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Über die Bürokratie

Ursprünge der Bürokratie

Mit dem Sieg der Bourgeoisie in der bürgerlichen Revolution des 19. Jahrhunderts entstand auch die Bürokratie. Der absolutistische Staatsapparat konnte nach den eigenen Interessen umgeformt werden, der Staatsapparat wurde Geld und Reichtum verpflichtet. Er gestattete es der Bourgeoisie zu herrschen, ohne direkt zu regieren. Die Bürokratie ist der

„…in ihren Poren sitzende Kitt, durch den das Ganze der kapitalistischen Ordnung zusammengehalten wird. Sie bleibt der Träger der technisch-rechtlichen und verwaltungsmässigen Organisation, die für die für die Aufrechterhaltung und das Funktionieren der bürgerlichen Gesellschaft unentbehrlich ist.“ 1)

Sie blähte sich auf und sonderte sich durch ihr verwaltungstechnisches Spezialistentum und einen lebensfremden Formalismus vom Volk ab. Sie war fortschrittshemmend und diente sich der herrschenden Klasse an. Trotz der Unentbehrlichkeit für den Kapitalismus wurde sie eine schwere Krankheitserscheinung, die wie ein Geschwür an Körper der Gesellschaft wucherte. 2)

Im 'Achtzehnten Brumaire' schrieb Marx über die Bürokratie im Frankreich des 19. Jahrhunderts:

„Die Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuren bürokratischen und militärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer anderen halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monarchie, beim Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half.“ 3)

Lenin bezeichnet in 'Staat und Revolution' die Bürokratie als jenen Umkreis von privilegierten Personen, die von den Massen abgeschnitten und über sie gestellt sind. 4) Er forderte das Verschwinden der Bürokratie im Arbeiterstaat. Schon die Parteien der Zweiten Internationale hatten das Problem, dass ihre Parteiapparate von Hauptamtlichen und Funktionären zum großen Teil von Intellektuellen dominiert wurde. Das ergab aus sich aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; die Arbeiter produzierten, während der Bereich der Kultur von der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum beherrscht wurden. Die Natur der physisch und psychisch erschöpfenden Lohnarbeit machte es dem Proletariat unmöglich, wissenschaftliche Erkenntnisse in entwickelter Form zu erlangen. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung von Hand- und Kopfarbeit führte dazu, dass es nur einige herausragenden Vertretern der Arbeiterklasse gelang, diese Barriere zu überwinden.

Die Arbeitsteilung führte zur Entwicklung einer Schicht von Funktionsträgern führte zur Gefahr einer Verselbständigung des kleinbürgerlich dominierten Apparats. Den hätte durch eine funktionierende innerparteiliche Demokratie entgegengewirkt werden können, Marx, Engels und andere Theoretiker wiesen immer wieder auf die demokratischen Ansätze während der Pariser Kommune hin.

Die Entscheidungen in den Arbeiterorganisationen verschoben sich: Eine neue Schicht der Bürokratie der Arbeiterklasse entstand. Der bürokratische Apparat profitierte von einem Rückgang der Arbeiteraktivitäten, stärkte die Kontrolle über die Institutionen und half, der Arbeiterbewegung Niederlagen zuzufügen. Ein neuer Aufschwung führte zur Stärkung der Arbeiteraktivitäten, die Bürokratie hemmte diese Bewegung, die Arbeiter spürten das; wiederholte sich dieser Vorgang mehrmals, so resignierten viele Arbeiter angesichts dieses 'Verrats'.

Für die aus der Arbeiterklasse kommenden Funktionäre war das ein sozialer Aufstieg. Ein bescheidener Aufstieg in kleinbürgerliche Verhältnisse ohne den acht- oder gar zwölfstündigen Arbeitstag, dem völligen Fehlen sozialer Sicherheit etc. Viele Gewerkschafts- und Parteifunktionäre verbrachte einen Teil ihres Lebens im Gefängnis, aber trotzdem besser als der Rest der Arbeiter. Sie waren nicht an die mechanische Fabrikarbeit gefesselt und konnten sich dem Kampf für ihre Ideen widmen. Der Funktionär wollte vor allem aber auf jeden Fall seine neue Arbeit nicht verlieren und nicht wieder zum Fabrikarbeiter werden. In Staaten mit demokratischen Strukturen boten Parlamente und die Arbeiterorganisationen talentierten Funktionären bescheidene, aber nicht unwichtige Aufstiegsmöglichkeiten. Kompromisse mit dem Bürgertum und ihrem Staat boten sich an, es entstanden die, 'Arbeiterleutnants des Kapitals', wie der US-amerikanische Sozialist Daniel DeLeon sie bezeichnete. 5)

Entstehung der sowjetischen Bürokratie

Mit der Oktoberrevolution tauchte das Problem auch im Sowjetstaat auf. Der Zarismus hatte das Entstehen vom Arbeiterbürokraten verhindert. Im Gegensatz zu den Zielen der Revolutionäre war es 1917/18 nicht gelungen, den Staatsapparat zu zerschlagen. Über dies Ziele der Revolution hatte Lenin 1917 geschrieben:

„In der sozialistischen Gesellschaft wird natürlich 'eine Art Parlament'… die 'Verwaltung des Apparats überwachen, aber dieser Apparat wird nicht 'bürokratisch' sein. Die Arbeiter werden nach Eroberung der politischen Macht den alten bürokratischen Apparat zerschlagen, ihn bis auf den Grund zerstören, von ihm nicht einen Stein auf dem anderen lassen;sie werden ihn durch einen neuen Apparat ersetzen, gebildet aus eben diesen Arbeitern und Angestellten, gegen deren Verwandlung in Bürokraten man sofort die von Marx und Engels eingehend untersuchten Maßnahmen treffen wird.“ 6)

Der Staatsapparat existierte weiter, seine Mitglieder zeigten bis zum Sieg im Bürgerkrieg der neuen regierenden Partei gegenüber ein feindseliges, im besten Fall ein passiv-neutrales Verhalten. In den Arbeiterorganisationen hatte es vor der Revolution höchstens rudimentäre Ansätze gegeben, die Arbeiterparteien, Gewerkschaften und Genossenschaften waren illegal oder standen unter dem Druck, jederzeit verboten werden zu können. Erinnert sei an Swerdlows wahrscheinlich in seinem Gedächtnis existierendes 'Notizbuch' über die Parteiorganisation.

In Russland strömten Arbeiter in den Staatsapparat, die bolschewistische Partei besetzte Regierungsfunktionen. Mitglieder der KPR waren gezwungen, vom 'Parteimaximum' zu leben, alle einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn überschreitende Einkünfte abzutreten. In den Jahren der Revolution und des Bürgerkrieges starben viele kommunistische Staats- und Parteifunktionäre an Unterernährung, Krankheiten und Anschlägen der Revolutionsfeinde, ihr moralischer Rigorismus dominierte sie.

Mit der Stabilisierung Sowjetrusslands änderten sich die Vorzeichen. Die Mitglieder der alten Bürokratie gaben ihren offenen Widerstand auf und passten sich der Sowjetherrschaft an. Die Arbeiter im Funktionärsapparat arbeiteten mit ihnen und anderen bürgerlichen Schichten zusammen, trotz der allgemeinen Not lebten die immer noch besser als die Aufsteiger aus der Arbeiterklasse. Es kam zu einem Prozess der Anpassung. Man gewann Verfügung über ein Auto, hielt gesellschaftlichen Kontakt und strebte nach den Frauen der alten Privilegierten. Das Parteimaximum wurde ab 1922 durchlöchert, der 'Auto- Harem-Effekt' förderte die Anpassung. Die NEP begünstigte die Entwicklung, der betrunkene kommunistische Kolchos-Funktionär fraternisierte mit dem alkoholisierten Dorfpopen. Man begann, 'auf die da unten', das Volk der Arbeiter und Bauern herabzusehen. Der die Leute kujonierende Bürokrat, der aus der Zarenzeit bekannte 'Derschimorda', feierte fröhliche Urstände. Man duzte die Untergebenen, die ihre Vorgesetzten zu siezen hatten.

