April 1906 wurden neue Gesetze erlassen, die diese Freiheit wieder einschränkten. Zeitungen wurden geschlossen, Redakteure verurteilt.

Bild 15: Attentat auf Stolypin
Russland, Attentat auf Stolypin Das fand vor dem Hintergrund einer selbst in Russland unbekannten Welle von Gewalt statt. Demonstrationen wurden ebenso angegriffen wie jüdische Geschäfte und Häuser. Neben Juden waren Intelligenz und Studenten Opfer der Rowdies, alle, die verdächtig waren, der Bewegung für Reformen anzugehören. Besonders in der ersten Woche nach Veröffentlichung des Oktobermanifests fiel Russland in ‘völlige staatliche Anarchie‘. Banden griffen Demonstrationen an, die den Sieg der Opposition über die Autokratie feierten. So zum Beispiel in Wolsk in der Provinz Saratow: Eine Menge marschierte mit roten Fahnen unter dem Gesang der Marseillaise durch die Stadt. Als sie das Haus der Semstwo-Verwaltung erreichten, fanden sie es mit russischen Nationalfahnen bestückt. Sie rissen die Fahnen herunter, in diesem Moment wurden sie von einer Gruppe von 50 bis 100 bewaffneten Männern angegriffen, die mit Knüppeln zuschlugen; die Polizei griff ebenfalls an und die Menge floh in Panik. 107)

Pogrome liefen nach einem immer ähnlichen Schema ab: Juden hätten einen Überfall auf rechtgläubige Christen geplant, Sozialisten hätten ein Heiligenbild entweiht, Studenten ein Zarenbild zerrissen. Diese Schauermärchen werden häufig halboffiziell von Ort zu Ort weiter gegeben, ein technischer Plan mit Proskriptionslisten der anzugreifenden Leute wird erstellt, die beutehungrige Masse der Vorstädte wird bestellt. Am festgesetzten Tag gibt es einen weihevollen Gottesdienst mit einer Ansprache des Bischofs, einen patriotischen Zug mit dem Klerus an der Spitze, Zarenbildern, Nationalfahnen, Militärkapellen, Glockengeläut. Zivil verkleidete Beamte hetzen die Menge auf.

“Die Regierung hatte die Truppen für diesen Kreuzzug überall angeworben, in allen Winkeln, Spelunken und Lasterhöhlen. Hier sah man die Kleinkrämer und den Landstreicher, den Schankwirt und seinen Stammgast, den Hausknecht und den Polizeispitzel, den Berufsdieb und den Gelegenheitsräuber, den kleinen Handwerker mit dem Bordellportier, den hungrigen, in geistiger Finsternis dahinvegetierenden Muschik, der vielleicht gestern erst sein Heimatdorf verlassen und dessen Kopf der Lärm der Maschinen ganz wirr gemacht hatte. Die erbitterte Armut, das lichtlose Dunkel, die schamlose Korruption hatten sich unter das Banner des privilegierten Eigennutzes und der rang- und ordensgeschmückten Anarchie gestellt.“ 108)

Inzwischen werden Fensterscheiben zertrümmert und einzelne Personen misshandelt, Schnapsläden werden geplündert. Ist kein geeigneter Vorwand da, so wird ein solcher geschaffen: man klettert auf den Dachboden eines Hauses und schießt auf die Menge. Polizisten schießen zurück, die Masse wälzt sich in bluttrunkenem Rausch die Straßen der Stadt entlang.

“Vor einer Stunde noch zitternder Sklave, von Polizei und Hunger gehetzt, fühlt er [der Pogromist, A.d.V.] sich jetzt als unumschränkter Despot. Ihm ist alles erlaubt, er darf alles, ist Herr über Gut und Ehre, über Leben und Tod. Wenn er die Lust dazu verspürt, schleudert er aus einem Fenster im dritten Stockwerk eine alte Frau zusammen mit einem Konzertflügel aufs Straßenpflaster hinunter, zerschmettert einen Stuhl am Kopf eines Säuglings, vergewaltigt ein kleines Mädchen vor den Augen der Menge, treibt Nägel in lebendiges Menschenfleisch… Er schlachtet ganze Familien hin; er begießt das Haus mit Petroleum, verwandelt es in einen lodernden Scheiterhaufen und gibt jedem, der sich aus dem Fenster aufs Pflaster wirft, mit dem Knüttel den letzten Rest. Er bricht in Scharen in armenische Armenhäuser, mordet Greise, kranke Frauen, Kinder … Es gibt keine Marter, die nur ein von Schnaps und Wut tollgemachtes Hirn aushecken kann, von der er gezwungen wäre, Halt zu machen. Denn ihm ist ja alles erlaubt, er darf alles …‘Gott schütze den Zaren!‘“ 109)

In Baku griffen Unterstützer des Zaren Armenier an, die oppositioneller Sympathien verdächtig waren, die Stadt wurde in ein Schlachtfeld verwandelt, 60 Armenier wurden getötet. 110) In Odessa wüteten die Pogromisten am schlimmsten, hier sollen 500 Juden getötet worden sein, die Bevölkerung versuchte in Panik, die Stadt zu verlassen. Große Pogrome gab es in Rostow am Don und Minsk und in zahllosen Kleinstädten; nach seriösen Quellen gab es 690 antijüdische Pogrome mit 876 Toten und enormem Sachschaden. In Petersburg gab es keine Pogrome, aber hier jagten am 19. Oktober mit Flaggenstangen bewaffnete Schwarzhundertschaften Studenten und Intellektuelle die ganze Nacht durch die Straßen, es gab Kämpfe zwischen ihnen und Arbeitern. Tagelang lebte die Stadt in der Erwartung der Katastrophe, viele Einwohner flohen nach Finnland oder schickten ihre Familien in sichere Vororte. Die Geschäfte holten Wertgegenständen aus den Schaufenstern und brachten sie in Sicherheit. 111)

In Moskau war der 22.Oktober der Tag des Terrors, Banden von Rowdys zogen durch die Stadt, terrorisierten Arbeiter, Studenten und andere Passanten und töteten mindestens drei Personen und plünderten Geschäfte. Unterstützer der Demokraten waren zu den Gefängnissen gezogen und hatten die Freilassung der politischen Gefangenen gefordert, der Moskauer Staatsanwalt interpretierte den Befehl – bewusst oder aus Ignoranz – falsch und ließ auch sogenannte kriminelle Gefangene frei. 10.000 Hooligans operierten frei im Zentrum Moskaus, die willige Rekruten für die Schwarzhundertschaften wurden. In Moskau forderte die Polizei die Hausmeister – generell Polizeispione in ihrem Haus – auf, alle Unterstützer des Zaren zu mobilisieren, für sie galt die Pflicht an den Kundgebungen teilzunehmen. 112)

In riesigen Trauerzügen demonstrierten die Arbeiter für die Getöteten, im Oktober allein 20.000 in Tallinn; sie waren zu mächtig, um von Kosaken und Schwarzhundertschaften angegriffen zu werden, die wurden erst aktiv, als die Arbeiter sich bei der Rückkehr zerstreuten. Eine der machtvollsten Trauerfeiern war die für den Bolschewisten Nikolai Bauman, der die Moskauer Organisation führte und bei einer Demonstration im Oktober von Schwarzhundertschaften angeschossen und dann erschlagen worden war. Die Bolschewiki konnten durchsetzen, dass beim Trauerzug alle Soldaten und Kosaken abgezogen wurden. In einem machtvollen Zug begleiteten zwischen 50.000 und 150.000 Arbeiter Bauman, zum ersten Mal traten die Bolschewiki im Moskau so offen auf. Acht Stunden dauerte der Demonstrationszug, begleitet von Orchestern, Arbeitermilizen und der Polizei. Die Bolschewiki erhielten breite Sympathie für diesen würdigen und mächtigen Trauerzug. Auf dem Rückweg vom Friedhof kamen etwa 4.000 in Konfrontation mit Schwarzhundertschaften und später mit Kosaken, die Milizen verteidigten sich und schossen zurück, sechs Demonstranten wurden getötet. 113) Baumans Mörder wurde später verurteilt, aber vom Zaren begnadigt. Nach der Oktoberrevolution fand erneut ein Prozess statt, diesmal wurde er verurteilt und erschossen.

Die Opposition warf der Regierung vor, die Regierung habe die Unruhen geplant und vorbereitet. Diese Vorwürfe sind nicht von der Hand zu weisen, gar zu systematisch schaute die Polizei bei Pogromen demonstrativ weg oder halfen sie zu organisieren. In vielen Städten fand man Beweise: In Kostroma spielte die Polizei eine führende Rolle bei der Jagd auf Intellektuelle und Studenten am 19. Oktober. Oft unterstützte sie die Schwarzhundertschaften mit Geld, der Gouverneur persönlich hatte sich bei ihnen bedankt, die Polizei hatte Leute aus ihrem Versteck geholt und der Meute zum Verprügeln übergeben. In Simferopol auf der Krim machte der Stadtrat eine Untersuchung, die ergab, dass das Pogrom mit Hilfe der Stadtkommandanten der Polizei, seinem Stellvertreter, dem Chef der Gendarmerie und der gesamten Mannschaft der Polizei unter freundlicher Duldung des Gouverneurs stattgefunden hatte, um politische Kundgebungen und Streiks zu unterdrücken. Eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission stellte fest, in fast allen Pogromen habe die örtliche Verwaltung sich aktiv beteiligt. Ein Gouverneur erklärte, Kundgebungen für das Oktobermanifest seien zwar gestattet, aber bei roten Fahnen und verunglimpfenden Bilder des Zaren sei es ihm schwer gefallen, die Kosaken nicht loszulassen, das Herz der Gouverneure Südrusslands sei auf der Seite der Pogromisten gewesen. 114)

