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12._98_thesen_ueber_die_russische_revolution

Schluss: Achtundneunzig Thesen über die russische Revolution

1. Die russische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war rückständig, die Herrschenden reformunwillig. Während in den großen Staaten Westeuropas sich die kapitalistische Produktionsweise durchsetzte, stagnierte das Land in seiner Entwicklung und fiel zurück. An der Spitze des Staates stand der Zar, ihn stützten Adel, Klerus sowie die sich aus ihnen rekrutierende Staatsbürokratie.

2. Dem gegenüber war die russische Bourgeoisie nur schwach. Sankt Petersburg und Moskau waren die einzigen Metropolen mit einer gebildeten Oberschicht. Das Bürgertum war eng mit dem Adel verbunden und hatte kaum die Fähigkeit, sich zu einer unabhängigen Kraft zu entwickeln, die das Land vorwärts treiben konnte.

3. Den Großteil der Bevölkerung machten die leibeigenen Bauern aus. Sie lebten in isolierten Dörfern mit schlechten Wegen und hatten an die adligen Grundherren Abgaben zu leisten, sie durften ihr Land nicht ohne dessen Einwilligung verlassen. Die Produktivität war gering, das Land wurde in Dreifelderwirtschaft mit dem Holzpflug bearbeitet.

4. Die Bauern gehörten der Dorfgemeinschaft (Obschina) an, die für die Grundherren die Abgaben einzog und das Land regelmässig unter den Bauern umverteilte. Diese Umverteilung behinderte eine Steigerung der Produktivität. Eine Arbeiterklasse entwickelte sich nur langsam.

5. Die polnischen Teilungen und der Sieg über Napoleon hatten das Zarenreich zur stärksten Militärmacht Europas gemacht. Die Niederlage im Krimkrieg 1855 machten den Herrschenden die Unumgänglichkeit von Reformen klar. Die Bauernbefreiung war Voraussetzung einer Modernisierung der Armee und der Industrialisierung.

6. Die Bauernbefreiung 1861 sollte die Leibeigenschaft aufheben und gleichzeitig den grundbesitzenden Adel als Stütze des Staates erhalten. Die Bauern hatten den Grundherrn einen Teil des von ihnen bebauten Landes abzukaufen, was ihre Unzufriedenheit steigerte. Die Reform verfehlte ihr Ziel, die Produktivität konnte kaum gesteigert werden, die Grundbesitzer lebten mehrheitlich weiter wie bisher, die Entwicklung einer starken Bauernschaft ging weiter nur langsam voran. Parallel dazu wurden auf dem Land halbparlamentarische Vertretungen Semstwos geschaffen. Aus Adel, Bauern und bürgerliche Intelligenz bildete sich eine untere Verwaltungsebene.

7. Da Adel und Geistlichkeit steuerfrei waren, blieben nur Bürgertum und Bauern als Steuerzahler. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann vor allem mit französischem Kapital der Eisenbahnbau sowie die Entwicklung von Industriebetrieben. Russland wurde zum großen Getreideexporteur. Besonderheit der russischen Industrie waren ihre vom Auslandskapital dominierten Großbetriebe. Gegen die Bourgeoisie konnte eine kleine, aber stark konzentrierte Arbeiterklasse entstehen.

8. Der Eisenbahnbau unterstützte die territoriale Expansion Russlands nach Asien, finanziert und im Abhängigkeit von den ausländischen Banken und deren Regierungen. Die russischen Ambitionen wurden mit der Eroberung der Mandschurei bis 1905 erreicht, ihre Ziele richteten sich auf eisfreie Häfen und den Bosporus.

9. Die Reformperiode der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde durch eine Zeit der politischen Repression abgelöst. Die politische Polizei Ochrana, der bürokratische Apparat und die Repression wurden ausgebaut . Gegner wurden in die Verbannung nach Sibirien geschickt. Die nationalen Minderheiten wurden unterdrückt, besonders die Juden musste in zahlreichen Pogromen als Sündenbock herhalten.

10. Langsam differenzierte sich die Bauernschaft in eine wohlhabende Schicht von Kulaken und die Dorfarmut. Die Armen verdienten sich als Landarbeiter, schafften als Wanderarbeiter, wandten sich der Heimarbeit zu oder gingen in die entstehende Industrie. Die Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft bremste diese Differenzierung und bot eine minimale Grundversorgung.

11. Der Versuch von Intellektuellen, 'ins Volk zu gehen' und den Bauern den Weg zur Revolution zu zeigen, scheiterte ebenso wie der Versuch, den Zarismus durch Terror zu stürzen. Das verstärkte die Repression. Aus der Idee, den Sozialismus auf die Bauernbewegung zu gründen, entstand die Bewegung der Sozialrevolutionäre.

12. Allmählich entstanden mit der Hilfe der Intellektuellen unter ständiger Repression der Polizei marxistische Arbeiterzirkel. Im industriell weiter entwickelten Westen Russlands entstanden eine polnische sowie eine jüdische sozialistische Bewegung, die 1897 den Bund gründete. Die russischen Gruppen blieben im Stadium des Zirkelwesens.

13. Im Staatsapparat kam es über die Frage der Behandlung der sich entwickelnden Arbeiterbewegung zu Differenzen. Während das Innenministerium mir Unterstützung der Unternehmer auf Repression setzte, wollte das Finanzministerium die Industrie fördern und mit eine staatlich gelenkte Arbeiterorganisation den Einfluss der Sozialisten begrenzen. Als die Subatow-Bewegung Streiks begann, wurde sie unterdrückt.

14. Der Ochrana gelang es lange, die sozialistische Zirkelbewegung zu unterdrücken. 1898 erreichten Sozialisten die Gründung RSDRP, die aber schnell wieder zerschlagen wurde. Eine Gruppe um Lenin wollte die RSDRP um die Zeitschrift Iskra aufbauen. Die Führer gingen ins Ausland und schmuggelten die Iskra nach Russland. Es gelang ihnen, aus dem Exil den Aufbau des RSDRP voranzutreiben.

15. Auf dem zweiten Parteitag der RSDRP 1903 im Exil gelang es, die Mehrzahl der sozialistischen Zirkel zu versammeln. Während die Iskra-Gruppe eine zentralisierte Partei anstrebte, verlangte der viel größere Bund Autonomie und verließ den Parteitag. Unter den Verbliebenen kam es über die Frage, wer Mitglied sein dürfe, zur Spaltung. Lenins Bolschewiki strebten eine Kaderorganisation an, während die Menschewiki um Martow eine offenere Mitgliedschaft befürworteten. Diese damals eher zweitrangige Frage entwickelte sich in der Zukunft zum entscheidenden Streitpunkt, ob man eine zentralisierte Arbeiterpartei oder eine föderative Partei nach dem Muster der Sozialdemokratie Europas brauche.