„Die soziale Lage der Kommunisten, dem ein Auto, eine gute Wohnung, regelmässiger Urlaub zur Verfügung stehen, und der das von der Partei festgesetzte Maximalgehalt erhält, unterscheidet sich von der Lage eines Kommunisten, der in einem Kohlenschacht arbeitet und 50 bis 60 Rubel im Monat verdient. “ 7)

„Grundlage des bürokratischen Kommandos ist die Armut der Gesellschaft an Verbrauchsgegenständen mit dem daraus entstehenden Kampf aller gegen alle. Wenn genug Waren im Laden sind, können die Käufer kommen, wann sie wollen. Wenn die waren knapp sind, müssen die Käufer Schlange stehen. Wenn die Schlange sehr lang ist, muss ein Polizist für Ordnung sorgen. Das ist der Ausgangspunkt der Macht der Sowjetbürokratie. Sie 'weiss', wem zu geben und wer zu warten hat.“ 8)

Der Aufstieg ging einher mit dem Schwinden der Hoffnung auf die Weltrevolution. Der Elfte Parteitag 1922 wählte Stalin zum Generalsekretär, er entwickelte sich zum Antreiber der Bürokratisierung. Die innerparteiliche Demokratie wurde nach und nach durch die Einsetzung der Funktionäre durch den Parteiapparat ersetzt und beseitigt. Im Fraktionskampf der KP wurden Linke und Rechte ausgeschaltet, Stalin hielt sich dabei im Hintergrund, seine dominierende Rolle als 'Bester der Mittelmässigen' wurde erst nach der Ausschaltung der Linken Opposition klar.

„Das bleierne Hinterteil wog schwerer als der Kopf der Revolution.“ 9)

Lenin hatte, als er sich von seinem ersten Schlaganfall 1922 erholte, mit Erschrecken das Anwachsen der Bürokratie begriffen. 10) Ein Mittel fand der nicht. Die Bürokratie machte sich nicht nur im Staatsapparat bemerkbar, sie griff auch auf die Partei über. Das war eine neue Qualität.

Mit ihren undemokratischen Strukturen war die KPR dem bürokratischen Apparat der Partei hilflos ausgesetzt. Statt Parteifunktionäre zu wählen und jederzeit wieder absetzen zu können, monopolisierte das Generalsekretariat die politischen und wirtschaftlichen Positionen, schaltete die Opposition aus und setzte den die GPU auf die Gegner an. Mit dem Leninaufgebot schuf sich der Parteiapparat eine neue Partei, die mit den Revolutionären von 1917 nur noch die historischen Wurzeln gemeinsam hatte.

Die Zahl der hauptamtlichen Funktionäre der Kommunistischen Partei stieg von kaum 700 1919 auf 15.300 1922 vom Parteizentrum Eingesetzte und auf mehr als 100.000 ein paar Jahre später. Sie standen loyal zum Parteisekretariat und in dem Generalsekretär, von denen ihre Arbeitsplätze und Privilegien abhingen. 11)

Bereits am Ende des Bürgerkrieges hatte die Zahl der Angestellten in den Behörden die Zahl der Arbeiter überstiegen, die Industrie erholte sich langsam wieder. 12)

Der zentrale Staatsapparat hatte im November 1933 55.000 Mitglieder. Dazu kam die Rote Armee, die GPU, die Genossenschaften etc., die Regierungsapparate der Einzelrepubliken. Trotzki schätzte sie damals auf 400.000 bis 500.000 Personen, keine einfachen Beamten, sondern 'Würdenträger'. 13) Sie stützen sich auf eine breite Verwaltungspyramide, vielleicht zwei Millionen, das Verwaltungspersonal der Betriebe und der Gewerkschaften, auf eine halbe Million geschätzt. Die Kolchosen hatten mehr als eine Million Administratoren.14) Die gesamte Schicht, die nicht unmittelbar produktive Arbeit leistete, bestand aus ungefähr fünf bis sechs Millionen Menschen. 1,5 bis zwei Millionen Personen umfasste die Mitgliedschaft der WKP. 15) Zusammen mit den Stachanowisten und Familienangehörigen waren das geschätzt 20 bis 25 Millionen, 12 bis 15 Prozent der Bevölkerung.

Zwischen dem Vorsitzenden eines Dorfsowjets – er kam seinerseits nicht an das Niveau eines qualifizierten Arbeiters im Westen heran – und einem hohen Kremlbeamten gab es riesige Unterschiede, das Niveau der Bevölkerung lag noch erheblich tiefer. Jeder Beamte konnte jederzeit von der übergeordneten Instanz versetzt, befördert oder abgesetzt werden. 16)

„Rechnet man nicht nur das Gehalt, alle Art Naturaldienste und mannigfachen halbgesetzlichen zusätzlichen Einkommensquellen, sondern fügt man dem auch den Anteil der Bürokratie und der Sowjetaristokratie an den Theatern, Erholungspalästen, Krankenhäusern, Sanatorien, Kurorten, Museen, Klubs, Sporteinrichtungen usw. usf. hinzu, so müsste man wahrscheinlich sagen, dass auf diese 15, sagen wir 20 Prozent der Bevölkerung nicht mehr und nicht weniger entfällt als auf die übrigen 80 bis 85 Prozent.“ 17)

Das Parteimaximum wurde ab 1922 durchlöchert und vollständig bis 1932 aufgehoben; die Mitglieder des Apparats erhielten 1923/24 etwa das Zehnfache des durchschnittlichen Facharbeiterlohns. Seit den dreißiger Jahren wucherten diese Privilegien exzessiv mit überhöhten Einkommen, Sonderläden, Datschen, Privatzimmern in Krankenhäusern und Fachärzten, Kantinen, besonderen Schulen für die Brut, eigenen Wohnquartieren, Hausangestellten, Auslandsreisen etc. 18)

Es ist zu betonen, dass diese Privilegien nur einen Bruchteil des Luxus der Reichen des Bürgertums ausmachten, in der Sowjetunion gab es keine Milliardäre, nur popelige Millionäre. Es etwas anderes, wenn ein Kapitalist inmitten von Armen im Luxus schwelgt, als wenn ein Bürokrat, der behauptet, Kommunist zu sein, zynisch das gleiche tut.

Die Passivität der Bevölkerung und die massive Repression gestattete es der Bürokratie, sich zeitweise über die Klassen zu erheben. Während der Industrialisierung konnte der Lebensstandard der Arbeitenden massiv gesenkt werden. Nur durch die Spaltung der Bauern, ihre geografische Vereinzelung und Terror gelang es, 105 Millionen Bauern, zwei Drittel der Bevölkerung, gegen ihren Willen in die Kolchosen zu zwingen. Sie antworteten mit passivem Widerstand. Die Kollektivierung angesichts der sich gerade einmal im Aufbau befindenden Industrie führte die Sowjetunion an den Rand des Zusammenbruchs und zur Hungersnot, die materiellen und psychologischen Auswirkungen waren noch in der Nachkriegszeit spürbar. Der Bevölkerung wurde die Möglichkeit genommen, sich über politische und wirtschaftliche zu verständigen. Folge war eine extreme Individualisierung der Sowjetgesellschaft. Außer für Prüfungen kümmerte sich niemand mehr um die ideologischen Vorgaben.

Die Aufgabe der Orientierung auf die Weltrevolution, die Orientierung am Aufbau des Sozialismus im eigenen Land bedingte eine Umorientierung der Strategie. War die Politik der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale vom Ende der zwanziger Jahre bis Mitte der Dreissiger vom Schwanken der Orientierung dominiert – die 'dritte Periode' – so schwenkte sie mit der Volksfrontpolitik auf eine Zusammenarbeit mit den 'demokratischen' imperialistischen Staaten ein. Nur das kurze Intermezzo des Hitler-Stalin-Paktes unterbrach diese Politik noch einmal. Die von der Sowjetunion ausgehende Bedrohung der Revolution existierte nur noch in den Köpfen antikommunistischer Ideologen. Stalin bestätigte die Aufgabe der Orientierung auf die Revolution in einem Interview mit einem britischen Journalisten.

„'Wie steht es', fragte er Stalin, 'mit den Plänen und Absichten in Bezug auf die Weltrevolution?' 'Solche Pläne und Absichten haben wir nie gehabt.' 'Ja aber…' Das ist die Folge eines Missverständnisses.' Howard: 'Eines tragischen Missverständnisses?' Stalin: 'Nein, eines komischen, oder eher eines tragikkomischen'.