In Petersburg kam heraus, dass auf einer Druckerpresse im Polizeihauptquartier tausende von Proklamationen mit der Aufforderung an alle ‘echten‘ Russen gedruckt worden seien, alle Ausländer, Juden, Armenier usw., alle Unterstützer der Reformen und jene, die die Macht des Herrschers beschneiden wollten zu vertreiben. General Trepow persönlich hatte Korrekturen an den Aufrufen angebracht.276 Der Zar selbst ist der oberste Beschützer der Pogrom-Veranstalter, er begnadigt auf die Forderung des Bundes des russischen Volkes die von Gerichten verurteilten Pogrom-Teilnehmer. Die Zahl der Pogromopfer in 100 Städten waren 3.500 bis 4.000 Tote und etwa 10.000 Verstümmelte. Der materielle Schaden überstieg um das Vielfache die Verluste der Gutsbesitzer während der Agrarrevolution. 115)

Die Bürokratie versuchte, die Reformen zu verhindern. Witte verurteilte die Ausschreitungen öffentlich. Nur wenige Gouverneure verhinderten Pogrome. In Saratow wurden die antijüdischen Pogrome vom Vize- Gouverneur wohlwollend neutral toleriert, als der Gouverneur Stolypin in sein Amt zurück kehrte, ‘wurden sie innerhalb von zehn Minuten gestoppt‘. Er wäre sicher nicht im folgenden Jahr zum Ministerpräsidenten ernannt worden, wenn er gegen eine Anweisung der Regierung gehandelt hätte; die Initiative für Pogrome ging oft von regionalen oder lokalen Behörden aus, die im Sinne des Zaren zu handeln glaubten. 116)

Die Arbeiter gründeten Milizen gegen den Kleinbürger-Mob. Besonders der Bund und die neu entstandene zionistische Arbeiterorganisation Poale Zion waren bei deren Aufbau aktiv; in 42 Städten gab es eine oder mehrere Gruppen, mit 1.100 Kombattanten. 117) Neben der Aufgabe des Kampfes gegen die Schwarzhundertschaften sorgten sie für den Schutz von Versammlungen und Demonstrationen und beschützten Streikende. Im August 1905 gab es in Schitomir in der Nordukraine einen dreitägigen Kampf von jüdischen Milizen, von einem jungen Bund-Mitglied geführt, gegen Rechtsradikale und die Polizei. Auf jüdischer Seite gab es 25 Tote und fast 100 Verletzte; wäre die Miliz nicht gewesen, hätte es ein Massaker wie in Odessa gegeben.

Der Bund wuchs in der Revolution auf 34.000 Mitglieder an. 118) Parallel dazu wuchs die zionistische Bewegung Russlands, sie wollte das Elend der russischen Juden durch die Auswanderung nach Palästina lösen, 1902 hatten sie 75.000 Unterstützer. 119) Ihren linken Flügel bildete die sozialistisch-zionistische Partei Poale Zion (Arbeiter Gottes). Die Wirtschaftskrise zerstörte viele Existenzen, die Emigration wuchs zu einem Massenphänomen an. Waren 1899 weniger als 25.000 Juden ausgewandert, so wuchs diese Zahl 1906 auf die Rekordmarke von 125.000 an, 58 Prozent aller Emigranten waren Juden. 120) Eine große Zahl jugendlicher Arbeiter sah eher New York als Palästina als ihr Ziel, eine beträchtliche Anzahl der zukünftigen Führer der US-amerikanischen Arbeiterbewegung stammte aus dieser Schicht.

Mit der Revolution 1905 verbreitete sich auch eine neue Form zivilen Ungehorsams über das Land. Er hatte die Form von öffentlicher Trunkenheit, von Ruhestörungen, der Beleidigungen und des Fluchens, des aggressiven Bettelns, das Werfen von Steinen auf Personen, des fehlenden Respekts vor Autoritäten, Alten und besonders Frauen bis hin zu tätlichen Angriffen auf sie, der mutwilligen Zerstörung öffentlichen und privaten Eigentums wie das Einwerfen von Fensterscheiben, des Mundraubes, des öffentlichen Singens von provozierenden Liedern. Die Herrschenden beklagten den Niedergang der Moral.

“Die Rowdies reagieren wie ein Bulle auf ein rotes Tuch, wenn sie Symbole von Macht, Intelligenz und materiellen Reichtums sehen, Durch die öffentlichen Angriffe auf ihre Träger versuchen sie ihren Hass und ihre unterdrückten und brutalen Instinkte auf sie auszudrücken.“ 121)

Im Gegensatz zu politischen Protesten waren es individuelle, spontane und höchstens ansatzweise organisierte Proteste, irgendwo zwischen der Suche nach Spaß, direktem politischem Protest und gewöhnlicher Kriminalität. Sie attackierten Symbole von Privilegien, Bildung, Wohlstand und Macht. Regierung, Behörden und öffentliche Meinung diskutierten über die Eindämmung diese beunruhigenden Phänomens. Die Konservativen sahen darin einen Zusammenbruch der alten religiösen und moralischen Prinzipien der Familie. Linke Kommentatoren sahen das Rowdytum als ein Phänomen des sozialen Wandels, Marxisten als unpolitischen primitiven Protest unbewusster Massen. Der Zarenstaat und seine Anhänger schlugen erwartungsgemäß die Verschärfung von Strafen, einschließlich Körperstrafen vor.

Die erste Duma

Die sozialistischen Parteien erholten sich recht schnell von der Dezember-Niederlage. Im Dezember verkündete Witte das Wahlgesetz für die Dumawahl, es erweiterte die Zahl der Wähler, hielt aber an dem Kurien-Wahlsystem fest: Landbesitzer, Bauern, Städter und Arbeiter. Die Stände wurden unterschiedlich gewichtet, Bauern erhielten 42,3 Prozent der Wähler, Landbesitzer 32,7 Prozent, Stadtbewohner 22,5 Prozent und Arbeiter 2,5 von Hundert. Es bedeutete, dass die Stimmen von 2.000 Grundbesitzern, 4.000 Städtern, 30.000 Bauern und 90.000 Arbeitern gleich wogen. 122) Durch das Wahlrecht bekam die mehrheitliche Bauernbevölkerung weniger als die Hälfte der Mandate. Die Frauen, alle unter 25jährigen, etwa sieben Millionen Landarbeiter, dreieinhalb Millionen Dienstboten, zwei Millionen Tagelöhner, je eine Millionen Bauarbeiter und Handelsangestellte waren nicht wahlberechtigt. Bei den Arbeitern wurde in den Betrieben für je tausend Beschäftigte ein Wahlmann gewählt, kleinere Fabriken mit mehr als 50 Arbeitern wählten ihren Vertreter auf Branchenversammlungen. Nach den Urwahlen kamen Wahlmänner in den Provinzen und Großstädten zu gemeinsamen Versammlungen zusammen, um die Abgeordneten zu bestimmen. Dieses zweistufige Wahlsystem forderte Verhandlungen und Kompromisse der Parteien, um einen Abgeordneten durchzubringen.

Neben der Duma wurde ein Oberhaus mit ernannten Mitgliedern eingerichtet, der Staatsrat. Beide Kammern konnten Gesetze vorschlagen und ablehnen. Der Zar hatte ein aufschiebendes Vetorecht, in die nächste Duma konnten die Abgeordneten ein Gesetz erneut einbringen und vom Staatsrat bestätigen lassen. Weder die Auslandsanleihen noch das Budget des Hofes und des Militärs unterstanden der Entscheidung des Parlaments, über den Rest des Haushalts konnten beide Häuser abstimmen. Die Legislaturperiode der Duma war auf fünf Jahre festgelegt, der Zar konnte sie jederzeit auflösen.

Unter den sozialistischen Parteien entwickelte sich eine Diskussion über die Teilnahme oder den Boykott der Dumawahl. Man lebte in der Erwartung eines neuen revolutionären Aufschwunges für 1906 mit heftigen Bauernaufständen, eine Wahl mit einem so diskriminierenden Wahlrecht sah man als Ablenkungsmanöver der Regierung und einen Verrat am Moskauer Aufstand an. Die Sozialrevolutionäre waren für einen Wahlboykott, bei den Sozialdemokraten waren die Menschewiki für die Teilnahme an den Urwahlen und für den Boykott des zweiten Wahlgangs zur Bestimmung der Abgeordneten. Die Bolschewiki propagierten einen ‘aktiven Wahlboykott‘, also ein Eintreten bei den Wählerversammlungen für Nichtteilnahme. Die Bolschewiki siegten mit 1.168 gegen 926 Stimmen. 123)

Tabelle10: Sitzverteilung in den vier Dumas 1906 – 1917
124)

Fraktion 1. Duma 2. Duma 3. Duma 4. Duma
04-06 1906 02-06 1907 1907-1912 1912-1917
SDAPR - 65 14 14
Sozialrevolutionäre - 34 - -
Trudowiki 94 101 14 10
Progressisten - - 39 47
Kadetten 179 92 62 57
nationale Minderheiten 121 - 21 26
Zentristen - - - 33
Oktobristen 17 32 120 99
russ. Nationalisten - - 76 88
extreme Rechte 15 63 53 64

Beide Flügel der RSDRP machten gemeinsame Diskussionsveranstaltungen, im Januar und Februar 1906 nahmen 2.000 Petersburger Parteimitglieder an 120 Treffen teil. Die SDKPiL, die lettische LSD und der Bund boykottierten ebenfalls. Lenin bezeichnete den Boykott 1920 als einen Fehler, Plechanow war für die Wahlbeteiligung.

