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2._russland_1904_-_die_gesellschaft_am_vorabend_der_revolution

2. Kapitel: Russland 1904 – Die Gesellschaft am Vorabend der Revolution

Topografische und geopolitische Grundlagen

Jeder, der nach Russland kommt, ist von seiner Weite und Unendlichkeit beeindruckt. Es ist das kontinentalste Land der Erde, im Norden vom Eismeer und im Süden vom Himalaya begrenzt. Selbst die Ausdehnung nach Europa hat daran wenig geändert. Dort wo es eisfreie Häfen erreichen konnte, liegen sie wie an der Ostsee oder dem Schwarzen Meer an Binnenmeeren, deren Ausgang Russland nicht kontrollieren kann, lediglich Wladiwostok liegt am offenen Meer1). Russlands Kontinentalität wird durch die Entfernungen, Sümpfe und Berge verstärkt. Die Sümpfe im Westen machen die Wege nach Polen schwierig, die Karpaten und Gebirge des Balkans behindern den Weg nach Südeuropa und das Mittelmeer. Der Ural hat dagegen kaum eine Grenzfunktion, lediglich die dichte Waldregion hemmte die Ausdehnung nach Sibirien. Im Süden bilden der Kaukasus und der Himalaya eine nahezu ‘natürliche‘ Grenze. Am ehesten gleicht Russland der Geografie Kanadas, aber während die Gebirge in Nordamerika von Nord nach Süd laufen, diktieren in Russland die Gebirge die politischen Grenzen zu Asien. Die kleinen Landschaften Westeuropas unterstützten die Herrschaftsbildung kleinerer Gebiete mit eigenen Sitten, Kulturen und Sprachen, die zentralstaatliche Monarchie setzte sich erst spät durch. In Russland gab es diese Kleinstaatlichkeit nie, die großen Wasserwege erleichterten die Bewegung großer Heere über große Entfernungen. Die Ausdehnung des russischen Tieflandes wird durch die der westsibirischen Ebene übertroffen die sich auf einer Länge von 1.800 Kilometern nie über 400 Meter erhebt. Auch hier erleichterte die Oberfläche und die Länge der Flüsse vor dem Bau der Eisenbahn die Ost-West-Bewegung. Im europäischen Russland begünstigt das Flussnetz trotz der Größe des Landes die Kommunikation und die Herrschaft der sie beherrschenden Macht. Das Fehlen eines Gebirges unterstützt das kontinentale Klima mit den eisigen Wintern und warmen Sommern und den großen saisonalen Unterschieden. Nur der südliche Streifen Sibiriens ist zwischen der zu kalten Zone im Norden, der trockenen Steppe oder Wüste östlich des Kaspischen Meeres und dem Himalaya landwirtschaftlich nutzbar. Dem an der späteren Transsibirischen Eisenbahn gelegene Streifen folgte die russische Besiedelung.

Streifenförmig von West nach Ost erstrecken sich auch die Vegetationszonen.2) Südlich der Taiga liegt von Finnland bis zur Kamtschatka das Gebiet der Tundra. Riesige Wälder werden von Sümpfen unterbrochen, der recht unfruchtbare Boden und die kurzen Sommer verhinderten eine dichte Besiedelung, die Bevölkerung lebte von Waldwirtschaft, Flachs- und Roggenanbau sowie Viehwirtschaft auf den Lichtungen. Weiter südlich schließt sich die Mischwaldzone mit podsolen Böden an.3) Während der Industrialisierung entwickelte sich in diesem Gebiet Hausindustrie, die überzählige Bevölkerung war Rekrutierungsfeld der Armee und Industrie. Neben der Holzindustrie entstanden hier Leinen-, Leder-, Wollbetriebe sowie Eisenindustrie. Fast 2.500 Kilometer von den Karpaten zum Ural schließt sich die zum Teil bewaldete Steppe an, die sich ostwärts weiter bis zum Ob ausdehnt, wobei der Wald auf diesem Teil fast völlig abgeholzt wurde. Hier liegt das sehr fruchtbare Schwarzerdegebiet, das Hauptanbaugebiet des Getreides mit den feudalen Strukturen, die sich nach der Mongolenherrschaft entwickelten. Die intensiv bebauten Felder der Schwarzerdezone mit ihren winzigen Äckern führten zu einem großen Bevölkerungsüberschuss, in den zwanzig Jahren vor der Revolution verließen über eine Millionen Menschen das Gebiet. Von Ungarn bis zum Ob folgt die Steppe, die erst nach den Mongoleninvasionen im 16.Jahrhundert besiedelt wurde und bewässert werden muss. Sie geht in Wüste über.

1811/12 hatte Russland etwa 37,5 Millionen Einwohner, die Zahl hatte sich gegenüber den hundert Jahren zuvor mehr als verdoppelt.4) Die Schwarzerdezone wurde jetzt mit Ukrainern, Russen ,Serben und Deutschen besiedelt. Der Norden und Westen des europäischen Russlands sah einen geringen Bevölkerungszuwachs, der Süden und Osten wuchsen stark. 1,5 Millionen, lebten in Städten. Moskau und Petersburg hatten 270.000 bzw. 336.000 Bewohner, alle anderen überstiegen nicht 50.000. Moskau war flächenmäßig groß, hatte aber nur ein Drittel der Einwohner Londons. Es war mehr eine Ansammlung von Vorstädten als eine Großstadt, der Zustand der Straßen war grausig.

Karte 1: Topografie Russlands


Der Zarismus vor der Bauernbefreiung

Der Kampf mit den Nomaden währte bis zum Ende des 17.Jahrhunderts. Während die westlichen Barbaren sich auf den Ruinen der römischen Kultur ansiedelten, fanden die Slawen des Ostens keinerlei Erbe vor. Es entstanden kaum Städte, die Bevölkerung zog sich in die Wälder zurück; sobald ihrer zu viele waren, rodeten sie neue Lichtungen oder wanderten in die Steppe ab. Die aktivsten Elemente der Bauernschaft wurden in Westeuropa Handwerker und Kaufleute, im Osten wurden sie Händler und Siedler. Die soziale Differenzierung im Westen wurde in Russland durch den Expansionsprozess verwischt, das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung war langsam, die soziale Differenzierung kam nur schleppend voran. Russland stand zwischen Europa und Asien. Asien brachte das tatarische Joch, das in den Aufbau des Staates einging.

An der Spitze des Staates stand seit dem 17.Jahrhundert die Romanow-Dynastie. Sie war aus der byzantinischen Herrschaftstradition entstanden. Außerdem musste das Land auf den militärischen und wirtschaftlichen Druck des Westens reagieren. Der Zarismus unterwarf sich den Adel, der seinerseits die Bauern zu Leibeigenen machte und ihnen hohe Abgaben abpresste. Das Volk konnte sich mit Petitionen an den Autokraten wenden. Seine Herrschaft schien absolut, neben dem Adel musste er sich auf die Bürokratie stützen. Die Bürokratie war korrupt und inkompetent wie die Polizei. Sie bestand zum großen Teil aus deutschen Adligen vom Baltikum, es gab wenig Russen mit den nötigen Qualifikationen. Im Gegensatz zum Landadel war die Bürokratie an Preußen orientiert und bis Mitte des 19.Jahrhunderts deutschfreundlich. Die Minister waren dem Zaren direkt unterstellt, das Amt des Ministerpräsidenten wurde erst 1905 eingeführt. Auch die Chefs der Gouvernements – im Weiteren meist Provinzen genannt – wurden vom Selbstherrscher ernannt. Unter Peter I. machten sich Ideen von Aufklärung bemerkbar, ohne dass sie an der Allmacht der Zaren etwas änderten. Man holte zur wirtschaftlichen Entwicklung Handwerker und Siedler aus Westeuropa.5) An der Rückständigkeit des Landes änderte das wenig. Wichtiger war der Einfluss, den die konkurrierenden herrschenden Schichten auf den Zaren und den Hof auszuüben strebten; die Form der Autokratie nährte Günstlingswirtschaft und Intrigen. Die Gesellschaft war in Stände gegliedert.

Tabelle 1: Die Stände 1875 in Prozent 6)

Adel 1,3
Klerus 0,9
Städter 9,3
Landbevölkerung 82,2
Militär 6,1
Ausländer 0,2



Adel und Klerus

Der Adel machte 1875 1,3 Prozent der Bevölkerung aus. Sieht man vom Hofadel ab, so bestand seine Funktion im Militärdienst, er stellte den überwiegenden Teil des Offizierskorps. Das dafür vom Zaren zur Verfügung gestellte Land nutzte er meist als Konsument, ohne den Wert zu erhöhen. Zwischen 1800 und 1860 war das Ackerland von 38 auf 58 Millionen Desjatinen 7) angewachsen, die Ernte aber vermehrte sich nur um sechs Prozent. Dabei war der größte Teil des Adels durchaus nicht reich. 1857/8 besaßen 41,6 Prozent des landbesitzenden Adels weniger als 21 ‘Seelen‘, also männliche Leibeigene. Weitere 35,1 Prozent besaßen 21 bis 100 Seelen.8) Es hätte ihren Ruin bedeutet, wenn man ihnen die Leibeigenen weggenommen hätte. Sie waren nicht in der Lage, eine Gutswirtschaft zu führen, weniger, weil ihnen die Fähigkeiten fehlten sondern eher, weil die Grundlagen kapitalistischen Wirtschaftens nicht vorhanden waren. 3,8 Prozent der reichsten Großgrundbesitzer gehörten 43,7 Prozent der Adelsbauern, sie bestimmten den Lebensstil des Adels, die weniger reichen versuchten sie zu kopieren und verschuldeten sich, 1859 waren zwei Drittel der Grundbesitzer verpfändet, das geliehene Kapital diente vorwiegend zur Finanzierung des aufwendigen Lebensstils. Der Adel sprach französisch, russisch zu sprechen galt unter ihnen als unfein. Ihre Verschuldung ermöglichte wohlhabenden Kaufleuten den Aufstieg in die Gesellschaft und bedeutete für die Landbevölkerung einen immer stärker wachsenden Druck.

“Durch ihren Geldmangel waren die Besitzenden gezwungen immer mehr einzunehmen. Sie vergrößerten die Anbaufläche für Getreide außerordentlich auf Kosten der Weiden und Wälder mit em Resultat, dass der Viehbestand und die Qualität der Landbebauung zurückgingen, sich die Fruchtbarkeit der Erde verringerte und die Luftfeuchtigkeit stark zurück ging.“9)

Diejenigen russischen Landadligen, die den Winter an der mondänen Côte-d’Azur verbrachten und in den Spielkasinos den Wert ganzer Ernten verzockten, waren im 19.Jahrhundert ein beliebtes Objekt für den Spott und die Verachtung der Presse Europas. Ein kleiner Teil der russischen Herrschenden andererseits sah die Leibeigenschaft nicht nur als fühlbare Ursache des Rückstandes, sondern als Schande an. Er war um die Jahrhundertmitte durchaus für die Bauernbefreiung, ohne den Anteil der Bauern zu steigern.

Peter der Große hatte 1792 die Kirche auf das Niveau eines Ministeriums zurecht gestutzt. In Russland hatte es keine Reformation gegeben, 200.000 Priester und Mönche bildeten eine Art Glaubenspolizei, als Gegenleistung wurde das Monopol der orthodoxen Geistlichkeit in Glaubensangelegenheiten, ihre Ländereien und Einkünfte von der Polizei beschützt.10) Es gab viel Aberglaube, der sich mit der orthodoxen Religion vermischte. Die orthodoxe Kirche war dem Staat untergeordnet, der hatte die Kirche ihres Landes entledigt und bezahlte den Klerus. Dessen Ausbildung war schlecht, die Dorfgeistlichen mussten ihre Familien auf einem Stück Land ernähren und ließen sich religiöse Zeremonien nach Ansicht der Gläubigen zu teuer bezahlen. 90 Prozent der Bauernschaft hing der russisch-orthodoxen Religion an. Sie ließ ihre Kinder taufen, heirateten und starben, beichteten und gingen zur Kommunion. Sie besaßen im Haus Ikonen, hielten die Sonn- und Feiertage ein, gingen auf Prozessionen, fasteten und gaben etwa zehn Prozent ihrer Einkünfte für religiöse Belange aus.11)

Die Bourgeoisie

Im vorindustriellen Russland machten die Städter einen nur geringen Teil der Bevölkerung aus. Die Städte waren ärmlich und unterentwickelt, das Handwerk trennte sich spät und unvollständig vom Ackerbau. Die altrussischen Städte waren Handels-, Verwaltungs-, Heeres- und Adelszentren, die Produktion war völlig unterentwickelt. Die Händler vermochten nicht die Rolle ihrer westeuropäischen Klassengenossen einzunehmen. Ihre Bedeutungslosigkeit schloss die Möglichkeit der Reformation aus, also die Ablösung der feudal-bürokratischen Orthodoxie durch ein irgendwie den Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft angepassten Christentum. Nur Sekten wie die Altgläubigen brachen mit der Staatskirche.

Die Europäisierung wurde in den nächsten Jahrhunderten immer mehr zum Bedürfnis eines Teils des Adels. Unter dem Druck der europäisch-bürgerlichen Entwicklung versuchte der Adel, den fehlenden dritten Stand zu ersetzen. Gutsherren, die Fabriken besaßen, waren die ersten, die die Leibeigenschaft durch freie Arbeiter zu ersetzen suchten. Der Export russischen Getreides war ebenfalls Ursache für den Druck hin auf die Umformung der Gesellschaft.
Im Ural gab es seit Jahrhunderten Bergbau und Eisenproduktion, die aber mangels Kapital, wegen der großen Entfernungen und der rückständigen Produktionsmethoden keine Entwicklungsmöglichkeiten hatte. Sie produzierte nicht mit freien Lohnarbeitern, sondern mit ‘zur Fabrik gehörenden‘ Leibeigenen oder mit Bauern, die von ihren Grundherren vermietet, verpfändet worden waren oder in anderen Abhängigkeitsverhältnissen standen. Ihre Produktivität war sehr gering. Am Ende des 18.Jahrhunderts förderte Russland etwa die gleiche Menge Eisen wie Großbritannien; 1850 war sie deutlich zurück gefallen: die russische Eisenindustrie produzierte das Doppelte, das Vereinigte Königreich jedoch 15 Mal soviel.12)

Bis 1870 zogen die Zünfte und Gilden der Händler die städtischen Steuern ein. Die Mitglieder der Gilden machten nur 0,5 Prozent der Bevölkerung aus, waren aber wirtschaftlich mächtiger. Die Gilden umfassten auch bei weitem nicht alle Händler. Es war der konservative Teil des Bürgertums, eng mit der Staatsbürokratie verbunden und von ihren Aufträgen abhängig. Viele Initiativen kamen von Juden aus dem Siedlungsgebiet, Deutschen aus dem Baltikum, Polen und Ukrainern. Einzig die Moskauer Händler, oft Altgläubige, stürzten sich auf die Textilverarbeitung. Hier und im zentralrussischen Industriegebiet um Moskau begann die Leinenindustrie – erst als Heimindustrie im Winter für den Grundherrn betrieben, aber auch von Leibeigenen im Auftrag ihrer Herren – hier legten die Moskauer Kaufleute ihr Kapital an. Da die Landbevölkerung von der Steuerpflicht für ihre ‘industrielle‘ Betätigung befreit war, gab es eine günstige Möglichkeit der Kapitalakkumulation. Auch der Anbau von Zuckerrüben in der Ukraine legte die Grundlagen für eine vorsichtige kapitalistische Entwicklung.

1861 waren über 7.500 km Straßen gepflastert, von Moskau nach Petersburg, Warschau, Kursk, Nischni Nowgorod und Jaroslawl, sie waren aber wegen der starken Belastung und der klimatischen Bedingungen voller Schlaglöcher. Das Land hatte nur 3.300 km Eisenbahn, von Warschau nach Sankt Petersburg über Grodno, Wilna und Pskow mit einer Stichlinie nach Riga, seit 1851 gab es die Linie von Moskau über Twer nach Sankt Petersburg und ab 1862 die Strecke von Moskau nach Nischni Nowgorod. Sonst war der Wegezustand extrem schlecht, viele Dörfer waren monatelang von der Außenwelt abgeschnitten.

Zwischen dem ländlichen Russland und seinen Städten gab es zum Beginn des 19.Jahrhunderts einen starken Gegensatz. In den Städten, besonders in den beiden Hauptstädten Sankt Petersburg und Moskau entwickelte sich langsam eine kleine gebildete, kultivierte Oberschicht. Obwohl die Intelligenz nur 0,6 Prozent der Bevölkerung ausmachte, gewann diese Schicht einen starken Einfluss auf die Gesellschaft.13) Hier gab es Universitäten, Salons und Diskussionsklubs, Freimaurerlogen, Zeitungen. Die Intellektuellen, denen der Zugang zum Staatsdienst weitgehend verwehrt war, hingen verschiedensten philosophischen Richtungen an, aber gewiss nicht der der orthodoxen Kirche. Die Polizei hielt ein wachsames Auge auf die rebellische Bewegung. Immer mehr geriet die Zukunft der russischen Bauern, des Muschnik, in ihr Interesse.

Karte 2: Städte, Regionen, Flüsse


Die Bauern

Bis zu 85 Prozent der Bevölkerung lebten als Bauern auf dem Lande. Das Dorf bestand aus Holzhäusern entlang einer schmutzigen Straße, nicht weit entfernt vom nächsten Dorf. Das Bauernhaus bestand aus einem Wohn- und Stallteil, die oft voneinander abgeteilt waren; ein Kamin war üblich, im Winter wurde eine Kerosinlampe benutzt. Ein offizieller Bericht beschrieb Bauernhäuser in der Provinz Tula:

“Der Wohnort eines Bauern in der Provinz Tula besteht aus einer Hütte von 5½ mal 6 Metern Fläche und 2 Metern Höhe… Hütten ohne Kamin sind noch sehr üblich, der Rauch zieht durch ein Loch im Dach ab… Fast alle Hütten sind mit Stroh bedeckt und undicht, im Winter werden die Wände mit Dung verstopft um die Hütte warm zu halten. Eine – manchmal sehr große – Bauernfamilie lebt auf einer Fläche von 68 bis 85 Kubikmetern. Sie schlafen übereinander in Kojen und auf Bänken hinter dem Ofen. Die Hütten haben einen Lehmfußboden denn bei kaltem Wetter werden Kälber, Lämmer, Schweine und auch Kühe in die Hütte gebracht. Die schreckliche Enge macht die Luft schwer und ungesund. Die Feuchtigkeit, das undichte Dach und der Dung in den Wänden machen die Gebäude kaputt. Ein großer Teil von ihnen sind im Stadium des Verfalls und bedürften größerer Reparaturen oder Instandsetzung, aber hier wird nur eine Stütze gesetzt oder dort ein Loch gestopft… In Gebieten ohne Wald benutzen die Bauern Stroh als Heizung und in Jahren schlechter Ernte auch Dung, der dann den Feldern fehlt… Badehäuser sind praktisch inexistent. Die Bauern waschen sich in ihren Hütten… mit etwas heißem Wasser, Seife benutzen sie fast nie… Hautkrankheiten verbreiten sich mit schrecklicher Geschwindigkeit. In … [einem] Distrikt leiden 2,15 Prozent der Bevölkerung… unter Syphilis… Ein wichtiger Grund für… [diese Bedingungen] ist die Unterernährung für die physisch geschwächten Bauern… Nahrungsmittel wie Fleisch…, Schinken oder pflanzliche Öle erscheinen auf den Tischen der Familien nur zu sehr seltenen Gelegenheiten, vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr. Die übliche Ernährung besteht aus Brot, Kwas [einem Brotgetränk], Kohl und Zwiebeln, im Herbst mögen frische Gemüse hinzu kommen. Und selbst dann essen die Bauern nicht nach ihrem Hunger, selbst in den Jahren einer guten Ernte nicht…. Die Armut des Bauernhaushaltes ist erstaunlich.“14)

Hinter dem Haus war ein schmaler Streifen Land für Haustiere, ein Schuppen, ein Badehaus, ein Garten für Gemüse und Obst, vielleicht 300 Quadratmeter. In der Nähe gab es einen Fluss oder einen Brunnen. Haus, Garten und Vieh waren Familienbesitz. Ein durchschnittliches Dorf hatte 70 Bauernwirtschaften, das variierte aber sehr stark. Nur größere Dörfer hatten eine Kirche, einen Laden, eine Gaststätte und später, zu Beginn des 20.Jahrhunderts, eine Schule.

Der Bauernhaushalt war patriarchisch, die Frau abhängig. Die Bauernfrau stand den weiblichen Mitbewohnerinnen vor und beaufsichtigte Hausarbeit, Haltung des Kleinviehs im Stall, Gemüseanbau im Garten. Die Feldarbeit wurde von Männern gemeinsam mit den Frauen besorgt. Im Haus hatte der Bauer seinen Platz neben der Ikone und die Frau ihm gegenüber, kam ein Gast, so verbeugte sich der vor der Ikone und damit auch vor dem Platz des Haushaltsvorstandes.

Das Dorf war von Ackerland umgeben. Die Leibeigenen hatten keinen Landbesitz und arbeiteten für den Grundherrn, oder lieferten ihm Abgaben in Form von Naturalien oder Geld. Leibeigene wohnten auf dem Gebiet des Grundherrn und waren von seinem Willen abhängig, sie durften das Land nicht verlassen. Die Produktivität war ausgesprochen gering, es gab kaum technische Verbesserungen, das Symbol der Rückständigkeit war der Holzpflug, der nur die Oberfläche des Bodens ankratzte statt ihn zu wenden. Oft war das Vieh auch viel zu schwach, als es einen Eisenpflug hätte ziehen können. Das Saatgut wurde nicht verbessert, ein großer Teil der Ernte musste für die nächste Saat aufbewahrt werden, die Ernteergebnisse schwankten sehr stark. Der Boden wurde in der traditionellen Dreifelderwirtschaft bearbeitet, ein Drittel wurde im Frühjahr gesät, ein Drittel vor dem Winter und der Rest lag brach zur Erholung.

Aus vorfeudalen Zeiten hatte sich die Dorfgemeinschaft Obschina oder Mir erhalten, eine russische Besonderheit, die es ähnlich nur auf dem Balkan gab. Diese Obschina war dem Grundherrn kollektiv für alle Abgaben und Arbeitsleistungen haftbar. Sie teilte die zu bearbeitende Landfläche an die Bauernhaushalte je nach Familiengröße zu. Jeder Bauer sollte so viel Land bekommen, dass er seine Familie erhalten und seinen Verpflichtungen gegenüber Staat und Grundeigentümer nachkommen konnte. Das Ackerland wurde entsprechend der Bodenqualität usw. in Flächen aufgeteilt, die wiederum in Parzellen von der einzelnen Bauernfamilie bearbeitet wurden. Jeder Bauer hatte also mehrere Parzellen unterschiedlicher Lage und Qualität unter dem Pflug, in der Schwarzerdezone waren das fünf bis zehn Landstreifen, in Mittelrussland 50 bis 60 voneinander getrennte Flächen, im Gebiet um Twer waren Höfe mit hundert Parzellen keine Seltenheit.15) Eine Parzelle hatten 200 bis 400 Quadratmeter. Zwischen den Parzellen gab es Wege, die nicht bebaut werden konnten. In regelmäßigen Abständen wurde die Ackerfläche von der Dorfgemeinschaft umverteilt, je nach der Familiengröße. Das Wachstum der Bevölkerung führte also zu einer Reduzierung der Anbaufläche.

Da die Obschina für die Zahlung der Steuern und Abgaben verantwortlich war, hatten weder Familie noch Dorfgemeinschaft ein Interesse, Arbeitskräfte abzugeben. Es war auch für den russischen Staat die billigste Lösung, der Aufbau einer großen Steuerverwaltung hätte ihn überfordert. Die periodische Umverteilung stand einer rationalen Betriebsweise entgegen, das Interesse, den Boden durch Düngung, Bewässerung usw. zu verbessern, war gering. Da der Bauer damit rechnen musste, den Boden bei der nächsten Umverteilung wieder zu verlieren, scheute er vor langfristigen Maßnahmen zurück. Im Gebiet Twer bauten die Bauern in Dreifelderwirtschaft Winterroggen, Hafer, Gerste, Kartoffeln, Erbsen, Buchweizen und Flachs an. Fast die Hälfte der Bauern musste Mehl hinzukaufen. Um diese Nahrungsmittel zu bezahlen, musste hinzuverdient werden. Vor Ort gab es Schuster, Schmiede, Tischler, Böttcher, Töpfer und Kürschner, besonders die Frauen waren Leineweberinnen, in vielen Häusern standen Webstühle. Die Dörfer waren klein, die Häuser aus Holz und mit Stroh, Brettern oder Schindeln gedeckt. Das Leben der Bauern war schwer, intensive Phasen schwerer körperlicher Arbeit wechselten mit Muße im Winter ab, die zu handwerklichen Tätigkeiten einlud. Familienfeiern, Dorffeste und die etwa 50 kirchlichen Feiertage jährlich schufen die wenigen Abwechslungen.16)

Bild 1: Der hölzerne Hakenpflug

Entsprechend den Vegetationszonen waren die Agrarverhältnisse unterschiedlich, Moritsch zählt allein elf verschiedene Landwirtschaftzonen auf.21 Die beiden wichtigsten waren die Zentrale Industrieregion und die Zentrale Schwarzerderegion / Mittlere Wolga. Die Zentrale Industrieregion umfasste die Provinzen Moskau, Wladimir, Jaroslawl, Kostroma, Twer und Kaluga. Wald und Rodungsflächen wechselten einander ab, die Dreifelderwirtschaft erreichte ihre Grenzen und konnte die Dorfbevölkerung nicht mehr ernähren. Die Grundherren zogen ihre Abgaben vorwiegend als Geldrente ein. Seit dem 18.Jahrhundert gab es Abwanderung und die Anfänge der Textilindustrie.
Der südliche Teil des europäischen Russlands hatte Lößboden. Ohne großen Aufwand konnte man gute Erträge erwirtschaften, das Gebiet galt als die Kornkammer Europas. Der fruchtbare Boden wurde zum Fluch der das Land Bebauenden. Hier bestanden die Abgaben überwiegend aus Arbeitsleistungen, die auf den Feldern der Grundbesitzer abgeleistet werden mussten.

“Viele Grundherrn in Tula, Rjasan und anderen fruchtbaren Provinzen erhöhten die Barschchina [die Abgaben in Form von Feldarbeit, A.d.V.] im Sommer nicht nur für vier, fünf oder gar sechs Tage und ließen so den Bauern nur den Sonntag für die Arbeit auf dem eignen Acker. Einige Grundherrn in der Provinz Tula … zwangen die Leibeigenen sogar am Sonntag zur Feldarbeit.“17)


Oft mussten die Bauern auch Pferde und Werkzeuge zur Fronarbeit mitbringen, das Resultat war die sehr geringe Arbeitsproduktivität. Die Arbeit war für den Grundherrn billig und bremste die Anschaffung von Maschinen. Der fruchtbare Boden wurde kaum zur Weide und Viehzucht genutzt und erodierte. An der Mittleren Wolga wird das Klima immer kontinentaler, die Wachstumsphasen immer geringer, die Gefahr von Missernten größer. Ein Bauer in der Zentralen Schwarzerderegion konnte mit 5 bis 6 Desjatinen seine Familie ernähren, das war an der Mittleren Wolga nicht mehr möglich, hier brauchte er die zwei- bis dreifache Fläche um so viel zu erwirtschaften, dass er Missernten überstehen konnte. Die Arbeit musste auf wenige Monate konzentriert werden; es wurde spät und rasch bestellt, das reife Getreide musste innerhalb kürzester Zeit eingebracht werden. Dafür wurde eine große Zahl von Arbeitskräften benötigt, die in der übrigen Zeit des Jahres unausgelastet war. Hier war die Agrarfrage am drängendsten, immer wieder erschütterten Bauernaufstände das Land. Aus Europa kamen neue Ideen des Landbaues, die Besitzverhältnisse verhinderten ihre Ausbreitung.
Später gewannen auch die Untere Wolga und das Kaukasus-Vorland an Bedeutung. Hier gab es genügend freies, kultivierbares Schwarzerdeland, das man wie in Zentralrussland auf althergebrachte flächengreifende Weise nutzen konnte. Der Ertrag ist gut, wenn es ausreichendem Niederschlag gibt und die Staubwinde ausbleiben, der Weizen von einzigartiger Qualität. Bei ungünstiger Witterung kam es zu totalem Ernteausfall. In die Provinz Samara kamen zur Erntezeit 100.000 bis 300.000 Saisonarbeiter. Doch die erosionsanfälligen Böden waren rasch erschöpft, die Ernten gingen zurück, fast in jedem zweiten Jahr wiederholten sich Missernten. Viele Bauern und Landarbeiter wanderten nach Sibirien und Mittelasien ab.
Im aufgrund der polnischen Teilungen zu Russland gekommenen westlichen Gebiet waren die Verhältnisse fortgeschrittener. Hier gab es neben Großgrundbesitz auch Einzelhöfe mit Anerbrecht, bei dem der älteste Sohn das gesamte Land bekam. Die Dreifelderwirtschaft wurde schneller aufgegeben. Die vorwiegend polnischen Adligen lebten auf ihren Gütern und bewirtschafteten sie selber. Zuckerrüben, Kartoffeln und Flachs wurden verstärkt angebaut, Feldfutterbau mit Stallhaltung erlaubte eine Verstärkung der Viehzucht bei Ausdehnung des Ackerbaus auf Kosten des Grünlandes. Die Grundherren gründeten Unternehmen zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, an die auch Bauern Erzeugnisse verkaufen konnten, vor allem Spiritusbrennereien und milchverarbeitende Betriebe. Großpächter führten Güter mit Lohnarbeitern.
In den drei litauischen Gouvernements Kaunas, Wilnus und Grodno gab es die Obschina nicht mehr. So entstand neben den polnischen Adligen mit ihren Gütern eine breite Schicht prosperierender bäuerlicher Betriebe. Die Anbaufläche nahm ebenso zu wie die intensive Rinder- und Schweinehaltung. In Kurland, Livland und Estland war die agrarwirtschaftliche Struktur am günstigsten; die Trennung von Gütern und Bauernwirtschaften war vollständig, 1816 und 1819 waren die Bauern ohne Landzuteilung aus der Leibeigenschaft entlassen worden. Die ‘baltischen Barone‘, vorwiegend Deutsche, gingen zu moderner Bewirtschaftung über, aus Pächtern entstand eine Schicht von Großbauern. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts war man von der Dreifelderwirtschaft zur Fruchtwechselwirtschaft über gegangen. Auch Bauern verwandten schon Kunstdünger, so dass man Flächenerträge wie in der Schwarzerdezone erreichte. Neben Gutsherrn und Großbauern gab es ein starkes Landproletariat, es war der stärkste Anteil in Russland und einer der größten in ganz Europa.

Ein Teil der bäuerlichen Bevölkerung entfloh seinem Grundherrn und ging nach Mittelasien und Sibirien, die Behörden waren an Siedlern interessiert und drückten beide Augen zu. Hier konnten sie ohne Grundbesitzer Neuland bearbeiten.

In den Zentralbereichen Russlands aber war die Lage der Landbevölkerung elend. Im 17. und 18.Jahrhundert erschütterten die gewaltigen Bauernaufstände von Stenka Rasin und Pugatschow die Schwarzerdezone. die Erinnerung blieb im Bewusstsein der Bauern wach. Pugatschows Aufstand fand gut zehn Jahre vor der französischen Revolution statt. Was ihm zum Erfolg fehlte, war das in der russischen Gesellschaft fehlende starke Kleinbürgertum.

“Ohne die Handwerkerdemokratie der Städte vermochte sich der Bauernkrieg ebenso wenig zu einer Revolution entwickeln, wie sich die Bauernsekten zu einer Reformation erheben konnten. Im Gegenteil, die Folge der Pugatschowschina war die Befestigung des bürokratischen Absolutismus als des in schwierigen Stunden wieder bewährten Hüters des Absolutismus.“18)


Eine moderne Arbeiterklasse im europäischen Sinne gab es vor der Bauernbefreiung noch nicht. Zu dieser Zeit war Russland im internationalen Vergleich ein armes Land, das Nationaleinkommen pro Kopf der Bevölkerung lag 1861 in Großbritannien 4,5 Mal höher, in den USA sechs Mal, in Deutschland und Italien zweieinhalb Mal und in Frankreich doppelt so hoch wie in Russland. Bis 1913 sollte der Rückstand noch weiter anwachsen, selbst das spanische Nationaleinkommen war höher.24 Von vielen Intellektuellen wurde die Lösung des Agrarproblems als vorrangig erkannt, eine Katastrophe von außen gab schließlich den Anstoß zum Versuch einer Lösung.
Eine Sonderrolle unter den Bauern nahmen die Kosaken ein. Im 16.Jahrhundert waren es Reiterverbände, die sich der Zarismus unterwarf und zu einer Kriegerkaste machte. Im Gebiet des Don, im Vorland des Kaukasus in den Gebieten Kuban und Terek sowie in kleineren Gebieten Russlands erhielten die Kosaken für den Militärdienst Land, welches nicht den Feudalherren unterstand und abgabenfrei war. Ihre Gebiete waren eigene Verwaltungseinheiten, in denen die privilegierten Kosaken neben den abhängigen Bauern nicht ohne Konflikte lebten, in keinem ihrer Gebiete hatten die 1862 1,6 Millionen und 1912 etwa 4 Millionen Kosaken eine Bevölkerungsmehrheit.25 Die Kriegerkaste hatte das Recht, sich einige ‘Atamane‘ oder ‘Hetmane‘ als Führer zu bestimmen. Als Kavalleristen hatten sie zwei Pferde, die Uniform und Säbel zu stellen. Ihr Verhältnis zur Autokratie war nicht spannungsfrei, sowohl Stenka Rasin als auch Pugatschow waren Atamane der Kosaken. Vor dem Krimkrieg hatten sie dreißig Jahre Militärdienst zu leisten, von dem sie in Friedenszeiten allerdings die größte Zeit als Bereitschaft im Bezirk verblieben, um ihre Feldarbeit zu verrichten. Am Ende des Jahrhunderts hatten sie vier Jahre aktiven und acht Jahre Reservedienst zu leisten mit jährlichem Training. Das Kriegsministerium war in der Lage, 50.000 Kosaken in Friedenszeiten unter Waffen zu halten. 1906 waren nach dem russisch-japanischen Krieg 120.000 Kosaken im Militärdienst.19) Im 20.Jahrhundert begannen die Kosten für den Militärdienst zu einer finanziellen Bürde für die Kosaken zu werden, sie bekamen zunehmend das Gefühl, ihre Tätigkeit werde nicht angemessen gewürdigt, im Zeitalter der Maschinengewehre und Schützengräben sollte ihre Kavallerie zum Anachronismus werden. 1917 waren mehr als 300.000 der über vier Millionen Kosaken mobilisiert.20) Aber bis 1905 waren sie eine der zuverlässigsten Kräfte zur Unterdrückung der Volksbewegung. Mit ihrem Säbel und der Nagaika, einer geflochtenen Peitsche, verbreiteten sie bei der Unterdrückung von Streiks und Unruhen Angst und Schrecken.