Wir [Trotzki] zitieren wörtlich. 'Welche Gefahr', fuhr Stalin fort, können die umliegenden Staaten in den Ideen der Sowjetmenschen erblicken, wenn diese Staaten wirklich fest im Sattel sitzen?' 'Wenn sie nun aber – hätte der Interviewer fragen können – nicht fest im Sattel sitzen? Stalin führte ein noch beruhigenderes Argument an: 'Der Export der Revolution ist Unsinn. Jedes Land wird, wenn es so will, seine Revolution selber durchführen; wenn es aber nicht will, wird es keine Revolution geben. Da, zum Beispiel, unser Land wollte eine Revolution durchführen, und hat sie durchgeführt…' Wir zitieren wörtlich.

Von der Theorie des Sozialismus in einem Lande ist es ein ganz natürlicher Übergang zur Theorie des Revolution in einem Lande. …In Stalins beruhigenden Erklärungen, die nicht nur von Kapitalisten, sondern auch von Arbeitern gelesen werden, klaffen jedoch Lücken. Bevor 'unser Land' die Revolution durchführen wollt, importierten wir die Ideen des Marxismus aus verschiedenen Ländern und machten uns fremde revolutionäre Erfahrungen zunutze. Nach unserem Sieg organisierten wir 1919 die Kommunistische Internationale. Wir proklamierten mehr als einmal die Pflicht des Proletariats im Lande der siegreichen Revolution, den unterdrückten und aufständischen Klassen zu Hilfe zu eilen, und zwar nicht nur mit Ideen, sondern wenn möglich auch mit der Waffe… Jetzt stellt sich heraus, das all das nur ein Missverständnis war.“ 19)


Der Stalinismus beruhte auf der systematischen Anwendung von Terror. Die Gegner wurden politisch entmachtet und gebrochen, schienen aber als Gegner der Bürokratie immer noch gefährlich, also liquidierte man sie. Zwischen 1934 und 1939 wurden vier bis fünf Millionen Parteimitglieder und Funktionäre aus politischen Gründen verhaftet und und 400.000 bis 500.000 ohne Prozess hingerichtet. Auf dem 18. Parteitag 1939 gab es noch 37 Überlebende der 1.827 Delegierten des XVII. Parteitages 1934. 20) Der Terror kannte keine konventionellen Grenzen.

Die Zahl der Opfer des Terrors ist so monströs, das er kaum noch eine Rolle spielt, ob man sie auf zehn oder auf 20 Millionen schätzt, vorstellbar ist die Zahl sowieso nicht mehr. Die Zahl der Bevölkerung der Sowjetunion wurde 1937 auf 164 Millionen geschätzt, 16,7 Millionen weniger als die Erwartungen des zweiten Fünfjahresplans von 1932. 21) Die GPU unterhielt ein perfektioniertes System von Arbeitslagern mit 1941 geschätzt 3,5 Millionen Insassen, die 1,2 Prozent der Industrieproduktion erwirtschafteten. 22)

Er traf alle Gegner und potentielle Opponenten, die ihre Deckung der Anpassung verließen, Stalin nicht priesen und der GPU irgendwie suspekt wurden, Arbeiter, Bauern, Reste des Bürgertums, Russen und nationale Minderheiten, denkbare Gegner im bürokratischen Apparat etc. In ihren Erscheinungsformen hatte der stalinistische Terror Parallelen zur Repression des Faschismus; in den Erscheinungsformen, nicht ihrem sozialen Inhalt.

Die sowjetische Wirtschaft

Von 1929 bis 1940 konnte sich die sowjetische Industrieproduktion verdreifachen. Sie stieg von fünf auf 18 Prozent der weltweiten Industrieproduktion, während der Anteil der USA, Großbritanniens und Frankreichs fiel. Psychologisch war es für die Beobachter in den imperialistischen Ländern noch wichtiger, dass es hier keine Arbeitslosigkeit gab. 23) 1932/33 hatten 22 bis 23 Prozent der britischen und belgischen Arbeiter, 27 Prozent der US-amerikanischen,und 44 Prozent der deutschen keine Arbeit. 24) 1986 produzierten die knapp 6 Prozent der Sowjetbevölkerung 14 Prozent des globalen Volkseinkommens und 14,6 Prozent der Industrieerzeugnisse, während die Agrarproduktion stagnierte. 25)

Für viele Beobachter von außen war der sonst so wenig attraktive Sowjetstaat ein Hoffnungsträger. Die Struktur der Wirtschaft war gekennzeichnet durch die Verstaatlichung der Industrie, der Banken, des Großhandels sowie des gesamten Aussenhandels. Ein großer Teil des Einzelhandels sowie die Sowchosen waren in Staatshand. Der grösste Teil der landwirtschaftlichen Betriebe waren Produktionsgenossenschaften auf staatlichem Boden, aber mit Nutznießung der Kolchosen auf unbegrenzte Zeit. Traktoren und Landwirtschaftsmaschinen waren staatlich und wurden später an die Kolchosen verkauft. Daneben existierte ein bedeutender nichtstaatlicher Sektor mit Genossenschaften im Handwerk und Einzelhandel. Die privaten vier Prozent der Landflächen im Kolchos wurden intensivst bearbeitet. 26) Es bestand also eine gemischte Wirtschaft.

Die Planung ab 1929 war grobschlächtig und primitiv. Diese Kriegswirtschaft legte Produktionsziele fest, ohne Kosten und Rentabilität ins Kalkül einzubeziehen, wichtig war, das und wann sie erreicht werden konnten. Aufgabe der Manager war es, Befehle zu erteilen, zu Eile anzutreiben und den Befehlen Nachdruck zu verleihen. Chruschtschow suchte später verzweifelt einen Weg, das System anders als durch 'Gebrüll' vorwärts zu treiben. Stalin gab ganz bewusst unrealistische Ziele vor, um zu übermenschlichen Anstrengungen anzuspornen. 27) Diese Befehle mussten in der gesamten USSR von Menschen durchgeführt werden, die als Verwalter, Techniker und Arbeiter unzureichend ausgebildet waren und oft mehr an die Arbeit hinter dem Holzpflug als an Maschinen gewöhnt waren. Ein britische Karikaturist zeichnete nach seinem Besuch in der Sowjetunion eine Kolchosmädchen, welches mit abwesendem Blick versuchte, einen Traktor zu melken. 28)

Eine sehr kleine Zahl von qualifizierten Kadern musste eine immense Aufgabe für die immer totaler werdende Zentralisierung übernehmen. Dieses System funktionierte, solange die Grundlagen der Industrie zu legen waren, bei aller Vergeudung und Ineffizienz. Es verwandelte die Sowjetunion binnen weniger Jahre in eine Industrienation und versetzte das Land in die Lage, den Angriff des Deutschen Reichs zu überleben und zu gewinnen. Die Völker Russlands ertrugen das Regime unter unsäglichen Opfern, obwohl sie auf allerniedrigstem Niveau blieben und nur das soziale Minimum erhielten. Es verschaffte ihnen Arbeit, Nahrung und Wohnungen, garantierte Renten und Gesundheitsversorgung. Die Transformation der Sowjetunion war trotz allem eine gewaltige Leistung. Für die aus den entlegensten Dörfern kommenden Menschen bot die Industriearbeit in den Städten ein sozialer Fortschritt und die Chance auf Aufstieg und Karriere für sich oder zumindest ihre Kinder. 29)

Wer in der Landwirtschaft blieb, wurde von dieser Entwicklung abgehängt. Die Bauern trugen die Hauptlast der Industrialisierung, für sie war es ein Unglück. Die Zwangskollektivierung senkte die Getreideerträge, halbierte den Viehbestand und führte zur Hungerkatastrophe 1932/33. Die niedrige Produktivität der Landwirtschaft stagnierte weiter und erreichte 1940 den Stand der NEP-Zeit, der Krieg brachte einen neuen Rückschlag, so dass man erst 1950 auf dem alten Stand war. 30) Die russische Bauernschaft hatte unter den kapitalistischen Verhältnissen vor dem ersten Weltkrieg einen großen Getreideüberschuss für den Weltmarkt produziert, nach dem zweiten Krieg war dieser Überschuss viel geringer. In den siebziger Jahren des Jahrhunderts musste die Sowjetunion Getreide importieren. Die kollektivierte Landwirtschaft blieb völlig unzulänglich mit allen sozialen Konsequenzen.

