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10._sowjetkultur

10. Kapitel: Sowjetkultur

Waren die vorangegangenen Kapitel historisch aufgebaut, so sollen hier verschiedene Aspekte des kulturellen Lebens in der Zeit von der Revolution bis zu den dreißiger Jahren betrachtet werden. Auf einen Abschnitt zum Thema Sowjet-Alltag musste verzichtet werden, der Gesamtkomplex ist sowieso nicht darstellbar, einzelne Elemente sind in verschiedenen Unterkapiteln behandelt.

Kaum ein Aspekt zeigt deutlicher den sozialen Wandel und der Vorstellungen wie die Entwicklung der Frauenrechte vom Bestreben nach Abschaffung der ganzen 'bürgerlichen Scheiße' bis hin zur Restauration der Familie. Die Vorstellungen über Sexualität wandelten sich vollständig. Dem Problem der elternlosen, obdachlosen Kinder, der Besprisorniki, der Folge des sozialen Erdbebens nach Krieg Bürgerkrieg und Kollektivierung, konnte die Gesellschaft nur schwer und langsam bewältigen, auch hier setzten sich die polizeilichen Lösungen durch. Das Bildungssystem litt unter den fehlenden Finanzmitteln des Staates, progressive pädagogische Vorstellungen dominierten die ersten Jahre nach der Revolution.

Auch der Kampf gegen den Klerus und die religiösen Vorurteile zeigt deutlich den Wandel der sowjetischen Politik von der Trennung von Kirchen und Staat, dem Kampf des Komsomol und der Gottlosen bis hin zur Aussöhnung mit der orthodoxen Kirche im 'großen vaterländischen Krieg'. Die Kultur der vom Zarismus unterdrückten Völker nahm einen gewaltigen Aufschwung. Pogrome zwischen den Volksgruppen verschwanden, besonders das jüdische Leben entfaltete sich stürmisch. Das verbannte nicht den latent vorhandenen Antisemitismus, den die stalinistische Bürokratie geschickt instrumentalisierte. Im Krieg wurden ganze Völker als 'Verrätervölker' deportiert.

Eine spontane 'proletarische Kultur' der Arbeiter brach sich mit der Revolution Bahn, die Entbehrungen der ersten Jahre konnten dem keinen Abbruch tun. Die NEP engte diese Spontaneität zum großen Teil ein, die Reaktion des Stalinismus erstickte sie.

Frauenfrage und Bolschewismus

Die russischen Revolutionäre übernahmen die Vorstellungen der marxistischen Klassiker zur Frauenfrage. Friedrich Engels bemerkte, dass in allen Revolutionen, wenn die überkommenen Normen zerbröselten, Schichten der Gesellschaft das Ende von Ehe und Familie und neue Lebensformen wie die 'freie Liebe' propagierten. 1) Er veröffentlichte 1884 sein 'Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates', das großen Einfluss auf die Sozialisten hatte. Er zeigte die ökonomische Funktion der Familie und ihr Arbeitsteilung, die Bindung der Frau an den Haushalt und ihre Unterordnung unter den Ehemann. August Bebels Buch 'Die Frau und der Sozialismus' zog die gleichen Schlussfolgerungen, nur eine Umgestaltung der Produktionsweise, eine sozialistische Revolution, könne die Frau von ihrem Joch befreien. Die Befreiung der Frau sei der Maßstab für die Emanzipation der Menschheit.

„[Die Familie] wird ins Antiken-Museum verbannt, wo sie neben dem Spinnrad und der Bronzeaxt, der Pferdekutsche, der Dampfmaschine und dem Schnurtelefon stehen wird.“ 2)

Ein Komitee zur Entwurf des Ehe- und Familienrechts wurde nach der Revolution gebildet, heraus kam das damals fortschrittlichste Gesetzeswerk der Welt. Im Oktober 1918 beschloss das Zentrale Exekutivkomitee des Sowjet (ZEK), das höchste gesetzgebende Organ Sowjetrusslands, ein völlig neues Ehe-, Familien- und Sorgerecht. Es konstatierte, dass die Familie sich zersetze und das Prinzip der Gleichberechtigung der Frau verwirklicht werde. Die Beziehungen zwischen Ehepartnern verlören an Bedeutung. Das Ziel des Entwurfs sei es, die Gesetze überflüssig zu machen. Das leitete man aus den Prinzipien von Lenins Werk 'Staat und Revolution' ab, die den alten Staat zerschlagen und an seiner Stelle eine neue demokratische Gesellschaft errichten wollten, in welcher der Staat zu verschwinden beginne. Im Sozialismus werde man die Hausarbeit zu einer öffentlichen Angelegenheit machen und Kantinen, Wäschereien und Kindergärten schaffen, mit der Befreiung von Hausarbeit könne die Frau arbeiten, sich bilden und ihre eigenen individuellen Ziele durchsetzen, die Ehe werde überflüssig, Frauen und Männer könnten unabhängig von ökonomischen Notwendigkeiten ihre Beziehungen gestalten.

Ein freier Zusammenschluss werde die Ehe ersetzen, Kinder würden mit Hilfe des proletarischen Staats aufgezogen. Damit würde die alte bürgerliche Familie verschwinden, die Menschen könnten ihre Partner frei auf der Basis der Liebe und des gegenseitigen Respekts wählen. Statt der kirchlichen Eheschliessung zuvor war sie jetzt rein zivil, Standesämter wurden eingeführt. Die staatlich geschlossene Ehe wurde registriert, ein jederzeit beidseitig wieder lösbarer Kontrakt. Der Prozess der Scheidung wurde so vereinfacht, dass man ihn binnen 15 Minuten ohne größere Gebühren vollziehen konnte. 3) Uneheliche und eheliche Kinder wurden gleichgestellt, Väter wurden zum Unterhalt ihrer Kinder verpflichtet, das Erbrecht wurde angeschafft.

Uneinig waren man sich über die Prinzipien der Kindererziehung: Die einen wollten sie möglichst früh und vollständig in die Hände der Gesellschaft legen, andere wollten die Eltern befähigen, Arbeit und Erziehung kombinieren zu können.

Auch am Arbeitsplatz wurden die Frauen den Männern rechtlich gleichgestellt. Der Acht-Stundentag sowie die maximale 48-Stundenwoche wurden bei gleicher Bezahlung festgelegt. Für Frauen wurde die Nacht- und Untertagearbeit verboten, die Mittagspause musste eine Stunde betragen, der Jahresurlaub umfasste vier Wochen. 4) Arbeiterinnen bekamen acht Wochen vor und nach der Geburt Urlaub bei voller Lohnfortzahlung. Ab dem sechsten Monat der Schwangerschaft sollte ihnen adäquate Arbeit zugeteilt werden, bis zum neunten Monat nach der Geburt sollten sie Stillpausen während der Arbeitszeit erhalten. Es ist zu bezweifeln, dass diese Massnahmen in den Betrieben angewandt wurden.

Dieser Schutz erwies sich angesichts der Zerstörung der Desorganisation der Wirtschaft und des beginnenden Bürgerkrieges als illusorisch. Die Sowjetregierung konnte die Frauen juristisch gleichstellen. Die Frauen hatten zwar

„… alle Rechte erhalten, aber praktisch lebten sie ja noch unter dem alten Joche. Ungleichberechtigt im Familienleben, von den tausend Kleinigkeiten des Haushalts versklavt, die ganze Bürde, auch die materiellen Sorgen der Mutterschaft tragend, weil ja durch Krieg und andere Umstände viele Frauen allein im Leben standen.“ 5)

Im Rat der Volkskommissare übernahm Aleksandra Kollontai als einzige Frau das Kommissariat für Soziales. Es umfasste die Kriegsinvaliden, das Pensionswesen, Altersheime, Waisenhäuser, die Armenfürsorge etc. Sie richtete ein Referat für Mutterschutz ein, gab aber ihre Tätigkeit im Volkskommissariat bereits im Januar 1918 wieder auf.

Bild 76: Aleksandra Kollontai
Die bolschewistische Frauenpolitik war um den Mutterschutz gruppiert. Vor und während der Revolution praktizierten Ärzte und 'Engelmacherinnen' illegale Abtreibungen. Nach der Revolution wurden sie nicht mehr bestraft, im Dezember 1920 wurden Abtreibungen legalisiert. Sie wurden Ärzten in Kliniken gestattetet, ohne einen Arzt waren sie verboten. Sowjetrussland war das erste Land der Welt mit legaler Abtreibung. Eine Abtreibungskommission musste sie genehmigen, dann waren sie in den ersten drei Monaten kostenfrei, sonst musste sie bezahlt werden. Auf dem Dorf gab es diese Möglichkeiten nicht. Die Zahl der Abtreibungen in Moskau stieg 1925 auf 18.000 - 31 Prozent der Geburten - an. 6)

Sie wurden jedoch nicht als Frauenrecht bezeichnet, das Gesetz deklarierte den Abort als Übel, das man bekämpfen müsse. Sobald sich die sozialen Bedingungen für Frauen gebessert hätten, gäbe es keine Notwendigkeit mehr für Abtreibungen. Diese These vertrat auch Kollontai, die das Gebären als 'soziale Pflicht' bezeichnete. 7) Das individuelle Recht der Frau spielte in den zwanziger Jahren keine Rolle.

Frauen mussten sich um Geburtenregelung kümmern, Männer nicht. Es gab kaum Zugang zu Verhütungsmitteln, der Gummimangel verhinderte die Produktion von Kondomen. Der Coitus interruptus mag wohl die häufigste Form der Verhütung gewesen sein, der Abort wurde eine wichtige Form der Empfängnisverhütung. Während des Bürgerkrieges stieg die Zahl der ausgesetzten Kinder stark an. Frauen sollte nicht zugemutet werden, Kinder auf die Welt zu setzen, die sie nicht ernähren konnten. Abtreibungen würden erst aufhören, wenn man im Sowjetstaat ein Netz von Mutterschutzeinrichtungen und anderen sozialen Einrichtungen eingerichtet habe. Ab 1923 wurde die Abtreibung wieder eingeschränkt und 1936 verboten.

Als Hauptaufgabe gegenüber den Frauen definierten die Bolschewiki, sie von der Last der Hausarbeit zu befreien und mit den Männern gleichzustellen. Das hatten sie bereits in ihrer Zeitschrift Rabotnitza (Die Arbeiterin) während ihres kurzzeitigen Erscheinens 1914 proklamiert, sie konnte ab April 1917 als Wochenzeitung wieder erscheinen, ein Frauensekretariat wurde eingerichtet. 8) Etwa 15 Prozent der Parteimitglieder waren Frauen, meist Intellektuelle und Angestellte. 9)

Für die Bolschewiki stellte sich die Frage, ob man eine eigenständige Frauenorganisation gründen sollte. Man entschied sich, Frauenabteilungen - russisches Akronym Schenotdel - aufzubauen. Der Verzicht auf eine eigenständige Organisation wurde damit begründet, der Kampf für den Kommunismus und die Emanzipation der Frau könne nur durch den gemeinsamen und ungeteilten Kampf aller Teile der Arbeiterklasse und der Bauernschaft erreicht werden. Da die Frauen die am wenigsten bewussten Teile des Proletariats darstellten, bedürften sie besonderer Aufmerksamkeit. 10) Sie hatten sich für 'frauenspezifische' Aufgaben wie Volksküchen, für Kinder- und Säuglingsheime, das Schulwesen und Haushaltswesen einzusetzen. In allen Parteiorganisationen wurden die Frauenabteilungen eingeführt.

Nach der Revolution nahm die Mitgliedschaft der KPR sprunghaft zu, der Prozentsatz der weiblichen Mitglieder stieg langsamer, er sank von 15 auf 7,4 Prozent 1920 ab, das waren 45.000 Frauen. 11) Später stieg er auf 9,9 Prozent 1924 und 13,7 Prozent 1929 an. 12) Ein großer Teil der Kommunistinnen waren Angestellte und Intellektuelle, bei den Männern war deren Anteil nur halb so hoch. Ihr Bildungsniveau war hoch, Frauen brauchten wohl eine größere intellektuelle Vorbildung, um den Schritt in die männlich dominierte Partei zu wagen und sich durchzusetzen.

Vom Schenotdel wurde der erste gesamtrussische Kongress der Arbeiterinnen und Bäuerinnen vorbereitet, der Zuspruch war überraschend groß, statt der erwarteten 300 bis 500 Frauen kamen am 16. November 1918 1.147 Delegierte nach Moskau. Die Frauen mussten erst einmal versorgt und untergebracht werden. Der Kongress beschäftigte sich mit der Frauenarbeit, der Familie, Wohlfahrt, der Rolle der Frau in der internationalen Revolution, dem Kampf gegen die Prostitution, gegen die Kinderarbeit und mit der Hausarbeit.

Die Resolution steckte die Ziele ab:

„Die Sowjetmacht hat der ganzen Arbeiterklasse volle politische Befreiung gebracht, die Frau dem Mann gleichgestellt, die Arbeiterin in gleicher Weise wie den Arbeiter zu vollen Herren ihres Lebens gemacht, ihr die unumschränkte Möglichkeit gegeben, das Leben so aufzubauen, wie die Arbeiterklasse und die Unbemittelten in Stadt und Land es bedürfen… Im Ergebnis der Oktoberrevolution, im Ergebnis des Übergangs der Macht in die Hände der Sowjets wird die volle soziale Befreiung der Arbeiterin durch Vernichtung der alten Familien- und Hauswirtschaftsformen nicht nur möglich, sondern zum Aufbau der sozialistischen Ordnung unbedingt notwendig.“ 13)

Eine wichtige Aufgabe war in Zusammenarbeit mit dem Volkskommissariat für Bildung der Kampf gegen den Analphabetismus. Mit dem Lernen wurde politische Propaganda verbunden. Hier war Nadeschda Krupskaja äusserst aktiv. Lenin unterstützte die Arbeit mit dem berühmt geworden Zitat, auch ungelernte Arbeiter und Köchinnen müssten zur Führung des Staates herangebildet werden. 14)

Während des Bürgerkrieges kümmerten sich die Schenotdel um die Frauen in der Industrie für die zur Roten Armee eingezogenen Männer, die Versorgung der Witwen und Kinder und um die Bekämpfung der Hungersnot. Das Kämpfen im Bürgerkrieg war Männern vorbehalten, dennoch waren in der Roten Armee etwa 74.000 Frauen, 2,5 Prozent der Kämpfenden. 15)

Die Aufgaben waren immens: Vor dem Krieg waren etwa fünf Millionen Frauen - acht Prozent der weiblichen Bevölkerung - erwerbstätig. Der Anteil stieg bis 1918 auf 40 Prozent in der Industrie, das setzte sich während des Bürgerkrieges fort, 1921 bestand die arbeitende Bevölkerung mehrheitlich aus Frauen. 16) Das galt vor allem für die Volkskantinen, die Schneidereien, künstlerische Berufe, Dienstboten und die Tabak- und die Textilindustrie. Im Prinzip gab es gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Das stand aber nur auf dem Papier, denn die Arbeiterinnen waren im Schnitt schlechter ausgebildet als ihre männlichen Kollegen. Kollontai forderte die Qualifizierung der Frauen und ihre Entlastung von der Hausarbeit, damit der Verfassungsgrundsatz erfüllt werde. Spätestens 1919 stellten die Revolutionärinnen und Revolutionäre fest, dass es bis zur Verwirklichung der Gleichstellung der Frau noch eines längeren Weges als erhofft bedürfe.

Erste Vorsitzende des Schenotdel wurde Inessa Armand, Aleksandra Kollontai traf aufgrund ihrer menschewistischen Vergangenheit - sie war 1915 als Kriegsgegnerin der Partei beigetreten - und ihrer 'feministischen' Positionen auf Widerstand unter den Bolschewiki. Auf dem Frauenkongress 1918 verstörte sie viele Zuhörerinnen, als sie die Zerstörung des individuellen Haushalts und die staatliche Kindererziehung forderte. Nach dem Tod von Armand konnte man an ihr nicht mehr vorbeigehen.

In ihrer Schrift 'Die neue Moral und die Arbeiterklasse' von 1920 forderte sie die Schaffung neuer Frauen, die sich durch die freie Wahl der Liebesbeziehungen definieren würden. Das wurde von vielen Bolschewistinnen und Bolschewisten als eine zu liberale Sexualmoral kritisiert, die einen schlechten Einfluss auf die Jugend ausüben Kollontai stand später auch wegen ihrer Unterstützung der Arbeiteropposition in der Kritik. sie schrieb 1921 deren Broschüre 'Die Arbeiteropposition in Russland'. Bauernaufstände und die Kronstadter Erhebung zwangen die Arbeiteropposition, sich der Parteidisziplin unterzuordnen und aufzulösen.

Allgemein genossen die Schenotdel in der Kommunistischen Partei ein geringes Ansehen. 1921 wurden ihre Kompetenzen beschnitten, von ihren Kritikern - nicht nur Männern - wurden sie als 'Oma-Komitees' lächerlich gemacht. 1921 wurde die Oppositionelle Kollontai auf den Posten der Botschafterin nach Norwegen abgeschoben. Es war in der Mitte der zwanziger Jahren üblich, prominente Oppositionelle auf diplomatischen Posten zu 'isolieren'. Mit ihrem Ausscheiden verlor Schenotdel an Einfluss. 1924-25 übernahm Klavdija Nikolaeva die Leitung, ihre Mitgliedschaft in der Vereinigten Opposition reduzierte den Einfluss der Frauenabteilungen weiter. Auch die Frauenabteilungen verbürokratisierten, die Frauenbefreiung wurde kaum mehr diskutiert. Mit der Ausschaltung der Bucharin-Fraktion wurden die Schenotdel aufgelöst, Kaganowitsch begründete das 1929, die Frauen seien nicht mehr benachteiligt, die Frauenabteilungen hätten keine eigenständige Aufgabe mehr, man wolle keine Frauenorganisation gründen, es gebe eine einheitliche Klassenorganisation in der Sowjetunion.17) Man sprach von der Reorganisation und schaffte die Schenotdel ohne Diskussion 1930 praktisch ab. In späteren Stellungnahmen wurde Schenotdel als Keimzelle der Linken Opposition dargestellt, welche die ganze Arbeit unter den Frauen an sich gerissen habe. Sie habe ineffizient gearbeitet. 18)

Männliche Mitglieder waren oft gegen ein revolutionäres Bewusstsein und Verhalten ihrer Ehefrauen. Sie hatte sich um den Haushalt zu kümmern, damit er politisch arbeiten konnte.

„Wenn man sich alle Kommunisten näher ansieht, so sieht man, dass die Frau tatsächlich zu Hause sitzt, während der Mann in die Versammlung geht. In die öffentliche Arbeit werden die Frauen der Kommunisten außerordentlich schwach hineingezogen. Ungefähr ebenso verhält es sich bei den Arbeitern. Wenn die Frage des Arbeiterlebens besprochen wird, so legen die Arbeiterinnen das größte Interesse an den Tag. Sie sprechen viel von Kinderkrippen, öffentlichen Speisehallen usw. Aber man muss sagen, dass wir aus objektiven und subjektiven Gründen sehr wenig in Bezug auf die Veränderung unseres Lebens getan haben.Unter den Arbeiterkommunisten lässt sich folgendes Verhalten zu ihren Frauen, die Arbeiterinnen sind, beobachten: wenn der Mann in die Versammlung geht, so zwingt er seine Frau zu Hause zu bleiben.“ 19)

Tabelle 55: Weibliche Beschäftigte 1922 - 1940 20)

Jahr Zahl der weiblichen
Beschäftigten in Tausend
Prozent aller Arbeiter/innen
1922 1.560 25 %
1928 2.795 24 %
1932 6.000 27 %
1940 13.190 39 %

Mit der Einführung der NEP verschlechterten sich die Lebensbedingungen vieler Arbeiterfrauen. Ende 1921 wurde die Arbeitspflicht aufgehoben. Die Betriebe wurden angehalten, nach dem Leistungsprinzip zu wirtschaften, die Belegschaften wurden verkleinert und Arbeiterinnen und Arbeiter entlassen, das traf vor allem die weniger qualifizierten Frauen. 1921 waren 62 Prozent der registrierten Arbeitslosen weiblich. 21)

Ihr Anteil fiel erst nach 1923 unter die Schwelle von fünfzig Prozent, unter den nichtregistrierten Arbeitslosen war ihr Prozentsatz deutlich höher. 1923 bis 1929 stieg die Zahl der weiblichen Arbeiter von 400.000 auf 800.000, ein Anteil von konstant 28 Prozent. 22) Die sozialen Sicherungen für Frauen wirkten sich jetzt negativ aus, Frauenarbeit wurde zu teuer. Aus diesem Grund wurde auch das Verbot weiblicher Nachtarbeit 1924 wieder aufgehoben. 23) Die Rotarmisten kehrten zurück und forderten ihre alten Arbeitsplätze ein. Die Intervention der Schenotdel konnte diesen Druck abmildern. Die Schere zwischen Männer- und Frauenlöhnen weitete sich wieder, Frauen verdienten Mitte der zwanziger Jahre etwa ein Drittel weniger als ihre Kollegen. 24)

Auch die wenigen öffentlichen Einrichtungen wurden wegrationalisiert. 1925 wurden nur drei von hundert Kleinkindern in Krippen versorgt. 25) Während des Bürgerkrieges aß die Mehrheit der Bevölkerung in Kantinen. 1921 wurde das Kantinenwesen aufgegeben, die Mehrzahl wurde geschlossen. 1920 waren 12 Millionen Menschen in Kantinen verköstigt worden, 1925 waren es noch 20.000 in Moskau, 50.000 in Leningrad und 67.000 im übrigen Russland. 26) Die Doppelbelastung der Frauen stieg.