Der Krimkrieg

Mit den polnischen Teilungen und vor allem nach der Niederschlagung der napoleonischen Herrschaft über Europa stieg Russland zur stärksten Militärmacht auf dem Kontinent auf. Die ‘Heilige Allianz‘ mit Preußen und Österreich-Ungarn bekämpfte die liberalen Regungen, der Zar unterdrückte die polnische Revolution 1831 und seine Armee zerschlug die ungarische Republik 1848. Das langfristige Ziel der Eroberung der Dardanellen wurde vom Zaren Nikolaus I. weiter verfolgt; der Panslawismus diente hierbei als ideologische Rechtfertigung: Der Zar gerierte sich als Beschützer der Slawen des Balkans, die es vom türkischen Joch zu befreien gelte. Im 19.Jahrhundert wurde der osmanische Staat immer schwächer, Russland wollte den ‘kranken Mann am Bosporus‘ beerben und den Seeweg ins Mittelmeer aufstoßen.

1853 besetzte die russische Armee die türkischen Provinzen Moldau und Walachei, das Kernland des späteren Rumäniens. Frankreich und Großbritannien wollten eine Machtausweitung des Zaren verhindern und eilten der Türkei zu Hilfe, sie entsandten eine Flotte ins Schwarze Meer. Russlands Verbündeter Österreich-Ungarn, dessen Zusammenhalt 1848/49 von der russischen Armee gerettet worden war, fiel seinem Bündnispartner in den Rücken und forderte Russland zum Rückzug aus Rumänien auf und besetzte danach die Provinzen selber. Kampflos zog sich die Zarenarmee aus den Donaufürstentümern zurück. Um Russland vom Angriff auf die Meerengen langfristig abzuhalten, entsandten die britischen und französischen Verbündeten eine Armee auf die Krim. Obwohl von Epidemien geschwächt, konnten sie den Hafen von Sewastopol nach fast einen Jahr Belagerung 1855 einnehmen. Zar Nikolaus I. starb mitten im Krieg. Im Pariser Frieden beugte sich das Zareneich, es musste die Integrität des Osmanischen Reiches akzeptieren, das Schwarze Meer wurde neutralisiert.

Die Niederlage Russlands bedeutete das Ende der militärischen Überlegenheit und war ein Schock für die zaristische Gesellschaft. Der Krieg hatte demonstriert, wie weit die Armee inzwischen zurückgefallen war. Nur durch die Selbstversenkung eigener Schiffe hatte man das Einlaufen der feindlichen Marine in Sewastopol verhindern können. Die französische Flotte hatte 108 Dampfschiffe, die britische dreimal mehr, das russische Reich besaß im Schwarzen Meer nur sechs davon. Britische Truppen hatten eine Kanone pro zwei Soldaten, die Russen 23. Russische Straßen waren in einem jämmerlichen Zustand, Truppen und Geschosse musste mühsam mit Pferden durch die weglose Krim transportiert werden. Französische Truppen waren viermal schneller von Paris an die Front gelangt als die russischen Truppen aus dem Hinterland.21)

Hatte sich Nikolaus I. noch gegen jede Abschaffung der Leibeigenschaft vehement gewehrt, so ging sein Nachfolger Alexander II. mit der Bürokratie ernsthaft die Modernisierung an.

Die Bauernbefreiung

Die Reformbedürftigkeit wurde von der Staatsbürokratie und einer Minderheit des Adels erkannt. Dies war für die Herrschenden die Voraussetzung für die militärische Stärkung und der Wahrung der Großmachtposition Russlands. Die Aufhebung der Leibeigenschaft war die Voraussetzung für eine Modernisierung der Militärverfassung, der Adel als herrschende Klasse sollte stabilisiert werden. Gleichzeitig strebte die Bürokratie eine beschleunigte Industrialisierung an als Grundlage der Sanierung der maroden Staatsfinanzen; der drohende Staatsbankrott sollte durch einen wirtschaftlichen Aufschwung vermieden werden. und durch den Export von Getreide die negative Zahlungsbilanz ausgeglichen werden. Ein rascher Ausbau des Eisenbahnnetzes sollte die Triebfeder werden für die Förderung der Landwirtschaft, des Handel und der Industrie.

Der Adel fürchtete die Willkür einer verhassten, unfähigen und korrupten Bürokratie, vor deren unheilvollen reformerischen Willkür man fast ebenso viel Angst hatte wie vor den ‘nihilistischen Brutstätten’ der Universitäten und Gymnasien. Eine Autoritätskrise untergrub das Vertrauen der Oberschicht zur Autokratie, eine steigende Kapitalflucht belegt dies. Diese Krise war auch am Hof, in der Ministerialbürokratie und bis hin in die Armee zu spüren. Die verschiedenen gegeneinander intrigierenden Gruppen und Richtungen versuchten den autokratisch entscheidenden Zar und seine ebenso divergierende Familie zu beeinflussen. Sollten die Reformen gelingen, konnte die Obrigkeit nicht allein bestimmen und musste auf eine neu entstandene ‘öffentliche Meinung‘ Rücksicht nehmen. Diese Einsicht führte zu einer publizistischen Diskussion und Kritik, Tendenzen und Parteien zeichneten sich ab. Bei allen Differenzen einte sie die Frontstellung gegen die bürokratische Staatsmaschinerie und das Verlangen nach Selbstverwaltung und Öffentlichkeit. Aber auch den Reformanhängern galt angesichts des unterentwickelten Bildungsniveaus die Selbstherrschaft als Grundbedingung des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Presse beschränkte sich auf die beiden großen Städte, ihre Leserschaft war gering, aber trotz der Zensur wurde die Presse von der Obrigkeit als Gegenmacht empfunden.

Für die Staatsführung bestand also das Problem, die Bauern aus der Leibeigenschaft als Grundlage einer Modernisierung zu entlassen und gleichzeitig den grundbesitzenden Adel als eine den Zarismus stützende Klasse zu erhalten. Unter diesen Bedingungen konnte nur eine halbherzige Modernisierung ohne Demokratisierung heraus kommen.

Karte 3: Die Provinzen (Gouvernements) Russlands


1861 unterzeichnete Alexander II. das Dekret über die Landreform, das den Bauern die persönliche Freiheit gab. Die zwei Millionen Leibeigenen auf den Zarengütern und die 18 Millionen auf Staatsgütern konnten ihr Land kaufen, bekamen aber keinen Kredit. Juristisch wurden sie frei, was aber nicht bedeutete, dass sie das Gut verlassen konnten; sie benötigten einen (Inlands-)Pass, der von der Landgemeinde Mir abhing. Die Reformer gingen davon aus, dass aller Boden den Grundherrn gehöre. Diese waren verpflichtet, Haus und Garten den Bauern zu dauernder Nutzung zu überlassen. Außerdem mussten sie ihnen einen Anteil am Acker ‘für die Sicherstellung ihrer Existenz und die Erfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber Regierung und Grundherrn‘ überlassen.

Der Boden wurde nicht an die Bauern, sondern an die Dorfgemeinschaft, die Obschina, als kollektivem Verwalter vergeben. Die Bauern bekamen je nach Region zwei bis sieben Hektar Land, die regelmäßig umverteilt wurden, sie verfügten also nicht frei über das an sie vergebene Land.29 Vom Grundherrn musste der Bauer einen Teil des von ihm bebauten Landes abkaufen. Der Preis des Bodens machte das 16,66fache der jährlichen Abgaben auf den Acker aus, die in 49 Jahresraten abzuzahlen waren. Einschließlich der Zinsen waren das den zweieinhalbfachen Wert der ursprünglichen Summe. Durch die Reform verloren die Bauern im Durchschnitt rund 18 Prozent des vorher von ihnen genutzten Landes, in der Schwarzerderegion mit ihrem wertvolleren Böden war es mehr.30 Für die 20 Prozent Sofortzahlung verschuldete sich ein ärmerer Bauer beim Grundherrn und musste ihm mit Geld oder Lohnarbeit zurückzahlen. Dazu mussten sie ein Teil der Ernte auf dem Markt verkaufen. Ein Teil der armen Bauern wurde zu Lohnarbeitern.

Die Grundherrn konnten bei der Auswahl des anzueignenden Bauernlandes frei wählen; sie wählten die Stücke, welche die Obschina in Abhängigkeit von ihnen hielt: Viehwege, Tränkstellen und Parzellen inmitten der Dorfgemeinschaft, die mussten die Bauern dann pachten. Selbstverständlich wählten sie auch die ertragreichsten Äcker, die Wiesen und Wälder. Da die Bauern neben dem Boden sich selbst freikaufen mussten, überstieg die Ablösung die Bodenrente und den realen Wert des Bodens. Die Bauern konnten ihr Einkommen nur durch Vergrößerung seines Grundbesitzes durch Kauf oder Pacht, durch Verkauf seiner Arbeitskraft oder durch intensivere Landwirtschaft verbessern.22)

Tabelle 2: Umfang des Bauernlandes vor und nach der Bauernbefreiung 1861 in Mio. Desjatinen 23)

Regionvorhernachher Veränderung
in Prozent
wenig fruchtbares Land (15 Provinzen) 13,9 13,4 - 4,0
Schwarzerdezone und östliche Provinzen (21 Provinzen) 14,0 10,7 - 23,6
Polen 7,8 10,9 40,9

Unter den Bauern kam es zur Aufregung. ‘Der Zar-Befreier‘ hatte ihnen ihr Land versprochen, das sie seit Generationen bearbeiteten, jetzt sollten sie einen Teil davon verlieren und sogar noch dafür zahlen. 1861 bis 1863 kam es zu lokalen Unruhen. Die Bauern glaubten, dass die ihnen mitgeteilten Bestimmungen nicht der Wahrheit entsprächen und die Grundherren sie entgegen den wirklichen Verordnungen des Zaren betrügen wollten. Sie erwarteten, den Boden ohne Ablöse zu bekommen und vielleicht noch etwas dazu. So verstärkte sich bei ihnen der Wunsch nach der ‘schwarzen Umteilung‘, die Einbeziehung des Gutslandes. Die Ernteerträge wurden auf ein Drittel der in Westeuropa üblichen Einkünfte geschätzt.24)

Die Ziele der Reform wurden nur ansatzweise erreicht. Der Adel sollte die Möglichkeit erhalten, zur Gutswirtschaft überzugehen und gleichzeitig als Rentenbesitzer leben können. Die Bauern sollten sich selber versorgen können und den Staat dazu. Die Reform war zu kurzsichtig geplant und auf viel zu lange Zeit, sie gab der Industrie nicht die Impulse, wie sie die westeuropäischen Staaten nach der Bauernbefreiung erhielten. Sie hob die Verflechtung zwischen den selbstversorgenden Bauern und den rentenbeziehenden Grundbesitzern nicht auf, die Stärkung der Obschina verhinderte die Individualisierung der bäuerlichen Landwirtschaft. Bis zur Jahrhundertwende stieg die Bevölkerung um mehr als ein Drittel und litt an Landmangel, die Bodenpreise stiegen um das Zwei- oder Dreifache, jedoch nicht die Produktivität. Großgrundbesitzer waren ebenfalls unzufrieden, da sie statt der frei verfügbaren Bauern jetzt Landarbeiter bezahlen mussten. Die Mehrheit von ihnen änderte nichts an ihrer Rolle als Konsumenten, mit frischen Krediten zahlte sie die alten ab anstatt zu investieren. Nur unter den größten von ihnen gab es Investitionen in die Gutsbetriebe oder Teilhaberschaften an den Banken und den neu gegründeten Eisenbahngesellschaften. Die Reform war nur insofern erfolgreich, als in den kommenden Jahrzehnten ein labiles Gleichgewicht auf dem Land ohne größere Agrarbewegungen hergestellt werden konnte.

Die Semstwo-Reformen

Der Zarismus schaffte die Leibeigenschaft ab, band den Bauern aber umso fester an die Obschina. Unter strikter Staatsaufsicht mussten auch die Dorfgemeinschaft und die regionalen Verwaltungseinheiten reformiert werden.

Politisch wurde eine Art Selbstverwaltung für die Landgemeinde eingeführt. Unter der Autorität der Amtsverwaltung wurde sie von der Dorfversammlung ausgeübt. Die Familienväter wählten für drei Jahre einen Starost, einen Dorfältesten. Unter strengen Auflagen verwaltete die Dorfversammlung die Verteilung des Landes, kontrolliert von Richtern und Landpolizei. Sie sammelte Steuern und die Abgaben an die alten Grundherren, für deren Ablieferung sie kollektiv verantwortlich war, schlichteten interne Streitigkeiten. Ein Friedensrichter, der immer von den Adligen gewählt wurde, vermittelte zwischen Bauern und Grundbesitzern. Der alte Grundherr kontrollierte alle Entscheidungen der Dorfversammlung und hatte ein aufschiebendes Vetorecht. Die Dorfversammlung wurde so eher ein Transmissionsriemen der Obrigkeit als ein Organ der Selbstverwaltung. Besonders die zu eintreibende Steuersumme war sehr hoch. Eine großen Teil seiner Einkünfte musste der Bauer an direkten und indirekten Steuern zahlen.25)

Über dem Dorf kam der Landkreis oder Landbezirk (Volost). Hier gab es hauptamtliche Beamte, die Richter und Dorflehrer bezahlten und die Pässe für die Bauern ausstellten, sowie für die ländlichen Straßen sorgten. Sie unterstanden der höheren Verwaltung und wurden von Dorfältesten mit gewählt. Es gab ein Landgericht, gewählte Bauern richteten über Fälle, die die Zuständigkeit der Dorfversammlungen überschritt. Schwerere Fälle wurden von staatlichen höheren Gerichten verhandelt. Die Verwaltung der Landbezirke muss aber eher der dörflichen Organisation als der städtisch geprägten Staatsverwaltung zugeordnet werden. Die letzte Verantwortung für den Landbezirk wurde vom Provinzgouverneur und seiner Verwaltung ausgeübt, die wiederum dem Innenminister unterstand. Das war eine schmale Schicht von Staatsbeamten, die über Streit zwischen verschiedenen Dorfgemeinschaften der Landbezirke entschieden.

Näher am Volk waren der Semstwo, eine halbparlamentarische Institutionen im Landbezirk, in dem Repräsentanten der Bauern mit einer Minderheit vertreten waren. 1865-1867 waren in den Provinz-Semstwa 74 Prozent Adlige, je 11 Prozent Kaufleute und Bauern. 26) Für drei Jahre wurden Vertreter des Adels, der Bauern und Stadtbewohner nach einem Zensurwahlsystem gewählt, das den Adel begünstigte. Ein Teil der Steuern des Dorfes ging an den Semstwo, der auch Zuwendungen des Staates bekam. Er finanzierte Dorfschulen und Landkrankenhäuser, bildete Feldscher – ländliche Hilfsmediziner – aus und Agronomen, die den Bauern bessere Anbaumethoden und Pflanzen zeigen sollten. Er war für Armenfürsorge, regionale Straßen, die Entwicklung von Industrie und Handel zuständig. Seine Entscheidungen unterlagen der Zustimmung der Provinzgouverneure und wurde von der Sicherheitspolizei Ochrana überwacht. So entstand mit der Aufhebung der Leibeigenschaft eine relativ eigenständige Selbstverwaltung, die in der Obschina von den Bauern, auf Semstwo-Ebene von Adligen und dem sogenannten ‘dritten Element‘, der bürgerlichen Intelligenz dominiert wurde. Selbstverständlich waren diesen im Jahr 1908 70.000 Angestellten jegliche politische Tätigkeit untersagt. 27)

Hier arbeiteten bald viele Intellektuelle, die sich der Modernisierung der Landwirtschaft verschrieben hatten. Sie suchten Kontakt zu den Bauern und waren die liberale politische Kraft auf dem Land und in den Landstädten. Um 1890 führte die Regierung mehr als 2.000 ‘Landhauptleute‘ in den Landbezirken ein, die dem Provinzgouverneur unterstanden, gelegentlich Besuche in den Dörfern machten, der Gouverneursverwaltung berichteten und bei Streitigkeiten die Positionen des Staates durchsetzten. Sie waren mit bürokratischen Aufgaben überlastet, aber so nah an den Dorfgemeinschaften, um dort die staatliche Gerichtsbarkeit gegenüber den Entscheidungen der Kommunen durchzusetzen. Sie versuchten der Staatsbürokratie durch ihre Berichte ein besseres Verständnis des Landlebens zu vermitteln. Sie unterstützten auch einzelne Bauern gegen die Dorfgemeinschaften, ihre geringe Zahl beschränkte ihre Wirksamkeit. Mitte der achtziger Jahre des 19.Jahrhunderts wurde ein Landwirtschaftsministerium zur Modernisierung des Landes eingerichtet. Es stellte eine Vielzahl von Agronomen und anderen Experten ein und arbeitete eng mit den Semstwo-Verwaltungen zusammen und stärkte die liberale ländliche Intelligenz. In den Städten wurden Dumas, Stadtparlamente ebenfalls mit Zensurwahlrecht gewählt.

Die einfache Rechtsprechung wurde von der Dorfgemeinschaft ausgeübt. Diebe wurden rituell zur Schau gestellt. Mordverdächtige wurden oft, statt sie nach dem Gesetz vom Bezirksgericht aburteilen zu lassen, durch brutale Lynchjustiz bestraft. Pferde waren prestigeträchtige und wertvolle Tiere, auch ihr Diebstahl wurde öfter mir Selbstjustiz gerächt. Umherziehendes Volk betrachtete man normalerweise mit wenig Aggressivität, traf das aber mit kommunalen Unglücken zusammen, so konnte das für Bettler schlimm enden. Dagegen galt es unter den Bauern kaum als strafwürdig, im grundherrlichen Wald Holzdiebstahl zu verüben.

Nach der Emanzipation bekamen die Bauern ein Interesse an Schulbildung. In den größeren Dörfern wurden in den nächsten Jahrzehnten Elementarschulen gebaut. 1856 gab es eine Grundschule für durchschnittlich 7.762, 1911 für je 1.499 Einwohner. 1911 besuchten 65 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen eine Schule. In der Realität waren es mehr, denn man zählte nur die Kinder, welche die gesamte dreijährige Schulzeit absolvierten, viele besuchten sie aber nur zwei Jahre. Den Eltern reichten Grundfertigkeiten, die Examina hatten für sie wenig Nutzen. Viele Intellektuelle waren enttäuscht, dass die Schulbildung offensichtlich nicht die Kultur der Bauern im erhofften Maße hob, die 140.000 Dorfschullehrer wurden in Russland nicht wie z.B. im Frankreich der dritten Republik zu einflussreichen Dorfbewohnern. Ihre Löhne waren äußerst gering, die Dörfler mussten sie bezahlen, sie hatten keine Sicherheit in ihrem Beruf, ihre Ausbildung und Bezahlung stellte sie unter die Verwaltungsbeamten, ihr Ansehen lag unter dem der Intelligenz, der Dorfgeistlichen und der Feldscher. Für die Bauen übten sie keine ‘echte‘ Arbeit aus und waren nicht Teil der Staatsmacht. Hausierer verkauften den Lesefähigen Heiligen- und Kriminalgeschichten, besonders Geschichten über Banditen erfreuten sich großer Beliebtheit, sie setzten die mündlich überlieferte Folklore fort.28)

1890 wurde eine eigene Kurie – der soziale Wahlkreis – des landbesitzenden Adels eingeführt. den Bauern dagegen das direkte Wahlrecht genommen, der Anteil der Bauernvertreter in den Semstwos der Kreise sank, jener der Adligen und der Bürokratie stieg. 29) Weiter wurde der Austritt aus der Obschina erschwert. Bisher konnte jeder austreten, der den Ablösekredit zurück gezahlt hatte, jetzt war das Ausscheiden an eine Zweitdrittel-Mehrheit der Dorfversammlung gebunden. Die Passbestimmungen wurden verschärft.

1856 bis 1866 gilt als eine liberale Periode des Regimes, danach herrschte wieder die Reaktion. 1863 gab es den polnischen Aufstand, der sich auf Litauen und Weißrussland ausdehnte. Unter dem ‘Henker‘ General Murawjow wurden 70.000 Polen nach Sibirien oder Kasachstan deportiert. Um den polnischen Adel zu bestrafen, erklärt der Zar 1864 alles Land, welches die Bauern in Polen bebauen, zu deren Eigentum; Polens beschränkte Autonomie wurde aufgehoben, das Gebiet in zehn Provinzen neu aufgeteilt, die polnische Sprache in der Verwaltung und im Erziehungswesen verboten. Die Russifizierung wurde auf die anderen Randprovinzen ausgedehnt. Die Politik der Autokratie isolierte sie zusehends. Am 1. März 1881 wird Alexander II. von einer Bombe getötet. Die Konterreform war wenig erfolgreich und konnte der gesellschaftlichen Krise nicht Herr zu werden. Um mit den europäischen Staaten mithalten zu können und nicht selbst Objekt imperialistischen Strebens zu werden, brauchte es einen außerordentlichen Kraftakt; für den steht Sergei Witte.

Eisenbahnbau und Industrialisierung

Das Problem Russlands waren reiche natürliche Ressourcen bei großer Armut des Volkes. Trotz immer höherer Steuern führte das zu einem chronischen Haushaltsdefizit, zum Anwerfen der Druckerpresse und dem Versuch, aus dem Ausland Geld zu beschaffen. Da man den Adel nicht zur Steuerzahlung heranzog, blieben nur die Bauernschaft und die entstehende Bourgeoisie als Quelle dafür übrig, direkte Steuern gab es nicht, die Staatseinnahmen beruhten überwiegend mit 80 Prozent auf indirekten Steuern auf Zucker, Alkohol, Kerosin, Streichhölzer und Tabak sowie Zolleinnahmen, die größten Einkünfte brachte das Staatsmonopol auf Wodka.

Der Krimkrieg hatte den Staatshaushalt ruiniert, die Goldreserven deckten kaum noch die Währung. Wollte der Zarismus im ‘Konzert der Großmächte‘ weiter mitspielen, mussten mit einer Austeritätspolitik der Rubel saniert, gleichzeitig die Industrialisierung vorangetrieben und die Armee modernisiert, also miteinander konkurrierende Ziele erreicht werden. Ein Drittel des Budgets 1867 wurde für die Armee ausgegeben, ein Drittel für den Schuldendienst. 1,6 Prozent für Bildung.30) Das Kapital für die Industrialisierung musste man sich zum großen Teil im Ausland beschaffen. Außenpolitisch orientierte sich der Zar nach der Niederlage gegen das Vereinigte Königreich und Frankreich an Preußen bzw. Deutschland und Österreich-Ungarn. Aus finanziellen Gründen wurde 1867 Alaska an die USA verkauft, auf dem Berliner Kongress 1878 wurden die Ansprüche des Zarismus als Schutzmacht der slawischen Völker in ihre Schranken gewiesen. 1881 wurde das ‘Dreikaiserbündnis‘ geschlossen, doch das Bündnis mit Deutschland und Österreich konnte Russlands Drang zu den Meerengen nicht befriedigen.

Bis um 1885 war Deutschland Haupthandelspartner. Für zwei Millionen Mark befanden sich russische Wertpapiere in deutschem Besitz, deutsches Kapital finanzierte den Eisenbahnbau, die deutsche Schwerindustrie lieferte industrielle Rohstoffe, das Land war Hauptabnehmer russischen Getreides. Bis dahin gab es weder eine ökonomische wie politische Alternative. In Deutschland setzte sich ein Solidaritätskartell von Schwerindustrie und Großgrundbesitz durch. Die deutschen Zölle verringerten den Gewinn. Das Land blieb der Haupthandelspartner, 1902 wurden 41 Prozent der russischen Exporte und 35 Prozent der Importe mit dem Deutschen Reich abgewickelt.31)

1888 wurde Frankreich zum größten Kapitalimporteur, nachdem das alte Bündnis Russlands zerfallen war. 1894 wurde ein neuer Handelsvertrag geschlossen. In den sechziger Jahren des 19.Jahrhunderts war alles, was zum Eisenbahnbau benötigt wurde, zollfrei importiert worden: Schienen, Schienenbefestigungen, Weichen, Brückenkonstruktionen, Bahnhofseinrichtungen, Wagen und Lokomotiven. Am Ende der sechziger und in der ersten Hälfte der siebziger Jahre begann eine eigenständige russische Schwerindustrie,

Lokomotiv- und Waggonbau entstanden, Mitte der siebziger Jahre übertraf die russische Produktion dieser Produkte den Import. Der Staat gab Aufträge und finanzielle Unterstützungen. 1876/77 wurde den Eisenbahngesellschaften verboten, rollendes Material im Ausland zu kaufen; die Einfuhrzölle für Lokomotiven wurden erhöht; die Firmen wurden angewiesen, mindestens die Hälfte der benötigten Schienen im Inland zu bestellen, den Schienen herstellenden Betrieben wurden Prämien gezahlt. In den achtziger Jahren wurden fast alle Stahlschienen in Russland hergestellt. Der Roheisenbedarf musste nach dem Schock der Bauernbefreiung für die Industrie des Urals jedoch zur Hälfte im Ausland gedeckt werden.32) Später baute der Staat in Eigeninitiative Eisenbahnen und übernahm private, 1902 waren zwei Drittel aller Bahnlinien verstaatlicht. Er schuf ein Tarifsystem, das große Entfernungen billiger machte. Die Privatinitiative brachte nicht genug Kapital, wenn die Sicherheit des Staates fehlte. Dazu kam die Notwendigkeit, aus militärstrategischen Gründen Linien nach Westen und Süden zu bauen. Die Wirtschaft wuchs bis in die siebziger Jahre sehr langsam. 1875/76 endete der Eisenbahnboom in einer Wirtschaftskrise, der Staat war an der Aufrechterhaltung der neuen Industrie interessiert. Der Bau verringerte sich, der Staat erteilte weiter Aufträge und rettete insolvente Betriebe. Die Zölle für Roheisenimporte wurden verfünffacht. 1891 wurde das Schutzzollsystem weiter ausgebaut.

Karte 4: Die Vegetationszonen


Finanzminister Witte förderte den Kapitalimport durch die Einführung eines Goldstandards. Die ausländischen Kapitalinvestitionen waren der Motor der Industrialisierung. Das Kapital kam jetzt vorwiegend aus Frankreich, der hohe Anteil Belgiens war eigentlich französisches Geld, welches aus steuerlichen Gründen ins Nachbarland verschoben wurde. Um die politischen Verhältnisse Russlands kümmerten sich die Anleger kaum, lediglich die Judenpogrome von 1891 ließen durch die Feindschaft der Rothschild-Bank eine Anleihe zu einem Misserfolg werden. Bis 1900 war die Rendite höher als im Inland, ebenso die Kapitalrückflüsse bei russischen Firmen. 1885-1913 wurden 60 Prozent der Gewinne des Auslandskapitals reinvestiert. Neben den Staatsanleihen und Direktinvestitionen gründeten die Banque de Paris et des Pays- Bas, die Société Générale, Union Parisenne und Crédit Français Banken in Russland und übernahmen die Mehrheit deren Kapitals.33) Das brachte den französischen Anlegern in den neunziger Jahren einen Profit von etwa 540 Millionen Francs. 34) Das Auslandskapital erzielte ausreichend hohen Gewinn, von 1880 bis 1914 wurden für 1.764 Millionen Rubel an Investitionen 1.050 Millionen Rubel Dividende ausbezahlt.35)

Um 1890 setzte ein neuer Wirtschaftsaufschwung ein, im Donbass-Becken um Charkow entstanden große Bergwerke und Hüttenbetriebe und überholten die alte Hüttenindustrie im Ural, die Ölindustrie Bakus boomte, in der Südukraine wurde in Kriwoi Rog ein großes Eisenerzfeld erschlossen, dazu kam die Kohle- und Eisenindustrie Polens, die Industrie im Baltikum. Die Hauptstadt Sankt Petersburg wandelte sich in das größte Zentrum der Metallindustrie, auch im zentralrussischen Industriegebiet entstanden neben der Textilindustrie große Metallbetriebe. 1890 ist das Datum, das allgemein als der Übergang Russlands zu einem der führenden Industriestaaten genannt wird.

Seit 1893 war Sergej Witte Finanzminister, er konnte den Goldstandard Russlands herstellen, die Auslandsinvestitionen waren so genügend abgesichert. Er forcierte den Eisenbahnbau und die Industrialisierung. 1869 hatten die USA die erste transkontinentale Eisenbahn eröffnet. Mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn eiferte Russland nach. Von 1891 bis 1905 wurde die Verbindung durch die Mandschurei bis Wladiwostok unter unsäglichen menschlichen Strapazen fertig gestellt. Gingen anfangs etwa 50 Millionen Rubel in den Eisenbahnbau, so waren es 1893 bis 1900 278,5 Millionen jährlich. 36) Um die Perspektiven zu wahren: auf hundert Quadratkilometer kamen 0,4 km Eisenbahn in Russland, aber 11,7 km in Deutschland.

Tabelle 3: Wirtschaftszahlen 1880 - 1913 37)

Jahr Bevölke-rung in Mio. Pud Steinkohle-förderung in Mio. Pud Roheisen-produktion in Mio. Pud Stahl u. Gusseisen in Mio. Pud Gold-förderung in t Erdöl-förderung in Mio. Pud Eisenbahn in 1.000 km Spinnerei- u. Webwahren in Mio. Rubel Baumwoll-verbrauch in Mio. Pud Getreide-erzeugung in Mio. Pud Einfuhr in Moi. Rubel Ausfuhr in Mio. Rubel
1880 97,7 200,8 27,4 36,6 43,3 . 2,9 154,4 5,7 . 622,8 498,7
1885 108,8 260,2 32,2 33,9 33,0 115,0 26,0 165,7 7,6 . 495,4 537,9
1890 117,8 367,2 56,6 49,5 39,4 226,0 30,6 208,6 8,3 . 406,7 692,2
1895 123,9 555,5 88,7 81,6 41,1 377,0 37,0 350,7 . 2.681 526,4 689,1
1900 132,9 986,3 179,1 165,2 38,8 631,1 53,2 493,5 16,0 2.950 626,4 716,2
1905 143,9 1.139,7 166,8 162,1 33,5 455,9 61,1 560,8 16,7 2.984 635,1 1.077,3
1910 160,7 1526,3 185,8 205,7 53,9 588,4 66,6 959,5 22,1 3.692 1.084,4 1.449,1
1913 170,9 2.200,1 283,0 . 49,2 561,3 72,2 . 25,9 4.240 1.374,0 1.520,1

Zwischen 1885 und 1913 wuchs die Industrie Russlands jährlich um durchschnittlich 5,72 Prozent ̧ 1899 bis 1899 um 8,03 Prozent und 1907 bis 1913 um 6,25 Prozent.38) Zwischen 1883 und 1913 soll die Produktion der Fabriken jährlich um 5 bis 5,5 Prozent gewachsen sein. Der Produktivitätsanstieg pro Person wird auf 1,8 Prozent jährlich geschätzt. Zwischen 1890 und 1913 vervierfachte sich das industrielle Kapital von 1,14 Millionen auf 4,1 Millionen Rubel, pro Arbeiter stieg es um 55 Prozent.39) wischen 1890 und 1900 wurden etwa zwei Drittel aller Staatsausgaben für die wirtschaftliche Entwicklung, besonders den Eisenbahnbau und die Rüstungswirtschaft, verwendet. Russland wurde zum größten Getreideexporteur. Das ging auf Kosten der Bauern, die durch die hohen Steuern und Abstandszahlungen an ihre alten Grundherrn extrem ausgepresst wurden, das Getreide mussten sie zu niedrigen Preisen verkaufen. 1899 befürchten die europäischen Banken eine Überproduktionskrise in Russland, sie reduzieren ihre Kredite und erhöhen die Zinsen. Das führt in Russland 1900 bis 1903 zu der Schließung von 3.000 Fabriken, zehntausende von Arbeitern werden auf die Straße geworfen.40) Als es 1891 Hungersnot mit Epidemien gab, ging der Export unvermindert weiter. Wittes Vorgänger formulierte es zynisch:

“Wir essen uns nicht satt, aber wir exportieren„.41)

Tabelle 4: Ausländisches Kapital in der russischen Industrie und im Bankwesen 1890 - 1915 42)

Jahr Auslandskapital
in Mio. Rubel
davon: in Aktien-
gesellschaften
Jahr Auslandskapital als
Neuinvestitionen in der Industrie
1880 97,7 . 1880-1889 41 %
1890 214,7 25 % 1890-1892 33 %
1895 280,1 26 % 1893-1899 55 %
1900 911,0 37 % 1900-1902 47 %
1905 1.037,4 35 % 1903-1905 81 %
1910 1.385,1 38 % 1906-1908 37 %
1915 3.302,9 38 % 1909-1913 50 %

Die Besonderheiten des russischen Kapitalismus

Nirgendwo sonst war der Eisenbahnbau so unmittelbares Produkt staatlicher Initiative wie im Zarenreich, er war Voraussetzung für einen verstärkten Getreideexport. Der Staat sicherte für die Verluste der Kapitalanleger ab, ohne die Gewinne verstaatlichen zu können. Das war eine Konsequenz der russischen Rückständigkeit, das internationale Kapital war nur mit hohen Gewinnerwartungen und Sicherungen dazu zu bringen, in ein armes und politisch instabiles Land zu investieren. Andererseits behielt sich die Regierung die Planungshoheit vor, neben den ökonomischen mussten militärische Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Mit dem privaten Eisenbahnbau war das Land von den internationalen Börsen abhängig, die richteten sich auch nach ihrer Einschätzung politischer Stabilität. Die Staatsführung versuchte, durch Industrialisierung Rückständigkeit und Finanzarmut zu überwinden und trieb dadurch die Zersetzung des Grundbesitzes und die Verelendung der Bauern voran. Damit untergrub sie die Grundlagen ihrer eigenen Herrschaft. Der industrielle Aufbau verschärfte die sozialen Spannungen. Der Staat unter Alexander III. war nicht mehr rein agrarisch-feudal. Die Finanznot und die Industrialisierung bestimmten seine Ziele in wachsendem Maße.