Jeder Versuch, die Bürokratie flexibler und effizienter zu gestalten, ließ sie noch mehr anschwellen und mächtiger werden. In den späten dreissiger Jahren wuchs sie zweieinhalb mal so rasch wie die Zahl der Beschäftigten insgesamt, zu Kriegsbeginn kam auf zwei Arbeiter ein Beamter. 31)

Die Menge der Produktion konnte gesteigert werden, die Qualität nicht. Das Verteilungssystem war schlecht, ein Organisationssystem für Dienstleistungen so gut wie nicht vorhanden, so dass ein System von 'schwarzer' Wirtschaft besonders seit den sechziger Jahren deutlich anwuchs. Das System war ineffizient, trotzdem wuchs das Volkseinkommen. Doch der Zuwachs wurde immer geringer, seine Dynamik schloss den Mechanismus des eigenen Verschleisses mit ein. 32)

Die niedrige Produktionsqualität war ein fester Bestandteil der Wirtschaft. Man brauchte enorme Kapazitäten für Ersatzteile und Reparaturen. Neue Technologien konnten nur langsam eingeführt werden. Die Produktionsziffern wurden in Wertgrößen angegeben, neue Produktionskosten konnten nicht über den Preis kompensiert werden. Die Betriebe konnten nicht die Entlassung überschüssiger Arbeiter vornehmen und die festgesetzten Preise spiegelten nicht Angebot und Nachfrage wider. Ohne diese Bedingungen konnten sich bei Einführung neuer Technologien die Produktionskosten erhöhen, ohne sie über den Preis kompensieren zu können. Neue Fertigungsverfahren wurden vor allem auf administrativen Druck eingeführt. Die Produktion war kostspieliger als im Kapitalismus und unter sozialistischen Bedingungen.

Eine riesige Anzahl von Arbeitern war unterbeschäftigt. Zahlen kursierten von 15 Millionen Menschen oder ein Viertel oder mehr der Produktionsarbeiter. 33) Vorhandenen und potentielle Kapazitäten wurden wurden verschwendet. Ein Unternehmen forderte zu viel Material wie möglich an, ob es sie nun brauchte oder nicht. Riesige Mengen von Ersatzteilen der Traktoren lagerten in den Depots der Kolchosen. Man sicherte sie sich als Reserve und sie wurden vergessen.

Die Logik des Systems folgte Prämien, Kennziffern und der gesellschaftlichen Anerkennung. Wo es möglich war, wurde der Plan übererfüllt mit den entsprechenden Vergütungen. Die Informationsbasis des Zentrum war dürftig, die Betriebsleitungen, einzig am eigenen persönlichen Vorteil interessiert, erfüllten die Vorgaben des Zentrums lediglich formal. Sie informierte das Zentrum falsch und suchte ein Sortiment herzustellen, dass sich für sie am leichtesten produzieren ließ. Das Zentrum konnte die Wirtschaft nicht kontrollieren, es handelte sich weniger um Planung als um Verwaltung. Anweisungen der Planer wurden nur insoweit durchgeführt, als sie mit den persönlichen Interessen der Individuen übereinstimmten. Die Planer konnten nur aufgrund der verzerrten Informationen aus den Betrieben arbeiten. Hillel Ticktin behauptet im Gegensatz zu Ernest Mandel, es handelte sich um eine organisierte Wirtschaft, deren größter Teil von niemandem kontrolliert wurde. 34)

Geld war von geringer Bedeutung, für die geringen Prämien lohnte es nicht, mehr zu arbeiten. Große Teile der Arbeitenden – auch in den Städten – besaßen und besitzen Datschen, um zusätzliche Lebensmittel anzubauen. Die Distributionsunterschiede bestanden auf direktem Wege und in Form von Dienstwagen, Lebensmittel und Kleidung in Sonderläden, Gesundheitsfürsorge und Urlaub. Die Zuteilung für einzelne Schichten vollzog sich direkt und durch Beziehungen. 35)

Marx und Engels analysierten, dass die Voraussetzungen für den Kommunismus eine große Steigerung der Produktivkräfte sei,

„…weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste.“ 36)

In der Sowjetunion gab es kein Absterben des Staates, vielmehr blähte er sich zu einer gewaltigen, selbstständigen, über der Gesellschaft schwebenden Macht auf und versuchte so, die Widersprüche in der Gesellschaft zu bannen. Die Ideologen der Bürokratie vertuschten die gesellschaftliche Wirklichkeit und nährten durch die ideologische Rechtfertigung der Bürokratie falsches Bewusstsein. Damit verließen sie den Boden des Marxismus und der materialistischen Geschichtsauffassung und täuschten die werktätigen Massen ihres Landes und der ganzen Welt. So unterstützten sie auch die Ideologen der internationalen Bourgeoisie und deren Auffassung, der Stalinismus sei Sozialismus. Im Namen des 'Kommunismus' und 'Marxismus' entwickelten sie Ausbeutungs- und Repressionsprozesse gegen Arbeiter, Bauern, Frauen, Jugendliche und nationale Minderheiten. 37)

In der Sowjetunion blieb die Warenproduktion teilweise bestehen, es fand keine vollständige Sozialisierung der Produktionsmittel, der Produktions- und Arbeitsprozesse statt. Stalin kodifizierte 1952 die Revision des Marxismus mit der Behauptung, dass in der Sowjetunion das Wertgesetz bestehe und wirke. 38)

In der Sowjetunion gab es auch keine formale Gleichheit bei der Verteilung der Konsumgüter, sondern riesige und wachsende Ungleichheiten. Es herrschte 'bürgerliches Recht', da die Gleichheit nur formal war.

In dieser Übergangsgesellschaft herrschte eingeschränkte Warenproduktion. Konsumgüter sowie zwischen landwirtschaftlichen Genossenschaften und dem Staatssektor ausgetauschte Produktionsmittel sind Waren, ebenso die durch den Außenhandel importierten Produkte. Aber die große Masse der Produktionsmittel und der Großteil der Arbeitskraft sind keine Waren, für sie gibt es keinen wirklichen Markt. Die grundlegenden Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktion gelten sehr eingeschränkt. 39) Maschinen und Arbeitskraft fließen nicht von Branchen mit niedrigem Profit in Sektoren mit höheren Profiten, Preise und Profite dienen zur allem zur Verrechnung und lenken nicht die Investitionen.

Nicht das Wertgesetz, sondern der Staat - also die Bürokratie – legte fest, welcher Teil des Sozialprodukts akkumuliert, welcher investiert wurde und und welche Richtung die Gesamtwirtschaft einschlägt. Die Sowjetunion war eine Ökonomie der zentralisierten Ressourcenzuweisung, zentrale Planwirtschaft. Genauer war es eine hybride Verbindung von Zuweisungswirtschaft und Warenproduktion, in der das Wertgesetz wirkte, aber nicht herrschte; es setzte dem bürokratischen Despotismus unverrückbare Grenzen. 40) Der gesamte Außenhandel spielte sich letztlich auf der Basis der Weltmarktpreise ab. Warenproduktion und Wertgesetz konnten sich nur durch den Sturz der Despotie der Bürokratie durchsetzen.

