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1._motivation_und_ziel_dieser_arbeit

Einführung: Über Motivation und Ziele dieser Arbeit

Die russische Revolution war das größte politische Ereignis der letzten hundert Jahre. Diese Aussage hat mich während meines gesamten aktiven Lebens begleitet, ohne dass ich mich mehr als sporadisch und und unsystematisch mit diesem Thema befassen konnte. Von der Notwendigkeit andauernder Lohnarbeit befreit, fand ich in den letzten Jahren die Möglichkeit und Zeit, mich diesem zentralen Ereignis intensiver zu widmen.

Dabei stellten sich vor allem die Fragen, unter welchen Bedingungen die russische Revolution ausbrach und sich behaupten konnte. Wieso begann etwa zehn Jahre nach der Revolution eine Entwicklung, welche die Ziele der Emanzipation in ihr Gegenteil verkehrte und in die stalinistischen Konterrevolution umschlagen ließ? Gibt es Lehren, die heute noch gültig sind?

Bei Beginn meiner Untersuchung ging ich von mehreren Arbeitshypothesen aus: Trotz der Rückständigkeit Russlands waren die Bedingungen einer sozialen Revolution vorhanden. Unterschiedlich soziale Gruppen strebten verschiedene Ziele an: Während die größte unterdrückte Schicht der Bauern nach dem Land der Grundbesitzer strebte - also eine bürgerliche Revolution wollte - suchte die Arbeiterklasse nach einem Weg, die bürgerliche Herrschaft durch eine proletarische Revolution zu überwinden. Ihr Mittel war die Schaffung einer zentralisierten Arbeiterpartei, die in Lenin ihren Anführer fand. Die Unterdrückung der nationalen Minderheiten und die Verweigerung demokratischer Rechte waren ein weiteres Umsturzpotential. Der zeitliche Abstand zwischen den Revolutionen 1905 und 1917 war so gering, dass die 1905 gemachten Fehler von der Avantgarde bilanziert und korrigiert werden konnte. Die Bolschewiki waren in der Lage, die historisch widerstrebenden Forderungen von Arbeitern und Bauern zu bündeln, die unterdrückten Völker im Kampf gegen den Zarismus einzubeziehen und die Revolution zu führen.

So gut wie die Revolution vorbereitet war, so wenig Erfahrungen gab es, wie die Revolution siegreich weiter geführt werden konnte, das war absolutes Neuland. Man hatte die Vorgaben der Klassiker, aber die waren notwendigerweise sehr allgemein. Die Arbeiter errichteten eine sozialistische Herrschaft im Staat und in der Industrie, die Bauern eigneten sich das Land der Grundbesitzer an. Arbeiter und Bauern mussten irgendwann zusammenstoßen.

Da die europäische Revolution ausblieb, konnte man zwar die Herrschaft stabilisieren, die objektiven Ursachen und die subjektiven Schwächen der bolschewistischen Partei führten zu einer Degeneration der Revolution. Revolution und Bürgerkrieg führten zu einem enormen Blutverlust und Erschöpfung der Arbeiterklasse. Im Staat und später auch in der bolschewistischen Partei ersetzte die Bürokratie die Aktivität der Werktätigen. In der Partei entstand ein erbitterter Fraktionskampf um den Kurs der Revolution, in dem die Bürokratie unter ihrem Repräsentanten Stalin siegte und die Revolutionäre von 1917 liquidierte. Die Erfahrungen und Notwendigkeiten des Bürgerkrieges ersetzten die demokratischen Elemente der Bolschewiki durch militärische Strukturen, die Parteidemokratie wurde beseitigt.