Ein Kennzeichen der russischen Industrie waren die riesigen Betriebe. Das war nicht so sehr Resultat von Spezialisierung als vielmehr die Schaffung eines Komplexes vieler Produktionsprozesse in einem Großbetrieb; viele Konzerne hatten eigene Reparaturwerkstätten, Arbeiterwohnungen, Hospitäler, Bäder, Schulen, Schlachthäuser, Bäckereien usw. Es war natürlich auch Folge fehlender Infrastrukturen in der Umgebung. Die Arbeitsproduktivität war geringer als im imperialistischen Ausland, Rohmaterialien und Vorprodukte relativ teuer, der Handel schlechter entwickelt.

Bild 2: Sergei Witte

Während die bäuerliche Landwirtschaft im Zarenreich fast auf dem Niveau des 17.Jahrhunderts stagnierte, stand Russlands Industrie auf dem Niveau der fortgeschrittensten Länder und überholte sie teilweise sogar. Die Zahl der Kleinbetriebe war geringer als in den USA, die Mittelbetriebe hatten in etwa den gleichen Anteil, aber die Anzahl der Großunternehmen mit mehr als tausend Arbeitern betrug in den USA 17,8 Prozent der gesamten Arbeiterzahl, in Russland aber 41,4 Prozent, in Petersburg und Moskau war der Anteil noch höher. Die Verschmelzung des Industriekapitals mit dem Bankkapital war in Russland stärker als in kaum einem anderen Land. Damit war die Industrie abhängig von den Banken und somit vom westeuropäischen Geldmarkt. Die Schwerindustrie – Metall, Kohle, Öl – befand sich fast restlos unter der Kontrolle des ausländischen Finanzkapitals, die Leichtindustrie ging den gleichen Weg. 40 Prozent des Aktienkapitals gehörten Ausländern, in den genannten Industriezweigen war der Anteil deutlich höher.43) Man kann ohne jede Übertreibung feststellen, dass die Kontrolle der russischen Banken, Werke und Fabriken sich im Ausland befand, in Frankreich, Großbritannien und in geringerem Maße in Deutschland.

In den Provinzen Sankt Petersburg, Riga und Cherson, in Polen und im Kaukasus lagen die Fabriken in den Großstädten oder anderen Städten, in Moskau und den anderen Provinzen befand sich die Mehrheit der Industriebetriebe auf dem Land. Anders als im übrigen Europa hatten die Industrieansiedlungen hier nicht den Charakter von Städten angenommen. Da die Bauern durch die Administration am Verlassen der Dörfer gehindert wurden, siedelten sich die Fabriken in den Dörfern an, ein Erbe des Feudalismus, das sich nach 1861 fortsetzte, die Arbeitskraft war dort billiger. In der Provinz Kostroma waren 83 Prozent der Arbeitskräfte außerhalb der Stadt.44) Was in Russland fehlte, war eine starke einheimische Bourgeoisie sowie die Übergangsschicht zwischen den Spitzen des Kapitalismus und den Volksmassen.

“War sie [die russische Bourgeoisie, A. d. V.] in der Morgenröte ihrer Geschichte zu unreif, die Reformation durchzusetzen, so erwies sie sich als überreif, als die Zeit für die Führung der Revolution gekommen war.“45)

Der russische Imperialismus

Da der Zugang ins Mittelmeer versperrt war und auch 1878 auf dem Balkan der russischen Dominanz durch die anderen Großmächtige eine Grenze gesetzt wurde, richtete sich der Expansionsdrang Russlands nach Osten.46)

Die Unterwerfung des Kaukasus war um 1864 unter erbittertem Widerstand der einheimischen Völker abgeschlossen worden. 1912 lebten hier 6,5 Millionen Einwohner, die Gegensätze zwischen den christlichen Georgiern, Armeniern, den muslimischen Aserbaidschanern und die buntscheckigen Zersplitterung der kleinen Ethnien erleichterten die russische Herrschaft, ohne dass sie das Gebiet je befrieden konnten. Nur 100.000 Russen kamen hierher, vier Fünftel der Bevölkerung lebten in halbfeudaler Abhängigkeit auf dem Land. Die Städte Tiflis und Baku wuchsen rasch, besonders im Erdölzentrum Baku ballten sich Menschen aller Nationen und Religionen zusammen; 39 Prozent Aserbaidschaner, 25 Prozent Russen, 20 Prozent Armenier, 9 Prozent Daghestaner bildeten einen ständigen Unruheherd. Aus Baku und Grosny kamen 80 Prozent der Ölprodukte. Die ausländischen Gesellschaften kontrollierten 85 Prozent des Aktienkapitals. Unter den Ölarbeitern, Eisenbahnern und selbst im georgischen Adel bekam die Sozialdemokratie bald einen bedeutenden Anhang. Zwischen armenischen Händlern und pauperisierten muslimischen Bauern, zwischen Georgiern und Armeniern gab es immer wieder Spannungen.47)

Das Osmanische Reich verhinderte eine Expansion, gegen die europäischen Mächte konnte sich Russland nicht durchsetzen. Auf Persien war der Einfluss größer, hier versuchten die Russen eher eine ‘indirekte‘ Herrschaft auszuüben. Der Nordteil Persiens war nach dem in London geschlossenen Teilungsvertrag 1907 russisches Einflussgebiet und nur noch formal ein Teil Persiens. Der Bau der Bagdad-Bahn gefährdete die russischen Ansprüche, Russland projektierte eine Verbindung zur transkaukasischen Linie. Russland war Persiens Haupthandelspartner in der Region, 1908 stürzte eine Kosakenbrigade ein Parlament und unterstützte den Schah. 1911/12 wurde Nordpersien von russischen Truppen okkupiert.

In Zentralasien war das Vereinigte Königreich der Gegner russischen Expansionsstrebens, hinter Afghanistan lagen die indischen Kolonien, Afghanistan wurde zwischen beiden Imperien als Puffer benutzt. Die Eroberung des Kaukasus 1859 gab der zaristischen Armee die Freiheit zu neuen Aktionen. Die usbekischen Fürstentümer Kokand, Buchara und Chiva wurden 1864 bis 1884 erobert. Sie wurden von Turkmenen, Tadschiken und Kirgisen bewohnt, die außerhalb der bewässerten Ebenen vor allem als Nomaden lebten. Die Transkaspische Eisenbahn erschloss 1873 bis 1885 die neueroberten Gebiete. Das Generalgouvernement Turkestan und die Protektorate Chiva und Buchara waren dreimal so groß wie das deutsche Kaiserreich. In Turkestan herrschte man über 6,7 Millionen islamische Völker, nur sechs bis sieben Prozent waren russische Siedler. Das usbeskische Handelszentrum Taschkent hatte 270.000 Einwohner, davon 80.000 Russen. Turkestan sollte zur Baumwollprovinz ausgebaut werden, die transkaspische Eisenbahn wurde bis 1905 ans russische Netz angeschlossen, was die Baumwollindustrie boomen ließ. Zum Kriegsbeginn konnte Turkestan die Hälfte des Bedarfs der russischen Textilindustrie decken. Der im großen Stil betriebene Baumwollanbau ruinierte die turkestanischen Kleinbauern, die Provinz blieb unter Militärverwaltung.

In Ostasien machte Russland seine ‘zivilisatorische Mission‘ wie alle Kolonialmächte geltend. 1858/60 gelang es die fernöstliche Küstenprovinz zu sichern und Wladiwostok zu gründen. Die Erschließung Ostasiens geschah durch den Eisenbahnbau. In Ostasien aber stießen die Interessen aller Großmächte aufeinander. Die schwache chinesische Regierung versuchte, Japan vom asiatischen Festland zurück zu drängen. Von den europäischen Großmächten wurde Japan 1895 gezwungen, Russland den Vortritt in der Mandschurei zu lassen. Japan rüstete daraufhin massiv auf. Die Mandschurei bildete bei der Planung der Eisenbahn nach Wladiwostok ein lästiges Hindernis. Auf Initiative von Finanzminister Witte wurde 1896 die Russisch-Chinesische Bank gegründet, in deren Aufsichtsrat fünf Franzosen und fünf Russen, aber kein Chinese saßen. Als der chinesische Ministerpräsident zu den Krönungsfeierlichkeiten von Nikolaus II. kam, wurde er von Witte überzeugt, einen Geheimvertrag mit dem russischen Staat gegen Japan zu unterzeichnen. Der Vertrag sah die Gründung der ‘Ostchinesischen Eisenbahn‘ von Tschita durch die Mandschurei nach Wladiwostok vor. 1897 bemächtigte sich die deutsche Marine des chinesischen Hafens Tsingtau, Russland pachtete daraufhin die Häfen von Dairen und Port Arthur am Chinesischen Meer. 1900 wurde während des Boxeraufstandes die Mandschurei offiziell annektiert.48) Die Strecke durch die Mandschurei verkürzte den Weg nach Wladiwostok um mehr als tausend Kilometer. Die Verbindung nach Wladiwostok wurde 1901 fertig gestellt, die Verbindung zum ganzjährig eisfreien Port Arthur 1904. Das wirtschaftliche Interesse Petersburgs in Ostasien war sehr gering, wieder wurden die Russen durch ihren Kapitalmangel eingeschränkt, das militärische Interesse überwog. Nach der Niederlage im Krieg gegen Japan konnte die Verbindung über russisches Territorium an den Pazifikhafen erst 1916 hergestellt werden. Die über 9.000 km lange Strecke war eingleisig, 1905 konnte sie von zehn Zügen täglich befahren werden, wobei der Baikalsee mit seinen steilen Ufern ein großes Hindernis bildete, die Fahrt nach von Moskau nach Wladiwostok verkürzte sich auf 18 Tage.

Auch für die Besiedelung Sibiriens kann die Bahn als entscheidender Motor gelten. Für den russischen Staat war die Ansiedlung von Bauern in diesem Halbkontinent ohne Feudalismus eine Möglichkeit, den Bevölkerungsdruck Südrusslands zu mildern, Den Geburtenüberschuss auf dem russischen Dorf konnte man so aber nicht annähernd verringern, dieses Ziel blieb unerreichbar. Beim Baubeginn der Transsib hatte Sibirien vier bis fünf Millionen russische Siedler, 1911 lebten neben den 973.000 Mitgliedern einheimischer Völker 9,4 Millionen Russen und andere Immigranten in Sibirien.49) Die eingeborenen Nomaden und Jäger (die ‘Fremdstämmigen‘) wurden zu einer Minderheit unter 85 Prozent Russen, nur in der fernöstlichen Amur- Provinz kamen Einwanderer aus China. Die Siedler konzentrierten sich entlang der Trasse der Eisenbahn. Die Masse der Siedler lebte unter de schwierigen klimatischen Bedingungen mit kleinbäuerlicher Subsistenzwirtschaft, dem wuchernden Handelskapital ausgesetzt. Die Zahl der Rückwanderer betrug bis zu 20 Prozent; die Wirtschaftsleistung betrug vor 1917 jedoch nur zwei Prozent der Industrieproduktion des Reiches.50) Für den Zarismus hatte das Gebiet jenseits des Urals auch die Funktion, Gefangene in die Verbannung zu schicken. Man isolierte sie von ihrem europäischen Milieu und schickte sie in oft extrem unwirtliche Zonen. Um 1900 gab es etwa 300.000 Verbannte, ein Drittel von ihnen konnte wieder fliehen. 51)

Eine Minderheit von ihnen waren politische Exilierte. Durch die Verbannung fielen sie für die revolutionäre Bewegung zeitweise aus, aber sie verbreiteten revolutionäre Ideen buchstäblich bis in den letzten Winkel des Zarenreiches.

Tabelle 5: Internationale Verflechtung der russischen Wirtschaft 1914 in Millionen Rubel 52)

Auslandsanleihen und Investitionen Russisches Aulandsvermögen
Staatliche Anleihen 3.971 Staatliche Aktiva in China 300
Kommunale Anleihen 975 Ostchin. Eisenbahn u. russ. Eigentum in China 328
Staatl. garantierte Eiswnbahnanleihen 975 Äussere Mongolei 11
Obligationen staatl. Bodenkreditbanken 230 Persien 110
Auslandskapital in Aktiengesellschaften 2.602 Gold der Reichsbank im Ausland 167
andere Auslandsinvestitionen 247 Schulden der Türkei, Griechenlands u. Bulgariens 152
zusammen 8.445 1.068

Der Charakter des russischen Staates war sozusagen ein ‘geborgter‘ Imperialismus. Der Anspruch war hoch, die Verwirklichung blieb stets hinter den Erwartungen zurück. Ohne die Finanzierung durch die französischen, britischen und deutschen Banken war die Realisierung der Großmachtansprüche undenkbar; dadurch aber geriet der Zarismus tief in ihre Abhängigkeit.

Die Reaktionspolitik

Waren die letzten Regierungsjahre Alexanders II. schon durch die Reaktion auf den Druck der entstehenden demokratischen Bewegung gekennzeichnet, so verstärkte sich die Repression unter seinem Nachfolger. Alexander III. hatte keine Konzeption der Regierungspolitik, der Zar reagierte wie ein sturer Gutsherr, der die politischen Geschäfte nur unzureichend begriff. Der russische Staat verlor zunehmend seinen agrarisch- feudalen Charakter, die Finanznot und die Industrialisierung bestimmten in wachsendem Maße seine Ziele. Er schaffte die zarten Ansätze demokratischer Reformen schnell wieder ab, behielt aber die wirtschaftliche Liberalisierung

Seine Schwäche versuchte er durch die Verstärkung der Repression auszugleichen. In den zwanziger Jahren des 19.Jahrhunderts war von Nikolaus I. die ‘dritte Sektion‘ als eine politische Polizei geschaffen worden. Gendarmen wurden aus Offizieren und Rekruten der regulären Armee ausgewählt und besser bezahlt. Die Zensur wurde der dritten Sektion unterstellt, hauptsächlich aber suchte sie Revolutionäre. 1885 wurde eine Abteilung für die Sicherung der Öffentlichen Ordnung gegründet, die bald Ochrana abgekürzt wurde und auch die Arbeit im Ausland aufnahm. Sie entwickelte ein umfangreiches Netz von Informanten und Provokateuren, die den oppositionellen Gruppen immer wieder existentielle Probleme bereitete und sie zu strenger Geheimhaltung zwang. Die Ochrana hatte bald mehrere zehntausend Beamte und Zuträger, besonders die Hausmeister waren generell als ihre Spitzel verdächtigt.

Die Situation beschrieb ein dem Zarenhof nahe stehender Adliger:

“Dank der von Niemandem gebremsten Beamtenwillkür, dank gedankenloser bürokratischer Phantasien, eine Reglementierungssucht, die das Komische streift, dank der Abwesenheit jeder gesunden, vorausschaubaren Politik gerät das russische Volk immer mehr in eine geknechtete, armselige Lage. Seine Geduld erlahmt, der Boden für die Anarchie wird zunehmend fruchtträchtiger… Russland erwartet großes Unheil.„53)

Ein Reformansatz für die Erneuerung der Selbstherrschaft war nicht zu erkennen. Als Nikolaus II. 1894 seinem Vater nachfolgte, enttäuschte er alle Hoffnungen auf ein liberaleres Regime schon im Keim, anlässlich seiner Thronbesteigung gab er vor Semstwo-Vertretern kund, er werde das Prinzip der Autokratie ohne Änderung und so standhaft wie sein Vater aufrecht erhalten. Nikolaus‘ Krönungsfeierlichkeiten kosteten ein Viertel der jährlichen Steuereinnahmen und standen, wie das Volk deutete, unter einem bösen Stern: eine Massenpanik bei dem Fest in Moskau kostete 1.282 Tote und 10.000 Verletzte.54) Der repressive Charakter des Staates zeigte sich besonders gegenüber seinen nationalen Minderheiten.

Karte 5: Verteilung der Leibeigenschaft 1858


Die nationalen Minderheiten

Nach dem Zensus von 1897 lebten 4 Millionen baltische Völker in Russland, 8 Millionen Polen, 1 Millionen Rumänen; im Westen und Südwesten gab es 5 Millionen Juden; 1,75 Millionen Deutsche wohnten im Baltikum, an der Wolga und am Asowschen Meer. Im Nordosten siedelten 2,5 Millionen Finnen und verwandte Völker, im Kaukasus 4,5 Millionen Georgier, Armenier, Aserbaidschaner und kleinere Ethnien. Verstreut auf der Krim, in Südrussland und im südlichen Ural gab es 4 Millionen Tataren. In Sibirien und Zentralasien lebten fast 10 Millionen türkischstämmige Völker wie Kasachen, Kirgisen, Turkmenen und Usbeken. In Zentralasien waren Russen und Ukrainer eine Minderheit, in Sibirien stellten sie die überwiegende Mehrheit.55)

- Polen

Die größte und rebellischste nationale Minderheit waren die Polen. Mit den polnischen Teilungen im 18.Jahrhundert waren große Teile Weißrusslands, Litauens und der Ukraine westlich des Dnjepr ans Zarenreich gefallen, der Wiener Kongress ließ Kongresspolen hinzu kommen, 82 Prozent der alten polnischen Republik standen seither unter der Herrschaft der Zaren, 80 Prozent der Untertanen waren Bauern. Der Rest Polens wurde zwischen Preußen/Deutschland und Österreich-Ungarn aufgeteilt. Die Verfassung sah die Personalunion mit dem Zaren vor und gewährte den Polen eigene Institutionen und eigene Sprache, die bürgerlichen Freiheiten wurden gewährleistet. Der Kohleabbau im Dabrowa-Gebiet an der Grenze zu Oberschlesien wurde gefördert, eine Zollpolitik ab 1822 schützte die schwache heimische Industrie, in Lodz und Warschau entstand eine Textilindustrie. Straßen wurden gebaut. Merinoschafe und Kartoffelanbau sowie die Einführung der Zuckerrübe hoben die Landwirtschaft und ließen eine schüchterne Industrialisierung entstehen; Polen wurde der am stärksten entwickelte Teil Russlands.

Die Schlachta, der polnische Adel, mochte sich mit Zerstörung des polnischen Staates nicht abfinden. 1830 gab es einen schlecht vorbereiteten Aufstand, Warschau wurde nach einigen Monaten wieder von der russischen Armee eingenommen. Die 9.000 polnischen Emigranten wurden in Westeuropa stürmisch für ihren Freiheitskampf bejubelt, eine Adelspartei und eine bürgerlich-republikanische Linke entstanden. Der Zar hob die Verfassung auf, schaffte den Landtag und die polnische Armee ab. Polnische Offiziere verloren ihren Besitz, Soldaten mussten eine 25jährige Dienstpflicht in Russland ableisten. Bis 1856 herrschte Ausnahmezustand. Das Bildungssystem wurde russifiziert, die polnische Amtssprache blieb erhalten, alle demokratischen Bestrebungen wurden unterdrückt. 1831 wurde eine Zollgrenze zwischen Kongress-Polen und Russland errichtet. Wirtschaftlich ging es aufwärts, die Schwerindustrie wuchs, der Staat baute die Kohleförderung aus, 1845 wurde die Eisenbahnlinie Warschau-Wien eröffnet. Die Landwirtschaft modernisierte sich langsam. Die Fronwirtschaft wurde allmählich durch das Pachtsystem abgelöst; viele Bauern konnten die Pacht nicht aufbringen und verarmten. 1850 gab es in Kongresspolen bereits 75.000 Arbeiter. 56) An den Universitäten entstanden nationalistische und radikale Studentenzirkel, es gab patriotische Straßendemonstrationen, Demonstranten in Warschau wurden niedergeschossen.

1863 brach ein neuer Aufstand los. Die russische Armee, oft bestehend aus ukrainischen Bauern, massakrierten die polnischen Bauern und Studenten. Viele russische Radikale kämpften auf Seiten der Polen. 400 Polen wurden hingerichtet, tausende nach Sibirien deportiert. 1.600 Güter in Kongresspolen und 1.800 in den ‘westlichen Provinzen‘ wurden beschlagnahmt und an zaristische Beamte vergeben, die Großgrundbesitzer hatten 20 Millionen Rubel Kontribution zu zahlen. Der Name ‘Königreich Polen‘ wurde zugunsten von ‘Weichselland‘ abgeschafft, später ebenso der Vizekönig, Polen wurde in zehn Gouvernements aufgeteilt, viele Städte bekamen russische Namen, Der Code Napoléon blieb erhalten. Die lokale Selbstverwaltung und die Kreis- und Provinzparlamente (Semstwos) wurden verweigert. Die katholische Kirche wurde unterdrückt und ging in den Untergrund.

Bild 3: Zar Nikolaus II.
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Alexander II. konterte den Aufstand 1864 mit dem Dekret zur Bauernbefreiung, er musste dem Landvolk mehr bieten als die Insurgenten; Zwangsarbeit, Geldzahlungen und das Alkoholmonopol der Grundbesitzer wurden abgeschafft. Die Bauern bekamen alles Land, welches sie bebauten, auch den landlosen Bauern wurde ein wenig Land gegeben. Die Grundbesitzer erhielten als Gegenleistung Schuldverschreibungen, die aber schnell von einer Inflation entwertet wurden. Sie mussten jetzt Steuern für ihr Land zahlen. Die Bauern mussten nicht lange an die abgelösten Grundherrn zahlen, dafür bekamen sie eine hohe Steuer auf ihr Land aufgedrückt. Es wird geschätzt, dass die zaristische Regierung bis 1914 64 Millionen Rubel an Grundbesitzer zahlte und 110 Millionen durch die Steuer auf den Landbesitz einnahm.67 Dabei blieben die großen Latifundien blieben weitgehend verschont, sie hatten genügend Kapital, Arbeiter, Maschinen und die zaristischen Beamten zu kaufen.

Dem kleinen Landadeligen ging es schlechter, teilweise verpachtete oder verkaufte er sein Land an die Bauern und ging in die Stadt. Dort konnte er nicht Beamter werden – das wurden nur Russen – er vermehrte die Zahl der Intellektuellen und radikalisierte sich. Zwischen 1864 und 1890 wuchs der Besitz der Bauern um 8 Prozent, der Unterschied zwischen reichen und armen Bauern wurde größer, die Zahl der Landlosen vervierfachte sich. Zwei Drittel der Landlosen hatten 1864 Parzellen bekommen, die sie aber oft wieder verloren.57) Sie gingen in die Industrie oder wanderten in der Erntesaison nach Posen und Schlesien, als Arbeitsemigranten nach Westeuropa oder Übersee. Die wohlhabenden Bauern partizipierten von den steigenden Getreidepreisen. Der Adel wurde geschwächt, die Bauern gestärkt, die landlose Dorfbevölkerung stieg. Die Landbevölkerung wuchs in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts um das Doppelte. Die Bauern profitierten von der russischen Obrigkeit, waren von der Schul- und Kirchenpolitik irritiert und dem Verbot der Nationaltracht und der antipolnischen Haltung der russischen Bürokratie abgestoßen.

Die Industrie bekam durch die Landreform 1864 einen großen Schub, der größte Anstieg kam in den siebziger und achtziger Jahren. Das russische Eisenbahnbauprogramm schuf industrielle Nachfrage. Zwischen 1853 und 1888 wuchs die Anzahl der Dampfmaschinen um das 25fache. Warschau, Lodz mit der Textilindustrie und das Dabrowa-Gebiet mit seinen Zechen und Metallbetrieben wuchsen rasant, der Wert der Industrieproduktion überstieg den Wert der landwirtschaftlichen Produktion. 1864 bis 1880 stieg die Zahl der Industriearbeiter von 80.000 auf 150.000. 58) Die Textilindustrie profitierte vom russischen Markt. Im Gegensatz zu Russland war die Industrie hauptsächlich privat finanziert, französisches, deutsches und belgisches Kapital strömte nach Polen und machte um die Jahrhundertwende 60 Prozent der Industrie und 39 Prozent der Gesamtproduktion aus. Vier Eisenbahnlinien verbanden Kongresspolen mit Preußen, eine mit Österreich. 59)) Doch politisch stagnierte das Land, die Niederlage von 1863 führte zu Resignation und Anpassung. Unter der polnischen Bourgeoisie setzte sich die Politik der Anpassung durch, der Positivismus dominierte. 1905 war es das polnische Proletariat, welches sich an die Spitze des Widerstandes gegen den Zarismus setzte.

- Finnland

Finnland wurde Schweden 1809 entrissen und erhielt unter den eroberten Gebieten das größte Maß an Autonomie. Der Zar erhielt den Titel des Großfürsten und war durch einen Gouverneur in Helsingfors vertreten. Daneben aber gab es einen finnischen Landtag und sogar eine Regierung. Die Adligen waren Schweden, Finnisch war die Sprache der Bauern. Feudalismus hatte das Land nicht gekannt, die Holzwirtschaft war der dominierende Industriezweig und entwickelte sich langsam aber stetig, die Bauern schlossen sich bald der Nationalbewegung an, um 1890 gab es eine Bourgeoisie und eine Arbeiterklasse, 1910 betrug deren Zahl 350.000, über zwölf Prozent der Bevölkerung, bei der Eisenbahn und in der Marine waren noch einmal 65.000 Arbeiter beschäftigt. 1883 entstand die erste Gewerkschaft, 1893 fand der erste Kongress einer Arbeiterpartei statt, die bald unter marxistischen Einfluss kam, die Erringung der nationalen Unabhängigkeit bestimmte deren Politik im gleichen Maße. 1903 nahm die Partei den Namen Sozialdemokratische Partei SDP an und trat der Zweiten Internationale bei, 1917 hatte die SDP 70.000 Mitglieder. Waren 25 Prozent der Finnen selbstständige Bauern, bei deren sozialistische Propaganda auf fruchtlosen Boden fiel, so waren die Pächter und die eine Millionen Landarbeiter für die sozialdemokratische Propaganda sehr empfänglich. Alle finnischen Parteien setzten den Russifizierungstendenzen von Nikolaus II. den finnischen Nationalismus entgegen.60) 1898 wurde ein neuer General-Gouverneur eingesetzt, er kassierte Gesetze des Landtages, 1899 wurde der zu einer beratenden Versammlung herabgestuft. Eine von 500.000 Finnen unterschriebene Petition dagegen hatte keine Wirkung. Die Presse wurde zensiert und in der Verwaltung wurde die russische Sprache eingeführt. 1901 wurde die finnische Armee aufgelöst, Finnen hatten jetzt in der russischen Armee zu dienen. 1902 trat über die Hälfte der Finnen ihren Militärdienst nicht an, der Zar suspendierte die finnische Verfassung und gab dem Generalgouverneur diktatorische Vollmachten. 1904 wurde der Generalgouverneur von einem Nationalisten ermordet.61)

- Baltikum und Weißrussland

Durch die Niederlage Schwedens im Nordischen Krieg kam das Baltikum 1721 an Russland, Kurland 1795 durch die dritte polnische Teilung; Kurland und Livland bildeten das spätere Lettland. Die Rechte und Privilegien des baltisch-deutschen Adels wurden bestätigt, der bald einen großen Teil des Hofadels in Sankt Petersburg stellte. Die Leibeigenschaft war 1816 bis 1819 abgeschafft worden, was der Herrschaft der deutschen Adligen keinen Abbruch tat, sie reduzierte sich durch die wirtschaftliche Entwicklung und die Maßnahmen des Zarismus erst am Ende des 19.Jahrhunderts. Vor dem ersten Weltkrieg waren Estland und Livland relativ entwickelt, sie standen an vierter und fünfter Stelle der industriellen Entwicklung der Provinzen und der Zahl der Industriearbeiter, Riga hatte über eine halbe Million Einwohner, 57 Prozent der Einwohner waren Letten, 15 Prozent Deutsche, 18 Prozent Russen und 8 Prozent Juden.62) Die Litauer waren meist katholische Bauern. Die Esten machten 91 Prozent der Einwohner ihrer Provinz aus, drei Viertel der Einwohner Revals und Dorpats. 1897 lebten zehn Millionen Menschen in den Gouvernements Wilnus, Witebsk, Grodno, Kaunas, Minsk und Mogilew, davon waren 55 Prozent Weißrussen, 14 Prozent Juden, 13 Prozent Litauer, 5,6 Prozent Polen, 5 Prozent Russen und je 3 Prozent Letten und Ukrainer. Viele Weißrussen standen unter kulturellem Einfluss Polens, 60 Prozent des Landes gehörten 1867 polnischen Grundbesitzern in Wilnus, Grodno und Kaunas, deshalb bekamen die litauischen und weißrussischen Bauern mehr Land; Polen wurde in den Provinzen der Landerwerb verboten. Die Grundbesitzer hatten fünf bis zehn Prozent Steuern auf ihr Land zu zahlen. Die industrielle Entwicklung war mäßig. 1864 bis 1914 emigrierte fast ein Viertel der Bevölkerung, die Bevölkerungsdichte war gering.

Im letzten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts gab es in Litauen eine gewisse Industrialisierung. 1864 wurde russisch die alleinige Unterrichtssprache, polnisch und litauisch wurde an Untergrundschulen unterrichtet. Die Benutzung des kyrillischen Alphabets wurde für litauischen Publikationen dekretiert, auch die entstehende weißrussische Sprache wurde als Schriftsprache verboten, die litauische Sprache und Literatur lebte im Untergrund auf. Besonders der katholische Klerus war Träger des Widerstands gegen die Russifizierung und für die Wiederbelebung der litauischen Sprache. Litauische Literatur wurde oft in Ostpreußen gedruckt und über die Grenze geschmuggelt, bis das Druckverbot in lateinischen Lettern 1904 aufgehoben wurde. Adel und Klerus versuchten, das Polnische durchzusetzen, der niedere Klerus und Intellektuelle aus der Bauernschaft mussten sich gegen beide Kulturen behaupten.

- Der Kaukasus

Der Isthmus zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer war aufgrund der Schwäche der lokalen Staaten ein Kampfplatz der anliegenden Großmächte. Ein Flickenteppich ethnischer Gruppen mit komplizierten Beziehungen entwickelte sich. Drei größere Volksgruppen gab und gibt es hier: die türkischstämmigen Aserbaidschaner – bis in die dreißiger Jahre auch Tataren oder Türken genannt – die vorwiegend der schiitischen Richtung des Islam angehören, die orthodoxen Georgier und die einer eigenen armenisch- apostolischen Ostkirche angehörigen Armenier. In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts geriet das Gebiet unter russische Kontrolle, war aber nur militärisch interessant. Der russische Imperialismus führte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zum Entstehen von starken nationalen Bewegungen, die Industrialisierung schuf eine wachsende Arbeiterklasse. Um 1905 begannen die nationalistischen Parteien Einfluss unter der Bevölkerung zu gewinnen, die Interessengegensätze zwischen den Ethnien führten zu Spannungen untereinander. 63)

Vor der russischen Eroberung gehörte Aserbaidschan zum Persischen Reich ohne eigene staatliche Identität. 1917 lebten etwa sieben Millionen Menschen im russischen Teil Transkaukasiens, davon zirka 21⁄4 Millionen Muslime. Eine Schicht von Intellektuellen europäisierte sich, Baku wurde mit seiner Erdölindustrie zur größten Stadt in Transkaukasien, armenische und russische Arbeiter strömten in die Stadt. In der sozialen Hierarchie waren die Aserbaidschaner ganz unten angesiedelt, die Zugehörigkeit zur Volksgruppe und der Islam bildeten einen bedeutenden Faktor ihrer Identität. Die politische Diskriminierung bestärkte den aserbaidschanischen Nationalismus.

Die Armenier empfanden die russische Eroberung durch ihre christlichen Glaubensbrüder wohl als einzige als eine Befreiung vom ‘türkischen Joch‘. Ende des 19.Jahrhunderts lebten 1,75 Millionen Armenier unter russischer Herrschaft, 22 Prozent der Bevölkerung Transkaukasiens. Armenier beherrschten den Handel in der Region. Der Aufstieg des Nationalismus wurde für die Armenier zur Katastrophe: Sie waren in fast allen Gebieten eine nationale Minderheit oder staatenlos, Opfer nationaler und religiöser Intoleranz. 1915 wurden in dem zur Türkei gehörenden Teil mehr als zwei Millionen Armenier systematisch türkifiziert oder Opfer eines Völkermords. Sie entwickelten ein sehr starkes Gefühl ethnischer Zugehörigkeit. Die Intelligenz war hoch entwickelt, schnell bildeten sich politische Parteien. 1890 entstand unter den Einfluss der Narodniki in Russland die Daschnak-Partei (Armenische Revolutionäre Föderation), die sich für die Autonomie der Armenier im Osmanischen Reich aussprach, sie zählte Terrorismus und Enteignungen zu ihren Kampfmitteln. Sie hatte die Unterstützung der armenischen Bourgeoisie und Einfluss auf die armenischen Arbeiter, besonders in Baku, wo ein Viertel der Arbeiter der Volksgruppe angehörten. In Baku und Tiflis hatten die Armenier großen Einfluss auf das städtische Leben, was zu Kämpfen mit den Aserbaidschanern 1905 und später 1917 mit den Georgiern führte.

Wie die Armenier haben die Georgier eine lange Geschichte eines unabhängigen Staatsgebildes. Vor der russischen Eroberung gab es ein loses Konglomerat unabhängiger Fürstentümer unter persischem und türkischem Einfluss, auch sie sahen die russische Herrschaft gegenüber ihren muslimischen Gegnern anfangs nicht ungern. Vor der Revolution wohnten die etwa zwei Millionen Einwohner bevölkerungsmäßig relativ kompakter als ihre Nachbarvölker. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde Tiflis zum kommerziellen und administrativen Zentrum des sich industrialisierenden Transkaukasien mit 190.000 Einwohnern, mit einer armenischen Mehrheit und einem Viertel Georgier. Das armenische Bürgertum und Kleinbürgertum beherrschte den Handel und die Stadtverwaltung, die russische Bürokratie die Staatsverwaltung, die Georgier nahmen nur untergeordnete Funktionen ein. Unter den Fabrikarbeitern der Stadt war die Mehrheit Georgier. Die georgische Intelligenz kümmerte sich um die nationale Frage. Nachdem seit den sechziger Jahren bürgerliche Gruppen dominierend waren, entstand in der letzten Dekade eine sozialdemokratische Partei mit Noe Schordania, dem späteren Präsidenten. Angesichts der armenischen Bourgeoisie und der russischen Staatsverwaltung konnte die Sozialdemokratie die Mehrheit der Arbeiter und auch großen Anhang unter den Bauern erringen, die nationale Unabhängigkeit spielte angesichts der Bedrohung durchs Osmanische Reich eine geringere Rolle.

- Asien

Zentralasien umfasst das Gebiet des damaligen Turkestan, heute ungefähr das Gebiet der Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan. Bis auf die Tadschiken sind alle Völker turkstämmig, in allen Gebieten ist der Islam die stärkste Religion. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde das Gebiet von Russland erobert, das es als Kolonien behandelte ohne ein durchgehendes Ziel – mit Ausnahme der militärischen Beherrschung. Ihr Nationalbewusstsein sollte sich erst im 20.Jahrhundert entwickeln. Auch in Sibirien waren die kleinen Völker noch nicht in die Phase der Nationenbildung eingetreten.