Auch das progressive Eherecht von 1918 richtete sich gegen die arbeitenden Frauen: Da es keine Vermögensteilung gab, hatten arbeitslose Frauen nach der Scheidung keine Einkünfte. Die Prostitution nahm wieder sprunghaft zu, Armut trieb Frauen und Mädchen 'für eine Kruste Brot' auf die Straße. Eine geschiedene Hausfrau mit Kindern war oft kaum in der Lage, sich und ihre Kinder zu versorgen. Eine Delegierte beklagte:

„Die Schwäche der ehelichen Bindung und die Scheidung schafft Massen von alleinstehenden Frauen, welche die Last der Kindererziehung allein tragen. Stellen Sie sich so eine Frau vor, ohne Hilfe ihres Ehemanns, mit einem Kind an der Hand, die durch Personalreduzierung entlassen und aus dem Wohnheim geworfen wurde, … ohne Möglichkeit, sich selbständig zu erhalten.“ 27)

Tausende von geschiedenen Frauen mussten die Alimente für ihre Kinder vor Gericht einklagen. Kinder mussten bis zum 18. Lebensjahr von ihren Eltern unterhalten werden. Die Zahl der Klagen stieg stark an, aber selbst im Fall der Verurteilung war es schwer, den Kindsvater zur Zahlung zu zwingen. Richter entschieden in einem großen Teil der Fälle zugunsten der Frauen. Aber die Idee der 'freien Beziehung' kehrte sich vor allem gegen Frauen, wenn sie nicht selbst für den Unterhalt für sich und die Kinder sorgen konnten.

Bild 77: Schenotdel-Agitation unter Bauernfrauen 1920
x_bild_77_schenotel-agitation_unter_bauernfrauen_1920_evans_p.224.jpg Verbesserten sich die Lebensbedingungen der Frauen in den Städten, so lebten 84 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande unter rückständigen Bedingungen. Die Familie war die Grundform der bäuerlichen Wirtschaft, da hatte die Oktoberrevolution nichts geändert. Das stand in großem Widerspruch zu den Familien- und Frauenrechten. Die Dorfgemeinschaft verteilte das Land nach der Größe oder der Arbeitskraft der Familien. Die Arbeitsteilung beruhte auch auf der Tätigkeit der Frau, eine Scheidung war kaum denkbar. Der Haushaltsvorstand regierte, je größer der Hof war, um so dominanter.

1922 wurde das Landgesetz beschlossen. Die Dorfversammlung liess jetzt Frauen und Jugendliche als gleichberechtigte Mitglieder zu, die mit Mehrheit entschieden. Für den einzelnen Haushalt blieb der Haushaltsvorstand unangetastet, Frauen in dieser Funktion bekamen die gleichen Rechte. Der Besitz des Haushalts aber blieb unteilbar. Weiterhin verließ die Frau bei der Heirat den Hof ihres Vaters und trat in den des Ehemanns ein. Mit einer Scheidung bekam sie einen Rechtsanspruch auf einen Landanteil. Das war ein Widerspruch, da ja der Familienbesitz unteilbar war, das Land bekam die Frau selten. Sie konnte nur einen Anteil am beweglichen Eigentum reklamieren.

Die Zahl der Bewohner auf dem Land wuchs rasch, Familien wurden gegründet, die Familien wurden kleiner. Sitten lockerten sich, aber mündeten fast immer in einer Ehe. Nur langsam stieg der Anteil der standesamtlichen Ehen, eine religiöse Hochzeit war die Regel. Die Scheidungsrate auf dem Land war deutlich geringer als in der Stadt, 1925 wurden in der Stadt 2,8 von tausend Bewohnern geschieden, 1,2 auf dem Land, 1927 wurden zehn Mal mehr Ehen geschlossen als geschieden. 28) Oft waren Landarbeiter und Kleinbauern nicht in der Lage, den geschiedenen Frauen und ihren Kindern Unterhalt zu zahlen. Die größte Teil des bäuerlichen Einkommens stammte aus Landarbeit, da blieb oft kaum etwas zum Teilen. Die alleinstehende Frau auf dem Dorf hatte noch geringere Einkommensmöglichkeiten als ihre Geschlechtsgenossin in der Stadt. Selbst wenn sie einen Streifen Land bekam, fehlten ihr Landmaschinen.

Es war nicht selten für Landbesitzer, eine Landarbeiterin für eine Erntesaison zu heiraten und am Ende der Saison zu entlassen und sich scheiden zu lassen.

Eherecht und soziale Realität standen offensichtlich im Widerspruch, so dass eine Diskussion um die Anpassung der Gesetzgebung begann. Nach zweijähriger Diskussion wurde das neue Familienrecht im Oktober 1925 dem ZEK vorgelegt. In den Sowjets auf unterer Ebene, den Frauensekretariaten, der Presse und öffentlichen Versammlungen wurde das Gesetz breit diskutiert. Ein Journalist der Leningradskaja Prawda schrieb:

„Wir glaubten, wir könnten Institutionen schaffen, durch die harmonische, schöne und kommunistische Formen der Ehe möglich sein würden. Doch was ist passiert? Frauen blieben an den … Familienherd gekettet und die Männer verließen fröhlich pfeifend die Frauen mit den Kindern.“ 29)

Die Diskussion wurde recht offen geführt, weder die sich neu bildende Vereinigte Opposition noch die Stalin- Bucharin-Mehrheit nahmen eine einheitliche Stellung zum neuen Familienrecht ein, die Diskussion war von der Frage zum Verhältnis zu den Bauern geprägt. Viele Linke lehnten eine gesetzliche Regelung überhaupt ab, sie wollte die ideale Form des Zusammenlebens der Geschlechter im Kommunismus verwirklichen. Kalinin, der als 'Repräsentant' der Bauern galt, verwarf den Entwurf als zu weitgehend, andere Rechte stimmten ihm zu. 30) Linke wie Preobraschenski bemerkten, man könne die sozialistische Gesetzgebung nicht dem Bauernhaushalt anpassen. Man müsse das Gesetz zugunsten der Städte und der progressiveren Elemente ausrichten. 31) Bauernversammlungen verlangten, nur registrierte Ehen sollten als legal anerkannt werden, das Gesetz würde die Bauernhaushalte weiter schwächen. Frauenvertreterinnen kritisierten, Männer hätten durch die de-Facto-Ehen mehr Freiheiten, die sie auf Kosten der Frauen und Kinder ausnutzen würden.

Nach Diskussionen im ZEK wurde das neue Gesetz zur Heirat, Familie und Vormundschaft im Januar 1927 verabschiedet. Es legte die Prinzipien des freien gleichberechtigten Zusammenlebens, eines gemeinsamen Haushalts, der gemeinsamen Erziehung der Kinder und der Anerkennung der Ehe fest. Die Zeit der Unterstützung des geschiedenen Partners wurde auf ein Jahr festgelegt, die Vorschläge der Bauernvertreter wurden weitgehend verworfen. Um die Position der Frau zu stärken, wurde die Legalisierung der faktischen Ehe beschlossen. Das Prinzip der Gütergemeinschaft wurde neu verankert, das während der Ehe erarbeitete Vermögen wurde bei der Scheidung aufgeteilt. Da von einer sozialen Gleichberechtigung keine Rede sein konnte, waren die Frauen wieder benachteiligt.

Mit der Reform wurde die Prozedur der Scheidung weiter vereinfacht, man nannte sie 'Scheidung auf Postkarte', es handelte sich um eine bloße Registrierung, die vor allem von Männern genutzt wurde. Das wurde als unmoralisch bezeichnet. 1928 beschwerte sich eine WKP-Genossin:

„Ich sehe, wie viele Parteimitglieder einfach ihre Frauen verlassen. In unserer Fabrik gibt es keinen Parteilosen, der seine Frau verlassen hat. Es sind immer die Parteimitglieder. Mein Mann, mit dem ich 15 Jahre zusammengelebt habe, hat insgesamt 14 Kinder, davon hat mich mit meinen vier Kindern vor einiger Zeit allein gelassen. Es ist einfacher, Alimente zu bezahlen, als ein Kind wirklich zu erziehen. Unser Direktor hat offen mit drei Arbeiterinnen gleichzeitig gelebt. Ein anderer Direktor ging weg und hat drei Kinder hinter sich gelassen. Der dritte Direktor… hat bereits die vierte Frau. Es gibt viele, die mehrere Frauen haben, ich habe nur die Direktoren genannt. Wie kann ich nach diesen Beispielen in die Partei eintreten und mich zusammen mit den Vielweiberern in einer Familie befinden?“ 32)

Von Frauen wurde oft eine verbindliche neue Moral gefordert. Das Kleinbürgertum begann mit der NEP, den sowjetischen Alltag zu durchdringen. Die Wohnverhältnisse waren beengt, Kinderkrippen, Wäschereien und Kantinen fehlten weiter, Alimente wurden nur zögernd gezahlt. Sie beklagten die geringschätzige Behandlung der Frauen, ihre Nötigung am Arbeitsplatz, Vergewaltigungen, das Schlagen von Frauen durch ihre Ehegatten.

Die neu entstehende Bürokratie forcierte diese Tendenz. Die Bürokraten suchten sich durch Heiraten Beziehungen zu verschaffen. Die Zahl der Dienstbotinnen und Dienstboten nahm zu. Wie nach der französischen Revolution die Parvenüs eine Vorliebe für adlige Frauen entwickelten, so konnte man im Sowjetland das gleiche Phänomen beobachten. Eine Funktionärin kritisierte:

„Vor vielen Jahren schrieb Marx an Kugelmann, die Lage einer Gesellschaft könne man an der Lage der Frauen in dieser Gesellschaft bewerten. Diese Unterstreichung hat seine ganze Bedeutung auch für unsere sowjetische Gesellschaft bewahrt. Die Beziehung zu den Frauen erweist sich als Lackmuspapier, das am schnellsten und leichtesten das Vorhandensein der Reaktion aufzeigt. Die Beziehung zu den Frauen ist einer der schwersten, kompliziertesten und grundlegendsten Knoten, in dem sich die Gesamtheit unserer wichtigsten byt und kulturellen Fragen konzentriert.“ 33)

Kaum merklich wandelten sich die Werte. 1929 wurde nicht vom Schenotdel ein Ratgeber für die sowjetische Frau herausgegeben, die Rolle als Hausfrau und Mutter wurde in den Vordergrund gestellt, die Kernfamilie als Ideal und ein beschönigendes Leitbild propagiert.

Die Industrialisierung brauchte Frauen als Arbeitskräfte, sie sollte mannhaft, sehr weiblich und anziehend sein. Kinderkriegen galt als Angelegenheit, mit der die Frau allein fertig werden musste, Ideen gesellschaftlicher Kindererziehung traten in den Hintergrund. Man wollte die Frau als billige Arbeiterin, der Stalinismus 'bezahlte' mit einem überhöhten Mutterbild. Die Doppelbelastung in Produktion und Reproduktion wurde nicht erwähnt. In den dreissiger Jahren sollten Stoßarbeiterinnen, Stachanowistinnen, verdiente Arbeiterinnen, Traktoristinnen, die Arbeitsnormen um 170 Prozent überfüllten, das Bild sowjetischer Frauen in der Propaganda prägen. Zwischen 1928 und 1937 strömten 6,6 Millionen Frauen in die Produktions- und Dienstleistungsbetriebe. 34)

Das hatte Auswirkungen auf die Familie, die Abhängigkeit der Arbeiterinnen von ihren Ehemännern verringerte sich. In den Betrieben und Kolchosen wurden endlich Krippen, Kindergärten, Wäschereien und Kantinen gebaut, die Frauenarbeitslosigkeit verschwand. Die Zahl der Kindergartenplätze wuchs 1935 auf unter 1,2 Millionen, was immer noch unzureichend war. 35) Die Fabrikarbeit verbesserte die Lage der Frauen kaum, die Hausarbeit wurden ihnen nicht abgenommen. Die Reallöhne fielen zwischen 1928 und 1932 um 49 Prozent. 36) Die Zahlen waren geschönt, mit Sicherheit war die Kaufkraft der Löhne 1937 weit unter der von 1928. Die Industrialisierung schwächte nicht die Familie, sondern stützte sich auf deren Funktionsweise, mit zwei Löhnen statt einem wurde jetzt die Familie unterhalten.

Als Stalin 1936 den Sieg des Sozialismus verkündete, fiel auch die legale Abtreibung. Im Land, wo die Arbeitslosigkeit überwunden sei, habe die Frau keinen Grund, auf Mutterfreuden zu verzichten. Dabei war das Verhältnis von Abtreibungen zu Geburten in den zwanziger Jahren angestiegen, in Moskau kamen 1921 21 Abtreibungen auf 100 Geburten, 1934 aber 271; in der RSFSR führten Ärzte 1926 etwas mehr als 120.000 Abtreibungen durch, die Zahl stieg auf 1,5 Millionen in 1935. 37) Mit großem Propagandaaufwand wurden jetzt Abtreibungen verboten. Den Abtreibenden wurden mindestens zwei Jahre Gefängnis angedroht, den Frauen hohe Geldstrafen. Die Zahl der Kindergärten, Kliniken und anderen Einrichtungen wurde erhöht. Die Scheidung wurde erschwert, Männern, die sich der Zahlung von Alimenten verweigerten, wurden Geldstrafen und Gefängnis angedroht. Begleitet wurden diese Massnahmen mit einer Kampagne für die 'Verantwortung der Familie'. Die Frau könne jetzt ihre Möglichkeit, Mutter zu werden, realisieren. Wahrscheinlich deshalb verbot man ihnen wegen des schöneren Lebens Abtreibungen.

Ab 1935/36 begann man einen Feldzug gegen die 'allzu häufigen und leichten Scheidungen'. Deren Zahl hatte sich anfangs erhöht, pendelten sich dann auf einem höheren Niveau unter dem Stand heutiger bürgerlicher Staaten ein. 38) Die Gebühren wurden erhöht, die 'Scheidung auf Postkarte' wurde abgeschafft. Ein Puritanismus verdammte voreheliche Beziehungen. Die Bürokratie lastete die Instabilität der Ehe der Opposition an.

„Die Feinde des Volkes, diese gemeinen Mietlinge des Faschismus - Trotzki, Bucharin, Krylenko und die, die ihnen folgen - bedecken die Familie der UdSSR mit Schmutz, sie verbreiten die konterrevolutionäre Theorie des Absterbens der Familie, unordentlicher sexueller Verhältnisse in der UdSSR, um das Sowjetland zu diskreditieren.“ 39)

In den zwanzig Jahren von 1917 bis 1936 erfuhr die Familie eine völlige Umwertung. Erwartete man 1917 das Verschwinden der Familie, so erfuhr sie eine repressive Stärkung. Die Erkenntnis, dass Kriminalität an ihren Ursachen bekämpft werden müsse wurde abgelöst durch die Idee von Schuld und Strafe. Mit der Ausschaltung der anderen Parteien und der innerparteilichen Opposition wurde die offene Diskussion beseitigt. 1936 förderte man die Familie, Gesetze und den starken Staat.

Das zeigte sich auf allem Ebenen der Bürgerrechte. Nach der Revolution verwarf das revolutionäre Regime alle Gesetze, die dem revolutionären Rechtsbewusstsein widersprachen. Das Dekret zur Rechtsfragen am 5. Dezember. 1917 entkriminalisierte auch die Homosexualität, indem sie die überhaupt nicht erwähnte. Der offen schwule Georgi Tschitscherin wurde Volkskommissar für Äußeres. Es gab keine offizielle Linie, 1923 schrieb der Direktor des Moskauer Instituts für Sexualhygiene:

“Sowjetische Gesetzgebung gründet sich auf das folgende Prinzip: Sie erklärt absolute Nichteinmischung des Staates und der Gesellschaft in sexuelle Fragen, solange niemandes Interessen verletzt werden. Was Homosexualität, Sodomie und zahlreiche weitere Formen sexueller Befriedigung betrifft, die in europäischer Gesetzgebung als Verstöße gegen die öffentliche Moral gewertet werden, behandelt die Sowjetgesellschaft diese genauso wie sogenannten 'natürlichen' Verkehr. Nur wenn Zwang oder Nötigung angewendet wird, wie im allgemeinen wenn es eine Verletzung oder einen Missbrauch der Rechte einer anderen Person gibt, ist es eine Frage der Strafverfolgung.“ 40)

Andere Experten hielten Homosexualität für eine Krankheit. Mit der Stalinisierung änderte sich die Sichtweise, ein Symptom war die Ablösung Tschitscherins als Volkskommissar 1930. Vom 'Großen Medizinischen Lexikon' wurde 1929 Homosexualität als krankhaft eingestuft. Homosexuelle wurden zunehmend verfolgt – Klara Zetkin intervenierte zugunsten einiger Opfer.

Die Wandlung der kommunistischen Moralvorstellung

Der Gegenentwurf zum Komsomolzen war der Rowdy. Das englische Wort Hooligan wurde in die russische Sprache aufgenommen. Wie nach den Umwälzungen der Revolution von 1905 wurden die Hooligans als Bedrohung empfunden, als Folge des Kapitalismus, als Bazillus oder Geschwür des Sozialismus betrachtet. Rowdys hatten kein Klassenbewusstsein und bedrohten so latent die sozialistische Gesellschaft. Rowdytum umfasst Delikte vom groben Unfug bis hin zur staatsfeindlichen Tätigkeit, die Auslegung war Ermessenssache, die Strafen gingen 1922 vom Freiheitsentzug bis zu einem Jahr aus, 1926 wurden sie auf zwei Jahre erhöht. Später folgte einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Monaten eine lange Zwangsarbeit. 41) Seit 1923 stieg die Zahl der deshalb Verurteilten an, 1926 wurden 111.000 wegen Rowdytums verurteilt. 42) Rowdys waren nicht in der Armee, wechselten oft den Arbeitsplatz, gefolgt von längerem Nichtstun, sie standen an der Grenze zum Lumpenproletariat. Sie galten als frech, zotig, streitsüchtig, unmoralisch, promiskuitiv, fast immer männlich. Ihm fehle die 'harte väterliche Hand'. Sie wurden als Fortsetzung des Problems der Bespisorniki gesehen.

Die KPR griff in den ersten Jahren nach der Revolution in die Diskussion um sexuelle Fragen kaum ein. Die repressiven Ehegesetze des Zarismus waren abgeschafft, in die Privatsphäre wollte sich der Sowjetstaat nicht einmischen; angesichts der Schwierigkeiten schien die Frage der sexuellen Emanzipation auch relativ unwichtig. Kollontai propagierte eine neue proletarische Sexualmoral. Neben der Verbesserung der ökonomischen Bedingungen gehe es auch um ihre emotionale Eigenständigkeit. 1918 erschien 'Die neue Moral und die Arbeiterklasse', in der sie die Anerkennung aller Formen der Zweierbeziehungen forderte. 43)

Kollontai propagierte die Schaffung einer proletarischen Ethik, einer proletarischen Kultur- und Sexualmoral. Sie schloss dabei an Engels an, dass die ökonomische Basis die Grundlage bilde, aus der der Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen mit den religiösen, philosophischen Verstellungen 'in letzter Instanz' erklärbar seien. 44)

„Je höher die Solidaritäts- und Sympathiegefühle in der Gesellschaft entwickelt sind, je größer die 'Liebespotenz' der Menschheit, desto leichter wird es der Arbeiterklasse sein, den Kommunismus durchzuführen und zu verwirklichen.“ 45)

Sie trat für freie sexuelle Beziehungen ein, die Institutionen der Ehe und Familie müssten geschwächt werden zugunsten des Kollektivs, die junge Generation in dem Bewusstsein erzogen werden, dass Liebe nur ein Aspekt des Lebens sei, normal 'wie das Trinken eine Glas Wassers'. 46)

Kollontais Thesen und die Sexualität wurden ab 1920 breit diskutiert, der Einwand wurde gebracht, die neue Sexualmoral gehe zu Lasten der Frauen. Wissenschaftler machten Erhebungen unter Jugendlichen, meist unter männlichen. Dem Mann wurde ein stärkerer Sexualtrieb zugeschrieben, er sei rational, die Frau emotional. Ein ungebändigtes Ausleben der Sexualität galt als bürgerlich-dekadent, gegen das individuelle Bestreben wurde das Leben im Kollektiv propagiert. In den zwanziger Jahren fand eine Entkoppelung des physiologischen Geschlechtsaktes vom emotional-psychologischen Bereich statt. 47) Kollontai beschrieb einen neuen Typ der ledigen Frau, die nicht mehr von Gefühlen, Eifersucht und Rache geprägt war, sondern befreit aus staatlicher und familiärer Versklavung und frei von Eifersucht und der Verpflichtung zur ehelichen Treue.

Ihre neuzeitlichen Heldinnen waren Mütter, ohne verheiratet zu sein und hatten ein reiches Sexualleben. Die Frau wurde zur Persönlichkeit, das Weib zum Menschen.