Der Fraktionskampf der zwanziger Jahre dauerte lange, die Klassengegensätze zwischen Bauern und Arbeitern verschärften sich gleichzeitig. Zu Beginn der dreißiger Jahre waren sie so weit fortgeschritten, dass eine weitere Vertagung die Gefahr einer kapitalistischen Restauration beschwor. Erst jetzt ging man eine planmäßige Industrialisierung systematisch an, was die Frage der rückständigen Landwirtschaft mit der Versorgung der wachsenden Städte auf die Tagesordnung stellte. Die Bürokratie war inzwischen so stark, dass sie in der Lage war, die notwendige 'ursprüngliche Akkumulation', also die Kosten der Industrialisierung, sowohl den Arbeitern wie auch den Bauern auferlegen konnte und den Lebensstandard der Arbeiter drastisch senkte. Ohne die notwendige industrielle Entwicklung begann Stalin die Kollektivierung der Landwirtschaft. Das war eine zweite Revolution, diesmal von oben, wesentlich blutiger als die Umwälzung 1917 und mit ebenso großen sozialen Folgen, die das Land an den Rand des Abgrundes führten.

Die Bürokratie entwickelte sich zu einer parasitären herrschenden Schicht, ohne zu einer neuen Klasse zu werden. Sie existierte auf der Basis der sozialistischen Produktion und war in der Lage, alle demokratischen Freiheiten abzuschaffen und Gegner zu unterdrücken, eine Herrschaft des Terrors zu errichten. Solche repressiven Regime können nicht lange existieren, auf Bajonetten sitzen auch Diktatoren sehr unbequem.Soweit die Arbeitshypothesen für den Zeitraum von 1917 bis 1934, dem Untersuchungszeitraum der vorliegenden Arbeit.

Der zweite Weltkrieg verlängerte die Existenz des Stalinismus. Die imperialistischen Staaten hatten seit Beginn der Revolution diese bekämpft, in Deutschland hatte sich als Reaktion auf die Niederlage im ersten Weltkrieg der Faschismus gesiegt. Er bekämpfte die Sowjetunion und strebte eine Revision des Vertrages von Versailles an. Nach kurzer Zeit des Schwankens ging die Sowjetunion ein Militärbündnis mit den Alliierten zur Niederschlagung des deutschen Imperialismus ein. Dieser Krieg wurde in der Sowjetunion unter dem Vorzeichen des 'großen vaterländischen Krieges' geführt, der Internationalismus war vergessen. Unter unsäglichen Blutopfern konnten die Völker der USSR den Eindringling zurück werfen, das Land trug die Hauptlast des Sieges im Weltkrieg.

Nach dem Krieg wurde der alte Zustand des Kampfes des Imperialismus gegen die Sowjetunion wieder hergestellt. Stalin starb. In seiner Folge verschwand der Terror zugunsten gesetzmäßiger Repression. Die sozialisierte Wirtschaft, so grandios ihre Erfolge angesichts der Weltwirtschaftskrise auch erschienen waren, war in keiner Weise in der Lage, mit dem Imperialismus zu konkurrieren. Die Bürokratie war nicht in der Lage, die Widersprüche ihrer Produktionsweise zu überwinden und sich zu reformieren. Den kalten Krieg verlor sie, splitterte sich immer stärker in die Interessen ihrer sozialen und nationalen Bestandteile auf, die Führung vergreiste. Zu deutlich war der Widerspruch zwischen der sozialistischen Rhetorik und der repressiven und antisozialistischen Realität. Schließlich resignierte sie, Gorbatschow konnte die Widersprüche nicht mehr beherrschen. Die soziale Konterrevolution zerstörte die Sowjetunion und machte einem neuen kapitalistischen System mit besonderem russischem Antlitz Platz. Die Bürokratie vollendete ihr Werk und verwandelte sich in eine neue Kapitalistenklasse.

Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass die Arbeitshypothesen und der Niedergang der Revolution mehr oder weniger den von Trotzki entworfenen Thesen folgen, einzig in der Zeitperspektive irrte er sich, aber das hat er mit den marxistischen Klassikern gemein. Die von Trotzki vorgelegte Analyse scheint die am besten ausgearbeitete Theorie der russischen Revolution. Der Autor folgt ihr kritisch. Eine eigene Theorie habe ich nicht zu bieten.