- Die Ukraine

Im südlichen Teilen Russlands lagen die Verhältnisse noch komplizierter. 1897 lebten im Russischen Reich 22 Millionen Ukrainer, 17,9 Prozent der Bevölkerung. Erst Ende des 19.Jahrhunderts kam der Begriff ‘Ukraine‘ für diese Territorien auf, die offizielle Bezeichnung war ‘Kleinrussland‘, eine nationale Identität entstand langsam. Die Volkszählung von 1897 zeigte, dass unter seinen drei Millionen Städtern nur 30 Prozent Ukrainer waren bei 34 Prozent Russen und 27 Prozent Juden.64) Ukrainer lebten vorwiegend als Bauern auf dem Land. Die Grundherren waren polnische oder russische Adlige, die soziale Frage auf dem Lande war mit der nationalen Frage eng verwoben, die Führerschaft der nationalen Bewegung fiel der kleinen ukrainischen Intelligenz zu. Das Gebiet westlich des Dnjepr hatte im 18.Jahrhundert noch zu Polen gehört, der grundbesitzende Adel war polnisch, er besaß 40 bis 50 Prozent des bebauten Bodens. Polen waren auch Gutsverwalter, Pächter, Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte, Bankiers und Unternehmer sowie mehr als die Hälfte der Intelligenz. Auch andere landwirtschaftliche Industrien waren von polnischen Besitzern dominiert, vor dem Weltkrieg kontrollierten sie 54 Prozent der privaten Industrieproduktion der drei Provinzen. Der Handel war von Juden dominiert, die meist in den Städten lebten und dort 40 Prozent der Einwohner stellten.65)

Die Schwarzmeerhäfen schufen gute Verbindungen zum Weltmarkt, 1865 wurde der Kauf von Land durch Polen verboten, nach 1863 beschuldigten die Herrschenden die Ukrainer der Komplizenschaft mit den Polen, natürlich leugneten sie die Existenz einer ukrainischen Sprache. 80 Prozent waren Analphabeten. Die Ukrainer gehörten teilweise der orthodoxen unierten Kirche an, sie praktizierte den Ritus der Ostkirche, erkannten aber den Papst in Rom als Oberhaupt an; der Zarismus übte eine strenge Aufsicht über die Unierten. Ukrainer lebten auch im östlichen Teil Galiziens unter österreichischer Herrschaft. Die ukrainische Nationalbewegung konnte sich angesichts der Unterdrückung unter der Autokratie dort eher als in Russland entwickeln. Hier entstand eine Schriftsprache, wurden die ersten ukrainischen Zeitschriften gedruckt, in Lemberg gab es ein ruthenisches Theater.66) In den sechziger Jahren entstand eine an die russischen Narodniki angelehnte populistische ukrainische Nationalbewegung, wie ihre russischen Gesinnungsgenossen wollten sie ‘ins Volk gehen‘; 1890 entstand eine Ruthenisch-Ukrainische Radikale Partei, die sich zur ukrainischen Nation bekannte.

- Die jüdische Minderheit

Nach Zerstörung der Gemeinschaften der sephardischen Juden waren die aschkenasischen Juden Osteuropas seit dem 16.Jahrhundert die größte jüdische Gemeinschaft. Nach den polnischen Teilungen wurden etwa eine Millionen Juden Untertanen der Zaren. 1897 gab es die erste diesen Namen verdienende Volkszählung, von den 126 Millionen Bewohnern des Zarenreiches waren 5,2 Millionen Juden, 4 Prozent der Bevölkerung, 4,9 Millionen lebten im Rayon. 1791 war der ‘Jüdische Siedlungsrayon‘ eingerichtet worden, kurz ‘Rayon‘ genannt, auf dessen Gebiet die Juden beschränkt wurden. 67) Trotz einer starken Emigration hatte sich der jüdische Anteil an den Untertanen Russlands in fünfzig Jahren verdreifacht. In allen Provinzen waren Juden eine Minderheit, lediglich in einigen Kleinstädten bildeten sie eine Mehrheit der Bevölkerung. 49 Prozent lebten in Städten, 33 Prozent in Marktflecken und 18 Prozent auf dem Land. 68) In Warschau wohnten 219.000 Juden, in Odessa 139.000 und in Lodz fast 100.000. Jiddisch war die Volkssprache, nur ein Viertel sprach russisch. Ihre Sozialstruktur war von jener der anderen Völker Russlands völlig unterschiedlich. Jahrhundertelange Spezialisierung und Diskriminierung hatten dazu geführt, dass Juden fast nie Bauern, aber einen großen Teil des städtischen Kleinbürgertums stellten. 1900 gab es knapp 100.000 Juden auf dem Land, davon 12.000 Tagelöhner. Hier lebten Juden meist als Gastwirte oder Geschäftsinhaber und Verwalter von Gütern sowie als Agenten für die städtischen Getreidehändler, daneben hatten sie einen kleinen Hof. Da sie als Beauftragte der Grundherren und als Geldverleiher agierten, zogen sie die Abneigung und den Hass der Bauern auf sich.

Karte 6: Bodenschätze und Industrie 1914

Die jüdische Bourgeoisie wuchs, 1898 beschäftigten 25.000 Fabriken und Werkstätten 11⁄4 Millionen Arbeiter. 1903 war 18 Prozent des Kapitals im Rayon in jüdischen Händen und produzierte etwa ein Viertel der Waren. Ihr Kapital konzentrierte sich auf die Bereiche Geldhandel, Lebensmittelindustrie, Transport, Tabak-, Zündholz- und Textilherstellung. Insgesamt gab es 3.000 jüdische Industrielle und Bankiers. Extrem groß war die mit geringem Kapital ausgestattete Zahl der Handwerker und Kleinhändler. 1893 waren 70 Prozent der Handwerker der Provinz Witebsk Juden. Traditionsgemäß waren sie in der Kleidungsbranche vertreten als Schneider oder Schuster. Die Zahl dieser Handwerker stand in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung, hinzu kam der wirtschaftliche Antisemitismus ihrer christlichen Konkurrenten, die zum Boykott des Kaufes ‘jüdischer‘ Waren aufriefen. 1891 waren im Rayon von 400.000 in Kleinbetrieben Arbeitender 241.000 Handwerksmeister, was eine Vorstellung von der Winzigkeit der Betriebe gibt. 69) Es wird geschätzt, dass in vielen Gemeinden bis zu 40 Prozent der Juden sogenannte ‘Luftmenschen‘ waren, also Menschen ohne spezielle Ausbildung, Beruf und Kapital, sie waren nur zeitweise beschäftigt und hingen von ihren Familien und Freunden ab. Juden lebten in den Städten meist isoliert in den Familien, der Synagoge und ihrem Stadtviertel ‘Stedl‘.

Die Bewegungsfreiheit der Juden wurde von Seiten des Staates ständig eingeschränkt. Bis 1827 zahlten Juden eine Steuer, statt Militärdienst zu leisten. Ab jetzt wurden auch Juden als Strafe zum 25-jährigen Militärdienst eingezogen. 1835 wurde den Juden verboten, näher als 50 Werst an der Staatsgrenze zu wohnen, um den Schmuggel zu verhindern. Als Alexander II. 1855 den Thron bestieg, änderten sich die Positionen zeitweise, er förderte die Wirtschaft und war offen für Reformen. Die Zahl jüdischer Studenten stieg stark an. Nach dem polnischen Aufstand 1863 veränderte sich die Haltung wieder negativ, die Aufständischen waren für die Emanzipation und bekamen viel Rückhalt von den Juden.

1882 verbot die Regierung den Juden im Siedlungsgebiet, außerhalb der Städte und Marktflecken zu leben und an Sonn- und christlichen Feiertagen Geschäfte zu machen. Sie durften sich im Siedlungsgebiet Polen, Litauen, Weißrussland, Ukraine und Bessarabien niederlassen, sie konnten auch nach Sibirien, Zentralasien und in den Kaukasus gehen, aber nicht ins eigentliche Russland, es sei denn sie waren Universitätsabsolventen, Mitglieder von Handelsgilden oder Prostituierte. 1887 wurde ein Numerus clausus von zehn Prozent jüdischer Studenten an Universitäten innerhalb und von fünf Prozent außerhalb des Siedlungsgebiets festgelegt, andere Schikanen kamen hinzu. Im Winter 1891 wurden 20.000 Juden aus Moskau und 2.000 aus Sankt Petersburg ausgewiesen. 70) Obwohl Emigration ohne behördliche Erlaubnis verboten war, flohen viele Juden über das österreichische Galizien und dann in die Vereinigten Staaten weiter, man schätzte die Zahl der jüdischen Flüchtlinge oder Auswanderer auf über eine Million. Später wurde die Auswanderung staatlich unterstützt. Unter Nikolaus II. änderte sich wenig an der judenfeindlichen Politik. Der Numerus clausus für jüdische Studenten wurde weiter auf sieben beziehungsweise drei Prozent verschärft. Immer wieder kam es zu Polizeiaktionen gegen Juden und Ausweisungen.

“Dieses Volk der Bettler, die Armee der Arbeitslosen, dies Lumpenproletariat gab es in keiner anderen Nation, es wuchs jeden Tag durch die vom Land in die Städte vertriebenen jüdischen Dorfbewohner.“

beschrieb 1904 ein französischer Autor.71)

Der Antisemitismus war tief in das Bewusstsein des Volkes eingedrungen. Ihre verletzliche Stellung innerhalb der Gesellschaft machte Juden zum idealen Sündenbock, auf dem man die Defizite der Gesellschaft abladen konnte. Außer in der kurzen Reformperiode der sechziger Jahre bediente sich der Staat kaum verhüllt des Antisemitismus. Alexander III. erklärte einer jüdischen Delegation:

“In den Seelen der Juden brennt auch eine Sünde: Man sagt, sie sind Schuld an der Ausbeutung der christlichen Bevölkerung.“ 72)

Immer wieder waren Polizisten, Popen und andere Staatsdiener in allen möglichen Formen an der Auslösung von Pogromen beteiligt und führten sie auch an, die Bürokratie unterstützte sie und trat ihnen nur ausnahmsweise entgegen. Durch die gesamte Geschichte des zaristischen Staates seit dem 19.Jahrhundert zieht sich eine blutige Spur von Gräueln. In der Bevölkerung wurden Gerüchte über jüdische Ritualmorde oder anderer Vergehen gestreut, wenn es wieder mal galt, von Problemen abzulenken. Aufgebrachte Bauern, Kleinbürger und Lumpenproletarier griffen jüdische Geschäfte und Häuser an, plünderten sie und legten Feuer, vergewaltigten Frauen, schlugen und töteten Männer, Frauen und Kinder. 1871 kam es zu einem dreitägigen Pogrom in Odessa, ohne dass der Staat einschritt. Nach der Erschießung Alexanders II. beschuldigte man die Juden, an seiner Ermordung beteiligt gewesen zu sein oder mit den Attentätern zu sympathisieren, es folgten Massaker besonders in der Ukraine. 1903 gab es ein Pogrom in Kischinew (Bessarabien), hier lebten 50.000 Juden und 60.000 Christen. In zwei Tagen wurden 45 Juden getötet, hunderte verletzt, 1.500 Häuser und Geschäfte geplündert. Dem Pogrom von Kischinew folgte das von Gomel in Weißrussland. In der Periode der Konterrevolution nach 1905 sollten dann antijüdische Gräuel einen neuen Höhepunkt erreichen. Nikolaus II. kaschierte seine antisemitische Haltung nicht.

Die Juden organisierten sich gegen Ausbeutung und Antisemitismus. 1897 wurde der Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund Russlands, Polens und Litauens gegründet, etwa um die gleiche Zeit entstand die zionistische Bewegung.

Karte 7: Entwicklung des Eisenbahnnetzes

Differenzierung der Bauernschaft

Die Bauernbefreiung öffnete das Fenster für ökonomische und politische Veränderungen. Von den neuen Ideen erschreckt, versuchte die Autokratie ihr Haus wieder gegen den Durchzug der neuen Ideen abzudichten. Aber da sie wirtschaftlichen Fortschritt wollte, konnte sie sich des politischen Fortschritts nur schwer erwehren.

Die Bevölkerung wuchs zwischen 1861 und 1914 von 73 auf 170 Millionen also um das Doppelte, es war der größte Anstieg der Bevölkerung eines Landes – nimmt man die Staaten mit starker Immigration aus. Ein Kritiker behauptete, das Recht auf ungehemmte Vermehrung der Bauern sei die einzige Errungenschaft der Befreiung. Für die Bauern war ein Zuwachs an Arbeitskräften erwünscht; durchschnittlich hatte eine russische Frau neun Geburten bei großer Kindersterblichkeit. Je mehr Arbeitskräfte eine Familie hatte, desto größer war der Anteil an Land bei der nächsten Landumverteilung in der Dorfgemeinschaft. Leider handelten die Nachbarn des Bauern nach der gleichen Logik. Das Bevölkerungswachstum reduzierte die Hofgröße des einzelnen Bauern ständig, von 4,8 Desjatinen 1860 auf 2,6 Desjatinen um die Jahrhundertwende 73)

Da die Bauern 20 Prozent des Landwertes sofort und den Rest in Raten abzahlen mussten, zahlten sie es den alten Herren mit Lohnarbeit zurück und verschuldeten sich. Dazu kamen private Geldverleiher, die bis zu 40 Prozent Zinsen verlangten. Bauern konnten nicht mehr im Wald Holz schlagen und auf den Wiesen Heu mähen, zu denen sie zuvor freien Zugang hatten; jetzt mussten sie zahlen. Die Dreifelderwirtschaft blieb weitgehend erhalten, die Anbaumethoden blieben primitiv, in ganz Russland gab es ein paar hundert Traktoren und Erntemaschinen, man nutzte weiter den Holzpflug. Die Ernährung blieb unzureichend, die Lebenserwartung gering, der Alkoholismus groß. Um die Steuern auf Wodka zu sparen, brannte man den ‘Samagon‘, den selbstgemachten Schnaps selber und legte sich darüber mit der Polizei an. Wer konnte, pachtete Land dazu, der Bodenpreis vervielfachte sich. Zusammen mit den exorbitanten Verbrauchssteuern auf Alkohol, Zucker, Streichhölzer und Tee, die etwa 18 Prozent des Bauerneinkommens ausmachten, sowie mit etwa 11 Prozent Abstandszahlungen differenzierte sich die Bauernschaft zusehends.74)

Ab 1870 wurden diese Unterschiede sichtbar. Die Semstwo-Statistiken zeigten auf, dass die wohlhabenderen Bauern mit mehr Land und Vieh ihr Einkommen um mehr als zwei Drittel stärker steigern und Land hinzu pachten konnten. Diese wohlhabende Schicht von Bauern nannte man ‘Kulaken‘.75) Sie beschäftigten ärmere Bauern als Lohnarbeiter und liehen ihnen Geld, kauften landwirtschaftliche Maschinen und verbesserten ihre Anbaumethoden. Jene, welche über Geld verfügten, nutzten die Situation durch Wucher aus. In den achtziger Jahren wurde der Kulak zur verhassten Person im Dorf.

Tabelle 6: Adeliges und bäuerliches Grundeigentum 1862 – 1911 in tausend Desjatinen 76)

Jahr Adeliges Grundeigentum Bäuerliches Grundeigentum
1862 87.181 93,8 % 5.745 6,2 %
1882 71.245 86,9 % 10.700 13,1 %
1904 51.854 68,1 % 24.307 31,9 %
1911 43.205 58,7 % 30.437 41,3 %

Trotz der Missernten 1891/1892 und 1905 bis 1908 zwang der Staat die Bauern, ihre Abgaben und Steuern ungemindert zu zahlen. Die ärmeren Bauern belasteten ihr Land durch Hypotheken. Der Staat konnte die Getreideexporte – 1887 bis 1891 25 Prozent des auf dem Markt gehandelten Korns, 47 Prozent der Agrarimporte Westeuropas – aufrecht erhalten und Devisen erwirtschaften.77) Die Dorfarmut versuchte ihr Einkommen durch Wanderarbeit zu verbessern. In der Provinz Orel in der zentralen Schwarzerderegion gingen 1,5 Millionen Menschen oder 25 Prozent der Arbeitskräfte dieser Region saisonal zur Arbeit außerhalb der Region; in den zwanzig Jahren vor der Revolution verließen eine Millionen Menschen die geplagte Gegend. 78) Die Zahl der Landarbeiter stieg stärker als die derjenigen, die in der Industrie Beschäftigung suchten.

Die zaristische Statistiken waren ausgesprochen ungenau, da der Wechsel vom Land zur Stadt sich nach und nach über das Pass-System vollzog. Wollte ein Bauer zur Arbeit in die Stadt gehen, so musste er sich von der Dorfverwaltung einen Pass ausstellen lassen, die ihm die Abwesenheit vom Dorf für maximal fünf Jahre gestattete. 1901 bis 1910 wurden 8,87 Millionen Inlandspässe ausgegeben, besonders in den zentralrussischen Provinzen um Moskau. 79) Der Bauer konnte dann in der Stadt Arbeit suchen und zur Ernte wieder sein Feld bestellen. Der Vorteil für ihn lag darin, dass er weiter als Mitglied der Obschina zählte und bei der nächsten Umverteilung des Landes berücksichtigt wurde. Viele Fabriken stellten zur Erntezeit die Tätigkeit ein, da ihre Arbeiter im Spätsommer nicht zu halten waren. Der Übergang vom Land in die Stadt verzögerte sich dadurch, auch wenn ein Arbeiter schon jahrelang in der Stadt Lohnarbeit verrichtete, zählte er weiter zur Landbevölkerung, wenn er Mitglied einer Dorfgemeinschaft war und dort seine Steuern zahlte. Die Arbeiterklasse konnte also durch die Verelendung der Bauern entstehen. Die in die Städte strömenden Bauern hatten Schwierigkeiten, sich an die geregelte Arbeitszeit mit der relativ gleichmäßigen Arbeitsbelastung der Fabriken zu gewöhnen. Das kontinentale Klima mit der kurzen Vegetationsperiode drängte die landwirtschaftliche Arbeit auf wenige Monate mit extremer körperlicher Arbeit zusammen, danach hatte man viel Zeit auszuruhen. So wurde der Übergang zur modernen Klassengesellschaft verzögert. Besonders im zentralen Industriegebiet konnte man im 20.Jahrhundert hunderte von ‘Frauendörfern‘ beobachten, in denen die Frauen, Kinder und Alten die täglichen Arbeiten verrichteten und die Männer nur zur Erntezeit nach Hause kamen. Die ungenauen Zahlen der Statistik gehen von einer Vervierfachung der Zahl der städtischen Lohnarbeiter zwischen 1860 und 1913 auf etwa 3,6 Millionen aus. 80)

Neben der Industrie entwickelten sich in bescheidenem Maße Handwerk und Kleinbetriebe auf dem Dorf. Die Zahl der Handwerker war immer bedeutend kleiner als in Westeuropa. Diese ‘Kustar-‘ oder Dorfindustrie zählte 1917 offiziell 3,5 Millionen Betriebe, Schätzungen von um 1900 geben eine Zahl von sieben bis acht Millionen Tätigen an.81) Sie machten vielleicht ein Viertel bis ein Drittel der Industrieproduktion aus, teilweise arbeiteten sie nur im Winter. Sie waren nur mechanisiert, es gab kaum Wettbewerb, sie konnten sich schnell umstellen, waren meist Familienbetriebe mit geringen Gewinnen ohne Zugang zum Kredit. Bei fehlender Grundlage konnte der Dorfhandwerker in die Landwirtschaft oder Industrie abwandern, um im nächsten Herbst einen Neuanfang zu versuchen. Sie geriet immer stärker in Abhängigkeit von der Großindustrie und dem kapitalistischen Markt.

Besonders in der Schwarzerderegion vermehrte sich das Elend. Die Landreform hatte die Größe der Felder reduziert. Nach Jahren intensivster Bebauung verringerten sich Bodenqualität und Ernteerträge, es gab kaum Weiden, immer mehr Vieh weidete auf immer kleineren Flächen. Die Zahl des Viehs sank wie die Ernteerträge, weniger natürlicher Dünger wurde erzeugt. Mit den neuen gewonnenen Getreideanbauzonen der Steppe, dem Wolgagebiet und Kuban konnte diese Zone seit dem Bau der Eisenbahn nicht mehr konkurrieren. Die Bauern waren gezwungen, statt Weizen weniger ertragreiche Sorten wie Roggen, Buchweizen und Dinkelweizen anzubauen. Viele konnten ihre Pferde nicht mehr ernähren und wurden physisch schwächer, Soldaten konnten nicht mehr rekrutiert werden. Männer wanderten saisonal in die neuen Weizenanbaugebiete, andere gingen in die Industrie und fingen sich einen ‘Rebellenvirus‘ ein.

In Polen und der Zentralregion um Moskau war die Situation der Landwirtschaft besser, hier verbesserte der Bau der Eisenbahn die Lage, im Westen passten sich die Grundherren eher den kapitalistischen Verhältnissen an. Die polnischen Großgrundbesitzer konzentrierten sich auf den Zuckerrübenanbau und Getreideanbau zur Destillation. Die Kuban-Region an den Nordhängen des Kaukasus wurde zur wohlhabendsten Weizenanbauregion des Landes; die Bauern waren Kosaken, Deutsche und russische Kulaken mit recht großen Höfen, die nach dem Bau der Rostow-Baku-Linie von der Eisenbahnverbindung profitierten. In Zentralasien und Kasachstan waren 1910 2,6 Prozent des Bodens bewässert; hier wurde von russischen Kolonialisten Baumwolle angebaut; in den nördlicheren Regionen verdrängte der Weizenanbau und die Schafzucht die Nomadenwirtschaft. Durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn schickten die Farmer Westsibiriens große Mengen Lebensmittel nach Russland und Europa. Täglich verließ ein gekühlter Butterzug das heutige Nowosibirsk nach Westen. Sibirische Kulaken hatten keinen Mangel an Land, aber an Arbeitskräften.82)

1905 hatte sich der Umfang des adligen Landeigentums auf 59 Prozent reduziert. Während im Westen die polnischen Grundherren noch 80 Prozent halten konnten, waren in der Region Moskau nur noch 45 Prozent des ursprünglichen Herrenlandes in adliger Hand.83) Die Obschina hatte die Abschaffung der Leibeigenschaft ermöglicht, ohne dass sich der Status der Bauern wesentlich verändert hatte. Sie garantierte Ruhe und Ordnung in einer Art Kollektivhaftung. Wenn die Obschina das nicht konnte, schickte der Staat den Landhauptmann, der mit Strafen nicht nur drohte. Der Dorfälteste wurde eingesperrt oder damit bedroht, dann kam es zu Versteigerungen ohne zu fragen, wer säumig war. Die bäuerliche Selbstverwaltung war gewählt, aber ihre Entscheidungen hingen von Landhauptmann ab. Ihre Mitglieder pachteten Land, wurden oft reich und waren käuflich. Die Bauern glaubten meist nicht an die Gerechtigkeit in der Dorfgemeinschaft. Aber für die Regierung war sie der Garant für Ordnung und Steuereinkünfte. Die Grundherren sahen durch sie Pachtzinsen und billige Arbeitskräfte garantiert. Für die Bauern war wichtig, dass sie ihnen ein Stück Land garantierte, das ihnen die Hoffnung zum Überleben gab. Sie förderte die bäuerliche Solidarität gegen die Grundbesitzer, deren Boden sie zum Überleben brauchte. Damit konnte sie von einem Faktor der Ordnung zu einem Träger der Revolution werden. 1905 war den Herrschenden klar, dass sie die Obschina fürchten mussten. 84)

Tabelle 7: Beschäftigte nach Branchen 1897 in Prozent 85)

Landwirtschaft 74,6 %
produzierende Industrie 9,3 %
private Dienstleistungen 4,6 %
Handel 3,8 %
Pensionäre, Rentiers 1,8 %
Transport 1,6
öffentlicher Dienst 1,4 %
Militär 1,0 %
Bergbau 0,4 %
Klerus 0,6 %
Sonstige 0,9 %

Das Entstehen der Arbeiterklasse

Eine Trennung von Bauern und Arbeitern hatte um 1890 begonnen, war aber nicht abgeschlossen. Die größte Zahl war die der Landarbeiter, 4,5 bis 6,5 Millionen. Auch bei den Bau-, Transport- und sonstigen Hilfsarbeitern sowie Tagelöhnern handelt es größtenteils um bäuerliche Wanderarbeiter. Die Zahl der Industriearbeiter wuchs 1860 bis 1913 von 1,6 auf 6,1 Millionen, davon war etwa die Hälfte als dörfliche Handwerker tätig. 86)
Die Bezeichnung Industriearbeiter war eher nach polizeilich-administrativen Kriterien bestimmt. Ein Bäcker, der in einem städtischen Betrieb mit 20 Beschäftigten arbeitete, war Fabrikarbeiter; waren es nur 15 Beschäftigte, war er Handwerker. Ein Weber in einem dörflichen Kleinbetrieb mit 15 Beschäftigten war Handwerker, sein Kollege in einem 20-Mann Betrieb Fabrikarbeiter. Mechanisierungsgrad, Organisation des Produktionsablaufes und Struktur der Beschäftigten spielten keine Rolle.

In den neunziger Jahren strömten 400.000 Bauern in die Hauptstadt, nach Moskau kamen 1892 bis 1902 260.000 Leute vom Land. 1900 hatte Sankt Petersburg 1,4 Millionen Einwohner, Moskau 1,1 Millionen, zu Beginn des 1.Weltkrieges waren es 2,2 bzw. 1,7 Millionen. 25 Prozent der Einwohner der Hauptstadt waren Fabrikarbeiter, in Moskau 21 Prozent. 87) Viele kehrten, wie wir gesehen haben, zur Erntesaison oder nach einer Entlassung wieder ins Dorf zurück, um es im nächsten Jahr wieder zu versuchen. Am weitesten entwickelt war der westliche Landesteil Polen und das Baltikum. In den Städten des Westens wie Wilna, Mogilew oder Kiew galt das nur eingeschränkt, Kleinbetriebe mit handwerklicher Produktion und jüdischen neben russischen Arbeitern waren hier charakteristisch.

Fabrikarbeiter lebten unter Bedingungen wie zur Zeit der frühindustriellen Revolution Westeuropas. Bis Mitte der neunziger Jahre stieg das Lohnniveau, dann fiel es wieder. Ein Arbeiter in einer Moskauer Textilfabrik verdiente die Hälfte eines Metallarbeiters, der wieder die Hälfte eines Metallers in Riga. Der Durchschnittslohn eines Moskauer Textilarbeiters um 1900 betrug 15 Rubel monatlich, für eineinhalb Tage musste er arbeiten, um ein Pfund Fleisch zu kaufen, fünf Tage für einen billigen Anzug, zwei Wochen für ein Paar Schuhe. Der Lohn reichte für die Basisbedürfnisse. Die Arbeitszeit betrug 14 bis 16 Stunden. Arbeiter hatten je eine Woche Weihnachts- und Osterferien sowie im Sommer zur Erntezeit. Männer verdienten 10 bis 18 Rubel im Monat, Frauen 5 bis 8, Jugendliche 3 bis 5 Rubel; ein Kilo Brot kostete 5-8 Kopeken, ein Pfund Butter 30-35.88)

Viele arbeiteten für Stücklohn und waren von der Willkür ihrer Vorarbeiter abhängig. Die Arbeiter litten unter dem Fabriksystem, rebellierten, zerstörten Maschinen und verfielen wieder in Apathie. Die Wohnbedingungen waren kaum besser: In Petersburg verdiente man weniger schlecht, dafür waren die Wohnungen teuer und minderwertig. Öffentlichen Wohnungsbau gab es nicht, wenn man Glück hatte, bekam man eine kleine Wohnung bei einem der wenigen philanthropischen Fabrikbesitzer. Es war üblich, dass sich ganze Familien eine Wohnung oder gar ein Zimmer teilen mussten.

Die ältesten legalen Arbeiterorganisationen waren Handwerkerzünfte und gegenseitige Hilfsorganisationen. Sie stammten aus dem 18. und 19.Jahrhundert und existierten noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts; jeweils über 50.000 Handwerker waren in beiden Großstädten Zunftmitglieder. Im 19.Jahrhundert entstanden gegenseitige Hilfsorganisationen bei Krankheit und Unfällen, Drucker und Handelsangestellte waren die ersten, Besitzer und Lohnabhängige waren Mitglieder, 1905 waren 25 bis 30 Prozent der Schriftsetzer Mitglieder ihrer gegenseitigen Hilfsorganisation, es handelte sich im Wesentlichen um Organisationen hochspezialisierter Berufsgruppen. 89)

Karte 8: Territoriale Expansion im 19. Jahrhundert


Widerstrebend gestattete die Regierung Gesellschaften für gegenseitige Hilfen der Arbeiter. Es war angesichts des Fehlens einer staatlichen Versorgung und der unbezahlbaren Höhe privater Versicherungsgesellschaften der einzige Schutz bei Unfällen und Krankheit. Sie existierten unter rigider Staatskontrolle, bis 1906 waren Gewerkschaften verboten, ebenso ‘Klassenhass erzeugendes Verhalten‘ und wurden zwischen acht Monaten Gefängnis bis zu lebenslanger Verbannung bestraft. Bei ‘schweren‘ Organisationsversuche wurden bis zu sechs Jahren Zwangsarbeit verhängt. Administrative Strafen wurden auch ohne Gerichtsverhandlung ausgesprochen, das ließ vor allem die jüngeren Arbeiter rebellieren. Einige Teile der Bürokratie hielten das um die Jahrhundertwende für kontraproduktiv und befürworteten Arbeiterorganisationen unter strenger Polizeikontrolle.

Tabelle 8: Soziale Zusammensetzung der Arbeiter in Sankt Petersburg und Moskau um 1900 90)

Branche St. Petersburg Moskau
Fabrikarbeiter 161.924 111.719
Kleinbetriebe, Handwerker 150.709 151.359
Handelsangestellte 109.479 85.821
ungelernte Buarbeiter 2.893 3.127
Transportarbeiter 46.483 49.799
Hausangestellte 166.479 133.167
Kommunikationsarbeiter 3.690 3.530
zusammen 641.656 537.422

Die Arbeits- und Lebensverhältnisse reduzierten auch die Zahl der Rekruten der Armee. Zögernd erließ die Regierung ab 1885 Arbeitsschutzbestimmungen, sie umfassten aber nur Betriebe ab 20 Beschäftigte. Die Arbeiter bekamen Arbeitsverträge, sie konnten während der Vertragsdauer nicht entlassen werden, die Löhne durften nicht reduziert oder erhöht werden. Kinderarbeit bis 11 Jahre wurde verboten und auf acht Stunden für die 12- bis 15-jährigen begrenzt. Nachtarbeit für Frauen und Jugendliche war ab jetzt untersagt der Lohn musste in bar und durften nicht mehr in Naturalien ausgezahlt werden. Eine staatliche Fabrikinspektion wurde 1882 eingeführt. 1897 wurde der Maximal-Arbeitstag auf elfeinhalb Stunden und zehn Stunden samstags festgelegt, Nachtarbeit wurde auf zehn Stunden fixiert. Trotz der Schlupflöcher war das ein wichtiger Schritt vorwärts. In der Petersburger Metallindustrie hatte man zuvor 12 oder 13 Stunden gearbeitet, in der Moskauer Textilindustrie 14 bis 15 Stunden. 91)

1885 kam es zum ersten Streik in einer Moskauer Weberei gegen eine Lohnsenkung. 1884 bis 1890 entstanden drei Arbeiterzirkel in Petersburg mit einigen dutzend Mitgliedern, die schnell von der Polizei zerschlagen wurden. Die 80.000 Streikenden zwischen 1881 und 1886 hatten kaum mehr als eine spontane Organisierung. Zwischen 1895 und 1899 griff die Armee in 269 industrielle Konflikte ein, besonders die Kosaken zeichneten sich durch ihre Brutalität aus. 92) Arbeiteraktionen wurden in den neunziger Jahren zu einem nationalen Phänomen.

Der Zar sah sich als der Beschützer der Arbeiter. Einer von ihnen drückte seine Hoffnungen aus:

“Wie die Mehrheit der Arbeiter glaubte ich, dass der Zar uns Gerechtigkeit verschaffen und uns gegen [unsere] Feinde verteidigen würde. Unser Glaube in ihn war noch nicht erschüttert. … Jeder Versuch, ihn zu zerstören, stieß auf einmütigen Widerstand. Als die Leute anfingen von der geplanten Prozession zur Überreichung der Petition am Zarenpalast zu reden, begann dieser Glaube wie eine helle Flamme zu lodern. Er umfasste alle Hoffnungen der Arbeiter für ein besseres Leben und für Gerechtigkeit, von denen der Zar nichts wusste und man ihm nichts gesagt hatte. Wenn jemand das bezweifelte, selbst wenn es ein Arbeitskollege oder Freund war, wurde er für uns zum blutigen Feind.„ 93)

Liberale und Narodniki

Unter der Intelligenz erweckten die Reformen des Zaren große Hoffnungen, die aber schnell enttäuscht wurden, Nihilismus breitete sich aus. Progressive Landadlige und die Semstwo-Mitarbeiter diskutierten liberale, volkstümlerische und marxistische Theorien. Die Intellektuellen standen in ständigem Widerstreit zwischen Westeuropäern und Slawophilen. Die Intelligenz war 1905 zahlenmäßig ebenso stark wie der Adel. Um die Jahrhundertwende hatte die Mehrheit der Provinzstädte weder eine Fabrik noch eine Bahnstation, dafür mehr Kasernen, aber drei Viertel der 900 Provinzstädte hatte Bibliotheken und Buchhandlungen, alle Provinzhauptstädte besaßen Museen und Theater. Moskau besaß 1904 13 Tageszeitungen und 99 Zeitschriften, die sibirische Stadt Tomsk mit ihren 52.000 Einwohnern bot den Lesern elf lokale Tageszeitungen und Zeitschriften an. 94) Die Industrialisierung ging Hand in Hand mit der Ausweitung des Schulsystems, 40 Prozent der 120.000 Studenten kamen 1914 aus Familien von Handwerkern, Arbeitern und Bauern.