Da sie zur Arbeiteropposition gehörte, galt sie nicht nur unter Bürgerlichen als geistige Brandstifterin zügelloser und ausschweifender Sexualkontakte. Ihre persönlichen Beziehungen wurden zum Gegenstand der Kritik, ein Rückschritt in die bürgerliche Dekadenz, unvereinbar mit der sexuellen Askese. Liebe dürfe nur eine untergeordnete Rolle im Leben der Kommunisten und Kommunistinnen spielen. Sie propagierte keine grenzenlose Promiskuität. 48)

„Unsere Zeit zeichnet sich durch das Fehlen der Liebeskunst aus. Die Menschen verstehen es durchaus nicht, helle, leuchtende, beflügelte Beziehungen zu unterhalten, sie kennen nicht den Wert der 'erotischen Kameradschaft'. Die Liebe ist ihnen entweder eine Tragödie, die die Seele zerreisst, oder ein gemeinsames Vaudeville.“ 49)

Lenin legte seine Meinung dazu in Gesprächen mit Klara Zetkin 1920 dar, nach seinem Tod wurden seine Äußerungen veröffentlicht. Kollontais Thesen lehnte er ab.

„Sie kennen gewiss die famose Theorie, dass in der kommunistischen Gesellschaft die Befriedigung des sexuellen Trieblebens des Liebesbedürfnisses, so einfach und belanglos sei wie 'das Trinken eines Glases Wasser'. Diese Glas-Wasser-Theorie hat einen Teil unserer Jugend toll gemacht, ganz toll. Sie ist vielen jungen Burschen und Mädchen zum Verhängnis geworden. Ihre Anhänger behaupten, dass sie marxistisch sei. Ich danke für einen solchen Marxismus, der alle Erscheinungen uns Umwandlungen im ideologischen Überbau der Gesellschaft unmittelbar und gradlinig aus deren wirtschaftlicher Basis ableitet. Gar so einfach liegen denn doch die Dinge nicht. Das hat ein gewisser Friedrich Engels schon längst betreffs des historischen Materialismus festgestellt.

Die berühmte Glas-Wasser-Theorie halte ich für vollständig unmarxistisch und obendrein für unsozial. Im sexuellen Leben wirkt sich nicht bloss das Naturgegebene aus, sondern auch das Kulturgewordene, mag es noch so hoch oder niedrig sein.“ 50)

„Die Revolution fordert Konzentration, Steigerung der Kräfte. Von den Massen, von den einzelnen. Sie duldet keine orgiastischen Zustände… Die Zügellosigkeit des sexuellen Lebens ist bürgerlich, ist Verfallserscheinung. Das Proletariat ist eine aufsteigende Klasse. Es braucht nicht den Rausch zur Betäubung oder als Stimulus - sowenig den Rausch sexueller Übersteigerung wie der Rausch durch Alkohol. Es darf und will nicht sich vergessen, nicht vergessen die Abscheulichkeit, den Schmutz, die Barbarei des Kapitalismus. Es empfängt die stärksten Antriebe zum Kampf aus seiner Klassenlage, aus dem kommunistischen Ideal. Es braucht Klarheit, Klarheit und nochmals Klarheit. Deshalb, ich wiederhole es, keine Schwächung, Vergeudung, Verwüstung von Kräften. Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin ist nicht Sklaverei, auch nicht in der Liebe.“ 51)

In Laufe der zwanziger Jahre trat die repressive Sexualmoral stärker in den Vordergrund. Ihre Befürworter argumentierte in Anlehnung an den Psychiater Aron Salkind im Volkskommissariat für Bildung, sexuelle Energie würde der Gesellschaft die Energien, welche für den sozialistischen Aufbau nötig seien, der Gesellschaft entziehen. 52) Sexuelle Bedürfnisse ließen sich nicht mit sozialen Zielen vereinbaren. Aktiver Kollektivismus sei das beste Mittel, 'unnütze Liebesgedanken' zu überwinden, dafür blieben weder überflüssige Kräfte noch freie Zeit. 53) Diese Sublimationstheorie trat mit dem ersten Fünfjahresplan stark in den Vordergrund, den Protagonisten freier Sexualität wurde eine Vernachlässigung oder gar Sabotage des sozialistischen Aufbauwillens unterstellt. 54)

Salkind behauptete, frühe Sexualkontakte und Onanie seien gesundheitsschädlich. Zur Regulierung der Triebe wurde eine frühe Eheschliessung empfohlen sowie voreheliche Abstinenz. Die sexuelle Wahl müsse immer auf der Klasse und der revolutionär-proletarischen Erfahrung basieren, Flirt, Frivolität, Koketterie und andere Methoden des sexuellen Wettbewerbs seien abzulehnen. Es dürfe keine Eifersucht geben.

„Im Interesse der Revolution hat die Klasse das Recht, in das Geschlechtsleben ihrer Mitglieder einzugreifen. Sexualität muss immer der Klasse untergeordnet werden, darf sie nicht stören und muss ihr immer dienen… Von jetzt an müssen alle Aspekte des Sexuallebens, die der Klasse Kräfte rauben, Klassenfreuden verkommen lassen oder Beziehungen innerhalb der Klasse vergiften, erbarmungslos aus der Klassenpraxis entfernt werden.“ 55)

In Deutschland bekämpfte der Jurist Felix Halle das repressive Sexualstrafrecht. Wilhelm Reich kritisierte, man habe sich auf die Wirtschaft konzentriert, die sexuelle Frage wollte man später lösen. Die Sowjetführer seien den Schwierigkeiten ausgewichen und den Weg des geringsten Widerstandes, der zum grössten Misserfolg führte, gegangen. 56) Sexuelle Fragen dürften nicht mehr als Ablenkung vom Klassenkampf' abgelehnt werden, sondern sollten kollektiv organisiert werden. Die Behinderung der kindlichen und jugendlichen Sexualität durch Eltern, Lehrer und Behörden müsse verboten und Forschungsinstitute für kollektive Erziehung geschaffen werden. 57) Die Bevölkerung müsse

„… das sichere Gefühl bekommen, dass die revolutionäre Staatsführung alles tut, um den sexuellen Genuss zu sichern, ohne Einschränkung, ohne Wenn und Aber… Eine sexuell glücklich lebende Bevölkerung wird die beste Garantie der allgemeinen gesellschaftlichen Sicherheit sein. Sie wird mit Freuden ihr Leben aufbauen und gegen jede reaktionäre Gefahr verteidigen.“ 58)

Im Sowjetstaat wurden solche Thesen nicht mehr beachtet. Lenin wurde als Vorbild an Arbeit und Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Arbeiterklasse dargestellt. Der Leninkult idealisierte den männlichen Bolschewisten. Im Komsomol galt Alkoholkonsum für männliche Jugendliche als normal, für Mädchen war er verpönt. Sie gerieten in Konflikt zwischen den traditionellen Weiblichkeitsvorstellungen und der Annäherung an den 'Arbeitersoldaten'. Sie liefen in Stiefeln und derber Kleidung, um sich von Kleinbürgern zu unterscheiden. Die Komsomolzin trat in halbmilitärischer Kleidung, einfacher Haartracht auf, war burschikos, trat im festem Gang mit sicherem Auftreten, gespanntem Gesichtsausdruck und einer nicht immer gewählten, mit Redewendungen gespickten Sprache auf. Sie benahm sich wie ein Junge. Sie setzten sich dem Vorwurf älterer Bolschewiki auf, zu vermännlichen. 59)

Motivation der Mädchen, dem Komsomol beizutreten, lagen in der Befreiung von der eigenen Familie. Sie wurden in der Organisation nicht als gleichwertige Partner anerkannt, ihnen wurden minderwertige Aufgaben übertragen. Man propagierte Kameradschaft und proletarische Freundschaft. Jungen nahmen für sich in Anspruch, ihre Sexualität auszuleben, die Konsequenzen einer Schwangerschaft blieben ein individuelles Problem der Mädchen. Theoretisch gleichberechtigt, erlebten sie ständig die Differenz der Geschlechter. Trotzki zitierte eine Kommunistin:

„Was die Ehe anbelangt, so behaupte ich, dass die Kommunsten kommunistische Jugendgenossinnen unter keinen Umständen heiraten wollen, denn sie sagen, diese würden immer nur in Versammlungen laufen, würden ihnen kein Mittagessen kochen, ihnen die Wäsche nicht waschen usf. Die Kommunisten sagen, dass es für sie besser sei, Parteilose zu heiraten, die zu Hause bleiben, sich um die Kinder kümmern und im Hause Ordnung halten würden. Diese Meinung ist sehr verbreitet. Die Kommunisten sagen, dass, wenn sie Kommunistinnen heiraten würden, ihre Kinder sterben und in Lumpen herumlaufen würden.“ 60)

In den dreißiger Jahren musste er konstatieren:

„Eine wirkliche Befreiung der Frau ist ohne allgemeine Anhebung von Wirtschaft und Kultur, ohne Zerstörung der kleinbürgerlichen Familienwirtschaft und ohne Einfügung von Gemeinschaftsverpflegung und -erziehung undenkbar. Statt dessen ließ sich die Bürokratie von ihrem konservativen Instinkt leiten und bekam Angst vor der 'Zerstörung' der Familie. Sie begann, Lobeshymnen auf Mahlzeit und Waschtag im Einfamilienhaushalt zu singen, d. h. auf die Versklavung der Frau durch die Familie. Als Höhepunkt stellte sie Abtreibung unter Strafe und versetzte die Frau damit offiziell wieder in den Status eines Lasttieres. So hat die regierende Kaste in vollem Widerspruch zum kleinen Einmaleins des Kommunismus den reaktionären und finsteren Zellkern der Klassenherrschaft wieder eingeführt, nämlich die kleinbürgerliche Familie.“ 61)

Geschlechtliche Sauberkeit' wurde für jeden Kommunisten zur Pflicht erhoben, besonders in den Parteisäuberungen wurde Wert auf die neue Sexualmoral gelegt. Mehnert berichtete, unter den 1929 11,7 Prozent Ausgeschlossenen die Verfehlungen gegen die Moral mit 23 Prozent an der Spitze standen. 62) Der häufige Wechsel der Ehefrauen war ein Ausschlussgrund. Die sexualverneinenden Strukturen des bürgerlichen Individuums wurden verinnerlicht und die konservative Sexualwissenschaft in der stalinistischen Geschlechtermoral verankert. 63)

Komsomolzen wurden mit der Industrialisierung ein neuer sozialer Aufstieg geboten. Die Zahl der Studienplätze vervielfältigte sich, durch die Säuberungen wurden ungeahnte Karrieren möglich, die einen nie erhofften Lebensstandard weit über dem der Eltern und der 'normalen' Bevölkerung ermöglichten.

Obdachlose Kinder und Komsomolzen

Krieg und Bürgerkrieg hinterließen der Sowjetrepublik das brutale Erbe der Besprisorniki. 1922 schätzte man die Zahl dieser elternlosen, obdachlosen Straßenkinder auf 7,5 Millionen. 64) Ihre Eltern waren im Bürgerkrieg umgekommen oder verschwunden, die Kinder strömten auf der Suche nach Brot in die Städte. Sie schlossen sich oft in Gruppen zusammen, bettelten, stahlen und prostituierten sich in der Umgebung der Bahnhöfe und Märkte. Sie schliefen auf den Straßen, unter Brücken, in verlassenen Häusern. Es waren 'Wilde' ohne Familie, Schule und stabile Gemeinschaft. Sie waren wie die 16 Millionen Tote des Krieges seit 1914 und seiner Folgen Opfer des 'demografischen Erdbebens'. 65) Diese Katastrophe gab es seit den letzten Kriegsjahren, sie wurde während des Bürgerkriegs und Hungers zu einer Flut in allen Städten und Eisenbahnknotenpunkten. Ein Kongress zum Schutz der Kinder tagte 1919, er favorisierte ein familienfreies Zusammenleben unter dem Schutz des Staates. Die Regierung setzte 4.500 Besprisorniki aus Moskau in einem Zug in der Hoffnung, dass sie in den Getreide-Überschussprovinzen besser ernährt werden könnten. 66) Nach dem Kongress wurde ein Rat zum Schutz der Kinder geschaffen, der den zuständigen Volkskommissariaten unterstand. Die Zahl der obdachlosen Kinder stieg ständig, nur ein kleiner Teil konnte in Waisenhäusern unterkommen, die kaum besser als das Leben auf der Straße waren. Die Hungerkatastrophe im Frühjahr 1921 verschärfte die Lage der Besprisorniki. 1921/22 gab es nach unvollständigen Statistiken 6.603 Kinderheime mit 540.000 Waisen, die Behörden waren völlig hilflos. 67) In vielen Heimen floh das Personal oder man schloss aus Ohnmacht das Asyl.

Während der NEP änderte sich die Einstellung der Öffentlichkeit. Banden machten die Umgebung von Bahnhöfen und Märkten unsicher. Die Bevölkerung sah sie vielfach als Landplage, die man vernichten sollte. Sah man die Kriminalität der Jugendlichen nach der Revolution als Folge ihres Elends, änderte sich die Einstellung mehr hin zu ihrer Repression. 1922 wurde die Strafmündigkeit von 18 auf 16 Jahre gesenkt. 1926 beschwerte sich das Volkskommissariat für Bildung, die unteren Behörden würden die Besprisorniki bekämpfen statt ihnen zu helfen. Ab 1924 versuchte man, die obdachlosen Jugendlichen in der Landwirtschaft arbeiten zu lassen. Mit großem finanziellem Aufwand wurden Jugendheime eingerichtet, die Zahl der Straßenkinder konnte reduziert werden. 68)

Ein Gesetz über die Adoption 1926 beendete das Problem der verwahrlosten Straßenkinder nicht, nur langsam reduzierte sich das Elend. 1927 gab es etwa 190.000 in staatlichen Heimen und zwischen 95.000 und 125.000 auf der Straße. 69) Die Miliz war ermächtigt, sie in Heime zu stecken, aus denen immer welche flohen. 1927 wurde ein Programm zu ihrer Integration in die Gesellschaft beschlossen, dass Ausbildung, ein Arbeitsbeschaffungs-Programm und Hilfen für ledige Mütter vorsah. Die Zahl der Besprisorniki konnte spürbar verringert werden, trotz der unzureichenden Waisenheime und der Ausbeutung als billige Arbeitskräfte durch die Bauernfamilien.

Die Kollektivierung und Hungersnot 1934 machten das Problem erneut akut. Zwischen 1932 und 1934 kamen 30 Millionen in die Städte, 24 Millionen verließen sie. Glaubte man das Problem der Straßenkinder auf dem Weg des Verschwindens, so trieb die gesellschaftliche Umwälzung eine neue Generation Entwurzelter auf die Straßen. Die Polizei war jetzt besser organisiert, wies sie in überfüllte Heime ein, aus denen sie wieder in die Obdachlosigkeit flohen.

1935 wurden die Gesetze verschärft, die Strafmündigkeit wurde auf zwölf Jahre gesenkt, jugendliche Diebe und Gewalttäter wurden vor Gericht gestellt, die Strafandrohungen drastisch erhöht. Kinderheime wurden angewiesen, alle Insassen ab dem vierzehnten Lebensjahr in Schulen, Fabriken, Kolchosen und Sowchosen zu schicken, die Fabrik- und Kolchosenleitungen hatten ihnen Lohn, Unterkunft und Verpflegung zu stellen. Die Miliz ging jetzt rigide gegen die obdachlosen Jugendlichen vor, spezielle Staatsanwälte klagten sie an. Familien, die ihre Kinder nicht beaufsichtigten, konnten diese auf Familienkosten in Heime gesteckt werden. Ein Staatsanwalt für die kriminellen Jugendlichen betonte, in der Sowjetunion,

„… wo das Leben besser und schöner geworden ist, wo das materielle und kulturelle Niveau der Arbeiter sich auf neue Höhen erhoben hat, in einem solchen Land gibt es keine Basis und kann es keinen Grund für Straßenkinder und Kriminalität mehr geben.“ 70)

Das Problem wurde in den Arbeitslagern beseitigt.

Die Arbeit unter den jugendlichen Arbeitern konnte von den Bolschewiki erst nach der Revolution aufgenommen werden. Immerhin war ein Viertel der Arbeiterinnen und Arbeiter Petrograds unter 21 Jahre alt. Im April 1917 verlangte eine Delegation junger Arbeiter der Russischen Renault-Fabrik, eine genauso große Lohnerhöhung wie ihre erwachsenen Kollegen zu bekommen. In ihrer Fabrik gründeten sie eine Jugendorganisation, innerhalb von Wochen breitete sich diese Organisation auf die anderen Betriebe Petrograds aus, junge Sozialisten agitierten dafür in den Fabriken. Viele waren Lehrlinge, was mehr eine Bezeichnung für schlecht bezahlte Hilfsarbeiter mit neun oder zehn Stunden Arbeit war. Nach der Februarrevolution setzte die Provisorische Regierungen das Mindestwahlalter auf 20 Jahre fest, die Bolschewiki forderten das Wahlrecht für 18jährige, den Sechs-Stundentag und das Verbot der Nachtarbeit. Die Fortsetzung des Krieges war kein Mittel, die Arbeiterjugend für die Regierung zu gewinnen. An den Maidemonstrationen 1917 beteiligten sich etwa 100.000 jugendliche Arbeiter. 71)

Tabelle 56: Mitglieder des Komsomol

1918 22.000 72)
1919 96.000
Mai 1920 320.000
Herbst 1920 480.000
1922 235.000 73)
1924 500.000
1925 1 Mio. 74)
1927 2 Mio.
1931 4 Mio.
1932 6 Mio.

Eine Jugendorganisation Arbeit und Licht mit 50.000 Mitgliedern bildete sich. 75) Die Mehrheit ihrer Mitglieder waren kampfwillige Jugendliche, Anarchisten und Menschewiki-Internationalisten, wenige Bolschewiki, die sich schnell fraktionierten. Ihr Vorsitzender war ein Anhänger Kerenskis, der die Repression der Bolschewiki im Juli unterstützte. Die verworrenen Auseinandersetzungen klärten sich langsam, als die Meschrajonzi im August der Bolschewistischen Partei beitraten, auf einer stadtweiten Konferenz hatten die bolschewistischen Jugendlichen mit 179 gegen sechs Stimmen die Mehrheit und nahmen ein bolschewistisches Programm an, Arbeit und Licht löste sich wenige Tage später auf. 76) Man gründeten einen Sozialistischen Jugendverband, die Zahl seiner Mitglieder wuchs von Ende August 1917 13.000 Mitglieder bis zum Oktober auf 20.000 bis 32.000 an. 77)

Die Bolschewistische Partei musste erst einmal eine einheitliche Linie in der Jugendpolitik entwickeln. Besonders Nadeschda Krupskaja verfolgte die Entwicklung sehr intensiv und entwarf auch ihr Manifest. Sie war für eine breite, autonome Organisation in Solidarität mit der Partei. Im Herbst schlossen sich die Petrograder und Moskauer Organisation zu einem Kommunistischen Jugendverband Komsomol zusammen, sein Zentralkomitee unterstellte sich direkt dem ZK der Bolschewiki. Es war ein schwieriger Weg von der spontanen, breiten Bewegung radikaler Jugendlicher zu einer disziplinierten Organisation zur Unterstützung der Partei des neuen Sowjetstaats.

Die Komsomolzen beteiligten sich bevorzugt an der Bildung der Roten Garden und gingen dann in der Roten Armee über, es blieben die 14- bis 15-jährigen. Als viele 1918 von den ersten Kampagnen nach Petrograd zurückkamen, mussten sie feststellen, dass sich die lokalen Organisationen weitgehend aufgelöst hatten. Die offizielle Gründung des Kommunistischen Jugendverbandes fand dann im November 1918 statt. Während des Bürgerkrieges schickte der Komsomol 50.000 bis 60.000 Jugendliche in die Rote Armee, die Getreide-Beschaffungskomitees und die Ausbildungskurse für die Roten Kommandeure, Ende 1919 waren 70 Prozent ihrer Mitglieder so am Bürgerkrieg beteiligt. 78) Anfang 1919 begann ein Wiederaufschwung, viele Studenten und Abgestellte wurden neben den Arbeiterjugendlichen aufgenommen. Unter den 40.000 bis 50.000 jugendlichen Industriearbeitern der Newastadt waren die 2.000 Komsomolzen im Dezember 1919 eine Minderheit. 79)

1920 kam es zu einer Rebellion der Mehrheit der Komsomol-Führung gegen die KPR, der sie mangelnde Unterstützung ihrer Arbeit vorwarf. Sie gewann auf dem dritten Kongress des Komsomol eine Mehrheit, das Orgbüro der KPR setzte mehrere Funktionäre ab. Wie die Arbeiteropposition kritisierten sie die Bürokratisierung und den wachsenden Einfluss der nichtproletarischen Schichten auf die Partei, sie wurde entmachtet.

Das Mitgliedsalter der Komsomolzen wurde auf 14 bis 23 Jahre festgelegt, Jugendliche nichtproletarischer Herkunft wurden erst nach einer einjährigen Kandidatenzeit nach Bewährung aufgenommen. 1922 wurde für die 10- bis 15-jährigen eine Pionierorganisation geschaffen. Lenin wies der Parteijugend die Aufgabe des Lernens zu. Auch beim Komsomol traf der Übergang zur NEP auf Opposition, viele Mitglieder traten aus. Die Arbeit des Komsomol wurde mehr emotional ausgerichtet, Demonstrationen, Fackelzüge, Fahnen, Konzerte wurden zur Gewinnung der Jugendlichen veranstaltet, die Jugendliteratur unterstützt, der bürgerliche Sherlock Holmes sollte mit einem roten Sherlock Holmes ausgetrieben werden, die bürgerliche Romantik durch revolutionäre Romantik übertrumpft werden. 80)

Die trotzkistische 'Opposition von 1923' hatte im Moskauer Komsomol viele Anhänger. Mit dem 'Leninaufgebot' wurden auch viele Jugendliche in den Komsomol aufgenommen, der zu einer Massenorganisation wurde.