16. Die Revolution 1905 brach infolge der Niederlage im russisch-japanischen Krieg, der Widersprüche im Staatsapparat und der barbarischen Beschießung einer friedlichen Arbeiterprozession aus. Arbeiter, das Kleinbürgertum und die unterdrückten Minderheiten verlangten demokratische Rechte. Die Bauern verhielten sich abwartend. An die Wand gedrängt, hoffte der Zarismus auf Zeitgewinn und bot Zugeständnisse, die zurück genommen wurden, wenn er sich stark genug fühlten.

17. Die Organisationsfreiheit wurde erkämpft. Die Arbeiter bildeten Räte (Sowjets), die Arbeiterorganisationen konnten erstmals den Massen ihre Forderungen vorstellen. Die neue gewonnenen demokratischen Freiheiten wurden erst einmal erprobt, die sozialen Forderungen kamen erst in zweiter Linie.

18. Im Oktobermanifest musste der Zar die bürgerlichen Freiheiten und Parlamentswahlen zugestehen. Die bürgerliche Kadettenpartei entstand ebenso wie die zarentreuen konservativen Oktobristen und rechtsradikale Parteien, die als Schwarzhundertschaften Sozialisten, Demokraten und Juden bekämpften. Die Sozialrevolutionäre wandelten sich trotz ihres Festhaltens am Terrorismus langsam zur Vertretung der wohlhabenden Bauern.

19. 1905 entstanden überall im Land Räte als demokratisch eigenständige Form von Arbeitermacht. Sie konnten vom Zarismus nur militärisch unterdrückt werden. Der niedergeschlagene Moskauer Aufstand zeigte Willen und Kraft der städtischen Arbeiter, aber ihre Isolierung von den Bauern.

20. In der RSDRP gab es einerseits eine starke Tendenz zur Wiedervereinigung, andererseits gab es unter den Menschewiki eine starke Tendenz zur Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien. Lenins Bolschewiki favorisierten die 'demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern'. Trotzki entwickelte die Theorie der permanenten Revolution, nur gemeinsam mit den europäischen Arbeitern könne man die sozialistische Revolution in Russland erreichen.

21. Erstmals konnten die Arbeiterorganisationen sich 1905 entfalten. Die Diskussionen und Versuche der Organisierung kosteten Zeit. So konnte der Höhepunkt der Organisierung erst erreicht werden, als sich im Land die Revolte erschöpft und der Zarismus wieder Kraft gewonnen hatte. Die Revolutionäre wurden geschlagen, ihre Erfahrungen gingen aber bis 1917 nicht verloren.

22. Von einzelnen Meutereien abgesehen, konnte die Armee von der Ansteckung durch den revolutionären Virus isoliert werden. Die Bauern rebellierten nur regional, es gelang nicht, ihre Millionenmassen für die Forderung nach Land zu mobilisieren, damit konnte die Armee gegen die Aufständischen eingesetzt werden. Die Bourgeoisie zog es vor, sich dem Zarismus zu unterwerfen statt mit den städtischen Massen die bürgerliche Demokratie zu erkämpfen.

23. Unter Ministerpräsident Stolypin konnten die Gegner der Zarenherrschaft isoliert und zerschlagen werden. Zwei antizaristische Dumas konnten erst durch eine Änderung des Wahlrechts zugunsten von Feudalherren und Unternehmern in ein zarentreues Parlament verwandelt werden.

24. Mit den Stolypinschen Reformen sollte eine Klasse selbstständiger Landbesitzer geschaffen werden. Der Anteil der Kulaken stieg, ebenso die Zahl der verarmenden Bauern, diese Differenzierung wurde durch die Revolution 1917 beendet.

25. Die Sozialrevolutionäre scheiterten mit dem Versuch, den Zarismus durch Terrorismus zu stürzen. Ihr rechter Mehrheitsflügel wandelte sich bis 1917 zum Vertreter des bäuerlichen Privateigentums.

26. Auch die Arbeiterorganisationen wurden durch die Repression, Resignation und Wirtschaftskrise auf einen Kern dezimiert. Die RSDRP spaltete sich in bis zu sieben Fraktionen, die sich heftig bekämpften und gegeneinander manövrierten. 1912 trennten sich die Bolschewiki endgültig von den Menschewiki.

27. Als sich 1910/11 die Wirtschaft wieder belebte, erstarkten auch die Arbeiterorganisationen wieder. Die Zahl der Arbeiter stieg, bis zum Krieg wuchs die Zahl der Streiks stark an. Die Repression des Staates war mit der des Deutschen Reiches zur Zeit des Sozialistengesetztes vergleichbar.

28. Mit der Prawda schufen die Bolschewiki eine halblegale Tageszeitung, mit der sie sich unter den Arbeitern verankern konnten, was sich auch in der Dumawahl 1912 zeigte. Sie wurden bis zum Kriegsbeginn zur stärksten Partei unter den Arbeitern und schufen trotz ständiger Verfolgung eine effektive Untergrundpartei. Lenin wurde im Exil ihr unbestrittener Chef.

29. Der Weltkrieg mobilisierte eine ganze Generation junger Männer, der Aufschwung der Streikbewegung wurde völlig gestoppt. Der Verlauf des Krieges zeigte, dass Staatsführung und Kriegsindustrie mit den Anforderungen des Krieges überfordert waren. Die militärischen Niederlagen ließen die Staatsführung zersplittern und gegeneinander intrigieren. Die Lebensmittel-Versorgung bewirkte Hunger in den Städten, die Preise stiegen. Es kam zu Unruhen.

30. Die Februarrevolution brach aus, als die Soldaten nicht mehr bereit waren, die gegen den Krieg und Hunger demonstrierenden Massen zu unterdrücken. Eine Meuterei ließ sie auf die Seite der Revolution treten. Das Zarenregime brach im Februar 1917 zusammen, die Macht lag auf der Straße.

31. Duma-Abgeordnete bildeten eine Provisorische Regierung, gleichzeitig entstanden wie 1905 Arbeiter- und Soldatenräte. Beide konkurrierten um die Macht. Mit dem 'Befehl Nummer Eins' unterstellten sich die Soldaten dem Befehl der Sowjets. Keine der beiden Machtzentren konnte bis zum Herbst die Macht allein ausüben, es herrschte ein System der Doppelherrschaft.