Bild 4: Arbeiterin in ihrer Petersburger Wohnung
bild_5_arbeiterin_in_ihrer_petrograder_wohnung.jpg

Die Intelligenz diskutierte die Frage, ob der Kapitalismus in Russland Einzug halten werde oder ob es einen russischen Sonderweg gebe. Marx und Engels hatten die These genährt, dass die Obschina Russland den Weg zum Kapitalismus ersparen könne.95) Die jungen Intellektuellen gruppierten sich um den Populisten Alexandr Herzen und seine Exilzeitschrift Kolkol (Die Glocke). Er forderte die intellektuelle Jugend auf, dem Volk die Aufklärung zu bringen. Die Zukunft Russlands sei der russische Bauer, der Muschik, die Fundamente des Kommunismus in Russland existierten bereits mit Mir und Obschina. Die russische Gesellschaft habe mit ihrer Hilfe die Möglichkeit, den Kapitalismus und den schmerzhaften Weg der Verwandlung der Bauernschaft in Industriearbeiter wie in Westeuropa zu vermeiden. Sie nannten sich Narodniki, Volkstümler. Herzen rief sie auf:

“Geht ins Volk. … Zeigt ihm, … dass ihr nicht zu neuen Bürokraten werdet, sondern Kämpfer für das russische Volk!“ 96)

Sie gründeten 1861 die Geheimgesellschaft, ihr Name Semlja i wolja (Land und Freiheit) war ihr Programm, man führte heftige Diskussionen über die Bauernfrage. Diese Bewegung der Ober- und Mittelklassen-Jugendlichen mag naiv und konfus gewesen sein, aber sie war mutig und selbstlos. Ihr Programm war utopisch, aber viele gaben ihren Wohlstand und die Perspektive ihrer Karrieren zugunsten der Aussicht auf Tod, Gefängnis und Verbannung im Kampf für eine bessere Welt auf. Unter ihnen waren die Theorien von Michail Bakunin eher verbreitet als der durch die Zensur versperrte ‘Ökonomist‘ Karl Marx. Nach Bakunin war das Volk durch seinen Instinkt revolutionär und sozialistisch, wie die großen Rebellionen von Stenka Rasin und Pugatschow und vieler Banditen bewiesen hätten. Die jungen Studenten wollten in die Dörfer gehen, die Bauern revolutionieren und Rebellionen auslösen. Die lokalen Aufstände würden eine Repression auslösen, der Widerstand dagegen würde die gesamte Ordnung zum Zusammenbruch bringen.

Im Sommer 1874 entschieden sich Hunderte von ihnen zu den Bauern ‘ins Volk‘ zu gehen, sie hatten die Brücken zum guten Leben hinter sich abgebrochen, ein konkreter Plan fehlte ihnen. Mit gekaufter Arbeitskleidung und falschen Pässen reisten sie in die Dörfer, suchten ein Handwerk zum Broterwerb zu erlernen. Bewaffnet mit Ideen von besonderen ‘russischen Weg zum Sozialismus‘ ließen sie die geknechteten Bauern in einem verklärenden Licht erscheinen. Die Dorfgemeinschaft Mir sei von ihrer Konstruktion her per se der Gegner des Staates, nicht für demokratische Forderungen müsse man kämpfen, sondern den Staat stürzen, um ihn durch eine Föderation der lokalen Kommunen zu ersetzen.

Ihre Erfahrungen waren mehr als ernüchternd. Die Bauern erwiesen sich als ausgesprochen misstrauisch und feindlich. Einer der Studenten berichtete:

“Die Bauern wollten uns nicht in ihren Hütten übernachten lassen, scheinbar mochten sie unsere schmutzige, abgetragene Kleidung nicht. Das war das Letzte, an das wir gedacht hatten, als wir uns als Arbeitsleute anzogen.“ 97)

Versuchten sie zu agitieren, zeigten sich die Landleute im besten Fall misstrauisch. Überall hörten die Bauern diesen seltsamen Propheten mit Erstaunen, Überraschung und Misstrauen zu. Es kam auch vor, dass die Studenten gewaltsam aus dem Dorf vertrieben wurden, oft hetzte man die Dorfpolizisten hinter ihnen her. In 30 Provinzen gab es diese Bewegung, nirgendwo konnten die Bauern zum Aufstand bewegt werden. Desillusioniert kehrten die modernen Jakobiner in die Städte zurück.

Die Staatsautorität verstand schnell die Bedeutung der Bewegung. Das Ergebnis war eine große Verhaftungswelle, 4.000 wurden verhaftet, 770 wurden verurteilt. 98) Viele kehrten als Lehrer, Ärzte oder Tierärzte aufs Dorf zurück, bildeten die Bauern und warteten auf bessere Zeiten. Mit geduldiger Volksaufklärung war ein kleiner Teil unzufrieden, der aus der Niederlage die Folgerung zog, den Zarismus mit terroristischen Methoden zu bekämpfen, man müsse der zu langsam sich bewegenden Geschichte etwas nachhelfen. Seit 1876 versuchten sie in Russland eine Organisation auf die Beine zu stellen, Agitation und Zerstörung des Staates waren ihre Aktionsmittel. 1876 waren etwa 25 Mitglieder der Narodnaja Wolja (Vokswille) in einer zentralen Gruppe und sechs oder sieben Gruppen mit vielleicht je zehn Mitgliedern in der Provinz. 99)

Im Herbst 1877 wurden etwa 200 junge Menschen der Bewegung ‘Ins Volk gehen‘ vor Gericht gebracht, drei Jahre hatten sie ohne Prozess im Gefängnis geschmachtet. Die Gefängnisse wurden ausgesprochen brutal geführt. Während des Prozesses besuchte Trepow, der Gouverneur von Sankt Petersburg, ein Gefängnis und erregte sich über einen Gefangenen, der sich weigerte, seine Kopfbedeckung abzunehmen. Der Gefangene erhielt eine Prügelstrafe, an deren Folgen er starb. Dieser Vorfall und die Urteile in den Prozessen brachte die Stimmung zum Sieden.

Nach einem Prozess kam ein junges Mädchen zu einer Audienz von Trepow, sie zog einen Revolver und verletzte ihn. Das Attentat von Wera Sassulitsch war ein Racheakt für die Ermordung des totgeprügelten Gefangenen. 1878 war das erste Jahr der Attentate, die Welle dauerte bis 1881 an. Sassulischs‘ Aktion war ein Fanal. In einigen Städten tauchten Plakate auf: ‘Das wird das Schicksal fast eines jeden Judas‘, unterschrieben war das Plakat: ‘Exekutivkomitee der Sozialrevolutionären Partei‘. 1879 wurde das Zentrum von Semlja i Volja zerschlagen, Nachfolger bauten Narodnaja Wolja auf. Mit dem bewaffneten Kampf hoffte Narodnaja Wolja eine Massenbewegung unter dem Volk, vor allem natürlich den Bauern, auszulösen, die Autokratie zu stürzen und den Sozialismus einzuführen. Von den Marxisten wurden sie als ‘Liberale mit der Bombe‘ denunziert. Wenn man die Bauern schon nicht durch Überzeugung zum Aufstand bringe, müsse man sie eben mit der Pistole vor sich her treiben. Sie machten das Volk zum passiven – bestenfalls sympathisierenden – Zuschauer ihrer Taktik, ihre ‘Erfolge‘ musste es teuer bezahlen, denn Opfer der Reaktion der ‘Sicherheitskräfte‘ waren stets Bauern, Arbeiter, Juden, das Volk.

Das Programm von Narodnaja Wolja verlangte eine Nationalversammlung mit gleichem Wahlrecht, demokratische Rechte, das Land für die Bauern und die Fabriken den Arbeitern. Eines ihrer Mitglieder plazierte eine Bombe im Winterpalais. Die Ermordung des Zaren 1881 löste eine breite Repressionswelle aus. 23 Menschen wurden in zwei Jahren gehängt, unter ihnen war auch Lenins Bruder Alexandr Uljanow, Hunderte wurden deportiert, Hungerstreiks wurden mit Zwangsernährung bestraft. Die Repression schuf neue Terroristen, die wieder gnadenlos abgestraft wurden, ein infernaler Kreis. Die Zensur wurde verschärft, das traf auch die liberalen Publikationen. Besonders die nationalen Minderheiten wurden durch das Verbot aller nichtrussischen Texte hart getroffen. Den Juden wurde vorgeworfen, sie seien Organisatoren oder zumindest Sympathisanten der Terroristen. Gesetze verschärften die Herrschaft der Grundbesitzer über die Bauern. Ab 1882 zerbrach die Bewegung der Narodniki in einzelne Fragmente.

Nach der Theorie der Volkstümler waren die Arbeiter weiter vom Sozialismus entfernt als die Bauern, sie seien vom städtischen Leben infiziert und unfähig, ihre Verbindung zu den Bauern zu erkennen und so für die Propaganda der Populisten kaum zu erreichen. Unter dem Eindruck der Niederlage unter den Bauern erstreckten die Narodniki aber bald ihre Agitation auch auf die Arbeiter.

Als Alexander III. starb, überreichten die Semstwo-Liberalen seinem Sohn Nikolaus II. eine Petition, aber der neue Zar hielt am Prinzip der Autokratie fest. Die Intelligenz zog sich von der Gesellschaft zurück, Spiritismus, Mystizismus, Pornografie, Symbolismus gewannen Anhänger. Die Kunst- und Denkrichtungen zeigten die gesellschaftliche Sackgasse nach dem Scheitern von Narodnaja Wolja auf. Die liberale Jugend kleidete sich in Bauerntracht und wurde ‘tolstoijanisch‘, kämpfte mit Wohltätigkeit gegen den Hunger und den Analphabetismus. Das war auch die Zeit der Anfänge des ‘legalen Marxismus‘. Der Marxismus kam in der Form teurer Bücher nach Russland. Die legalen Marxisten waren meist Kantianer und lehnten die Dialektik ab. Trotz ihres intellektuellen Flirts blieben sie fest in Lebensstil und Psychologie in der bürgerlichen Klasse verankert, Sozialismus interessierte sie als intellektuelle Kraft zur Durchsetzung bürgerlicher Demokratie. 1905 brach ein Teil mit der sozialdemokratischen Bewegung und trat den Liberalismus bei.

1899 gab es Studentenstreiks in Petersburg und im ganzen Land, die Autokratie reagierte ausgesprochen brutal und drohte allen Teilnehmern mit der Zwangsrekrutierung zur Armee. Die Bewegung fand große Zustimmung unter der gebildeten Bevölkerung, der Streik konnte von den Studenten mehrere Wochen durchgehalten werden. Die Bewegung ging 1900 weiter, in Kiew wurden 163 Studenten verhaftet und in die Armee gesteckt. Das führte zu neuen Demonstrationen, Arbeiter beteiligten sich daran. In Petersburg wurde die Versammlung brutal auseinander getrieben, die bürgerliche Gesellschaft antwortete erstmals mit einem Massenprotest. Die in den Kasernen festgesetzten Studenten trafen auf Sympathie bei den Soldaten. Auch die Besitzenden befanden sich in Gärung. Demokratische Intellektuelle, das sogenannte ‘dritte Element‘, hatten in den Landschafts- und Stadtverwaltungen, den Semstwos, eine Opposition gegen die örtlichen Regierungsvertreter entfacht. Sie stellten die Interessen der kommunalen Selbstverwaltungen in den Vordergrund und stellten in den Semstwo-Versammlungen allgemein-staatliche Fragen auf die Tagesordnung. Aus dieser Bewegung bildeten sich Semstwo-Demokraten, der Befreiungsbund um Miljukow und die späteren liberalen Demokraten, die Kadetten. Zur gleichen Zeit entstand die Nachfolgeorganisation der Narodniki, die Sozialrevolutionäre, sie setzten wie die Narodniki auf den individuellen Terror. 100)

Karte 9: Die Völker Russlands

Die erste Arbeiterorganisation war in den Siebzigern die Arbeiterunion Südrusslands in Odessa. Sie hatte 50 bis 60 Mitglieder und unterstützte zwei Streiks. Sie wuchs in anderen Städten der Schwarzmeeküste, bevor sie 1875 von der Polizei zerschlagen wurde. Sie hatte auch neben Populisten Anarchisten und Jakobiner in ihren Reihen. Ein Neuanfang wurde gestartet, aber 1881 wurde die Arbeiterunion endgültig zerschlagen. Der junge Georgi Plechanow arbeitete unter Arbeitern in Sankt Petersburg. Intellektuelle suchten sich bewusste Arbeiter, separierten sie von der Masse und schulten sie in kleinen Zirkeln. 1876 kam es in Petersburg zu einer Demonstration auf dem Platz vor der Kathedrale von Kasan von 200 bis 300 Intellektuellen und Arbeitern. Georgi Plechanow hielt eine kurze Rede und endete mit 'Lang lebe die soziale Revolution, lang lebe ‘Land und Freiheit‘, eine rote Fahne mit Land und Freiheit wurde entfaltet, dann griff die Polizei ein. Die Intellektuellen wurden hart bestraft, die Arbeiter weniger hart. Es war eine Aktion der Nordunion der Russischen Arbeiter. 1879 war ihr stärkstes Jahr, sie hatte 200 Kader und 200 Anhänger in den Betrieben; 1878/79 gab es 26 Streiks in Sankt Petersburg, mehr als jemals zuvor. Die Zirkel waren sozialrevolutionär und schon vom Marxismus und der deutschen Sozialdemokratie beeinflusst.

Der Marxismus hatte bisher nur geringen Einfluss in Russland gehabt. Die Vorstellung, den mühseligen Weg der kapitalistischen Entwicklung zu gehen hatte gegenüber der ‘Propaganda der Tat‘ Bakunins wenig Attraktivität für die revolutionäre Jugend. Plechanows großes Verdienst war es, den Marxismus in Russland auf eine konkrete theoretische Basis zu stellen. Er reagierte auf die Krise der Populisten mit einem gründlichen Studium der Theorien von Marx und Engels, floh 1880 nach Westeuropa und traf dort auf die Arbeiterbewegung. Eins der wenigen in Russland nicht verbotenen Bücher von Marx war das Kapital, dessen Verständnis die Zensoren wohl überforderte.

1883 gründete sich die fünfköpfige Gruppe mit Plechanow, Axelrod, Sassulitsch und Lew Deutsch Oswoboshdenije Truda (Befreiung der Arbeit). Die Narodniki-Gruppen griffen sie scharf wegen ihrer Ablehnung des Terrorismus an, sie seien keine Revolutionäre, sondern Soziologen. In den achtziger Jahren setzten sich in Europa die Sozialdemokraten durch, Plechanows Gruppe schloss sich eng ihrer Theorie an.

Die Arbeiten Plechanows legten die Basis für die Gründung einer sozialdemokratischen Partei in Russland, er meinte im Gegensatz zu den Volkstümlern, Russland müsse den kapitalistischen Weg beschreiten wie die Staaten Westeuropas. Die Bauern seien eine konservative Restklasse, die sich allmählich in Kulaken und Dorfarmut aufspalten werde. Mit dem Kapitalismus entwickelten sich Bourgeoisie und Proletariat, die im Kampf gegen den Absolutismus zusammen gehen müssten. Erst nach der bürgerlichen Revolution, wenn sich ein zahlreiches Proletariat entwickele, könne es eine proletarische Revolution einleiten. ‘Sozialismus und politischer Kampf‘, ‘Unsere Differenzen‘, ‘Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung‘ waren seine wichtigsten Werke, mit denen er die Narodniki attackierte. Die achtziger Jahre waren die Zeit einer Grabesstille im Zarenreich, die Exilanten in Genf waren isoliert. In den neunziger Jahren gewann die Gruppe ein großes Ansehen unter der wachsenden Zahl der marxistischen Jugend und Plechanows Name wurde in jedem Propagandazirkel Russlands ein Begriff.

Bild 5: Wera Sassulitsch
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1891/92 gab es eine große Hungersnot, die eine Typhus- und Cholera-Epidemie nach sich zog und an der Wolga 40 Millionen Bauern bedrohte. Tausende von hungernden Dörflern strömten auf der Suche nach Nahrung und Arbeit in die Städte. Paradoxerweise ging die Krise auf dem Land mit einer Konjunktur der Industrie einher. Es gab eine breite Streikwelle vor allem in der Textilindustrie der westlichen Provinzen, begleitet von Zusammenstößen mit der Polizei und den Kosaken. Der Höhepunkt war der Streik polnischer Textilarbeiter in Lodz. Die Hungersnot zeigte die Unfähigkeit des zaristischen Staatsapparates, tausende Studenten protestierten dagegen, die Liberalen errichteten Suppenküchen und versuchten mit anderen Hilfsmaßnahmen die Not zu lindern, ohne die Bauern zu politisieren. Das brachte den Marxisten neue Anhänger. Die Liberalen versuchten, mit der Forderung nach Demokratisierung der Semstwos Anhang zu gewinnen. Plechanow erweiterte die Forderung zu einem allgemeinen Kampf um demokratische Rechte gegen die diskreditierte Autokratie. Er versuchte erstmals, den Kampf um die Arbeiterklasse mit dem der anderen Schichten des Volkes zu verbinden, ‘getrennt marschieren, vereint schlagen‘. Man müsse die Liberalen und Demokraten gegen die Verfolgungen des Zarismus verteidigen, dazu könne man auch begrenzte Abkommen mit ihnen schließen, aber gleichzeitig sollten die Marxisten energisch ihre Schwankungen und Konfusionen kritisieren. Durch diese Politik treibe man die Bewegung zur Revolution vorwärts und stärke die Positionen des Marxismus.

Die Anfänge der sozialistischen Bewegung – Polen und jüdischer Bund

Die westlichen Teile des Russischen Reiches waren am stärksten industrialisiert, hier entstanden auch die ersten sozialistischen Organisationen, die Unterdrückung der nationalen Minderheiten förderte den antizaristischen Widerstand. 1892 gründete sich eine Auslandsorganisation der polnischen Sozialisten, die Teilnehmer vertraten eine unabhängige demokratische Republik mit allgemeinem Wahlrecht, gleiche Rechte für alle Nationen auf föderaler Basis, rassische und religiöse Gleichheit für alle Frauen und Männer, freie Erziehung für alle und demokratische Rechte sowie eine Volksmiliz. Sie forderten den Acht-Stundentag, Minimallöhne, Arbeitsschutzgesetze, Sozialversicherung, die Sozialisierung von Land, Kommunikations- und Produktionsmitteln. Die nationale Frage war der wichtigste kontroverse Punkt. Sie wollten nicht die russischen Sozialisten über ihre Bewegung entscheiden lassen, besonders ihr Anführer Jozef Pilsudski betonte die nationale Unterdrückung durch das Zarenregime. In der Nähe von Wilna hielten polnische Sozialisten 1893 eine geheime Konferenz ab, die als Ursprung der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) gelten kann.

Pilsudski und Anhänger waren von den ökonomischen Theorien von Marx und des Klassenkampfes wenig beeinflusst, zwischen der Bauernbefreiung und der nationalen Frage gebe es einen engen Zusammenhang, das Proletariat sei eine neue Kraft für den alten Kampf und soziale Gerechtigkeit und nationale Befreiung, seine historische Rolle sei die Verteidigung des Westens gegen den reaktionären Zarismus. Pilsudski war als Konspirateur und Aktivist eine charismatische Persönlichkeit. Nationale Befreiung und sozialistische Revolution waren für ihn nahezu identisch, das wiedergeborene Polen werde erst ein bürgerliches Regime sein, in dem die Sozialisten für den Triumph des Sozialismus kämpfen würden.

Der internationalistische Flügel opponierte und gründete 1894 die Sozialdemokratische Partei des Königreichs Polen (SDKP). Sie anerkannte die Notwendigkeit des Kampfes für nationale Befreiung, aber die Interessen des Proletariats seien entscheidender als die nationale Befreiung. Beide Flügel bekämpften sich unbarmherzig, Rosa Luxemburg wurde die theoretische Führerin der SDKP. Die polnische Bourgeoisie zöge aus dem Bündnis mit Russland Vorteile, nur die proletarische Revolution setze der nationalen Unterdrückung ein Ende, dem gegenüber sei der Kampf für polnische Unabhängigkeit anachronistisch, das ‘Vaterland‘ des Proletariats sei internationalistisch.

Sie PPS war deutlich stärker als die SDKP, die PPS hatte etwa tausend Mitglieder, die SDKP nur ein paar hundert. Die Mitglieder beider Parteien kamen vorwiegend aus der Intelligenz, zum Teil aus dem Adel oder hatten jüdische Wurzeln. 1900 fügte die SDKP ihrem Namen ‘und Litauens‘ an, jetzt hieß sie SDKPiL.101)

1897 war der jüdische Bund gegründet worden. Mit der jüdischen Frage hatten die polnischen Sozialisten ein Problem; PPS und SDKiP waren gegen den Antisemitismus, die PPS versuchte die jüdischen Arbeiter vom Bund abzuwerben. Die SDKPiL schloss sich eng der russischen Sozialdemokraten an, die PPS stand den Sozialrevolutionären näher, aber es gab keine organisatorische Bindung. In Litauen wurde 1896 die Litauische Sozialdemokratische Partei gegründet mit einigen wenigen, meist polnisch-sprachigen Mitgliedern, sie spaltete sich dann in Anhänger von PPS und SDKPiL.

Karte 10: Anteil der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsgebiet
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Die revolutionären Juden stießen am Anfang auf die Bewegung der Narodniki. Sehr schnell gaben sie die Bauern als Ziel ihrer Agitation auf und wandten sich den jüdischen Arbeitern zu. In den siebziger Jahren entstand ein Zirkel jüdischer Revolutionäre in Wilna, später in allen Großstädten des Rayons. Wilna wurde das erste Zentrum der jüdischen Sozialisten. Unter den jüdischen Arbeitern gab es einen großen Drang nach Bildung und Aufklärung. In Volkshochschulen lehrte man Technik, Naturwissenschaften, Geografie, Geschichte und Philosophie und sammelte Argumente für den Kampf der Klassen. Hilfskassen für einzelne Berufe entstanden. Die jüdischen Intellektuellen wurden bald von Aufklärern zu Organisatoren, 1889/90 konnte eine sozialdemokratische Gruppe in Wilna gegründet werden, zu einem ihrer Führer wurde Arkadi Kremer. 1894 erschien seine Broschüre ‘Über Agitation’. Der entstehende Kapitalismus lasse nur ein schwaches Klassenbewusstsein entstehen, Arbeiterklasse und die Intellektuellen seien die Avantgarde der sozialistischen Bewegung, zwischen ihnen sei eine enge Kooperation nötig.

“Die nationale Befreiung der Juden wird von der Arbeiterklasse kommen. Je mehr die jüdische Arbeiterklasse zu einer revolutionären Kraft wird, desto stärker werden die von der russischen Verfassung der jüdischen Bevölkerung aufgezwungenen Rechte ausgeweitet. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Bildung einer jüdischen Arbeiterpartei.“ 102)

Man dürfe sich also nicht auf die russischen und polnischen Organisationen verlassen. Obwohl die jüdischen Arbeiter allein ihr Ziel nicht erreichen könnten, müssten sie einen eigenständigen Kampf führen. Der Aufbau einer solchen jüdischen sozialistischen Partei widerspreche nicht den internationalistischen Prinzipien des Sozialismus, denn unter den Juden gebe es keine nationale und revolutionäre Partei. Kremers Broschüre fand große Zustimmung. Überall, vor allem aber in Wilna und Minsk entstanden jüdische Berufsverbände und Unterstützungskassen. Jüdische Arbeiter wollten nicht mehr in gemeinsamen Organisationen mit Meistern und Fabrikherren bleiben, die Rabbis verloren deutlich an Einfluss. Es war die Zeit der ersten Massenstreiks. Die Polizei war über das Anwachsen der Bewegung äußerst beunruhigt und verschärfte die Repression. Jiddische Zeitungen, Broschüren und Flugblätter fanden starke Verbreitung. Lesegesellschaften zur Verbreitung jiddischer Literatur entstanden und wollten die eigene seit Jahrhunderten gesprochene Sprache schätzen und lesen. Seit 1892 gab es in Wilna Feiern zum 1.Mai, Verbindungen zu russischen, polnischen und litauischen Arbeitern wurden aufgenommen, vor allem zur deutschen Sozialdemokratie suchte man Kontakt. 1893 kam der junge Revolutionär Julius Martow nach Wilna, er entfaltete eine breite Agitation für eine jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei. 1896 tagte in London der zweite Kongress der Sozialistischen Internationale. Die etwa 3.000 Mitglieder jüdischer Arbeitergruppen waren durch vier Delegierte vertreten, der Kongress war ein mächtiger Ansporn zur Gründung einer Partei.

Vom 25. bis 27. September 1897 tagten 13 Delegierte jüdischer sozialdemokratischer Gruppen auf dem Speicher eines Hauses in einem Vorort von Wilna und gründeten den Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund Russlands, Polens und Litauens, im allgemeinen Sprachgebrauch kurz Bund genannt.103) Wilna, Minsk, Bialystok und Warschau waren vertreten, elf Männer und zwei Frauen, acht Arbeiter und fünf Intellektuelle vertraten die etwa 3.500 Mitglieder. 104) Die Partei wurde föderalistisch aufgebaut, die lokalen Organisationen sollten eine große Selbstständigkeit bekommen, das Zentralkomitee bekam nur koordinierende Funktionen. Arbeiter Shtime (Arbeiterstimme) wurde zum Zentralorgan der Partei, sie und andere Literatur wurden in Deutschland gedruckt und über die Grenze geschmuggelt.

Die Organisation dehnte sich stürmisch auf die Städte des jüdischen Siedlungsrayons aus, die Gewerkschaft der Bürstenmacher schloss sich dem Bund an, es entstanden Gruppen im Ausland. 1899 hatte der Bund 5.600 Mitglieder.105) In den Städten bestand ihre Aktivität in Rekrutierung, Geldsammlungen, Vertrieb revolutionärer Literatur, Treffen und Demonstrationen, Flugblattverteilung am Freitagabend in den Synagogen, versteckten Versammlungen in den Wäldern, Unterstützung von Streiks, Demonstrationen am 1. Mai, meist zusammen mit den nichtjüdischen Arbeitern. Auf dem Parteitag 1900 vertrat Mikhail Liber die These der demokratischen Föderation der Nationalitäten, wie sie auf dem Parteitag der Sozialdemokraten Österreichs-Ungarns in Brünn beschlossen worden war. Liber wollte das gleiche Prinzip für Russland, im Rahmen einer Föderation habe jede Partei volle Autonomie zur nationalen Frage, mit oder ohne territorialen Bezug. Ihm wurde erwidert, der Bezug auf die Nation schwäche das Klassenbewusstsein der Arbeiter und lenke es von seinen revolutionären Zielen ab. Die Resolution des Kongresses nahm eine Zwischenposition ein, man müsse gegen die nationale Unterdrückung des jüdischen Volkes kämpfen, sich aber gegen ein übersteigertes Nationalgefühl wenden, das den Klassenkampf schwäche und zum Chauvinismus führe, der Bund wollte gegen Nationalismus und Assimilation einen autonomen Weg finden. In den folgenden Jahren richtete sich das Feuer der jüdischen Sozialdemokraten auch gegen den aufkommenden Zionismus. Der vierte Kongress beschloss:

“Der Parteitag sieht den Zionismus als eine Reaktion der bürgerlichen Klasse auf den Antisemitismus und die unnormale Situation des jüdischen Volkes. … Der politische Zionismus gibt als Ziel die Gründung eines Territoriums für das jüdische Volk vor, … dies kann das Volk in seiner Gesamtheit nicht befriedigen … und bleibt eine unrealisierbare Utopie. Der Kongress schätzt die Agitation des Zionismus als kompromittierend für das Nationalgefühl und als eine Bremse für die Entwicklung des Klassenbewusstseins ein. … Insgesamt ist dem Zionismus in den ökonomischen und politischen Organisationen nicht nachzugeben.“ 106)

1898 bis 1904 gab es eine Vielzahl von Arbeitskämpfen. Ein großer Teil von ihnen war durch die Schwäche der jüdischen Fabrikanten erfolgreich, vor allem aber dank der Kampfkraft der jüdischen Arbeiter. Sie gründeten Unterstützungskassen, die von der Solidarität gespeist wurden. Wöchentlich zahlten Arbeiter einen kleinen Beitrag an einen gewählten Kassierer, der auch zur Finanzierung der Publikationen des Bundes verwandt wurde. Leihbibliotheken wurden eingerichtet, das war ein Ort, an dem das Klassenbewusstsein geschmiedet wurde, hier fanden Lesungen und Abendschulungen statt. Die Unterstützungskassen waren bereits vor der Revolution 1905 Massenorganisationen, in Bialystok beteiligten sich 1.000 Arbeiter, 20 Prozent der jüdischen Arbeiter der Stadt, in Wilna 1.400 Arbeiter – 24 Prozent, in Minsk 1.000, 40 Prozent der jüdischen Arbeiter.107) Die Arbeiter kämpften für Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhungen, die Abschaffung des Stücklohns, Krankenversorgung, Verkürzung oder Abschaffung der Nachtarbeit, die Wiedereinstellung von Entlassenen, Abschaffung der Strafzahlungen, also ein humaneres Arbeitsleben. Es waren Forderungen auch der Arbeiter christlicher Herkunft, die jüdischen Arbeiter waren die Speerspitze.

Die Bürstenmacher, Gerber und Verkäufer waren die am besten organisierten Berufsvereinigungen. Die Gewerkschaft der Bürstenmacher war 1891 entstanden, sie führte Streiks und entfaltete eine breite Agitation. Die Gewerkschaft der Gerber umfasste auch polnische und litauische Arbeiter. Die Verkäufer waren keine Klassenorganisation im strengen Sinne, mit ihren langen Arbeitszeiten und geringen Löhnen unterschieden sich ihre Lebensbedingungen kaum von denen der Produktionsarbeiter. Die Unternehmer schlossen sich nach Bedarf zusammen und versuchten, die nationalen Differenzen unter den Arbeitern auszuspielen, in Lodz heuerten sie Lumpenproletarier gegen ‘die Juden‘ an. Auch die Rabbiner versuchten oft, die Religion als einigendes Element gegen den Klassenkampf darzustellen. Ihr Einfluss sollte nicht unterschätzt werden, die jüdische Minderheit war durch den Einfluss der Religion auf das tägliche Leben stark im Angesicht der feindlichen Umwelt geprägt. Der Weg zur Revolution war steinig, aber eine ganze Generation schlug ihn ein. der Bund übernahm einen Teil der Religion und formte sie um. 1903 hatte er 30.000 Mitglieder.108)

Die Politik des Bundes blieb nicht unumstritten: auf dem linken Flügel warf man ihm Zentrismus vor: Revolution in Worten und ausgesprochene Zurückhaltung bei der Führung von Streiks, Ablehnung von Gewalt gegen Streikbrecher. Die Kritik wurde von Anhängern der Sozialrevolutionäre geäußert, der Terrorismus wurde vom Bund abgelehnt. Besonders die anarchisierende Gruppe in Bialystok befürwortete radikalere Kampfformen. Der Bund trennte ökonomische von politischen Kämpfen, Minimal- von Maximalprogramm, sein rechter Flügel zeigte reformistische Tendenzen.

Am 6. /7. April 1903 fand in Kischinew in Bessarabien ein Pogrom statt, das von den Behörden vorbereitet worden war. Es gab 49 Tote und über 500 Verletzte, 700 Häuser, 600 Läden und Werkstätten wurden zerstört, 2.000 Familien wurden obdachlos.109) Der Redakteur einer russischen Zeitung goss Kübel von antisemitischen Beleidigungen aus und stachelte die Bevölkerung zum Mord an Juden an, die angeblich einen christlichen Jungen rituell getötet hatten und für andere verdächtige Todesfälle verantwortlich gemacht wurden, er wurde vom örtlichen Polizeichef unterstützt. Seit dem Pogrom 1881 in Odessa hatte es kein Verbrechen dieser Größe mehr gegeben. 317 Schriftsteller und und Künstler, unter ihnen Tolstoi, veröffentlichten eine Protestresolution gegen die ‘von russischen Menschen verübte Bestialität‘. Die Zeit war reif für die Organisation der Selbstverteidigung. In London, Berlin, New York und Paris fanden Protestveranstaltungen statt, die Verantwortlichen wurden auf diesen Druck hin vor Gericht gestellt und zu lächerlich geringen Strafen verurteilt. Innenminister Plehwe, der das Pogrom gedeckt oder gar unterstützt hatte, ordnete an, solche ‘Unordnung‘ in Zukunft nicht mehr zu tolerieren. Der Bund bereitete die Selbstverteidigung gemeinsam mit nichtjüdischen Arbeitern vor.

Bereits nach den Pogromen von 1881/82 hatte es in begrenztem Rahmen Milizen gegeben. Jetzt wurden Waffen gesammelt und Trainingslager abgehalten sowie ein Informationsnetz aufgebaut. 1903 lieferten sich 200 Mitglieder von jüdischen Kampfgruppen Straßenkämpfe mit christlichen Hooligans in Gomel in Weißrussland. Sie schützten Versammlungen und Demonstrationen und stellten sich an den Zugängen zu Synagogen auf, wenn ein Mitglied des Bundes dort eine revolutionäre Rede hielt. Besonders diese Kampfgruppen machten den Bund – nicht nur in der jüdischen Bevölkerung – ausgesprochen populär. Ein Kampfmittel der christlichen Reaktion war die Veröffentlichung des Pamphlets ‘Die Protokolle der Weisen von Zion‘, die eine jüdische Weltverschwörung unterstellte, es soll das Lieblingsbuch von Zar Nikolaus II. gewesen sein. Plehwe wurde der Urheberschaft der Pogrome beschuldigt. Als er 1904 nach einem Attentat ums Leben gebracht wurde, versprach sein Nachfolger eine liberalere Politik, erlaubte Versammlungen und erleichterte den Zugang zum Studium, das geschah im Angesicht der Niederlage im Krieg gegen Japan. Wie die anderen sozialdemokratischen Gruppierungen machte der Bund eine breite antimilitaristische Propaganda, rief zum Desertieren und zur Verweigerung des Schwurs auf den Zaren auf. Nach der Niederlage von Port Arthur gab es zahlreiche Demonstrationen. Der Staat reagierte mit Repression: Von März 1903 bis Juli 1904 wurden fast 4.500 Mitglieder des Bundes ins Gefängnis gesteckt. Von 384 Gefangenen im Alexandrowskaja-Gefängnis waren 207 Juden, 101 Russen und 40 Polen. 1901 bis 1903 wurden 101 Flugblätter mit fast 350.000 Exemplaren gedruckt.110) Mit der 1898 entstandenen RSDRP entstanden schnell heftige Dispute über die Organisation der separaten jüdischen Partei.