Der rebellische Charakter der Jugend wurde in den folgenden Jahren gezähmt. Dazu trug auch ein politisches Amalgam der KP- und Komsomolführung 1926 bei: In Leningrad tobte zu dieser Zeit der Fraktionskampf der lokalen Sinowjew-Bürokratie gegen die der Mehrheit. Im September 1926 berichteten mehrere Zeitungen über ein brutales Verbrechen: Eine Bande betrunkener Leningrader Jugendlicher hatten eine junge Frau entführt und in einem Park mehrere Stunden vergewaltigt. Über Gruppenvergewaltigungen war schon zuvor in Zeitungen berichtet worden, aber die Tageszeitung des Komsomol Leningrads und ihr Moskauer Zentralorgan Komsomolskaja Prawda berichteten im als Sensation aufgemachten Stil ausführlich über diese Verbrechen. Die Verbrecher wurden gefasst und etwa 40 Angeklagte vor Gericht gestellt. Das sowjetische Strafrecht sah drei bis fünf Jahre für Vergewaltigung vor, der Staatsanwalt wertete es als organisiertes Verbrechen gegen eine Sowjetinstitution oder die Bürger; in diesem Fall, der im Bürgerkrieg gegen Überfälle auf Züge angewandt worden war, forderte er die Todesstrafe gegen die Haupttäter. Nach einem Revisionsprozess wurden fünf der Angeklagten zum Tode und mehrere zu langen Haftstrafen verurteilt. 81)

Die Komsomolskaja Prawda und mehrere Leserzuschriften hatten diese Erschießung bereits zuvor gefordert. Das Rowdytum sei ein grundsätzlicher Feind des Aufbaus des Sozialismus. 82) Erschwerend kam hinzu, dass ein großer Teil der Aggressoren nicht nur Arbeiter, sondern auch Mitglieder des Komsomol waren, einer sogar Kandidat der Partei.

Die Parteiführung reagierte auf diesen Anschlag gegen den Sozialismus, wie sie ihn einschätze, schockiert. Bisher galten Verbrechen als Erbe der alten Ordnung, die man überwunden habe. So war jetzt die NEP schuldig: der Staatsanwalt betonte, die Ursache liege nicht in dem proletarischen Stadtteil, sondern im Newski-Prospekt, im Volksmund auch 'NEPski-Prospekt' genannt. Dort war wie zur Zarenzeit das Zentrum der NEP-Leute, der Vergnügungslokale und der Prostitution. Nach 1926 wurde das Strafgesetzbuch verschärft.

Komsomolskaja Prawda konstruierte die Verbindung zwischen dem proletarischen Stadtteil und dem Newski-Prospekt. Leningrad war eben nicht nur die Stadt der Oktoberrevolution, sondern auch die des bürgerlichen Lasters, das auf die Arbeiter in den Vorstädten übergriff. Die Beteiligung der Komsomolzen an dem Verbrechen rechtfertige den Kampf gegen das Rowdytum. 83) Der Fraktionskampf endete bekanntlich mit der Niederlage der Leningrader Opposition.

Während der Industrialisierung und Kollektivierung wurde der Komsomol mobilisiert. 1932 waren von den sechs Millionen Komsomol-Mitgliedern ein Drittel städtische Arbeiter - mehr als die Hälfte der gesamten Jungarbeiterschaft war erfasst - 15 Prozent Bauernjugendliche. 84) Brigaden des Komsomol wurden im Rahmen der Industrialisierung an allen Brennpunkten eingesetzt, auf ihren Enthusiasmus und ihre Opferbereitschaft baute man. Kommunen und Wohnheime wurden gebaut. Das gigantische Unternehmen des 'sozialistischen' Aufbaus wurde militärisch organisiert. Die Idee der Planwirtschaft, der Gedanke, den kapitalistischen Westen einzuholen und zu überholen, der Wille zur Autarkie berauschte besonders die Jugend.

Es war kennzeichnend für den Komsomol, dass sich hier die militärische Auffassung einer kommunistischen Organisation am schnellsten verbreitete. Die Fraktionskämpfe der Anfangsjahre wurden schnell überwunden, die Mehrheit der Parteijugend hatte den demokratischen Zentralismus nie erlebt, widerspruchslos ordnete man sich einer Parteidisziplin unter, die mehr der Armee ähnelte. Auf die NEP hatten viele Komsomolzen mit Askese reagiert, man wähnte sich im Schützengraben direkt dem Feuer des Klassenfeindes gegenüber. Man strebte danach, 'sauber, rein' zu sein, was für ideologische und auch sexuelle Korrektheit stand.

Bildung

Mit der Oktoberrevolution wurde das Volkskommissariats für Bildung (Narkompros) eingerichtet, der russische Begriff kann auch als Volkskommissariat für Volksaufklärung übersetzt werden; Anatol Lunatscharski wurde bis 1929 der erste Volkskommissar. Er galt als 'Intellektueller unter den Proletariern und Prolet unter den Intellektuellen'. Sein Vertreter war Michail Pokrowski, Nadeschda Krupskaja, die 'Seele des Narkompros', kümmerte sich um die Formulierung der Bildungspolitik, ihr Mann Lenin zeigte ein kontinuierlich großes Interesse an der Arbeit des Volkskommissariats. Die Aufgaben umfassten die Verwaltung des Schulsystems, der Universitäten, wissenschaftlichen Institute, Bibliotheken und Museen sowie die Ausarbeitung des Erziehungssystems. Lunatscharski verschrieb sich einer pluralistischen Kulturpolitik, die keine Richtung bevorzugte, aber kommunistische Künstler und Wissenschaftler ermutigte. Es sollte den Arbeitern die Möglichkeit gegeben werden, Industriemanager oder Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu werden. Er lehnte eine frühe schulische Spezialisierung ab, die Schule solle polytechnisch sein.

Bild 78: Anatoli Lunatscharski
anatoliy_lunacharskiy_1925.jpg Dem Narkompros wurde oft vorgeworfen, zu wenig bolschewistisch und zu kompromissbereit mit Gegnern zu sein. Für Lunatscharski bedeutete Kommunismus vor allem Volksbildung. Am 2. November 1917 trat er aufgrund falscher Berichte über die Zerstörung der Basilius-Kathedrale bei den Kämpfen um Moskau zurück, er widerrief zwei Tage später diese Entscheidung. 85)

Beim Einzug Lunatscharskis boykottierte die Mehrzahl der Beamten sein Ministerium wie die Intellektuellen allgemein die Sowjetmacht boykottierten, später überfluteten sie das Volkskommissariat. 1920 wurde das Ministerium in fünf Abteilungen für Organisation, Erwachsenenbildung, Proletkult, Wissenschaft mit der höheren Bildung, Kunst, Grund- und Sekundarschulen umstrukturiert. 86)

In dem Kommissionen wurden 1918 Erziehungskonzepte heiß diskutiert. Eine 'Petrograder' Richtung mit Lunatscharski setzte sich für die Anlehnung an die Konzeptionen antiautoritärer, nichtschulischer Bildung ein, die die Individualität des Kindes, die Polytechnik bis in höhere Klassen fördern sollte. Sie stützten sich auf John Dewey, Georg Kerschensteiner und Maria Montessori. 'Die Moskauer' Richtung mit Viktor Posner vertrat die enge Verschmelzung der Bildung mit dem Alltagsleben durch die Arbeitsschule, sie hatte auf dem ersten Kongress für Erziehung eine Mehrheit für ihre Positionen.87) Die 'Petrograder' dagegen dominierten dagegen die Staatliche Bildungskommission.

Ein Konzept sah eine Einheitsschule vom 8. bis 17. Lebensjahr vor, eine freie, verpflichtende, koedukative und säkulare Bildung an sieben Wochentagen. An eineinhalb Tagen sollten Exkursionen und Werkstätten in neun Monaten im Jahr stattfinden. Ein Sommermonat sollte außerhalb der Schule gelehrt werden. Täglich sollte es ein warmes Essen geben. Ein 'Rat der Schule' aus Lehrern, den Arbeitenden im Schulbezirk und älteren Schülern sollte mit einem Vertreter der lokalen Schulbehörde zur Leitung der Schule gewählt werden. Die Resolution war ein Kompromiss beider Konzeptionen mit leichtem Übergewicht für die Vertreter der Arbeitsschule:

„Produktive Arbeit soll die Grundlage des Schullebens ausmachen, nicht als Basis für den Lebensunterhalt der Kinder und nicht nur als Erziehungsmethode, sondern als sozial notwendige produktive Arbeit… Die Schule ist eine Schulgemeinschaft, eng und organisch durch den Arbeitsprozess mit seiner Umwelt verbunden.“ 88)

Die Bildung von Schulen auf Privatinitiative war nicht ausgeschlossen, aber Schulgeld wurde abgeschafft.

Die Mehrheit der zaristischen Lehrer stand dem Sowjetsystem feindlich gegenüber, die Allrussische Lehrergewerkschaft verweigerte die Zusammenarbeit. Die Moskauer Branche der Lehrergewerkschaft mit 4.000 Mitgliedern verweigerte bis März 1918 die Arbeit, vermutlich vom Bankhaus Rjabuschinski unterstützt, in Petrograd ging ihr Streik Anfang Januar zu Ende. 89) Eine Minderheit stellte sich auf die Seite der Sowjetregierung. Oft beschäftigten die lokalen Schulbehörden nur Lehrer weiter, die eine Sympathie-Erklärung für das Sowjetsystem abgaben. Eine loyale Gewerkschaft wurde geschaffen, die Führung der Allrussischen Lehrergewerkschaft unterstützte dagegen das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution.

Im Dezember wurde die Allrussische Lehrergewerkschaft aufgelöst, im Sommer 1919 wurde die Gewerkschaft der Arbeiter in der Bildung und Sozialistischen Kultur gegründet. Hatte die alte Allrussische Lehrergewerkschaft bei ihrer Auflösung 50.000 Mitglieder, so gehörten im Oktober 1919 der neuen Lehrergewerkschaft 70.000 und 1920 250.000 Lehrer an. 90)

Tabelle 57: Entwicklung des Grundschulwesens

Schuljahr Schulen Schüler in Tausend
1914/15 * 104.610 7.236
1920/21 114.235 9.212
1921/22 99.396 7.919
1922/23 87.559 6.808
1923/24 87.258 7.076
1924/25 91.066 8.425
1925/26 101.193 9.487
1926/27 109.049 9.935
1927/28 116.375 10.474
1928/29 122.575 11.098
1929/30 130.735 12.385
1930/31 151.996 17.270

* in den Grenzen der Sowjetunion 1939

Die 'Vereinigte Arbeitsschule' verlangte Schulbauten für die Einführung der Koedukation, die Erweiterung auf eine fünfjährige Grundschule und eine vierjährige Sekundarstufe statt der alten drei- bis fünfjährigen Grundschule und des separaten Sekundarschulsystems. 91) Sie verlangte Schulmahlzeiten, Heizmaterial, Kleidung, Arbeitsmaterialien usw., an all dem aber fehlte es. So hatten die Pädagogen eine große Freiheit.

Die Lehrer warteten auf Instruktionen vom Ministerium, das Narkompros erwartete Initiativen der Lehrer. Schulkolonien wurden eingerichtet, während des Bürgerkrieges gab es viele Experimente, soweit das die harten Bedingungen des Bürgerkrieges und Kriegskommunismus zuliessen. Im Oktober 1918 beschloss das Narkompros Richtlinien der Arbeits-Einheitsschule. Es folgte dem Modell eines allseitig gebildeten Arbeiters mit polytechnischer Bildung. Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs waren das kaum realisierbare Ziele. In vielen Orten wechselte man nur die Namensschilder aus.

Während des Bürgerkrieges bestand die Tätigkeit des Volkskommissariats für Volksaufklärung vor allem im Überleben. Die Mitarbeiter bekamen nur die Hungerration für Intellektuelle und einige verhungerten tatsächlich. Ebenso schlecht ging es den Lehrern. Geld hatte keine Bedeutung, es ging um Zuteilung von Rationen, die konnten Lehrern nur in geringem Maße zugeteilt werden.

„Wer geht durch die Dorfstraße ohne Mütze, in zerrissener Jacke und Leinenhosen, mit Sandalen an den nackten Füßen? Der Lehrer.“ 92)

Lunatscharski resümierte die Periode 1921:

„Wieviel Enttäuschungen haben wir erlebt, …der Kriegskommunismus erschien vielen als der direkteste und kürzeste Weg ins Reich des Kommunismus… Für uns kommunistische Pädagogen war die Enttäuschung besonders groß. Über alle Maßen wuchsen die Schwierigkeiten, in einem dunklen, analphabetischen Land ein sozialistisches Volksbildungssystem aufzubauen; es fehlte völlig an kommunistischen Lehrern; Menschenreserven, materielle Mittel und Geld reichten nicht aus.“ 93)

Wie die Lehrer waren der überwiegende Teil der Hochschullehrer den Bolschewiki feindlich gesinnt. Die Moskauer Hochschullehrer und Studenten, so sie eine politische Meinung hatten, waren überwiegend Anhänger der Kadetten. Mit Klauen und Zähnen verteidigten sie ihre Autonomie. Während des gesamten Bürgerkrieges leisteten sie dem Sowjetsystem Widerstand mit der Perspektive eines Sieges der Weißen, das Sownarkom respektierte die Autonomie der Moskauer Universität.

1918 legte das Volkskommissariat einen Plan der Reorganisation der Universitäten vor. Er sah die Öffnung der Universitäten fürs Volk vor, keine Zugangsbeschränkungen, die Wahl der Professoren, die Freiheit der Lehre. 94) Die Zahl der Studenten stieg deutlich an, meist jüngere Angestellte in Regierungsbehörden, der Zustrom der Arbeiter blieb aus.

Ab 1919 wurden 'Arbeiterfakultäten' (Rabfak) geschaffen, um den Arbeitern die Voraussetzungen für einen Besuch der Universitäten zu ermöglichen. Die Arbeiterstudenten verbrachten drei bis vier Jahre in den Arbeiterfakultäten, um dann ein Universitätsstudium aufnehmen zu können. 95) Mit Verachtung begegneten die akademisch Gebildeten den 'Prolos'. Mit Mühe konnte das Volkskommissariat für Bildung 1920 seine Leitung der Moskauer Universität installieren. Das System der Arbeiterfakultäten kam bis zur Industrialisierung kaum voran.

Tabelle 58: Entwicklung des Analphabetentums 96)
Lese- und Schreibkundige der Bevölkerung über neun Jahre in Prozent

Volkszählung männlich weiblich insgesamt Stadt Land
1897 * 35,8 % 12,4 % 24,0 % 52,3 % 19,6 %
1926 66,5 % 37,1 % 51,1 % 76,3 % 45,2 %
1939 90,8 % 75,2 % 81,2 % 89,5 % 76,7 %

* in den damaligen Landesgrenzen

Die NEP brachte keinen Fortschritt in der Entwicklung des Schulwesens. Investitionen wurden zurückgefahren, teilweise hatte Lunatscharski weniger Geld für die Schulen als seine zaristischen Vorgänger. 1922 wurde das Schulgeld wieder eingeführt, die Zahl der Schulen ging genauso zurück wie die Zahl der Schüler von 9,2 auf 6,8 Millionen. Nur etwa 45 Prozent der Kinder im Grundschulalter wurden unterrichtet. 97) Erst 1927 erreichten die finanziellen Aufwendungen für das Schulwesen wieder den Vorkriegsstand. Am Ende der NEP war weiterhin die Hälfte der Kinder Analphabeten, die Beschulung lag ebenfalls bei der Hälfte. Die Mehrheit besuchte die Schule zwei Jahre wie unter dem Zaren.

Die Lehrer hatten etwa 20 Prozent ihres alten Semstwo-Gehaltes, Naturalrationen und Selbstversorgung kompensierten die unzureichende Vergütung. 98) Das Lehrergehalt lag beträchtlich unter dem eines Industriearbeiters. Am Ende der NEP waren etwa zehn Prozent der Lehrer KP- oder Komsomol-Mitglieder, eine Mehrheit war loyal bis neutral, eine große Minderheit war politisch weiter feindlich. Dies änderte sich, als die Kollektivierung anstand. 1922 bezifferte Lunatscharski den Bedarf auf 250.000 Lehrer, der Bestand war völlig unzureichend, es gab Lehrerbildungskurse von zwei oder einem Jahr, manchmal auch von sechs Monaten. 99) Ziel war es, nach der siebenjährigen Schulzeit eine vierjährigen Ausbildung für Grundschullehrer, -lehrerinnen, Kindergärtner und Kindergärtnerinnen durchzuführen. 100)

Erst die Industrialisierung zwang des Sowjetstaat, größere Investitionen in die Bildung zu machen. Die Arbeiterfakultäten wurden ausgebaut, Arbeiterkinder strömten jetzt an die Universitäten. Für die technischen Studiengänge wurde eine Quote von 65 Prozent festgelegt, die aus der Arbeiterklasse stammen mussten. Ein Jahr später wurde sie auf 70 Prozent erhöht und 1935 wieder abgeschafft. 101) Nichtproletarische Jugendliche versuchten die Quote zu umgehen, indem sie ein zeitlang als Arbeiter in die Produktion arbeiteten. Es sollten vor allem junge Kommunisten in die Rabfak aufgenommen werden. Sie bekamen Stipendien und Plätze in Wohnheimen. Der Prozentsatz der WKP- und Komsomol-Mitglieder stieg bis 1931 auf 55 Prozent an. 102) Gegenüber den anderen Studienfächern wurden die Ingenieur-Studenten privilegiert, aus den Rabfaks kamen auch Arbeiter mittleren Alters. Die Studenten waren hoch motiviert und der Stolz ihrer Familien. Die Zahl der Ingenieure aller Branchen stieg zwischen 1928 und 1941 wie die aller Studenten von 47.000 auf 290.000. 103)

Die neuen Studenten wurden schnell ausgebildet, auf praktische Resultate fixiert, die Grundlagen wurden oft vernachlässigt. Die neue Generation war eine flexibel einsetzbare Phalanx gegen die alte Intelligenz, an deren Fähigkeiten reichten sie lange nicht heran. Die Ergebnisse des ersten Fünfjahresplans gaben den Kritikern recht, aber sie wurden durch die Prozesse gegen die Saboteure zum Schweigen gebracht.

Kirche und Religion

Im Kampf gegen die Religion und die Kirche spielte der Komsomol eine bedeutende Rolle. Die junge Generation war zum großen Teil bereit, den Klassenkampf im innern und nach außen gewaltsam zu führen. Jugendliche veranstalteten besonders um Weihnachten und Ostern Karnevalsfeiern, in denen der Glaube, Kirche und Popen lächerlich gemacht werden sollte. Die Komsomolzen widmeten während des Bürgerkrieges und wieder während der Anti-Kulakenkampagne Kirchen in Kulturhäuser um, warfen Kruzifixe und Ikonen hinaus, hängten die Glocken ab und hissten rote Fahne auf dem neuen Kulturhaus. Schlossen sich die Bauern dagegen zusammen und wehrten sich, blieben die Übergriffe der Angreifer oft ungesühnt, da sie Unterstützung im Staats- und Parteiapparat hatten. Die Justiz begünstigte Arbeiter und bestrafte 'sozial fremde Elemente' scharf. Ihre antiklerikale und atheistische Propaganda war wenig effektiv und ähnelte oft dem Kampf der Jugend gegen die Erwachsenenwelt.

Im Zarenreich war die orthodoxe Kirchen mit 90 Millionen Getauften, 163 Bischöfen, 51.000 Priestern und 110.000 Mönchen und Nonnen, die in 1.200 Klöstern lebten, eine mächtige Organisation. Sie beherrschte die 37.000 Gemeindeschulen und hatte riesigen Landbesitz. 104) Die Provisorische Regierung vertagte den Wunsch nach Trennung von Staat und Kirche auf die Konstituante. Kornilows Putsch löste unter den Teilnehmern eines Konzils Begeisterung aus. Der Widerstand gegen die Oktoberrevolution verstärkte die religiös-patriotischen Tendenzen. Der neu gewählte Patriarch Tichon hoffte zum Symbol der nationalen Einheit zu werden.

Die Sowjetregierung enteignete den Grund und Boden, im Februar 1918 verkündete sie die Trennung von Kirche und Staat und der Schule von der Kirche. Kirchen wurden geplündert, eine weiße Kommission bezifferte die Zahl der getöteten Priester auf über tausend. 105) Die Bolschewiki störte es nicht, von Tichon aus der Kirche verbannt worden zu sein. Die Ablehnung der Bodenreform durch die Weißen übertrug sich auch auf den Klerus. Unabhängig davon hielt sich die bäuerliche Religiosität, infrage gestellt durch die jungen Kriegsheimkehrer. Die Alphabetisierungskampagne und die antireligiöse Propaganda nach dem Bürgerkrieg untergruben den bäuerlichen Glauben. 106) Aber auch in Petrograd und Moskau gab es starke besuchte Prozessionen und überfüllte Kirchen.

Dabei war die Popularität der Popen unter den Bauern eher gering, die waren auf die Bezahlung ihrer Kulthandlungen angewiesen, die stets offene Hand des Geistlichen trug nicht zur Hebung ihres Sozialprestiges bei. Der Inhalt des Gottesdienstes war für Analphabeten, aber auch für Lese- und Schreibkundige, oft unverständlich. Die Volksreligiosität ging einher mit Aberglaube, 'Besprechungen', Krankheitsmagie, Beschwörungen und anderen Formen des Aberglaubens. Religiöse Erziehung erfolgte eher nicht in der Kirche, sondern über die Familie, die Traditionen und religiöse Konventionen an die nächste Generation weitergab. 107) Die Bauern liebten den Glanz der Liturgie und den Gesang, ohne das Mysterium des Gottesdiensts zu verstehen. Vor allem Ikonen genossen starke Verehrung, jeder Haushalt hatte mindestens eine davon.