„Solange in der Sowjetunion absoluter Mangel an Konsumgütern herrschte, also im wesentlichen zwischen 1928 und dem Beginn der fünfziger Jahre, was die Sicherung der bürokratischen Sofortbedürfnisse ein Element, um die Werktätigen zur Arbeit anzutreiben und sie zu einem doppelten oder dreifachen Leistungspensum zu zwingen. Sobald diese Sofortbedürfnisse gesichert waren, stand die Sowjetgesellschaft vor einem Problem… Wo sich die Privilegien der herrschenden Klassen oder Schichten… hauptsächlich auf Privatkonsum beschränken, haben diese kein objektives, dauerhaftes Interesse an einer stetigen Produktionssteigerung…
Nur die kapitalistische Unternehmerklasse ist, unter dem Stachel der Konkurrenz… gezwungen, sich grundsätzlich anders zu verhalten… Aber die Konkurrenz ist ohne Privateigentum (im ökonomischen Sinne des Wortes) unmöglich und verliert bei dessen Abwesenheit jede Bedeutung.“ 41)

Man könnte sagen,

„…dass die Bürokratie, auf ihre Art und mit barbarischen Mitteln, weder den Aufbau einer klassenlosen sozialistischen Gesellschaft noch die Restauration des Kapitalismus verfolgte, sondern die Verteidigung und Ausweitung ihrer Macht und Privilegien. Obwohl sie nicht die sozialen oder historischen Wurzeln oder die ökonomische Funktion einer herrschenden Klasse hatte, verfügte sie über eine relative Autonomie, die ihr die Selbstverteidigung erlaubte; Voraussetzung blieb, dass sie nicht direkt von einem revolutionären Massenaufschwung in Frage gestellt wurde. Die wirkliche historische Basis ihrer Macht war zuerst der Rückgang und schließlich das Verschwinden unabhängiger Massenaktivität. Solange diese Bedingung vorherrschte, konnte die relative Autonomie andauern.“ 42)

Die Bürokratie als herrschende Schicht

Leo Trotzki analysierte 1936 in seiner Schrift 'Die verratene Revolution' die sowjetische Bürokratie als eine neue herrschende Schicht.

Die Verstaatlichung von Grund und Boden, der industriellen Produktionsmittel, von Transport und Verkehr gemeinsam mit dem Aussenhandelsmonopol bestimmten den Charakter der USSR als eines proletarischen Staates. 43) Die Bürokratie hatte einen großen Grad an Unabhängigkeit gegenüber der herrschenden Klasse erlangt. Die Bürokratie schwang sich über die Massen auf, die keine Erfahrungen beim Herrschen besaßen. So

„… macht sich die Bürokratie der USSR die bürgerlichen Sitten zu eigen, ohne eine nationale Bourgeoisie neben sich zu haben. In diesem Sinne muss man zugeben, dass sie etwas mehr ist als eine Bürokratie. Die ist die einzige im vollen Sinne des Wortes privilegierte und kommandierende Schicht der Sowjetgesellschaft…

Die Sowjetbürokratie expropriierte das Proletariat politisch, um seine sozialen Eroberungen mit ihre Methoden zu verteidigen…. Die Produktionsmittel gehören dem Staat. Aber der Staat 'gehört' gewissermaßen der Bürokratie. Wenn diese noch ganz frischen Verhältnisse gegen oder ohne den Widerstand der Werktätigen sich festigen, so würden sie letzten Endes zur völligen Liquidierung der sozialen Errungenschaften der proletarischen Revolution führen. Doch jetzt davon zu reden, ist zumindest verfrüht. Das Proletariat hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Die Bürokratie hat für ihre Herrschaft noch keine sozialen Stützpunkte, will sagen besondere Eigentumsformen geschaffen. Sie ist gezwungen, das Staatseigentum als die Quelle ihrer Macht und ihrer Einkünfte zu verteidigen. Von dieser Seite ihres Wirkens her bleibt sie immer noch ein Werkzeug der Diktatur des Proletariats.“

Die Entscheidung über sozialistische oder kapitalistische Zukunft stehe noch aus.

„Die Bürokratie hat weder Aktien noch Obligationen. Sie rekrutiert, ergänzt, erneuert sich kraft einer administrativen Hierarchie, ohne Rücksicht auf. Irgendwelche besonderen, ihr eigenen Besitzverhältnisse. Der einzelne Beamte kann seine Anrechte auf Ausbeutung des Staatsapparats nicht weitervererben, Die Bürokratie genießt ihre Privilegien in missbräuchlicher Weise. Sie verschleiert ihre Einkünfte. Sie tut, als existiere sie garnicht als besondere soziale Gruppe, Die Aneignung eines enormen Anteils am Volkseinkommen ist soziales Schmarotzertum. All das macht die Lage der kommandieren Sowjetschicht … im höchsten Grade widerspruchsvoll, zweideutig und unwürdig.“ 44)

„Ein Zusammenbruch des Sowjetregimes würde unweigerlich einen Zusammenbruch der Planwirtschaft und damit die Abschaffung des staatlichen Eigentums nach sich ziehen… Die erfolgreichsten Unternehmungen… würden sich in Aktiengesellschaften umwandeln… Der Sturz der heutigen bürokratischen Diktatur, wenn keine neue sozialistische Macht sie ersetzt, wäre gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft und Kultur…. Sie verteidigt weiter das Staatseigentum, nur insofern sie das Proletariat fürchtet.“ 45)

„Die Oktoberrevolution ist von der herrschenden Schicht verraten, aber noch nicht gestürzt. Sie besitzt eine große Widerstandskraft, die zusammenfällt mit den geschaffenen Eigentumsverhältnissen, der lebendigen Kraft des Proletariats, dem Bewusstsein seiner besten Elemente, der ausweglosen Lage des Weltkapitalismus, der Unvermeidlichkeit der Weltrevolution.“ 46)

Die Sowjetbürokratie könne durch eine revolutionäre Partei gestürzt werden, welche die Sowjetdemokratie wiederherstellen und den Staatsapparat säubern würde.

„Sie würde das Planwirtschaftsexperiment fortsetzen und weiter entwickeln. Nach der politischen Revolution, d.h. nach der Niederringung der Bürokratie, hätte das Proletariat… keine neue soziale Revolution durchzuführen.

Würde dagegen die herrschende Sowjetkaste von einer bürgerlichen Partei gestürzt, so fände letztere unter den heutigen Bürokraten… nicht wenig willige Diener… Eine Säuberung… wäre… erforderlich, doch brauchte die bürgerliche Restauration wahrscheinlich weniger Leute zu entfernen als eine revolutionäre Partei. Die Hauptsache der neuen Staatsmacht wäre jedoch, das Privateigentum an den Produktionsmitteln wiederherzustellen… Obwohl die Sowjetbürokratie einer bürgerlichen Restauration gut vorgearbeitet hat, müsste das neue Regime auf dem Gebiet der Eigentumsformen und Wirtschaftsmethoden nicht Reformen, sondern eine soziale Umwälzung durchführen.“ 47)

Bliebe die Bürokratie an der Spitze, so müsste sie sich nach Stützen in den Besitzverhältnissen umsehen, den Besitz ihren Kindern vermachen, dass hieße, das bürgerliche Eigentumsrecht restaurieren, sich in eine neue besitzende Klasse verwandeln. 48)

Die USSR war eine zwischen Kapitalismus und Sozialismus stehende, widerspruchsvolle Gesellschaft. Die Entscheidung der Eigentumsform wird letzten Endes auf der nationalen und internationalen Arena durch den Kampf der sozialen Kräfte entschieden.

„Letzten Endes verdankt der Sowjetbonapartismus seine Entstehung der Verspätung der Weltrevolution. Dieselbe Ursache aber erzeugte in den kapitalistischen Ländern den Faschismus. Wir gelangen zu einer … Schlussfolgerung: die Erstickung der Sowjetdemokratie durch die allmächtige Bürokratie geht, ebenso wie die Zerschlagung der bürgerlichen Demokratie durch den Faschismus, auf ein und dieselbe Ursache zurück: die Verzögerung des Weltproletariats bei der Lösung der ihm von der Geschichte gestellten Aufgabe. Stalinismus und Faschismus stellen trotz tiefer Verschiedenheit ihrer sozialen Unterlagen symmetrische Erscheinungen dar. In vielen Zügen sind sie einander erschreckend ähnlich. Eine siegreiche revolutionäre Bewegung in Europa würde sofort nicht nur den Faschismus, sondern auch den Sowjetbonapartismus erschüttern. Der Weltrevolution den Rücken kehrend, hat die stalinsche Bürokratie auf ihre Weise recht: sie gehorcht ausschließlich dem Selbsterhaltungstrieb.“ 49)

Nach Nach dem Mord an Trotzki führten die trotzkistischen und andere linkssozialistische Organisationen die Theorie des degenerierten Arbeiterstaates fort. Mit Trotzki erwarteten sie analog zum ersten Weltkrieg eine Revolution an seinem Ende. Die analytische Schärfe und Durchsetzungsfähigkeit Trotzkis besassen seine Epigonen nicht, das Ausbleiben der Revolution und die Differenzen über die einzuschlagende Politik ließ die Vierte Internationale im zahllose zerstrittene Fraktionen zersplittern.