Eine Minderheit der Menschewiki beteiligte sich trotzdem an den Wahlen; in der Arbeiterkurie gewannen sie 8 der 17 Wahlmänner in der Provinz Moskau, 11 von 18 in Moskau-Stadt, 2 von 7 in Kiew. Teilweise nahmen sie an der Urwahl der Wahlmänner teil. In Tiflis bekamen die Menschewiki 8.078 Stimmen, alle anderen Parteien 4.173; 72 der 80 Wählmänner waren Sozialdemokraten, in Batum waren sie ebenfalls in der Mehrheit. In der Provinz Kutais wurden von den Bauern nur sozialdemokratische Wahlmänner bestimmt. Martow zählte zehn Abgeordnete auf, die der RSDRP nahe standen. 125)

Die Wahl der Abgeordneten fand zwischen Ende Februar und Mitte April 1906 statt, teilweise war sie aber im Juli noch nicht zu Ende, insgesamt wurden 499 Deputierte bestimmt. Witte erlaubte Wählerversammlungen. Das wurde nur teilweise durchgesetzt, in Teilen der Provinz Saratow standen Polizisten vor dem Versammlungsort und verhinderten den Zutritt unerwünschter Kandidaten, Wahlwerbung wurde behindert. Die Wahlbeteiligung war unterschiedlich, insgesamt betrug sie 30 bis 40 Prozent. 126) Die Kadetten machten eine breite Kampagne, sie hatte genug Intellektuelle als Redner und Organisatoren, viele Zeitungen unterstützten sie, die Spenden wohlhabender Unterstützer flossen reichlich. Die Oktobristen machten ebenfalls einen aufwendigen Wahlkampf und gingen Allianzen mit kleineren rechten Gruppen ein. Allgemein erwartete man einen Sieg der Rechtsparteien. Unter den Arbeitern waren die Enthaltungen größer als die Wahlbeteiligung, in Warschau stimmte buchstäblich kein Arbeiter ab, ebenso in Sankt Petersburg, wo in 49 Prozent der Betriebe und in 70 Prozent der Fabriken der Umgebung keine Urwahlen stattfanden; in Moskau wählten 23 Prozent. 127)

Der Boykott der Sozialisten half den Kadetten Stimmen zu sammeln, seit Mitte März deuteten die einlaufenden Ergebnisse einen Sieg der Kadetten an. Schließlich bekamen sie in Moskau 65 und in Petersburg 62, in Odessa über 70 Prozent und erzielten einen großen Sieg. 128) Entgegen den Erwartungen beteiligten sich die Bauern massiv, ihre gewählten Vertreter waren alles andere als konservativ. Alle Rechtsparteien verloren, in Petersburg bekamen die monarchistischen Kandidaten 3.000 der 51.000 Stimmen, in Moskau 2.100 von 41.000, im ganzen Land vielleicht fünf Prozent; die Oktobristen schnitten leicht besser ab. Ein präzises Ergebnis der Dumawahlen kann man nicht wiedergeben, da viele Gewählte keine klare Parteizugehörigkeit hatten oder von einer Partei zur anderen wechselten. Eine Schätzung geht von 185 Kadetten und deren Sympathisanten aus, 112 Parteilosen, 17 Sozialisten aller Richtungen, 94 anderen Linken einschließlich der Trudowiki, 25 ‘Progressiven‘, 32 polnischen Nationalisten, 13 Oktobristen; kein Kandidat der extremen Rechten bekam ein Mandat. Die größten sozialen Komponenten waren die 231 Bauern und die 180 Adlige, von denen etwa 100 Landbesitzer waren, auf etwa 100 wird ebenfalls die Zahl der ihr Land bearbeitenden Bauernabgeordneten geschätzt; 25 Arbeiter saßen in der Duma. 108 Abgeordnete waren Intellektuelle. 129) Weder die Opposition noch der Staatsapparat hatten mit einem so deutlichen Votum gegen die Autokratie, insbesondere von Seiten der Bauern, gerechnet.

Unter sozialrevolutionärem Einfluss war 1905 der Allrussische Bauernbund gegründet worden, wie die PSR forderte er die Enteignung des Grundbesitzes und die Übergabe an lokale Selbstverwaltungsorgane, eine Stärkung der Obschina. Da auch er die Wahlen boykottierte, unterstützen seine Anhänger unabhängige Kandidaten, die in der Duma eine Arbeitsgruppe bildeten, die Trudowiki. Es war eine locker zusammenhaltende Fraktion mit gut hundert Mitgliedern, sie verstand sich als Vertretung der Bauerninteressen und stimmte meist mit den Kadetten. Die Sozialrevolutionäre machten im Frühjahr eine Wende und unterstützten die Trudowiki. Sie waren der Ausdruck der Forderung der Bauern nach Land.

“Der typische Trudowik, das ist der bewusste Bauer. Er ist nicht abgeneigt, mit der Monarchie zu paktieren, sich im Rahmen der bürgerlichen Ordnung auf s e i n e r Scholle zufrieden zu geben, gegenwärtig aber verwendet er seine Hauptkraft auf den Kampf mit den Gutsbesitzern um Land und Boden, auf den Kampf mit der dem fronherrschaftlichen Staat um Demokratie. Sein Ideal ist die Beseitigung der Ausbeutung; nur stellt er sich dies kleinbürgerlich vor, und deshalb ergibt sich aus seinen Bestrebungen in der P r a x i s nicht der Kampf gegen jede Ausbeutung, sondern nur der Kampf gegen die Ausbeutung durch die Gutsbesitzer und die Großfinanz.“ 130)

Ende April 1906 wurde die erste Staatsduma im Taurischen Palast mit einer Rede des Zaren eröffnet. Der Präsident der Duma und zwei Stellvertreter gehörten der Partei der Kadetten an. Die Regierung war unsicher, wie sie gegen dieses neue Oppositionszentrum vorgehen sollte. Die Kadetten hatten jetzt 100.000 Mitglieder, in der Duma waren sie bereit, sich mit der Zarenherrschaft zu arrangieren, die Mitglieder in den Provinzen waren eher republikanisch, über die Landfrage waren sie uneins und schwankten zwischen Nationalisierung des Bodens und Privatisierung. Ein großes Problem war für sie die Haltung zu den Sozialisten. Sollte man die Regierung unterstützen bei der Restauration ihrer Ordnung oder die Linke, um dem Staat demokratische Konzessionen abzuringen? Im Dezember hatten sie den Moskauer Aufstand verurteilt, 1906 waren sie gegen neue Generalstreiks, machten aber die Regierung für die Unruhen verantwortlich. Ihr Parteitag folgte Miljukow mehrheitlich bei der ‘organischen Arbeit‘, d.h. konstruktiver Arbeit in der Duma zur Erreichung von Reformen, ohne ihr Ziel der Entmachtung der Bürokratie und der Schaffung einer demokratischen Verfassung mit universellen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen aufzugeben. Sie ersetzten die Forderung nach der demokratischen Republik durch die der konstitutionellen und parlamentarischen Monarchie.

Das Jahr 1906 war geprägt von Unruhen, die aber nicht das Ausmaß des vorangegangenen Jahres annahmen. Verbreitet bildeten sich Aufständische ‘Bauernrepubliken‘, die die Verwaltung in die Hand nahmen, aber kaum ein paar Wochen existierten und dann zerschlagen wurden. 1906 gab es diese Unruhen in fast allen Provinzen des europäischen Russlands, besonders in der Schwarzerde-Region und im Baltikum. 131) Die Ernte war schlecht, an der Wolga gab es eine Hungersnot. Auffallend viele Frauen beteiligten sich an den Unruhen. Die Einberufung der Duma stimulierte, inzwischen waren Zeitungen auch auf dem Dorf zu bekommen. Die Bauern schrieben Resolutionen an die Abgeordneten. Viele beschwerten sich über die Juden, die sie ausplünderten, den Zaren absetzten und ihre Herrschaft an seine Stelle setzen wollten. Sie richteten ihre Beschwerden nicht mehr an den Zaren, sondern an ihre Abgeordneten. Die Unruhen waren weniger gewaltsam als 1905, es gab mehr ländliche Streiks, In der Schwarzerde-Region ging es um höhere Bezahlung und die Reduzierung der extensiven Arbeitszeit. Bauern verweigerten die Zahlung der Pacht. In einigen Dörfern wurden Bauernsowjets gegründet.

In Moskau gab es eine große friedliche Demonstration zum 1. Mai, ein Drittel der Arbeiter beteiligte sich am Streik. Auch in den Provinzstädten war die Zahl der Demonstranten und Streikenden hoch, in Petersburg war die Beteiligung geringer. Am 4. Mai gestattete die Regierung Gewerkschaften, sofern sie sich von Politik fern hielten. In Petersburg nahmen 59 Unionen die Registrierung vor, sie hatten mehr als 55.000 Mitglieder, 17 verweigerten ihre Registrierung; in Moskau waren es 64 mit 52.000 Anhängern, 11 blieben illegal. Vielleicht hatten die Gewerkschaften 1907 in Russland über 300.000 Mitglieder. Die Gewerkschaften gewannen auch als Kulturorganisationen Bedeutung. 52 Gewerkschaftszeitungen erschienen in der Hauptstadt, 15 in Moskau. Die Mehrheit wurde von den drei sozialistischen Parteien bestimmt. Im Mai/Juni kam es zu großen Arbeiterversammlungen, sie behandelten die Duma und die Taktik ihr gegenüber. Im Juni erschien eine Delegation von 283 aufgebrachten Hausmeistern auf der Polizeistation der Wasilewski-Insel und verlangte, nicht mehr als Spitzel und Hilfspolizisten eingesetzt zu werden, sie seien es leid, von der Bevölkerung als Schwarzhundertschafts-Mitglieder behandelt zu werden. 132) Eine neue Streikwelle begann in Juni, vorwiegend mit ökonomischen Zielen. Insgesamt streikten 1906 etwa eine Millionen Arbeiter.

Bild 16: Zarentreue Demonstration in Odessa
Die Arbeitslosigkeit stieg. Eine kleine Anarchistengruppe initiierte eine Bewegung Petersburger Arbeitslosen, die RSDRP unterstützten das. Die Gewerkschaften und die Stadtverwaltung organisierten Suppenküchen für die Hungernden. Man forderte einen Arbeitslosen-Sowjet und die Organisation öffentlicher Arbeit. Der Sowjet konstituierte sich, 90.000 bis 100.000 Arbeiter und Arbeitslose beteiligten sich an der Wahl. Der Bolschewiki Woitinski spielte eine große Rolle bei der Arbeitslosen-Bewegung. Die Bolschewiki fürchteten ‘verfrühte‘ Aktionen, die Menschewiki bezeichneten sie als bolschewistische Abenteuer. Das Petersburger Komitee der RSDRP verlangte die Unterordnung der Arbeitslosenbewegung unter die Partei, ein heftiger Streit entwickelte sich darüber im Petersburger Komitee. Der Arbeitslosen-Sowjet war sehr erfolgreich bei seinen Verhandlungen mit dem Stadtrat, der sagte 4.000 bis 5.000 Stellen für Bauarbeiten und Lebensmittel zu. 1906 wurde die Bewegung parallel zur stärkeren politischen Unterdrückung langsam abgewürgt, der Arbeitslosen-Sowjet arbeitete bis 1907. 133) Kleinere Arbeitslosenbewegungen gab es auch in anderen Städten.