Am 19. März 1918 soll Lenin an Molotow und das ZK einen Brief geschrieben haben, von dem keine Abschrift gemacht werden durfte; er soll betont haben, je größer die Zahl von Vertretern der Bourgeoisie und Geistlichkeit sei, die es zu erschießen gelinge, desto besser. 108)

Die Verfolgung des Klerus und der Kirche hat zu keinem religiös motivierten Aufstand geführt, es gab zwar lokale Widerstände, aber beim großen Bauernaufstand in Tambow 1921 spielten Religion und Popen keine besondere Rolle. Während der Hungersnot 1922 ordnete die Sowjetregierung die Beschlagnahme der Wertgegenstände der Kirche einschließlich der sakralen Geräte an. In Schuja bei Iwanowo kam es daraufhin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Gläubigen. 109) Vier Einwohner der Stadt wurden bei den Unruhen erschossen, ein Priester und ein Laie wurden zum Tode verurteilt. 110) Im ganzen Land wurden Kleriker verhaftet, der Metropolit von Petrograd wurde nach einem Prozess erschossen, Patriarch Tichon wurde festgesetzt. 111) Auf britischen Druck wurde Tichon 1923 freigelassen, er erklärte sich dann für loyal und verdammte orthodoxe Emigrantenorganisationen, die zum Sturz der Bolschewiki aufriefen. 112) Nach 1927 sah die Kirche ihre Aufgabe allein im Gebet und der Vermittlung des Spirituellen, die Abkehr von Themen des politischen Lebens war der Preis ihres Überlebens. Die säkularisierte Kirche bot den Gläubigen eine religiöse Heimat.

Die Beschlagnahme der Kirchgüter traf in der Regel auf keinen nennenswerten Widerstand. Die Dynamik der Zeit ließ die Verbindung zwischen Bauern und Klerus sich lockern, einen orthodoxen Adolf Kolping gab es nie. Die Bauern nahmen an den Gottesdiensten und Ritualen teil, aber an der Verteidigung der Kirche gegen die Kommunisten schien kein Interesse zu bestehen.

1929 gab es laut Jaroslawski, dem Vorsitzenden des Verbandes der Kämpfenden Gottlosen, 500.000 Mitglieder von Kirchenvorständen, 350.000 Kleriker und Kirchendiener, dazu 100.000 Mönche und Nonnen, die 50.000 Kirchen und andere Gebäude nutzten. 113)

1921 regelte das ZK den Umgang von Parteimitgliedern zur Kirche. Die passive Teilnahme an religiösen Zeremonien war den Mitgliedern gestattet, wenn Familienangehörige religiös waren. KP-Mitglieder sollten für die Überwindung der Religion wirken. Priester und aktive Gläubige waren nicht als Parteimitglieder zugelassen. 1923 stellte das ZK fest, dass sich Parteimitglieder auf dem Land manchmal kirchlich trauen und ihre Kinder taufen ließen. Dort verstehe man sich manchmal gut, ein Kommunist habe sich unter dem Banner 'Arbeiter aller Länder vereinigt euch' kirchlich trauen lassen. 114) Bis 1929 waren die Lehrpläne der Schulen eher nichtreligiös als atheistisch.

Bild 79: Plakat 1930: Religion ist Gift. Beschützt eure Kinder!
Die Zahlenverhältnisse zwischen Religiösen und Atheisten sind ungenau und widersprüchlich. 1932 wurde die Zahl von 25 Millionen Atheisten geschätzt, deren Mehrheit in den Städten lebte. Allgemein nahm die Religiosität ab, der Anteil der Männer war größer als der Frauen, der Jugendlicher war stärker als jener der Senioren, möglicherweise nahm die Religiosität der Frauen zwischen Revolution und Kollektivierung zu.1771 Leningrader Arbeiter waren eher Atheisten. In den Städten war die standesamtliche Eheschliessung die Regel, die Religiosität auf dem Land blieb erhalten, private Ikonen bis in die Zeit der Kollektivierung hinein unangetastet. 1937 wurde bei der Volkszählung auch nach dem Glauben gefragt, 42,9 Prozent der Bevölkerung erklärten sich als Nichtgläubige. 115)

Gleichzeitig entstand eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften, meist als 'Sekten' bezeichnet. 1918 gab es durch die Trennung von Kirche und Staat eine 'Befreiung' für die religiösen Minderheiten. Sie nahmen bei weltanschaulichen Differenzen zu den Bolschewiki oft eine halbwegs loyale Haltung zum Sowjetstaat ein, begrüssten das Trennungsdekret. Sie wurden der orthodoxen Kirche gleichgestellt und durften missionieren, auch wenn für sie religiöser Gruppenunterricht verboten war.

Auch durch Rückwanderer aus den USA verstärkte sich die Zahl der Religionsgemeinschaften. Ihre Zahl ist nur schätzbar, bei der Volkszählung 1926 wurden keine Zahlen erhoben, die Zahl der mehr als 16 'Sekten' mag zwischen fünf und 35 Millionen bei der Gesamtbevölkerung von 160 Millionen betragen haben. 116) Es waren eher Mittelbauern, die von den Religionsgemeinschaften angesprochen wurden. 117) Die Religionsgemeinschaften bedienten sich 'amerikanischer' Methoden mit Chören, Geigern, Harmonien etc. um vor allem Jugendliche anzuwerben. Bis etwa 1930 herrschte ein religiöser Pluralismus, in der die orthodoxe Kirche, ihre Abspaltungen, orthodoxe 'Sekten', evangelische Freikirchen und religiöse Kleinstgruppen einen Platz fanden. 1928 hatten alle religiösen Jugendorganisationen angeblich zwei Millionen Mitglieder, so viel wie der Komsomol. 118)

Zur Bekämpfung der Religion wurde 1925 unter Jemeljan Jaroslawski der Verband der Kämpfenden Gottlosen gegründet, der 1932 5,5 Millionen Mitglieder hatte. ihre Zeitung wurde Besboschnik (Der Gottlose). Fünf Millionen Mitglieder waren eine imposante Masse, aber sie hatten beim Eintritt nur eine Unterschrift für den Beitritt zu leisten, sie waren 'ein nationales Potemkinsches Dorf des Atheismus'. 119)

Hatten die Bolschewiki ursprünglich geglaubt, man müsse dem Volk nur die Augen öffnen, um den Klerus zu entlarven und den Glauben zu bekämpfen, so bemühte man sich jetzt um eine breitere systematische Propaganda gegen den Glauben. Besboschnik wurde in Arbeiterklubs ausgelegt, die 'wilde' antireligiöse Propaganda des Komsomol wurde als der Sache schädlich abgelehnt. Die 'Volkskarnevalsfeiern' wurden eingestellt. Propagandisten wurden ausgebildet, es gab mehrmals öffentliche Debatten mit lokalen christlichen Vertretern, die für die Atheisten nicht immer 'siegreich' ausgingen.

Mit der Industrialisierung und Kollektivierung begann am Ende der zwanziger Jahre eine neue Offensive gegen die Kirche. Von den lokalen Sowjets wurden Kirchen geschlossen, der Klerus wurde sehr stark besteuert und es wurden oft Vorwände für seine Verhaftung gefunden. Tausende Kirchen wurden in den Städten abgerissen, da sie dem sozialistischen Aufbau im Wege standen oder in Klubs, Lagerhäuser und Viehställe umgewandelt. Der Klerus wurde mit den Kulaken ausgewiesen. Der Verband der Kämpfenden Gottlosen bekam 1929 Unterstützung durch eine Direktive des ZK 'Über Maßnahmen zur Verstärkung antireligiöser Massnahmen'. 120)

Auf dem Land blieben deutlich mehr Kirchen als in den Städten. Vor der Revolution gab es im Gebiet Jaroslawl 69 Kirchen, 1927 waren es noch 41. In der Stadt Kostroma wurden von 41 Kirchen 37 bis 1937 geschlossen. Das waren oft Verwaltungsakte ohne Unterstützung der Bevölkerung. 121)

1933 wurde die Kampagne gegen die Kirche zurückgefahren, Besboschnik wurde im Januar 1935 eingestellt. Jaroslawski beschwerte sich, mit den Kolchosen sei in einer Art 'Hurra-Atheismus' auch die Liquidierung der Religion versucht worden und auf den Widerstand der Bauern getroffen. 122) Nach der Einstellung des Besboschnik sank die Mitgliederzahl auf mehrere Hunderttausend ab, 1937/38 wuchs die Mitgliederzahl wieder und Jaroslawski bekam seine Zeitung zurück. Der deutsche Überfall 1941 beendete die Aktivitäten des Verbandes der Kämpfenden Gottlosen. Die Kirche wurde als nationale Institution wieder eingesetzt, Gotteshäuser wieder geöffnet. Stalin traf sich mit Kirchenvertretern und gestattete ein Treffen der Kirchenvertreter, die einen neuen Patriarchen wählte.

Nationale Minderheiten und die jüdische Frage

Die nationalen Minderheiten des russischen Reiches, insbesondere die Juden, erwarteten von der Revolution eine freie Entwicklung ihrer Kultur. Die Revolution proklamierte ihre freie Entfaltung, aber der Bürgerkrieg forderte eine gewaltige Anstrengung, die nationale Frage wurde als Nebenschauplatz angesehen.

Am Ende des Bürgerkrieges gab es faktisch einen Staat, dessen Einzelrepubliken formal eigene Staatsbürgerschaften hatten, die aber nur administrativ existierten, alles hatte einen planlosen Charakter, oft übten die Organe der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik RSFSR Funktionen für die anderen Teilstaaten aus. 1922 war die Perspektive der Weltrevolution noch lebendig, die Sowjetunion wurde als Kern der zukünftigen Weltrepublik der Sowjets konzipiert, sie erhielt keine Merkmale eines nationalen Moments wie 'russisch'.

Ende 1922 wurde die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (USSR oder UdSSR) beschlossen. Ein ZEK der USSR mit 371 Mitgliedern wurde gewählt, die USSR definierte sich als einheitlicher Bundesstaat aus der russischen, den ukrainischen, weißrussischen und transkaukasischen Republiken. 123) Der Vertrag gab jeder Einzelrepublik formal das Recht, aus Union wieder auszutreten. Armenien, Aserbaidschan und gegen den Widerstand auch Geogien traten als Transkaukasische Republik und nicht als selbstständige Einzelrepubliken bei. Innerhalb der Einzelrepubliken gab es autonome Republiken der Baschkiren, Tataren Kirgisen, Turkestaner, der Krim, eine Deutsche Kommune und weitere autonome Gebiete.

Der ukrainische Delegierte Nikolai Skrypnik kritisierte Stalins Gleichsetzung des großrussischen Chauvinismus mit dem Nationalismus der kleinen Nationen. 124) Christian Rakowski - der seit 1922 an der Spitze der ukrainischen Republik stand und kurz nach dem Zwölften Parteitag abgelöst wurde - monierte, dass sechs Jahre nach der Oktoberrevolution viele Parteimitglieder überhaupt keinen Zugang zur nationalen Frage entwickelt hatten.

„Unsere zentralen Autoritäten beginnen die Administration des ganzen Landes vom Gesichtspunkt der Bequemlichkeit zu sehen. Natürlich ist es lästig, zwanzig Republiken zu verwalten, und es wäre bequem, wären sie alle vereinigt.“ 125)

Stalins Vorschlag, neben dem obersten Sowjet eine Nationalitätenkammer einzurichten, wurde gebilligt. Trotzki betonte, dass Kommunisten in der nationalen Frage eher vorsichtig als mit zu wenig Aufmerksamkeit vorgehen sollten. Sie sollten die Sprache der sie umgebenden Minderheitsnation lernen, der Antagonismus zwischen der Bevölkerung und der Bürokratie sei gewachsen. Es gebe einen großrussischen und einen lokalen Chauvinismus, gegen beide müsse vorgegangen werden. Stalin stellte großrussischen Chauvinismus mit dem Nationalismus der Minderheitsvölker gleich, diese Gleichsetzung stärke nur den ersten und damit die russische Bürokratie. 126)

1924 wurde die Verfassung der USSR geändert, dem Unionssowjet wurde gleichberechtigt ein Nationalitätensowjet zur Seite gestellt. 127) Michail Kalinin als Vorsitzender des ZEK wurde formales Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Die Armee und Marine, der Verkehr, das Post- und Fernmeldewesen, die Außenpolitik, der Außenhandel, Finanzen und der Oberste Volkswirtschaftsrat wurden zentral verwaltet, alle übrigen Bereiche unterstanden der Kompetenz der Einzelrepubliken. In der Realität erwies sich die Russische Republik so stark, dass deren Vorherrschaft einer Hegemonie gleichkam. 128) Die Funktionäre der Republiken konnten in den folgenden Jahren jederzeit von ihren Posten in Regierung und Partei von der zentralen Moskauer Bürokratie abberufen und gemaßregelt werden. 129)

Der Zwölfte Parteitag führte zu einer Politik der 'Einwurzelung' der WKP. Die Parteimitglieder wurden aufgefordert, gegenüber den nationalen Minderheiten größtmögliches Fingerspitzengefühl zu zeigen, um die Ungleichheit der Nationalitäten aufzuheben und das kulturelle und wirtschaftliche Niveau der rückständigen Völker zu heben. Die Organe der nationalen Republiken sollten aus der einheimischen Bevölkerung rekrutiert werden, die Muttersprache in allen Institutionen durchgesetzt werden. 1923 war die Bürokratisierung bereits fortgeschritten und beeinflusste auch die Politik in der nationalen Frage.

Tatsächlich kam es in den Minderheitsvölkern in den ersten Jahren der Sowjetunion zu wichtigen Erfolgen und kulturellen Fortschritten. Es gab keine armenisch-tatarischen Gemetzel, die antijüdischen Pogrome waren nur noch Schatten einer schrecklichen Vergangenheit, Der Schulunterricht, früher ausschließlich in russischer Sprache, wurde in der Muttersprache oder bilingual abgehalten, Lehrer dafür ausgebildet. Neben der Muttersprache sollte jedes Kind auch die dominante Sprache der Sowjetrepublik erlernen. 130)

Zeitungen erschienen in der Muttersprache, lokale nichtrussische Kader wurden für die WKP ausgebildet, autonome Republiken und nationale Gebiete wurden geschaffen, viele Sprachen erstmals verschriftlicht, andere muttersprachliche Publikationen gegründet, wobei Stalin stets den Kampf gegen den russischen wie den Nationalismus der Minderheiten als gleichberechtigt betonte. Die Stabilität des Vielvölkerstaates sollte gesichert werden, die Politik diente auch als Aushängeschild für das Ausland. Andererseits wurde der lokale Nationalismus mit Gewalt bekämpft, wenn er in Mittelasien und im Kaukasus Sowjetstaat und Sowjetbürokratie entgegenstanden. Diese Politik wurde bis im die erste Hälfte der dreissiger Jahre verfolgt, bis sie von der Phase des Sowjetpatriotismus abgelöst wurde, welche den russischen Chauvinismus nur mühsam verschleierte. 131) Als Konsequenz wurde auf dem XIV. Parteitag 1925 der Name der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) der Realität angepasst und in in Allunions- Kommunistische Partei (Bolschewiki) WKP(B) umbenannt. 132)

In Zentralasien hatten die Sowjetführer ein Interesse daran, dass sich keine Republik der Turkvölker bildete. Stattdessen wurden die Unterschiede zwischen Völkern betont, die einzelnen Sprachen früh verschriftet, die einzelnen Gebiete in Republiken geteilt. Man fürchtete, eine Republik der Turkvölker könne ein Bollwerk der Reaktion werden, sie hätte bei geschickter Politik aber eben so sehr ein Zentrum für die Einheit der Völker Asiens und ein Beispiel bolschewistischer Nationalitätenpolitik werden könne. 133)

Mit der Kollektivierung brach sich der großrussische Nationalismus Bahn. Der ukrainische Nationalismus erhielt Auftrieb durch den Widerstand gegen die von oben verordnete Kollektivierung. Das Ziel der 'Einwurzelung' wurde damit verfehlt, sie führte dazu, dass sie sich in dem Gebieten mit dem größten Widerstand gegen die Kollektivierung und der Folgen auch der größte Widerstand gegen die Bürokratie richtete. 134) Die bürokratisch durchgeführte Kollektivierung führte mit der Repression zu einer gewaltigen Hungersnot. Die Politik der Ukrainisierung wurde rückgängig gemacht, die Gegner mit Repression überzogen.

Stalin bezeichnete 1934 die 'Abweichungen zum lokalen Chauvinismus' als Hauptgefahr, der Sowjetpatriotismus führte zum Wiedererstarken des russischen Nationalismus. 135) Die Theorie des 'Sozialismus in einem Land' führte konsequenterweise zum Sowjetpatriotismus, wenn man die Perspektive der proletarischen Weltrevolution aufgab. 136)

Während des' Großen Vaterländischen Krieges' 1941 bis 1945 trat der negative Aspekt dieser Nationalismus mit dem großrussischen Chauvinismus deutlich hervor. Die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Einheiten wurde erschwert und die Kontrolle des Zentrums garantiert. Die großen Säuberungen ab Mitte der dreißiger Jahre hatten eine stark nationale Färbung, vor allem auch die Träger des lokalen Nationalismus wurden repressiert. Die Kader der regionalen Kommunistischen Parteien, die Intelligenz wurde unter anderem in Georgien verhaftet, liquidiert oder verbannt. 137) Von der formalen Gleichheit wich die reale Situation extrem ab und wurde mit dem Honig der Ideologie zugekleistert.

Ab Mitte der dreißiger Jahre waren russische Nationalsymbole wieder zu sehen, historische Personen wurden neu bewertete, Rebellen wie Stenka Rasin und Jemelijan Pugatschow wurden gegenüber Aleksander Newski, Iwan dem Schrecklichen und Peter dem Großen in den Hintergrund gestellt. Die kolonialen Eroberungen des Zarismus wurden umschrieben, 1886 habe sich ganz Turkmenistan 'angegliedert'. 138) Sprachen, die zuvor in arabischer oder lateinischer Schrift geschrieben wurden, wurden auf Kyrillisch umgestellt. Besonders die kleineren Völker waren den verschärften Assimilationsdruck ausgesetzt.

1943 wurde der russisch-orthodoxe Metropolit vom Moskau zum Patriarchen von Russland gewählt. Während des Weltkrieges wurden acht Völker deportiert, nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 1,6 Millionen Menschen. 139) Sie wurden in kaum bevölkerten Teilen der Sowjetunion angesiedelt und sich selbst überlassen, ein großer Teil starb an Hunger, Kälte und Krankheiten.

Der Sturz des Zarismus wurde von den Juden Russlands gefeiert. In April wurden die Juden diskriminierenden Gesetze aufgehoben, Zeitungen entstanden und das kulturelle Leben belebte sich. Die Mehrheit der 5,6 Millionen Juden waren Kleinbesitzer, 1,4 Millionen waren Arbeiter. Zwischen 1897 und 1914 waren 1,5 Millionen Juden aus Russland emigriert, sie strebten vorwiegend in die USA. 140)

Tabelle 59: Jüdische Parteien bei der Wahl zur Konstituante im November 1917 141)

Partei / Stimmen 498.198
Zionisten 417.198
Bund 31.123
Poale Zion 29.322
andere sozialistische Parteien 29.322

1917 erschien die Balfour-Deklaration, die den Juden eine Heimstätte in Palästina versprach. Besonders in Kiew gab es zionistische Massendemonstrationen. Die Zionisten wurden im Sommer 1917 die stärkste jüdische Partei mit 300.000 Mitgliedern. 142) Ihr Ziel war die Emigration nach Palästina, ihr Interesse an russischer Politik war relativ gering. Der Bund hatte im Dezember 1917 33.700 Mitglieder, er folgte politisch den Menschewiki. 143) Poale Zion hatte eine Mitgliedschaft von Arbeitern und auch Sympathisanten der Bolschewiki in ihren Reihen. Bei den Wahlen zur Konstituante bekamen jüdische Parteien knapp eine halbe Million Stimmen, sie bestätigten die zionistische Dominanz und die Schwäche der sozialistischen Parteien.

Vor 1917 hatten die Bolschewiki unter den jüdischen Arbeitern nicht agitiert, es konnte kaum einer Jiddisch oder nahm am jüdischen Leben teil. 1922 gab es 958 jüdische Mitglieder, die vor 1917 den Bolschewiki beigetreten waren. 144) Dabei waren sechs Juden im ZK von 1917: Kamenew, Sinowjew, Sokolnikow, Swerdlow, Trotzki und Uritzki, aber es waren assimilierte Juden ohne Beziehungen zur jüdischen Kultur. Kaum eine Gruppe trat vom Bund oder den anderen jüdischen Arbeiterparteien über, Im Laufe des Jahres 1917 traten 1.175 Juden der Bolschewistischen Partei bei, meist Staatsangestellte aus Karrieregründen. 145)

Lenin hatte ihnen den Status eines Volkes abgesprochen, aber sie hatten eine eigene Sprache und Kultur und waren vom Zarismus unterdrückt worden. Eine jüdische Agentur schien nötig. Semjon Diamantstein wurde Kommissar für jüdische Angelegenheiten Jewkom, um unter den jüdischen Arbeitern zu wirken. Eine Zeitung in jiddischer Sprache wurde im Dezember 1917 gegründet, Propagandamaterial in jiddischer Sprache wurde herausgegeben. Es dauerte bis zum Herbst 1918, bis die jüdische Sektion Jewsektija gegründet werden konnte. Man musste Autoren finden, welche die Schriften der Bolschewiki ins Jiddische übersetzen konnten, es waren vor allem Rückkehrer aus dem Ausland. In Moskau mussten die jiddischen Plakate geklebt werden, da Bolschewiki die hebräische Schrift nicht lesen konnten, klebten sie die Plakate zum Spott der Moskauer Juden gelegentlich auf dem Kopf stehend an die Mauern.