32. Bereits nach wenigen Wochen sozialen Friedens brachen die Widersprüche aus. Die bürgerliche Provisorische Regierung wollte den Krieg an der Seite der Alliierten fortsetzen, Arbeiter und Bauern in Uniform wollten den Krieg so schnell wie möglich beenden.

33. Die Mehrheit der im Frühjahr in Russland anwesenden Führer war bereit, die bürgerliche Regierung zu unterstützen. Nach seiner Rückkehr forderte Lenin in seinen Aprilthesen den Bruch mit der bürgerlichen Politik, das Proletariat müsse mit Unterstützung der Bauern die Macht ergreifen, einen Arbeiterstaat errichten und den Krieg beenden. Diese völlige Umorientierung konnte Lenin in seiner Partei innerhalb von wenigen Wochen durchsetzen. Der Bruch mit der sozialdemokratischen Politik orientierte die Partei auf den Kurs der proletarischen Revolution, Trotzki unterstütze diesen Kurswechsel.

34. Als Außenminister Miljukow im April die Fortsetzung des Krieges bis zum Sieg erklärte, musste er nach Massendemonstrationen der kriegsmüden Soldaten und Arbeiter zurück treten. Dafür traten die Menschewiki und Sozialrevolutionäre der Provisorischen Regierung bei.

35. Im Frühjahr 1917 begannen die Unternehmer, sich gegen den wachsenden Einfluss der Arbeiter in den Betrieben zu wehren. Sie schlossen Fabriken, die Inflation machte die Lohnerhöhungen vom Februar zunichte. Die Arbeiter versuchten, mit der Arbeiterkontrolle über die Betriebe die Krise abzuwenden, sie griffen immer stärker in die Verfügungsgewalt der Fabrikbesitzer ein. Es stellte sich die Frage nach der Macht in den Betrieben, Arbeitermilizen wurden gebildet.

36. Auf dem ersten allrussischen Sowjetkongress im Juni standen Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Ihre Unterstützung für die Provisorische Regierung ließ die Opposition der Bolschewiki anschwellen. Die Bolschewiki forderten eine Räteregierung, die Massen sahen in der Regierungspolitik immer mehr eine Fortsetzung des Zarenregimes.

37. Im Juni entluden sich die Widersprüche in heftigen Demonstrationen. Eine vorwärtsdrängende Minderheit der Soldaten und der Bolschewiki forderte den Sturz der Provisorischen Regierung. Gegen diese verfrühte Machtübernahme wandte sich Lenin und die Mehrheit der bolschewistischen Führer, mit regierungstreuen Truppen konnten die bewaffneten Demonstrationen im Juli unterdrückt werden. Lenin musste untertauchen, revolutionäre Führer wurden ins Gefängnis gesteckt.

38. Die Provisorische Regierung war im Sommer bereits zu schwach, um die Revolutionäre wirkungsvoll zu unterdrücken. Die militärische Niederlage, die sich verschärfenden sozialen Konflikte in den Städten und auf dem Land ließen die Anhänger einer Militärdiktatur um Kornilow erstarken, die auf eine gewaltsame Niederschlagung der Revolutionäre setzten.

39. Gegen den Staatsstreich Kornilows konnten die Bolschewiki die Verteidigung der Revolution anführen. Wie durch einen Peitschenhieb wurden die Arbeiter und Soldaten bei der Verteidigung der Revolution vorangetrieben. Überall nahmen Revolutionäre Militärkomitees die Verteidigung in die Hand, gegnerischen Soldaten wurden zersetzt und trieben Kornilow in die Flucht. Die Provisorische Regierung stand zwischen den Fronten, Kerenskis Macht entwich wie in einem geöffneten Luftballon.

40. In seinem finnischen Versteck entwarf Lenin in seiner Schrift 'Staat und Revolution' die Umrisse der neuen Gesellschaft. In Anlehnung an die Pariser Kommune solle sich die Arbeiterklasse in der Diktatur des Proletariats auf die Räte stützen, die Produktionsmittel vergesellschaften und die Ausbeutung abschaffen. Jede Köchin werde sich an der Leitung des Sowjetstaats beteiligen können und der Staat so allmählich absterben.

41. In allen Sowjets gewannen die Bolschewiki in den Wochen nach dem Kornilow-Putsch die Mehrheiten. Kerenski konnte nur mit Mühe eine neue Regierung bilden, gestützt auf Menschewiki und Sozialrevolutionäre, deren linker Flügel sich bald auf die Seite des Aufstandes stellte. Der linke Flügel der Menschewiki konnte sich nicht zu einem Bruch mit den bürgerlichen Parteien durchringen und traten für eine sozialistische Koalitionsregierung ein.

42. Der wirtschaftliche Zusammenbruch Russlands zeichnete sich deutlich ab. Belegschaften gingen dazu über, die Betriebe in Arbeiterkontrolle zu übernehmen und die Produktion selbst zu organisieren, Auch hier waren die bolschewistischen Arbeiter das Schwungrad. Die Petrograder Garnison unterstellte sich den Befehl des Revolutionären Militärkomitees. Auf dem Land begannen die Bauern die Verteilung des Grundbesitzer-Landes.

43. Aus seinem Versteck drängte Lenin, die günstige Situation zum Aufstand zu ergreifen. Gegen Sinowjew und Kamenew setzte Lenin den Aufstand durch, Trotzki setzte den Termin zur Eröffnung des zweiten allrussischen Sowjetkongresses durch.

44. Am 25. Oktober trat des zweite allrussischen Sowjetkongress zusammen. Währenddessen besetzten Truppen des Revolutionären Militärkomitees die strategischen Punkte Petrograds und verhafteten die Provisorische Regierung. Die Mehrheit der Delegierten des Kongresses waren Bolschewiki, dazu die abgespaltenen Linken Sozialrevolutionäre. Die alte Führung wurde abgewählt und durch die neue revolutionäre Führung ersetzt. Am Morgen des 26. Oktobers 1917 wurde eine neue Regierung 'Rat der Volkskommissare' unter Lenin eingerichtet.

45. Der Rat der Volkskommissare appellierte an die Völker der Welt, den Frieden zu schließen, der Sowjetkongress nahm das Dekret, das Land den Bauern zu geben, an. In den folgenden Tagen wurde ein Angriff Kerenskis auf Petrograd wieder von Arbeitern und Soldaten mühelos zurück geschlagen. Die Revolution im Moskau konnte erst nach Kämpfen siegen, im Nordwesten, im Zentrum und den Industriegebieten Russlands siegte die Revolution bald, im Süden und der Ukraine war der Widerstand größer. Die Mehrheit der Arbeiter stand hinter der Sowjetregierung.