Es kam zu vereinzelten Meutereien. Im Juli rebellierten etwa 3.000 Soldaten und Matrosen der Garnison von Sveaburg vor Helsinki. Sie hissten die rote Fahne über der Festung, nach einem Tag mussten sie vor zarentreuen Truppen kapitulieren. Gleichzeitig erhoben sich die Matrosen in Kronstadt, die aber ebenfalls am nächsten Tag aufgeben mussten. Den Matrosen auf einem Schiff in Reval war das gleiche Schicksal beschieden. 134) Ein Aufstandsversuch der Sozialrevolutionäre scheiterte kläglich.

Im Herbst 1906 wurden die Universitäten wieder geöffnet. Bei der Wahl von Studentenvertretern an der Moskauer Universität beteiligten sich etwa 60 Prozent der Studenten. Von den 5.437 Wählern gaben 37,6 Prozent ihre Stimme für die Sozialdemokraten ab, 23 Prozent für die Sozialrevolutionäre und 27 Prozent für die Kadetten. 135) In anderen höheren Lehranstalten waren die Ergebnisse ähnlich. Der Ministerpräsident wollte keinen neuen Unruheherd an den Universitäten, er ließ ihnen vorerst mehr Freiheit als den anderen Brandherden der Gesellschaft. Andererseits machte sich die Stimmung der Unzufriedenheit des Kleinbürgertums gegenüber der Aktivität der Revolutionäre bemerkbar. Die Studenten sind fast immer ein Barometer der Stimmung in der Gesellschaft.

Je mehr die revolutionäre Gefahr abnahm, desto stärker nahm der Terrorismus zu. Die extreme Rechte um den Bund des russischen Volkes machte jetzt auch Attentate gegen Regimegegner, die Verurteilten wurden ja schnell vom Zaren amnestiert. Die Zahl der Banküberfälle, ‘Enteignungen‘ genannt, nahm stark zu. Die Mehrzahl wurde von gewöhnlichen Kriminellen durchgeführt, fiel aber politisch auf die Revolutionäre zurück, die Grenze zwischen revolutionären Partisanenaktionen und Banditentum war fließend. Die Städter fühlten sich zunehmend unsicher, die Polizei führte überall Kontrollen durch, obwohl die Städte bewaffneten Lagern glichen, wurde die Kriminalität dadurch nicht gestoppt. Miljukow und Trepow verhandelten über eine Kadetten-Regierung, der Zar weigerte sich kategorisch. Im Juni kam es zu einem Geheimtreffen zwischen Kadetten und Regierungsvertretern um Innenminister Stolypin, Miljukow sah sich schon als Ministerpräsident. Die Regierung schwankte lange, ob sie das Wagnis der Duma-Auflösung eingehen könne. Nikolaus II. war zu willensschwach, eine Militärdiktatur zu akzeptieren, aber eine der Duma verantwortliche Regierung wollte er auch nicht. Schließlich ernannte er am 9. Juli Stolypin zum Ministerpräsidenten, löste die Duma auf, zog Truppen um die Hauptstadt zusammen und verkündete den Ausnahmezustand. Stolypin war ein willensstarker Monarchist. Ihm war klar, dass die Erhaltung der Monarchie nur mit sozialen Reformen möglich war. Vergeblich versuchte er Liberale für sein Kabinett zu engagieren.

Die erste Duma existierte 72 Tage, sie tagte 40 Mal, aber nur einer ihrer Entwürfe wurde zu einem Gesetz, 27 Entwürfe wurden von der Regierung in Kommissionen begraben. 136) Die Kadetten-Mehrheit machte Gesetzesvorschläge, von denen sie wusste, dass die Autokratie sie nicht umsetzten würde, hielt sich aber aus Furcht vor der Auflösung an die von der Autokratie gesetzten Regeln. Besonders um die Abschaffung der Todesstrafe kämpften Kadetten und Trudowiki vergeblich.

Aus Protest gegen die Dumaauflösung versammelten sich in Wiborg, eineinhalb Stunden von Petersburg entfernt auf finnischem Territorium, wo die russische Polizei kaum Autorität hatte, über ein Drittel der Abgeordneten. Sie verabschiedeten eine Resolution für einen Steuerboykott, die Rekruten sollten ihre Einberufung verweigern, solange die Volksvertretung nicht zugestimmt habe, riefen aber nicht zum Aufstand auf. Sie stellte die gleiche Forderung nach Steuerboykott wie der Sowjet im Dezember. Die Stimmung in den Städten war gespannt. Der Verlust der staatlichen Steuereinnahmen war eher gering.

Sozialdemokratische Einheit und Stolypins Staatsstreich

Gegen die Fraktionen der RSDRP hatte es seit dem Beginn der Revolution an der Basis einen starken Zug zur Wiedervereinigung gegeben. Besonders Parvus und Trotzki hatten vor Zerschlagung des Sowjets die Einheit propagiert. Ende November vereinigten sich die Organisationen in Odessa auf einer Versammlung mit 1.500 Personen und forderten die Nachahmung in ganz Russland. 137) Das Gleiche passierte in Saratow und Perm, in Moskau und Petersburg plante man die allmähliche Verschmelzung, der Bezirk Wiborg ging voran. Die Menschewiki gaben ihr Beharren auf dem Paragraf eins des Statuts auf, Differenzen gab es noch in der Agrarfrage. Angesichts der scharfen Ablehnung des Moskauer Aufstandes durch die Kadetten rückten die Menschewiki von ihnen zeitweise ab.

Für den vierten Parteitag wählten je 300 Mitglieder einen Delegierten. Der ‘Einheitsparteitag‘ fand vom 10.bis 25.April 1906 im Stockholmer Volkshaus statt. 112 Delegierte vertraten 62 Organisationen, die sozialdemokratischen Parteien Polens und Litauens, Lettlands, Finnlands und der Ukraine waren wie der Bund vertreten, ebenso die bulgarische Sozialdemokratie. Zu den 34.000 Bolschewiki und 14.000 Menschewiki kamen 33.000 des Bundes, 34.000 der SDKPiL und 40.000 der LSD. 138) Die Fraktionen stellten Plattformen auf, nach denen die Delegierten 62 Menschewiki und 46 Bolschewiki wählten. 139) In Petersburg hatten die Menschewiki eine Mehrheit, im zentralrussischen Industriegebiet dominierten die Bolschewiki, in Südrussland und im Kaukasus die Menschewiki.

Man diskutierte über das Agrarprogramm, die Haltung zur Duma, den bewaffneten Aufstand, die Partisanenbewegung, die Gewerkschaften, die Natur der Organisation und das Parteienstatut. Den Schwerpunkt nahm die Landfrage ein. Lenin vertrat eine radikale Enteignung des feudalistischen Besitzes mit der Perspektive eines Kampfes gegen den Zarismus bis hin zum bewaffneten Aufstand, ohne Klassenkollaboration mit den Liberalen. Die Menschewiki verlangten dagegen Reformen, um sich mit den Liberalen verbünden zu können und eine Kommunalisierung des Bodens. Lenin war sich klar, dass auch die Forderung nach Nationalisierung eine bürgerliche Forderung war, die Beseitigung des nur feudalen Eigentums am Land. Die bürgerlich-demokratische Revolution könnten nur Arbeiter und Bauern durchführen. Gemeinsam mit der Wahl einer Konstituierenden Versammlung könne man eine bürgerliche Demokratie mit den möglichst guten Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse durchsetzen. Plechanow, der in einem Interview betont hatte, angesichts der Schwäche des Proletariats im Dezember “hätte man gar nicht zu den Waffen greifen sollen“, 140) warf Lenin seine Kapitulation vor den Sozialrevolutionären vor, die Forderung nach Aufteilung des Gutsbesitzerlandes sei reaktionär, man müsse das Land kommunalisieren, Lenins Forderung führe nur zur Konterrevolution. Man könne nur bürgerlich-demokratische Forderungen durchsetzen, die Bedingungen einer proletarischen Revolution seien in Russland nicht reif, alles andere sei blanquistisches Abenteurertum.

Lenin antwortete, nur die Revolution im Westen könne die russische Revolution retten. Sowohl in der Agrarfrage als auch in der Diskussion um die Beteiligung an der Dumawahl und der Ablehnung der ‘Expropriationen‘ siegten die Menschewiki, eine Resolution zur politischen Lage wurde nicht abgestimmt, um die zerbrechliche Parteieinheit nicht zu gefährden. Die SDKPiL und die Lettische Sozialdemokratie traten der RSDRP bei, der Bund wurde als eine nationale Organisation anerkannt, die ‘durch keine territorialen Grenzen beschränkt‘ sei, also die Autonomie in der nationalen Frage erhielt. Der Parteitag wählte ein Zentralkomitee aus 13 Mitgliedern, 7 Menschewiki, 3 Bolschewiki, 2 Vertretern des Bundes und einem der LSD. Die Bolschewiki lösten ihre Fraktion formell auf, behielten aber ein ‘militärtechnisches Komitee‘ unter Krassin und eine Finanzkommission mit Lenin, Bogdanow und Krassin bei. 141) Angesichts der kommenden Auseinandersetzungen sollte die von der Basis gewünschte Einheit schnell wieder zerbrechen.