Diese Arbeit ist parteiisch und eine andere Perspektive erscheint auch nicht möglich.

“Einer der reaktionären … Historiker … hat behauptet: ‘Der Historiker muss sich auf die Mauer der bedrohten Stadt stellen und gleichzeitig Belagerer und Belagerte überblicken‘; nur so könne man angeblich die ‘ausgleichende Gerechtigkeit‘ erreichen.'… Während der Revolution ist der Aufenthalt auf der Mauer mit großen Gefahren verbunden.
Der ernste und kritische Leser bedarf keiner verlogenen Unvoreingenommenheit, … sondern der methodischen Gewissenhaftigkeit, die für ihre offenen, unverschleierten Sympathien und Antipathien eine Stütze in ehrlicher Erforschung der Tatsache sucht, in der Feststellung ihres wirklichen Zusammenhanges, in der Aufdeckung der Gesetzesmäßigkeit ihrer Folge. Dies ist die einzig mögliche Objektivität und dabei eine völlig ausreichende, denn sie wird überprüft und bestätigt nicht durch die guten Absichten des Historikers, … sondern durch die von ihm aufgedeckte Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses selbst.“ 1)
“Eine historische Darstellung hat das Recht, Anspruch auf Zuerkennung der Objektivität zu erheben, wenn sie, gestützt auf präzis festgestellte Tatsachen, deren inneren Zusammenhang auf Grundlage der realen Entwicklung der sozialen Beziehungen aufzeigt. Die innere Gesetzmäßigkeit des Prozesses, die dabei zum Vorschein kommt, ist die beste Nachprüfung der Objektivität der Darstellung.„ 2)
Die Gesetzmäßigkeiten der Ereignisse erkennen und in dieser Gesetzmäßigkeit seinen Platz finden, ist die Pflicht des Revolutionärs.“ 3)

Eine objektivierende Geschichtsschreibung ist also nicht möglich, was nicht heißt, dass bürgerliche Historiker nicht wertvolle Untersuchungen leisten können. Ich habe mich bemüht, einige Fehler zu vermeiden. Bei der Untersuchung und Systematisierung der historischen Abläufe muss man einige Probleme im Kopf behalten: Arbeiter machen zwar Geschichte, schreiben sie aber in der Regel nicht auf. Somit unterliegt man leicht der Versuchung, die eigene Interpretation der Geschichte überzustülpen. Ein Historiker ist das Gegenteil des Utopisten, seine Vorstellungen der Gesellschaft richtet er nicht auf die ideale Gesellschaft der Zukunft, sondern unterliegt leicht der Gefahr, sie auf die Vergangenheit anzuwenden. Zudem neigt er dazu, historische Prozesse nur von ihrem Ergebnis her zu beurteilen, was den Akteuren der Ereignisse verwehrt war.

In den ersten neun Kapiteln folgt die Darstellung der historischen Reihenfolge, der Darstellung der vorrevolutionären Gesellschaft von der Bauernbefreiung bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhundert, der Revolution von 1905, der Reaktionsphase und dem ersten Weltkrieg, der Februarrevolution gefolgt von den Ereignissen der Oktoberrevolution. Das Kapitel sieben beschreibt das Jahr Eins der Revolution, gefolgt von der Analyse des Bürgerkrieges und des 'Kriegskommunismus'. Die Zeit der NEP und der stalinistischen industriellen Revolution bis 1934 bilden den Inhalt des letzten dem historischen Ablauf folgenden Abschnitts. Das Kapitel Sowjetkultur versucht, die Periode übergreifende Themen wie Frauen- und Jugendfrage, Bildung, Religion, den Wandel der Moralvorstellungen, die Lage der nationalen Minderheiten , den Proletkult, die Arbeiterklubs und Kunst allgemein zu skizzieren. Im abschließenden Kapitel wird versucht, den Aufstieg der Bürokratie nachzuvollziehen und ein allgemeines Verständnis der russischen Revolution zu erarbeiten.