Die ersten öffentlichen Versammlungen der Jewsektija wurden von Mitgliedern des Bundes besucht, die die jüdischen Bolschewiki ausbuhten. Mit Poale Zion konnten sie besser zusammenarbeiten, die unterstützten die Bolschewiki, als Poale Zion vor die vollendete Tatsache der Revolution gestellt wurde. 146)

Im Oktober 1918 konnte eine Konferenz des jüdischen Sekretariats und des Jewkom abgehalten werden, von den 64 Teilnehmern waren 31 keine Bolschewiki. Es war auch nicht so klar, ob man eine Regierungs- oder Parteiorganisation war. Man wollte Propaganda unter den Juden machen und die führende politische Kraft werden. Die alten jüdischen Mitglieder der RKP sollten ihre Arbeit in der Partei machen, Jewsektija sollte neue Mitglieder anziehen. Es war auch unklar, ob sie eine eigenständige jüdische Partei neben der RKP werden solle, oft hatten lokale Gruppen von RKP und Jewsektija keinen Kontakt miteinander. Man beschloss, auf lokaler Ebene separat zu agieren und sich auf Provinzebene der RKP unterzuordnen. Die anderen jüdischen Parteien konnten ihre Unabhängigkeit bewahren, mit den Menschewiki zersetzte sich auch der Bund.

Der Ukrainische Bund mit 15.000 Mitgliedern unterstützte die Rada. Unter den jüdischen Massen gab es wenig Unterstützung für die ukrainische Unabhängigkeit, man fürchtete den Antisemitismus. 147) Unter Skoropadski stieg die Zahl der Pogrome, aber auch von der Seite der ukrainischen Unabhängigkeits-Befürworter mit Petljura. Die Juden konnten nur die Kommunisten als ihre Beschützer ansehen. Die antijüdischen Aggressionen setzten sich unter Denikin fort. Von den 1.236 Pogromen in der Ukraine 1918 bis 1919 wurden 493 von den ukrainischen Nationalisten verübt. 148) 30.000 wurden ermordet, 150.000 starben an den Folgen, das waren zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung, die von acht auf 5,6 Prozent zurückging. 149)

Dazu kamen die Banditengruppen und das polnische Militär. Petljuras Leute töteten 16.700 Juden, aber auch die Soldaten Budjonnys ermordeten 725 Juden, was die Rote Armee verurteilte. 150) So begrüssten die Juden eher die Rote Armee und die Bolschewiki. Der ukrainische Bund fraktionierte und spaltete sich, die Organisationen in Kiew und Jekaterinoslaw bildeten im Winter 1919 einen Kommunistischen Bund (Kombund).

Der Bund hatte 1921 noch 11.000 Mitglieder in der Sowjetrepublik, die Mehrheit lebte jetzt in Polen und im Baltikum. 151) Viele gaben ihre politische Tätigkeit auf. Die WKP hatte 1925 31.000 jüdische Mitglieder, nur 2.800 von ihnen waren zuvor Mitglieder des Bundes gewesen. Allerdings gaben viele WKP-Mitgliedern ihre vorherige Bund-Zugehörigkeit nicht an.

Das Jüdische Kommissariat wurde von den Juden lange ignoriert. 1918 bis 1921 waren 70 bis 80 Prozent der russischen Juden ohne festes Einkommen, man musste spekulieren, um zu überleben. 152) Das Jüdische Kommissariat half, Visen zu Verwandten in den USA zu besorgen. Es verlor ab 1920 gegenüber der Jewsektija zunehmend an Einfluss. Auf der Zweiten Konferenz der Jewsektija waren 800 jüdische Gruppen vertreten, sie vertraten nur einen kleinen Teil der Juden Sowjetrusslands. 153) Sie gab kommunistische Literatur in jiddischer Sprache heraus, gründeten Klubs und Parteischulen und rekrutierten Juden für die KP. Die lokalen Gruppen waren Propagandagruppen, keine selbstständigen politischen Einheiten.

Die Dritte Konferenz der Jewsektija 1920 hatte 1.743 Teilnehmer, 64 Delegierte kamen vom Bund, 21 von anderen sozialistischen Organisationen. 154)

Jewkom versuchte, sich alle jüdischen Organisationen und Gesellschaften unterzuordnen, besonders die Kehillas, die jüdischen Gemeinden. Kehillas unterstützten unter anderem die Armen; man entzog sie den religiösen Vereinigungen und gründete sie unter kommunistischer Dominanz neu. Sie existierten bis in die zwanziger Jahre.

Für Lenin und die Bolschewiki war die Assimilation der Juden die einzig gangbare Lösung. Jewsektija war ein zeitweiser Apparat, bis die Juden in ihrer Sprache der Kommunismus vermittelt worden war. 1926 sprachen noch 72 Prozent der russischen Juden Jiddisch als Muttersprache. Sie machten 1,8 Prozent der Bevölkerung und 5,2 Prozent der Parteimitglieder aus. 155) Assimilierung bedeutete Russifizierung. Jewsektija betrieb Agitprop, sozialistische Kultur wurde in der nationalen Form geboten. Die sowjetischen Juden bedienten sich der jiddischen Sprache und identifizierten sich mit dem Sowjetstaat. Mit der Gründung der Sowjetunion stieg die Zahl der veröffentlichten Bücher, drei jiddische Tageszeitungen erschienen in Moskau, Minsk und Charkow, 1927 gab es 40 jiddische Zeitschriften. 156) Für die 1,888 Millionen Jiddischsprachigen gab es nur eine Gesamtauflage von 32.000, die geringe Zahl wurde mit der Armut der jüdischen Bevölkerung erklärt.

Tabelle 60: Klassenstruktur der jüdischen Bevölkerung der USSR 1926 157)

soziale Gruppe Anteil
Arbeiter 14,8 %
Angestellte 23,4 %
Handwerker 19,0 %
Bauern 9,1 %
Händler 11,8 %
freie Berufe 1,6 %
unbestimmt 7,8 %
Arbeitslose 9,3 %
Sonstige 3,2 %

Der Aufbau der jiddischen weltlichen Schulen ging sehr langsam voran, es gab nur 366 jiddischsprachige Lehrer 1923/24, ihr Zahl stieg bis 1.100 im Jahr 1929/30 an, die Zahl der Schüler stieg von 54.000 auf 130.000. 158) Die Hälfte der jüdischen Kinder in der Ukraine und Weißrussland besuchte diese Schulen, aber nur 17 Prozent in der RSFSR. Die Sekundarschulen unterrochteten dann in russischer Sprache, ebenso die Universitäten mit Ausnahme der der Lehrerausbildung. Das schuf für die jiddischsprachigen Schüler Probleme, besonders als 1923/24 in der Ukraine die Sowjets, Behörden und die Kommunistische Partei auf Ukrainisch umgestellt wurde. Viele Juden waren Händler und vom Wahlrecht ausgeschlossen.

Der Bürgerkrieg hatte das jüdische Stedl stark geschädigt, viele Juden zogen in die Großstädte. Die traditionelle Verbindung als Händler von Stadt und Land war gestört. Die Arbeitslosigkeit war groß, Handwerker-Genossenschaften wurden gefördert, man suchte das Kleinbürgertum zu neutralisieren, wollte es nicht entfremden. Die Zahl der Handwerker in der Jewsektija war größer als die der Arbeiter. Auch das Justizsystem wurde auf die jiddische Sprache umgestellt, aber bei Konflikten musste man oft auf russisch ausweichen.

1924 verhandelte keine Parteizelle auf Jiddisch, im November 1925 57. Sie organisierten nur 2.000 der 45.000 jüdischen Parteimitglieder. 159) Auch die Mitglieder der Jewsektija sprachen untereinander manchmal russisch.

Die Jewsektija hatte kaum Mitglieder aus der Zeit vor 1917. In der Organisationen gab es Sympathien für Trotzki. Andererseits waren viele Jewsektija-Mitglieder Handwerker und lebten im kleinbürgerlichen Milieu, das eher Anhänger der Parteirechten war. Jewsektija bereitete gerade eine Konferenz vor, als sie im Januar 1930 überraschend aufgelöst wurde. Diamantstein erklärte, ihre Auflösung werde die nationale Arbeit effektiver in Staat und Partei machen. Die Gegensätze zwischen den Nationen hätten sich reduziert, Jewsektija habe ihre Aufgabe erfüllt. Drei Monate später wurde ihre Auflösung bekanntgegeben. Im allgemeinen Durcheinander 1930 wurde sie kaum wahrgenommen. Sie war ein Zeichen, dass die Parteiführung auch nicht die mildeste Form eines jüdischen Separatismus zu dulden bereit war und ging einher mit der Ausschaltung der rechten Fraktion der WKP.

Die Parteiführung sah die Jewsektija als Mittel zur Zerstörung der alten jüdischen Kultur und der Integration der Juden in die Sowjetgesellschaft. Je mehr das erreicht wurde, desto überfüssiger wurde die Jewsektija. Die jüdische Jugend gliederte sich langsam ins sowjetische Leben ein.

Der Antisemitismus war auch in der Sowjetgesellschaft immer latent vorhanden, die Vorurteile - besonders der ukrainischen Bauern - nicht ausrottbar. Juden waren unter den führenden Bolschewiki zahlreich vorhanden, für große Teile der Bevölkerung war es umerheblich, dass sie assimiliert waren.

Alfred Rosmer berichtet von einem Treffen in einer Schankwirtschaft eines Moskauer Vorortes 1920:

„Unser junger Genosse nahm mit seinem Nachbarn die Unterhaltung auf und hatte den ärgerlichen Einfall, unsere hohen Funktionen zu enthüllen: Mitglieder des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. 'Also sind sie Juden!', antwortete sofort sein Gesprächspartner verachtungsvoll. 'Aber nein, sie sind keine Juden!' Zunächst überrascht, schaute der Sprecher uns sehr genau an, schließlich aber war es unmöglich, ihn von seiner Meinung abzubringen, weder ihn noch seine Kameraden, die ihm zu Hilfe gekommen waren: Alle sowjetischen Führer waren Juden, und der genierte sich nicht, das Regime rüpelhaft zu kritisieren. Das war sehr enthüllend, solche Vorfälle waren kostbare Möglichkeiten, die Mentalität des Volkes zu erkunden, die Revolution musste eine harte Aufgabe erfüllen, um diese ungeschlachten Gehirne von dem Gift zu befreien, das der Zarismus ihnen eingeflösst hatte..

Stalin benutzte den Antisemitismus verdeckt. Feind war nicht der Jude, sondern der Kosmopolit. Die Bürokratie versuchte, den Unmut der arbeitenden Massen auf die Juden zu lenken. 1927 bekam die Parole 'Schlagt die Opposition' eine zunehmend antisemitischeTendenz. Während der Moskauer Prozesse wurden die Angeklagten mit ihren jüdischen Namen angeklagt: Aus Kamenew wurde Rosenfeld, aus Sinowjew Radomilski, aus Trotzki Bronstein, man wollte die jüdische Herkunft der Oppositionellen herausstellen. In den dreißiger Jahren verschwanden fast alle Juden aus der politischen Führung, nur Kaganowitsch war bei Kriegsbeginn noch im Politbüro verblieben. Es gab keinen offiziellen Antisemitismus, aber unterschwellig war er immer präsent.

Bogdanow und der Proletkult

Für die Ursprünge des Proletkults ist es notwendig, noch einmal kurz auf die Zeit nach der Revolution 1905 zurück zu gehen. In der Zeit der Konterrevolution hatten sich die sozialistischen Organisationen zersetzt, die Mitglieder suchten nach Wegen aus der Isolierung und fanden sie nicht, im Streit um die richtige Linie bekämpften sich die Fraktionen untereinander. 160)

Alexandr Bogdanow kritisierte Plechanows und Lenins Einengung des Marxismus auf Politik und Ökonomie und speziell Lenins Auffassung, das Proletariat könne aus sich heraus nur gewerkschaftliches Klassenbewusstsein entwickeln. Das Bewusstsein der Arbeiterklasse müsse das ganze Leben einbeziehen, dafür müsse eine proletarische Kultur geschaffen werden.

„Die bürgerliche Welt mit ihrer ausgeprägten Kultur, die der heutigen Wissenschaft, Kunst und Philosophie ihren Stempel aufgedrückt hat, erzieht uns unmerklich in ihrer Richtung, während uns der Klassenkampf und das Ideal des Sozialismus auf die entgegengesetzte Seite ziehen…Es gibt nur einen Ausweg: Unter Verwendung der früheren bürgerlichen Kultur muss eine neue proletarische Kultur geschaffen, dieser entgegengesetzt und in den Massen verbreitet werden. Eine proletarische Wissenschaft muss entwickelt, die echten kameradschaftlichen Beziehungen im proletarisch-revolutionären Milieu müssen gefestigt, eine proletarische Philosophie erarbeitet, die Kunst in Richtung auf proletarische Ziele und Erfahrungen ausgerichtet werden.“ 161)

Zuvor hatte unter den Bolschewiki über die Fragen von Philosophie und Kultur eine Art Waffenstillstand geherrscht, da Bogdanow Lenins Fraktion angriff, veröffentlichte dieser 1908 sein Buch 'Materialismus und Empiriokritizismus', von der Auflage von 3.000 wurden vielleicht 400 bis 500 Exemplare verkauft und das Buch wurde vergessen. 162) Michail Pokrowski, Historiker und stellvertretender Volkskommissar für Bildung, bezeichnete 1924 im Nachruf auf Lenin 'Materialismus und Empiriokritizismus' als rein politisches Pamphlet. 163) Von seinen Zeitgenossen wurde Lenins Buch meist nicht verstanden. Da er Bogdanow nicht der Gegnerschaft zum Marxismus überführen konnte, hielt er sich an Mach und Avenarius, Da der Leser die Gegenseite nicht kennenlernte, hinterließ Lenins Schrift den Eindruck, das der Angegriffene in hohem Grade verdächtig sei.

Die Wperjod-Fraktion löste sich auf, erst 1917 machte Bogdanow, der nie der KPR beitrat, mit seiner Theorie der proletarischen Kultur von sich Reden, er fand unter seinen alten und neuen Genossen Widerhall. In Petrograd und Moskau fanden sich rasch Gruppen, die der Vorstellung einer proletarischen Kultur folgten. Eine Organisation für proletarische Kultur, Proletkult genannt, entwickelte sich in den ersten Jahren der Revolution, auf ihren Höhepunkt hatte sie bis zu 500.000 Mitglieder, 34 Zeitschriften und 300 Organisationen. 164)

917 bildeten sich parallel zur Betriebsrätebewegung Zirkel, die Kultur diskutierten und praktizierten. Spontan entstanden in den Betrieben Arbeiterklubs, Theatergruppen, Studios und Zirkel in allen denkbaren Bereichen der Kultur. Die Frage des Verhältnisses zur bürgerlichen Kultur wurde kontrovers diskutiert. In der Zweiten Internationale hatte die Vorstellung vorgeherrscht, die Arbeiterklasse müsse sich bei der Entwicklungen der Kultur auf das Erbe des progressiven Bürgertums zu stützen, also Shakespeare, Göte, Mozart etc.

Noch vor der Oktoberrevolution fand eine Konferenz der Petrograder proletarischen kulturpädagogischen Organisationen statt. Sie wurde von 208 Delegierten aus Sowjets, Gewerkschaften, Fabrikkomitees und anderen Organisationen besucht, von der politischen Zusammensetzung waren neben drei Viertel Bolschewiken Linke Sozialrevolutionäre und einige Menschewiken. Die Konferenz wählte ein Präsidium aus Lunatscharski, Fedor Kalinin, Krupskaja und Reissner. 165) Die Konferenz erklärte die Notwendigkeit der Zerstörung der alten Kultur und die Schaffung einer neuen nach der Revolution, eine Woche später gewannen die Bolschewiki die Macht. 166)

Die neue Petrograder Proletkult-Organisationen nahm enge Beziehungen zum Volkskommissariat für Volksaufklärung auf, sie beharrten auf ihrer Unabhängigkeit von den Sowjet-Institutionen. Anfangs war sie die einzige Kulturorganisation, die Beziehungen zum Narkompros hatte, alle anderen Organisationen boykottierten die Regierung. Im Volkskommissariat wurde im November 1917 eine Abteilung für den Proletkult eingerichtet die ihre Selbstständigkeit erhielt. Im ersten halben Jahr erhielt Proletkult neun Millionen Rubel Unterstützung.

In Moskau war Alexandr Bogdanow der wichtigste Vertreter des Proletkults. Die Moskauer Bewegung war kleiner als die in der Newastadt, ihre erste Konferenz 1918 erklärte sie sich für autonom, 'auf gleicher Ebene mit anderen Organisationen der Arbeiterbewegung' 167)

Im September 1918 trat die erste Konferenz der proletarischen kulturpädagogischen Organisationen Russlands zusammen. Wie Lunatscharski lehnte sie die gesamte vorangegangene Kultur ab. Ein Sprecher schrie erregt seinen Frust heraus:

„Wir beginnen ein neues Leben mit der Last des proletarischen Bewusstseins… Sie wollen uns eine weitere Last aufbürden - die Errungenschaften der bürgerlichen Kultur. In diesem Fall werden wir ein überladenes Kamel sein, unfähig uns weiter zu bewegen. Lasst uns die gesamte bürgerliche Kultur als alte Scheiße wegwerfen.“ 168)

Vom Sitzungspräsidenten bekam der Sprecher dafür eine Rüge als 'Anarcho-Individualist'.

Uneinig war sich die Konferenz über die Bindung an die KPR. Bogdanow propagierte die Schaffung von Arbeiter-Universitäten als völlig neue Institutionen, statt proletarische Studenten auf bürgerlichen Universitäten mit deren Ideologie vollstopfen zu lassen. So wie die bürgerliche Revolution Diderot und die Enzyklopädisten entwickelt habe, müsse das Proletariat die Wissenschaften sozialisieren, eine Arbeiter- Universität und eine Arbeiter-Enzyklopädie schaffen. 169)

Andere Redner forderten ein proletarisches Theater mit neuem Repertoire und nicht-professionellen Schauspielern. Die Ansichten von Pokrowski und Krupskaja fanden auf der Konferenz nur geringe Resonanz, der Vorschlag der Zusammenarbeit mit der Sowjetregierung war gegenüber der sich vollziehenden Kulturrevolution für die Teilnehmer wenig verlockend.

Die neue Zeitschrift Proletarskaja Kultura (Proletarische Kultur) schrieb, dass es

“… wie gut bekannt ist, zwei unterschiedliche Auffassungen über die proletarische Kultur unter unseren kulturpolitischen Führern gibt. Einige, einschliesslich des Volkskommissars für Erziehung Lunatscharski, denken wie wir dass das Proletariat seine eigene Kultur schaffen müsse, die qualitativ unterschiedlich von der früheren bürgerlichen Kultur auf dem Gebiet der Wissenschaften, Kunst und dem Alltagsleben ist… Andere wie Pokrowski leugnen das: eine besondere proletarische Sicht gebe es nur auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften…, für den Rest anerkennen sie Kultur und Wissenschaft außerhalb der Klassen.„ 170)

Bogdanow leugnete ein seinem Beitrag die Werte der vergangenen Kultur nicht, aber der 'Schatz der menschlichen Kultur' müsse vom Proletariat einer eigenen kritischen Analyse unterzogen werden und dessen kollektive Elemente gefunden werden. 171)

Ein Allrussischer Proletkult mit einem siebenköpfigen Zentralkomitee wurde gewählt mit Pawel Lebedew-Poljanski als Vorsitzendem und Fedor Kalinin als einem Stellvertreter. Alle Mitglieder mit der Ausnahme von Bogdanow waren Bolschewiki. Bogdanow wurde zum Chefredakteur der Proletarskaja Kultura, die inzwischen eine Auflage von 250.000 Exemplaren hatte. 172) Eine Organisation für das gesamte Russland wurde geschaffen nach dem Vorbild der Kommunistischen Partei.