Zur ersten Belastungsprobe der neuen Einheit kam es anlässlich der Diskussion über die Haltung der Partei über die Wahlbeteiligung zur zweiten Duma. Viele Bolschewiki hatten Vorbehalte gegenüber der Wahlbeteiligung, Lenin erklärte sich für eine Teilnahme der RSDRP. Er befürwortete einen unabhängigen Wahlkampf der Partei, mit Sozialrevolutionären und Trudowiki seien Wahlbündnisse möglich, nicht jedoch mit den Kadetten und anderen Bürgerlichen. Die Bolschewiki sahen die Duma vor allem als Tribüne zur Mobilisierung der Massen. Nur die polnische SDKPiL hielt am Boykott fest. Nach der Phase der Ablehnung der Zusammenarbeit mit den Kadetten im Dezember 1905 orientierten sich die Menschewiki wieder stärker an dieser Partei. Sie betrachteten die Duma als ein Zentrum, über welches man die Staatsmacht erringen könne. Dazu waren sie zu Absprachen mit den Kadetten bereit, um den Sieg der Rechtsparteien zu verhindern und die Duma zu einer Legislative mit Gesetzgebungsrecht umzuwandeln. In Tammerfors siegte im November die menschewistische Linie, Wahlmänner in allen Kurien aufzustellen. In der Arbeiterkurie sollte es Bündnisse nur mit parteilosen Organisationen geben, die den Klassenstandpunkt anerkannten. In den anderen Kurien stimmte die Konferenz für gemeinsame Listen mit demokratischen Parteien, wenn die Gefahr des Sieges der Reaktion bestand. In den südlichen und nordwestlichen Provinzen, wo die reaktionäre Gefahr sehr stark war, wurden Wahlbündnisse mit nichtsozialistischen Parteien getroffen, in den anderen Gebieten gab es selbstständige Listen. Die Gewerkschaften unterstützten die Kandidaten der Partei. Auf einer Konferenz der Petersburger Organisation im Januar 1907 stritten beide Fraktionen, als die Bolschewiki siegten, spaltete sich das Petersburger Komitee. 142)

Karte 14: Die Delegierten des Fünften Parteitages der RSDRP 1907

Die PSR hatte bei der Dumawahl 1906 noch eine extrem wahlfeindliche Haltung eingenommen.

“Möge sie (die Duma, A.d.V.) erzreaktionär sein, mögen dort nur Schurken sitzen; das ist besser für uns, weil es dann keine Illusionen geben kann.“ 143)

Hier setzte sich die Basis gegen die Führer durch; in der Mehrheit der Provinzen schloss sie Bündnisse mit Linken und nationalen Minderheiten, ihr Wahlkampf verlief in völliger Planlosigkeit.

Angesichts der Wahlbeteiligung aller Sozialisten war die Teilnahme der Arbeiter diesmal sehr groß, in einigen Betrieben betrug sie hundert Prozent, stadtweit 70 Prozent und mehr. Auch die Bauern stimmten massenhaft ab, auch in den Unruheprovinzen, in den Dörfern gab es Wahlveranstaltungen. Alle linken Gruppen wurden von der Staatsgewalt nach Kräften behindert. 144)

Das Ergebnis der Wahl im Januar 1907 war eine noch radikalere Duma als die aufgelöste. In 26 der 51 europäischen Provinzen gewann die Opposition eine absolute, in elf weiteren eine relative Mehrheit, nur zehn Wahlversammlungen der Provinzen hatten die Regierungsunterstützer über 50 Prozent. Unter den Bauern hatten Sozialrevolutionäre und Sozialdemokraten die Mehrheit, In der Arbeiterkurie siegte die Opposition hundertprozentig. Unter den Stadtbürgern dominierten Kadetten. Die Oktobristen vergrößerten ihre Präsenz von 13 auf 44 Sitze, die extreme Rechte konnte 10 Abgeordnete durchbringen, mit Sympathisanten in anderen Fraktionen hatte sie die Unterstützung von 54 Deputierten. Die Linke verdoppelte ihren Anteil von 111 auf 222 Abgeordnete, Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre und Volkssozialisten bekamen 118 Sitze gegenüber 17 in der ersten Duma, die Trudowiki 104. Die Kadetten fielen von 185 auf 99 Sitze. Die muslimischen Parteien bekamen 30 und die Kosaken 17 Mandate, die Polen 46 statt zuvor 32. Die Parteilosen fielen von 112 auf 50 Abgeordnete. 145) Da alle Abgeordneten ausgeschlossen wurden, die das Manifest von Wiborg unterzeichnet hatten, war der Anteil der bisher bekannten Oppositionellen zurück gegangen. Die Zahl der Kadetten-Abgeordneten ging durch die Beteiligung der Sozialisten zurück, in den Städten war ihr Wähleranteil etwa gleich geblieben (39 Prozent), bei den Bauern stiegen ihre Stimmen von 4 auf 5 Prozent, bei den Landbesitzern sank ihr Anteil von 11 1⁄2 auf 9 Prozent. 146)

Den größten Sieg erzielte die RSDRP mit eigenen Listen im Kaukasus mit 10 Abgeordneten – etwa einem Drittel der Stimmen, davon alle drei Mandate in Tiflis. In der Arbeiterkurie eroberten die Sozialdemokraten überall die Mehrheit, etwa 80 Prozent der Mandate. 147) In der Bauernkurie siegte die RSDRP in Georgien, in vielen Orten der Ukraine und in einigen nordrussischen Provinzen. In Petersburg bekam sie im Bündnis mit den agrarsozialistischen Gruppen etwa ein Viertel der Stimmen, hier siegten die Kadetten. In Estland gewannen die Sozialisten zwei der drei Sitze, in Riga siegte der lettische Sozialdemokrat. In der Provinz Kaunas konnten alle fünf Sitze gewonnen werden, in Twer, Tambow, Rjasan, Nischni-Nowgorod und Wladimir, sowie in Kostroma konnten sie ein Mandat im Wahlbündnis mit den Liberalen erringen. In der Provinz Moskau bekam die Partei zwei von sechs Mandaten, aber in der Stadt Moskau stimmten die Arbeiter mehrheitlich für die Kadetten. In Kiew wurden fünf von 15 Kandidaturen gewonnen; in Tschernigow, Charkow, Kursk und Taurien gab es je einen Abgeordneten, im Donezgebiet drei. In Saratow konnten vier, in Simbirsk und Samara zwei und in Penza ein Abgeordnetensitz errungen werden. Auch im Ural wurden sieben Vertreter der RSDRP gewählt, in Asien waren es acht. Insgesamt wurden 64 Sozialdemokraten gewählt, 53 schlossen sich der Fraktion an, davon 36 Menschewisten und 18 Bolschewisten. 148) In Petersburg konnte die Partei aufgrund ihrer Spaltung nur im Wiborger Bezirk einen Deputierten durchbringen.

Die PSR bekam 34 Abgeordnete. Die Mehrheit ihrer Mitglieder waren trotz ihrer Orientierung auf die Bauern städtische Arbeiter, das kam vor allem bei der Wahl in der Petersburger Arbeiterkurie zum Ausdruck. Die RSDRP bekam 46,8 Prozent der Stimmen und 115 bis 120 Wahlmänner, aber die PSR bekam 36,1 Prozent der Stimmen und 60 bis 65 Wahlmänner. Lenin gab zu, dass die Partei eine wirkliche Niederlage erlitten hatte, denn gerade in den Großbetrieben gewann die PSR. Bei den metallverarbeitenden Fabriken für den Heeres- und Marinebedarf gewann die PSR 51 Prozent, die RSDRP kam auf 26 Prozent, während die RSDRP in den Textilfabriken mit 63 gegen 28 Prozent und in den kleineren Unternehmen mit 68 zu 14 Prozent die Nase vorn hatte. 149)

Die Ergebnisse schockierten den Hof, die Regierung und die Konservativen, sie hatten nicht mit einem derartigen Sieg der Linken gerechnet. Stolypin war mit der Politik der Auflösung der ersten Duma gescheitert, aber die Hofkamarilla konnte sich nicht auf einen Nachfolger einigen. Die Polizeioffensive hatte nicht zu einer Eindämmung der Kriminalität geführt. In einer Januarwoche 1907 wurden 52 Staatsvertreter ermordet, darunter ein Gouverneur. 150) Der neuen Duma schien kein langes Leben beschert. Die zweite Duma stand unter dem Damoklesschwert ihrer erneuten Auflösung. Kadetten und Trudowiki dämpften ihre Opposition. Die Parteien diskutierten die Agrarfrage und griffen die Regierung wegen der unzureichenden Unterstützung der Opfer der aufkommenden Hungersnot an. Mit Unterstützung der Trudowiki brachten die Sozialrevolutionäre einen Entwurf zur Agrarreform ein.

Die Frage der Taktik in der Duma stand auf der Agenda des fünften Parteitages der RSDRP, der vom 30. April bis zum 19. Mai 1907 in London stattfand. Ursprünglich sollte er in Dänemark und Schweden stattfinden, aber die zaristischen Behörden übten Druck auf die Staaten aus. 303 Delegierte und 39 Teilnehmer ohne Stimmrecht vertraten 150.000 Parteimitglieder in 145 Parteiorganisationen, eine Zahl, die von beiden Fraktionen kräftig nach oben gerundet wurde. 151) Die SDKPiL, der Bund, die LSD und die lettischen Sozialdemokraten waren vertreten, die Bolschewiki hatten eine knappe Mehrheit von 89 zu 88 Delegierten, die polnische und lettische Delegation stimmten mit den Bolschewiki, die 59 Vertreter des Bundes mit den Menschewiki, die Rosa Luxemburg nahm am Parteitag teil, ebenso Trotzki als nichtfraktioneller Delegierter. 152)

Die Mehrheit lehnte die von den Bolschewiki geforderte Erörterung der ‘gegenwärtigen Lage‘ ab, da es zu einer Verschärfung der Divergenzen führen würde. Ebenso verweigerte der Parteitag, die Frage des bewaffneten Aufstandes auf die Tagesordnung zu setzen. So wurde vor allem die Taktik der Dumafraktion diskutiert, welche die Anhänger Lenins scharf kritisierten. Sie hätte den revolutionären Charakter der Ereignisse nicht genügend herausgestellt und mit den Liberalen gestimmt. Sie konnten aber einen Antrag zur Verurteilung der Dumafraktion nicht durchbringen, wohl aber eine Resolution, die den völlig konterrevolutionären Charakter der Parteien der liberal-monarchistischen Bourgeoisie feststellte. Gegenüber den agrarsozialistischen Parteien müsse der pseudo-sozialistische Charakter ihrer Ideologie aufgedeckt werden, gleichzeitig die revolutionär-demokratischen Tendenzen ihrer Politik unterstützt werden. Die Diskussion vom Stockholmer Parteitag wiederholte sich. An erster Stelle müsse für die sozialdemokratische Fraktion die ‘kritische, propagandistische, agitatorische und organisatorische‘ Tätigkeit stehen – nicht nur gegen die Reaktion, sondern auch gegen den Liberalismus. 153) Ins ZK wurden fünf Bolschewisten, vier Menschewisten und je zwei Polen, Letten und Bund-Vertreter gewählt, wobei die Letten keine sicheren Anhänger der Bolschewiki waren. Mit einer ‘technisch-militärischen Gruppe‘ aus Lenin, Krassin und Bogdanow schuf man eine geheime bolschewistische Zentrale. 154) Wenige Tage nach dem Parteitag beendete Stolypins Putsch die demokratischen Freiheiten.