Theorien über die Sowjetgesellschaft

Mit der Oktoberrevolution entwickelten Theoretiker der Arbeiterbewegung Vorstellungen über die neue Gesellschaft. Der 'Chefideologe' des Sozialdemokratie Karl Kautsky betonte 1905 die Notwendigkeit einer bürgerlichen Revolution für Russland, an diesem Schema hielt er Zeit seines Lebens fest, der Sozialismus könne nur aus einer hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft entstehen, die Bolschewiki hätten sich zu weit vorgewagt, ihre Revolution sei ein Staatsstreich gewesen, der zusammenbrechen musste. 50) Seiner Konzeption folgten die sozialdemokratischen Parteien. Die Bolschewiki hätten auf die Vorstellung einer allgemeinen europäischen Revolution gesetzt, als diese Erhebung ausblieb, standen sie vor unlösbaren Aufgaben und mussten eine Diktatur über die Arbeiterklasse aufbauen. Seine Vorstellung von der 'Diktatur des Proletariats' setzte Kautsky mit einer parlamentarischen Demokratie gleich.

Um die Wirtschaft zu retten, musste eine neue Klasse von Beamten entstehen, die 'drückendste aller Despotien, die Russland bisher gehabt' habe. Da Russland für den Sozialismus noch nicht reif sei, wachse ein neuer Kapitalismus heran, der für das Proletariat noch quälender sein als der alte. Über den Charakter der neuen Herrscher äusserte sich Kautsky nur vage, ob die Bürokratie eine neue Klasse sei, blieb unklar; auf jeden Fall sei dem bolschewistischen Experiment kein langes Leben beschieden. 51)

Die niederländischen 'Linkskommunisten' Hermann Gorter, Otto Pannekoek sowie Otto Rühle begrüßten anfangs die Oktoberrevolution, seit der Abspaltung von der KAPD in Deutschland und den anderen linkskommunistischen Organisationen betonten sie den großen bürgerlichen Einfluß auf das proletarische Bewusstsein. Während es im Osten Europas keine starke bürgerliche Klasse gegeben hatte, sei nach dem Mittelalter im Westen ein starkes Bürgertum mit einem kräftigen Kleinbürgertum entstanden. Um die Revolution im Westen zu vollbringen, mussten hier vor allem die Organisationen, denen die Arbeiterklasse noch vertrauten, also Parlamente und Gewerkschaften, bekämpft werden. Die Diskussion um die Taktik wurde zur Zeit um zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale 1920 geführt, zu dem Lenin seine Broschüre 'Der linke Radikalismus…' verfasste. 52)

Mit der Machtübernahme der Bürokratie, der Industrialisierung und Kollektivierung, dem 'Aufbau des Sozialismus' sowie dem Aufkommen des Faschismus relativierten viele Linken ihre Kritik am Stalinismus bis hin zur Apologetik Stalins. Verschiedene Theorien eines Staatskapitalismus entstanden. Gawril Mjasnikow, 1922 aus der KPR ausgeschlossen und 1923 Autor des Manifests der Arbeitergruppe, schrieb 1931 im Exil eine Broschüre über den Charakter der Sowjetgesellschaft. Nach 1917 sei es der Weltbourgeoisie gelungen, die Revolution zurück zu drängen. Die Bürokratie verwandelte sich in eine herrschenden Klasse, ein Staatskapitalismus sei entstanden. Mit der Herrschaft über den Boden, Bergbau und die Industrie und das Staatsbudget sei die Bürokratie effektiver als die klassische Bourgeoisie, der Staatskapitalismus sei eine höhere Produktionsform, Sozialisten müssten die Sowjetunion deshalb bei internationalen Konflikten unterstützen. 53)

Bruno Rizzi, Mitbegründer der italienischen Kommunisten, schrieb 1939 sein Buch 'Die Bürokratisierung der Welt'. Trotzki polemisierte 1939 in 'Die UdSSR im Krieg' gegen ihn, sonst war das Buch genauso wenig bekannt wie Rizzis Identität. 54) Rizzi sah die Bürokratie überall in der Welt auf dem Vormarsch, in der Sowjetunion sei sie die herrschende Klasse geworden. Die Bourgeoisie sei im Weltmaßstab in die Defensive geraten, aber nicht die sozialistische Revolution stehe auf der Tagesordnung, sondern der 'bürokratische Kollektivismus'. In der Sowjetunion habe er den Widerspruch des Kapitalismus der gesellschaftlichen Produktion mit der privaten Aneignung auf eine neue Ebene gehoben.

Die Ausbeutung erfolge durch den Staatsapparat, der gleichzeitig die Unterdrückung organisiere, politische und wirtschaftliche Macht sei miteinander verschmolzen. Der Staat löse den Privatkapitalisten als Monopolist bei der Nachfrage nach Arbeitskräften ab und bestimme durch den Plan die Höhe der Löhne. Der Arbeiter sei ein Gefangener ohne Wahlmöglichkeit, eine Parallele zur antiken Sklavenhaltergesellschaft. Die bürokratische Gesellschaft sei das letzte dem Sozialismus vorangehende Stadium, die herrschende Klasse leugne ihre Existenz als Eigentümer, sie erfülle eine historisch progressive Rolle. 55)

„Auch der bürokratische Kollektivismus hat seine soziale Basis in den herrschenden Klassen, die ihre Position im Staat gefestigt haben, in Russland, in Italien, in Deutschland, in Japan und in kleineren Staaten, die schwach aus kapitalistischer Sicht und schwankend gegenüber den großen totalitären Staaten sind. Diese neue soziale Form ist degeneriert, aber nicht weniger aktiv, und löst den Kapitalismus ab, der als vorantreibendes System tot ist und sich im Stadium des Zerfalls befindet.“ 56)

1939 wurde in der Vierten Internationale, vor allem in der US-amerikanischen Socialist Workers Party SWP, eine Diskussion über den Klassencharakter der Sowjetunion geführt. James Burnham, dem ein Plagiat an Rizzi vorgeworfen wurde, entwickelte 1941 in seinem Buch 'The Managerial Revolution' die These, eine neue bürokratische Klassenherrschaft sei auf dem Weg, sich im Weltmaßstab zu etablieren. Wie bei Rizzi sei es ein neuer Gesellschaftstyp zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Die russische Revolution war nicht eine sozialistische Revolution … sondern eine Revolution von Managern… Heute ist Russland diejenige Nation, welche der Struktur nach auf dem manageriellen Wege am weitesten fortgeschritten ist.„ 57)

Die Managergesellschaft funktioniere planmässig und sei dem Kapitalismus deshalb überlegen. Sie werde sich allmählich demokratisieren, die Diktatur sei nur zur Machteroberung und ihrer Festigung notwendig.

Max Shachtman war mit Burnham der Führer im Fraktionskampf gegen Trotzkis Anhänger. Im Gegensatz zu Burnham ging Shachtman davon aus, dass die Oktoberrevolution proletarisch gewesen sei und erst durch die stalinistische Konterrevolution die Arbeiterklasse die Macht verloren habe. Mit der bürokratischen Konterrevolution habe die Klasse die Kontrolle über den Staat verloren und damit sei eine neue Klassenherrschaft entstanden. 58)

Die Entstehung der 'Volksdemokratien' in Osteuropa nach dem zweiten Weltkrieg, der Bruch der Sowjetunion mit Tito 1948 ließ das Spektrum der Einschätzung der Sowjetunion weiter auseinander driften. Das kann nicht mehr Gegenstand in dieser Geschichte der russischen Revolution sein.

Das Ende der Sowjetunion

Die Parteiführung suchte der Schwächen der Sowjetwirtschaft durch 'Markreformen' Herr zu werden. Die Planwirtschaft sollte durch Marktelemente ausgeglichen werden, die schwerfälligen Kombinate dezentralisiert und modernisiert werden. Das scheitete sowohl in der Ära Chruschtschow als auch später.