Die Subatow-Bewegung

Um die Jahrhundertwende war der Aufschwung der Arbeiterbewegung unübersehbar. Die Staatsbürokratie war gegenüber den Arbeitern feindlich eingestellt. Finanz- und Innenministerium arbeiteten gegeneinander, während Finanzminister Witte vor allem die Industrialisierung förderte, war der für die Polizei zuständigen Innenminister über das Anwachsen der sozialistischen Agitation unter den Arbeitern besorgt. Die Einmischung der Polizei in Fabrikangelegenheiten erweiterte sich; um die Jahrhundertwende schlug eine ministerielle Kommission vor, die Unternehmer sollten neben Lohnerhöhungen bessere Wohnungen, Krankenhäuser und medizinische Hilfen, Altenheime, Lebensmittelgeschäfte, öffentliche Bäder und Pensionsfonds einrichten. Auch Fabrikschulen, Lesehallen und Teeräume zur Erholung würden einen positiven Effekt auf Moral und Kultur der Arbeiter haben und radikale Agitation eindämmen. Das Recht sich zu organisieren wurde weiter abgelehnt, man hätte es sonst auch anderen Schichten der Bevölkerung zugestehen müssen.

Als Student war Sergei Subatow Mitglied der Narodniki-Bewegung gewesen und wurde von der Ochrana angeworben. Die Ochrana war im Kampf gegen die Narodnaja Wolja gewachsen, Subatow trug zu ihrer Modernisierung bei und verbesserte ihre Techniken. 1896 wurde er Chef der Moskauer Ochrana, der Moskauer Polizeichef war General Trepow. Subatow kannte sich in den revolutionären Ideen gut aus. Zur Kontrolle der Linken setzte die Ochrana Spitzel und Provokateure ein. Subatow glaubte, mit administrativen Maßnahmen allein könne man die Arbeiter nicht befrieden. Er entwickelte die Idee, durch polizeilich kontrollierte Arbeiterorganisationen könne man den Arbeitern gegenüber den Industriellen eine deutlichere Stimme geben und so an den Staat binden. Für seine Pläne konnte er Trepow und den Gouverneur von Moskau gewinnen.

Subatow verhörte wichtige politische Gefangene selbst und war sehr geschickt, sie für die Geheimpolizei zu gewinnen.

“… ganze Stunden, sogar Tage, mit unendlichen [Tassen] Tee im Tabakrauch führte er seine ‘Konversationen‘ mit den Gefangenen, die nach und nach für die Ochrana gewonnen wurden, wenn sie im weichen Sessel im Büro des Chefs saßen und denen, wenn die Diskussionen sich zu lange hinzogen, ein Abendessen aus der Gaststätte nebenan auf Kosten der Finanzabteilung gereicht wurde.“ 111)

Seine psychologischen Fähigkeiten und seine Kenntnis der marxistischen Theoretiker – Bernstein soll ihm eine große Hilfe gewesen sein – machten manchen Sozialisten zum Verräter. In seinen ‘Gesprächen‘ mit den Gefangenen der Arbeiter-Intelligenz drückte er seine Sympathie für die Ziele der Bewegung aus und deutete an, die Regierung bereite umfassende Maßnahmen für die Arbeiter vor. Er säte Misstrauen zwischen Arbeitern und marxistischen Intellektuellen, welche die Arbeiter nur benutzen würden, um an die Macht zu kommen. Die Arbeiter sollten sich auf ihre eigenen Interessen konzentrieren, sich bilden, gegen die Trunksucht kämpfen und für die wirtschaftlichen Ziele kämpfen, politischer Kampf sei ein ‘Zeitvertreib für Reiche und Mächtige‘

Durch die Verhöre lernte Subatow viel über die Lebensumstände der Arbeiter. Die Moskauer Verwaltung agierte oft im Gegensatz zu den Unternehmern und war sensibel für die Beschwerden der Arbeiter, davon hing die ungestörte Aufrechterhaltung ihrer Ordnung ab. Viele Arbeiter sahen sie als Schutz an, bei ihr konnte man seine Beschwerden loswerden, wenn man an den Generalgouverneur appellierte. Witte intervenierte, als er von Beschwerden der Moskauer Fabrikinspektoren über die Einmischung der Polizei in Arbeitsangelegenheiten erfuhr, er konnte sie aber nicht stoppen, die Moskauer Polizei usurpierte die Aufgaben der Fabrikinspektoren.

Subatow unterrichtete die so gewonnenen Arbeiterführer in kleinen Zellen über die Geschichte der europäischen und US-amerikanischen Arbeiterbewegung, er diskutierte mit ihnen Geschichte, Taktik und Programm der revolutionären Organisationen und marxistische Theorie und pries die Vorteile einer unpolitischen, evolutionären Arbeiterbewegung. Die zukünftigen Führer bekamen von der Ochrana eine monatliche Zuwendung, Subatow versicherte sich ihrer Loyalität.

Nach einem Streik in einer Moskauer Fabrik wurde eine Versammlung der Arbeiter zur Diskussion eines Arbeiterstatuts im März 1901 ‘ausnahmsweise‘ zugelassen, die Statuten zirkulierten unter Arbeitern. Die Initiatoren bekamen Räume für populäre Unterhaltung und einen Teeraum für Treffen. Die Versammlungen waren ein Erfolg, fast 50 Arbeiter kamen zum ersten Vortrag, bei der vierten Sitzung war der hundert Personen fassende Raum zu klein. Auch das Historische Museum war zu klein, ein Raum für 2.000 Zuhörer wurde angemietet. Bisher waren den Arbeitern immer Versammlungen zur Diskussion der gemeinsamen Probleme verwehrt worden, jetzt nahmen sie diese Möglichkeit gierig wahr. Sie wurden mit den Lebensbedingungen der europäischen Arbeiter bekannt gemacht, die Referenten gingen von einer legalen Entwicklung innerhalb der existierenden politischen Ordnung aus. Jeder Vortrag wurde von einer offenen Diskussion gefolgt, hier konnten die Arbeiter ihre Probleme artikulieren, es war ein Forum der Beschwerden der Arbeiter. Die Idee einer Hilfskasse der Arbeiter kam schnell auf die Agenda. Die Presse berichtete über die Versammlungen, die Gesellschaft der Moskauer Maschinenarbeiter wurde gegründet.

Die Gesellschaft hielt wöchentlich Sitzungen ab, auf der ‘abstrakte Fragen‘ möglichst ausgeklammert wurden und man sich auf praktische Probleme konzentrierte. Die Führer lehnten eine Diskussion der Frage ab, ob man die Bestrafung der Arbeiter bei Verspätungen der Arbeitsaufnahme nicht aufheben solle, da dies einer Forderung nach dem Acht-Stundentag nahe komme. Ihr Führer verteidigte die Strafgelder, “die Mehrheit von uns sei weit davon entfernt, verantwortliche Personen zu sein“, diese Freiheit könne für ‘intellektuell rückständige‘ Menschen schädlich sein. Ein anderer Redner betonte, Verspätungen seien eine andere Art, Streiks anzufangen, “wir, meine Herren, gehen den friedlichen Weg zum Fortschritt. 112) Auch die Frage der Überstunden wollte man vermeiden und sich Probleme konzentrieren, die realisierbar seien.

Die Moskauer Verwaltung war mit den konservativen Treffen zufrieden und gestattete der Gesellschaft Stadtteil-Versammlungen, die meist in Gaststätten und Teestuben in der Nähe der Fabriken stattfanden, 200 bis 300 Arbeiter, manchmal doppelt- und dreimal so viele besuchten sie. An der Spitze stand ein stadtweites Direktorium, der 17-köpfige Rat, er war in engem Kontakt mit dem Polizeipräsidenten Trepow. Die Ochrana stützte sich auf ihre von ihr ausgebildeten Organisatoren im Rat, er legte mit ihm die Tagesordnung der Versammlungen fest, die Polizei überwachte sie, wich die Stadtteil-Versammlung von der Tagesordnung ab, musste der Überwacher dem Rat berichten, der das lokale Treffen suspendieren konnte. Die Arbeiter glaubten, die Gesellschaft sei legal. Nach sechs Monaten übertraf sie die Erwartungen Subatows, eine Konsum-Kooperative gründete sich, es gab Pläne für eine Zeitung, eine Bibliothek, Schiedsgerichte, eine Arbeiterbörse, Versicherungen und eine Wohnungsbau-Gesellschaft. Die Polizei hatte durch die Leitung die Gesellschaft unter Kontrolle, andere Berufszweige zeigten großes Interesse. Viele Intellektuelle ließen sich für Vorträge gewinnen und schienen zur Zusammenarbeit mit der Ochrana bereit.

Die neue Bewegung erregte das Interesse ihrer sozialdemokratischen Konkurrenten. Martow betonte etwas hilflos, im Kampf gegen die Subatowschina – die Subatow-Bewegung – müsse man
<“… alle bewussten Genossen vereinen, eine solide Organisation und eine strikte Disziplin schaffen. Gegen den Versuch des Eindringens der politischen Perversion kann nur eine solide, disziplinierte und bewegliche Arbeiterpartei mit Erfolg kämpfen. Das ist die erste Lehre für uns russische Sozialdemokraten, die uns das Subatow-Abenteuer lehrt.“ 113)

Doch die Moskauer Sozialisten waren um 1900 schwach und konnten mit ihren Flugblättern nur wenige Arbeiter erreichen, die Bewegung schwoll weiter an.

Die Moskauer Industriellen hielten die Gesellschaft für illegal und schrieben Petitionen nach Petersburg, sie wieder zu schließen. Witte unterstützte sie, konnte sich aber erst nicht gegen das Innenministerium durchsetzen. Zum Jahrestag der Bauernbefreiung 1902 plante die Gesellschaft eine friedliche Demonstration im Kreml, dazu holten sie die Erlaubnis der Behörden und die Zustimmung der Unternehmer ein. Etwa 50.000 versammelten sich und folgten einem Gottesdienst, dann zogen sie mit Ikonen zur Statue Alexander II., beteten, legten Kränze nieder, sangen die Zarenhymne ‘Gott schütze den Zaren‘.und gingen dann friedlich nach Hause, am Abend feierten sie in den Arbeiterbezirken. Die Zeitschrift der Sozialrevolutionäre kommentierte:

“In den Straßen, in denen vor einem Jahr die Masse die Zäune einriss und Trolleybusse umstürzte … um Barrikaden zu bauen, erschienen tausende von Arbeitern und feierten demütig den 19.Februar unter Subatows Augen…Der fortschrittlichste Teil dieser Menschen – die Arbeiter des Maschinenbaus – verbünden sich mit dem Zarismus.“ 114)

schrieb eine sozialdemokratische Zeitung Londons. Die Moskauer Sozialdemokraten riefen vergeblich die Arbeiter zum Boykott der Prozession auf. Das war der Höhepunkt der Moskauer Subatow-Bewegung. Der Innenminister schrieb an alle Gouverneure, dieses Ereignis sei kein Beispiel für andere Städte. Subatow hoffte, diese Bewegung auf ganz Russland ausdehnen zu können, er konnte den Moskauer Klerus zur Unterstützung bewegen. Vorträge wurden mit Kirchenliedern und Ikonen eingeleitet, die Nationalhymne beschloss die Vorträge. Jetzt gab es allerdings keine Erörterungen der Arbeiterlage mehr, die Theorien der orthodoxen Kirche wurden verbreitet. Die Teilnahmerzahlen sind schwer zu schätzen, Berichte sprechen von einem starken Absinken des Anhanges unter den Arbeitern.

1902 wurden die Forderungen in den Arbeiterversammlungen militanter und zahlreicher; da die Beschwerden an die Fabrikinspektionen von diesen nicht mehr angenommen wurden, schickten die Arbeiter sie an den Polizeichef Trepow. Es ging um unsaubere Toiletten, ungerechte Verringerungen des Stücklohns, Verlängerung des Arbeitstages ohne Lohnausgleich, falsche Berechnung des Lohnes. Trepow ermutigte die Arbeiter, vor Gerichten zu klagen. Die Aufgaben der Gesellschaft wurden um die Sammlung von Beschwerden erweitert, Beschäftigte anderer Branchen konnten beitreten. Trepow gestattete eine Versammlung der Textilarbeiter, die man allgemein als weniger bewusst als die Maschinenarbeiter einschätzte. Sie wurden schlechter bezahlt und waren weniger qualifiziert, doch sie entwickelten radikalere Forderungen.

Die Arbeiter der Moskauer Guschon-Fabrik wollten 1902 eine Ausgleichszahlung für durch einen Fehler der Verwaltung ausgefallene Arbeitszeit, was die Fabrikadministration ablehnte; die Arbeiter erklärten, sie würden die Arbeit verlassen, wenn man ihren Forderungen nicht nachkomme und zwei ihrer entlassenen Vertreter nicht wieder einstelle. Die Gesellschaft bewegte die Arbeiter auf einer Versammlung, die Forderungen zu verhandeln. Der Fabrikbesitzer zeigte sich unnachgiebig und drohte Entlassungen an. Trepow – vielleicht in seiner Eitelkeit gekränkt – drohte dem Unternehmen eine Untersuchung der Sanitäranlagen an, die zu Festnahme der Fabrikleitung führen könne. Guschon lehnte Verhandlungen weiter ab, seine Arbeiter beharrten auf ihren Forderungen und er warf 300 Arbeiter aus den werkseigenen Unterkünften. Um ihr Ansehen bei den Arbeitern zu wahren, wollte die Moskauer Polizei nicht klein beigeben, die Ochrana unterstützte die ausgesperrten Weber finanziell. Trepow bedrohte den französischen Besitzer mit Ausweisung, Guschon war ein einflussreicher Großunternehmer, er holte sich Unterstützung aus Petersburg, nach 40 Tagen Streik mussten die Arbeiter ohne Erfolg zurück an die Arbeit.

Der Konflikt führte zu Streiks in fünf Fabriken, ein Generalstreik der Moskauer Weber drohte. Die Unternehmer waren perplex über den unerwarteten Widerstand, die Arbeiter glaubten angesichts der Haltung der Moskauer Polizei müssten sie ja wohl diskrete Unterstützung aus Petersburg haben. Viele Fabrikbesitzer machten Konzessionen, Guschon blieb widerspenstig. Unter seinem Einfluss beschwerte sich die Moskauer Unternehmervereinigung bei Witte und warnte davor, den Arbeitern politische Rechte zu geben. Das fachte wiederum die Fehde zwischen Finanz- und Innenministerium an, der Konflikt wurde zur Staatsaffäre, der französische Botschafter intervenierte. In Städten der Provinz diskutierten Arbeiter jetzt ebenfalls die Einrichtung von Gesellschaften wie in Moskau. Witte verlangte, der ‘geschworene Anarchist Subatow‘ müsse von seinem Posten entfernt werden. Im April 1902 wurde der Innenminister ermordet, Wjatscheslaw K. Plehwe wurde sein Nachfolger, als harter Reaktionär und als Liquidator der Narodnaja Wolja berüchtigt. Im August versetzte der Innenminister Subatow nach Petersburg.

1902 hatte die Gesellschaft vielleicht 1.800 Mitglieder in Moskau und Tausende kamen zu den Vorträgen der Organisation.115) Die Arbeiter waren in der Offensive, immer öfter konnten die auf sozialen Frieden fixierten Führer der Subatowschina Streiks nicht verhindern, immer wieder wurden sie als Polizeiagenten attackiert. Die Subatow-Bewegung entwickelte sich immer mehr zur Vereinigung der Verhinderung von Streiks, ihre Kraft war dahin. Der Niedergang der Bewegung war 1904 hier deutlich sichtbar, die Hilfskassen zerfielen. 116) In Petersburg musste sich Subatow der Angriffe der Sozialisten und der Bürokratie erwehren.

Dort konnte Subatow seine Politik fortsetzen und sie auch auf andere Städte ausweiten. Wieder suchte er die Führer der Bewegung aus der Arbeiter-Intelligenz, die Unterstützung der Verwaltung und der Kirche. Der Aufbau ging schnell voran, ihn begleiteten jedoch die Gerüchte aus Moskau über die verdeckte Rolle der Polizei. Die Petersburger Sozialdemokraten hatten die Ausdehnung der Subatowschina auf Petersburg voraus gesehen und denunzierten sie als Polizeiagenten. In allen Versammlungen der Gesellschaft griffen die Sozialdemokraten an und sie empfahlen den Arbeitern, den ‘westlichen Weg‘ der Organisierung selbstständiger Organisationen zu gehen. Im Februar 1903 wurde die Vereinigung Petersburger Arbeiter der mechanischen Industrie gegründet. Auch die Petersburger Fabrikinspektoren wandten sich gegen die unerwünschte Einmischung in ihre Angelegenheiten, unterstützt von ihrem Finanzminister Witte. Die Vereinigung wollte im Frühjahr ihre Vorträge aufnehmen, aber viele Referenten sahen angesichts der zu erwartenden Einmischung der Sozialdemokraten davon ab, der Aufbau wurde verschoben. Unter dem Priester Gapon wurde ihre Aktivität im Sommer 1903 wieder aufgenommen, nachdem Witte und Subatow abgelöst worden waren. Unter Gapon gewann die Bewegung vor dem Blutsonntag erneut großen Einfluss.

Die jüdischen Arbeiter im Westen Russlands waren, wie wir gesehen haben, schon besser organisiert als ihre Kollegen im östlichen Teil. In Minsk gelang es Subatow, eine Jüdischen Unabhängigen Arbeiterpartei zu versammelten. Ihre Aktivitäten wurden ständig vom Bund und den Zionisten gestört. 1900 war Odessa eine der größten Städte Russlands, sie galt wegen ihres internationalen Flairs als das ‘Marseille des Ostens‘. Russen und Ukrainer machten zusammen die Hälfte der Bevölkerung aus, 31 Prozent waren Juden, den Rest war ein buntes Gemisch aus Georgiern, Osseten, Armeniern, Türken, Griechen, Persern, Moldawiern, Bulgaren und Polen, die Arbeiterschaft insgesamt betrug etwa 80.000. 117) Die 150.000 Juden machten die Stadt zum intellektuellen Zentrum, sie waren hier stärker assimiliert und hatten sich weiter von den jüdischen Traditionen entfernt.

Es gab hier 1903 die RSDRP, den Bund und die PPS, hart von der Ochrana bekämpft. In dieser Situation wurde auch hier die Jüdischen Unabhängigen Arbeiterpartei mit Unterstützung des Staates gegründet. Die Streikwelle 1903 in Südrussland war hier am stärksten, die Sozialisten versuchten sie zu politisieren, die Unabhängigen auf wirtschaftliche Forderungen zu begrenzen. Sozialisten und Unabhängige lieferten sich Rededuelle, am 17.Juli demonstrierten 40 bis 50.000 unter Führung der Unabhängigen, begleitet von Polizisten. Die Demonstranten legten noch arbeitende Betriebe und Geschäfte still. Die Arbeiter wählten Delegierte; die passive Unterstützung der Behörden ließ die Streiks und Demonstrationen erst einmal friedlich verlaufen. Auf der Demonstration am nächsten Tag kam es zu Schlägereien zwischen Sozialdemokraten und Unabhängigen. Jetzt griffen Soldaten und Kosaken erst gegen die RSDRP-Agitatoren und –Flugblattverteiler, dann gegen alle Demonstranten ein. Auch Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei wurden verhaftet. Der Streik brach recht schnell zusammen.

Obwohl die Unabhängigen sich sehr um die Beschränkung des Streiks bemüht hatten, wurden sie verfolgt und aufgelöst; sie wurden beschuldigt, den Streik vorbereitet zu haben. Plehwe sah die Ereignisse in Odessa in Zusammenhang mit der gesamten Streikbewegung in Südrussland, die er beenden musste. Man war zu weit gegangen, den Arbeitern Spielraum für ihre Forderungen zu geben, dann bekam man Angst vor der Bewegung und griff auf das Mittel der Repression zurück. Im August 1903 wurde Subatow entlassen. Im Staatsapparat war man sich über die Taktik gegenüber der Arbeiterklasse weiterhin uneins. Die Julistreiks hatten die schlimmsten Befürchtungen der Subatow-Gegner bestätigt, die regierungstreuen Gewerkschaften würden in die Hände der Radikalen fallen oder Subatow selbst sei Revolutionär. Die Moskauer Bewegung überlebte bis zur Revolution 1905, in Petersburg führte sie Gapon fort.

Der Zarismus bekämpfte die entstehende Arbeiterbewegung scharf, nicht unbedingt als Verteidiger der Kapitalisten, sondern aus der Furcht vor organisiertem Widerstand. Er hatte kein Verständnis für diese neue Bewegung und fürchtete Streiks als Aufruhr. Subatows Politik war es, die Arbeiter von der Politisierung abzuhalten, indem er ihnen ein Bündnis mit dem zaristischen Staat gegen die Unternehmer offerierte. Die Autokratie konnte sich nicht auf eine einheitliche Arbeiterpolitik einigen und hatte zu starke innere Widersprüche. Hätte man einer ‘zaristischen Arbeiterbewegung‘ die Existenz erlaubt, wäre sie schnell zur Forderung nach demokratischen Rechten gekommen, nach Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, das überstieg die Kraft zur Selbstreform des Zarismus. Die Revolution von 1905 brachten die Illusionen einer demokratisch-konstitutionellen Monarchie zu Einsturz.

Die Subatow-Bewegung hatte den Arbeitern Techniken der gewerkschaftlichen Aktivität beigebracht, dafür fanden sie später neue Methoden. Ein bolschewistischer Gewerkschaftsführer resümierte:

“Die Subatowschina spielte … eine große Rolle in der Arbeiterbewegung, sie erleichterte den Zusammenschluss der Arbeiter, die Entwicklung des Klassenbewusstseins unter ihnen und gab die Möglichkeit, Kämpfe mit den Unternehmern führen und zeigte den Arbeitern ihre Stärke.“118)

Ein Ergebnis der Streiks von 1903 war das Gesetz über die Wahl von Arbeitervertretern der Fabriken, es sah die Wahl der Starosta (Ältesten) in den Betrieben vor. Sie sollten die Beschwerden der Arbeiter ohne Gefahr von Repression vorbringen können, der Firmenbesitzer, Gouverneur und Fabrikinspektor musste ihrer Wahl zustimmen. Das Gesetz bekam einen sehr konservativen und begrenzten Inhalt: der Unternehmer hatte auch das Recht, die ‘Ältesten‘ aus einer Liste von Gewählten aussuchen zu dürfen, er legte Ort und Zeit der Treffen fest, die Arbeitervertreter waren an die Fabrikordnung gebunden. Vor 1905 ließen die Fabrikbesitzer nur in 30 bis 40 Betrieben in ganz Russland Ältestenwahlen zu, der Mehrheit der Betroffenen war dieses Gesetz überhaupt nicht bekannt.

Das Zirkelwesen – Die Gründung der RSDRP

Von den Populisten wurde die Organisationsform der Zirkel übernommen, was angesichts der Repression eine angemessene Struktur war. Bei den Narodniki waren Intellektuelle ‘ins Volk‘ gegangen und hatten kleine Gruppen zur Bildung und Agitation gebildet. Die Polizei versuchte sie durch Agents provocateurs auffliegen zu lassen. Ständig kam es zu Verhaftungen, die Verschonten bildeten neue Zirkel. Die Praxis der Regierung, die Führer in Provinzstädte zu verbannen, führte zu einer Ausdehnung sozialistischer Ideen über das ganze Reich. In den neunziger Jahren erholte sich die Arbeiterbewegung von der Unterdrückung des vergangenen Jahrzehnts, ein Netz von Kontakten zwischen den Betrieben entstand.

Bild 6: Gregori Plechanow
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Der 1873-77 existierende Südrussische Arbeiterbund und der 1878/79 in Sankt Petersburg bestehende Nordrussische Arbeiterbund waren populistische Gruppen, die sich auf dem Weg zum Marxismus befanden, der Nordbund nannte sich ausdrücklich sozialdemokratisch. Nach der Verfolgungswelle setzten die Narodniki ihre Agitation fort, vertrieben Bücher, schufen Sonntags- und Abendschulen. Sie erreichten einige hundert Arbeiter. Wurden die intellektuellen Führer verhaftet, suchten sich die Arbeiter neue Lehrer und Organisatoren. Die Narodniki strebten danach, Wissen und Kultur zu den unaufgeklärten Arbeitern zu bringen, sie waren anfangs oft keine ausgesprochen revolutionären Gruppen und lehnten die Taktik von Bakunins Massenaufstand und den Terrorismus des Volkswillens ab, Unter dem Einfluss der Intellektuellen entwickelte sich eine Arbeiterintelligenz, die z.T. in Aussehen und Habitus den Intellektuellen nacheiferte. Die Arbeiter lasen die Bücher, die sie von den Intellektuellen bekamen und diskutierten mit ihnen, wurden Leser in Bibliotheken, abonnierten Zeitschriften. In den Bildungsorganisationen arbeiteten Volkstümler und Marxisten nebeneinander, letztere waren auf dem Vormarsch, in der ersten Hälfte der neunziger Jahre ging die Führung der Zirkel immer mehr in die Hand der Sozialdemokraten über. Mit dem Petersburger Textilarbeiterstreik 1896 wurde die Sozialdemokratie in Russland erstmals bedeutend.

Die Hungersnot 1891/92 brachte den Durchbruch des Marxismus. Sie offenbarte die Unfähigkeit der bestehenden politischen Ordnung. Der Marxismus eroberte die Mehrheit in dieser Bewegung, da er mit seinem soziologischen und ökonomischen Fortschrittsoptimismus eine Handlungsperspektive bot und aus Europa kam, das man als ‘Leuchtturm‘ sah. Die Intellektuellen eigneten sich den Marxismus vor allem als ökonomisches Schema für die historische Entwicklung Russlands an. 119) Eine revolutionäre Strategie fehlte. Russland befinde sich auf dem Weg zum Kapitalismus, das städtische Proletariat sei allein in der Lage, eine soziale Umgestaltung zu erreichen. Ein Mitglied des Zirkels erinnerte sich:

“Wir hatten lange Diskussionen über die Zukunft der Arbeiterbewegung. … die Zahl der Arbeiter, die Marx studieren, werde zunehmen, sie werden immer mehr Arbeiter für das Marx-Studium in den Zirkeln anwerben, mit der Zeit werde sich ganz Russland mit solchen Zirkeln überziehen und dann werde man eine sozialistische Arbeiterpartei gründen. Welche Aufgabe die Partei erfüllen und wie sie den Kampf führen werde blieb unklar.“ 120)

Studenten machten Arbeiterbildung in Studienzirkeln, die sich schnell politisierten. In den Zirkeln bildete sich eine Schicht von ‘russischen Bebels‘ heraus. All das war nur für eine dünne Schicht von Arbeiter- Intellektuellen, die Masse der Arbeiter blieb davon unberührt und waren oft Analphabeten. Viele der bewussten Arbeiter tranken und rauchten und fluchten nicht, wurden oft für Mitglieder christlicher Sekten gehalten. In einem der Zirkel unterrichtete die junge Lehrerin Nadeschda Krupskaja.

“Es gab eine stillschweigende Übereinkunft; man konnte in der Schule über alles reden, obwohl es kaum eine Unterrichtsklasse ohne Spitzel gab. Wenn man so schreckliche Wörter wie ‘Zar‘ oder ‘Streik‘ vermied, konnte man auch über die grundlegenden Dinge sprechen. Aber offiziell war es verboten, vom Thema abweichende Dinge zu diskutieren: einmal wurde eine Wiederholungsklasse geschlossen, weil der überraschend auftauchende Inspektor entdeckte, dass die Klasse statt nach dem Lehrplan die vier Grundregeln der Arithmetik das Dezimalsystem behandelte.“ 121)

Die marxistischen Zirkel in Sankt Petersburg wurden schnell von der Ochrana wieder zerschlagen, aber schon im folgenden Jahr entstand eine neue sozialdemokratische Gruppe. In Kasan gründete sich eine Gruppe, bei der auch Wladimir Uljanow Mitglied wurde, er wurde später unter seinem Kampfnamen Lenin bekannt. Andere sozialistische Zirkel entstanden in Nischni Nowgorod, Samara, Saratow, Rostow und anderen Städten.

Seit 1893 nahm Lenin an den Zirkeln in Petersburg teil, 1895 hatte die Gruppe 15 bis 20 Mitglieder, die in 20 bis 30 Studienzirkeln mit 100 bis 150 Teilnehmern arbeiteten, am Ende des Jahres hatte sie Kontakte in nahezu allen Arbeiterbezirken. 122) Im November wurde beschlossen, die Gruppe Kampfbund zur Befreiung der Arbeiter zu nennen. 123) Die Gruppe teilte sich die politische und organisatorische Arbeit auf, Kontakte mit Intellektuellen, Drucken von Flugblättern, Finanzen und hatte Erfolg. Man sammelte Informationen aus den Fabriken, veröffentlichte Flugblätter, hängte sie auf den Fabriktoiletten auf, dort konnten sie alle lesen oder sich vorlesen lassen, gab sie von Hand zu Hand weiter. Dem Kampfbund gehörten Julius Martow und Lenin an. Kremers und Martows Schrift ‘Über die Agitation‘ wurde illegal verbreitet, sie griff die Beschränkung auf die Arbeiterbildung an, die kaum mehr als an Intellektuellen ausgerichtete Arbeiter hervorbringe. Die fortgeschrittensten Arbeiter müssten zur Agitation gegen die tägliche Ausbeutung übergehen. Überall würden die Arbeiter schnell an die Grenzen der Legalität stoßen.

“Die Agitation findet eine Klasse, die durch das Leben selbst organisiert ist mit einem gut entwickelten Klassenegoismus, mit dem Bewusstsein der gemeinsamen Interessen aller Arbeitenden und des Gegensatzes gegenüber den Interessen aller anderen Klassen. Ein Wechsel in der politischen Struktur ist nur eine Frage der Zeit. Ein Funke – und das ganze brennbare Material wird explodieren.“ 124)

Im Mai 1896 brach in der Russischen Spinnerei im Narva-Distrikt der Hauptstadt ein Streik aus, die Arbeiter bildeten fliegende Streikposten und dehnten den Kampf aus, zum ersten Mal standen die Marxisten an ihrer Spitze. Im Jahr zuvor hatte es bereits einen großen Textilarbeiterstreik in Iwanowo-Wosnessensk gegeben. Die Barriere zwischen Marxisten und Arbeitern schien zerbrochen.

Auf den Ausbruch des Textilarbeiterstreiks hatte der Kampfbund keinen direkten Einfluss, die Arbeiter kannten aber Flugblätter des Kampfbundes. Auf dem Höhepunkt des Kampfes trafen sich das Streikkomitee und Vertreter des Kampfbundes täglich. Nach zwei Wochen mussten die Arbeiter den Streik abbrechen. In August wurden in einer Verhaftungswelle Streikführer und Mitglieder des Kampfbundes festgenommen. Die Agitation breitete sich auf die Provinz aus. Zum 1.Mai wurden regelmäßig Flugblätter herausgegeben, das waren politische Forderungen wie der Acht-Stundentag, demokratische Freiheiten und die Abschaffung des Zarismus. Aus dem 1. Mai-Flugblatt 1900 in Petersburg:

“Unsere Fabrikbesitzer und die ihr hörige Regierung haben immer, wenn sich unser Mai-Feiertag nähert, tödliche Angst. … Die Regierung ist nicht umsonst beunruhigt: In ganz Russland erheben sich die russischen Arbeiter zum Kampf. Jetzt hier, dann dort feiern wir unseren glänzenden Feiertag. Unsere polnischen Genossen haben ihn so wie in Westeuropa begangen, also mit Straßendemonstrationen, ebenso die jüdischen und litauischen Arbeiter. … Genossen, zeigen wir den Kapitalisten und ihrer verachtenswerten Regierung, dass wir eine starke Kraft sind, dass die Arbeiter von Sankt Petersburg erwacht sind und wissen, dass sie kämpfen müssen; der beste Beweis dieses Willens wird die Feier des 1.Mai sein. … Lasst sie aus dem Mund der Arbeiter eine flammende Anklage ihrer Betrügereien, ihrer Unterdrückung, ihrer Räubereien und ihrer Gewalt hören.“ 125)

In Charkow zogen ohne große Agitation der Sozialdemokraten einige tausend Arbeiter von Fabrik zu Fabrik und brachten sie zum Stillstand. Die Verhaftungen nach dem 1 .Mai provozierten einen Generalstreik mit 11.000 Beteiligten. Eine Demonstration vor dem Gefängnis überzeugte den eingeschüchterten Generalgouverneur, die Gefangenen frei zu lassen. Das Beispiel machte in den folgenden Jahren in ganz Russland Schule. Die Jahre 1899 bis 1900 waren nicht nur die Blütezeit der revolutionären Bewegung, es war auch sie Zeit des Entstehens des Ökonomismus.

1894/95 trafen sich Vertreter verschiedener sozialdemokratischer Gruppen und suchten Kontakt zu Plechanows Gruppe Befreiung der Arbeit in der Schweiz. Es war der erste Kontakt der Exilanten mit revolutionären Gruppen in Russland seit vielen Jahren. Lenin und Martow und andere wurden nach ihrer Rückkehr verhaftet. Die Führung des Kampfbundes fiel an sehr junge Leute, 1897 wurde Lenin nach Sibirien verbannt.

Die Zirkelbewegung litt unter der zaristischen Repression, es war nicht daran zu denken, wie in Westeuropa eine halbwegs legale sozialdemokratische Organisation aufzubauen. Die Furcht vor Verhaftung und Zerschlagung schuf eine zentralisierte Konzeption von Organisation. Kleine Führungskomitees wurden nicht gewählt, sondern ergänzten sich durch Kooptation. Der Führung waren Kommissionen für Propaganda, Agitation, Geldbeschaffung, Druck usw. untergeordnet. All das verhinderte nicht das Eindringen von Provokateuren, die immer wieder zu entscheidenden Positionen vordrangen. Lenin legte Wert darauf, Arbeiterkader auszubilden und sie in die Führung zu bringen. Viele Führer waren an der Verteidigung ihrer Führungspositionen interessiert und interpretierten den Zentralismus dahin gehend, möglichst wenig neue Arbeiter in die Führung aufzunehmen. Ende der neunziger Jahre war die Repression besonders erfolgreich, viele Arbeiter waren jetzt gezwungen, selbst Führungsaufgaben zu übernehmen. Um 1900 schien der Ökonomismus in der Partei zu triumphieren. Die Untergrundarbeit führte bei einem Teil der Zirkel zu einer gewissen Routine, jeder kannte jeden in der Gruppe, man schmorte im eigenen Saft. Massenagitation war was anderes, ein Sprung ins kalte Wasser. Gegen die drohenden Verhaftungen und neuen Gefahren der Desorganisation der Routine wehrte sich mancher.