Die zweite Duma wurde nach 102 Tagen auseinander getrieben. Stolypin löste sie am 3. Juni 1907 auf und ließ die sozialdemokratische Fraktion verhaften. Die Rechte des Parlaments wurden nicht angetastet, aber das schon undemokratische Wahlrecht wurde weiter zugunsten der privilegierten Klassen verändert. Das neue Wahlgesetz sah die Reduzierung der Vertretung der 11 Millionen Polen von 46 auf 14 Abgeordnete vor, ebenso die der anderen nationalen Minderheiten; der Bauernanteil wurde halbiert, die Zahl der Abgeordneten der Grundbesitzer um ein Drittel erhöht. In den 51 europäischen Provinzen hatten die Grundbesitzer jetzt knapp 50 Prozent der Abgeordneten, die Städter 26 Prozent, die Bauern 22 und die Arbeiter 2,3 von Hundert. 155)

Durch die Reduzierung des Wahlrechts war die Auflösung der Duma tatsächlich ein Staatsstreich, nur der Bund des russischen Volkes unterstützte den Akt. Die Bevölkerung reagierte nicht und blieb apathisch. Die Kadetten verschoben eine Entscheidung, wie sie reagieren sollten, auf ihren Parteitag im August, sie waren sichtlich pessimistisch über die Aussichten der nächsten Wahlen und die politische Entwicklung. Die Oktobristen sahen den Staatsstreich als ‘bedauernswerte Notwendigkeit‘. Bei den Sozialdemokraten hatte Lenin den Coup d’état erwartet, er war gegen einen neuen Wahlboykott, der sei nur bei der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes der Massen gerechtfertigt. Eine Konferenz des Petersburger Komitees der RSDRP sah einen Aufruf zum politischen Streik gegen den Staatsstreich als zu riskant an. Die Stimmung in der Arbeiterklasse sei nicht mehr kämpferisch, die Partei sei nicht in der Lage, eine Offensive der Massen zu führen. Demoralisierte Parteimitglieder verließen die Partei.

“Parteiversammlungen leerten sich… Im Land war alles ruhig. Keine Bauernunruhen, keine politischen Streiks, keine Massenproteste.“ 156)

Drei Konzeptionen der russischen Revolution

Innerhalb der Sozialdemokratie waren sich alle Protagonisten einig, dass in Russland die bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung stehe. Wie sich das Verhältnis der Arbeiterklasse zum Bauerntum in gestalten sollte, war umstritten.

Engels hatte in der Diskussion um die Bauernfrage für Deutschland in der Diskussion 1894 eine klare Haltung eingenommen: Es könne nicht angehen, den Bauern den Erhalt ihres Besitzes zuzusichern:

“Wir können nun und nimmermehr den Parzellenbauern die Erhaltung des Einzeleigentums und des Einzelbetriebs gegen die Übermacht der kapitalistischen Produktion versprechen. Wir können ihnen nur versprechen, dass wir nicht wider ihren Willen gewaltsam in ihre Eigentumsverhältnisse eingreifen werden.„ 157)

Gegenüber den Groß- und Mittelbauern vertrete man die Interessen der Landarbeiter.

“Ganz einfach liegt die Sache nur beim Großgrundbesitz. Hier haben wir unverhüllten kapitalistischen Betrieb, und da gelten keine Skrupel irgendwelcher Art. Wir haben hier Landproletarier in Massen vor uns, und unsere Aufgabe ist klar. Sobald unsre Partei im Besitz der Staatsmacht ist, hat sie die Großgrundbesitzer einfach zu expropriieren, ganz wie die industriellen Fabrikanten.“ ebenda, p.503/504))

In der RSDRP gab es keine Differenzen über die Haltung gegenüber den Großgrundbesitzern, der sozialen Stütze des Zarismus. Aber wie sollte man in der nächsten Revolution mit deren enteignetem Land verfahren? Darüber wurden heftigste Polemiken geführt. Die Menschewiki waren mehrheitlich der Auffassung, nur durch die Verteilung des Großgrundbesitzes an die Bauern sei die Agrarfrage zu lösen. Das solle in der Form der ‘Munizipalisierung‘ geschehen, die Obschina solle den Boden bekommen und ihn an die Bauern verpachten. Das könne nur ein einem Bündnis mit der demokratischen Bourgeoisie vor sich gehen.

Zu Beginn der Revolution 1905 schrieb die menschewistische Iskra:

“Wenn man den Schauplatz des Kampfes in Russland betrachtet, was bekommt man dann zu sehen? Nur zwei Mächte: die zaristische Selbstherrschaft und die liberale Bourgeoisie, die sich organisiert hat und jetzt ungeheuer ins Gewicht fällt. Die Arbeitermasse dagegen ist zersplittert und kann nichts tun. Als selbstständige Macht bestehen wir nicht, und darum besteht unsere Aufgabe darin, die zweite Macht – die liberale Bourgeoisie – zu unterstützen, ihr Verhalten zu billigen und sie unter keinen Umständen durch Hervorkehren unserer selbstständigen proletarischen Forderungen einzuschüchtern.“ 158)

Lenin vertrat die Nationalisierung des gesamten Bodens als Folgerung aus der ‘Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft‘. Die Nationalisierung würde die Tendenz der Zersplitterung des Bodens durch die Bauern entgegen wirken, während die Aufteilung des Großgrundbesitzes an die landarmen Bauern die bürgerliche Ordnung stärken würde. 159)

Lenin Agrarkonzept war eng mit der ‘demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern‘ verbunden. Der konsequenteste Kämpfer für die Demokratie sei das russische Proletariat, das nur siegen könne, wenn sich die Masse der Bauernschaft ihm anschließe. Falls die Kraft des Proletariats nicht ausreiche, sich an die Spitze der demokratischen Revolution zu stellen, so werde sich die Bourgeoisie an die Spitze stellen und die Revolution zu Grunde richten. Deshalb sie die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft das einzige Mittel. 160) Dabei sei die Bauernschaft ein durchaus unbeständiges Element; sie strebe nach der Enteignung des Grundbesitzer-Landes.

“Ohne dadurch sozialistisch zu werden, ohne aufzuhören, kleinbürgerlich zu sein, ist die Bauernschaft fähig, zum völligen und radikalsten Anhänger der demokratischen Revolution zu werden.“ 161)
“Das Proletariat muss die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand der Selbstherrschaft mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muss die sozialistische Umwälzung vollbringen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren.“ 162)

Plechanow warf Lenin vor, seine Forderungen führten nur zur Konterrevolution. Man könne nur bürgerlich- demokratische Forderungen durchsetzen, die Bedingungen einer proletarischen Revolution seien in Russland nicht reif, alles andere sei blanquistisches Abenteurertum. Lenin antwortete, der Sieg der russischen Revolution werde das Signal für die sozialistische Revolution in Europa sein.

“… Die europäischen Arbeiter werden uns zeigen, wie’s gemacht wird, und dann werden wir gemeinsam mit ihnen den sozialistischen Umsturz durchführen.“ 163)

Bild 17: Lew Trotzki
Gegen die Zwei-Etappen-Theorie der Menschewiki wandte sich auch Trotzki. In rückständigen Ländern sei die Bourgeoisie in der imperialistischen Periode untrennbar verbunden mit der feudalen Klasse und dem Imperialismus, unfähig eine selbstständige Position einzunehmen. Trotzki vertrat in seiner Theorie der permanenten Revolution die Auffassung, wenn sich das Proletariat an die Spitze der unterdrückten Klassen stelle, so könne es die Aufgaben der bürgerlichen Revolution – Land und Demokratie – zusammen mit der proletarischen Revolution – Enteignung der Bourgeoisie – erledigen. Das könne aber nicht in einem Land – zumal in einem rückständigen wie Russland – allein gemacht werden, sondern müsse in wenigstens einigen der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder geschehen. Die Revolution sei also permanent in dem Sinne, dass sie die bürgerlichen Aufgaben gemeinsam mit den Aufgaben der sozialen Revolution erfülle du gleichzeitig sich auf internationaler Ebene vollziehen müsse.