Bild 80: Ölgemälde von Kusma Petrov-Vodkin: Hering
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Proletkult verstand sich als die Organisation, die die bisher zersplitterte Arbeit von Parteien, Sowjets, Gewerkschaften, Betriebskomitees und Arbeitergenossenschaften zusammenfassen und ihr Richtung geben sollte. Mir einer einheitlichen Weltanschauung sollte das Proletariat für den Aufbau des Sozialismus bewaffnet werden. Die neuen Errungenschaften der Wissenschaft, Literatur und Kunst sollten organisiert und planmässig propagiert werden. Das sollte durch Schulen geschaffen werden, in den erwachsenen Arbeitern Schreiben und Lesen beigebracht und allgemeinbildendes, politisches und polytechnisches Wissen vermittelt werden sollte. Durch Kurse sollten Kenntnisse auf allen Gebieten des Wissens vermittelt werden und zugleich die Grundlage für eine neue proletarische Wissenschaft gelegt werden. Zum Dritten sollten Arbeiterklubs, Bibliotheken, Lesehallen, künstlerische Arbeit in den Studios, Theateraufführungen und Kunstausstellungen die proletarischen Errungenschaften sinnlich erfahrbar darstellen und die emotionalen Bedürfnisse des Proletariats ansprechen und leiten. 173)

Basis waren die Organisationen des Proletkult in den Betrieben, die Arbeiterklubs, Studios und Zirkel zu allen denkbaren Bereichen organisierten. In den Großstädten entstanden Theater, Versammlungsräume und eigene Verlage und Zeitschriften, ihm waren wissenschaftliche Abteilungen und proletarische Universitäten beigeordnet. Krustazew berichtete von Gruppen in etwa 100 Städten, Proletarskaja Kultura gab die Mitgliederzahl Anfang 1920 mit 300.000 an, von denn zehn Prozent aktiv in den Studios mitarbeiteten. Auf dem Zweiten Komintern-Kongress wurde vom 400.000 Organisierten berichtet, die Bewegung hatte 15 Tageszeitungen mit etwa zehn Millionen Auflage, das war - vor allem in Bezug auf die Tageszeitungen - sicherlich übertrieben. Die sowjetische Nachrichtenagentur Rosta schrieb im Oktober 1920 von 500.000 organisierten Arbeitern in 350 Sektionen - und das im Bürgerkrieg! 174)

Die Konzeption einer proletarischen Kultur war unter den Kommunisten umstritten, Trotzki lehnte die Konzeption prinzipiell ab. Er argumentierte, die Bourgeoisie hatte Zeit, im Kampf gegen den Feudalismus ihre Kultur mehrere Jahrhunderte zu entwickeln. Die Bildung einer neuen Kultur erfordere viel Zeit, eine Zeit, welche die Arbeiterklasse nicht habe, wenn sie zur Macht komme. Im Gegensatz zur Bourgeoisie habe sie erst die Möglichkeit, eine eigene Kultur zu entwickeln, wenn sie bereits an der Macht sei.

„Es ist grundfalsch, der bürgerlichen Kultur… die proletarische Kultur gegenüberzustellen. Die letztgenannte wird es überhaupt nicht geben, da das proletarische Regime provisorisch, vorübergehend ist. Der historische Sinn und die moralische Größe der proletarischen Revolution besteht darin, dass sie den Grundstein für eine klassenlose, erstmals wahrhaft menschliche Kultur legt.“ 175)

Lenin war die organisatorische Selbstständigkeit des Proletkult neben der Kommunistischen Partei verdächtig, zumal sein alter Rivale Bogdanow eine große Rolle spielte. Im Frühjahr 1919 kam die Position Bogdanows im Politbüro der RKP zur Diskussion. Eine Neuauflage von Bogdanows 'Einführungskurs in die Wirtschaftswissenschaft' war erschienen, Lenin forderte eine Neuauflage von 'Materialismus und Empiriokritizismus' als Antwort. Bogdanows unmarxistische Ansichten unter dem Deckmantel des Proletkults wurden kritisiert. Die außerschulische Bildung und Proletkult sollten ihren autonomen Status verlieren und strenger vom Volkskommissariat kontrolliert werden.

Lenins Vorstellungen von Kultur widersprachen den Ideen, es waren persönliche Ideen, die Clara Zetkin nach seinem Tod veröffentlichte:

„Wir sind viel zu viel 'Bilderstürmer'. Man soll Schönes erhalten, zum Muster nehmen, daran anknüpfen, auch wenn es 'alt' ist. Warum sich von wirklich Schönem abkehren und es als Ausgangspunkt weiterer Entwicklung ein für allemal verwerfen, nur weil es 'alt' ist? Warum das Neue als Gott anbeten, dem man gehorchen soll, nur weil es 'das Neue' ist? Das ist Unsinn, nichts als Unsinn. Übrigens ist auch viel konventionelle Kunstheuchelei dabei im Spiele und der Respekt vor der Kunstmode im Westen. Selbstverständlich unbewusst. Wir sind gute Revolutionäre, aber wir fühlen uns verpflichtet zu beweisen, dass wir auf 'der Höhe zeitgenössischer Kultur' stehen. Ich habe den Mut, mich als 'Barbar' zu zeigen. Ich kann die Werke des Expressionismus, Futurismus, Kubismus und anderer Ismen nicht als höchste Offenbarung des künstlerischen Genies preisen. Ich verstehe sie nicht. Ich habe keine Freude an ihnen.“ 176)

Bucharin zeigte eine gewisse Sympathie, vor allem aber hielt Lunatscharski seine 'schützende Hand' über die Bewegung.

Auf dem fünften Proletkult-Kongress Oktober 1920 sollte Lunatscharski die Unterordnung des Proletkult unter die Kontrolle des Volkskommissariats verkünden, tatsächlich bestätigte er dessen Autonomie. Lenin rügte ihn dafür. Er legte dem ZK eine Resolution vor, die dem Kongress zur Abstimmung vorgelegt werden sollte. Sie rügte die theoretisch falschen und praktisch schädlichen Versuche einer eigenen proletarischen Kultur, die Organisation sollte als Abteilung des Narkompros weitergeführt werden. Es habe seine Aufgabe als Teil der proletarischen Diktatur, unter der Führung der Sowjetmacht und der Russischen Kommunistischen Partei zu erfüllen. 177) Die kommunistische Fraktion des Proletkult setzte die Verschmelzung mit der neugeschaffenen Agitprop-Abteilung durch. Nur noch auf künstlerischem Bereich wurden ihm Autonomie zugesichert. Die Gewerkschaften übernahmen die Aufgaben der Arbeiterklubs.

Der Übergang zur NEP versetzte dem Proletkult einen tödlichen Stoß, vor allem als 1922 die Zuschüsse des Volkskommissariats für Bildung gestrichen wurden und alle Einrichtungen sich selbst finanzieren mussten. Proletarskaja Kultura und andere Zeitschriften mussten 1921 eingestellt werden. In Moskau reduzierte sich die Zahl auf fünf Klubs mit 1.127 Mitgliedern. 178)

Vor dem Elften Parteitag bildete sich eine fraktionelle Gruppe Arbeiterwahrheit, die ein Manifest 'Wir (sind, A.d.V.) Kollektivisten', herausgab, das sich in die Tradition der Wperjod-Gruppe stellte, den 'religiösen Marxismus Lenins und Plechanows' ablehnte und sich als Marxisten der 'Schule Bogdanows' bezeichnete. 179) Es war eine sehr kleine Gruppe vorwiegend von Intellektuellen, nach ihrer Auffassung habe die Revolution mit einer Niederlage geendet und die 'technische Intelligenz' an die Macht gebracht. Die Bürokratie und die NEP- Männer hätten sich zu einer neuen Bourgeoisie entwickelt, die auf die Ausbeutung der Arbeiter angewiesen sei und sich deren Desorganisation zunutze mache. Die NEP sei die Wiederherstellung 'normaler' kapitalistischer Verhältnisse. Mit der Bildung der KPR zur herrschenden Partei habe sie als Leiterin des Staatsapparats und der Wirtschaft ihre Verbundenheit und Gemeinsamkeit mit dem Proletariat verloren. Das Manifest der Arbeiterwahrheit forderte die Schaffung einer neuen Arbeiterpartei, die für demokratische Verhältnisse eintrat und einen neuen revolutionären Geist der proletarischen Sache kämpfe. 180) Parteifraktionen waren seit dem Zehnten Parteitag verboten, die Arbeiterwahrheit musste ihre Plattform unter der Hand verbreiten und verschwand dann.

Praxis der Arbeiterklubs

Die Proletkult-Organisationen entfalteten sich in der Revolution unter den Arbeitern ausgesprochen stürmisch. Über einen Arbeiterklub in Kostroma gibt es 1818 bis 1920 gute Informationen. Er lag im Textilarbeiterbezirk und wurde Anfang 1918 gegründet. Mit Theorie und Praxis vertraute Leitungsmitglieder gab es nicht, man tastete sich vor. Eine Kulturkommission veranstaltete tägliche Vorträge, Zirkel für Kunst, Modellierung und Drama wurden eingerichtet, Literaturabende wurden abgehalten. Es waren die Teilnehmer, welche die Arbeit bestimmten. Zu den Vorträgen kamen 25 bis 35 Personen, schnell konnte eine Bilderausstellung organisiert werden, eine Klubzeitschrift wurde herausgegeben, eine Bibliothek wurde eröffnet. Täglich kamen 133 Personen im Schnitt, die Mitgliederzahl erreichte schnell 552. 181)

Die Arbeit war sehr uneinheitlich, die kulturell-aufklärende Arbeit überwog die politische, in diesem Bereich fehlte es den Parteiaktivisten an Zeit. Im Sommer nahm die Klubaktivität ab, um im Herbst wieder auf bis zu 300 Besucher pro Tag anzuwachsen, die Mitgliederzahl stieg auf 2.000. Vorträge und Kurse über Astronomie, Geschichte, Physik etc. wurden eingerichtet. Es gab zwei Drama-Gruppen, das Klub-Orchester wurde bereits zu anderen Klubs eingeladen. Zirkel für Rechtschreib- und Lesekurse gab es, für Klavier und Sport, Jugendliche richteten einen Schach-Zirkel ein. Literatur-Vorlesungen und politische Diskussionen mit Arbeiterfrauen wurden abgehalten. Nach einem halben Jahr begann man, eine Instruktoren-Gruppe für die Leitung von Kursen einzurichten, die auch in andere Klubs gesandt wurden. Die Modellier-Gruppe stellte ihre Aktivität ein, die Gruppe für Singen nach Noten wurde in einen Chor umgewandelt, die Zeitschrift ging ein. 182) Die Aktivitäten der Arbeiterklubs ließen sich in die drei Bereiche Bildungs- und Kunstzirkel, Einzelveranstaltungen und sozialer Treffpunkt gliedern.

Zu gesellschaftlichen Feiertagen wie dem Ersten Mai, Neujahr oder Revolutions-Jahrestagen wurden Feste veranstaltet, in den die Zirkel die Resultate ihrer Arbeit vorstellten, Theaterstücke aufführten, Konzerte und Chorgesang vortrugen oder Anschauungsmaterial fertigten. Es wurde Wert darauf gelegt, möglichst alle Klubmitglieder zu beteiligen und das Gefühl der sozialen Einheit zu vermitteln. In Einzelveranstaltungen wurde die Öffentlichkeit angesprochen und Mitgliederwerbung betrieben. Theater- und Kinoabende wurden regelmässig veranstaltet.

Tabelle 61: Mitglieder von Gewerkschaftsklubs 1923 - 1928 183)

Jahr Anzahl der Klubs Mitglieder
1923 1.572 249.258
1925 3.417 900.000
1926 3.418 1.020.000
1927 3.702 1.224.000
1928 3.857 1.203.000

In allen Klubs gab es mehr oder weniger gut ausgestattete Aufenthaltsräume, die allgemein zugänglich waren und der Erholung dienten. Beim Tee konnte man Gespräche führen, im Lesesaal lagen Zeitschriften und Tageszeitungen aus, man konnte Schach und Karten spielen oder Musik hören. Regelmäßige Sprechstunden wurden abgehalten, in denen Experten zu juristischen, betrieblichen und sozialen Fragen zur Verfügung standen. Während des Kriegskommunismus kam der Kantine des Klubs auch die Versorgung mit Lebensmitteln zu, was zu hohen Mitgliederzahlen führte. War es zuhause kalt, ging man in den Arbeiterklub, der einigermaßen warm war, bekam Informationen, einen heißen Tee und Unterhaltung.

In den ersten Jahren waren die Arbeiterklubs weitgehend autonom und verweigerten auch die Fusion mit anderen Klubs. Die Klubleiter waren oft entscheidend, ob der Klub 'ankam' oder einging. Besonders der Mangel an qualifizierten Initiatoren machte sich schmerzlich bemerkbar. Viele Arbeiter wurden von den politischen Aufgaben angezogen und mussten die Kultur vernachlässigen. Politische Eingriffe in das Klubleben gab es in dieser Phase nur selten, die Tscheka schritt in Moskau nur gegen einzelne Referenten ein, in Kostroma wurde ein Buch 'Soldatenlieder' als nicht dem Zeitgeist und den momentanen Erfordernissen vom Proletkult aus dem Verkehr gezogen. 184) Klubleitungen wurden meist für sechs Monate gewählt, Angestellte wurde bezahlt. Mitglied konnte jeder Sozialist oder Sympathisant auf Empfehlung von zwei Klubmitgliedern werden, der eine Aufnahmegebühr und einen symbolischen Mitgliedsbeitrag bezahlte.

Die Klubs wurden meist in den Häusern ehemaliger Fabrikanten und Kaufleute untergebracht, sie waren zu klein und mussten sich Zuschauersäle mit anderen Organisationen teilen. Die Brennstoffknappheit erforderte oft eine längere Schließung. Es gab zu wenig qualifizierte Lektoren, Bibliothekare und Anleiter. Die Lektoren waren oft nicht in der Lage, sich an das Arbeiterpublikum anzupassen und dozierten in einer für die Arbeitern abgehobenen Sprache. Die Zirkelarbeit litt an der Bereitschaft zur disziplinierten Arbeit. Es fehlte an grundlegenden Unterrichtsmaterialien, Büchern, Papier, Werkzeugen.

Der sozialistische Arbeiterklub in Kostroma hatte im April 1919 1.421 Mitglieder, der Anteil der Männer war höher als jener der Frauen, bei Mitgliedern unter 20 Jahren dagegen waren es mehr Frauen. Kostroma war eine Textilarbeiterstadt mit dem berufsbedingten höheren Frauenanteil. Über die Hälfte waren Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter, der Anteil der Vertreter der Intelligenz, leitenden Angestellten, Ingenieuren etc. war sehr gering. Die Mehrheit der Mitglieder hatte eine elementare Schulbildung und gehörte zur Gruppe der qualifizierten Arbeiter. Analphabeten waren unter den Mitgliedern selten. 185) Von anderen Arbeiterklubs liegen keine Angaben vor.

Bild 81: Gemälde von Kustodiew: Komintern-Kongress 1921

Die Frage des Tanzens und des Bierausschanks wurde diskutiert. Man wollte den Arbeitern gute Unterhaltung bieten und musste sich der Konkurrenz von Privatveranstaltern erwehren. Trotzki wandte sich dagegen, man könne mit Bier die Massen für den Klub gewinnen, aber sie mit Hilfe des Bieres vom Alkohol abzubringen, komme der Austreibung des Teufels durch Beelzebub gleich. 186) Andere widersprachen, die Aufgabe des Arbeiterklubs sei es, die Arbeiter aus ihrer Isolierung heraus zu reißen, dazu müsse er dem Arbeiter all das geben, was er zu Hause bekomme, bei Freunden, im Gasthaus, überall wo er Erholung suche. Wenn es erforderlich sei, Formen des Teehauses, Cafés oder selbst der Kneipe einzubringen, sei das nicht zu verurteilen. Besonders Frauen waren dafür, sie wollten ihre Ehemänner in den Klub begleiten, wo ihnen im Gegensatz zur Kneipe ein Programm geboten wurde. 187) Die Diskussion erstreckte sich über die gesamten zwanziger Jahre.

Eine methodische Linie für die Kunstpolitik gab es nicht, einzig über das Ziel, die bisher ungebildeten Massen an die Kunst heranzuführen, war man sich einig. Demzufolge gab es eine große Variationsbreite unterschiedlicher Praxisformen. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre dominierte Lenins Auffassung, alles Gute, was die alte Kultur besass, zu übernehmen. Man zeigte die Klassiker Shakespeare, Schiller, Molière, Ostrowski. Für die weniger gebildeten Arbeiter waren Kino, Frage-und-Antwort-Abende, Inszenierungen , Lebende Zeitungen und Leseabende vorgesehen. Für die Arbeiter mit breiterer Bildung galten Sport, Körperkultur, Exkursionen, Vorträge, selbsttätige Kurse und Diskussionen, Musik- und Chorzirkel als adäquates Angebot. Den aktiven und politisch interessierten Arbeitern sollten Vorlesungszyklen, politische und gewerkschaftliche Gruppen vorbehalten bleiben, alle Gruppen sollten angesprochen werden.

Mit der NEP ging die Zahl der Arbeiterklubs drastisch zurück, konsolidierte sich aber mit der Übernahme durch die Gewerkschaften. Bis 1925 wuchs die Zahl wieder an und blieb dann etwa gleich. 1923 gab es 203 Klubs in Moskau und 137 in Petrograd/Leningrad mit 85.000 bzw. knapp 49.000 Mitgliedern, die 1926 auf 185 und 105 leicht zurückgingen und 97.000 beziehungsweise 49.000 Mitglieder hatten. Trotz eines Anstiegs blieben 85 bis 90 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder außerhalb der Arbeiterklubs. 188)

Die ökonomischen Möglichkeiten verbesserten sich, man vergrößerte die Räumlichkeiten, legte Klubs in Stadtvierteln zusammen. Neubauten mit teils kühnen architektonischen Entwürfen wurden gebaut. Ein großer Theater- und Hörsaal, eine Sporthalle mit Duschen und Umkleideräumen, Arbeitsgruppenräumen, Kinderhort, eine Bibliothek, ein Aufenthaltsraum für Spiele und Entspannung, ein Kinosaal, ein Büffet, Verwaltungsräume sowie Gartenanlagen für Außenaktivitäten wurden eingeplant. Viel Licht sollte in die Räume eindringen können. Meist wurde wie im übrigen Europa nach den Vorstellungen des Konstruktivismus gebaut. Die avantgardistischen Gestaltungselemente wurde nach 1931 heftig abgelehnt als 'formalistische Spielereien' und 'bürgerliche 'Technizismus-Auswüchse'.

In Betrieben ohne Klub gab es 'Rote Ecken', deren Zahl sich steigerte. Die Betriebsmitglieder konnten informell angesprochen werden, sie liehen Zeitschriften aus, machten Aufklärung in Familien- und Gesundheitsfragen, Vorträge, ein Klubersatz im Kleinen.

Die Kunst der Oktoberrevolution

In den ersten Jahren blühten die kulturellen Aktivitäten auf, beschränkt durch die Einschränkungen und den Hunger des Bürgerkrieges. Klubs und Ateliers wurden eingerichtet, um die proletarischen Ausdrucksformen zu fördern. 1918 bestanden bereits 147 Proletkult-Sektionen, die Kurse und Seminare über Politik und Wirtschaft behandelten, Studios für Theater, Literatur, Musik und Bildende Kunst aufbauten, Theatervorführungen, Konzerte, Diskussionsabende und Exkursionen veranstalteten, Bibliotheken, Leseräume und Informationszentren einrichteten sowie Erholungs- und Sportmöglichkeiten schufen. Diese Praxis stieß auf große Resonanz. Zunehmend kamen Frauen zu den Veranstaltungen, die Ateliers waren überfüllt.

Die Theaterarbeit des Proletkult wurde von Platon Kerschenzew inspiriert. Die Inszenierungen lebten von der Improvisation der (Laien-)Schauspieler und der Spontaneität des Publikums, die sich durch Einschübe wie Filmeinblendungen und revolutionäre Lieder zur aktiven Teilnahme aufgerufen fühlten. Höhepunkte waren Masseninszenierungen aus der Geschichte des Klassenkampfes, Ereignisse der Oktoberrevolution und Visionen des Weltkommunismus mit einfachster Symbolik, aber riesigem Aufwand von Requisiten und Schauspielern dargestellt, mit mehreren tausend Akteuren und mehreren zehntausend Zuschauern. Grenzen zwischen Schauspielern und Zuschauern wurden verwischt, Pantomime, Rezitation, Tanz, Musik, Malerei, Akrobatik und Clownerie wurden eingesetzt. Dazu kam das Agitationstheater auf dem Land oder an der Front. Agitationszüge und -dampfer durchquerten das Land, dabei wurde gezielt die des Lesens und Schreibens unkundige Bevölkerung angesprochen, auch bei Vorträgen und Ausstellungen über Gesundheit und Hygiene. Während des Bürgerkrieges wurden die Einheiten der Roten Armee von Fronttheatern unterstützt. In Gerichtsspielen unter Einbeziehung der Zuschauer wurden Themen der Volksaufklärung und der Tagespolitik aufgegriffen.

Diese Theaterexperimente und Aufklärungskampagnen wurden von Plakatkünstlern, Malern und Bildhauern unterstützt. Sie entwarfen Plakate, Fahnen, dekorierten Plätze. Die Musik konzentrierte sich auf Chöre oder Orchester ohne Dirigenten, die Verwendung von Lärmorchestern aus Maschinen, Sirenen, Geschossen usw. Am Ersten Mai 1918 feierte man erstmals den Oktoberumsturz. Es gab eine große Demonstration, Rotarmisten paradierten mit roten Bändern, es gab ein Feuerwerk, Konzerte etc.: Ein Volksfest. In einer Kapelle des Oktoberpalastes wurde Mozarts Requiem gespielt. 189) Andere Vorführungen folgten in den nächsten Jahren. teilweise vor bis zu 35.000 Zuschauern. 190) Sie füllten am Ende der Vorstellungen bei der 'Stürmung der Festung' symbolisch den freien Raum.