Für die revolutionären Intellektuellen und klassenbewussten Arbeiter war die Notwendigkeit der Bildung einer russischen Arbeiterpartei klar. In der vorbereitenden Diskussion verlangte die PPS, schon gut organisiert, von einer russischen Partei die Anerkennung der territorialen Abtrennung Polens im Parteiprogramm und die Ablehnung von Beziehungen zu anderen Parteien Polens außer der PPS, das hätte Beziehungen zum Bund und zur Sozialdemokratischen Partei Litauens, das die PPS als Teil Polens ansah, ausgeschlossen. So nahm sie nicht am Gründungsparteitag teil.

Der Bund übernahm die Initiative. Die Exilgruppe um Plechanow und Axelrod hatte keinen Einfluss auf die Parteigründung und wussten auch nichts davon. Neun Männer trafen sich am 1.März 1898 im Haus eines Eisenbahnarbeiters im Vorort von Minsk. Es war der erste und einzige Kongress der RSDRP innerhalb des Zarenreiches. Im Nebenraum stand ein geheizter Ofen, nicht nur als Heizung, sondern um im Fall eines Eindringens der Polizei schnell die Dokumente verbrennen zu können. Auf dem Kongress waren der Bund mit drei Vertretern sowie die Gruppen aus Sankt Petersburg, Moskau, Jekaterinoslaw und Kiew vertreten. Aus konspirativen Gründen konnte die Gruppe in Iwanowo-Wosnessensk nicht teilnehmen und Gruppen aus Petersburg, Odessa und Nikolajew sowie der Auslandsbund wurden vorsichtshalber nicht eingeladen. Die Absicht, Arbeiter als Delegierte zu schicken, konnte nicht eingehalten werden, nur der Bund schickte den Uhrmacher Dawit Katz.

Es gab kaum Diskussionen über das Parteiprogramm, hauptsächlich ging es um Organisatorisches, ein Diskussionsprotokoll wurde nicht angefertigt. Man einigte sich auf den Parteinamen Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDRP). Dem Bund wurde gestattet, der Partei als autonome Organisation beizutreten, unabhängig in Fragen des jüdischen Proletariats, in allen anderen Fragen unterlag er den Entscheidungen der RSDRP. Den örtlichen Gruppen wurde relativ breite Entscheidungsfreiheit zugestanden, andererseits sollte das dreiköpfige Zentralkomitee (ZK) recht zentralistisch organisiert sein. Alle technischen und organisatorischen Fragen oberhalb der lokalen Ebene fielen in die Kompetenz des ZK, es durfte Mitglieder nach Verhaftungen kooptieren; das höchste Organ war der Parteitag, nur in den dringendsten Fällen durfte das ZK einstimmig dem nächsten Kongress vorgreifen. Rabotschaja Gaseta wurde zum Parteiorgan erklärt, ein Auslandskomitee eingerichtet. Ein Parteiprogramm sollte Struwe schreiben nach dem Vorbild des Erfurter Programm der SPD unter Berücksichtigung der Agrarfrage und der Kritik des Populismus. Aber bereits einen Monat später waren fünf der neuen Gründungsmitglieder einschließlich des ZK verhaftet. Struve schrieb ein Manifest, bevor er zu den Liberalen überging. Ein Anfang war gemacht, der Anspruch einer russischen sozialdemokratischen Partei war gestellt, die Proklamation schuf die Partei als Symbol, aber die Führung musste ins Ausland verlegt werden, wollte sie effektiv arbeiten. Die Gruppen im Inland arbeiteten ohne und mit sporadischen Kontakten miteinander weiter ohne politisches Zentrum. Etwa 500 Sozialdemokraten in ganz Russland wurden verhaftet, ein schwerer Schlag für die junge Partei.

Der Ökonomismus

Um die Jahrhundertwende gab es einen deutlichen Trend in der internationalen Sozialdemokratie, sich stärker an die bürgerliche Gesellschaft anzupassen. Dafür waren die revolutionären Theorie von Marx und Engels ein Hindernis, die man widerlegen oder zumindest aufweichen musste. Engels war 1895 gestorben, Kautsky, Bernstein und Plechanow galten als seine Nachfolger als Parteitheoretiker. 1898 kritisierte Bernstein die marxistische Zusammenbruchstheorie, im führenden theoretischen Organ der Sozialdemokratie, der Neuen Zeit schrieb er, die kapitalistische Wirtschaft habe eine solche elastische Anpassungsfähigkeit erreicht, dass der ‘große Kladderadatsch‘ – ihr Zusammenbruch – zu einer trügerischen Hoffnung herabgesunken sei. Es bestehe keinerlei Anlass, die Katastrophe der bürgerlichen Gesellschaft herbei zu wünschen.

“Was [die Sozialdemokratie] zu tun … hat, ist die Arbeiterklasse politisch zu organisieren und zur Demokratie auszubilden, und für alle Reformen im Staate zu kämpfen, die geeignet sind, die Arbeiterklasse zu heben und das Staatswesen im Sinne der Demokratie umzugestalten.“ 126)

Plechanow griff den Neokantianismus Bernsteins an. Kautsky und andere kritisierten, die philosophische Fragestellung sei den ‘Massen sehr ‘schnuppe‘. Der sozialdemokratische Parteivorstand beschränkte sich auf die Beschwörung der ‘altbewährten Taktik‘.

In Russland entstand mit paralleler Zielrichtung der ‘legale Marxismus‘ mit Petr Struve und anderen, der sich für die Theorie der ökonomischen Entwicklung und die unvermeidliche Entwicklung des Kapitalismus in Russland interessierte. Struves Bücher gingen durch die Zensur, Struve hatte 1898 das Parteiprogramm geschrieben, seit 1900 stand er auf dem revisionistischen Flügel der Partei und wandte sich dem Liberalismus zu, er sollte 1905 zum Mitbegründer der Kadetten-Partei werden. Die ‘legalen Marxisten‘ und Ökonomisten griffen Bernsteins Positionen auf. Russlands Arbeiter seien politisch unreif, die Partei müsse sich auf ökonomische Fragen konzentrieren. Russland brauche keine Revolution sondern eine Verfassung, deshalb müsse sich die Partei mit anderen Opponenten der Autokratie zusammen tun. Erst wenn diese ökonomischen Massenorganisationen erfolgreich sein, könne man die Arbeiter mit revolutionären Forderungen konfrontieren.

Parallel dazu regten sich die Liberalen. Die liberalen Grundbesitzer verbanden sich mit den Ärzten, Juristen, Agronomen und Statistikern, dem sogenannten ‘dritten Element‘. Hier erhoffte man die Möglichkeit einer legalen Opposition. Struve schrieb ein Memorandum, das Minister Witte dem Zaren vorlegte, die Semstwo seien für die Aufrechterhaltung der Selbstherrschaft ungeeignet, man solle sie abzuschaffen oder sie mit mehr Rechten ausstatten und reformieren. Die meisten Liberalen interpretierten den Aufruf in ihrem Sinne, sie schufen mit Oswoboshdenje (Befreiung) eine Exilzeitung, sie wurde 1902 bis 1905 in Stuttgart herausgegeben und von der SPD unterstützt. Die von Struve herausgegebene Zeitung hatte mehr Geld, kam vierzehntägig heraus und war besser gemacht als die sozialdemokratischen Blätter. Sie forderte eine politische Repräsentation des Volkes und die Gewährung politischer Grundrechte vom Zaren. Martow charakterisierte sie in der Iskra:

“Das Kokettieren mit der gleichen Autokratie, der der Krieg erklärt wird, die Furcht der Besitzenden vor eben jenem Volke, in dessen Namen die Semstwo-Partei die Rolle eines Repräsentanten der ‘Nation‘ fordert, die schlecht verborgene Verteidigung der Klasseninteressen der Gutsbesitzer, verbunden mit lauten Phrasen gegen den Klassenkampf, schließlich die verräterischen Versuche, die revolutionäre Bewegung in einem Augenblick zu diskreditieren, da alles auf deren Erfolg gegründet ist, - dies sind die Grundelemente der politischen Richtung der ‘Konstitutionalisten'„. 127)

In Sankt Petersburg gab es nach der Zerschlagung des Kampfbundes eine Anzahl von Folgegruppen. unter ihnen Rabotschaja Mysl (Arbeitergedanke), unter den Arbeitern gewann der Ökonomismus Anhang, denn die Hoffnung, nicht ständig vom zaristischen Staatsapparat unterdrückt zu werden, hatte eine gewisse Anziehung unter den Arbeiterführern.

“Der Kampf um ökonomische Interessen ist der hartnäckigste Kampf, er ist einer großen Zahl verständlich … Politik folgt immer gehorsamst der Ökonomik, und im Allgemeinen werden politische Ketten im Vorübergehen gebrochen. Der Kampf um die ökonomische Lage, der Kampf gegen das Kapital .. ist die Devise der Arbeiterbewegung.“ 128)

Die Ökonomisten meinten, dass die Arbeiter Politik weder verstünden noch brauchten, eine revolutionäre Partei sei also irrelevant. Ihr Führer schlug vor, Vertreter von Gewerkschaften sollten automatisch Parteimitglieder werden. Rabotschaja Mysl wollte eine Massenzeitung sein und propagierten Streiks, liefen dabei eher den Arbeitern hinterher als ihnen einen Weg vorwärts zu weisen. Erst wenn eine breite Schicht von Arbeitern sich Erfahrung im wirtschaftlichen Kampf angeeignet habe, sei es möglich, zu politischen Fragen über zu gehen. Doch ein Streik nach dem anderen wurde von der Polizei und den Kosaken gebrochen. Nach einem Bericht der russischen Sozialdemokratie 1904 betrug die durchschnittliche Lebensdauer einer sozialdemokratischen Gruppe kaum mehr als ein paar Monate. Das war ein Vorteil für die Ökonomisten, die Partei musste ihre verhafteten Kader immer wieder durch neue weniger erfahrene Kräfte auffüllen.

Im November 1898 tagte in Zürich ein Kongress der ökonomistischen Auslandsorganisation der Russischen Sozialdemokraten, der die Isolierung der Gruppe Befreiung der Arbeit um Plechanow, Axelrod und Sassulitsch demonstrieren sollte. Die Zeitung Rabotschaja Mysl erschien in neun Heften bis 1902 und vertrat den Reformismus Bernsteins, Rabotscheje Delo mit einen recht diffusen Kurs. Einer seiner Herausgeber war Alexander Martynow, der später vom Ökonomismus zum Menschewismus und 1922 zum Stalinismus überging, ohne seine Grundsätze ändern zu müssen. Die Herausgeber vertraten als erste die Etappentheorie, die bürgerliche Revolution müsse erst vollendet sein, ehe die Arbeiterklasse zur politischen Agitation für eine sozialistische Revolution übergehen dürfe. Die Gruppe Befreiung der Arbeit war ziemlich isoliert. In der Petersburger Gruppe dominierten die Ökonomisten. Plechanow schrieb 1900 Artikel gegen diese, unter anderem sein ‘Vademecum‘ für die Herausgeber der Rabotscheje Delo In Sibirien konnten die Verbannten der Diskussion folgen, wenn auch mit Zeitverzögerung, Lenin schrieb einen ‘Protest der russischen Sozialdemokraten‘ zur Unterstützung Plechanows. 1900 war Martows und Lenins Verbannung beendet, sie entschlossen sich ins Exil zu gehen und dort ein Exilorgan zu gründen.

Die Iskra

Noch in sibirischer Verbannung schufen Lenin, Martow und Alexandr Potressow eine Dreiergruppe. Ihr Plan war es, die Partei mithilfe einer marxistischen Zeitung aufzubauen. Ein Vereinigungsversuch mit dem Auslandsbund der Sozialdemokraten scheiterte 1901, die Iskra-Anhänger organisierten sich separat. 1900 war der Kontakt mit Plechanow hergestellt, er schien erfolgsversprechend. Eine neue Konferenz mit Iskra- Anhängern wurde 1902 im Pskow abgehalten, ein Parteitag vorbereitet.

Nachdem die ‘Troika‘ Russland verlassen hatte, wurde die Iskra-Redaktion aus sechs Leuten gebildet, aus Lenin, Martow und Potressow und der Gruppe Befreiung der Arbeit mit Plechanow, Axelrod und Sassulitsch, wobei Plechanow zwei Stimmen erhielt. In der Redaktion war die Stimmung von Anfang an gespannt. Plechanow und Axelrod wollten die Iskra (Der Funke) in der Schweiz herausgeben, die Troika und Sassulitsch gingen nach München. Lenin, Potressow und Martow waren legal mit offiziellem Pass nach Deutschland eingereist, lebten aber illegal, um die aus Russland ankommenden Genossen nicht zu gefährden und den Transport der Iskra organisieren zu können. Gleichzeitig erschien 1901 bis 1902 in Stuttgart Sarja (Morgenröte) als Theorie-Organ mit insgesamt vier Nummern.

Die Gründungserklärung der Redaktion griffen Bernstein, Rabotschaja Mysl, Rabotscheje Delo und Struve hart an, Lenin polemisierte scharf gegen Struves Liberalismus, Plechanow und Axelrod waren darüber entsetzt. 1902 ging dann Struve offen ins Lage der Liberalen über. 1900 bis 1903 entstanden 44 Ausgaben der Iskra in Deutschland. Von ihrer Sprache her richtete sie sich an klassenbewusste Arbeiter; sie informierte über die Verbrechen des Zarismus, die Intrigen der Außenpolitik, ihr wichtigster Inhalt aber war die Reflektion über das Leben der Arbeiter, die Berichte über den Klassenkampf. In jeder Nummer gab es kurze Berichte über Streiks, die von den Korrespondenten gesammelt und ins Ausland geschmuggelt wurden. So wurden die russischen Leser – wenn auch mit mehrmonatlicher Verzögerung – über die russische und internationale Arbeiterbewegung informiert. Die Zahl der Leser und lokalen Parteizellen stieg, oft gab es Arbeiterkorrespondenzen mit wichtigen Diskussionen. Lenin hatte die Hauptarbeit, Nadeschda Krupskaja führte eine ausgedehnte Korrespondenz mit den illegalen russischen Mitarbeitern, über Deutschland wurden Iskra und die Korrespondenz geschmuggelt. Mit Lenin und Krupskaja als Motoren unterstützten sie der Drucker Blumenfeld; Martow und Plechanow lieferten Artikel, die anderen alten Mitglieder der Gruppe Befreiung der Arbeit waren weniger aktiv.

Bild 7: Nadeschda Krupskaja
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Als die Iskra 1900/1901 gegründet wurde, hatte sie eine Auflage von 500 und zehn Anhänger in Russland. 129) Für die Parteigründer hatte die Geschlossenheit und Konspiration Vorrang vor breiter Rekrutierung. Die Gegner der Iskra in Russland waren zahlreicher als ihre Anhänger. Die meisten erkannten den Auslandsbund als Repräsentanz der Partei im Ausland an, gegen den Bund hatten die Anhänger der Iskra keine Chance. Bis Lenins Agentennetz nicht zu einer anerkannten Organisation zusammen geschlossen war, verzögerte er einem Parteitag. Um 1900 gab es zahlreiche Gruppen, die sich auf die RSDRP beriefen und unterschiedliche Konzeptionen hatten, in Petersburg gab es allein mindestens sechs Gruppen, viele waren ökonomistisch beeinflusst, einige waren Arbeitertümler.

Der Transport der Iskra absorbierte einen großen Teil der Arbeit, er war eine Tortur, Krupskaja schätzte, dass nur etwa zehn Prozent der Schmuggelversuche erfolgreich waren. 130) Vertrauensleute in Berlin, Paris, in der Schweiz und Belgien machten Leute ausfindig, Koffer mitzunehmen, besorgten Geld, Verbindungen und Adressen. Der Schmuggel in Koffern mit doppeltem Boden dauerte oft mehrere Monate. Als die russischen Grenzer den Trick durchschauten, nutzte man normale Koffer mit 200 bis 300 Zeitungen unter fester Pappe versteckt. Als die Nachfrage nach der Zeitung wuchs, nähte man sie in Westen und Röcke ein.

Der Transport der Iskra ging über Wilna, die Petersburger versuchten es über Stockholm; über Marseille gab man es Schiffsköchen russischer Dampfer, die die in Segeltuch gewickelte Literatur vor Batum ins Meer warfen, wo sie von den in einem Boot wartenden georgischen Genossen herausgefischt wurden. Martows Bruder in Wilna und später in Poltawa sorgte für den Vertrieb im Inland, nach seiner Verhaftung ging die Auslieferung über Odessa. In Poltawa im Süden, Samara im Osten und im Zentrum von Moskau wurde die Iskra vertrieben. Man begann auch, innerhalb Russlands die Iskra in geheimen Druckereien nachzudrucken, solche Druckereien entstanden in Moskau, Odessa und Baku. 1901 gab es in Kischinew in Bessarabien eine illegale Druckerei, die Nachdrucke anfertigte, nach ihrer Entdeckung wurde Iskra in Baku gedruckt. Das war umso praktischer, da der Koffertransport der Matrizen bis zu 100 Rubel – etwa 200 Goldmark – kostete. Immer wieder gab es Verhaftungen, trotzdem wuchs die Verbreitung des professionell hergestellten zweiwöchentlichen Organs. In Moskau leitete Nikolai Bauman den Vertrieb nach Zentralrussland. Petersburg wurde lange schlecht versorgt. 131)

In Armenien waren die Intellektuellen mehr um ihre nationale Unabhängigkeit von der Türkei bewegt und unterstützen die nationalistische Daschnaken-Partei. Da sich die lokale Ochrana vorwiegend um diese kümmerte, hatte die marxistischen Gruppen einen fast halblegalen Status. 1903 konnten sich die drei Transkaukasischen Komitees in Tiflis, Batum und Baku zu einer Kaukasischen Sozialdemokratischen Union lose vereinen und unterstützten die Iskra. Sonst gab es nennenswerten Einfluss nur noch unter den Bergarbeitern des Ural. In den russischen Provinzstädten war die Geheimpolizei öfter lax und konnte geheime Aktivitäten nicht verhindern. Eine wichtige Organisation gab es in Jaroslawl und einigen Städten der oberen Wolga. In den Großstädten war der Anhang gering und man musste sich mit den Ökonomisten auseinander setzen, in Moskau dominierte die Subatow-Organisation.

1902 weigerte sich der Münchener Drucker, die Iskra weiter zu drucken, das Risiko war ihm zu groß. Wegen der Konspiration hatten die Iskra-Leute auch keinen Kontakt mit den deutschen Genossen, lediglich mit Parvus und einmal kam Rosa Luxemburg zu Besuch. Die Münchener Redakteure schlugen Plechanows Einladung nach Genf aus und siedelten nach London um. Da in der Redaktion Plechanow zwei Stimmen hatte, konnten ihn Potressow, Martow und Lenin nur überstimmen, wenn sie einig waren und Axelrod oder Sassulitsch neutralisierten. Im Oktober 1902 kam Trotzki in London an, den Lenin in die Redaktion aufnehmen wollte, Plechanow legte sein Veto dagegen ein. Auch die persönlichen Beziehungen zwischen Martow und Lenin verschlechterten sich. Beide entwarfen jeweils ein Parteistatut mit dem Paragrafen zur Definition der Mitgliedschaft.

Lenin wollte die Mitgliedschaft auf Berufsrevolutionäre begrenzen und die Rechte der Zentrale gegenüber den lokalen Komitees stärken. In Martows Entwurf hatten die Komitees mehr Rechte, die Möglichkeiten der Zentrale, Komitees aufzunehmen und aufzulösen waren begrenzt, die Komitees sollten mehr Autonomie in den Beziehungen mit anderen Organisationen bekommen. Lenin definierte die Pflichten jeder Parteiorganisation, das ZK habe das Recht, seine Kompetenzen selbst zu bestimmen und in lokale Angelegenheiten einzugreifen. Martows Konzept gab nationalen Parteien wie den Polen und dem Bund Raum für eine selbstständige Arbeit, sie konnten ihre Organisations- und Propagandaarbeit in ihren nationalen Minderheiten selbst bestimmen, das fehlte in Lenins Entwurf. Martows Statut sah zwei relativ unabhängig voneinander existierende Parteizentren vor: das Zentralkomitee in Russland sollte die Arbeit in Russland leiten und hatte mehr praktische Aufgaben, das Zentralkomitee war das ideologische Zentrum im Ausland. Lenin ordnete dem Parteizentrum in Russland eine untergeordnete Rolle unter dem Auslandsorgan zu, als Koordination zwischen beiden sah einen Rat aus je zwei Vertretern des Zentralkomitees (ZK) und ZO (Zentralorgans) vor mit einem direkt vom Parteitag gewählten Vorsitzenden, der die Arbeit beider Zentren koordinieren sollte. Die Diskussion ging um Lenins zentralistische und Martows mehr föderalistische Position. Einig waren sich beide über die Notwendigkeit der Zentralisierung und der Konspiration.

Lenin systematisierte 1902 mit seiner Broschüre ‘Was tun‘ seine Vorstellung. 132) Die Erfahrungen in der russischen Arbeiterbewegung hatten ihn davon überzeugt, dass den Arbeitern von Intellektuellen Klassenbewusstsein gebracht werden müsse.

“Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. … Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von … der Intelligenz ausgearbeitet wurden. 133)

Die typische Arbeitsform eines Zirkels laufe exemplarisch so ab: Ein Studentenzirkel knüpfe Beziehungen zu Arbeitern an und beginne zu arbeiten, ohne jede Beziehung zu bereits aktiven Gruppen und anderen Zirkeln anderer Orte und sogar in der eigenen Stadt, ohne systematischen Plan. Nach und nach entfaltete der Zirkel eine immer umfassendere Propaganda- und Agitationsarbeit, gewinne allein durch seine Existenz die Sympathie breiterer Arbeiterschichten, neuer Jugendlicher und gebildeter Schichten, die sie finanziell unterstützten. Die Tätigkeit der Arbeiterzirkel wachse weiter, das Komitee erweitere seine Tätigkeit spontan, verfasse Flugblätter und verbreite sie, nehme Kontakt zu anderen Gruppen von Revolutionären auf, beschaffe Literatur, bereite eine lokale Zeitung vor, beginne Demonstrationen zu planen. Meist fliege sie gleich zu Beginn ihrer Aktion auf. Sie werde fast vollständig zerschlagen, weil ihre Aktivität nicht Ergebnis eines lange geplanten Kampfes sei, sondern sich einfach aus dem spontanen Wachstum der Zirkelarbeit ergebe. Das entspreche ungefähr einem Feldzug mit Knüppeln bewaffneter Bauern gegen eine moderne Armee. Die Polizei passe sich mit Lockspitzeln, Spionen und Gendarmen schnell der Arbeit an. Die Zirkel würden so gründlich und häufig hinweg gefegt, dass die Arbeitermasse buchstäblich alle Führer verliere und sich keine Kontinuität und kein Zusammenhang der Arbeit herausbilden könne. In einigen Orten würden die Arbeiter von Misstrauen gegen die Intellektuellen erfasst und würden ihnen vorwerfen, durch ihre Leichtfertigkeit Verhaftungen der Arbeiter zu verursachen. Die Zahl der Revolutionäre sei zu unbedeutend, als dass sie auf die in Bewegung gekommene Arbeitermasse Einfluss ausüben könne, das Wachstum der Arbeiterbewegung überflügele das Wachstum revolutionärer Organisationen. Ohne Grundregeln der Konspiration könne ein junger Agitator nur vier, fünf oder sechs Monate arbeiten, dann erfolge seine Verhaftung und die Zerschlagung mindestens eines Teils der Organisation. Schlimm sei es, wenn dieser handwerklerischen Praxis dann der Mantel der Theorie umgehängt werde, die des Ökonomismus, wie es Rabotschaje Delo und der Auslandsbund täten. Der Kampf gegen die politische Polizei erfordere Berufsrevolutionäre.

“Nur eine zentralisierte Kampforganisation, die die sozialdemokratische Politik konsequent durchführt … ist imstande, die Bewegung vor einem unüberlegten Angriff zu bewahren und den Angriff vorzubereiten, der Erfolg verspricht.“ 134)

In den Ländern mit Bewegungsfreiheit für die Sozialisten gäbe es das demokratische Prinzip der Wählbarkeit und der Kontrolle der Führer durch die Mitglieder.

“Das einzige ernste Organisationsprinzip muss für die Funktionäre unserer Bewegung sein: strengste Konspiration, strengste Auslese der Mitglieder, Heranbildung von Berufsrevolutionären. Sind diese Eigenschaften gegeben, so ist noch etwas Größeres gesichert als der ‘Demokratismus‘, nämlich: das volle kameradschaftliche Vertrauen der Revolutionäre zueinander. Und dieses Größere ist für uns unbedingt notwendig, denn bei uns in Russland kann gar keine Rede davon sein, es durch eine allgemeine demokratische Kontrolle zu ersetzen.“ 135)

Die Geschichte der russischen Sozialdemokratie lasse sich in drei Perioden einteilen: In der ersten Phase 1884 bis 1894 sei die Theorie der Sozialdemokratie entstanden, sie habe ein Handvoll Anhänger gehabt. In der zweiten Periode 1894 bis 1898 habe sich der Marxismus unter den Intellektuellen verbreitet, die ihn unter den Arbeitern zu propagieren suchten. Für diese praktische Arbeit seien sie jedoch nicht genügend geschult, sie verschwänden bald wieder von der Bildfläche. Ihr Höhepunkt sei die Gründung der Partei 1898 gewesen. In der dritten Periode seit 1898 erfasse der politische Kampf neue Schichten der Arbeiter und breite sich über ganz Russland aus, er greife auch auf andere Schichten wie die Studenten über. Die Führer zeigten sich in theoretischer und praktischer Beziehung zurück geblieben und versuchten ihr Zurückbleiben theoretisch zu verteidigen und hätten die Ideen des Ökonomismus entworfen. Die vierte Periode werde zur Festigung des streitbaren Marxismus führen, zur Bildung einer Vorhut der revolutionären Klasse.

Mit der Durchsetzung dieses Konzept versuchte die Iskra eine Mehrheit unter den sozialdemokratischen Gruppen zu gewinnen. 1902 schien sie erreicht, jetzt bereitete die Redaktion energisch den Parteitag vor. Martow, Potressow und Trotzki waren nach Paris abgereist, im April 1903 siedelten Lenin und Krupskaja nach Genf über. Es gab Zustimmung der Gruppen aus Petersburg, Moskau, Twer, Charkow, Saratow, Ufa, Odessa, Irkutsk, der sibirischen Gebietsorganisation und des südrussischen Bergarbeiterverbandes, andererseits war die organisatorische Überlegenheit des Bundes so groß, dass Lenin ihn nicht aufsprengen konnte.

Das Erscheinen der Iskra korrespondierte mit einem Aufschwung der Massenbewegung. Um 1900 gab es schon drei Millionen Arbeiter, die Zahl der Arbeiter in Großbetrieben stieg steil an. Es gab eine Krise, in der 3.000 Fabriken mit 100.000 Arbeitern geschlossen wurden. Aber diesmal verfielen die Arbeiter nicht in Resignation, sondern wehrten sich wie in Petersburg 1901. Am 1.Mai 1900 demonstrierten Arbeiter in Charkow. 1902 brach ein Eisenbahnerstreik in Rostow aus, der auf die Fabrikarbeiter übergriff. Die Polizei und Kosaken töteten Demonstranten, die Begräbnisse wurden politische Demonstrationen. 1903 wuchsen sie zu einem Massenphänomen an, es gab politische Streiks in Tiflis, Baku, Odessa, Kiew, Jekaterinoslaw. In den Provinzen Poltawa und Charkow rebellierten die Bauern, 10.000 Soldaten wurden für ihre Niederschlagung mobilisiert, aber sie breiteten sich nur weiter in der Schwarzerderegion, an die Wolga und nach Georgien aus. Landhäuser des Adels gingen in Flammen auf. Die Bewegung sprang auf die Studenten über, die Regierung reagierte mit Panik, viele Studenten wurden in die Armee eingezogen, es gab Studentendemonstrationen von Zehntausenden, im Winter 1901/2 streikten 30.000 Studenten. Die Mehrheit ging zu den Liberalen, eine Minderheit konnte für die Sozialisten gewonnen werden.

Der zweite Parteitag 1903 – Die Spaltung

Im Sommer 1903 konnte man endlich den zweiten Parteitag in Brüssel abhalten. Der ‘Eroberungsfeldzug‘ der Iskra war erfolgreich ausgegangen, die Iskra-Redaktion schaffte es, ein Organisationskomitee in Russland zu installieren. Die Auslandsorganisation russischer Sozialdemokraten hatte nur noch die Arbeiterorganisation in Petersburg als Stützpunkt, die seit Juli 1902 dem Stadtkomitee entgegen stand. Aus Russland konnte man 32 Delegierte aus 19 Gruppen senden, der Bund aber organisierte zehntausende Mitglieder und bekam nur fünf Vertreter. 136) Die Delegierten waren sehr jung, Lenin mit seinen 33 Jahren galt als Älterer. Um einen Delegierten zu erhalten, mussten die Komitees mindestens 12 Monate existieren, einige Gruppen wurden deshalb nicht eingeladen. Es gab insgesamt 43 Delegierte mit 51 Stimmen, die beiden Petersburger Gruppen erhielten je eine Stimme. Zusätzlich hatten 14 Personen eine beratende Stimme, zwei der SDKPiL kamen später nach Brüssel. Nur das Komitee von Woronesch schickte keinen Delegierten. Vertreten waren Petersburg, Moskau, Charkow, Kiew, Odessa, Nikolajew, Gruppen von der Krim und dem Don, der Bund der Bergarbeiter, Jekaterinoslaw, Saratow, Tiflis, Baku, Batum, Ufa, Tula, ein Nordbund und ein Sibirischer Bund. 137) Potentielle Opponenten schienen die Vertreter von Juschny Rabotschi und des Stadtkomitees von Charkow zu sein, die Inlands- und Auslandsvertretung des Bundes sowie der Vertreter des Auslandsbundes russischer Sozialdemokraten Martynow. Insgesamt waren neun Frauen und 48 Männer in Brüssel vertreten. Die von den Iskra-Gruppen entsandten Delegierten schienen jedoch nicht unbedingt alle feste Anhänger zu sein.

Die Tagung fand in einem riesigen Mehlspeicher statt, den die Teilnehmer erst einmal von Ungeziefer und Ratten säubern mussten. Die Revolutionäre scheuchten aber nicht nur die Ratten, sondern auch die Brüsseler Polizei auf. Man munkelte von Russen, die sich zu irgendwelchen geheimen Beratungen versammelt hätten. Als die ersten Ausweisungsbefehle drohten, wich die Versammlung am 7.August mit der Fähre nach London aus.

Plechanow eröffnete den Parteitag am 30. Juli. Der Dauerkonflikt mit dem Bund bestimmte den ersten Teil des Kongresses, er verlangte die ausschließliche Vertretung der jüdischen Arbeiter. Die RSDRP dürfe nur mit Zustimmung der Leitung des Bundes Verbindung zu dessen lokalen Organisationen aufnehmen. Die Bund-Leitung wollte auch in Aktionsabkommen mit anderen revolutionären Organisationen außerhalb der Partei eintreten dürfen, solange die Leitung der RSDRP dies nicht ausdrücklich verbiete. Sie war zur Anerkennung des Parteiprogramms bereit, behielt sich aber das Recht der Ergänzung für jüdische Angelegenheiten vor. Das hätte der Führung der RSDRP kaum Einflussmöglichkeiten gelassen. Martow vertrat die Position der strikten Zentralisierung, seine Resolution erhielt die Mehrheit bei den fünf Gegenstimmen des Bundes. Sie lehnte jede Möglichkeit föderativer Beziehungen als grundsätzlich unzulässig ab. 138) Am 18.August nach Ende der Diskussion lehnte der Parteitag die Forderungen des Bundes nochmal ab, die an ihr Mandat gebundenen Delegierten des Bundes erklärten den Austritt ihrer Organisation aus der Partei.

Auch mit der polnischen SDKPiL konnte keine Einigung über die Mitgliedschaft erzielt werden. Die SDKPiL hatte als Opposition zur PPS die Verbindung zur Iskra gesucht. Auf ihrem Parteitag war die Teilnahme am russischen Kongress beschlossen worden, Sie forderte die Selbstständigkeit in allen inneren Angelegenheiten wie das Recht auf eigene Kongresse und Literatur und die ausschließliche Vertretung als polnische Organisation in der RSDRP und einen Sitz in der Redaktion ihres Zentralorgans. Gegen die Stimmen des Bundes wurde die SDKPiL als Gast geladen; Warski und Ganezki/Hanecki kamen erst am 4.August. Als sie ihre Beitrittsbedingungen verlasen, die denen des Bundes ähnlich waren, setzte der Kongress eine Sonderkommission mit Plechanow und Martow ein. Die Russen verlangten ein einziges lokales Komitee in den Städten, was von der Autonomie der Polen nur einen Schatten übrig ließ. Rosa Luxemburg sandte aus Berlin strikte Verhandlungsprinzipien, keine Zugeständnisse zu machen. Die Vertreter der SDKPiL reisten am 7.August nicht nach London mit. Dann wurde der Programmentwurf der Iskra debattiert. Der Ökonomist Martynow kritisierte Lenins ‘Was tun?‘. Das Programm hatte mehr den Charakter eines Manifests zur Agitation, die Diskussion löste mehr als vier Tage lang keine intensive Diskussion aus. Mit den Polen verließen die beiden Ökonomisten den Parteitag, als ihre Auslandsorganisation der russischen Sozialdemokraten nicht anerkannt wurde. Jetzt hatte die Iskra-Gruppe eine Mehrheit von 33 Stimmen.

Bild 8: Wladimir Lenin 1895
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Der Parteitag wurde in London fortgesetzt, wo es damals lockere Einreisebestimmungen gab und sogar ein Bobby zum Schutz der Veranstaltung vor den Tagungsort gestellt wurde. Alle sahen die Wichtigkeit der Organisationsfrage. Lenin schlug die Wahl eines Zentralkomitees und die Redaktion des Zentralorgans Iskra vor sowie darüber eines Parteirats aus je zwei Mitgliedern des Zentralkomitees (ZK) und des Zentralorgans (ZO) sowie eines neutralen Schiedsmanns mit vagen Kompetenzen vor, es solle Differenzen zwischen ZK und ZO schlichten. Beide hätten das Recht, einstimmig Mitglieder zu kooptieren. Das ZK bekam große Rechte gegenüber den lokalen Parteiorganisationen. In der Beratungskommission kam es zu Auseinandersetzungen darüber, wer im ZK vertreten sein solle. Der Parteitag wurde darüber informiert, dass man sich über den ersten Paragrafen des Parteistatuts, der die Rechte und Pflichten der Mitglieder regelte, nicht einigen konnte. Martow formulierte: Jeder sei Mitglied, der das Programm akzeptiere, die Partei finanziell unterstütze und seine regelmäßige Arbeit unter der Führung einer ihrer Organisationen mache.