„Der Grundwiderspruch der stalinistischen Gesellschaft zwischen den nachkapitalistischen Produktionsverhältnissen und einer bürgerlich-bürokratischen Herrschaft hatte bereits in den 1920er und 1930er Jahren zu Problemen geführt. Durch den militärischen Sieg im zweiten Weltkrieg war es gelungen, den Niedergang hinauszuschieben. In den 1950er und 1960er Jahren folgte eine Expansionsphase auf der Grundlage der Schwerindustrie, ohne aber eine Lösung der ökonomischen Grundprobleme zu ermögliche, Eine Verfeinerung der Planungsinstrumentarien mit den Mitteln einer bürokratischen Herrschaft erwies sich als nicht möglich. Mitte der 1980er Jahre wiesen die ökonomischen Leitzahlen negative Trends auf, die Aufwendungen für den neuen von den USA unter Ronald Reagan aufgezwungenen Rüstungswettlauf nahmen dramatisch zu. Und der Versuch, mit den militärischen Kapazitäten der USA mitzuhalten, konnte nur durch immer größere Opfer erreicht werden. Der ins Stocken geratene Afghanistan-Krieg schränkte den ökonomischen Spielraum nur noch weiter ein.“ 59)

Chruschtschows Reformen wurden abgebrochen, die Breschnew-Ära wurde zum 'Zeitalter der Stagnation'. Für eines der fruchtbarsten Länder der Erde war es einfacher, Getreide auf dem Weltmarkt zu kaufen als die Landwirtschaft zu reformieren. In der immer rückständigeren Wirtschaft war es bequemer, mit dem allgegenwärtigen System der Korruption zu schmieren, als den Apparat zu säubern und auszutauschen. Dabei stieg der Lebensstandard der Bevölkerung. Die sowjetische Wirtschaft war jetzt eng mit dem Weltmarkt verbunden und musste ihren Zyklus mit seinen Krisen folgen, sie war wie die Länder der 'Dritten Welt' schlechter als ihre imperialistischen Partner auf die Wirtschaftskrisen vorbereitet. 60)

Das zeitigte widersprüchliche Ergebnisse: Die Ölkrise führte mit ihrem Anstieg der Weltmarktpreise dazu, das Wirtschaftsreformen verschoben wurden und die steil ansteigenden Ölexporte die Importe finanzierten. Die Abhängigkeit vom Weltmarkt wurde größer, zwischen 1970 und 1980 stiegen die Exporte der USSR in die kapitalistischen Staaten von 19 auf 32 Prozent. 61) Mit den Einnahmen glaubte man auch mit den Rüstungsanstrengungen der USA mithalten zu können. Es wurde immer deutlicher, dass die Sowjetunion primär nur noch durch ein System von Projektion, Vetternwirtschaft und Barzahlung zusammengehalten wurde. 62)

Die Führung vergreiste. Die jüngeren Parteimitglieder waren kaum noch Kommunisten – jedenfalls keine Revolutionäre – sondern Personen, die Karriere in einem Staat gemacht hatten, der eine kommunistische Rhetorik benutzte. Sie waren schnell bereit, ihr Mäntelchen nach dem Wind zu hängen, sobald der Wind sich drehte und es die Möglichkeit für sie gab, daraus Vorteile zu ziehen. Sie hatten den Glauben an das eigene System verloren oder nie gehabt. 63)

Als Michail Gorbatschow 1985 zum Generalsekretär der KPSU gewählt wurde, kam eine Gruppe von Politikern an die Spitze des Staates, die in tiefgehenden Reformen einen Ausweg aus der schwierigen wirtschaftlichen Lage sahen. Die bleierne Erstarrung der Breschnew-Ära sollte aufgebrochen werden. Gorbatschow proklamierte 'Glasnost', eine größere Transparenz und Offenheit der Führung und war bereit für einen wirtschaftlichen Reformkurs.

Als den Führern in Osteuropa klar wurde, dass die Sowjetunion nicht mehr intervenieren und sie an der Macht halten würfe, versuchten sie einen friedlichen 'Übergang' zu verhandeln. Sie zögerten weniger – Polen und Ungarn – oder spreizten sich länger - die DDR oder die Tschechoslowakei - oder versuchten es wie in Rumänien mit Gewalt, mussten aber feststellen, dass ihr Volk ihnen die Gefolgschaft verweigerte und traten meist ohne Gegenwehr zurück. 64)

In der Sowjetunion dauerte dieser Prozess etwas länger. Es war eine Katastrophe in Zeitlupe. Der Untergang ihrer Satellitenstaaten 1989 und das Einverständnis zum Anschluss der DDR an die BRD demonstrierten den Zusammenbruch als internationale Macht. Die Sowjetunion wurde besiegt, aber nicht in einem Krieg, sie implodierte. Die Zentralmacht war geschwächt, die Regionen kümmerten sich um sich selbst und versuchten zu retten, was zu retten war. In der Privatisierung und der Übernahme der Prinzipien der 'freien Marktwirtschaft' schien die Rettung zu liegen. Man verliess sich auf westliche Wirtschaftsexperten, welche die sowjetische Realität nicht kannten. Sie wiederholten die Lehren der Einführungskurse in die Vorzüge der Marktwirtschaft. Keiner hatte ein realistisches Konzept für den Übergang zum Kapitalismus. 65)

Das klägliche Scheitern des Putschversuchs der Hardliner um Vizepräsident Janajew war ein ohne Massenbasis inszeniertes Manöver zur Erhaltung der bürokratischen Privilegien. Sie konnten Gorbatschow drei Tage von der Macht verdrängen. Als er zurück kam, stand er Boris Jelzin, dem Präsidenten der russischen Unionsrepublik und seinem Flügel der Bürokratie machtlos gegenüber. Der hatte sich medienwirksam als Putschgegner vor der Weltöffentlichkeit dargestellt. Eine Unionsrepublik nach der anderen erklärte ihre Unabhängigkeit.

Jelzin übernahm die Kontrolle über die Medien und die Ministerien, schrittweise demontierte er Gorbatschow. Er verbot die KPSU auf dem Territorium Russlands, Ende 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Jelzin übernahm als Präsident Russlands die Rechtsnachfolge der Sowjetunion. In der ehemaligen Sowjetunion und den Staaten des Warschauer Paktes stand nun die soziale Konterrevolution auf der Tagesordnung. Es hatte sich keine revolutionäre Strömung im Proletariat gebildet.

Die Restauration des Kapitalismus

Im Herbst 1991 wurde in einem Parforceritt der Kapitalismus als Schocktherapie eingeführt. Jelzin:

„Der sofortige Übergang zu Marktpreisen ist eine harte, aber notwendige Massnahme. Das Leben wird für alle ungefährt ein halbes Jahr schwieriger und schlechter werden. Aber dann werden die Preise fallen, die Konsumbedürfnisse werden reichlich befriedigt werden. Im Herbst 1992 wird sich die Wirtschaft stabilisieren und der Lebensstandard der Menschen wird sich allmählich verbessern.“ 66)

Die Schocktherapie brachte den Ruin eines großen Teils der Betriebe. Die restaurativen Kräfte konnten sich auf den Staatsapparat stützen, aber der Umbau zu den kapitalistischen Mechanismen musste sich erst stabilisieren.

Am 2. Januar 1992 wurden schlagartig 90 Prozent der Preis für Konsumgüter und 80 Prozent derer für Industrieprodukte freigegeben, der Rest der Preise wurde auf das Drei- bis Vierfache erhöht. Noch im Januar 1992 schnellte die Inflation von 300 bis 500 Prozent nach oben, im Dezember 1992 wurden 2.300 Prozent erreicht. 67)

Die Inflation war mit der Entstehung der russischen Mafia verbunden, die aus der Verknappung, Verschiebung mit zeitlicher Verzögerung und Weiterverkauf ihre Gewinne zog. Diese Mafia war bereits in den 1980er Jahren entstanden und expandierte jetzt explosionsartig.