46. Stand die Mehrheit der Arbeiter auf der Seite der Bolschewiki, so galt dies nicht für die Mehrheit des Volkes. Die Kapitalisten und Grundbesitzer bekämpften mit der Hilfe der Auslandes die neue Ordnung, das städtische Kleinbürgertum zeigte sich feindlich, aber die Bauern konnten mit dem Versprechen aufs Grundbesitzerland neutralisiert werden.

47. Es war der Wille des zweiten Sowjetkongresses, Russland durch eine Koalition aller sozialistischen Parteien zu regieren. Die rechtssozialistischen Parteien waren nicht bereit, mit den Bolschewiki gegen die Bürgerlichen zusammen zu arbeiten, die Bolschewiki misstrauten Sozialrevolutionären und Menschewiki. Die Linken Sozialrevolutionäre konnten zu einer zweitweisen Koalition bewegt werden, die aber bereits im Juni 1918 wieder zerbrach. Die Bolschewiki sahen sich gezwungen, die anderen Parteien zu unterdrücken.

48. Um den Krieg zu beenden, schloss die Sowjetregierung mit dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Die Zarenarmee löste sich auf, ein Krieg konnte nicht mehr geführt werden. Der deutsche Imperialismus nutzte seine militärische Überlegenheit, um Russland große Teile seines Territoriums und seiner Wirtschaftsressourcen zu entreißen. Unter den Bolschewiki und mit den Linken Sozialrevolutionären gab es eine scharfe Auseinandersetzung, ob man einen revolutionären Krieg führen solle und könne. Nur knapp wurde eine Spaltung über diese Frage verhindert, die Sowjetregierung unterzeichnete den Frieden, die Ukraine wurde besetzt.

49. Die Besatzung des Landes verschärfte die Lage, die Wirtschaft stand vor dem Ruin. Die Fabriken schlossen, die Bauern konnten nicht bewegt werden, mit ihrem Getreide die Städte zu versorgen. Die Arbeiterkontrolle über die Produktion versagte angesichts des wirtschaftlichen Chaos. Die Arbeiter verliessen massenhaft die Fabriken und flohen zurück aufs Land. Statt der proletarischen Demokratie mussten die Bolschewiki mit der Hilfe der neu aufgebauten Roten Armee, der Tscheka und Requirierung-Komitees herrschen.

50. Die zusammenbrechende Wirtschaft konnten die Bolschewiki nicht beherrschen. Die Unterstützung der Arbeiter ging verloren, immer häufiger sah sich die Sowjetmacht gezwungen, gegen unzufriedene Arbeiter vorzugehen. Spätestens im Sommer 1918 regierten die Bolschewiki nicht mehr durch die Arbeiterklasse, sondern für die Werktätigen. Gegen die Gegner gingen sie mit dem 'roten Terror' vor, ein großer Teil der Kader wurde zum Aufbau einer neuen Staatsverwaltung und für die Rote Armee gebraucht.

51. Ab dem Sommer 1918 kämpfte die Sowjetmacht nur noch ums Überleben. Es war für die undenkbar, die Macht an ihre Gegner, ihre Todfeinde, wieder abzugeben. Der Bürgerkrieg verlangte eine gewaltige Anstrengung aller Ressourcen der am Boden liegenden Gesellschaft. Mit der Niederlage Deutschlands hoffte man auf die europäische Revolution als Rettung des isolierten Sowjetstaates.

52. Den Bürgerkrieg 1918 bis 1921 gewann die Rote Armee dank der extremen Anstrengung der Sowjetmacht und des Organisationstalents ihres Kriegskommissars Trotzki. Ihr kam zugute, dass sie den neuen Staat vom Zentrum her verteidigen konnte, während ihre Gegner von den Rändern Russlands angreifen mussten. Die Angreifer waren unter sich uneins, die Alliierten nicht mehr in der Lage, genügend zuverlässige Soldaten zu schicken. Entscheidend war auch die zumindest passive Unterstützung der Bauern: Die Sowjetmacht garantierte ihnen ihr Land, während die weißen Truppen die alten Grundbesitzer mit sich brachten, die ihren Güter zurück wollten.

53. Nach dem Weltkrieg ruinierte der Bürgerkrieg die Produktivkräfte weiter. Fabriken schlossen, die Eisenbahnen fuhren kaum noch. Die Arbeiter flüchteten aufs Land, besonders das am Ende der Versorgungskette gelegene Petrograd verlor eine großen Teil seiner Bevölkerung, die Verwaltungsbürokratie war am Ende des 'Kriegskommunismus' größer als die Zahl der Industriearbeiter. Bei diesem Kriegskommunismus handelte es sich tatsächlich eher um eine proletarische Naturalwirtschaft. Das Geld war entwertet, Löhne wurden in Naturalien ausbezahlt, die Versorgung durch Lebensmittelkarten funktionierte kaum, die Bauern hörten auf, die den Eigenbedarf übersteigende Menge der Lebensmittel zu produzieren. Die Sowjetmacht musste bewaffnete Arbeiter und Soldaten aufs Land schicken, um die Städte zu versorgen. In den Städten wurde ein großer Teil der verbliebenen Bevölkerung in öffentlichen Kantinen versorgt. In die Wohnungen des Bürgertums wurde das Volk einquartiert. Betriebe wurden verstaatlicht, eine Planwirtschaft konnte aber nicht in Gang gesetzt werden.

54. Die Stadtbevölkerung hungerte, die Bauern bekamen für die beschlagnahmten Lebensmittel wertlose Scheine. Die Bauern verhalfen zwar der Sowjetmacht durch ihre Gegnerschaft zu den alten Herren zum militärischen Sieg, wehrten sich aber genauso energisch gegen den Angriff auf ihr Privateigentum. Immer wieder kam es zu Bauernaufständen, die nur bewaffnet unterdrückt werden konnten.

55. Um die Wirtschaft in Gang zu setzen, versuchte Kriegskommissar Trotzki Teile der Roten Armee in eine Arbeitsarmee zu verwandeln. Das scheiterte am passiven Widerstand der Arbeitenden, gegen die Militarisierung der Arbeit protestierten Teile der KPR und die Gewerkschaften.