Der Blick ins Verzeichnis der verwandten Literatur verrät die Abwesenheit russischer Quellen. Das ist einmal den rudimentären Sprachkenntnissen des Autors geschuldet, dem überbordenden Angebot an Darstellungen in den Standardsprachen sowie der Tatsache, das russische Quellen jahrzehntelang nur die stalinistische Interpretation wiedergaben, die so verfälschend wie unverdaulich war.

Ein Problem bildete die Transkription der russischen Schrift, vermehrt durch ihre Übertragung in die englische und französische Sprache. Ich habe versucht, durch eine möglichst unkomplizierte Wiedergabe nahe am russischen Original zu bleiben, auch die wissenschaftliche Transkription russischer Namen wollte ich dem Leser und mir ersparen. Grob habe ich mich an die Duden-Transkription gehalten, die wohl auch die Lenin-Werke benutzen4).

Beim Schreiben des Textes wurde auf die Verwendung der feminisierenden Schreibweise verzichtet, nicht aus mangelnder Hochachtung vor der besseren Hälfte der Menschheit, sondern um Wortungetüme wie ‘BäuerInnenbewegung‘ oder ‘BergarbeiterInnenbgewerkschaft' zu vermeiden, sie wecken neben der sprachlichen Monstrosität auch falsche Assoziationen. Eine Anmerkung zu den Zitaten: Im Widerspruch zur deutschen Rechtschreibung und in Übereinstimmung mit internationalen Gepflogenheiten wurden von mir die Anführungszeichen oben gesetzt. Die Entwickler der Software von Dokuwiki hielten sich an die deutsche Rechtschreibung, so sind die Anführungszeichen oben und unten, dafür rücken die Abführungszeichen auch mal nach unten. Das ist nicht weiter schlimm, den Zitate sind durch die grauen senkrechten Linie und der Kursivschrift nicht zu verwechseln.

Zur Zitierweise: Beim ersten Zitat eines Autors wird sein Familienname sowie einen Kurzform des Titels angegeben, so dass er in der Bibliographie leicht wieder zu finden ist, bei einen weiteren Zitat ist nur noch der Name angegeben; bei mehreren Titeln des Autors wird eine Kurzform des Titels benutzt. Das Manuskript der Arbeit wurde von Gertraude K. und Frank N. gelesen, die mir wie Tatiana S. und Rolf W. wertvolle Anregungen und Hinweise gaben. Gedankt sei auch der Fernleihe-Abteilung der Universitätsbibliothek Duisburg-Essen, die Kolleginnen trugen mit ihrer Arbeit nicht unwesentlich zur Vollendung bei. Für die technische Realisierung der Homepage danke ich Dieter D., ohne den diese Arbeit und die Homepage sicher nicht realisiert worden wären.

Der Anlass dieser Arbeit ist der hundertste Jahrestag der russischen Revolution. Die Revolution ist vorbei und versinkt langsam im Nebel der Geschichte. Ihre Ziele sind unvollendet, ein neuer Anlauf ist nötig. Damit die Errungenschaften nicht verloren gehen, musste ich mir vor allem erst einmal selbst ein Verständnis der russischen Revolution erarbeiten. Sollten sich andere meinen Schlussfolgerungen anschließen, würde es mich freuen.

Anton Dannat, Dinslaken im Januar 2017


1) Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Erster Teil:Februarrevolution, p.10/11
2) ebenda. p 383
3) Trotzki, Mein Leben, p.11
4) Lenin-Werke, Berlin 1966 - 1971
1._motivation_und_ziel_dieser_arbeit.txt · Zuletzt geändert: 2017/01/04 14:06 von dduevel@ddws.de