Die Betriebe wurden privatisiert. Ein Verkauf an den Meistbietenden hätte einen Ausverkauf an ausländische Kapitalisten bedeutet. Die Staatsbetriebe konnten nur gegen Bargeld und Vouchers erworben werden. Zwischen Oktober 1992 und Februar 1993 erhielten nun die Bürger Russlands Anteilsscheine an ihren Betrieben. Das war eine Propagandaaktion, um den Widerstand gegen die Privatisierung zu brechen. Die schnell an Wert verlierenden Vouchers wurden von der Bevölkerung abgestoßen und zu einem Bruchteil ihres Wertes von Investitionsfonds und Einzelpersonen aufgekauft. Bis Sommer 1994 wurden so die meisten Staatsbetriebe privatisiert, 15.000 mittlere und große Industriebetriebe, 1996 waren das 88 Prozent der Industrieproduktion mit 80 Prozent der Beschäftigten der Industrie. 68)

Am Ende dieser Privatisierung stand die Übertragung der Betriebe an die Schicht der Ex-Bürokraten und ihres Umfeldes. Aus der Schicht der Bürokraten wurde eine neue Klasse von Besitzern. Ende 1994 waren 90 Prozent der Firmen im Besitz ihrer ehemaligen Manager samt Familienangehörigen und Freunden. Zehn Prozent der Aktien blieben beim Staat, vor allem in der Energieversorgung, zum Beispiel Gasprom. 69)

Die Schocktherapie dauerte wesentlich länger als von Jelzin vorhergesagt. Die Wirtschaftsleistung ging extrem zurück, die Produktion fiel auf die Hälfte der 1980er Jahre. Besonders problematisch war das Nebeneinander-Bestehen der Kapitalakkumulation in Privatbetrieben und der alten Sowjetbetrieben, die untereinander wie zu Sowjetzeiten noch Tauschhandel betrieben und das undurchschaubare System offener und versteckter Subventionen praktizierten, von dem ganze Regionen abhingen. Auf Druck lokaler Bürokratien entschied sich die Jelzin-Administration, deren Bankrott hinauszuzögern. Sie wurden weiter subventioniert und belasteten den Staatshaushalt 1997 um etwa zehn Prozent des Brutto- Inlandsprodukts. 70)

Einerseits wurde das Management der Betriebe gedrängt, die kapitalistische 'Normalität' herzustellen und die überschüssigen Arbeiter zu entlassen. Doch an den Arbeitsplätzen hingen viele Sozialleistungen wie Wohnungen, Krankenversorgung, Kindergartenplätze etc. Die regionalen Administrationen hatten ein Interesse daran, die Entlassungen zu verzögern und die Sozialleistungen dem Staat zu übertragen. Viele Betriebe gingen dazu über, den Arbeitern keinen Lohn oder den Lohn extrem verspätet zu zahlen, was bei der Inflation den gleichen Effekt hatte. 1995 schuldete ein Drittel aller Firmen ihren Arbeitern Löhne, auch der Staat zahlte Löhne verspätet aus. 71)

Die Bevölkerung verarmte, verkaufte die Vouchers, lebte vom Kleinhandel und den Erträgen der Datschen. Die – wenn überhaupt – verspätet ausgezahlten Löhne und Renten waren entwertet. Mit der Armut kam die Verzweiflung, der ohnehin schon hohe Alkoholkonsum und die Gewalt explodierten, die Lebenserwartung sank dramatisch.

Jelzins Politik scheiterte, es schien es kaum wahrscheinlich zu sein, dass er die Präsidentenwahlen 1996 überstehen würde. Eine Medienkampagne der Oligarchen sicherte ihm die Mehrheit der Stimmen, als Gegenleistung konnten die Neureichen ihren zusammengerafften Reichtum dem Zugriff des Staates entziehen. 72)

1998 brach das System Jelzins zusammen. Die Rohöl- und Erdgaspreise verfielen, die 'Asienkrise' brachte den Verfall der Börsenkurse. Am 17. August 1998 erklärte sich Russland für zahlungsunfähig. Der Internationale Währungsfonds gab Kredite, ausländische Investoren waren durch hohe Renditen angelockt worden, jetzt wurden Aktien und Erlöse ins Ausland verschoben. Die Staatseinnahmen fielen drastisch. Der IWF pumpte 22,8 Milliarden US-Dollar nach Russland, der Rubel wurde um 60 Prozent abgewertet, Banken gingen bankrott, die neue Regierung verordnetem einen drastischen Sparkurs. 73) Viele Russen verloren ihre Bankguthaben, die Oligarchen konnten dank ihrer guten Beziehungen große Summen in Sicherheit bringen. 74)

Trotzkis Analyse des Zusammenruchs der bürokratischen Herrschaft hatte sich nach so langer Zeit bewahrheitet, das kapitalistische Wertgesetz konnte sich durchsetzen.

Der Zusammenbruch von 1998 hatte insofern eine 'reinigende' Wirkung, als der Teil der Betriebe, die ihre Existenz auf der Basis der Tauschgeschäfte ausgeübt hatten, auf ein Fünftel sank und sie zwang, die Arbeit auf kapitalistischer Basis auszurichten. Auch der Bankensektor wurde nach kapitalistischen Kriterien neu geordnet. Die neuen Oligarchen verlangten nach der Periode der ursprünglichen Aneignung des Staatseigentums, in der ein korruptes und leicht lenkbares Regime von Vorteil gewesen war, nach einer Staatsführung, die das erworbene Eigentum schützte und garantierte. Die peinlichen Auftritte des Alkoholikers im Präsidentenamt wurden jetzt verbreitet, Jelzin hatte seine Schuldigkeit getan. Im August 1999 wurde der Geheimdienstler Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten, als Jelzin am Ende des Jahres sein Präsidentenamt aufgab, übernahm Putin die Amtsgeschäfte und wurde 2000 zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Mit ihm als 'harten' und 'unbestechlichen' Präsidenten, der nicht in die Grabenkämpfe seines Vorgängers verstrickt war, konnte der Neuaufbau des kapitalistischen Russlands weiter geführt werden.


1) Kofler, Stalinismus und Bürokratie, p.13
2) ebenda, p.14
3) Marx: Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte; MEW Band 8, p.196
4) Kofler, p.15
5) Mandel,Ernest: Macht und Geld, p. 77/78
6) Lenin: Staat und Revolution; in: Lenin-Werke Band 25, p.496
7) Trotzki, Verratene Revolution, p.102
8) ebenda, p.111
9) ebenda,p.94
10) siehe oben, 9. Kapitel, Abschnitt 'Lenins Tod'
11) Mandel, Macht und Geld, p.78
12) siehe Tabelle 35
13) Trotzki, Verratene Revolution, p.134
14) ebenda, p.135
15) ebenda, p.136
16) ebenda, p.137
17) ebenda, p.140
18) Mandel, Macht und Geld, p.79
19) Trotzki, Verratene Revolution, p.198/199
20) Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, p.488
21) ebenda, p.490
22) Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, p.636
23) Hobsbawm, p.128
24) ebenda, p.124
25) , 32) ebenda, p.481
26) Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, p.586
27) Hobsbawm, p.475/476
28) ebenda, p.477
29) ebenda, p.477/478
30) ebenda, p.478
31) ebenda, p.479/780
33) Ticktin, Planlose Wirtschaft, p.11
34) ebenda, p.15
35) , 67) ebenda, p.20
36) Marx/Engels: Die deutsche Ideologie; in MEW Band 3, p.34/35
37) Mandel: Macht und Geld, p.22/23
38) ebenda, p.28
39) ebenda, p.36
40) ebenda, p.37
41) ebenda, p.41
42) ebenda, p.10
43) Trotzki, Verratene Revolution, p.241
44) ebenda, p.243
45) ebenda, p.244
46) ebenda, p.245
47) ebenda, p.246
48) ebenda, p.247
49) ebenda, p.270
50) Van der Linden, Von der Oktoberrevolution zur Perestroika, p.22
51) ebenda, p.26
52) Lenin: Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus; in. Lenin-Werke Band 31
53) Van der Linden, p.52/53
54) Trotzki, Die UdSSR im Krieg, Schriften Band 1, p.1274
55) Van der Linden, p.71/72
56) Rizzi, The Bureaucratization of the World, p.38
57) Van der Linden, p. 76
58) ebenda, p.77
59) Russland im Wandel, in: MARXISMUS, Sondernummer 30, p.8
60) Hobsbawm, p.585/586
61) ebenda, p.587
62) ebenda, p.585
63) ebenda, p.605
64) ebenda, p.606
65) ebenda, p.609
66) Russland im Wandel, p.18/19
68) ebenda, p.21
69) ebenda, p.22
70) ebenda, p.23
71) ebenda, p.24
74) Russland im Wandel, p.26
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