56. Die Bevölkerung Petrograds hungerte. Im Frühjahr 1921 rebellierten die Matrosen Kronstadts. Die exponierte Lage der Insel vor Petrograd, das bald schmelzende Eis und die Nähe der britischen Truppen ließ die Sowjetmacht die Konterrevolution fürchten, Trotzki ließ die 'Kommune von Kronstadt' von der Roten Armee niederschießen. Furcht und Misstrauen bestimmten diese Entscheidung, die widersprüchlichen, aber die nicht konterrevolutionären Forderungen der Matrosen glaubte man nicht verhandeln zu dürfen. Die Niederschlagung schadete dem internationalen Ansehen der Oktoberrevolution schwer.

57. Der Bürgerkrieg deformierte die Kommunistische Partei. Die innerparteiliche Demokratie wurde zunehmend durch militärische Befehlsstrukturen ersetzt, Ernennungen ersetzten Wahlen. Eine Menge von Karrieristen veränderten die soziale Struktur der bolschewistischen Partei. Das wurde auf dem Zehnten Parteitag 1921 deutlich. Fraktionen wurden verboten, der Parteiführung das Recht gegeben, Oppositionelle auszuschließen. Noch hatten KPR-Mitglieder kaum materielle Privilegien, aber ihre Partei zeigte gefährliche Anzeichen einer Deformation.

58. Mit Beendigung des Bürgerkriege wurde über die Wiederherstellung der Rätedemokratie und der innerparteilichen Demokratie diskutiert. Die Tscheka sollte ihre Funktion als unkontrolliertes Repressionsorgan verlieren und auf die Funktion des Staatsschutzes zurück gestuft werden. Sie wurde dem Innenministerium unterstellt, verkleinert und in GPU umbenannt. Doch der Kronstadter Aufstand und die Bauernaufstände ließen die Kommunisten vom Ziel der Wiederherstellung der Demokratie schnell zugunsten einer verstärkten Repression ihrer Gegner umschwenken. Die anderen politischen Parteien wurden unterdrückt, ihre Führer ins Exil gezwungen. Die Tätigkeit der GPU wurde ausgeweitet, bald wurde sie von der Parteiführung auch zur Unterdrückung der innerparteilichen Opponenten eingesetzt, sie richtete Gulags ein, die Gesellschaft wurde mit einem Spitzelnetz überzogen. Die GPU führte bald ein Eigenleben und war kaum zu kontrollieren.

59. Die Neue Ökonomische Politik (NEP) führte zu einem Wiederaufschwung der Wirtschaft. Das Bündnis zwischen Arbeiter und Bauern wurde propagiert. Die Großindustrie verblieb in der Hand des Staates, die Bauern sollten die Überschüsse ihrer Arbeit auf dem Markt verkaufen können, später auch Lohnarbeiter einstellen dürfen. Der Privathandel dehnte sich schnell aus. Es war eine Mischform von staatlicher und privater Wirtschaft, in der nicht klar war, ob die Staatswirtschaft oder der kapitalistische Markt sich als stärker erweisen würde. In der KP wurde diskutiert, ob man die Sowjetunion zügig industrialisieren solle – wie es die Linke Opposition um Trotzki forderte – oder ob man das Land im Schneckentempo entwickeln solle, dem Konzept der Rechten um Bucharin.

60. Unter den Bauern führte die Marktwirtschaft zu einer deutlichen Polarisierung zwischen armen und wohlhabenden Bauern, den Kulaken. Genossenschaften nahmen eine Randexistenz ein, nur die Kulaken waren in der Lage, genügend Überschüsse zu produzieren, um wie vor dem Krieg Getreide zu exportieren und Kapital für die Industrialisierung zu erwirtschaften. Den Bedürfnissen der Kulaken nachzukommen hätte deren Macht gestärkt und die Existenz des Sowjetstaates gefährdet. Die geringe Zahl der kommunistischen Funktionäre auf dem Land passte sich tendenziell dem Milieu der Kulaken an. In die gleiche Richtung tendierte der wirtschaftliche Erfolg der Handelsleute, NEP-Bourgeoisie genannt.

61. Landleute strömten wieder in die Städte und vermehrten die Zahl der Arbeiter. Die konnten ihren Lebensstandard steigern, litten aber unter starker Arbeitslosigkeit. Die neu vom Land Kommenden hatten kaum Klassenbewusstsein und begannen als ungelernte Arbeiter. Die Arbeiterklasse setzte sich neu zusammen, sie konnte ihre Kampfkraft von 1917 nicht wieder erringen. Die Gewerkschaften vertraten die Arbeiterinteressen, bei Auseinandersetzungen neigten ihre Führungen eher zur Staatsmacht und suchten Streiks zu entschärfen.

62. Der Acht-Stundentag wurde gesichert und Sozialleistungen ausgebaut. Die Arbeitsintensität war nicht sehr groß. Die Versorgung verbesserte sich, ein Moskauer Arbeiter erreichte den Reallohn eines Wiener oder Prager Arbeiters. Dafür verschlechterte sich durch den starken Zuzug vom Land und die unzureichende Bautätigkeit die Wohnungslage. Über die Kommunistische Partei konnten Arbeiter sozial aufsteigen. Die Zeit der NEP brachte für die städtischen Arbeiter die 'Republik der Arbeiter' näher.

63. Nach dem Tode Lenins 1924 führten die divergierenden Ziele zu einem intensiven fünfjährigen Fraktionskampf um den Kurs der Revolution. Sinowjew, Kamenew und Stalin verbündeten sich gegen Trotzki und schalteten dessen Fraktion aus. Stalin als Generalsekretär der Partei gewann über den Parteiorganisation einen wachsende Macht in der Partei. Mit der Beherrschung des Parteiapparats konnten die Gegner auch administrativ unterdrückt werden.

64. Setzte man sich bis Lenins Tod vor allem argumentativ über den Kurs der Partei auseinander, so wurden die Gegner der Troika jetzt zu Gegnern der Partei, aus dem 'Leninismus' wurde ein starrer Kanon, von der Parteiführung definiert, andere Meinungen waren vom Klassenfeind angeleitete Abweichungen. Theoretisch Auseinandersetzungen wurden dogmatisch geführt, das führte zum Desinteresse an den langweiligen Diskussionen.

65. Der 'Sozialismus in einem Land' gab das Interesse eines breiten Teils der Bevölkerung und der Bürokratie nach einer ruhigen, 'normalen' Entwicklung der Gesellschaft wider. Trotzkis Rolle bei der Militarisierung der Arbeit und der Unterdrückung des Kronstadter Aufstandes war nicht vergessen, seine Wandlung zum Verteidiger der Parteidemokratie schien vielen wenig glaubwürdig.

66. Der Kurs auf die Interessen der Bauern ließ die Troika zerbrechen. Sinowjew und Kamenew widersetzten sich dem Kurs auf die Stärkung der Bauern. In der KP-Führung verbündete sich Stalin nach der Ausschaltung Trotzkis mit dem rechten, bauernfreundlichen Flügel um Bucharin und entmachteten sie.