“Die russische Bourgeoisie tritt alle revolutionären Positionen an das Proletariat ab. Sie wird auch die revolutionäre Hegemonie über die Bauernschaft abtreten müssen. In dieser Situation, in der die Macht an das Proletariat übergeht, wird der Bauernschaft nichts anderes übrigbleiben, als sich dem Regime der Arbeiterdemokratie anzuschließen… Während aber jede bürgerliche Partei, wenn sie die Stimmen der Bauernschaft erobert hat, ihre Macht schleunigst dazu benutzt, die Bauernschaft auszuziehen und sie um alle Erwartungen und Versprechungen zu betrügen, um dann bestenfalls einer anderen kapitalistischen Partei Platz zu machen, wird das Proletariat, das sich auf die Bauernschaft stützt, alles in Bewegung setzen, um das kulturelle Niveau auf dem Lande zu heben und das politische Bewusstsein der Bauernschaft zu entwickeln.“ 164)
“Das Proletariat wird sich gezwungen sehen, den Klassenkampf ins Dorf zu tragen und dadurch die Gemeinschaft der Interessen mit der gesamten Bauernschaft zu zerstören, die zweifellos … vorhanden ist. Vom ersten Augenblick seiner Herrschaft wird das Proletariat seinen Rückhalt in der Gegenüberstellung von Dorfarmut und Dorfreichen, von Landproletariat und landwirtschaftlicher Bourgeoisie suchen müssen.“
Zwei wesentliche Züge der proletarischen Politik werden auf den Widerstand seiner Verbündeten stoßen:der
Kollektivismus und der Internationalismus.
Der kleinbürgerliche Charakter und die Primitivität der Bauernschaft, die dörfliche Beschränktheit ihres Gesichtskreises, ihre Abgeschiedenheit von weltpolitischen Zusammenhängen und Abhängigkeiten werden ein schlimmes Hindernis für die Festigung der revolutionären Politik des Proletariats darstellen, das sich an der Macht befindet…“ 165)
“Sollte sich das russische Proletariat an der Macht befinden, … so wird es der organisierten Feindschaft seitens der Weltreaktion und der Bereitschaft zu organisierter Unterstützung seitens des Weltproletariats gegenüber stehen. Ihren eigenen Kräften überlassen, wird die Arbeiterklasse Russlands unvermeidlich in dem Augenblick von der Konterrevolution zerschlagen werden, in dem sich die Bauernschaft von ihr abwendet. Ihr wird nichts anderes übrig bleiben, als das Schicksal ihrer politischen Herrschaft und folglich das Schicksal der gesamten russischen Revolution mit dem Schicksal der sozialistischen Revolution in Europa zu verknüpfen… Mit der Staatsmacht in Händen, mit der Konterrevolution im Rücken und der europäischen Reaktion vor sich, wird sie ihren Mitbrüdern in der ganzen Welt den alten Kampfruf zurufen, diesmal zum letzten Gefecht: Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ 166)

Würdigt man die Positionen Lenins und Trotzkis, so fällt die wenig konkretisierte Auffassung Lenins der ‘demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft‘ auf, die zwar als Anspruch formuliert war, aber deren Realisierung noch in der Ferne lag und wohl deshalb so schwammig blieb. Im Nachhinein betonte Trotzki, dass er Lenins Betonung der Organisationsfrage nicht verstanden hatte, bei sich ähnlichen Positionen habe er die Frage des Parteiregimes in den Vordergrund gestellt. 167) Trotzkis Broschüre wurde gleich nach ihrem Erscheinen verboten, Lenin hat sie vor 1917 nicht zu Gesicht bekommen. 1917 sollten beider Positionen sich vereinen.

Bilanz einer Generalprobe

Durch den Blutsonntag wurde eine nie gesehene spontane Massenbewegung ausgelöst. In der Gapon- Bewegung nahmen die Petersburger Arbeiter die ihnen gebotene Möglichkeit wahr, sich legal zu treffen und ihre Erfahrungen auszutauschen. Die eigene Not, die Unzufriedenheit mit dem Krieg und die nachlassende Repression erweiterten den Spielraum, solange man sich nicht mit den gottlosen und zarenfeindlichen Sozialisten einließ. Den Forderungen hoffte man auf legalem Wege zum Durchbruch zu helfen. Die dumme arrogante Haltung der Herrschenden führte am 9. Januar zur Explosion der Wut, die Flutwelle des Frühjahrs 1905 war chaotisch und von niemandem geplant. Ein halbes Leben der Ausbeutung, Unterdrückung und Demütigung mündete in den Kampf um die Freiheitsrechte. Die Autokratie wich zurück, auf der verzweifelten Suche nach Mitteln, die Privilegien zu verteidigen, uneinig, ob man mehr Repression oder Zugeständnisse machen sollte.

Wie in jeder großen Revolution folgte der Phase der spontanen Massenaktionen die Zeit der Organisierung. Arbeiter gründeten in ihrer Fabrik eine Gewerkschaft, berieten in ihrer Organisation und suchten Kontakte zu anderen Fabriken, öffneten sich für politische Ideen, brachten Führer hervor, die ein halbes Jahr zuvor nichts von den eigenen Talenten geahnt hatten. Intellektuelle können sich besser ausdrücken, sie kamen an die Spitze und wurden von der Bewegung genauso schnell wieder weg gespült. Der Staat leistete ihnen unfreiwillige Hilfe, als er die Wahlen für die Schidlowski-Kommission ausschrieb. Die Form der Vertretung wurde im Herbst als Muster für den Aufbau der Räte übernommen, die sich aus permanenten Streikkomitees wie in Iwanowo zu Keimformen politischer Macht entwickeln. Gewerkschaften, Genossenschaften, Hilfskassen und Parteien erblühen nebeneinander, in ständiger Diskussion über ihre Bedeutung und ihrem gegenseitigen Verhältnis. Zu den vereinheitlichenden Zielen wurden 1905 der Acht-Stundentag und die verfassungsgebende Versammlung. Die Gründung von Gewerkschaften und anderen Massenorganisationen, das Eindringen der Revolutionäre brauchte Zeit. So ist es zu erklären, dass der organisatorische Höhepunkt der Arbeiterorganisationen erst 1906 erreicht war, als Höhepunkt der Revolution überschritten und die Reaktion längst wieder in der Offensive war.

Für die Mitglieder der RSDRP ergab sich eine völlig neue Situation: Jahrelang hatte man in kleinen Zellen abgeschottet gearbeitet, jeder Kontakt zu neuen Arbeitern barg die Gefahr der Zerschlagung der Organisation. In der Partei waren die ‘Komiteeleute‘, die Meister der Konspiration, tonangebend. Jetzt wurden sie durch die Massenbewegung zu einer taktischen Wende gezwungen. Die Arbeiter suchten jetzt Diskussionen, auf die sie zuvor noch feindlich zurückhaltend reagiert hatten. Die strikte Geheimarbeit wurde zu einem Hindernis; den Komiteeleuten hatte sie Ansehen und Autorität nach innen gegeben, Lenin musste diesen erprobten Kadern kräftig auf die Füße treten, um sie zu bewegen, auf die Massen zuzugehen und die Praxis der Ergänzung der Kader durch Parteidemokratie abzulösen. Die Partei blieb wichtig, aber sie musste neue Wege der Organisierung der Arbeiter gehen.

Die Sozialdemokraten, speziell die Bolschewiki, hatten es schwer, sich vom Denken in den Kategorien der Illegalität mit seinem Avantgarde-Bewusstsein der eigenen Überlegenheit den Massen gegenüber zu öffnen. Nur so ist die Haltung zu verstehen, Gewerkschaften sollten der Partei beitreten oder die Sowjets sollten das Parteiprogramm anerkennen. Die Menschewiki hatten es leichter, sich den Massen zu öffnen, dafür hatten sie die Tendenz, das Prinzip der Notwendigkeit der Avantgardepartei zugunsten der Massenpartei aufzulösen und waren gegenüber den Kadetten recht konzessionsbereit, schließlich sei man in einer bürgerlichen Revolution. Das sollte ihnen 1917 das Genick brechen. Erst langsam begriffen die Bolschewiki, welche enorme politische Kraft sich aus den eigenständigen Arbeiterräten entwickeln konnte, sie nutzten sie 1917 als demokratisches Mittel zur Gewinnung der Mehrheit der Klasse und der Macht. In diesem Sinne bezeichnete Lenin später das Jahr 1905 als eine Generalprobe, aus der man die richtigen Lehren ziehen müsse.

Die internationalen Auswirkungen der Revolution waren nicht unbeträchtlich. In Frankreich kämpften 400.000 Arbeiter für die Einführung des Acht-Stundentages, die Gewerkschaft CGT hatte großen Zulauf, auch die Sozialisten vereinigten sich, 1910 gab es einen nationalen Eisenbahnerstreik. In der Habsburger-Monarchie sahen sich die Herrschenden gezwungen, im cisleithanischen Landesteil das allgemeine Männerwahlrecht einzuführen. 168) In den USA agitierten die Syndikalisten der Industrial Workers of the World IWW und ließen das Kapital zittern. Großbritannien wurde 1910 von 1914 von einer Streikwelle erschüttert, einem großen Eisenbahnerstreik 1911 und einem Streik der Bergarbeiter 1912. Die Bergarbeiter streikten 1905 und 1912 im Ruhrgebiet. Im Gegensatz zur Führung der SPD, die den Einfluss der russischen Ereignisse auf Deutschland gering einschätzte, führten Rosa Luxemburg und die Linke in der Partei die Massenstreik- Debatte, gestützt auf die russischen Erfahrungen. Das führte zu einer Positionierung der Konzeptionen und Flügel der SPD und leistete einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung der revolutionären Fraktion der Sozialdemokratie bis hin zur Gründung der KPD während der deutschen Revolution.

Die Frage der Notwendigkeit einer zentralisierten Partei wurde von den Sozialrevolutionären unterschätzt. Sie konzentrierten sich mehr auf den Terror statt als auf die Gewinnung der Bauern und Arbeiter, ihre Einschätzung der Klassen machte diese Partei, die 1905 sicher stärker als die RSDRP war, von der spontanen Zustimmung und Enttäuschung des ‘Volkes‘ abhängig.

Die Revolution erschütterte die soziale Ordnung nachhaltig. Stolypin versuchte mit seiner Landreform, die feudalen Strukturen des Landbesitzes in eine kapitalistische umzuformen. Zu Tode erschreckt von der Agrarrevolte verkauften große Teile der Grundbesitzer ihre Güter und schwächten den Adel weiter.