Am 7. November 1920 wurde der 'Sturm aufs Winterpalais' mit 6.000 Beteiligten aufgeführt, wieder stand am Ende die Vereinnahmung des Schauspiels durch die Zuschauer. Das war bestes Agitationstheater, das die zuschauenden Massen begeisterte und zum Mitmachen motivierte. Man experimentierte mit der 'Theatralisierung des Alltags', mit Gerichtsspielen, Demonstrationen, Meetings, Maifeiern; Kabarett, Revolutionshymnen, Produktionspropaganda, Chören, Massenfesten in den Betrieben.

Die größten Erfolge war die Theaterarbeit. Neben sechs Theatern in der Provinz entstand in Moskau 1921 das 'Erste Arbeitertheater'. An ihm war Sergei Eisenstein tätig, ebenso Wsewolod Meyerhold und Sergei Tretjakow. Zirkus, Clownerien, später der Film wurden in die Vorführungen integriert. Vom Arbeitertheater wechselte Eisenstein zum Film. Die Theaterwerkstatt beschritt neue Wege.

Jetzt fanden proletarische Schriftsteller die Möglichkeit, ihre Werke zu veröffentlichen. In der Prawda wurden sie besprochen und fanden ein breites Publikum. Die Erfahrungen der Oktoberrevolution und ihre Verarbeitung standen im Vordergrund. Die Charakterisierung des kameradschaftlich denkenden und handelnden Proletariats und seine sozialistische Perspektive wurde versucht. Kritisiert wurde Stereotypie der Themenwahl, das niedrige Niveau ihrer inhaltlichen Ausrichtung, die Klischeehaftigkeit der Charakterzeichnung und das Zurückgreifen auf bekannte Vorbilder in der formalen Gestaltung. 191) In den Studios wurde das kollektive Schreiben thematisiert. Charakteristisch war die Glorifizierung der Arbeiterschaft und eine romantische Verklärung der Realität. Die literarischen Studios wurden bald wegen ihrer Verselbständigung und nur formalen Anbindung an den Proletkult kritisiert. Hier waren – entgegen der Statuen – viele Vertreter der Intelligenz vertreten.

„Die Mehrzahl der Proletkulte wurde gewöhnlich künstlich geschaffen, auf Anregung und Initiative von Intelligenzlern, ohne eine kulturell-klassenmäßige Grundlage zu haben, und oft kristallisieren sie sich als klägliche Intelligenzkreise mit schwachem Zusatz kultivierter Gruppen der Arbeiterklasse heraus.“ 192)

Die einzige Künstlergruppe, die von den Bolschewiki angezogen worden war, war die kleine Gruppe der Futuristen. Sie hatten vor dem Krieg enge Beziehungen zur französischen, italienischen und deutschen Avantgarde gehabt. Durch ihre Zusammenarbeit mit den Volkskommissariat für Volksaufklärung konnten sie ihre künstlerischen Konzepte in den ersten Jahren der Revolution einbringen, im Narkompros wurde eine Abteilung für schöne Künste eingerichtet.

Bild 82: Rosta-Fenster
Text: 1. Willst du mitmachen? Willst du die Kälte besiegen? 2. Willst du den Hunger besiegen?
3. Willst du essen? 4. Willst du trinken? Dann beeile dich, der Kampfgruppe für vorbildliche Arbeit beizutreten.
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Im April 1919 fand im Winterpalais eine große Kunstausstellung von Künstlern verschiedener Richtungen statt mit etwa 3.000 Werken. Gemäldegalerien, Kunstsammlungen, Baudenkmäler wurden nationalisiert und unter Staatsschutz gestellt, so die Moskauer Tretjakow-Galerie. Durch die alten Adelspaläste wurden Führungen für Arbeiter und Bauern organisiert. Der Staat kaufte jetzt den Künstlern ihre Werke ab. Im April 1918 wurden die Denkmäler der Republik per Dekret geschützt. Lunatscharski verteidigte die Futuristen gegen die Kritiker auch der Prawda.

Die Avantgardisten verzichteten auf die Staffelmalerei und wandten sich enthusiastisch den neuen Experimenten zu. Die Arbeiter waren dem Verhungern nahe, das wurde bei der Avantgarde aufgehoben durch das Gefühl, ihre Auffassungen weitgehend verwirklichen zu können. Der Maler Kusma Petrov-Vodkin verewigte 1918 in einem Stilleben 'Hering' die Lebensmittelration des Kriegskommunismus. 193)

Lenins Vorschlag, den Führern der verschiedenen Revolutionen Denkmäler zu errichteten, war weniger erfolgreich, die meisten Bildhauer waren Anhänger der realistischen Schule, die mit einfachsten Materialien peinlich naturalistische Portraitstatuen schufen, die keinen Anklang fanden, ein kubistisches Portrait von Bakunin wurde sofort von Anarchisten zerstört. 194)

Die 'Rosta-Fenster' oder 'Satirefenster der Rosta' waren Großplakate, die von September 1919 bis Februar 1921 von der Russischen Telegrafenagentur Rosta und später der Hauptverwaltung für politische Aufklärung des Volkskommissariats für Bildung hergestellt wurden. Ursprünglich hingen sie in Schaufenstern leerstehender Geschäfte, die Bezeichnung Rosta-Fenster wurde in der Umgangssprache beibehalten.

Die ersten Plakate wurden individuell für jedes Fenster hergestellt, dann wurden sie als Plakate an anderen Orten gehängt, an Mauern, in Bahnhöfen, Kasernen etc. Die Plakate bestanden meist aus vier bis 16 Zeichnungen, die der Reihe nach angeordnet und mit kurzen Texten versehen waren. Die Plakate reagierten kurzfristig auf aktuelle Ereignisse, die nach kurzer Zeit in einer Auflage von bis zu 300 Exemplaren geklebt wurden, sie erschienen wie eine Zeitung.

Zu den bekanntesten Künstlern der Rosta-Fenster gehören Wladimir Majakowski, Michail Tscheremnich und Iwan Maljutin. Die auffälligen Rosta-Fenster konnten die Aufmerksamkeit der Straßenpassanten erregen, die einfachen kurzen Texte wurden gelesen, während des Kriegskommunismus waren sie ein erfolgreiches Propagandainstrument. 195)

Die Künstler entwarfen architektonische Konzepte. Wladimir Tatlin arbeitete seit 1919 an der Idee eines Turms der Dritten Internationale, der in Moskau aufgestellt werden sollte. 1920 stellte er ein Modell des Turms vor. ein 400 Meter hohes Gebäude aus Glas und Metall, vor dem die höchsten Wolkenkratzer keine Bedeutung mehr haben sollten. 196) In einer Leuchtspirale sollte sich ein Würfel, eine Pyramide und ein Zylinder mit unterschiedlicher Geschwindigkeit drehen.

Der Zylinder sollte sich jährlich einmal um seine Achse drehen, der Kegel einmal im Monat und der Würfel täglich. Auf diese Weise sollte der schräg in den Himmel ragende Gigant langsam seine Silhouette ändern, als lebe er ein eigenes Leben. Die gläsernen Räume sollten von Vakuum-Wänden umschlossen werden, um die Temperatur im Innern des Turmes konstant zu halten. 197)

Das Modell war den Fähigkeiten der Ingenieure weit voraus und zielte in die Zukunft. Der Neigungswinkel des Turms der Dritten Internationale entsprach der Neigung der Erdachse. Auf einer Freilicht-Filmleinwand wollte man die neuesten Nachrichten projizieren, bei bewölktem Himmel sollten die Worte gegen die Wolken projiziert werden. 198)

Bild 83: Wladimir Tatlin, Turm der Dritten Internationale 1919
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Die Konzeptionen der Avantgarde wurden bald kritisiert, ihre Mitglieder entwickelten bald unterschiedliche Vorstellungen. Mit der Installierung der NEP war die große Zeit der Avantgarde zu Ende. Viele Künstler gingen ab 1921 ins Ausland und befruchteten die Konzeptionen der Kunst im übrigen Europa.

Einen großen Aufschwung erlebte das neue Medium des Stummfilmkinos. 1929 gab es in der USSR über 200 Millionen Kinozuschauer, in den USA 50 Millionen und nur 6 Millionen in Deutschland. 199) Das scheint allerdings eine übertrieben hohe Zahl. Die Bolschewiki erkannten früh die propagandistische Wirkung des Kinos, die sowjetische Filmproduktion war aber schwachbrüstig. Nach dem Bürgerkrieg wurden die kommerziellen Kinos wieder zugelassen, in Moskau gab es 1922 80 meist private Lichtspieltheater. 200) Sie zeigten vor allem ausländische Filme, beim Zeigen der wenigen sowjetischen Filme 'verdiente man nichts'. 201) Die erhaltenen Filme von Eisenstein etc. waren ein Tropfen im Ozean. 1929 wurde beschlossen, keine ausländischen Filme mehr zu importieren.

Ab 1928 geriet die Avantgarde zunehmend in die Kritik als utopisch, ideologisch suspekt, abgehoben, bourgeois und formalistisch, auch volksfeindlich. In der Zeit der Industrialisierung zogen Angehörige der Mittelschicht und Intellektuelle den Verdacht auf sich, Konterrevolutionäre zu sein.

Der Begriff 'Sozialistischer Realismus' wurde erstmals 1932 in einer Literaturzeitschrift benutzt. 1932 wurden alle Künstlervereine und -gruppen aufgelöst und dem Künstlerverband angeschlossen. Für alle staatlich anerkannten Künstler wurde die Mitgliedschaft obligatorisch und durch einen Mitgliedsausweis kontrollierbar. 1934 rief Andrei Schdanow auf dem Schriftstellerkongress 1934 die Künstler auf, sich an sozialistischen Inhalten zu orientieren, zum „Ingenieur der menschlichen Seele' zu werden“, dank der „revolutionären Romantik mit beiden Beinen auf dem Boden des wirklichen Lebens' zu stehen.“ 202) Das galt für alle Kunstgattungen.

Die Möglichkeiten für abweichende Künstler verschwanden, es gab nur noch staatliche Aufträge und eine Zensur. Die Kunstwerke mussten Ideen ausdrücken, die mit dem Staatsziel in Einklang standen. 'Ideenlose' Bilder, die einen individuellen seelischen Zustand vermitteln, wurden abgelehnt. Kunst sollte aktiv, sozial vermittelnd, zugänglich und verständlich sein. In den vierziger Jahren wurden die Bilder nationalistisch und 'volksnah', man bevorzugte Klassizismus und Realismus. Trotzki bemerkte, Lenins Kulturgeschmack sei eher konservativ. gewesen. Lunatscharskis Protektion der Modernismen habe ihn oft in Verlegenheit gesetzt, doch beschränkte er sich auf ironische Bemerkungen in Privatgesprächen, der Gedanke, seinen literarischen Geschmack zum Gesetz erheben, lag ihm fern. 203) Die Bürokratie fürchte abergläubisch alles, was ihr nicht unmittelbar diente oder was sie nicht verstehe. Das gelte für die Natur- wie für die Gesellschaftswissenschaften und die Künste. Die Kunst werde dazu gezwungen, die Bürokratie den Volksmassen so reizend wie möglich erscheinen zu lassen. Diese Periode werde in die Geschichte des Kunstschaffens als eine 'Epoche' von Stümpern, Laureaten und Leisetretern eingehen. 204)

Auf künstlerischer Ebene gab es Parallelen zwischen dem deutschen Historismus und der sowjetischen Kunstauffassung, Disharmonie wurden in Form und Inhalt abgelehnt. Die deutsche Historienmalerei des 19.Jahrhunderts bediente einen konservativen Geschmack, auch die Malerei des sozialistischen Realismus entstand durch den Mäzen des Staates. Unter der Zensur entstand kein einheitlicher Stil, sondern verschiedene Formen eines heroischen, dokumentarischen und idyllisierenden Realismus, ein 'sowjetischer Klassizismus'. 205)

Die Zahl der Feste nach der Oktoberrevolution war beträchtlich; zwischen dem ersten Jahrestag der Oktoberrevolution 1918 und dem Oktober 1922 feierte man in Petrograd 23 Jahrestage, die mit großem Aufwand vorbereitet wurden. 206) Alle fanden unter freiem Himmel statt. Beteiligten sich am Anfang die Massen spontan, so wurde ihr Auftreten im Laufe der Jahre zunehmend reglementiert, sie wandelten sich zu Staats- und Militärveranstaltungen. Aus den Festen des Volkes wurden Feste fürs Volk. 207) Im Laufe der Jahre wurde aus den Demonstrationen streng organisierte Paraden. Der Karneval wurde verbannt, es ging um den Personenkult um Stalin. Die Militärparade trat immer mehr in den Vordergrund, Panzer und Flugzeuge kamen hinzu. Der Nationalismus wurde in denVordergrund gestellt gegen die Feinde im Ausland und die Verräter und Spione. Die Freude wurde verbannt, Ernst und politisches Bekenntnis ersetzten sie. Filme, Gedichte und Gemälde glorifizierten den 'Führer' Stalin. Stalin stand auf dem Lenin-Mausoleum und nahm Paraden ab, flankiert von den Sowjetführern. Demonstranten trugen die Portraits Stalins und Lenins und - gut abgestimmt - der Führer der zweiten Reihe.

Bild 84: 'Stalin und die zwölf Apostel'


1) Goldman, Women, the State and Revolution, p.1
2) Der Soziologe Wolfson 1929; in: Goldman, p.1
3) 'Die Scheidung auf Postkarte', Goldman, p.101
4) Israel, Frauenemanzipation, p.96
5) Scharinger, Russische Revolution und Frauenbefreiung; in: Marxismus No.28, p.98
6) Scheide, Kinder, Küche, Kommunismus, p.241
7) Goldman, p.257
8) Wegen des Papiermangels konnte die Zeitschrift dann bis 1922 nicht erscheinen.
9) Scheide, p.45
10) Scharinger, Frauenbefreiung, p.102
11) ebenda, p.167
12) ebenda, p.168
13) ebenda, p.102
14) Lenin, Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten? Lenin-Werke Band 23, p.360
15) Scharinger, Frauenbefreiung, p.117
16) ebenda, p.127
17) Scheide, p.80-82
18) ebenda, p.86
19) Trotzki, Fragen des Alltagslebens, p.127; Scharinger, Frauenbefreiung, p.171
20) Scharinger, Frauenbefreiung, p.292
21) Goldman, p.110
22) ebenda, p.114
23) Scharinger, Frauenbefreiung, p.151
24) Scheide, p.283
25) Scharinger, Frauenbefreiung, p.152
26) ebenda, p.152/153
27) Goldman, p.118
28) ebenda, p.172
29) ebenda, p.217
30) ebenda, p.219
31) ebenda, p.220/221
32) Scheide, p.227
33) Scheide, p.77/28; Byt ist die Bezeichnung für die Gesamtheit des Alltagslebens.
34) Goldman, p.310
35) Scharinger, Frauenbefreiung, p.310
36) Goldman, p.316
37) ebenda, p.289
38) Scharinger, Frauenbefreiung, p.306
39) , 116) ebenda, p.308
40) Die Sexualrevolution in Russland, Berlin 1925, zitiert nach John Lauritsen, David Thorstad: The early Homosexual Rights Movement (1864-1935), New York 1974
41) Scheide, p.141
42) ebenda, p.142
43) Scharinger, Frauenbefreiung, p.245
44) Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft; MEW Band 20, p.87
45) Kollontai, Die sexuelle Moral und der Kommunismus; nach: Scharinger, Frauenbefreiung, p.249
46) , 154) ebenda, p.256
47) Scheide, p.144
48) Scheide, p.149
49) ebenda, p.150; Vaudeville: Verballhornung der Gefühle
50) Zetkin, Erinnerungen an Lenin, p.72-74
51) ebenda, p.76
52) Scharinger, Frauenbefreiung, p.267
53) p.268
54) ebenda, p.269
55) Scheide, p.154
56) Scharinger, Frauenbefreiung, p.280
57) ebenda, p.282
58) Wilhelm Reich, Die sexuelle Revolution, p.264/265, in: Scharinger: Frauenbefreiung, p.282
59) Scheide, p.138
60) Scharinger, Frauenbefreiung, p.172
61) Trotzki: Folgt die Sowjetregierung noch ihren vor zwanzig Jahren aufgestellten Prinzipien? in: Schriften 1, Band 1.2; p.1138
62) Israel, p.158
63) ebenda, p.160
64) Goldman, p.59
65) ebenda, p.60
66) , 174) ebenda, p.63
67) ebenda, p.68
68) , 169) ebenda, p.95/96
69) ebenda, p.305
70) ebenda, p.324
71) Tirado, Young Guard!, p.12
72) Mehnert, Jugend in Sowjet-Russland, p.62/63
73) ebenda, p.69
74) ebenda, p.73
75) Tirado, p.19
76) Mehnert, p.59
77) , 112) ebenda, p.29
78) ebenda, p.89
79) ebenda, p.101
80) Mehnert, p.71
81) Naiman, Sex in Public, p.254-256
82) ebenda, p.238
83) ebenda, p.271; Das Amalgam wurde zu einer Taktik der Repression: Verschiedene Gruppen und politische Richtungen wurden in einem Topf geworfen und gemeinsam verurteilt.
84) Mehnert, p.73
85) Fitzpatrick, Commissariat of Enlightenment, p.13
86) ebenda, p.25
87) ebenda, p.31
88) ebenda, p.33
89) ebenda, p.35
90) ebenda, p.43
91) Fitzpatrick, p.48
92) , 150) ebenda, p.164
93) Anweiler, p.154
94) Fitzpatrick, p.75
95) ebenda, p.79
96) Anweiler, p.461
97) ebenda, p.193
98) ebenda, p.291
99) ebenda, p.299
100) ebenda, p.301
101) Bailes,Technology and Society under Lenin and Stalin, p.193/194
102) ebenda, p.198
103) , 151) ebenda, p.218
104) Katzer, Die weiße Bewegung in Russland, p.424
105) ebenda, p.427
106) ebenda, p.433
107) Plaggenborg, Revolutionskultur, p.294
108) Katzer, p.442
109) Peris, Storming the Heavens, p.26
111) Peris, p.26
113) ebenda, p.175
114) ebenda, p.38
115) Peris, p.224
117) Plaggenborg, p.312
118) Fitzpatrick, Cultural Revolution, p. 20
119) Peris, p.9
120) Peris, p.127
121) ebenda, p.131
122) ebenda, p.169/170
123) Scharinger, Nationale Frage, p.298
124) Zum Widerstand des kranken Lenin gegen den großrussischen Chauvinismus siehe oben, Unterkapitel Lenins Tod
125) Scharinger, Nationale Frage, Teil 2, p.342
126) ebenda, p.349
127) ebenda, p.368
128) ebenda, p.374
129) ebenda, p.375
130) ebenda, p.380
131) ebenda, p.384
132) 952 bekam sie dann den Namen 'Kommunistische Partei der Sowjetunion' KPSU oder KPdSU.
133) Scharinger, Nationale Frage, Teil 2, 426/427
134) ebenda, p.470
135) ebenda, p.466/467
136) ebenda, p.472
137) ebenda, p.479
138) ebenda, p.485
139) ebenda, p.537
140) Gitelman, Jewish Nationality and Soviet Politics, p.21
141) ebenda, p.80
142) ebenda, p.71
143) ebenda, p.72
144) ebenda, p.105
145) ebenda, p.116
146) ebenda, p.139
147) ebenda, p.157
148) ebenda, p.161
149) ebenda, p.163
152) ebenda, p.233
153) ebenda, p.246
155) ebenda, p.321
156) ebenda, p.333
157) ebenda, p.381
158) ebenda, p.336/337
159) ebenda, p.366
160) siehe das Unterkapitel 'Die Fraktionierung der RSDRP' im 4. Kapitel
161) Bogdanow: Die Proletarische Universität in: Gorsen, Knödler-Bunte, Proletkult 1, p.36
162) Grille, Lenins Rivale. Bogdanov, p.15
163) ebenda, p.206
164) Stites, Revolutionary Dreams, p. 71
165) Fedor Kalinin war der Bruder des bolschewistischen Führers Alexei Kalinin.
166) Fitzpatrick, Commissariat of Enlightenment, p.90
167) ebenda, p.91
168) , 190) ebenda, p.95
170) ebenda, p.97
171) ebenda, p.98
172) Gorsen, Knödler-Bunte, Proletkult 1, p.62
173) ebenda, p.49
175) Trotzki, Literatur und Revolution, p.13
176) Zetkin, Erinnerungen an Lenin, p.21
177) Fitzpatrick, Commissariat of Enlightenment, p.179
178) Gorsen, Knödler-Bunte, Proletkult 1, p.88
179) ebenda, p.84
180) Daniels, Das Gewissen der Revolution, p.193
181) Gorzka, Industriearbeiter-Klubs, p.134
182) ebenda,p.135/136
183) ebenda, 135/136
184) ebenda, p.147
185) ebenda, p.153-163
186) ebenda, p.211
187) ebenda, p.212/213
188) ebenda, p. 239
189) Stites, Revolutionary Dreams, p. 84
191) Gorzka, Bogdanow und der Proletkult, p.41
192) ebenda, p.44
193) siehe Bild 80
194) Gray, Das große Experiment, p.205
195) Wiktor Duwakin, Rosta-Fenster; Dresden 1975, p.42-45
196) Die Höhenangaben gehen bis zu 500 Meter.
197) Lorenz, Proletkult, p.176-178
198) Gray, p.207
199) Plaggenborg, p.186
200) ebenda, p.189
201) ebenda, p.191
202) Christ, Der Sozialistische Realismus, p.25
203) Trotzki, Verratene Revolution, p.176
204) ebenda, p.180/181
205) Christ, p.94
206) Plaggenborg, p.261
207) ebenda, p.270
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