67. Die Fraktionskämpfe hatten die WKP so in Anspruch genommen, dass die heraufziehende Wirtschaftskrise erst sehr spät erkannt wurde. Die Kulaken weigerten sich, ihr Getreide ohne materielle Gegenleistungen abzugeben. Der rechte Parteiflügel um Bucharin vertrat indirekt die Interessen der Bauern, die Gesellschaft habe sich beim Weg zum Sozialismus nach ihrem 'Schneckentempo' zu richten. Die Fraktion des Generalsekretärs Stalin war inzwischen so stark, dass sie ohne größeren Widerstand die Rechten ausschalten konnte.

68. Stalin warf das Ruder herum, die Industrialisierung wurde jetzt zum dringendsten Ziel. Das hatte die linke Opposition seit 1923 gefordert. Die Stalin-Fraktion übernahm ihre Ziele, die verspätete Wende erzwang extreme Massnahmen. Ein Fünfjahresplan wurde aufgestellt, den Bauern mussten extreme Lasten zur Finanzierung der Industrialisierung aufgebürdet werden. Auch die Arbeiter mussten mit einer radikalen Absenkung des Lebensstandards und einer Intensivierung der Arbeit diese Politik bezahlen. Das war nur mit einer Spaltung der Gegner und Terror erreichbar. Man wollte 'die Fabriken von heute mit den Ziegelsteinen von morgen' aufbauen.

69. Mit der rechten Opposition wurden auch die Gewerkschaftsführungen ausgewechselt und die Arbeiterrechte beseitigt. Die Normen wurden erhöht, die Arbeiterklasse gespalten in meist junge Stoßarbeiter mit privilegierten Löhnen, die übrigen Arbeiter erlebten eine massive Absenkung des Lebensstandards und mussten, wollten sie ihr Lebensniveau halten, sich den verschärften Produktionsleistungen anpassen.

70. Mit dem Schachty-Prozess 1928 schüchterte man die technische Intelligenz ein und erzwang ihre Kooperation. Erst jetzt begann man mit der Qualifizierung einer neuen Schicht von Ingenieuren. Betriebsleiter wurden für die Erfüllungen und Übererfüllung der Pläne verantwortlich gemacht, ihre Weigerung führte zu ihrer Ablösung und ihrer Bestrafung als Saboteure. Die GPU 'half' bei der Planerfüllung. Massenhaft wurden Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft in die Fabriken rekrutiert, sie mussten erst einmal qualifiziert werden.

71. Der Privathandel wurde abgeschafft, Genossenschaftsläden übernahmen die Versorgung mit erhöhten Preisen und schlechterer Versorgung, Brot wurde rationiert, die Schlangen wurden wieder länger. Offiziell wurde behauptet, die Lebenslage verbessere sich ständig, die Menschen seien glücklich. Die Arbeiter hatten keine Möglichkeit mehr, sich politisch organisiert zu wehren.

72. Die verstaatlichte Industrie konnte nicht mit einer privaten Landwirtschaft existieren, in denen die Bauen nicht genügend Getreide produzierten. Das Zurückhalten von Getreide und die Spekulation wurden hart bestraft. Sonderkommissionen wie im Kriegskommunismus wurden eingerichtet und beschlagnahmten Getreide, wenn Parteikader zu lasch vorgingen, wurden sie als 'Verbündete der Kulaken' bestraft. Arme Bauern wurden zur Beschlagnahme des Kulaken-Getreides herangezogen.

73. Unter den Bauern wurde eine Kampagne für den Eintritt in die Kolchosen geführt. Zehntausende von KP- und Komsomol-Kadern wurden dazu in die Dörfer geschickt. Den Bauern versprach man Traktoren und Spezialisten, die Bauern blieben skeptisch, gegen die Requisitionen leisteten sie wieder Widerstand. Wieder reduzierten sie den Anbau und schlachteten ihr Vieh ab, wenn sie in die Kolchosen gezwungen wurden. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde die Sozialstruktur der Dörfer völlig umgewälzt.

74. Es galt zu gefährlich, die Kulaken als inneren Feind in die Kolchosen aufzunehmen. Die aktiven Gegner wurden in Konzentrationslager gesperrt, ihre Familien in oft unwirtliche Gegenden umgesiedelt, andere bekamen Land in der Heimatregion. Eine Armee von sechs bis sieben Millionen Bettlern und vagabundierenden Kindern schleppte sich durchs Land. Kulak war jetzt auch, wer Widerstand leistete.

75. Dieser Bürgerkrieg konnte nur gegen eine atomisierte Gesellschaft geführt werden, die der Möglichkeit des kollektiven Widerstands beraubt war. Diese Politik wurde völlig überhastet, widersprüchlich und konfus angegangen. Im Februar 1930 machte Stalin einen Rückzug, die lokalen Funktionäre hätten die Bauern gewaltsam in die Kolchosen gezwungen. Sofort verließ ein großer Teil der Bauern wieder die Kolchosen. Folge war eine furchtbare Hungersnot, die geheim gehalten wurde.

76. 1932 wurde den Kolchosbauern gestattet, auf einem Stück Gartenland eine eigene Kuh und Kleinvieh zu halten. Auf den vielleicht vier Prozent der Kolchosfläche wurde bald bis zu einem Drittel der Lebensmittel erzeugt. Sonst lag die Produktivität der Kolchosen unter dem der alten Einzelbauern, die meisten Mitglieder standen ihnen völlig gleichgültig gegenüber. Bis zum Krieg wurden die Einzelbauernschaften administrativ liquidiert.

77. Industrialisierung und Kollektivierung konnten nur mit der Atomisierung der Gesellschaft und einer völlig neuen Qualität der Repression durchgeführt werden. Die Bolschewistische Partei wurde liquidiert und von der Spitze neu aufgebaut. Die neue Partei hatte nichts mit der revolutionären Partei zu tun. Aus der Diktatur für die Arbeiter wurde eine Herrschaft über die Arbeiter.

78. Besser als alle anderen Bereiche zeigt die bolschewistische Frauenpolitik die Entwicklung des Sowjetstaates: Die Revolution stellte die Frauen juristisch gleich, das Eherecht wurde liberalisiert, die Abtreibung gestattet. Ziel war jedoch nicht die Frauenbefreiung, sondern die Gleichstellung der Geschlechter. Dieses Ziel scheiterte an den wirtschaftlichen Verhältnissen und an der Weigerung der Männer, ihre Privilegien in Frage zu stellen. Sozialistische Askese wurde zur moralischen Maxime der Kommunisten, die Frauen mussten die Lasten der Lohnarbeit, Kindererziehung und Haushaltsführung tragen, 1936 wurde die Abtreibung wieder hart bestraft. Die bürgerliche Familie wurde restauriert, das Strafrecht rigoros verschärft.