Die Revolution scheiterte, da die Klassen in ihren Kämpfen voneinander isoliert blieben, die Revolution der Arbeiter sich nicht mit den Bauernaufständen und den Meutereien der Soldaten und Matrosen verbinden konnte. Die städtische Bourgeoisie wusste nie, ob sie sich auf die Arbeiter zur Erkämpfung der bürgerlichen Freiheiten oder lieber doch auf den Zarismus zur Unterdrückung der Massen stützen sollte. Alle Elemente der Revolution waren 1905 vorhanden, aber in noch nicht voll entwickelter Form, der Krieg sollte die Widersprüche auf die Spitze treiben. Die Revolutionäre hatten die einzigartige historische Chance, ihre 1905 gewonnen Erkenntnisse zu bewahren und zwölf Jahre später die Lehren aus ihnen zu ziehen.


1) Ascher, The Revolution of 1905. Bd. 1: Russia in Disarry, p.90/91
2) Schwarz: The Russian Revolution of 1905, p.281
3) Astrow etc, Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution 1917, p.11; Woods, Bolshevism, p.178
4) Marie, Le Dimanche Rouge, p.56
5) Schwarz, p.62
6) Marie: Le Dimanche Rouge, p.110
7) Schwarz, p.65
8) ebenda, p.70
9) Marie, Le Dimanche Rouge, p.74
10) ebenda, p.77
11) ebenda, p.84
12) Marie, Le Dimanche Rouge, p.95/96
13) ebenda, p.100/101
14) ebenda, p.101/102
15) , 97) , 133) ebenda, p.138
16) ebenda, p.143
17) Ascher, The Revolution of 1905. I.Russia in Disarry, p.94
18) ebenda, p.139
19) Blobaum, Rewolucja, p.73
20) ebenda, p.76
21) The Russian Revolution of 1905.; Revolutionary History, Vol. 9 No. 1, p.175
22) Jones, Socialism in Georgian Colors, p.129-158
23) ebenda, p.115
24) Woods, p.184
25) Marie, Le Dimanche Rouge, p.174
26) Trotzki, Die russische Revolution 1905, p.66
27) Marie, Le Dimanche Rouge, p.159
28) Schwarz, The Russian Revolution of 1905 I., p.95
29) ebenda, p.99
30) , 109) ebenda, p.108
31) Ascher, The Revolution of 1905. I. Russia in Disarry, p.120
32) ebenda, p.120
33) Die Stadt wird im Weiteren mit ihrem heutigen Namen Iwanowo bezeichnet.
34) Ascher, The Revolution of 1905, I. p.145-149
35) Woods, p.206
36) Ascher, The Revolution of 1905, I. p.149; Marie, Le Dimanche Rouge, p.202
37) Marie, Le Dimanche Rouge, p.170
38) Rakowsky: The Origins of the Potemkin Mutiny (1905); in: Revolutionary History, Vol.8, No.2, p.69/70
39) Ascher, The Revolution of 1905, I., p.170-173
40) ebenda, p.272/273
41) ebenda, p.179
42) ebenda, p.142
43) Marie, Le Dimanche Rouge, p.204
44) ebenda, p.222
45) Anweiler, Die Rätebewegung in Russland 1905 – 1921, p.43
46) Ascher, The Revolution of 1905. I. p.216
47) Anweiler, p.55
48) Braunthal, Geschichte der Internationale, Band 1, p.309
49) Smith, Finland and the Russian Revolution, p.5/6
50) Ascher, The Revolution of 1905 I., p.225
51) ebenda, p.235; Liszkowski, Liberale Träume und Illusionen. Die Kadettenpartei in der Revolution von 1905, p.97
52) Liszkowski, p.93
53) ebenda, p. 95
54) ebenda, p.96/97
55) ebenda, p.213
56) Trotzki, Die russische Revolution 1905, p.215
57) Ascher, The Revolution of 1905. II. Authority Restored; p.33
58) Leontovitsch, Geschichte des Liberalismus in Russland, p.373
60) ebenda, wobei die Mitgliedschaft allgemein als rein fiktiv beurteilt wird.
61) bevor es diesen Begriff gab.
62) Hildermeier, Die Sozialrevolutionäre Partei Russlands, p.83
63) Radkey, The Agrarian Foes of Bolshevism, p.26
64) Ascher, The Revolution of 1905. I, p.191, p.39
65) Hildermeier, p.259
66) ebenda, p.221
67) ebenda, p.60
68) Spence, Boris Savinkov, p.56
69) Fischer, Russische Sozialdemokratie und bewaffneter Aufstand im Jahre 1905, p.105
70) Hildermeier, p.119
71) Ascher, I. Russia in Disarry, p.192
72) Lenin: Die Wahlen in der Petersburger Arbeiterkurie, (1907); in: Lenin-Werke Bd. 12, p.54
73) Lane, The roots of russian communism, p.12; Liebmann, p.47
74) Kanthak, Die Organisationsfrage in den Kontroversen der russischen Sozialdemokratie, p.184
75) Lenin: Brief an A.A.Bogdanow und S.I. Gussew vom 11.Februar 1905; in: Lenin-Werke Band 8, p.134/135
76) Fischer: Russische Sozialdemokratie und bewaffneter Aufstand im Jahre 1905, p.78
77) ebenda, p.73
78) Martow, Geschichte der russischen Sozialdemokratie, p.122/123
79) Woods, p.202
80) Martow, p.127
81) Lane: The Roots of Russian Communism, p.72
82) ebenda, p.103/104
83) Elwood: Russian Social Democracy in the Underground, p.19; Woods, p.230; Ascher, The Revolution of 1905. I. p.184/185; Für die Mitgliedszahlen 1897-1917 siehe Tabelle 14
84) Ascher, The Revolution of 1905. I. p.168; Pete Glatter: 1905 – 2005: Not Just an Anniversary; in: The Russian Revolution of 1905: Revolutionary History Vol.9 No.1, p.9
85) Anweiler, p. 219
86) Ascher, The Revolution of 1905. I., p.221
87) Woods, p.215
88) Trotzki, Die russische Revolution 1905, p.101
89) , 96) Ascher, The Revolution of 1905. I., p.278
90) siehe Karte 11: Sowjets in der Revolution 1905
91) Anweiler, p.60
92) ebenda, p.66
93) Trotzki, die russische Revolution 1905, p.83
94) Lenin: Unsere Aufgaben und der Sowjet der Arbeiterdeputierten, (2-4.November 1905); in: Lenin-Werke Bd.10, p.5
95) Anweiler, p.86
98) Fischer, Russische Sozialdemokratie und bewaffneter Aufstand im Jahre 1905, p. 162/163
99) Trotzki, Die russische Revolution 1905, p.189
100) Fischer, Russische Sozialdemokratie und bewaffneter Aufstand im Jahre 1905, p. 165
101) Ascher, The Revolution of 1905. I., p.322
102) Lenin: Die Arbeiterpartei und ihre Aufgaben in der gegenwärtigen Lage, (Dezember 1905); in: Lenin-Werke Band 10, p. 81-84
103) Ascher, The Revolution of 1905. II. Authority Restored, p.11
104) Ascher, The Revolution of 1905. II. p.22
105) Trotzki, Die russische Revolution 1905, p.190
106) Ascher, The Revolution of 1905. II., p.27
107) Ascher, The Revolution of 1905. I., p.254
108) Trotzki, Die russische Revolution 1905, p.106
110) Ascher, The Revolution of 1905. I. p.254
111) ebenda, p.255
112) ebenda, p.257
113) ebenda, p.264
114) ebenda, p.258
115) Trotzki, Die russische Revolution 1905
116) Ascher, The Revolution of 1905. I, p.260
117) Minczeles, Histoire générale du Bund, p.162
118) ebenda, p.190
119) Lionel Kochan: Zionism, in: Shukman, p. 211
120) Minczeles, p.177
121) Neuberger, Hooliganism, p.118
122) Woods, p.373
123) Ascher, The Revolution of 1905. II. p.38/39
125) Martow, p.177
126) Ascher, The Revolution of 1905. II. p.45
127) ebenda, p.49
128) ebenda, p.50
129) ebenda, p.51
130) Lenin: Versuch einer Klassifizierung der russischen politischen Parteien. (30.September 1906); in: Lenin-Werke, Band 11, p.219
131) siehe Karte 14: Bauernunruhen 1905-1906
132) Ascher, The Revolution of 1905. II. p.136
134) ebenda, p.236
135) ebenda, p.259
136) ebenda, p.164/165
137) Martow, p.153
138) Liebman, p.47
139) Woods, p.264
140) Fischer, Russische Sozialdemokratie, p.172
141) Marie: Lenine. La révolution permanente, p.106
142) Ascher, The Revolution of 1905. II. p.281
143) Hildermeier, p.176
144) Ascher, The Revolution of 1905. II., p.283
145) siehe Tabelle 10: Sitzverteilung in den vier Dumawahlen 1906 - 1912
146) Ascher, The Revolution of 1905. II., p.285
147) Martow, p.207
148) Martow, p.208/209. Der Zahlenunterschied ergibt sich aus den unterschiedlichen Quellen.
149) Hildermeier, p.300
150) Ascher, The Revolution of 1905. II., p.288
151) Woods, p.302
152) ebenda, p.304, nach Martow, p.218, waren es 91 Bolschewiki und 89 Menschewiki.
153) Martow, p.220/221
154) Marie: Lénine, p.113
155) Ascher, The Revolution of 1905. II., p.354
156) Ascher, The Revolution of 1905. II, p.361
157) Engels: Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland (1894); in MEW Band 22, p. 500/501
158) Fischer, Russische Sozialdemokratie, p.42/43
159) Martow, p. 178/179
160) Lenin: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution (1905), in: Lenin-Werke, Band 9, p.1-130, hier: p.48
161) ebenda, p.88
162) ebenda, p.90, im Original kursiv
163) Anweiler, p.91
164) Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, p.75/76
165) ebenda, p.78/79
166) ebenda, p.119/120
167) siehe z.B. Marie, Lénine; p.141
168) Cisleithanien: Land diesseits der Leitha, im Wesentlichen Österreich, Tschechei, Galizien, Slowenien
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