Lenin schlug die Formulierung vor, das Mitglied müsse das Programm akzeptieren und die Partei durch persönliche Mitarbeit in einer Parteiorganisation unterstützen. Der Unterschied war marginal. Axelrod eröffnete die Diskussion, mit Lenins Formulierung schließe man Mitglieder aus, die nicht direkt zur Organisation gehören, trotzdem aber Mitglieder seien, z.B. einen Lehrer, der offen seine Mitgliedschaft erkläre. Martow meinte, je weiter man die Mitgliedschaft fasse umso besser, so könne man auch Streikende und Demonstranten aufnehmen. Es müsse eine breite Variationsbreite der Mitgliedschaft geben, das ZK müsse entscheiden, wer Mitglied sei. Lenin wollte die Partei auf die Kaderorganisation beschränken, Plechanow erklärte sich für Lenin. Delegierte warfen ein, damit schließe man Arbeiter aus, man werde zu einer Armee von Generälen ohne Arbeiter, Trotzki unterstützte Martow.

Die Diskussion heizte sich auf, es kam zu einem folgenschweren Konflikt der Iskra-Leute. Lenin betonte, Martows Formel öffne die Partei für schwankende und opportunistische Elemente, man müsse zwischen Arbeitenden und Schwätzenden unterscheiden. Die Differenz bestand aus einem Halbsatz; Lenin formulierte:

“Mitglied der Partei ist, wer an einer Organisation der Partei teilnimmt.“

Martow:

“ … wer unter Kontrolle der Partei arbeitet.“

Bei der Wahl der Iskra-Redaktion und des Zentralkomitees kam es dann zur Spaltung. Lenin schlug vor, Plechanow, Martow und ihn selbst in die Redaktion zu wählen, sowie drei seiner Anhänger und zwei derer Martows ins Zentralkomitee. Die Abstimmung am 20.August ergab eine Mehrheit von 24 zu 20 Stimmen für Lenins Position. Damit hatte der Kongress eine Mehrheit (Bolschinstwo) und eine Minderheit (Menschinstwo). Martow lehnte die Arbeit in der Redaktion ab, ebenso die beiden Vertreter der Minderheit den Einzug ins ZK. Die erhitzte Debatte hatte zu einer Zufallskonstruktion und der folgenschweren Spaltung der russischen Sozialdemokratie geführt.

Bild 9: Julius Martow
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Nach dem Kongress war die Bestürzung größer als die Genugtuung. Es war für Sieger und Unterlegene schwer, eine prinzipielle Begründung der Spaltung zu geben. Der Eindruck, dass persönliche Rivalitäten die Parteieinheit zerstört hatten, überwog. Lenin führte die Haltung seiner Gegner auf persönliche Kränkung zurück:

“Betrachte ich das Verhalten der Martow-Leute nach dem Parteitag, ihre Verweigerung der Mitarbeit (worum die Redaktion des Zentralorgans sie offiziell gebeten hatte), ihre Verweigerung der Arbeit für das Zentralkomitee, ihre Boykottpropaganda – so kann ich nur sagen, dass das ein irrsinniger, eines Parteimitglieds unwürdiger Versuch ist, die Partei zu sprengen … und weshalb? Nur weil man unzufrieden ist mit der Zusammensetzung der Zentralstelle, denn objektiv war das die e i n z i g e Frage, in der wir uns trennten, die subjektiven Urteile aber … sind die Frucht gekränkter Eigenliebe und krankhafter Phantasie.“ 139)

Martow rechtfertigte sich:

“Bei der gegebenen Struktur der Partei hätte das dahin geführt, dass nicht nur zahlreiche Intellektuelle, die mit der Partei sympathisierten und ihr wertvolle Dienste leisteten, aber durch ihre Verhältnisse gehindert waren, sich den illegalen Organisationen anzuschließen, sondern auch ein großer Teil der sozialdemokratischen Arbeiter, die das Bindeglied zwischen den Parteigruppen und der Arbeitermasse bildeten, aber es aus Zweckmäßigkeitsgründen ablehnten, den illegalen ‘Zellen‘ und Komitees beizutreten, außerhalb des Rahmens der Partei blieben. … Mit Rücksicht auf alle diese Umstände verlangte die Opposition auf dem Kongress, dass zur Mitgliedschaft in der Partei, neben der Anerkennung des Programms, die ‘Arbeit unter der Kontrolle der Parteiorganisation‘ und nicht der ‘Eintritt in die Organisation‘, wie Lenin es verlangte, erforderlich war.“
“Bei den Debatten über diese beiden Formulierungen, die sich lediglich durch eine leichte Nuance voneinander unterschieden, trafen die tiefen Meinungsverschiedenheiten über den Wesensinhalt der politischen Partei der Arbeiterklasse zutage. Lenin und Plechanow stellten sich die Partei vor als einen engen Zusammenschluss der ‘zuverlässigen Revolutionäre‘ und waren gleichzeitig bestrebt, aus den Reihen der Partei alle auszuschließen, die nur einen Teil ihrer Kräfte der Partei zur Verfügung stellten oder aber die nur im großen und ganzen die Grundsätze der Partei anerkannten und noch der politischen Klassenerziehung bedurften. Sie warfen ihren Gegnern vor, dass diese bestrebt seien, die Partei in einen losen Verband zu verwandeln, in dem allerhand ‘Mitläufer des Sozialismus‘, allerhand Spießbürger und Zufallsrevolutionäre den zuverlässigen, geistig geschlossenen Kern der Partei überfluteten. Demgegenüber wiesen ihre Opponenten, die künftigen ‘Menschewisten‘, darauf hin, dass die Bestrebungen Lenins und Plechanows, die zu einer Beschränkung der Partei auf die illegalen Organisationen führten, ihrem Wesen nach antisozialistisch seien, da sie zu einer Ausartung der Partei in einen Verschwörerbund, zu ihrer Loslösung von der Arbeiterklasse und zu einer Parteipolitik führten, die den Willen der wirklich fortschrittlichen Elemente der Arbeiterbewegung unberücksichtigt ließ.“ 140)

Es kam jetzt drauf an, wie die Parteimitglieder in Russland, im Exil und in der internationalen Sozialdemokratie reagieren würden. Parvus schrieb an Potressow:

“Es dünkt euch allen als ob ihr die Bewegung macht, während ihr doch nur die Köche am Topf der Geschichte seid, noch nicht einmal fähig, die zum Kochen gebrachte Bouillon rechtzeitig vom Feuer zu nehmen. Jetzt habt ihr euch gar untereinander zerstritten und seid bereit, die historische Suppe zu verkleckern, die zu verspeisen ihr ganz Russland längst aufgerufen habt.“ 141)

Bebel urteilte, das Verhalten der Emigranten grenze an Gewissenlosigkeit und komplette Unfähigkeit, Führer der Bewegung zu sein. Der deutsche Vorwärts weigerte sich einen Bericht über den Parteitag abzudrucken, die russische Partei sei so jung und könne der deutschen Partei so wenig geben. Auch vom linken Flügel der SPD kam keine Unterstützung, Kautsky verweigerte Lenin Platz im theoretischen Organ Die Neue Zeit, die deutschen Genossen würden die Differenzen nicht verstehen. Alle waren sich einig, die Russen sollten ihre Spaltung schnell überwinden. Rosa Luxemburg nahm in der Neuen Zeit für Martow Stellung. Sie kämpfte in der deutschen Partei gegen die Bürokratisierung der Partei und der Gewerkschaften und setzte auf die Spontaneität der Arbeiter. Lenins ‘Ultrazentralismus‘ schien in die entgegen gesetzte Richtung zu gehen. In Russland dagegen wurde mehrheitlich die Interpretation der Bolschewiki gebilligt. Bogdanow tauchte auf, er stellte sich auf die Seite der Bolschewiki.

Nach dem Parteitag verloren die Bolschewiki schnell wieder die Mehrheit in der RSDRP. Im September schuf Martows Gruppe ein ‘Büro der Minderheit‘ und initiierte eine breite Kampagne in den sozialistischen Parteien. Im Oktober kam es zu einem Treffen beider Gruppen, die Mehrheit bot Kompromisse an, aber Martows Fraktion verlangte die Revision der Parteitagsbeschlüsse, das war den Leninisten unmöglich. Im Oktober brach Plechanow mit Lenin und machte eine Wende um 180 Grad. Das war ein schwerer Schlag für die Mehrheit, Lenin musste selbst aus der Iskra-Redaktion zurücktreten, Martows Fraktion übernahm die Redaktion, Nur das Zentralkomitee war noch in der Hand der Mehrheit, im August 1904 wurden drei Menschewiki ins ZK kooptiert. Die Anhänger der Bolschewiki strebten einen neuen Parteitag an. Der japanisch-russischen Krieg 1904 und der Blutsonntag 1905 ließen dann die Schärfe in der Organisationsfrage wieder in den Hintergrund treten.

Die Spaltung 1903 sollte zu einem Mythos in der Geschichte der Arbeiterbewegung werden. In der Organisationsfrage spaltete sich die RSDAP, in anderen Fragen aber waren die Kontrahenten der Bolschewiki und Menschewiki einig. Stalin hatte später das Interesse, Leninismus mit Stalinismus gleichzusetzen und zu beweisen, dass Trotzki Menschewik gewesen sei. Doch Trotzki, der spätere Bolschewik, stand auf Seiten Martows, während Plechanow, der zukünftige Sozialpatriot und erklärter Gegner der Bolschewiki, für Lenin stimmte. Niemand rechnete 1903, dass sich aus dieser Abstimmung ein endgültiger Bruch zweier verschiedener Konzeptionen von Revolutionen, zweier verfeindeter Parteien ergeben könne. Die Positionen Lenins in der Organisationsfrage waren nicht ein für alle Mal festgelegt: 1905 sollte er sich gegen die engstirnigen ‘Komiteeleute‘ wenden, die das Anwachsen der Organisation zur Massenpartei behinderten, 1917 kämpfte er mit dem gleichen Ziel. In Zeiten der Repression befürwortete er dagegen ein engeres Zusammenrücken der Partei. Lenin erklärte 1907, er habe auf dem zweiten Parteitag taktisch gehandelt:

„Und ich dachte auf dem zweiten Parteitag nicht daran, speziell meine eigenen Formulierungen, die ich in 'Was tun?' gegeben hatte, für etwas 'Programmatisches', besondere Prinzipien Darstellendes auszugeben. Im Gegenteil, ich wandte den später so oft zitierten Vergleich mit dem überspannten an… 'Was tun?' korrigiert polemisch den 'Ökonomismus', und es ist falsch, den Inhalt der Broschüre außerhalb dieser Aufgabe zu betrachten.“ 142)

Sein Parteikonzept war ausgesprochen flexibel, ausgerichtet auf das Ziel, durch die Stärkung der Partei die Arbeiterklasse zu gewinnen. Die Spaltung 1903 zeigte die Ansätze der späteren Unterschiede zwischen sozialdemokratischer und kommunistischer Politik, mehr nicht, es war sozusagen eine vorweggenommene Trennung.

Der russisch-japanische Krieg

In Ostasien trafen die russischen Großmachtinteressen mit denen Japans zusammen. Im japanisch- chinesischen Krieg 1894 hatte Russland mit französisch-deutscher Unterstützung die Räumung der Halbinsel bei Port Arthur durch Japan erzwungen und befestigte den Hafen als Stützpunkt für seine Pazifikflotte, die Ostchinesische Eisenbahn war 1904 bis nach Port Arthur fertig. Japans Beherrschung Koreas stellte der Zar in Frage, Japan wollte seine Macht aufs chinesische Festland ausdehnen. 1903 siegte in Japan die Kriegspartei, die russische Regierung lehnte es ab, der japanischen Forderung nach dem Abzug der russischen Truppen aus der Mandschurei nachzukommen und Japans Vorherrschaft über Korea anzuerkennen. Innenminister Plehwe schrieb angesichts der innenpolitischen Situation an den Kriegsminister:

“Um eine Revolution zu vermeiden, brauchen wir einen kleinen siegreichen Krieg.„ 143)

Niemand konnte sich vorstellen, dass der ‘japanische Mops‘ dem ‘russischen Bernhardiner‘ militärisch gefährlich werden konnte. Im Februar 1904 griff eine japanische Flotte Port Arthur an, von Korea her rückten Truppen auf die Stadt und die Ostchinesische Eisenbahn vor, bei Mukden kam es zu einem japanischen Sieg, Port Arthur fiel im Dezember. Die russische Ostseeflotte machte sich unendlich langsam auf den Weg, um über die 18.000 Seemeilen lange Route um Kap Horn das Chinesische Meer zu erreichen. Im Mai 1905 wurde sie vor Tsushima innerhalb von 45 Minuten fast vollständig vernichtet. Im August 1905 kam es zu Friedensverhandlungen in Portsmouth (USA), Russland musste sich aus der Mandschurei zurück ziehen und den südlichen Teil der Insel Sachalin abtreten. Die französische Regierung hatte im April 1904 Russland durch einen 800-Millionen Kredit (300 Millionen Rubel) als Anleihe unterstützt, weitere Anleihen kamen in Höhe von 500 Millionen Mark (231 Millionen Rubel) aus Deutschland. Die ausländischen Kreditgeber wollten einen längeren Krieg nicht mehr finanzieren. 144) Auf russischer Seite fielen über 60.000 Soldaten und 5.000 Matrosen, mehrere Zehntausend gerieten in Gefangenschaft. Trotz der Fertigstellung der einspurigen Transsibirischen Eisenbahn ging der Nachschub nur schleppend voran.

Die russische Regierung versuchte, die gesamte Nation hinter sich zu versammeln, aber die Stimmung war eher schwankend gegenüber einem Krieg, dessen Notwendigkeit man nicht sah, die ersten Niederlagen enthüllten die Risse in der nationalen Einheit. Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre konzentrierten sich seit der Niederlage von Port Arthur darauf, die Parole ‘Krieg dem Krieg‘ zu verbreiten, also Defätismus zu propagieren. Die Liberalen hatten größere Schwierigkeiten. Durch die Vaterlandsverteidigung glaubte ihr rechter Flügel, größeren Einfluss auf die Regierung zu gewinnen. Die Semstwo-Konstitutionalisten verbanden den Patriotismus mit Kritik an der Ostasienpolitik, der Krieg solle den Zar zwingen, eine konstitutionelle Ordnung zu schaffen. Peter Struve, der Herausgeber des Oswoboshdenije und führendes Mitglied der Befreiungsunion unterstützte erst die russische Armee, um nach Protesten für den Sturz der Autokratie einzutreten.

Es gab Attentate auf den finnländischen Generalgouverneur und Innenminister Plehwe wurde im Juni 1904 von einem Sozialrevolutionär erschossen. Plehwe war verhasst, sein Tod wurde mit Indifferenz, gar mit Schadenfreude aufgenommen. In der Staatsbürokratie überwog jetzt die Befürchtung, man könne den Repressionskurs nicht fortsetzen. So ernannte der Zar Pjotr D. Swjatopolk-Mirski zum neuen Innenminister. Der lockerte die Pressezensur, schlug einen toleranteren Kurs gegenüber den nationalen Minderheiten ein, entließ ein paar Hardliner. Seine Aktionen schienen darauf schließen zu lassen, dass die Regierung den Dialog mit dem gemäßigten Teil der Opposition suche. Die Liberalen schöpften Mut.

Im Herbst begannen sie eine Bankett-Kampagne zur Unterstützung von Reformen nach dem Vorbild der französischen bürgerlich-revolutionären Bewegung 1830 und 1848. Die ‘bürgerliche Gesellschaft‘ veranstaltete halblegale Essen und hielt Reden für Reformen. Für den November 1904 planten die Liberalen eine Semstwo-Konferenz. Zu ihrer Überraschung wurde der Kongress erlaubt, solange er als Privatveranstaltung stattfinde. 103 Vertreter des linken Flügels der Semstwos forderten eine ‘repräsentative Körperschaft des Volkes‘, das Wort ‘Verfassung‘ vermied man. Die Resolution übergab man dann ‘privat‘ dem Innenminister, der versprach, sie dem Zaren vorzulegen, der strich alle Sätze über die Demokratisierung. Der Konferenz folgten Semstwo-Versammlungen in der Provinz, viele Stadträte schlossen sich der Bewegung an, darunter die Mehrheit derer Moskaus, sowie Unternehmer und Hochschullehrer. Die Presse berichtete detailliert darüber, auch die Studenten unterstützten die liberale Kampagne. Bankette und Semstwo-Konferenzen blieben als Privatveranstaltungen von der Polizei unbehelligt, 38 Bankette in 26 Städten wurden abgehalten. 145) Das war eine Premiere für Russland. Die Öffentlichkeit sah in den Semstwo-Institutionen die Vorstufe für eine Volksvertretung, eine Voraussetzung für den Übergang zur konstitutionellen Demokratie. Der Zar lehnte kategorisch ab:

“Unter keinen Umständen gebe ich meine Zustimmung zu irgend einer Form einer repräsentativen Regierung, das widerspricht der Verpflichtung, die Gott mir gegenüber meinem Volk auferlegt hat.“ 146)

In der RSDRP schlug die jetzt menschewistische Iskra vor, sich an der Semstwo-Kampagne zu beteiligen. Lenin wandte sich gegen diese Position, denn die liberalen Landbesitzer fürchteten sich vor einem Volksaufstand, das Proletariat unterstütze die Bauern, es müsse die Forderungen der Liberalen scharf bekämpfen. Die Menschewiki würden sich an die Forderungen anhängen und sich zum Schwanz dieser Bewegung machen, sie wollten eine breite Oppositionsfront aller fortschrittlichen Kräfte. Lenin schlug in einem Flugblatt – die neue Zeitung Wperjod (Vorwärts) erschien erst im Januar 1905 – Arbeiterdemonstrationen gegen den Zarismus und die Feigheit der Liberalen vor.

Die Differenzen zwischen Menschewismus und Bolschewismus traten erstmals zu Tage. Viele Iskra- Anhänger entwickelten spontan die gleichen Positionen der unbedingten Unabhängigkeit der Arbeiter und der Partei wie Lenin. 1905 kamen die Differenzen zwischen den beiden Fraktionen an die Oberfläche, hinter den organisatorischen Differenzen standen also klare politische Unterschiede. Trotzki distanzierte sich von der windelweichen Opposition der Liberalen und der Unterstützung durch die Menschewiki. In vielen Städten kam es zu Demonstrationen mit repressiven Reaktionen von Polizei und Kosaken.

Nach dem zweiten Parteitag hatte Lenin schnell die Mehrheit in der RSDRP verloren und war isoliert. Die Mehrheit der russischen Sozialdemokraten verstand die Spaltung nicht und verurteilte sie. Dann versuchte eine ‘Versöhnler‘-Gruppe seiner Anhängern in Russland um Krassin, die Spaltung rückgängig zu machen. Im Sommer trafen sie sich und gaben eine ‘Juli-Erklärung‘ heraus, sie waren bereit, sich den Menschewiki unterzuordnen und erkannten die Legitimität der neuen Iskra-Redaktion an, sogar ihr Recht, Lenin zu zensieren. Als Lenin von der Aktion erfuhr, denunzierte er sie und brach mit der Versöhnler-Gruppe. Die Niederlage war recht hart, von der bolschewistischen Mehrheit war nicht mehr viel übrig. Viele Komitees verlangten einen neuen Parteitag zur Klärung der Konflikte. Für den August 1904 berief Lenin eine Konferenz von 22 Bolschewiken in die Schweiz ein, die Tagung verabschiedete einen Appell ‘An die Partei‘. Im Herbst konnte eine neue Führung mit Bogdanow, Lunatscharski und Olminski um Lenin aufgebaut werden. Aus Russland kam die Nachricht, dass sich 12 von 20 Komitees – mit ansteigender Tendenz – für einen neuen Parteitag ausgesprochen hatten. Petersburg, Moskau, Jekaterinoslaw, Riga, die Nordunion, Baku, Batum sowie das Kaukasische Komitee waren für Lenin, ebenso die Gruppen in Paris, Genf und Berlin, am Ende waren 13 Inlandskomitees für die Bolschewiki. Trotz Geldmangels wurde ein Verlag gegründet, im Dezember 1904 wurde in Genf die Redaktion der Parteizeitung Wperjod gegründet mit Lenin, Worowski, Olminski und Lunatscharski sowie Krupskaja als Sekretärin; im Gegensatz zu den Menschewiki hatten sie kaum Geld, doch zwei Wochen nach Herausgabe der ersten Nummer brach die Revolution aus.

Russland 1904

Der Krieg hatte die Widersprüche der Gesellschaft sichtbar gemacht. Die parasitären Klassen verteidigten ihre Privilegien mit Klauen und Zähnen, sie verpfändeten ihr Land und verheirateten ihre Kinder mit den Emporkömmlingen des Bürgertums und versuchten so, ihren Lebensstandard und ihre Privilegien zu erhalten. Erst durch den Schock des Krimkrieges sah sich die Autokratie gezwungen, die mittelalterlichen Verhältnisse auf dem Land zu ändern. Die Bauernbefreiung war eine Teillösung, welche die Grundbesitzer gerade noch akzeptieren konnten, sie stellte eine gewisse Ruhe auf dem Lande wieder her, bis sie durch die Vermehrung der Landbevölkerung bei fast gleichbleibender Anbaufläche, dem Mangel an Kapital und verbesserten Anbaumethoden zu einer neuen revolutionären Explosion führte. Der Zarismus hätte seine adlige Hauptstütze zu kapitalistischem Wirtschaften zwingen müssen, dafür fehlte ihm sowohl die Macht als auch der Wille. Da er auf die Besteuerung von Adel und Geistlichkeit verzichtete, bürdete er der Bauernschaft die ganze Last der Steuerzahlung noch zusätzlich auf. Er fürchtete eine Demokratisierung und versuchte sie auf die Freiheit des Kapitals zu begrenzen.

Die Semstwos entwickelten sich zu einer bürgerlichen Gegenmacht. Sie war aber nicht durch ihren Mut und die Kraft einer vorwärts schreitenden Klasse gekennzeichnet, sondern durch ihre Halbheiten und Zweideutigkeiten, ihre Feigheit, dem Zarismus und den Großgrundbesitzern scheibchenweise kleine Zugeständnisse abzupressen. Das kennzeichnet ihre Schwäche in diesem rückständigen Land, ihre Verbindung mit der grundbesitzenden Klasse und dem Auslandskapital. Dessen Einfluss war groß, die Regierung war zu einem großen Teil von den internationalen Märkten, der französischen und britischen Regierung und ihrem Finanzkapital abhängig. Zudem fürchtete die Bourgeoisie ihren ‘Antagon‘, die Arbeiterklasse zeigte grummelnd ihre erwachende Kraft.

Den Intellektuellen, in Westeuropa eine breit gefächerte Schicht mit weitem intellektuellem Spektrum, war in Russland der Aufstieg in den Staatsapparat verwehrt. Der Staatsapparat musste sie durch die Polizei beherrschen, er schuf sich einen weiteren Gegner, dessen Verbindung zu Arbeitern und Bauern beiden Gruppen eine Führung verschaffte. Das russische Reich als Völkergefängnis vermehrte die Gegner der alten Gesellschaft.

Die Arbeiterklasse ging aus der Bauernschaft hervor und war mit tausenden von Fäden weiter mit ihr verbunden. Da der Zarismus der Arbeiterschaft eine ‘normale‘ demokratische Entwicklung verweigerte, konnte sich kaum eine reformistische Tendenz entwickeln, der reaktionäre Staat drängte das Proletariat zur Revolution. Es ist bezeichnend, dass so viele jüdische Intellektuelle in der Sozialdemokratie tätig waren, es gab für sie wenige andere Möglichkeiten, ihre Talente zu zeigen.. Die Arbeiter übernahmen, wie im Weiteren gezeigt wird, einige Kampfmethoden der Bauern.

Der zaristische Staat behinderte die Arbeiterbewegung, der Polizei-Sozialismus Subatows konnte die Entwicklung nur da aufhalten, wo die Klasse schlecht organisiert und rückständig war. Traf die Subatowschina auf einen organisierten Gegner, so hatte sie den Arbeitern wenig zu bieten. Aber diese Bewegung war eine notwendige und lehrreiche Phase bei der Entwicklung des Klassenbewusstseins; die Arbeiter organisierten sich unpolitisch und zarentreu, lernten gegen ihre unmittelbaren Klassengegner zu kämpften und stellten fest, dass der Staat sich doch gegen sie wandte, wenn sich die Kämpfe entwickelten.

Mit der RSDRP schufen Lenin und Genossen, trotz aller ihrer Mängel, ein schlagkräftiges und wirksames Instrument für die zukünftige Befreiung der Klasse. Die zentralisierte Organisation um die Zeitung mit der Leitung im Exil war wohl unter den Bedingungen der Illegalität das effektivste Mittel des Parteiaufbaus. Die Unterdrückung seitens des Staates setzte die Bedingungen, demokratische Strukturen waren nicht möglich. Das sollte sich 1905 grundlegend ändern.

1905 waren alle Bedingungen einer Revolution vorhanden: auf der einen Seite die Klasse der Grundbesitzer, geschwächt und verunsichert, eine Bourgeoisie, feige, auf der ständigen Suche nach Kompromissen mit dem Zarismus, dem Adel und dem Auslandskapital, die ausländischen Investoren, denen die Situation der russischen Gesellschaft so lange gleichgültig war, wie die Ordnung halbwegs gesichert und der Rückfluss ihrer Gewinne garantiert war. Die Staatsführung zeigte deutliche Risse, wie sie mit der Opposition umgehen sollte, die Basis ihrer Herrschaft wurde schmaler. Die Bauern vertrauten dem ‘Väterchen Zar‘, am Blutsonntag 1905 zerschnitt der das Band des Vertrauens und die Bauern erhoben sich bald nicht nur mehr gegen ihre alten Herren. Das kleine, aber lebendige Proletariat mit einer regen intellektuellen Führungsschicht sollte sich an die Seite des landhungrigen Verwandten auf dem Lande stellen, Dieses Bündnis war der Schlüssel zum Sturz der alten Ordnung, nur mit größter Anstrengung sollte die noch einmal ihre Gegner besiegen. Trotzdem kam die Revolution – wie alle Revolutionen – völlig überraschend.


1) siehe Karte 1: Topografie Russlands
2) siehe Karte 2: Die Vegetationszonen
3) ‘Unterascheboden‘, auch Bleich- oder Grauerde genannt, ist ein saurer, nährstoffarmer Boden im feuchtkalten oder feuchtgemäßigten Klima
4) Parker: An Historical Geography of Russia, p.193
5) Als Westeuropa wird durchgehend Europa westlich der russischen Staatsgrenze bezeichnet.
6) Parker, p.265
7) eine Desjatine entsprach etwa 1,09 Quadratkilometer
8) Moritsch: Landwirtschaft und Agrarpolitik in Russland vor der Revolution, p.22
9) Parker, p.267
10) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Erster Teil,p.16
11) Andrle, A Social History of Twentieth-Century Russia, p.52
12) Marie, La Russie 1856-1956, p.15
13) Ascher: The Revolution of 1905. I. Russia in Dissary, p.33
14) Florinsky: The End of the Russian Empire, p.198/199; Anmerkungen des Verfassers in eckigen Klammern, die englischen Maße wurden umgerechnet.
15) Altrichter: Die Bauern von Tver, p.15/16
16) Altrichter, p.101/102
17) Parker, p. 234
18) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Erster Teil, p.17
19) ebenda, p.76
20) McNeal, The Cossacks, in: Shukman (Ed.):The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution, p.203
21) Marie, La Russie 1856-1956, p.13
22) Harry T. Willets, Die russische Agrarfrage nach der Bauernreform, in: Geyer, Wirtschaft und Gesellschaft in vorrevolutionären Russland, p.173
23) ebenda. p.173
24) ebenda, p.174
25) Marie, La Russie 1856-1956, p.20
26) Moritsch, p. 32/33
27) Ascher, The Revolution of 1905, I., p.32
28) Andrle, p.57
29) Moritsch, p.38
30) Gatrell, p.221
31) Geyer, Der russische Imperialismus, p. 126/127
32) Valerij I. Bovykin: Probleme der industriellen Entwicklung Russlands; in: Geyer: Wirtschaft und Gesellschaft im vorrevolutionären Russland; p.191
33) Crisp, Studies in the Russian Economy before 1914, p.148/149
34) ebenda, p.102
35) Bovykin, p.196
36) Crisp, p.26
37) Geyer, Der russische Imperialismus, p.110. 1 Pud = 16,3 kg
38) Gatrell, p.111, siehe Karte 6: Bodenschätze und Industrie
39) ebenda, p.p.143/144
40) Marie, Le Dimanche Rouge, p.22
41) Moritsch, p.42
42) Gatrell, p.228
43) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution; Erster Teil: Februarrevolution, p.19
44) Crisp, p.44
45) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution; Erster Teil, p.20
46) siehe Karte 8: Territoriale Expansion im 19. Jahrhundert
47) Geyer, Der russische Imperialismus, p.249
48) Marie, Le Dimanche Rouge; p.20/21
49) Alan Wood: Siberia before 1917; in: Shukman, The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution; p.254
50) ebenda, p.255
51) ebenda, p.258
52) Geyer, Der russische Imperialismus, p.202
53) ebenda, p.168
54) Marie: La Russie 1856-1956, p.37
55) Parker, p.312
56) Wandycz: The Lands of Partitionated Poland, p.157/158
57) ebenda, p.199
58) ebenda, p.202
59) ebenda, p.204
60) David Kirby: The Baltic Before 1917, in: Harold Shukman, (Ed.): The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution, p.225-232
61) Smith, C.Jay jr.: Finland and the Russian Revolution 1917 – 1922; p.2/3
62) Kirby, p.226
63) Stephen F. Jones: Transcaucasia before 1917, in: Shukman, (Ed.): The Blackwell Encyclopedia of he Russian Revolution, p. 232 – 235
64) Diuk: The Ukraine before 1917, in: Shukman, The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution, p.216
65) Wandlycz, p.248/249
66) Die Ukrainer wurden im österreichisch-ungarischen Kaiserreich Ruthenen genannt.
67) siehe Karte 10: Anteil der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsgebiet
68) Minczeles, Histoire générale du Bund, p.19
69) ebenda, p. 21/22
70) ebenda, p. 18
71) ebenda, p.26
72) Baron, The Russian Jew Under Tsars and Soviets; p.45/46
73) Geyer, Der russische Imperialismus, p.99
74) Gatrell, p.200; andere Quellen schätzen die Belastungen der Bauern niedriger.
75) übersetzt: 'Faust'
76) Mortitsch, p.252
77) Geyer, Der russische Imperialismus, p.106
78) Parker, p.290
79) Gatrell, p.89
80) ebenda, p.89
81) Crisp, p.48
82) Gatrell, p.294
83) Geyer, Der russische Imperialismus, p.101
84) Moritsch, p.52
85) Parker, p.283
86) Bonwetsch, Die russische Revolution 1917
87) Bonnel, Roots of Rebellion, p.21
88) Marie, La Russie 1856-1956, p.34
89) Bonnell, p.80
90) Bonnell, p.39
91) Keep: The Rise of Social Democracy in Russia, p.8
92) , 97) ebenda, p.40
93) Bonnell, p.102
94) Andrle, p.20
95) Karl Marx, Friedrich Engels: Vorrede zur russischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests 1882; in: MEW Band.4, p.576
96) Woods, p.36
98) Venturi, Roots of Revolution, p.505/506
99) Venturi, p.574. Nein, es handelt sich nicht um Westeuropa der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
100) Martow, Geschichte der russischen Sozialdemokratie, p.46
101) Wandycz: The Lands of Partitionated Poland, 1795-1918, passim
102) Minczeles, Histoire générale du Bund, p.45
103) Abweichend von anderen Abkürzungen wird die Organisation im Weiteren auch als 'Bund 'bezeichnet.
104) Minczeles, p.60
105) ebenda, p.69
106) ebenda, p.78
107) ebenda, p.82
108) ebenda, p.92
109) ebenda, p.113
110) ebenda, p.119
111) Schneiderman: Sergei Zubatov and Revolutionary Marxism, p.79
112) ebenda, p.114
113) ebenda, p.120
114) ebenda, p.131/132
115) McDaniel, Autocracy, Capitalism, and Revolution i Russia, p.66
116) Schneiderman, p.190
117) Schneiderman, p.287
118) McDaniel, p.89
119) Kanthak, Die Organisationsfrage in den Kontroversen der russischen Sozialdemokratie, p.31/32
120) Wildman: The making of a Worker’s Revolution, p.36
121) Woods, Bolshevism, p.68
122) Woods, p.70
123) Marie: Lénine. La révolution permanente, p. 50, zählt sieben Studenten, fünf Ingenieure, einen Arzt, eine Hebamme, einen Arbeiter, Krupskaja und Lenin als Mitglieder auf.
124) Wildman, p.48
125) ebenda, p.87
126) Eduard Bernstein: Der Kampf der Sozialdemokratie und die Revolution der Gesellschaft. in: Die Neue Zeit, XVI.Jg. No.1, 1897/98, p.556
127) Geyer: Lenin in der russischen Sozialdemokratie, p.284
128) Kanthak, p.60/61
129) Liebman,: Leninism under Lenin, p.28; Marie: Lénine. La révolution permanente, p.62
130) Woods, p.131
131) Auf die Untergrundstruktur der RSDRP wird noch einmal im vierten Kapitel eingegangen.
132) Lenin, Was tun? in: Werke, Band 5, p.355 – 551
133) ebenda, p. 385/386
134) Lenin, Was tun?, p.494
135) ebenda, p.498
136) Die RSDRP hatte nach David Lane: The Roots of Russian Communism, p.12, 3.300 Mitglieder, der Bund nach Minczeles, p.92, 30.000
137) Geyer: Lenin in der russischen Sozialdemokratie, p.378/379
138) ebenda, p.384
139) Lenin: Schilderung des II. Parteitags der SDAPR; in: Lenin-Werke Bd.7, p.20, Hervorhebung im Original.
140) Martow, p. 84/85
141) Geyer: Lenin in der russischen Sozialdemokratie, p.410
142) Lenin: Vorwort zum Sammelband '12 Jahre', (1907); in: Lenin-Werke Band 13, p. 99/100
143) Marie: La Russie 1856 – 1956, p.43
144) Geyer: Der russische Imperialismus, p.178
145) Ascher: The Revolution of 1905. I. Russia in Dissary, p.67
146) Marie, Le Dimanche Rouge, p.76
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