79. Die Revolution ließ die Kultur aufblühen. Die nationalen Minderheiten entwickelten ihre Schriftsprache, Literatur etc., besonders die jüdische Kultur erreichte einen nie gesehenen Standard. Die Arbeiter erschlossen sich mit der Proletkult-Bewegung neue kulturelle Dimensionen, trotz der Einschränkungen des Bürgerkrieges. Die künstlerischen Leistungen z. B. im Bereich des Theaters und der dekorativen Künste waren bedeutend. Mit der NEP ging der Proletkult zurück, die unabhängige Bewegung der Arbeiter wurde im Laufe der zwanziger Jahre zunehmend suspekt, bis 1932 alle Gruppen aufgelöst wurden. Im Künstlerverband herrschte der 'sozialistische Realismus', ein heroischer, idyllisierender, restaurativer Stil. Fantasievolle Demonstrationen wurden zu Militärparaden.

80. Mit der Aufgabe der Perspektive der Weltrevolution und der Einsetzung Stalins als Generalsekretär auf dem 11. Parteitag 1922 entstand die Parteibürokratie. Bisher hatten alle KP-Mitglieder in Staats- und Parteifunktionen vom 'Parteimaximum' leben müssen, das dem Lohn eines Facharbeiters entsprach. Die Parteidemokratie wurde nach und nach abgeschafft,.Angeleitet wurde die Kaderpolitik vom Generalsekretariat, das eine enorme Macht über die Partei bekam, hing die Karriere jedes Funktionärs doch vom seinem Wohlverhalten gegenüber der Parteiführung ab. Das Leninaufgebot 1924 brachte eine Masse unerfahrener Mitglieder in die KPR, die sich anpassten. Mit ihrer konnten die verschiedenen Oppositionen ausgeschaltet werden.

81. Die aufgestiegenen Parteifunktionäre verlangten während der NEP ebenfalls materiellen Aufstieg. Das Parteimaximum wurde durchlöchert und 1932 abgehoben. Die Bürokratie wurde zu einer sozialen Schicht, die zwar aus der Arbeiterklasse entstanden war, aber sich von ihrer Klasse zunehmend separierte mit überhöhten Einkommen, Sonderläden, Sonderkrankenhäusern, eigenen Wohnquartieren etc. Die parasitäre Schicht der Bürokratie wuchs auf bis zu 12 bis 15 Prozent der Bevölkerung an.

82. Offiziell wurde die Existenz der Bürokratie geleugnet, es gab sie nicht. Sie war in der Lage, die Industrialisierung und Kollektivierung als zweite Revolution von oben den Arbeitern und Bauern aufzuzwingen. Das gelang nur durch die Atomisierung der Klassen, der Aufspaltung in soziale Aufsteiger und den sich notgedrungen anpassenden Rest sowie durch Repression. Das führte die Sowjetunion an den Rand des Abgrundes.

83. Die Leugnung der Herrschaftsverhältnisse gelang nur durch die Verwandlung der marxistischen Theorie in eine Herrschaftsideologie, die lautstark propagiert wurde. Das führte zu Verlogenheit und Zynismus, der stalinistischen Ideologie folgten außer ihren offiziellen Vertretern nur Anfänger, Naive, Ausländer und Prüflinge, die sie danach vergessen konnten. Der Stalinismus pervertierte die marxistische Theorie.

84. Der Terror war ein für die Politik der dreissiger Jahre in Abwesenheit von demokratischen Strukturen ein notwendiges Mittel der stalinistischen Bürokratie. Konnte man die Gegner nicht überzeugen, mussten sie durch Gewalt gebrochen und eingeschüchtert werden. Mehrere hunderttausend Parteimitglieder wurden hingerichtet, die Zahl der Opfer des Stalinismus ist unvorstellbar hoch. Dieser Terror erleichterte es den antistalinistischen Ideologen, Sozialismus und Stalinismus gleichzusetzen und zu diskreditieren.

85. Der Aufbau der nichtkapitalistischen Gesellschaft muss vor dem Hintergrund der größten Wirtschaftskrise ab 1929 gesehen werden. Millionen von Arbeiter wurden in den kapitalistischen Staaten arbeitslos und in Elend und Hoffnungslosigkeit gestoßen, während die Sowjetunion 'den Sozialismus aufbaute' und die Arbeitslosigkeit beseitigte.

86. Die Planung funktionierte ausgesprochen grob und primitiv, und wirft die Frage auf, ob man sie überhaupt als Planwirtschaft bezeichnen kann. Diese 'Kriegswirtschaft' legte die Ziele fest, ohne Kosten und Rentabilität ins Kalkül zu ziehen und wurde durch Befehle vorwärts getrieben. Trotz aller Vergeudung und Ineffizienz konnte die Sowjetunion zum Industrieland getrieben werden. So konnte die Sowjetunion auch den deutschen Überfall überstehen und den zweiten Weltkrieg mit einer beträchtlichen Ausweitung ihres Einflusses beenden.

87. Die gewaltsame Kollektivierung schädigte die Landwirtschaft nachhaltig. Sie führte zur großen Hungersnot 1932/33 und der Stagnation der Produktivität, in die privaten Hausgärten steckten die Kolchosbauern ihre Arbeitskraft und erzeugten einen unproportional großen Teil der Lebensmittel- Überschüsse. Die exportierten Getreidemengen waren geringer als während des Zarismus und gingen weiter zurück.

88. Die Industrialisierung konnte nicht ewig durch Gewalt angetrieben werden. Hörte das 'Gebrüll' auf, zersplitterte die Bürokratie in Interessengruppen ihres Wirtschaftszweiges, in regionale Gruppen und mafiöse Strukturen. Die Wirtschaft brauchte ungeheure Kapazitäten für Ersatzteile und Reparaturen. Jede Fabrik legte riesige Lager an, neue Techniken waren nur schwer einzuführen, Kapazitäten wurden verschwendet. Das Verteilungssystem war schlecht, die 'schwarze' Wirtschaft wuchs, Preise spiegelten nicht Angebot und Nachrage wider. Die Planung funktionierte nicht, so war die Produktion kostspieliger als unter kapitalistischen Bedingung. Der Versuch von Chruschtschow, durch Marktreformen die Wirtschaft effektiver zu machen, funktionierte ebenso wenig wie bis zum Ende der Sowjetunion.

89. Trotzki hatte analysiert, die Sowjetunion werde innerhalb weniger Jahre zusammenbrechen. Falls die Arbeiterklasse nicht in der Lage sei, die Bürokratie zu stürzen oder eine Intervention von außen sie besiege, sei es das Eigeninteresse der Bürokratie, sich in eine bürgerliche Klasse zu verwandeln und das kapitalistische Eigentumsrecht zu restaurieren. In der Zeitperspektive irrte er sich. Der Überfall des faschistischen Deutschlands 'rettete', so zynisch sich das anhört, die Bürokratie, der relativ schwache Gegner konnte unter gigantischen Anstrengungen geschlagen werden und sicherte der Sowjetunion 73 Jahre Existenz.

90. Das änderte nichts an den Widersprüchen der Sowjetunion. Die Versuche, die Wirtschaft durch Marktreformen zu beleben, scheiterten. Mit Breschnew begann die Zeit der Stagnation. Für eines der fruchtbarsten Länder der Erde war es einfacher, Getreide auf dem Weltmarkt zu kaufen als die Landwirtschaft zu reformieren. In der immer rückständigeren Wirtschaft war es bequemer, mit dem allgegenwärtigen System der Korruption zu schmieren, als den Apparat zu säubern und auszutauschen. Während die Führung vergreiste, hatten die nachkommenden Bürokraten nicht mehr die Illusion, dass man das Land noch durch das System von Protektion, Vetternwirtschaft und Barzahlung zusammenhalten könne.

91. Die USA und die europäischen imperialistischen Mächte erkannten die Schwäche, versuchten die Sowjetunion durch verstärkte Rüstung und die Unterstützung der Opposition in die Knie zu zwingen. 1985 wurde Gorbatschow zum Generalsekretär. Als erste erkannten die Führer Osteuropas, dass die Sowjetunion nicht mehr intervenieren und sie an der Macht halten würde. Sie verhandelten einen meist friedliche 'Übergang' und traten ab. 1989 stimmte Gorbatschow dem Anschluss der DDR an die BRD zu. Die Sowjetunion wurde nicht im Krieg besiegt, sondern sie implodierte.

92. In der Sowjetunion dauerte die Restauration des Kapitalismus etwas länger. Man verließ sich auf westliche 'Wirtschaftsexperten', die ihr Unverständnis des Sowjetsystems mit den Rezepten aus den Einführungskursen über die Vorzüge der Marktwirtschaft überwinden wollten. Im August 1991 wurde Gorbatschow gestürzt, Jelzin als Präsident Russlands übernahm die Macht, die Sowjetunion wurde aufgelöst, eine Unionsrepublik nach der anderen wurde unabhängig.

93. Mit einer Schocktherapie versuchte Jelzin die Privatisierung der Wirtschaft. Die Arbeiterklasse war durch über sechzig Jahre Stalinismus atomisiert und desorientiert und konnte sich nicht organisiert wehren. Die Betriebe wurden privatisiert und von Bürokraten angeeignet. Die Arbeiter erhielten Anteilsscheine an ihren Betrieben, die Inflation frass ihren Wert auf und sie verkauften die Vouchers zu einem Bruchteil ihres Wertes an Investitionsfonds und Einzelpersonen. So wurden die Bürokraten zu Kapitalisten.

94. Die Wirtschaftsleistung ging extrem zurück. Die schließenden Betriebe entließen ihre Arbeiter, an den Arbeitsplätzen hingen viele Sozialleistungen wie Wohnungen, Krankenversorgung, Kindergartenplätze etc. Die noch funktionierenden Betriebe zahlten den Arbeitern keinen Lohn oder zahlten ihn verspätet aus, was bei der Inflation auf das Gleiche hinauslief. Die Bevölkerung verarmte, lebte vom Kleinhandel und den Erträgen der Datschen. Mit der Armut kam die Verzweiflung, der ohnehin schon hohe Alkoholkonsum und die Gewalt explodierten, die Lebenserwartung sank dramatisch. Wieder zahlte die Bevölkerung Russlands die Politik der Unterdrücker.

95. Die russische Revolution ist gescheitert. Es wäre leicht, wie es die bürgerlichen Ideologen machen, den Bolschewiki die Schuld in die Schuhe zu schieben, Lenin war kein Vorläufer Stalins. Die Kommunisten wollten die Ausbeutung abschaffen und die soziale Gleichheit aller etablieren. Es gelang ihnen mit Hilfe der Räte die Mehrheit der Arbeiter für den Sturz des Zarismus und des Kapitalismus zu gewinnen, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Geschichte erklärt sich nicht von ihrem Ende her.

96. Die Reaktionäre entfesselten gegen die Revolution einen Bürgerkrieg, unterstützt von den imperialistischen Mächten. Der Bürgerkrieg erzwang von den Kommunisten diktatorische Massnahmen, wollten sie ihre Macht nicht abgeben. Es ist kaum wahrscheinlich, dass eine Militärdiktatur weniger Leid über die Bevölkerung gebracht hätte. So waren die Bolschewiki gezwungen, für die Arbeiterklasse zu herrschen und wie mit der Unterdrückung des Aufstandes von Kronstadt einen Teil der Klasse zu unterdrücken.

97. Die Gefahr des Verlustes der Macht führte auf dem zehnten Parteitag zur Fehlentscheidung der Unterdrückung der innerparteilichen Opposition. Der Wille nach einer Wiederherstellung der Rätedemokratie konnte 1920/21 nicht mehr umgesetzt werden. Besonders das Ausbleiben der europäischen Revolution trug zur nationalen Beschränkung bei, eine Bürokratie entstand, welche die politische Macht der geschwächten Arbeiterklasse entreissen konnte. Sie konnte unter ungeheuren Lasten die Industrie aufbauen, die Landwirtschaft kollektivieren und den Weltkrieg gewinnen.

98. Die russische Revolution verschwindet im Dunkel der Geschichte. Es war ein erster Versuch, die Menschheit von Ausbeutung, Krieg und Elend zu befreien. Da Ausbeutung, Krieg und Elend schlimmer als je andauern, wird es weitere Versuche von Revolutionen geben, auch wenn die Revolutionäre zur Zeit nicht sehr gut aufgestellt sind. Die vorliegende Arbeit mag einen bescheidenen Beitrag dazu leisten.


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12._98_thesen_ueber_die_russische_revolution.txt · Zuletzt geändert: 2017/01/08 11:40 von dduevel@ddws.de